Törnbericht 2021:

Inhaltsverzeichnis:

Vorbemerkungen
Im Mai
Im Juni
Di., den 15. Juni: Abfahrt nach Ueckermünde
Fr., den 2. Juli: Nach Swinoujscie
So., den 4. Juli: Sassnitz
Do., den 8. Juli: Glowe
Mo., den 12. Juli: Klintholm
Sa., den 17. Juli: Hårbølle
Mo., der 19. Juli: Kaldehave

Do., den 22. Juli: Rødvig
Mo., den 26. Juli: Kopenhagen
Kopenhagen
Mi., den 04. August: Helsingør
Schloss Kronborg
Fr., den 13. August: Kyrkbacken auf Ven
Mo., den 16. August: Malmö
Fr., den 20. August: Malmö-Stadtbesichtigung
So., den 22. August: Rödvig
Mo., den 23. August: Klintholm
So., den 29. August: Glowe
Do., 2. September: Sassnitz
Fr., 3 September: Swinoujscie
Mo., den 6. September: Ueckermünde

Vorbemerkungen
Wir sind es so leid, wie so viele andere. Leid, diesem verdammten Virus so ausgeliefert zu sein sein, dass der Alltag zu mehr oder weniger vollständigen Isolation mutiert. Kontakte nur per Telefon, oder im Videobild. Einmal die Woche einkaufen, um Menschen zu sehen. Das Gespräch mit dem Nachbarn oder der Nachbarin, nur wenige Worte auf Abstand. Abstand, Abstand, Abstand! Kein Umarmen, kein Drücken von Menschen, die man gerne hat, von Freunden und Bekannten.
Letztes Jahr hätte es sich nicht gelohnt, das Schifff zu Wasser zu lassen, über all zu. Die kleinen Häfen in Polen, die wir besuchen wollten, geschlossen. Die deutschen Häfen im Haff: mit vielen Fragezeichen versehen. Wir haben das Beste daraus gemacht: "Arbeitsurlaub", klingt wie "Arbeitsessen", also Pflicht und wenig Genuss. Jeden Tag vier bis fünf Stunden Arbeit, dann war der "Akku" leer. Also doch ein bißchen Urlaub. Aber meistens in der Ferienwohnung, wir sind wenig rausgekommen. Und eine Ferienwohnung ist eben kein Schiff! Deswegen unsere große Hoffnung, dass es dieses Jahr klappt. Mit allem drum und dran, egal, ob wir bis dahin dann geimpft sind oder nicht. Und wenn wir die meiste Zeit in deutschen Häfen bleiben, aber wenigstens raus, aufs Wasser, in die Sonne, die Wellen spüren, die See, den Wind, die Salzluft, das Geschrei der Möwen, das Geheule des Windes in den Wanten, die Knarzgeräusche, nachts aufstehen, da was festzurren, dort was lockern, die Leinen kontrollieren, die Fender, all das haben wir vermisst und sehnen uns danach.

Im Mai
Einige Vorbereitungen für die Tour 2021 haben wir bereits getroffen: Seekarten wurden bestellt, das Modul für den Plotter aktualisiert, eine neues "Dänemark 2" -Buch eingekauft. Unser Ziel heißt "Rund um Sjelland, die östliche große Insel Dänemarks, westlich von Schweden. Umrahmt von zwei Sunden, von Rügen aus gut erreichbar. Am Ende wollten wir in Fehmarn landen, wo wir für den Winter 2021/22 schon ein Quartier vereinbar haben.

Allmählich nimmt die Tour Fahrt auf: einen ziemlich konkreten Krantermin haben wir schon, die Post ist abgesagt und auch die Zeitung wird bald nicht mehr kommen. Bis zur Abfahrt wartet jedoch noch jede Menge Arbeit im Garten, was alles will ich hier gar nicht aufzählen. Wenn wenigstens das Wetter mitmachen würde, aber jeder Tag mit Regen, Temperaturen um die 13 °C, da macht das keinen Spass. Und dann die obligatorischen letzten Arzttermine. Zum Glück haben wir unsere beiden Impfungen hinter uns, so dass wenigstens von Corona-Seite keine Gefahr droht.

Im Juni
Eigentlich wollten wir schon Anfang Juni los, aber das zerschlug sich aus den verschiedensten Gründen. Und da war dann noch dieses und jenes, und so wurde der 13. Juni als Abfahrtstag festgelegt. Auch der hat sich mittlerweile in heiße Luft aufgelöst, es muss halt viel Zeugs mit und wir machen uns keinen Stress mehr. Lieber 2 Tage später ankommen als hinterher festzustellen, was alles überflüssigerweise mitgenommen wurden bzw. was dann doch fehlt. Und wir packen nicht mehr von früh bis spät, Pausen braucht der Mensch, essen und ausruhen muss er auch und gut Ding will einfach Weile haben, heißt es doch. Also ganz entspannt, loslassen!




Abb. 01: Der "Ostteil" unserer Tour: von Ueckermünde über Swinoujscie nach Sassnitz auf Rügen.




Abb. 02: Der "Westteil" der Tour: Rügen-Mön-Kalvehave-Rödvig-Kopenhagen, hier in Teilausschnitten.


Inzwischen ist das Auto zu 90% voll, aber es gibt noch Platz. Und irgendwie auch bei größter Ruhe - der Endspurt wird immer doch etwas hektisch, wie gesagt, dies und das und jenes.... Jeder, der schon mal für einige Monate weggefahren ist, wird das kennen. Und dann das Wetter und all die anderen Imponderabilien, wer will das schon wissen. Vielleicht sind wir alle auch so sehr auf Sicherheit geeicht, und das geht nicht, dann bräuchten wir einen LKW für den Transport und ein 12-m-Schiff. Und das wäre dann vielleicht auch bald zu klein. Selbstbeschränkung ist eine Kunst und Kunst kommt von üben!

Etliches muss auch erst mal wieder ausprobiert werden, wie das Programm zur Erstellung dieser Seiten, der ftp-Transport, der ganze Rechner, der hier seine 1. Reise macht. Mal sehen, wie sich so ein Lenovo L540 anstellt. Jedenfalls brummt nicht ständig das Gebläse wie bei dem hp-Rechner. A propos hp: ..., aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen will.

Alles entwickelt sich weiter, die Technik sowieso, wer stillsteht, befindet sich bald im Abseits. Aber vielleicht will man&frau das ja. Es ist ja auch nicht alles gut, was sich da so entwickelt, in "the struggle of life". Und das, was einige "Große" tonangebend bestimmen mit ihren Standards, und alle laufen wie Lemminge hinterher, hat das was mit Demokratie zu tun? Aber das ist hier ja eine Segelseite und keine Internet-Seite für linkes Agit-Prop.

Di., den 15. Juni: Abfahrt nach Ueckermünde
Das Auto ist gepackt, bis Oberlippe Oberkannte, an zwei Stellen kann ich noch durch die Rückscheibe sehen. Reifendruck stimmt, Öl wurde  kontrolliert und vollgetankt ist es auch. Um 10 Uhr wollen wir weg, es wird mal wieder halb elf, die übliche Verzögerung. Über Münster und Bremen geht es nach Hamburg, dann Richtung Lübeck und irgendwann Richtung Rostock und Greifswald, das Navi weiß den Weg und sagt uns, wie lange es noch dauert. Keine Staus, wenig Baustellen, wir kommen gut durch. Um ca. 18 Uhr sind wir an der Lagunenstadt Ückermünde, schlüpfen durch die offfene Schranke, hinter einem anderen Wagen durch und suchen zuerst auf dem falschen Gastliegeplatz unser Boot, dann auf dem richtigen. Ach, wie schön, das Boot da zu sehen, Freude kommt auf, die auch nicht dadurch getrübt wird, dass es in der Kabine wie bei Hempels unterm Sofa aussieht, alles durcheinander noch vom letzten Jahr, als ich zum Arbeiten auf dem Boot war, vier Wochen, und mich zwei Tage lang mit den Hinterlassenschaften einer Mäusefamilie auseinandersetzen musste. Was im Sommer 2020 nicht weggeputzt werden konnte, musste jetzt dem Putzlappen, Scheuermilch und Sagrotan weichen, aber das war dann  hauptsächlich Barbaras Job, während ich mit den Außenarbeiten beschäftigt war. Nur: die Hitze der nächsten Tage machte das Arbeiten mühevoller und langsamer, unter Deck locker mal 35 °C, wenn die Sonne auf die Kabine knallte, Sauna umsonst und zum Abkühlen dann ein kurzes Bad im warmem Hafenwasser, mit der anschließenden Dusche aus dem Wasserkran.

Jetzt, heute Montag den 28. Juni, ist das Schiff so ziemlich fertig, jedenfalls was die Segeltechnik betrifft, das Funkgerät ist eingerichtet, der Plotter funktioniert, es fehlen noch die Essens- und andere Vorräte - Dänemark ist teuer!!! - und Diesel, dann kann es losgehen. So das Schicksal es will, am Do oder vielleicht erst Freitag, wir werden sehen. Das viele Klein-Klein, was das Leben hier so auszeichnet, ist für niemanden von Interesse, deshalb sparen wir uns das dieses Jahr.

Fr., den 2. Juli: Nach Swinoujscie
Der Tag der Abreise ist gekommen, das Auto weggebracht, die letzten Vorräte eingekauft und das Schiff soweit segelfertig. Bei leichter Bewölkung und Sonnenschein legen wir knapp vor 12 Uhr ab, etwas später als gedadht, aber es ist ja auch die erste Fahrt, die Routine muss sich erst noch einspielen. Die Bütterchen sind geschmiert und nach Verlassen des Uecker-Kanals und Erreichen der ersten Tonne des Tonnenstrichs Ueckermünde setzen wir das Vorsegel, bei 4 Bft auf West reicht das aus, um mit einigen Knoten Richtung Polnische Grenze zu fahren. Wir sind auf dem Stettiner Haff und immer wieder schweift der Blick suchend nach Fischernetzen, die bis dicht unter die Wasseroberfläche gehen können. An einigen Fahnen, die sie markieren, fahren wir vorbei, der Abstand ist groß genug. Eine große Erleicherung sind die Kurslinien früherer Fahrten auf dem Plotter von und nach Ueckermünde aus/nach Swinoujscie, so dass wir nur diesen Linien folgen müssen. Freilich sind sie im grellen Sonnenlicht schwer zu lesen, zumal mein Augenlicht sich in den letzten zwei Jahren  nicht verbessert hat.

Kurz vor zwei Uhr überqueren wir die polnische Grenze, schon gespannt, ob wegen Corona gleich ein Polizeiboot aufkreuzt und die Ausweise kontrolliert. Aber nichts dergleichen, es sind keine Kontrollen sichtbar. Allerdings sind wir auch nicht wirklich informiert, wie es mit Corona auf polnischer Seite aussieht, aber das wird sich noch herausstellen.

Kurz vor drei Uhr nachmittags wechseln wir den Kurs, jetzt geht es nach Nordwesten Richtung Kaiserkanal. Wir fahren gegen Wind und Welle. Das Vorsegel lässt sich nicht einholen, die Trommel mit der Rückholleine ist übervoll, das Tau verheddert sind und ich muss nach vorne an die Bugspitze, sitzend und rutschend, weil das Schiff der kurzen steilen Wellen wegen sich vorne heftig hebt und senkt. So sitze ich vor der Rolle, einen Fuß über die Bordwand, der immer wieder vom Seewasser überspült wird. Lieber nasse Füsse als ins Wasser fallen, denke ich. Mit aller Kraft drehe ich die Trommel so weit, dass wenigstens drei Viertel des Segels aufgerollt sind. Wegen des verklemmten Taus besteht nicht die Gefahr, dass das Vorsegel sich von alleine aufrollt.

Kurz vor vier Uhr erreichen wir die Einfahrtstonnen in den Kaiserkanal, jetzt beruhigt sich das Wasser, Wellen sind kaum spürbar und so schnell es geht fahren wir Richtung Swinoujscie-Marina. Auf der Steuerbordseite sehen wir zahlreiche Bäume mit Nestern voller Kormorane, meistens sind es tote Bäume ohne Blattwerk, die sie sich aussuchen.

Kurz nach fünf Uhr erreichen wir die Marina, die 24,5 Seemeilen haben wir in 5 Stunden und 40 Minuten bewältigt, davon konnten wie immerhin knapp drei Stunden Segeln, der Rest Motorzeit. Nicht schlecht für das erste Mal, wir merken, dass uns die Routine der vergangenen Fahrten etwas fehlt durch die 1-Jahres-Corona-Pause.

Im Hafen von Swinoujscie dann die Überraschungen, auf die man sich immer so freut: Bis 2019 waren an den ca. vier Stegen nur 2 Hausboote angebracht, jetzt sind es über 11. Teilweise ist der Platz zwischen ihnen und dem nächsten benachbarten Steg mit Leinen abgesperrt, so dass nicht einmal kleine oder schmale Boote hier anlegen können. Entsprechend knubbeln sich jetzt die ankommenden Segler und Motorboote um die geringere Anzahl von Liegeplätzen. Bis spät abends nach 10 Uhr können wir beobachten, wie spät Ankommende sich lange einen Platz suchen müssen. Die linke Hafenhälfte ist ja für die meisten deutschen und polnischen Boote nicht zugänglich, weil es dort nur feste Liegeplätze gibt.

Aber das ist noch nicht Alles: Zusätzlich zur Liegeplatzgebühr wird jetzt eine Kurabgabe von 4,40 ZTL erhoben. Hallo, seit wann ist Swinoujscie ein Kurort? Gegenüber der Stadt erhebt sich auf dem Hafengelände und dahinter ein riesiges Industriegebiet mit Lärm, Emissionen und Betrieb 24 Stunden am Tag. Nachts und tagsüber kommen mehrmals die riesigen Fährschiffe aus und nach Skandinavien, die ungehindert ihre Rußwolken aus den Schornsteinen über das Stadtgebiet verteilen. Parken die Fähren am Pier, laufen wegen der Stromerzeugung permanent die Motoren mit den Abgasfahren. Das soll ein Kurort sein? Nein, es geht um pure Geldschneiderei, weil weder irgendwo erläutert wird, für was diese Kurabgabe sein soll noch wie wir sie als Segler überhaupt nutzen könnten. Aber das interessiert ja auch niemanden wirklich, vermutlich haben sich die Swinoujscier Stadthäupter gedacht, was die Deutschen  im Stettiner Haff können, das können wir schon lange! Interessant, wie auch die Hafenverwaltung sich gewandelt hat: Früher gab es ein großes Buch, in das alles eingetragen wurde, vom Schiffsnamen bis zur Bootslänge, Heimathafen, Adresse des Eigentümers, dann gab es Buch und PC-Verwaltung, jetzt gibt es nur noch den PC, alles läuft viel automatisierter ab, auch das Geldeinziehen, aber die Kurabgabe: Umständlich wird ein Zettelchen ausgefüllt, natürlich doppelt, mit Durchschlag, der Segler bekommt seine Kopie und die andere wird irgendwo abgeheftet. Industriestadt Swinoujscie und Kurabgabe, ein Witz der traurigen Art. Mit einem Wort: Die Marina hat sich nicht verbessert, ist teurer  geworden, und jetzt auch noch die Kurabgabe. Obwohl: stimmt so nicht ganz! Die Toiletten im 2. Wasch- und Sanitärgebäude sind endlich auf einen Mindeststandard gehoben worden, wie er eigentlich üblich ist. Und das auch nur begrenzt: Am So-Morgen, als wir abfahren wollen, fehlen in beiden Toiletten das Klopapier. Die Müllcontainer am Kai - Remondis als Entsorger - laufen über, der Müll häuft sich um die Rollcontainer herum auf. Naja, was soll's, Hauptsache weg!

So., den 4. Juli: Sassnitz

Ein Tag Swinoujscie war genug, ein Tag Pause nach einer Überfahrt ist die Mindesterholzeit, jetzt stehen uns 44 Seemeilen bevor, die erste lange Strecke nach Sassnitz.
Schon etwas routierter stehen wir früh auf, "mitten in der Nacht", wie wir zu sagen pflegen, und um halb neun ist die Motor an. Es ist ziemlich windstill, trocken, warme Luft und angenehme Temperatur von knapp 18 °C, später auf 24-25 °C steigend. Schnell liegt Swinoujscie hinter uns, der Seegang ist fast Null, die Wasseroberfläche glatt bis ölig, und der Motor schnurrt. Problemlos war er angesprungen, Öl ist auch genügend vorhanden, so dass es erstmal gut läuft. Nach den ersten Meilen auf der Ostsee versuche ich die Selbststeuerung zu installieren, aber die ständige Korrektur des Kurses nervt und später, auf Automatik eingestellt, kurvt das Schiff immer um eine imaginäre Kurslinie herum, es nervt. Dann also Handsteuerung, geht auch, wenn auch der Arm immer länger wird.
Der Weg zieht sich hin, aber die Welle ist gering, später kommt etwas Dünung der vergangenen Tage auf, kein großer Hinderniss. Mit fast 6 Knoten = 6 Seemeilen pro Stunde pflügen wir durch das ruhige Wasser, links von uns die Küstenlinie von Usedom, rechts einige wartende große Schiffe, später zwei Fähren. Es ist nichts los, bis kurz vor der Einfahrt von Sassnitz haben wir keine Handvoll Schiffe gesehen.
Mit Bütterchen, Bonbons und Kaugummi sowie Gesprächen über das und jenes vertreiben wir die Zeit, achten aufd Schiffernetze - bis auf ein einsames Fähnchen nichts zu sehen - und schauen nach vorne, wo Wasseroberfläche und Horizont in einem undurchdringlichen Grau miteinander verschwimmen. Hin und wieder ein bisschen Sonne, meistens Wolken, kaum Wind, es ist nichts los. Und trotzdem anstrengend, immer schauen, immer wachsam, immer auf der Hut vor Netzen oder Hindernissen, die wie aus dem Nichts auftauchen. Manchmal fallen mir die Augen zu, die Nacht war kurz, schlecht geschlafen, die Aufregung vor einer so weiten Strecke. Mein Vorschlag zwischen durch, nach Thiesow abzubiegen, war nicht wirklich durchdacht, insgesamt hätten wir so eine größere Strecke gemacht, aber verteilt auf mehr Tage, was wiederum mehr Zeit gekostet hätte. Schließlich wollen wir ja nach Sjaelland, auch wenn Barbara immer wieder von "Bornholm" spricht, aber das mehr als Provokation mir gegenüber. Ich antworte dann mit "Kröslin", meinem "Lieblingshafen", 5 Sterne, aber auch mit einem langem Umweg durch den Greifswalder Bodde verbunden. So haben wir unsere kleinen gegenseitigen Sticheleien und lachen darüber.

Kurz vor 12 Uhr entdecken wir etwas Großes im Wasser, es sieht anfangs aus wie eine Rettungsinseln, die halb untergegangen ist, mit einem Menschen an Bord. Beim näheren Heranfahren entpuppt sich das Ding als Gummibadeinsel oder so ähnlich, der "Kopf" des Menschen ist irgendein rundes Teil, es treibt vor sich hin. Wir lassen es ziehen, es ist ja nicht unsere Aufgabe, den Müll anderer aus der Ostsee zu entsorgen.

Gegen ein Uhr sind wir auf Höhe der Greifswalder Oie, einer mitten an der Küsten gelegenen unbewohnten Insel, sieht man von den Vogelwelten ab, die dort wohnen und zum Teil auch überwintern. Mit genügend Abstand geht es weiter, an Mönchsgut vorbei, wieder die Küste jetzt von Rügen an der Backbordseite. Sassnitz wird allmählich sichtbar, anhand der Wegepunkte auf dem Plotter ist die Ansteuerung nicht allzuschwer.

Um halb fünf, nach fast 8 Stunden, machen wir die Leinen in Sassnitz fest, an einem guten Platz. Das Anlegen klappt wunderbar, jetzt noch aufräumen, Hafenmeister und essen gehen. Wir haben uns es verdient!
Beim Hafenmeister wieder so ein Überraschung: Jetzt gibt es keine Tally-Card  mehr für Strom, sondern eine "Servicepauschale" für Strom, Wasser und Müllentsorgung. Was mindestens teilweise ein Witz ist: Am ganzen Steg 2 gibt es bei mehr als 50 Schiffen eine einzige Zapfstelle für Wasser, aber kein Trinkwasser. Seit Jahren vermag die Hafenverwaltung das Problem mit dem Trinkwasser nicht zu lösen: weil die Wasserleitungen durch den Hafen wohl nicht dicht sind, Verunreinigungen enthalten sein könnten, bekommt die Hafenverwaltung kein Zertifikat für Trinkwasser, nur für Brauchwasser. Vor zwei Jahren gab es noch nicht einmal diese Zapfstelle. Weil jetzt die "Serviceabgabe" erhoben wird für Wasser, muss wenigstens eine Zapfstelle vorhanden sein. Und natürlich zahlt man hier auch Kurabgabe. Dafür gibt es kostenloses WLAN, das hier an unserem Platz - ca. erstes Drittel des Steges - soweit von der Sendestelle entfernt ist, dass es regelmäßig zusammenbricht. Und den Code für die Toilette und das WLAN muss man sich jeden Tag abends abholen!
Wie man sieht: auch hier geht es nur darum, Geld zu machen, bei geringfügigen Verbesserungen!

Natürlich ist es nicht bei der Feststellung einer Wasserzapfstelle geblieben. Freundlich den Hafenmeister am nächsten Tag gefragt, hat der längst seine routinierte Antwort auf der Zunge, bevor ich meine Frage überhaupt vollständig losgeworden bin. Da, an der gegenüberliegenden Brücke - er geht sogar mit mir vor die Tür, vom 1.Stock des Hafengeäudes ist die Brücke gut zu sehen - gebe es Schläuche und Zapfstellen zur Genüge. Nur: kein Skipper wird dort anlanden, die Brücke ist viel zu hoch, man muss an der Stelle anlegen, wo eine Leiter befestigt ist, und wer einmal in einer Box ist, wird diese erst wieder verlassen, wenn er weitersegelt. Dann kann er/sie auch gleich im nächsten Hafen vom Steg aus Wasser tanken. Also eine reine Pro-Forma-Argumentation: Wer es wirklich nötig hat, der kann doch an die Brücke fahren! Sowas nennt man im allgemeinen Verarscherei!

Heute gibt es mal wieder kein Internet, gut, dass wenigstens das Smartphone über WLAN seine email- und Wetterdaten holen kann. Bevor ich wieder mal erfolglos die Konfiguration verschlimmbessere, gebe ich es lieber auf und übe mich in Gelassenheit: hinzunehmen, was nicht zu ändern ist, den Mut zu haben, das zu ändern ist, was zu ändern ist und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden, so in Kurzform der Gelassenheitsspruch von Al-Anon. Es regnet draußen, also machen wir einen Bordtag, viel Ruhe, nachdem gestern bei lauem Sonnenschein eine Menge Dinge geregelt, installiert, repariert usw. wurden.

Morgen geht es weiter nach Glowe, dann der große Sprung über den Teich nach Mön-Klintholm. Dann sind wir in Dänemark!

Do., den 8. Juli: Glowe
Die Fahrt nach Glowe verläuft unspektulär, es sind ja auch nur 3 Stunden Fahrtzeit für die 14 Seemeilen. Etwas über eine halbe Stunde segeln wir, aber bei einem 3-er Wind bringt uns das nur 3 - 3,5 kn, zu langsam. Also muss doch der Jokel wieder ran. An den Kreidefelsen vorbei - es ist schön, sie anzusehen, sind sie doch ein Zeugnis der gewaltigen Veränderungen, denen die Ostsee im Jura (?) ausgesetzt war. Aber das soll jetzt keine Nachhilfestunde in Geologie-Geschichte sein, das kommt später. Vor halb drei machen wir direkt vor dem imposanten Hafenmeistergebäude fest, mit der Absicht, diesmal ein gutes WLAN  zu bekommen. Es klappt, die Verbindung über das Offene Netz MVP ist hervorragend.

Am Freitag-Nachmittag fängt es an zu regnen. Was erst als kleine Schauer begann, wächst sich mit den Stunden zu einer Sintflut aus. Zum Glück steht die Kuchenbude seit der Ankunft, es war ja angekündigt, aber diese Mengen? Der Wind nimmt zu auf 5 Bft, in Böen 6. Es schüttet und schüttet, eine Regenfront nach der anderen. Längst ist gegen Mitternacht die Imprägnierung der Kuchenbude durchgenässt, Beulen bilden sich auf dem Dach, es tropft durch. Trotz zweier Schirme ist alles nass oben, selbst unter der Sprayhood bleibt es  nicht trocken. Erst am Sa-Mittag hört das Nass auf, und allmählich wird es sonnig. Wir machen den "letzten" Einkauf im Supermarkt von Glowe und gehen danach Essen.

Sonntag wollten wir eigentlich weiter, aber bei einem 3-er Wind hätte das wieder motoren bedeutet. So nehmen wir den Montag, hier sind 4-5 Bft vorausgesagt aus östlicher Richtung, das passt. Wir haben ja Zeit und können auch mal einen Tag länger bleiben, zumal die Regen- und Starkwind-Nacht nicht gerade von Erholsamkeit durchtränkt war.

Mo., den 12. Juli: Klintholm

Wieder müssen wir früh aufstehen, der Weg nach Klintholm ist lang: 48 sm wird nachher der Plotter gemessen haben, 44 sm sind es nach Karte. Die Differenz ist wohl dem kleinen Umweg und Bogen zuzuschreiben, den wir wegen des Windes und die Seeschifffahrtsstraße machen mussten, auch das Auf und Ab in den heftigen Wellenbewegungen hat einen kleinen Teil dazu beigetragen.

Kurz nach 9 Uhr legen wir von Glome ab, im Hafen kräuselt sich das Wasser vom 4-er-Wind. Draußen auf See geht es gleich zur Sache: Nach der Untiefentonne wird das Groß hochgezogen, dann das Vorsegel, und ab geht die Post. Schon zu Beginn der Fahrt wird mir die Stimmung versaut: beim Anbändseln der Brille bricht ein Bügel ab. Das kann ich jetzt gut gebrauchen! Zum Glück ist die Ersatzbrille gleich griffbereit, sie hat die gleichen Stärken, auch wenn von einem Glas ein kleiner Teil abgesplittert ist. Aber ich kann sehen und es kann weitergehen. Musste das jetzt sein? Naja, die Brille ist eben auch schon in die Jahre gekommen. Und es ist nicht das erstemal, dass das Material an irgendeiner Stelle bricht. Nichts hält für die Ewigkeit, noch so ein Trostspruch!

Barbara nimmt das gleich persönlich, "Unausstehlich", schreibt sie über mich, "ich hasse es, wenn er so ist." Aber das ist nicht mein Problem, ich habe ihr ja keine "Schuld" zugewiesen. Naja, die Kindheit lässt grüssen, mehr muss ich da nicht sagen!

Nach etwas mehr als einer halben Stunde sind wir soweit weg von allen Untiefen vor Glowe, dass wir segeln können. Die Sonne scheint, es weht in Wind 4-5 Bft aus Ost, und die Wellen werden immer heftiger. Bis zum Kap Arkona sind es ein bis eineinhalb Meter, danach nehmen die Zwei-Meter-Wellen zu, die seitlich von hinten herangewalzt kommen, unter dem Schiff durchlaufen und vor dem Schiff mit Karacho zusammenbrechen. Jede zehnte Welle ist stärker, aber das habe ich ja früher schon mal beschrieben. Allmählich verschwindet Rügen hinter unserem Rücken und wir sind allein auf weiter See, kein Schiff um uns herum.

Zwischendurch, es ist etwa 11 Uhr, flaut der Wind etwas ab, um dann kurze Zeit später wieder zuzunehmen. Die Wellen bleiben im wesentlichen die gleichen, es geht auf und ab, auch wenn das Schiff auf dem Halb-Wind-Kurs ziemlich stabil segelt. Hin und wieder packt uns eine Böe, dann wird das Boot ein bisschen luvgierig, will in den Wind, und mit Druck auf dem Ruder kehrt es wieder zu seinem alten Kurs zurück.

Zwischendurch hören wir Seefunk von DP07, der Empfang von Kap Arkona ist ziemlich gut. Das Funkgerät scheint zu funktionieren, auch wenn nachher die Seefunkgespräche anderer Boote schnell im Rauschen versinken. Man hofft ja immer, dass der Gebrauch nicht notwendig sein wird, aber wer weiß?!

Kurz vor sechs Uhr sind wir endlich vor Klintholm, vom Wind ausgezehrt, es hat lang gedauert und wir sind so lange Fahrten nicht mehr gewohnt. Und die Schaukelei, das ständige stundenlange Kurshalten auf 330°, später dann 300° und dann 280° strengt doch ziemlich an. Immer schauen, immer Kurs korrigieren, immer Konzentration auf Wind, Welle und Segelstellung, es kostet Kraft und uns fehlt dank dem Corona-Jahr etwas die Routine und Übung. Naja, das wird schon werden, jetzt um Sjaelland herum liegen ja viele kleine Häfen, das sind die Distanzen schon kleiner.

Kurz nach sechs Uhr erreichen wir den Hafen Klintholm, es ist proppenvoll, sogar im Fischereihafen ist kein Platz mehr. Aber wir haben Glück: einer großen 12-m-Yacht ist der Tiefgang in einer Box zu gering, sie fahren wieder raus und überlassen uns den Platz. Eigentlich sind wir zu klein für diese Stelle, aber mit Hilfe der Nachbarn von nebenan gelingt uns das Anlegen mit Seitenwird. Wir sind einfach nur platt und nach eine Verschnaufpause gibt es zum Abendessen nur die "Hasenbrote", die tagsüber nicht gegessen wurden. Sie schmecken vorzüglich, der Hunger treibt's rein, wie man so sagt.

Später am Abend haben wir noch ein nettes Gespräch mit den Nachbarn über monatelanges Segeln nach Erreichen des Ruhestandes, ein kleiner Ouzo lockert die Stimmung, nette Leute, auch wenn sie ein großes 12-m-Schiff fahren. A pro pos Schiffslänge: Wir sind mal wieder die Kleinsten, andere "Kleine" haben an einem anderen Steg festgemacht, aber uns wurde dieser Platz ja gewissermaßen zugewiesen.

Statt Hafenmeister gibt es einen Bezahlautomaten wie in Dänemark und Schweden weit verbreitet, keiner fragt nach, warum so ein kleines Boot in einer so große Box liegt.
Spät kommen wir ins Bett, es braucht seine Zeit, bis wir die Tagesanstrengung so weit runtergeschraubt haben, dass wir schlafen können. Jetzt heißt es "Willkommen Dänemark" und wir werden sehen, was daraus passiert.

Sa., den 17. Juli: Hårbølle

Nach 5 Nächten in Klintholm treibt es uns weiter auf unserer Sjaelland-Tour. Der kleine Hafen Hårbølle an der Westseite von Mön am Eingang des Grønsunds ist das Ziel. Versorgung gibt es hier wenig, ein kleines Caffee mit einer Burger-Braterei, die allerdings sehr lekker sind.
 Für die 17 sm brauchen wir fast dreieinhalb Stunden mit dem Motor gegen Wind und Welle, beides bis zum Grønsund ziemlich moderat, dann zunehmend. Die ziemlich schmale kabbelige Hafeneinfahrt mit Querströmung errinnert uns an die polnischen Häfen, ist aber nicht vergleichbar mit denen. Der Hafen ist voll, auf dem Bild im Hafenguide hat er viel größer ausgesehen. Am 1. Steg kriegen wir noch einen Platz, der Bug ragt etwas in die Hafeneinfahrt rein. Später, als sich eine große HR am Quersteg plaziert, fällt das gar nicht mehr auf. Zur Warnung befestigen wir trotzdem ein rotes Tuch vorne.

Am Abend spielt eine 2-Mann-Group sentimentale Lieder, endlich der Schlusssong enthält etwas mehr Pfeffer. Das bei Sonnenschein bzw. Sonnenuntergang und pfeifendem Wind von 4 Bft. Aber es ist einigermaßen warm. Der Burger-Preis reist uns von den Socken, der Chef tut alles, um radebrechend auf Englisch und Deutsch ihn zu rechtfertigen: Ökologische Wirtschaft, alles regional usw. usf. Wir glauben ihm alles, können wir es ja doch  nicht nachprüfen. Immerhin ergeben sich mit einem Motorradfahrerpärchen und den deutschen Schiffsnachbarn nette Gespräche, die über das Woher und Wohin hinausgehen. Mit den Dänen ist das nicht so einfach, deren Englisch ist vielfach besser als mein, mir fehlen die Vokabeln. Das Schiffspärchen - wenigstens wird deutsch gesprochen - erzählt viel, sie sind beide noch sehr jung und haben noch keine Kinder.

Am Sonntag weht durchgehend der Westwind von 5 Bft, in Böen 6, die Sonne scheint, aber der Wind macht das ganze doch belastend. Morgen werden wir weiter fahren, nach Stubbekøbing, zum Tanken und Einkaufen, um dann auf einem längeren Schlag nach Søfronten/Karrebaeksminde zu fahren. Vordingborg lassen wir außen vor, bei den nun seit Tagen herrschenden Westwinden dürfte der Hafen ziemlich flach sein, bei 1,50 oder weniger Metern.



Mo., der 19. Juli: Kaldehave

Erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt: Das Gespräch mit dem Motorradfahrer auf dem "Fest" am Sa-Abend hat uns doch zum Nachdenken gebracht: 80 sm Strecke zwischen den Häfen. Und das bei Westwind, also gegen Strom, Welle und Wind. Oder kreuzen, was einen enormen Zeitaufwand beansprucht. Also setze ich mich am So hin und messe alle Strecken zwischen den Häfen aus und lese in Jan Werners Dänemark-Führer, was die Häfen so bieten an Schutz, Versorgung, Anlaufschwierigkeiten usw. Und siehe da: es ist machbar, der größte Entfernung bewegt sich zwischen 25  und 30 sm. Und trotzdem: die nächsten Tage - der Westwind scheint wie festgeschrieben - nur motoren, lässt uns umdenken. "Kannst du den Wind nicht ändern, so ändere die Richtung", so oder ähnlich heißt es in einem großen Spruch an einer Hauswand in Heiligenhafen. Und das machen wir: wir fahren nach Kaldehave, an der Südseite von Sjaelland, gegenüber von Mön und dann mit dem Westwind nach Norden. So kommen wir quasi am Anfang der Umrundung in Kopenhagen an und nicht am Ende. Wieweit wir dann nach Norden können, entscheidet ein anderer Tag und ob es dann zur Umrundung kommt - dafür wäre Ostwind oder etwas ähnliches notwendig - steht noch in den Sternen.

Der Weg nach Kaldehave ist - auch wenn es auf der Karte wenig aussieht - doch umständlich: genau dem Tonnenstrich folgend nach Verlassen des Storstroms fahren wir zunächst durch den Middelgrund, dann Skippergrund wo das Fahrwasser schon recht schmal ist, dann Farvand, um dann gegenüber der Insel Taerö in den breiteren Ulvsund zu kommen, der nach der Brücke zum Hafen Kalvehave führt. Unter drei großen Brücken fahren wir durch, die Höhe ist schon recht beeindruckend, wie die Autos im Spielzeugformat über uns dahinrauschen. An einer Stelle komme ich durcheinander mit der Tonnenmarkierung, der Tiefenmesser piept aufgeregt, wie auch im Hafen selbst. Aber wir haben ihn auch großzügig eingestellt, bei 0,9 m, so dass immer noch mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel verbleibt.

In Kalvehave finden wir schnell einen Platz, dessen Breite mit 3,30 m groß genug für unser Boot ist und sind froh, endlich nach viereinhalb Stunden und 22 sm angekommen zu sein. Die Sonne scheint, der Wind bläst mit 3 Bft, es wird ein schöner Abend, inclusive Sonnenuntergang.

Gegen Abend kommt noch ein dänischer Segler herein, der Steuermann verpasst knapp die Box, das Schiff rammt den Pfosten. Leider hat die Frau an Bord ihre Hand nicht rechtzeitig weggewogen, als sie versuchte, die Jacht abzuhalten, so dass der Daumen gequetscht wird. Barbara hilft ihr mit einer eiskalten Packung Quark und später Arnika-Salbe. Am nächsten Morgen bekommen wir die Salbe zurück, mit einem Toffeefee als Geschenk. Dem Daumen ist nichts passiert, und die Quetschung ist glücklicherweise zurückgegangen.

Am nächsten Morgen ist es frisch, mit 4 Bft mehr Wind, die Kuchenbude bringt etwas Wärme, die Sonnenschutzplane ist jetzt zu wenig. Wenigstens 2 Tage bleiben wir hier, bevor wir weiterfahren und vielleicht Kopenhagen in einer Tour erreichen.

Do., den 22. Juli: Rødvig

Kopenhagen in einem Schlag zu erreichen war uns dann doch zu weit. Über 40 sm, o.k., das hätten wir auch geschafft, aber wozu? Müssen wir Strecke machen, wollen wir diesen Stress? Deswegen haben wir uns für Rødvig als Zwischenziel entschieden und das war schon anstrengend genug. Von Kalvehave folgt die Strecke durch die Nordre Knigge vobei am Kinde Riv, Untiefen rechts und links, allerdings auch genügend Tonnen, nur manchemal weit entfernt. Fischernetze bilden eine zusätzliche Gefahr. Nach ca. 8 -10 Tonnen kommt eine kleine Kursänderung, der nächste Tonnenstrich. So folgt einer dem anderen. Endlich sind wir im Bøgestrom, der zwischen der Stenhage- und Sandhage-Untiefe in die Faxe-Bucht führt. Ständig piept der Untiefenmesser, manchmal sendet er nur "arabische Zeichen", weil irgendwas mit dem Display nicht in Ordnung ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich fast daran: 0,5 m, 0,3 m, 0,0 m, aber es passiert nichts. Laut Karte haben wir mindestens eine Tiefe von 1,8 - 2,0 an den flachsten Stellen. Und als wir endlich das offene Fahrwasser der Faxe-Bucht erreicht haben, sind wir doch sehr erleichtert. Auflaufen auf Grund im dänischen Fahrwasser, das hat uns noch gehfehlt zu unseren bisherigen Auflauf-Erfahrungen.

In der Faxe-Bucht geht es dann schnurstracks mit 30° nach Nordwesten, nach Rødvig. Den Hafen haben wir ja bereits 2014 kennengelernt und er hat sich gemausert. Wie erwartet ist der Jachthafen proppenvoll, vor allem Dänen sitzen hier, ein paar Deutsche und wenige Schweden. Kein Platz mehr, also retour in den Fischereihafen. Es ist halb drei und dann das. Aber im Jachtführer ist der entsprechende Hinweis schon enthalten und wir sind nicht sehr verwundert. Aber auch im Fischereihafen sind schon alle Boxen und Stege sowie die Piers für die Fischereiboote belegt. Päckchen wollen wir nicht haben, also ab in die hinterste Ecke. Und siehe da, vor den roten Fischerhäuschen, in romantischem Ambiente, können wir an einem Steg längsseits festmachen. Es ist hier zwar auch nur 1,50 m tief, aber das stört uns nicht. Der Hafenboden besteht sowieso auch dickem Schlick, da kommt man immer raus.

Und dann geht es Schlag weiter: Schiff nach Schiff kommt herein, erkundigt die Lage, dreht wieder ab, kommt zurück und bald sind die gegenüberliegenden Kais von Jachten im Doppel- und Dreierpack besetzt. Wir haben das Glück, dass neben uns keiner festmachen kann, weil das sonst die Fischerbooote behindern würde.

Noch lange können wir die Abendsonne genießen, der Wind ist nicht allzu frisch. Und am nächsten strahlenden Morgen sind alle wieder weg, gegen nachmittags drei Uhr fängt das ganze Theater wieder von vorne an. Ich fahre gegen Mittag mit dem Fahrrad herum, um einige Fotos zu machen, nachdem wir über eine Stunde beobachten konnten, wie ein 2-Master - mindestens 30 Tonnen schwer - von der Werft ins Wasser gelassen wurde und wieder gehoben werden musste, weil wohl irgendetwas undicht war. War auf jeden Fall spannend und bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

4 Stunden haben wir für die 20 sm gebraucht, unsere Durchschnittsgeschwindigkeit. Segeln war nicht, bei Windstärke 3 Bft machen wir 2 Knoten, das hätte dann noch länger gedauert.


Mo., den 26. Juli: Kopenhagen

Für die Fahrt nach Kopenhagen müssen wir früh aufstehen, aber wie in den meisten Nächten vor einer Tour kann ich nur wenig schlafen. Die Aufregung und die Gedanken, was sein könnte, ich habe Mühe, das zu verdrängen. Jedenfalls scheint schwach die Sonne, die Starkwinde der vergangenen Tage sind abgeflaut, nur noch Windstärke 4 Bft.

Um halb zehn lösen wir die Leinen, der "Abflug" passiert ohne Probleme. Bereits im Hafen kommt das Großsegel hoch, weil draußen nach den Starkwindtagen erwartbarer Schwell das Schiff auf und ab bewegt, was das Hochziehen des Segelns immer erschwert. Genauer gesagt, das Schiff im Wind zu halten und das ist dann Barbaras Job, beides zusammen muss ja nicht sein. Wenige Minuten danach machen wir den Motor aus und suchen erstmal Abstand von der Küste, der Ostwind bedeutet für uns, dass er auflandig ist.

Mit einigen Wenden kommen wir weiter weg von der Küste und besser an den Wind, der bei einem Kurs von 30 ° uns direkt Richtung Kopenhagen treibt. Es geht immer gerade aus, keine Fischernetze, noch keine Frachtschiffe oder Fähren. Viele Segler sind unterwegs und nützen den Wind auf dem Weg nach Süden oder Norden.

Viertel nach 11 schwächt der Wind leider so weit ab, dass wir nur noch weniger als 3 Knoten machen. Also werfen wir den Motor an und weiter geht die Fahrt bis zum Eingangstonnenstrich in die Fahrtstraße des Öresunds Richtung Kopenhagen. Um halb drei erreichen wir diesen Radarpunkt Drogden, ab da folgt der Tonnenstrich nach Norden. Und dann müssen wir etwas aufpassen, immer wieder kommen große Frachter. Erstmals gesichtet sind sie noch weit weg und dann auf einmal nur noch eine halbe Seemeile. Aber der Tonnenstrich ist breit genug, und trotz der vielen Segler hat jeder genug Platz.

Kurz vor Kastrup, dem Flughafen Kopenhagens, kommen mehrere Flieger tief über den Sund, es sind Maschinen aus Schweden. Man meint, sie berühren zu können, so dicht fliegen sie vorbei.

Um halb fünf legen wir in einer grünen Box beim Segelklub Lynette auf Margaretheholm an. Margaretheholm ist eine Stadteil der Insel Armager, die vor Kopenhagen liegt. Links von uns ein großes Kraftwerk, dessen Gebäude mit schöner Verkleidung den Zweck des dortigen Betriebs im dunkeln lassen. Den Zweck des Bauwerks erfahren wir aus der Karte. Daneben große Wohnblocks, teils mit etwas attraktiveren Verkleidungen, so dass sie nicht ganz so trist aussehen wie Plattenbauten aus dem Osten.

Nach siebeneinhalb Stunden und 34 Seemeilen sind wir platt und erfreuen uns an den "Hasenbroten", die noch von der Fahrt übrig sind. Und genießen den Sonnenuntergang über der fernen Stadt, deren Geheimnisse noch vor uns liegt.

Kopenhagen
Die Stadt zu besuchen war gar nicht so einfach, wie es anfangs aussah. Der Segelklub Lynette auf Margaretheholm ist doch etwas abseits gelegen, zudem motivierten die ersten drei Tage mit Starkwind und Regen uns nicht gerade, einen Ausflug zu Fuß zu unternehmen. Und dann waren da noch zwei Einkaufsfahrten mit dem Fahrrad, jeweils über eine Stunde an den Rand der Innenstadt, mit dem Hauptziel, Gas  für unseren Wassersprudler zu bekommen. Die erste Fahrt zu dem deutschen Supermarkt mit den vier Buchstaben endete bei einem anderen Supermarkt, der alles bot, was wir brauchten, nur kein Gas. Die zweite Fahrt zu dem 4-Buchstaben-Supermarkt endete zwar in demselben, nur hatte der Markt keine Kohlendioxid-Flaschen. Wie bin ich nur auf diese Idee gekommen, nur weil in Deutschland das so ist? Jedenfalls brachte dann die Info aus dem Internet ca. 7 Geschäfte zu Tage, die genau diese Flaschen im Sortiment hatten. Aber alle in der Innenstadt!

So brachen wir denn kurz vor unserer Abreise auf, um nach einem 10-minütigem Fußmarsch an der Busstation Reffshaleoen anzukommen. Der Bus war dann nicht das Problem, nur dass wir kein Ticket kaufen konnten, wir hatten ja auch kein Bargeld. Angeblich konnte man in Dänemark  doch alles  mit Karte bezahlen! Mitnichten!!! Ohne ein Ticket - und das gab's nur in der Innenstadt - lief nichts. Also sind wir zur Wassertaxi-Anlegestelle, hier "Hafenbus" genannt, gelaufen, wieder ein paar hundert Meter, und das hat uns mitgenommen. "Fahrt dann mal einfach mit", meinte der Schiffsführer auf englisch. Dafür erhielt er Naturalienbezahlung in Form von 5 Zigaretten von Barbara. Und später auf dem Rückweg das gleiche, der selbe Schiffsführer, dasselbe Wassertaxi, diesmal Bezahlung in Sallos.

Kopenhagen zeigte sich dann als Stadt mit schönen Bauwerken, vielen Palästen und Palais, breite Straßen mit noch breiteren Fahrbahnen für Räder, die in der Regel mit einem Affenzahn an uns vorbeirauschten. Die Stadt hat dem Radverkehr wirklich den Vorrang eingeräumt vor dem Auto, davon auch viele E-Autos. Parkplätze sind sündhaft teuer, so dass für eine Großstadt sich der Verkehr in Grenzen hielt. Nach den ersten Einkäufen der Gasflaschen und einiger Lebensmittel stärkten wir uns erstmal mit "Fish and Chips" und Kuchen in einem Straßencaffee, bevor wir weiter Richtung Innenstadt und Anlegestelle des Wassertaxis schlenderten. Als wir dann am Nyhaven war, zeigte sich das, was Kopenhagen für Touristen wohl ausmacht: an diesem Kanal Restaurant neben Restaurant, überall Sitzgelegenheiten, überall Gruppen von zumeiste jungen Leuten, die dort saßen, tranken, redeten, es sich gut sein ließen. Und das einen ganzen Straßenzug lang, in schönstem Sonnenschein.

Am Ende des Nyhavens war dann die Anlegestelle des Hafenbusses, also der Hafenfähre, die uns wieder auf die andere Seite brachte. Auf das Szeneviertel Refshaleon, hier "Reffen" genannt, mit seinen vielen Freßbuden, Live-Musik, Kinderspielgelegenheiten, Sitzbänken und Getränkeständen hatten wir dann keine Lust mehr, die Füße wollten einfach nicht mehr. Und auch am nächsten Tag war es uns zu weit, da mussten dann Hamburger und Chips aus dem Lynette-Restaurant das Abendbrot stellen.

Sicher hätten wir noch mehr in Kopenhagen sehen können, aber Museen, Galerien, Paläste und Schlösser sind nicht so unser Ding. Das Lebensgefühl, das uns vor Augen geführt wurde, reichte uns schon Und wie gesagt, für uns Deutsche ist Dänemark nicht gerade in Billig-Land!


Mi., den 04. August: Helsingør

Die Fahrt vom Hafen des Segelklubs Lynette auf Margaretheholm in Kopenhagen nach Helsingør verlief ohne große Zwischenfälle. Anfangs geleitet von den Tonnen aus dem Fahrwasser der Häfen Kopenhagens hinaus in den Sund erstreckte sich die Tour fast geradlinig nach Norden auf den enger werdenden Sund zwischen Helsingør und Helsingsborg auf der schwedischen Seite. Lediglich vor Helsingsør querten einige Fähren zwischen den beiden Städten, die aber zum Glück unseren Weg nicht behinderten, weil sie mal schneller waren oder erst später von Helsingsborg aufbrachen.

Letztere ist eine Industriestadt, mit Fabriken, Silos und Hafenanlagen, nicht zu vergleichen mit unserem Ziel, das uns mit dem herrlich anzuschauenden Schloss Kronborg begrüsste, angestrahlt von klarem Sonnenlicht unter strahlend blauem Himmel. Ein Bilderbuchschloss, mit Zinnen, Kuppeln und von Grünspan  bedeckten Dächern, das schon von weitem zur näheren Erkundigung einlud. Inklusive der historischen Details, die dann noch erwähnt werden sollen.

Im Hafen von Helsingør war fast alles vergeben an Plätzen mit grünen Schildern. Mehrere Buchten sind wir rein- und wieder rausgefahren, weil kein Platz frei war. Zuletzt fanden wir eine Box, deren Besitzer am morgigen Donnerstag wieder kommen wird. Wir machen also fest für eine Nacht und ich suche den Hafenkontor. Lange muss ich laufen und stelle dann fest, dass der Bezahlautomat mit der EC-Maesteo-Karte nicht funktioniert. Erst die VISA-Caard, deren PIN mir nicht geläufig ist, könnte eine Lösung des Bezahlproblems sein. Also wieder zurückgelaufen, dann mit dem Fahrrad. Und siehe da, ich habe zwar keinen Aufkleber erhalten, aber eine Quittung und die berühmte Tally-Card, eine Stromkarte, ohne die hier nichts geht, War 'ne Menge Aufregung, aber letzten Endes ist es doch geschafft, wenigstens für die erste Nacht. Morgen müssen wir uns einen neuen Platz suchen, aber um diese - nach unserer Zeitrechnung "frühmorgens" -  Tageszeit sind die Chancen besser.

Mehr als vier Stunden haben wir für die 23 Seemeilen gebraucht und auch das ist eine Anstrengung.Wenn da nicht die lekkeren Bütterchen von Barbara gewesen wären...
Abends gibt es noch ein herrliches "Sonntagsabend"essen, aber das Hack wäre sonst schlecht geworden. Nachts ist es hier jetzt schon so kalt, dass ich die Heizung hervorhole. Die klimatischen Unterschiede machen sich bemerkbar.

Am nächsten Tag machen wir zusammen einige Einkäufe, u.a. zwei Shorts für mich. Ich sage nur mit Mario Barth: "Happy wife, happy Life". Mehr muss man dazu nicht bemerken, damit ist alles gesagt.

Schloss Kronborg
Nach drei Tagen Regen - vom leisen Rieseln über heftigen Niederschlag bis zu Sturzbächen, wir sitzen in der Kuchenbude und stützen das Dach mit einem zufällig gefundenen Dreikantholz ab, das ich nur deswegen mitgenommen habe, weil an einem Ende ein Schraubhaken war, den wir gut gebrauchen konnten - endlich ein Tag Sonnenschein, dazu nicht mehr allzufrische Temperaturen, und auf ins Schloss Kronborg, die Sehenswürdigkeit von Helsingör.
Nach kurzem Radweg durch den weitläufigen Hafen treffe ich einen Fußweg, der direkt zum Schloss führt. EIne ganze Zeitlang geht es über verschiedene Wassergräben - das Schloss war gegen Angriffe gut geschützt - bis ich endlich zum Kassierhäuschen komme und meinen Obulus inclusive eines deutschen Begleitheftes entrichte, dann weiter den Weg durch ein Tor, noch ein Tor, dann bin ich auf dem Schossplatz, eingeviert von der quadratischen Struktur des riesigen Gebäudes. Irgendwo ist dann eine Tür, durch die es eine endlos lange Wendeltreppe aufwärts in die oberen Geschossräume geht. Und von dort in einem großen Rundgang durch die einzelnen Hallen, die teilweise von kleineren Räumen seitwärts begleitet werden.

Leider sieht man nicht viel: die großen Räume sind meistens abgedunkelt, die Vorhänge größtenteil zugezogen, es ist schummrig dunkel oder hell, je nachdem wie man das beurteilen mag. Die wenigen Bilder sind schlecht zu erkennen, die Gobelins noch schlechter, weil inzwischen ja auch etwas ausgebleicht. Bilderfreundliches Fremdlicht: Fehlanzeige. Die Texte unter den Bildern in kleinen Täfelchen, schwarzer Hintergrund, ausgebleichte Schrift. Alles in Englisch oder Dänisch. Einige wenige Infos sind in großen Postern unter Glas, aber wirklich nur die wenigsten. Das extra erstandene Beiheft verschafft mir mehr Infos als die ganzen Texte im Schloss selbst. Die Besucher eilen durch die Räume, es ist wirklich nicht informativ und museumsgerecht aufbereitet, sondern sehr lieblos und eher  für "Experten" hergemacht.

Nur im Tanzsaal steht  eine Video-Leinwand, dänischer Text, von einer Frau erzählt, englische Untertitel. Das Dänische verstehe ich nicht, das Englische einigermaßen schon. So wie sie erzählt ist das lebendig und ein gutes Beispiel dafür, wie man es machen könnte. Das ist aber auch die einzige Stelle, eine andere Videodarstellung ist leider nur dänisch und bildtechnisch zieimlich veraltet. Es macht den Eindruck, eine Diaprojektor laufe da!  Da war das Schloss in Kalmar schon viel besser dargestellt. Die Exponate werden auch nicht beschrieben oder erklärt, man/frau kann sich wohl denken, was das heißt. Dass eine Truhe früher die Bedeutung eines Schankes hatte, vor allem wenn der Hofstaat immer wieder auf Reisen war, erfährt man erst aus dem Begleitheft.
Wie auch immer: das Potential, das dieses Schloss enthält, wird nicht genutzt. So bleiben denn nur die Infos aus dem Heft, über die ich vielleicht später noch genauer berichte.

Fr., den 13. August: Kyrkbacken auf Ven

Von Helsingør hatten wir jetzt genug, aber es war auch dem Wetter geschuldet, dass wir so lange geblieben sind. Die nächste Station sollte der Hafen Kyrkbacken auf der Insel Ven sein, besonders zauberhaft, wie uns ein Liegeplatznachbar im Segelklub Lynette erzählt hatte. Der Däne mit seinem schicken Motorboot war einer der wenigen Einheimischen, mit dem es ein längeres Gespräch gab, auf Deutsch und Englisch. Er machte uns die Insel Ven schmackhaft, vielleicht auch wegen der beiden Esslokale, die es hier gibt.

Früh legten wir ab vom Nordhafen Helsingør und nach fast zwei einhalb Stunden hatten wir die 9 Seemeilen geschafft. Da wir noch früh dran waren, konnten wir uns in dem kreisrunden Hafen noch einen guten Platz suchen, direkt an der Kaimauer, einigermaßen windgeschützt, aber voll dem Schwell des Sundes ausgesetzt, der direkt von der Hafenmündung auf uns zuschwappte. So schaukelt jetzt das ganze Schiff auf und ab, gegen die großen schwarzen Reifen an der Kaimauer mit drei Fendern geschützt.

Versorgungsmäßig ist der Hafen eine mittlere Pleite: wie gesagt zwei Esslokale, eine kleine Bude mit Hotdogs und den notwendigsten Versorgungsgütern (sah jedenfalls von außen so aus), Strom, aber kein Wasser. Zwei Zapfstellen mit gelben Schläuchen sind unerreichbar für uns an der Toilettenhütte und an einem weit entfernten Steg angebracht, da reichen selbst unsere Verlängerungen nicht aus. Und mit den "etwa 100 Gastliegeplätzen", so der Hafenguide von Delius-Klasing, ist es auch nicht weit her, es sei denn, dass die Schiffe am längsten Außenkai im Päckchen festmachen. Die wenigen Liegeplätze an Pfählen sind schnell besetzt und nur für große Boote gedacht. Der Hafenmeister steht schon am Kai und gibt Anweisungen, wo wer festzumachen hat. Der Bezahlautomat "spricht" Deutsch, seine Anweisungen sind nicht immer klar erkennbar. Jedenfalls spuckt er nach dem Bezahlen ein Ticket aus, die Quittung gibt es per mail oder auf's Handy. Moderne Zeiten in Schweden, dazu gehört nämlich die Insel, das fast papierlose Hafenbüro.

 Dann am Nachmittag Hafenkino pur: Schiff nach Schiff kommt herein, geschüttelt von den Wellen des Sundes vor der Hafenmündung. Die Plätze werden immer weniger, einige drehen drei, vier mal die Runde, aber dadurch vermehren sich die Liegeplätze auch nicht. Nehmen, was da ist, das sollte hier die Devise sein. Neben uns parkt schließlich ein flaches Motorboot mit drei Dänen, bis sie endlich festgemacht und aufgeräumt haben, vergehen Stunden. Aber die jungen Leute haben es nicht eilig, der Abend ist noch lang. Nach einem schönen Sonnenuntergang bauen wir die Kuchenbude auf, der nächste Tag soll nass werden. Attraktion des Tages ist ein großes Boot aus Seattle, also Pazifikseite von Amerika, und der Amerikaner beherrscht auch die Gesprächssituationen auf dem Kai. Naja, manches was man so beobachtet, gehört eben zum Klein-Klein eines Hafentages und ist nicht weiter erzählenswert.

Auf Ven soll ja der dänische Astronom Tycho Brahe sein Labor gehabt haben, mal sehen, ob das einen Ausflug ins Insel-Innere wert ist.

Ach ja, bevor ich es vergesse: auch dieser Teil des Berichts, Karte und Fotos kommt erst ins Netz, wenn es wieder eines gibt. Hier soll es zwar WLAN geben, aber das nur in Nähe des Hafenkontors. Auf den Stegen ist nichts zu machen und selbst die Tethering-Verbindung über's Handy klappt nur mit maximaler Langsamkeit. Vielleicht ist es dann im Stadthafen von Malmö besser. Internettechnisch waren die meisten dänischen Häfen bis jetzt eher nur mittelmäßig bis gar nicht ausgestattet. Oder braucht man hier ein Iridium-Satellitentelefon?

Im Hafen von Kyrkbacken erleben wir dann zwei Tage mit durchgehendem Starkwind von 5 Bft, der sich zweitweise auf 6 bis 7 Bft steigert. Je nach Windrichtung - West oder Südwest - presst es uns auf die LKW-Reifen an der Hafenmauer oder von ihnen weg. Mit Hilfe zweier langer Leinen an den gegenüberliegenden, rechtwinklig zur Bugspitze gelegenen Steg gelingt es uns, bei West Abstand von der Hafenmauer bzw. dem Reifen zu gewinnen. Die drei Fender dort stehen unter Dauerstress, wenn das Schiff auf den Reifen gepresst wird. Und dann der Schwell bzw. die Dünung vom Sund: ungebremst kommt sie durch die Hafenmündung herein, das Schiff schaukelt in der Längs- und Querachse mit oft einem halben Meter Höhenunterschied. Selbst in der Kajüte müssen wir uns festhalten, oben auf dem Deck geht nur immer mit einer Hand an einer Leine oder an den Wanten. Aussteigen wird schon riskant, bei einem Mal falle ich fast ins Wasser und kann mich im letzten Moment nochmals hochziehen, bevor mir helfende Hände anderer Segler am Steg zu Hilfe kommen.
Des Nachts ist an Schlaf kaum zu denken, einer ist meistens wach und hört auf die Geräusche und Bewegungen. Wenn dann noch der Regen niederprasselt, ist an Schlaf sowieso kaum zu denken.
Da die nächsten Tage noch mehr Regen und Starkwind angesagt sind, nutzen wir die eintägige Wind- und Regenpause, um nach Malmö zu fahren.

Mo., den 16. August: Malmö

Die 23 Seemeilen nach Malmö schaffen wir in viereinhalb Stunden, wir wollen in den Stadthafen, Dockan Marina. Aber erst müssen wir von Kyrkbacken aus in südlicher Richtung quer über den Sund, zum Glück sind nur wenige Frachter oder Fähren unterwegs, weil wir hier wieder in der Verkehrstrennungsgebiet 2 kommen, sozusagen die Auffahrt zur Autobahn Richtung südliches Ende des Öresunds und dann östlich weiter Richtung Schweden, Bornholm oder die baltischen Länder.

Das Wetter meint es gut mit uns, kein Regen, aber wenig gemütliche 17 °C, wir sitzen in Regenkleidung an Bord und freuen uns darüber, dass uns so wenigstens nicht kalt ist. Der Wind bläst aus West bis Südwest, Stärke 2, zu wenig zum Segeln und aus der falschen Richtung. Mitten auf dem Öresund kann man immer noch Kopenhagen sehen, oder eben das schwedische Ufer.

Nach drei Stunden kommt der "Turning Tower" in Sicht, der gedrehte Turm, das neue Wahrzeichen der Stadt. Und dann die Tonnen, die uns den Weg in die Dockan Marina zeigen, die in der Innenstadt neu gebaute Marina, auferstanden aus einem ehemaligen Industrie- und Fabrikgelände, jetzt mit modernen Büro- und Wohnhäusern ausgestattet. Als wir in die Marina einlaufen, beginnt es zu regnen, wie vorausgesagt. Ganz am Ende finden wir einen Platz, in einer 8 Meter breiten Box, aus der wir dann zwei Tage später vom Hafenmeister wieder weggebeten werden. Der schwedische Bezahlautomat mit einem Touch-Screen raubt  mir dann den letzten Nerv: was die alles verlangen!!! Und ich tippe auf die virtuelle Tastatur oder die Anweisungen in englisch, nichts passiert! Anscheinend  haben meine Finger nicht mehr den elektrischen Einflus, den sie für den Touch-Screen brauchen. Neben email-Adresse und Handy-Nummer wird die Bootsgröße, der Name und der Platz abgefragt. Dafür bekomme ich dann den Bezahlbeleg, vorne am Bug anzubringen, sowie den Zugangscode für die Toiletten und das WLAN bzw. Internet per SMS. Stundenlang warte ich auf eine ensprechende Mail, allein sie kommt nicht, stattdessen die SMS, auf die mich ein Nachbar aufmerksam macht.  Da steht dann der Zugangscode für WLAN und Internet. Auch der Stromautomat geht nur mit einem Platzcode, im Netz kann man dann später sogar nachverfolgen, wann das gebuchte Guthaben verbraucht ist. Schöne neue Schwedenwelt, wie einfach war das doch in Dänemark. Die Schweden sind ja in der Verbannung von Bargeld noch weiter als die Dänen, angeblich um Schwarzgeldgeschäfte zu erschweren. Wenn ích mir hier die Yachten anschaue: wir sind mal wieder das kleinste und älteste Boot, die anderen "Schlachtschiffe" sind durchweg neueren Datums. Von wegen Schwarzgeldgeschäfte!

Fr., den 20. August: Malmö-Stadtbesichtigung

Endlich war das Wetter mal so, dass man trockenen Fußes oder per Rad in die Innenstadt fahren konnte. Eigentlich wollte ich die vier Kirchen besuchen, die auf der Seekarte angegeben sind, es reichte dann doch nur für die St.-Johannes-Kyrka. Bis ich sie gefunden habe, diesmal den Blick immer wieder auf den Stadtplan gerichtet und nicht mehr auf Google-Maps, dauerte es eine ganze Weile, war aber doch insgesamt recht einfach. Von der Dockan-Marina im Prinzip immer geradeaus, bis irgendwann nach der Oper die Kirche auftauchte. Bis dahin machte ich etliche Fotos von den schönen Gebäuden der Stadt, von den architektonischen Besonderheiten, den Kunstobjekten auf des Weges Rand und vom quirligen Leben in Schwedens 3.-größter Stadt.

Mein Fazit: Malmö zeichnet sich aus durch viel Bautätigkeit: Überall sind Baustellen, von Häusern, Straßen usw. Aber vor allem die Gebäude sind vielfach hervorragend gestaltet, z.B. das Parkhaus ganz in Hafennähe, das so mit Pflanzen an der Außenfassade umgürtet ist, dass man gar nicht merkt, dass es nur zur Aufbewahrung von Autos dient. Oder das Gebäude der Universität, auch architektonisch ein Blickfang. Und so geht das weiter: Alte Bauwerke verbinden sich auf interessante Weise mit den Bauten aus Glas und Stahl. Und: Überall Kunstwerke, Statuen, Skulpturen, Objekte verschiedenster Art, aus den unterschiedlichsten Materialien.

Die Innenstadt: Ein Restaurant, Caffee usw.-Shop neben dem anderen. Die Schweden scheinen gerne und häufig mit Freunden zusammen draußen essen zu gehen, das haben wir ja schon an anderen Stellen vielfach gesehen. Den 2.-häufigsten Anteil an Geschäften haben Modemärkte, neben Friseuren, Schmuckläden, Ausstattungsgeschäften und anderem. Richtig alte Schwedenhäuser wie in Ystad habe ich nur zwei gefunden. Die meisten Bauwerke stammen aus dem 19. Jahrhundert, neben den modernen oder modernisierten Gebäuden.

Autoverkehr gibt es in der Innenstadt kaum, einige große Straßen sind voll von Autos, aber Staus habe ich keine gesehen. Vor allem ganz positiv: überall Radwege, breit und breiter, und Vorfahrt für Räder an den Fußgängerüberwegen ohne Ampeln. Negativ: viele Malmöer laufen auch bei Fußgänger-Rot über die Straße, während andere diszipliniert warten.

Und noch zwei schlechte Erfahrungen: In einem Fahrradladen wollte ich mein kaputtes Schutzblech ersetzen. "Haben wir nicht, wir führen nur unsere eigene Marke, " so wurde ich flugs aus dem Laden komplimentiert. "Da vorne links fahren, dann an der linken Seite", sollte ein Laden sein. Pustekuchen, nix war da.
In einem Telia-Laden, immerhin der führende Mobilfunk-Anbieter in Schweden, wollte ich eine Schutzfolie gegen Sonnenlicht und Blendung bekommen. "Haben wir nicht, führen wir nicht", nuschelte die gelangweiligte Blondine, mit einem Blick wie "Was will denn der hier, bestimmt kein iphone-12 kaufen!" Alles andere wäre für sie uninteressant. Ihr Kollege stand derweil hinter ihr und blätterte in einem Magazin herum, auch er machte keinen Finger krumm. Was wäre denn mit Beratung, wo man die Dinger kriegen kann? Natürlich, bei einem iphone 12 oder Samsung xx der neuesten Generation braucht man ja auch keine Schutzfolie, damit man in Sonnenlichthelligkeit was erkennen kann.  Dienstleistungssevice und Engagement der beiden Verkäufer incl. des Fahrradladens: Klare Note "sechs".

Am Samstag machen wir einen Ausflug zum Turning Torso, scheon beeindruckend der Bau. Genauere Zahlen und Daten kommen noch später. Beindruckend ist dann doch die Gestaltung des Ufers ab dem Hafen Västra Hammen: große Plattformen mit Sitzgelegenheiten, wo sich Gruppen oder Familien niederlassen, dann dazwischen Schwimmstege zum Sprung ins kühle Nass, dann wieder Plattformen aus Holz für Familien und Gruppen usw. Das ganze zieht sich mehrere Kilometer am Ufer entlang, bis dieses in unbebaute Brachen übergeht, die noch ihren Verwendungszweck suchen. Jedenfalls, für die  Erholung der Malmöer gibt es am Ufer des Öresunds eine breite Trasse unterschiedlichster architektonischer Gestaltung. Mal sind die Plätze vorwiegend aus Steinplatten, mal aus Holz gebaut. Immer abwechseld, Langeweile kommt nicht auf.

So., den 22. August: Rödvig

Nach der extrem unruhigen Nacht aufgrund der Ruhestörungen des Amsterdames Motorbooote "Jules Verne" - der Autor würde sich im Grabe umdrehen, wenn er die Besatzung der Bootes kennen würde - und weil wir genug von Malmö hatten, fuhren wir heute nach Rödvig, als Zwischenstation für Klintholm und Rügen. Einige Details werden später noch beschrieben.

Die Fahrt verlief ruhig bei schönstem Sonnenschein, angenehmen 18 °C, wenig Wind und Welle. Zeitweise war der Öresund spiegelglatt, erst am Nachmittag wurde es dann kühler, als Wind aufkam. Die 34 Seemeilen schafften wir in 6 Stunden und 40 Minuten. In Rödvig fanden wir unseren alten Platz neben der alten Galeasse, die schon beim ersten Mal da war. Mit dem Besitzer wechseln wir einige Worte, er freut sich über unsere Essen und erzählt von diesem Schiff, dem Typ, der Werft, die das gebaut hat und freut sich über unser Interesse, dass er  sogar ein Buch hervorholt, das die Geschichte dieser Segler beschreibt. Dazu später mehr.

Morgens werden wir sehen, was kommt, entweder bleiben oder nach Klintholm weiterfahren.

Mo., den 23. August: Klintholm

Das Wetter war ideal für die Überfahrt: Sonnenschein, leichter Wind, und zuerst einmal nur wenig Seegang. Das änderte sich jedoch bald, als wir einige Seemeilen von Rödvig weg waren und die Faxe-Bucht durchquerten: Die Dünung nahm immer mehr zu, anfangs von vorne schräg backbord kommend, danach von der Seite. Es war mal wieder die reinste Schiffsschaukelei im wahrsten Sinne des Wortes. An den Autopilot war nicht zu denken, vor allem die größeren Wellen mussten alle ausgesteuert werden, d.h. nach dem Durchgang der Welle das Schiff wieder auf Kurs gebracht werden. Als wir dann nach mehr als vier Stunden endlich die Südostspitze von Mön querab liegen hatten - nach einem imposanten Sightseeing der Kreidefelsen - kam die Welle mit Wucht von achtern und schob uns mit 1-2 Knoten mehr dem Ziel entgegen. Vorher ging es aber noch eine Weile parallel zur Küste, die jedoch keine aufregenden Momente mit sich brachte, nur abgeerntete Felder, grüne Wiesen, dunkelgrüne Wäldchen, insgesamt für das Auge eher beruhigend, das bei dem vorherigen Auf und Ab doch vieles zu tun hatte, um Schwindel und Übelkeit zu vermeiden.

Nach fünf Stunden und fünf Minuten hatten wir die 25 Seemeilen hinter uns und wurden gleich vom Box-Nachbar mit Arbeit erwartet: Ihm war - als er uns helfend von Bord kletterte und sich dabei am Lazy Jack festhielt - eben diese Leine gerissen. Zum Glück hatte er einen Bootsmannstuhl und die Entscheidung, wer am Mast mit zwei Salingen hinauf sollte, war schnell gefallen, da er sich mit den Winschen und Fallen auskannte und ich das kleinere Gewicht hatte. So saß ich unversehens in einem Bootsmannstuhl, der um die Oberschenkel ganz schön stramm sass und wurde hochgezogen, am Großfall, gesichert durch die Toppnant-Leine. Ca. 10 Meter über dem Bootsdeck hing die Leine am Schäkel und ich konnte sie greifen. Wolfgang, so der Name des Bootsnachbarm, musste ganz schön an den Winschen schufften, als er meine Kilos in die Höhe zog und etliche Pausen einlegen. Von oben hatte man jedoch einen schönen Ausblick und Höhenangst hatte ich auch nicht. Endlich das Ende gepackt und wieder runtergelassen, konnte Wolfgang das Ende provisorisch festmachen und zur Belohnung gab's erstmal ein kühler Bier, hinterher zwei Flaschen Wein, von denen dann die eine im Laufe des Abends geleert wurde, was ja auch nicht alle Tage passiert. So bin ich unversehens zu diesem Abenteuer gekommen. Barbara stand Höllenängste um mich aus, war aber cool genug, einige Fotos zu machen.

So., den 29. August: Glowe

Die Tage in Klintholm ziehen sich hin: erst Regen ohne Ende, dann Starkwind mit 5-6 Bft, in Böen eins mehr. Wir wollen weg, aber das Wetter lässt uns zögern. Gut, dann machen wir eben einen Lesetag nach dem anderen, räumen zwischendurch mal auf, auch einkaufen gehört zum Programm und kochen. Aber es zieht sich und wir wollen heim. Der Sommer scheint vorbei zu sein, die erhofften warmen Tage mit mehr als 20 °C gehöen wohl der Vergangenheit an. Immer wieder der Blick zum "Windfinder" oder "Yachting Weather", den beiden wichtigsten Apps. Auch "Zygrib" liefert gute Daten, leider bleibt es auch dort immer blau, was Regen bedeutet und Windstärken sind um die 6 herum. Am Samstag haben wir die Schnauze voll und beschließen für Sonntag die Abfahrt. Das zweite Mal, wo wir um 7 Uhr aufstehen, "mitten in der Nacht" und uns bereit machen. Am Samstag wollten wir das ja auch schon, allein der Tag hat uns bestätigt, dass zu Hause bleiben die bessere Option gewesen war. Heute höre ich leider nicht auf mein Bauchgefühl, es war wohl zu leise, um auf sich aufmerksam zu machen.

Noch im Hafenbecken ziehe ich das Großsegel hoch, das 1. Reff von der geplanten Abfahrt ist noch drin, gottlob. Und dann geht es raus auf die See, die erstmal keinen großen Eindruck macht. Allerdings sind wir ja noch  in Küsennähe, und weit weg von der Kadetrinne, der Ostsee-Autobahn für die großen Frachter, auf der sich die Welle und Dünung bilden kann, die uns dann zwei Stunden später erwartet.

Ungefähr um 12 Uhr erreichen wir die Kadetrinne, zwei große Frachter queren uns, allerdings in weiter Entfernung. Die See ist inzwischen ziemlich rauh geworden, von wegen 0,5 m Seehöhe und anderer Angaben aus den Wetter-Apps. Hier herrschen mindestens 1-m-Wellen vor, etliche sind auch schon bei zwei Meter und je weiter wir in die Mitte der Strecken kommen, desto mehr nimmt die Wellenhöhe zu. Einziger Lichtblick: die Sonne kommt gegen drei Uhr für einige Minuten raus, die Lufttemperatur vonb 15-16 °C ist nicht gerade gemütlich. Wir sitzen  in unserer Regenkleidung, Gummischuhe, dicke Pullover und Mütze auf dem Kopf. Stunden dauert es, bis endlich Rügen als ferner Schatten am Horizont erscheint, ein grauer Streifen, der immer mehr deutlich an Kontur gewinnt, mit jedem Meter, den wir machen. Und wir sind richtig schnell: etwas über 5 Seemeilen im Schnitt, wenn wir geschoben werden, etwas mehr, sonst auch oft nur unter 5. Und es wird immer krasser, zu Beginn des Wieks, an dessen südlichem Ende Glowe liegt, erreicht die Wellenhöhe fast immer 2-3 Meter. Einmal kommt ein Brecher von hinten und ergießt sich über die Bordwand, der darunter stehende Eimer ist halb voll. Ich bekomme das gar nicht mit, weil ich so konzentriert schauen muss, den Kurs zu halten. Jede Ablenkung muss ich vermeiden, Barbara ist mein Auge, sie schaut nach den Frachtern und den insgesamt zwei Seglern, die aus weiter Ferne auftauchen und wieder verschwinden. Wir sind mal wieder allein auf der weiten Ostsee, haben aber gar  nicht die Muse, zu schauen und sich an der Natur zu ergötzen, die Natur zeigt uns heute,was eine Harke ist und wie klein wir sind. Wir kämpfen, gegen die Wind, der nicht nachlässt, gegen die Wellen, die auf der aufgebauten Dünung immer höher werden und freuen uns über einige Sonnenstrahlen und darüber, dass es nicht regent. Damit hatten wir auch gerechnet, aber das blieb gottlob aus. Einige Male erwischt es uns von hinten links so hart, dass das Schiff aus dem Kurs gerät, in den Wind schießt, und ich Mühe habe, es wieder auf den Kurs zu bringen. Der Gradmesser für die Schräglage zeigt uns 10° an, aber das können ganz schnell mal auch 20° werden. Die Folgen sehen wir erst später, wir hören aus der Kabine nur das Rumpeln und Krachen, die Arettierung vom Tisch klappert eintönig vor sich hin, während das Schiff auf und ab und von links nach rechts tanzt und wieder zurück. Wie es Nussschale, auf der weiten Ostsee. Das GPS weist uns den Weg, so dass immer eine Gradzahl vorliegt, an die ich mich halten kann, auch wenn die beiden Kompasse links und rechts etwas anderes anzeigen. Aber auch daran kann ich mich gewöhnen. Weil der Himmel grau bedeckt ist, kann ich das GPS gut ablesen, irgendwann taucht die Küste von Rügen auf, jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Aber es dauert, Bushaltestelle gibt es keine, nur Wasser, mal grau, dann wieder blaulich, weiß schäumend die Kronen ab Windstärke vier, begleitet von der Hoffnung, er, der Wind, die Welle, möge doch abnehmen. Aber die Natur erfüllt keine Wünsche, sie ist nicht auf uns angewiesen, wir auf sie schon. All diese Gedanken kommen mir erst beim Schreiben, während der Fahrt ist da nur die Konzentratrion auf den Kompass, auf den richtigen Kurs, auf die Wellen, wenn ich nach backbords schaue, der Seite, wo wir wegen der Schräglage sitzen, darauf die Wucht der Wellen auszusteuern, das Schiff in nicht zu großer Schräglage zu halten. Alle schwarzen Gedanken, was wäre, wenn jetzt das und das passiert, verbiete ich mir, nur wir beide, das ist es, was jetzt zählt.

Allmählich gewinnt Kap Arkona an Konturen, die ersten Kreidefelsen tauchen auf, von ihrer Erhabenheit ist im Moment nichts zu spüren. Ewig dauert es, bis wir Kap vorbei sind und in die Prowrer Wiek kommen, eine große weite Bucht mir nur geringer Tiefe. jetzt fangen die Dünungswellen an zu brechen, und immer wieder haut uns so ein drei-Meter-Monster aus dem Weg. Das Ruder gibt oft mächtig Druck, hoffentlich...Aber es hält alles, auch die falsch eingestellten Wanten: die Luvwante steht mächtig unter Zug, die Leewante schlackert vor sich hin. Aller hält, nix reist, geht kaputt.

Dann taucht die Mündung des Hafen von Glowe auf, es ist mittlerweile 19 Uhr, wir sind schon über 9 Stunden unterwegs. Das Vorsegel haben wir schon geborgen, viel Knatterei, die Rückholleine verdreht sich, aber das ist alles machbar. Schwieriger wird es, bei dem Seegang das Großsegel runter zu lassen, es bleibt natürlich im Lazy Jack hängen, ein "Reiter", der das Segel hält, rutscht aus der Öffnung. Wir gehen wieder auf Kurs, aber als wir vor der Mündung stehen und sehen, welche Welle uns erwartet, muss das Segel ganz runter, sonst drückt uns der Wind auf die Felsmole, keine angenehmer Vorstellung. Und dann mit Vollgas durch die Öffnung, aber Glowe ist eben auch nicht Darlowo.

Kaum im Hafen, nimmt der Seegang ab, der Wind bleibt. Wir fahren langsam zu unserem alten Platz, versuchen mehrere Male, in eine freistehende Box zu kommen, aber bei Windstärke 5 kriegen wir das nicht hin, Wir werden auf die Brücke zugetrieben, und da ist noch ein freier, wenn auch "roter" Platz. Mit Hilfe anderer Segler gelingt es uns festzumachen, die Fender zwischen Brücke und uns und uns und dem Nachbarboot anzubringen, eine Spring zu legen und die Leinen mit Hilfe der Winschen so zu spannen, dass wir weder auf der einen Seite noch auf das andere draufknallen oder uns daran reiben. Alle paar Stunden muss dann kontrolliert und bei wechselndem Wasserstand die Höhe der Fender angepasst werden.

Was uns dann erwartet, nach dem ersten Ankommen, bei beginnender Dunkelheit, das hat Barbara unseren "Persönlichen Tsunami" getauft: Wasser im Schiff bis über die  Bodenbretter, der Teppich nass, alle runtergeflogenen Bücher, Gewürze, die auf dem Boden liegenden Schuhe, einige Sitzkissen, und vieles andere Kleinzeug: Alles nass, durchweicht, triefend. Die Bilge voll, gottlob haben  wir eine Pumpe.

Es hilft kein Klagen, und kein Jammern: das Wasser muss raus. Ca. 25 Liter in einem ersten Aufwasch, dazu zweimal die Bilge leergepumpt. Bücher erstmal hingestellt, möglichst vor die Heizung. Dann alles nach außen, in die bei Windstärke 5 schnell aufgebaute Kuchenbude. Bis das erst mal alles bewerkstelligt war, dauerte schon Stunden. Zum Glück war im "Schlafzimmer" vorne alles trocken geblieben. Erschöpft sinken wir vor Mitternacht ins Bett, der nächste Tag ist auch noch zum Arbeiten da.

Tag zwei der Katastrophenbewältigung

Nach dem Frühstück, diesmal anders als gewohnt, werden erst mal die Bodenbretter hochgehoben. Darunter hat sich wieder Wasser angesammelt, diesmal aus den Schapsen links und rechts. Wíeder Schwamm und Tuch, danach desinfizieren mit Sagrotanspray und mit klarem Wasser nachwaschen wegen des Salzes, was sonst die Feuchtigkeit im Schiff hält. Und dann ein Schaps nach dem anderen, erst die Steuerbordseite, morgen kommt die Backbordseite dran. Kleine Lachen an der tiefsten Stelle, Taschentücher und Küchenrollen komplett vollgesogen, alles für den Abfall. Zum Glück waren nur wenig Lebensmittel drin, die meisten in Plastiktüten eingepackt wegen der Mäuse, die wir im Winter hatten. Die Polster müssen raus, der Teppich gewaschen werden, es sieht aus wie bei Hempels und die ganzen Hafenbesucher wundern sich über das Schiff, wir liegen ja direkt an der Brücke, was sich alles auf dem Oberdeck sammelt. Glücklicherweise ist es trocken, die Sonne scheint, so dass alles allmählich trocken wird. Hin und wieder kommt ein Segler vorbei gelaufen und gibt seine Kommentare ab. Oft nicht sehr hilfreich. Und Bedauern, vor allem von den Frauen. Am Nachmittag ist dann die Steuerbordseite fertig, alles wieder einräumen, davor wieder Sagrotan und klares Wasser, usw. usf. Wir sind am rödeln und abends am Ende mit den Kräften. Dafür gibt dann auch nur eine Dose mit Hackbällchen, schmeckt auch ganz gut, wenn man fertig ist. Am Mittwoch kommt dann die Backbordseite, wahrscheinlich weniger triffig, weil das ja die Luv-Seite war. Ach, bevor ich es vergesse: die Ursache war das nicht geschlossene Seeventil der Spüle. Kleine Ursache, große Wirkung, auch das geht. Ein Handgriff, hätte uns drei Tage Arbeit gespart. Bisher hatten wir das nie "gebraucht", aber einmal ist immer zum ersten Mal. Und künftig gehört das zum Pflichtprogramm, zur Checkliste vor dem Abfahren.

Auch der nächste Tag gehört dem Trockungs-Aufräum-Waschtag. Allein die diversen Bücher zu trocknen, zum Glück bezahlt man den Strom in Glowe pauschal, so dass wir die Heizung die meiste Zeit am Laufen hatten. Dazwischen mal einkaufen, abends Fisch and Kartoffelsalat, aberalles bei schönstem Wetter und Sonnenschein. Naja, alle Einzelheiten hier zu beschreiben, dürfe nicht so interessant sein, interessanter ist schon die Überlegung, wie oft was in einem begrenzten, ziemlich vollen Raum hin und her bewegt werden muss, bevor es an seinen endgültigen Platz kommen kann. Ist jetzt auch egal, weil wir inzwischen schon viel weiter sind.

Do., 2. September: Sassnitz

Die Fahrt nach Sassnitz bei ruhigem Wetter, Sonnenschein und wenig Seegang gehört zu den entspanntesten der ganzen Reise. Ein Großteil der Arbeit erledigte der Steuerautomat, ich konnte mich zurücklehnen, auf der einen Seite das Meer, auf der anderen die Kreidefelsen von Sassnitz, wenig Schiffe, auf die man aufpassen musste, später mehrere Ausflugsboote, alles easy going. Auch das Anlegen war mein Problem, mit einer kleinen Shopping-Tour für Geschenke, Ersatzteile, Hafenmeister und Essen im "Portofino"" ging der schöne Tag  zu Ende.

Fr., 3 September: Swinoujscie

Die letzte große Tour hatte es dann erstmal wieder in sich: Windstärke 5, in Böen 6, aber anfangs wenig Welle und Sonnenschein mit milden 16 °C auf See erwarteten uns für die 44 Seemeilen lange Strecke. Schon im Hafen heißen wir das Großsegel, nachdem wegen des seitlichen Windes das Ablegen nach der Methode Duncan Wells hervorragend geklappt hat. Wie das geht, ist auf der Reise 2016 als Einhandsegler beschreiben worden.
Kurz danach rollen wir die Genau aus, bei diesem Wind und bei einem Reff im Großsegel das richtige Tuch, um den Wind zu nutzen.

Es ist bewölkt, die Sonne kommt zwischen 11 und 12 Uhr für einige Minuten durch, wegen des Windes haben wir Regenkleidung angezogen, die auch davor schützt. Gegen Mitag nimmt der Wind ab, wir ziehen das Vorsegel ein, bei dem Kurs den wir fahren, schlackert es zu oft hin und her. Die Greifswalder Oi ist uns im Wege, wir umfahren sie seeseits, Richtung Greifswalder Bodden müssten wir nach dem Tonnenstrich fahren. Der Bequemlichkeit und Sicherheit wegen können wir jetzt das Vorsegel nicht effektiv nutzen, der Motor muss einspringen. Nach der Greifswalder Oi - wir haben die offene See wieder vor uns - können wir den alten Kurs wieder fahren und das Vorsegel erneut ausrollen.
Gegen Nachmitags halb vier ist der Wind so weit abgeflaut, dass wir den Motor wieder anwerfen und weiter nur mit Groß fahren. Die Wellen und der Wind kommen jetzt von achtern, wir machen zwischen 4,1  und 7 Knoten. In der nun seit vier Stunden scheinenden Sonne wird es richtig warm, wir könnten fast die Regenkleidung ausziehen. So bleibt es bei den Hosen, es sind noch einige Seemeilen bis Swinoujscie, und es wird allmählich wieder frisch.

Kurz nach 18 Uhr - wir sind in der Mündungszone der Swine - lassen wir das Großsegel runter, jetzt kann auch der Rest vom Segel gefahrlos runtergezogen werden, weil kein Seegang mehr herrscht. Bis zun Hafen ist es nicht mehr weit. Kurz nach halb sieben machen wir den Motor aus, nachdem wir fast als letzte noch ein schönes Plätzchen gefunden haben. Die Deutschen sind in der Überzahl, viele aus Ueckermünde, nur ganz wenige Schweden, aber auch viele Polen. Man merkt, die Saison ist vorbei.

Immerhin konnten wir von den insgesamt 9 Stunden mehr als vier segeln, die restlichen Stunden zum größten Teil mit dem Motor und dem Groß, bei achterlichem Wind mussten wir das Vorsegeln einrollen. Zwischen 5 und 7 Knoten zeigte das GPS an, im Schnitt waren es dann doch nur 4,8 Knoten, die wir machen konnten. Aber es war schön, auch wegen der Sonne, des Lichtes, der Luft, und weil die Welle und Dünung nicht das Letzte von mir forderte. Letztendlich ist man dann bei mehr als 9 Stunden Fahrt so voller Adrenalin, dass man einige Stunden braucht, um davon runter zu kommen.

Die Bezahlung beim Hafenmeister ist dann wieder ein Geschichte für sich: ein schon älterer Herr, der vor seinem neuen Job als Hafenmeister bestimmt was anderes gemacht hat, wird gerade am PC angelernt. Bis er sich im Programm zurechtfindet, die Kasse koordiniert bekommt oder das Geld-Transaktionsgerät, es dauert. Und so wird die Schlange vor dem Büro immer länger, als ich gehe, sind aus zwei Kunden zwölf geworden.

Ich radle zurück, beeile mich, weil wir noch in die Tawerna wollen, da erfahren wir von den Stegnachbarn, dass das Lokal um 19 Uhr schließt. Mindestens zwei Dutzend hungrige Mäuler müssen jetzt sich selbst um ihr Abendbrot bemühen, man glaubt es kaum, dass die Betreiber sich das "Geschäft ihres Lebens" so einfach entgehen lassen. Wir können nur den Kopf schütteln und Barbara macht noch ein lekkeres warmes Abendessen: Salzkartoffeln, Zaziki-Soße, Spiegeleier und Salat.

So nähert sich unsere Fahrt ihrem Ende und der Abend ist bei Kerzenschein unseren Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen gewidmet.

Gerade ist mal wieder der Strom aus und muss neu bezahlt werden. Glücklicherweise habe ich die Karte heute morgen aufladen lassen. Und ins Netz kommt die ganze Geschichte erste, wenn es wieder Netz gibt. Hier jedenfalls nicht!!!


Mo., den 6. September: Ueckermünde

Die letzte Fahrt hat immer was besonderes, so wie die erste. Auch wenn wir die Route kennen, jedesmal ist es doch etwas anderes und für sich einmaliges, so wie noch jede Reise eine besondere war.
Kurz nach elf Uhr legen wir ab, von den Schwimmstegen in Swinoujscie kein Problem, und fahren den Kaiserkanal Richtung Stettin. Dann den bekannten Tonnenstrich entlang, bis wir Polen verlassen und wieder in Deutschland sind. Ein Stück des Weges können wir segeln, ansonsten muss doch der Motor einen Großteil der Arbeit leisten.
Kurz nach vier sind wir in der Marina Lagunenstadt angekommen, drehen etliche Runden durch die Hafenbecken, bis wir einen "grünen" Platz finden. Nach dem Festmachen folgen die üblichen Routinen, Strom, Hafenmeister, und dann werden wir in Ruhe die nächsten Tage planen: Schiff ausräumen, putzen, Auto holen, kranen, mit Meik das Winterlager besprechen, eine Wohnung nehmen und nicht zu viel und zu hektisch alles auf einmal machen. Alles hat seine Zeit, auch das Ende einer langen Reise!


Insgesamt gesehen war auch diese Reise wieder eine besonderer. Unsere ursprüngliche Planung, im Uhrzeigersinn um Sjaelland herum zu fahren, konnten wir nicht einhalten. Zuviel hätten wir gegen den Westwind anmotoren müssen, so war es besser, dieses Ziel aufzugeben und erstmal bis Helsingör zu fahren, um dann neu zu entscheiden. Da sich die Wetterlage nicht entscheidend geändert hatte, konnte auch dieser Plan nicht umgesetzt werden. Und es ging ja nicht in erster Linie darum, Strecke, sondern Urlaub zu machen. Oder anders gesagt: Der Weg ist da Ziel, darum heißt das Schiff ja auch "de Widzi".

Törnberichte

   
   
2021  Sjaelland - Öresund
2020 Arbeitsurlaub
2019 Gotland
2018 Polnische Ostseeküste bis  Danzig
2017 Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016  Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015   Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
  Sommertörn Ostsee
2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
2010 Von Hamburg ins Lauwersmeer
   
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update: 24.09.2021                    zurück zur Hauptseite