Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig

Inhaltsverzeichnis:


Zeit der Vorbereitung: 06. bis 19. Mai

2. Phase

Montag, den 25. Juni: Kühlungsborn

Mi, den 27. Juni: Warnemünde - Hohe Düne

Dienstag, den 03. Juli: Barhöft

Sonntag, den 08. Juli: Glowe

Freitag, den 13. Juli: Lohme

Samstag, den 14. Juli: Kröslin

Freitag, den 20.Juli: Świnoujśie/Swinemünde

Samstag, den 21. Juli; Ueckermünde

Dienstag, den 31. Juli: Świnoujśie/Swinemünde

Donnerstag, den 02. August nach Dziwnów/Dievenow

Samstag, den 04. Aug. nach Kołobrzeg/Kolberg

Mittwoch, den 08. Aug. nach Darłowo/Rügenwalde

Dienstag, den 14. Aug. nach Łeba/Łeba

Sonntag, den 19. Aug. nach Władysławowo

Dienstag, den 21. Aug. nach Hel

Samstag, den 25. Aug. nach Gdańsk/Danzig
Stadtbesuch am 28. August
Besuch des Museum Of The World War II
Mein Besuch bei Günter Grass
Tag der Friedhöfe 03. September
Unterbrechung aus traurigem Anlass

Donnerstag, den 13. September, nach Hel

Samstag, den 15. September nach Władysławowo

Sonntag, den 16. September nach Łeba

Mittwoch, den 19. September nach Darłowo

Dienstag, den 25. September nach Kołobrzeg

Samstag, den 29. September nach Dziwnów

Sonntag, 30. September nach Świnoujśie

Montag, den 1. Oktober nach Ueckermünde

Samstag, den 6. Oktober: Kranen und Ende

Was bleibt

Interessante Internet-Adressen

Entfernungen an der polnischen Ostseeküste

 

Törnberichte

   
   
2018 Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht: Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
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2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
2010 Von Hamburg ins Lauwersmeer
   
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Abb. 01: Unsere Fahrstrecke-Westteil  
 
Abb. 01a: Unsere Fahrtstrecke - Ostteil   
Sonntag, der 06. Mai 2018

Pünktlicher als erwartet und gewohnt starten wir viertel vor elf von zu Hause. Der Nachbar weiß Bescheid, der Garten ist soweit aufgeräumt, das Efeu noch am Samstag geschnitten.
Zunächst läuft alles glatt, bis wir vor Bremen in einen Stau geraten: 3 Stunden Wartezeit. Wir finden uns nicht damit ab, umfahren den Stau durch innerstädtische Wege, die zwar langsam sind, aber der Verkehr fließt. So kommen wir gegen sechs Uhr abends in Heilligenhafen an, suchen die Touristeninformation und haben keinen Zugangscode zum Schließfach, in dem sich der Schlüssel zu unserem Quartier befindet. Der sollte angeblich auf der Bestätigung der Buchung stehen, steht aber nicht da. Ein Telefonanruf weiter haben wir den Code, erhalten die Schlüssel und fahren in den Ferienpark. I-3-4 ist die Nummer der Wohnung, Gebäude I, 3. Stock, Wohnung 4. Wir kommen an, vollbepackt, das Auto war sowieso bis Oberkante Unterlippe zugestopft.
In der Wohnung heißt es erst mal mit der Wasser- und besonders der Warmwasserversorgung klarzukommen: Warmwasser ist kochend heiß. Die Anleitung auf dem Zettel der Touristinformation stimmt nicht mit den lokalen Gegebenheiten überein. Aber auch das kriegen wir hin. Ein Anruf bei den Vermietern hilft weitere Besonderheiten zu klären. Dann zum “Seestern”, unser 1. Essen in Heiligenhafen dieses Jahr. Auch die anderen geheimnisvollen Eigenheiten wie Lichtschalter in der Küche bekommen wir geregelt, es dauert alles etwas. Der Sonnenuntergang entschädigt uns.

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Montag, den 07. Mai

Morgens erst mal zum Edeka des Ferienparks, Kaffee, Brot, Marmelade, etwas Wurst und Käse, Butter, was eben so ein Frühstück braucht. Die Kaffeemaschine wie gehabt. Nach dem Frühstück fahren wir in die Halle, von der HR29 muss eine Menge Zeugs ins Auto und dann in die “de Widzi ”, außerdem eine Menge Zeugs aus dem Auto auf die HR29. Segel, Innenteile des Bettes, und und und. Ich stehe auf dem Schiff, packe alles in große Taschen, im Uhrzeigersinn arbeite ich mich durch das Schiff, hänge es an eine lange Leine mit Haken und Barbara breitet alles auf dem Boden aus und sortiert vor. Nach vier Stunden ist das Schiff zu 80% leer, der Auto wieder voll und wir sind fix und fertig. “Seestern” zum 2., wie gehabt.
 
   

Dienstag, den 08. Mai

Heute geht es wieder in der Halle, der Rest von der HR29 holen und einen Teil der Sachen auf “de Widzi ” schaffen. Das Seil jetzt von unten nach oben, das Schiff wird von hinten nach vorne vollgemacht. Besonders Schmankerl: die schweren Batterien. Der Anschluss gelingt dank einer Zeichnung auf dem Wassertank und dann kann das Bett einigermaßen fertig gemacht werden, weil: unter der Matraze befinden sich deíe Batterien. Zum Glück auch, dass der 13-Schlüssel schon dort liegt. Nachmittags fahre ich zu Boat & Living und mache den Mast klar. Auch hier wieder zwei Stunden Arbeit. Die Dinge finden sich, auch wenn die Salinge schwer in ihre Stützen gehen. Am Abend Essen im “Fischerstübchen”, das letzte mal Schlafen in der Ferienwohnung.


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Mittwoch, den 9. Mai

Um 8 Uhr ist Kranen angesagt, um sieben Uhr bin ich in der Halle. Hier noch ein Handgriff, dort noch ein letztes Aufräumen und Zurechtrücken. Viertel nach 8 kommen die Jungs mit Trecker und Hubwagen und heben den Bock mit “de Widzi ” hoch. Kurz danach das Kranen im Hafen, zum Glück ist das Wetter auf unserer Seite, die Sonne scheint, es ist aber einigermaßen kalt. So gegen 10 Uhr ist das Boot im Wasser, dann kommt der Mast und die Jungs helfen, in eine freie Bucht einzufahren, die gleich am Kransteg liegt. Da können wir auf jeden Fall bis Sonntag liegenbleiben, wegen des Feiertags gibt es hier auch Brückentage und der Kranbetrieb bleibt liegen. Die erste Besichtigung zeigt, dass kein Wasser ins Schiff eingedrungen ist, ein Stein fällt mir vom Herzen. Das hätte noch gefehlt! Den Rest des Tages verbringen wir mit Einräumen und Aufräumen, wenigstens bis Abends muss das Bett fertig sein. Das Abendessen liefert uns die Fischhalle: Lachs mit Kartoffelsalat und grünen Salat und Kartoffeln.

 
Donnerstag, den 10. Mai

Jetzt wird alle Zeit darauf verwendet, die HR29 für die Besichtigung am Samstag vorzubereiten, Zuerst wird das Antifouling erneuert, bis die Dose leer ist. Die Dose reicht gerade mal für eine Seite. Natürlich muss dazu das ganze Schiff an der entsprechenden Stelle abgeklebt werden. Der Wasserpass isat zu säubern und das Überwasserschiff wartet auf seine Politur. Putzmittel sind alle da, es kann losgehen. Ich fange an mit dem Polieren des blauen weißen Streifens, der für die HRs so charakteristisch ist. Nach einigen Metern fallen mir die Arme ab.

 
Freitag, den 11. Mai

Einige Putzmittel bei Baltic Kölln gekauf, dann geht die Schufterei wieder von vorne los. Wasserpass reinigen, dann wieder polieren, jetzt den Rest des Oberwasserschiffs. Wegen des Brückentags gibt es keine neue Farbe, dazu muss ich am Mo erst zu AWN nach Lübeck fahren. Ich mache was ich kann, es ist verdammt anstrengend. Nach zwei Stunden habe ich genug.

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Samstag, den 12. Mai

Ich bin nicht fertig, aber man sieht, wo es lang geht und aussieht, wenn es fertig ist. Gegen 13 Uhr kommt der erste Besucher, er bringt einen älteren Kollegen mit, der selbst eine HR29 hatte. Sie sind ganz angetan, überlegen schon, wie was zu ändern wäre. Der Anstrich der Bänke und des Bodens in der Plicht gefällt keinem, und vieles vom Rest ist eigentlich eben HR-Standard. Nach zwei Stunden anstrengender Besichtigung gehen sie wieder, und hinterlassen gemischte Gefühle. Bis Mi wollen sie es sich überlegt haben. Um 15 Uhr kommen die nächsten, kleine Familie mit einem jungen Baby. Diesmal geht es etwas schneller, weil nur einer die Fragen stellt. Auch sie sind angetan, und wollen sich bis Mi melden.

 
Sonntag, den 13. Mai

Zum erstenmal habe ich Zeit, auf “de Widzi” was zu machen, Baum anschlagen, Segel anschlagen, das Lazy Bag (oder Jack-)System anzubringen. Und etwas Ruhe, zwischendurch ist auch mal langes Ausschlafen oder ein Mittagsschläfchen angesagt. Der Sonntag ist der bisher einzige Ruhetag, davor war so ziemlich alles mega-anstrengend. Mir tun die Knochen weh, ich denke, was nützt der ganze Sport, aber ohne wäre noch schlimmer.

 
Montag, den 14. Mai

Fahrt zu AWN nach Lübeck, 77 km hin und wieder zurück, Farbe, Karten, Logbuch und einige Kleinteile. Es wird eine moderate Rechnung, Segeln kostet eben Geld. Am Nachmittag, nach einer kurzen Pause, der 2. Teil des Unterwasseranstrichs. Und dann, nach den Wasserpass auf dieser Seite, kommt das Aufräumen, das Planengestell unseres Vorgängers, den Müll wegräumen u.a.

 
Dienstag, den 15. Mai

Heute ist mal wieder Zeit für das eigene Boot. Das Vorsegel anschlagen, die Reffleinen, alles Arbeiten, die mal länger, mal kürzer dauern. Immerhin wurde das Boot eineinhalb Jahre nicht benutzt, manches ist mir entfallen, ich muss mich erst erinnern. Aber es läuft ganz flott, sogar die ersten Teile des Funkgerätes und Kartenplotter kann ich installieren, Leider fehlt mir jetzt das Kupplungsstück zwischen Funkgerät und Kabel, irgendwo muss es sein, mein Denken kreist immer um dieses Teil, verdammt, wo ist es bloß hin?
Nachmittags ein Besuch der besonderen Art: Holger steht vor dem Boot und klopft auf die Reling. Als wir auf Deck sind, überschüttet er uns kübelweise mit seinen Vorwürfen: ganz krank hätten wir ihn gemacht, das hätte er noch nie erlebt. Zu unseren Argumenten meint er nur, “gekauft wie besehen”. Es lässt einen nicht ausreden, zweimal muss ich laut werden und ihn richtig anschreien, aber er redet immer wieder dazwischen, will von unseren Argumenten nichts hören und bleibt stur und uneinsichtig. Ein von sich völlig voreingenommener Mann, mit schwachem Selbstbewusstsein. Wenn er so recht hat, wieso kommt er dann überhaupt her? Ist es nicht sein schlechtes Gewissen, was ihn treibt? Nach einer halben Stunde trollt er sich davon, nicht ohne vorher erwähnt zu haben, dass in seinem Verein alle über ihn lachen und wir uns da bloß nicht sehen lassen sollen. Warum sollten wir ihn provozieren? Die Sache ist schon traurig genug.

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Mittwoch, den 16. Mai

Morgens wieder in die Halle, das Schiff fertig polieren. Nach zwei Stunden ist die eine Hälfte fertig.
Gegen Nachmittag kommen die zwei Absagen, der Familie mit dem kleinen Kind ist das Schiff und eine mögliche Überführung nach Kroation zu teuer, und dem anderen aus Norddeutschland gefällt das Holz in der Plicht nicht, ein Refit würde 4- bis 5000 EUR kosten und das wäre ihm alles zu teuer. Ein weiterer möglicher Interessent aus Österreich wird noch abends angeschrieben, er meldet sich am Do mit dem Hinweis, dass er ein anderes passenderes Schif gefunden habe. Außer Spesen nichts gewesen, die Stimmung ist am Boden, wir sind beide niedergedrückt.

 
Donnerstag, den 17. bis Sonntag, den 19. Mai

Das Verbindungsteil zwischen Funke und Kabel treibt mich aus dem Bett, nach dem Frühstück zu Auxelle und Baltic Kölln, beides Mal Fehlanzeige. Am Nachmittag, nach dem gemeinsamen Einkauf bei Edeka, finde ich ein altes Funkkabel, was beide gesuchten Stecker hat. Und gegen 17 Uhr hören wir zum ersten Mal DP07 mit Kapitän Dietzel den Seewetterbericht auf Kanal 24 aus Lübeck, klar und deutlich.
Trotz der kleinen Erfolge und Fortschritte sind wir beide in keiner guten Stimmung, Barbara verzieht sich um sieben Uhr ins Bett zum Lesen. Nach einer stürmischen Nacht, obwohl ich mehr als sie keine Auge zumachen konnte und zwei mal raus musste wegen klappender Leinen und schlackerndem Ruder. Mindestes Windstärke 7 die Nacht über, und heute morgen hat es dann 12 °C. Wir sind beide ratlos, unsere Anrufe bei einem Yachtmakler in Lübeck - zwei mal - haben kein Ergebnis. Was soll jetzt werden?
Jetzt muss noch die Backbordseite poliert werden, dann ist das Schiff fertig. Schlimmstenfalls für einen weiteren Winter in der Halle. Jetzt, Mitte Mai, ist die Verkaufssaison schon fast abgelaufen. Was wird aus unserer Polen-Fahrt? Das Studium der Kartenunterlagen führt auch nicht gerade zu einer Beruhigung. In manchen der wenigen Häfen der Ostküste hat man schon bei Windstärke 4 Bft Schwierigkeiten, in den sicheren Hafen zu kommen. Genauestes Studium der Erfahrungsberichte anderer ist angesagt. Vielleicht schaffen wir es dann doch nur bis Ueckermünde.

Wir lassen es ruhig angehen, die nächsten Tage soll noch die Sonne scheinen, was wir gerne genießen . Aufräumen hier und da, sich einrichten, und dann sind da ja auch noch die Alltäglichkeiten wie Einkaufen usw. Das Schiff wird nach und nach fertig, aber von segelfertig sind wir noch ein Stückchen entfernt. Auf der HR29 ist auch noch das eine oder andere zu machen, die schweißtreibenden Arbeiten wie polieren und streichen sind aber erledigt.

Am Samstag suchen wir uns einen Schiffsmakler, der Kontakt klappt, der kommt und schaut sich das Schiff an. Nachmittags ist Vertragsunterzeichnung und Übergabe diverser Listen und Papiere, jetzt können wir wenigstens im Juni losfahren, ohne wegen eine Besichtigung zurückkommen zu müssen. Schließlich wollen wir nach Polen, da ist man nicht mal eben schnell in Heiligenhafen.

Am Sonntag besuchen wir Stefan, gehen Essen mit ihm und seiner Freundin und übernachten in Bremen. Nach einem guten Frühstück geht es am Mo wieder auf die Autobahn, das Auto bereitet diesmal keine Kopfzerbrechen mit Piepsen im Minutentakt. Dann abends zuhause noch das Gröbste ausräumen und der Alltag kann wieder beginnen, bis zur nächsten Abreise im Juni.

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2. Phase  


Donnerstag,  den 14. Juni


Endlich ist uns der Absprung von zu Hause gelungen. Wie jedesmal, wenn es auf eine längere Tour geht, muss dieses und jenes noch erledigt werden: die sieben Säcke mit Gartenabfällen zur Abfallstelle für Grünzeug zu bringen, war da noch das geringste Problem. Vor allem der Ärger mit dem Finanzamt um die Berücksichtigung von Außergewöhnlichen Belastungen und die damit verbundene Lauferei zu verschiedenen Stellen war ein großes Ärgernis, aber letztlich hat sich der Aufwand gelohnt. Mit meinem Anliegen bin ich ein ganzes Stück weitergekommen, weiter als ich dachte. Und ein Novum: das Finanzamt schickt mir seinen Bescheid per mail. Eine Revolution!!

Und dann musste noch das Auto durch den TÜV gebracht werden. Doch die Anstrengungen der Werkstatt unseres Vertrauens haben sich ebenfalls gelohnt. Nach drei Tagen Arbeit war auch dieses Hinderniss beseitigt.
Und dann am 14. Juni, das Auto vollgepackt, nach Heiligenhafen, diesmal ohne lange Staus, mit nur einer Stunde Verzögerung,

Die nächsten Tage: einräumen, organisieren, sich einrichten für drei Monate und mehr, das Schiff klar machen. Was sich so in ein paar Worten beschreiben lässt, verbirgt doch mehr, als derjenige ahnt, der es noch nie gemacht hat. Das Schiff, unser Fahrzeug, unser Zuhause, unser kleiner schwimmender Wohnwagen, mit allem ausgestattet, was man zum Leben braucht. Jetzt sitze ich da nachts um zwei Uhr, schreibe meinen ersten Bericht und höre meine letzte von sechs CDs an, mit der Musik von Dire Straits und Mark Knopfler, die ich selbst bespielt habe, die beste aller CDs, die ich im letzten halben Jahr produziert habe.

Und dann gab es da noch ein großes Ereignis: ein Kollege aus Baden-Würtemberg hat sich bereit erklärt, mein "Baby", die chemie-website, weiter zu pflegen und den modernen Ansprüchen des mobilen Internets, Stichwort Digitalisierung, anzupassen. Dazu waren außer einigen langen Telefonaten auch ein Reihe von Mails notwendig, mit den dazu notwendigen Überlegungen. Aber jetzt wird dieses ganze Projekt auf der URL www.chemie.schule weitergepflegt und das ist gut so, dass ein junger Kollege, der mitten in der Entwicklung der Schulchemie steckt, sich dieser Sache angenommen hat. Aus dem Fluss der Ereignisse heraus zu sein und vor den Anforderungen der Digitalisierung zu stecken, das war für mich nicht mehr machbar, bin ich doch schon seit 2011 aus dem aktiven Dienst heraus.

All die kleineren Hemmnisse auf dem Weg hierher habe ich erstmal weggelassen. Und jetzt, da das Schiff startklar ist, die Wanten richtig gespannt, die Lifelines festgemacht, nur noch Treibstoff besorgt werden muss, die letzten Einkäufe, dann muss nur noch das Wetter mitmachen. Heute war Starkwind angesagt, mit Regen zwischen drin, Sturmwarnung und Gewitterwarnung, im Hafen Windstärke 6, in Böen 7, das war zuviel, also bis Samstag oder Sonntag wird es dauern, bis zu ersten Fahrt nach Kühlungsborn, dann weiter nach Warnemünde - Hohe Düne, dann Barhöft am Ende der Halbinsel Zingst, um Rügen rum, über Lohme und Sassnitz nach Ueckermünde, dann kann die Reise entlang der polnischen Ostseeküste nach Danzig beginnen. Also Geduld, liebe Leserinnen und Leser, es ist allem im Fluß, in Arbeit, nur das Wetter muss noch mitmachen.


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Montag, den 25. Juni: Kühlungsborn

Endlich, der Tag der Abfahrt. Sonntag war einfach noch zu windig, die See auch vom tagelangen Starkwind aufgewühlt, der Himmel grau, immer wieder Regenschauer. Das hätte keinen Spaß gemacht.
Heute ist es zwar nicht viel besser, aber der Wind hat nachgelassen, nur noch Windstärke vier, in Böen fünf, die Wolken durchdringend grau, aber kein Regen, die Temperatur ein bis zwei Grad mehr, ca. 15 °C. Frühmorgens raus aus der gemeinsamen, warmen und kuscheligen Koje, Katzenwäsche, Frühstück, dann erst mal noch in den Baumarkt, Abdichtungsmasse kaufen für einige Risse auf Deck, von denen wir vermuten, dass sie zumindest bei Starkregen Wasser durchlassen. Dann noch die am Sonntag ausgebauten Batterien der HR29 ins Batterielager bringen, die Key-Seps abgeben, die Kuchenbude abbauen, und und und. Die Liste der zu erledigenden Dinge scheint mal wieder endlos. Dann, kurz vor elf ist alles klar, wir verabschieden uns, Barbara fährt mit dem Auto nach Kühlungsborn, ich mit dem Schiff.

Die ersten Meter im Einfahrtskanal nach Heiligenhafen Richtung Fehmarnsund sind problemlos. Der Motor schnurrt vor sich hin, wenig Seegang. Einige Schiffe überholen mich, andere fahren auf mich zu. Kurze Begrüßungen, eine Hand hoch. Nach der letzten Tonne im gekennzeichneten Fahrwasser die Bucht, der Wind aus West, die Wellen erwischen mich von der Seite, schon ziemlicher Seegang.
Dann kommt die Durchfahrt unter der Fehmarnsundbrücke, ein schmaler markierter Fahrstreifen. Die Wellen schieben von hinten, das Schiff schaukelt hin und her. Endlich die letzte Tonne, die freie Ostsee liegt vor mir, links noch Fehmarn, rechts zunehmend hinter mir der Küstenstreifen von Großenbrode bis Grömitz. Etwas über eine Stunde mit dem Motor, jetzt endlich um 12 Uhr das Vorsegel. Ich bin außer Übung mit diesem Schiff, das Jahr zuvor war ja die HR29 unser schwimmendes Zuhause.

Aber es klappt alles problemlos, die einzige Schwierigkeit ist, dass das Steuer so leichtgängig ist, dass ich es keine 10 Sekunden aus den Augen und von den Händen lassen kann. Endlich Ruhe, nur die rauschende See, mich vor sich hin schiebend, im achterlichen Wind. Noch kommt der etwas von der Seite, das Vorsegel, die Genua, ist gut gefüllt, es läuft mit fast sechs Knoten. Auch die Logge auf dem Schiff funktioniert, keine Algen oder Pocken halten das Rädchen fest.
Ab ungefähr 14 Uhr werde ich von Bremen Rescue, der Rettungszentrale für die Küste, "unterhalten". Ein Angelboot wird vermisst. Etliche Schiffe beteiligen sich an der Suche, der Funkverkehr ist gut verständlich. Ich wundere mich, wie viele Leute sich nicht an die Sprache des Notfallfunks halten, sondern daherquatschen, wie wenn sie zu Hause mit dem Smartphone im Gartenstuhl liegen. Moderne Zeiten.

Inzwischen, so gegen 15 Uhr, wird der Wind immer weniger, kommt ziemlich direkt von achtern, das Vorsegel schlägt immer wieder um. Ich bin es leid, rolle es ein, aber so sehr ich auch an der Leine ziehe, die Rollfock bewegt sich keinen Millimeter. Vorne hat sich die Leine um die Trommel gelegt, da kann sich nichts bewegen. Auf allen Vieren kriche ich nach vorne, immer eine Hand am Schiff. Auf dem Bauch liegend drehe ich die Trommel einmal um die eigene Achse, jetzt ist die Leine frei, ich kann das Vorsegel einholen. Uff, nochmal gutgegangen. Zweite Maßnahme: der Pinnenpilot muss her. Eingesteckt und angeschaltet, auch wenn die dauernden Aussetzer keinen Spaß machen. Aber jetzt habe ich endlich Muße, mich dem Schauen hinzugeben, die See zu beobachten, die Wellen, wie sie von achtern unter dem Schiff durchrauschen, zunehmend abnehmend im Seegang, also der Wellenhöhe. Bei achterlichem Wind und Seegang giert das Schiff hin und her, der Mast schwankt um seinen Ruhepunkt, ich muss mich festhalten. Und das bei Windstärke vier, abnehmend Richtung drei. Es ist der Seegang der letzten zwei bis drei Tage, der noch lange nachwirkt, auch wenn der aktuelle Wind das Wasser in Ruhe lässt.
Gegen vier Uhr erreicht mich der erste Telefonanruf von Barbara, sie macht sich schon Sorgen, wo ich den bliebe. Inzwischen ist die Küste von Kühlungsborn bereits schemenhaft erkennbar, aber es sind noch etliche Seemeilen, wie mir der Kartenplotter sagt. Genau kann ich es nicht wissen, der kleine Kreis auf dem Bildschirm des Plotters zeigt mit seinem Leitstrahl die Richtung an, unten an der Karte ist ein kleiner Maßstab, der mir zeigt, wie der Plotter seine Signale verarbeitet. Der Maßstab ist z.B. 1 Seemeile, jetzt muss ich abschätzen, wie groß der Abstand zwischen dem Boot, als Kreis, und dem Ziel ist. Ziemlich ungenau, ob acht oder zehn Seemeilen ist schwer zu sagen.

Allmählich kommen die großen weißlich hellen Ferienappartements von Kühlungsborn ins Bild. Sie dienen mir als Orientierungspunkt. Nördlich davon ist der Hafen, von ihm nichts zu sehen. Aber gegen 17 Uhr werden die ersten Masten sichtbar, die Steinmole, die den Hafen gegen die Ostsee abschirmt, auch die gelb-scharze Untiefentonne, die eher rotschwarz aussieht. Von gelb war da nichts mehr zu bemerken. Dann die Hafeneinfahrt, die weiß gestrichenen großen Felsblöcke lassen auch nachts die Zufahrt deutlich erkennen. Und da steht sie schon am Steg E, am Kopf, winkt mir zu mit einer weißen Serviette. Sie hat schon einen Platz gefunden, grünes Schild, E42, mit Seitensteg, wie in Kühlungsborn seit langem üblich. Eben eine Vier-Sterne-Marina, wie sich später herausstellt. Mit Vier-Sterne-Preisen, in denen aber auch alles drin ist, Duschen ohne Münzen oder Karte, WLAN und mit Parkplatzpreisen von 12.-€ pro Tag. Tja, man kann eben nicht alles haben!!!

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Mittwoch, den 27. Juni: Warnemünde - Hohe Düne

Auch die 2. Fahrt ins 13 Seemeilen entfernt liegende Warnemünde ist noch keine so richtige Routine, obschon jetzt manches geläufiger funktioniert, w.Z. der Abbau der Kuchenbude, was wir früher immer abends gemacht haben.
Gegen halb elf ablegen ist von einem Seitensteg kein wirkliches Problem, auch der Wind im Hafen so schwach, dass ich nicht gleich abgetrieben werde. Raus aus dem Hafen, danach die offene See, der Wind von vorne, aus Nordwest, Stärke 3-4, der Seegang einen halben Meter. Mit einigem Abstand vom Land mache ich das Vorsegel auf, aber so hart am Wind macht die Yacht gerade mal 1,7 Knoten, zu langsam, um wirklich vorwärts zu kommen. Und noch liegen 13 Seemeilen vor mir, mit Wellen von vorne, etwas seitlich von backbords. Das Vorschiff tanzt auf und nieder, Brecher kommen vorne über, wenn ich mich nicht rechtzeitig ducke, bekomme ich die kalte, salzige Dusche ab. Die Sprayhoodscheibe ist bald voller Sakzkristalle, wird zunehmend undurchsichtiger.
Ich schalte den Pinnenpilot ein, jetzt wird die Fahrt zumindest für mich ruhiger. Stetig gleitet das Boot durchs Wasser, hin und wieder begegnet mir ein Segler oder einer überholt mich.
Stunden später kommen von backbord aus die großen Fährschiffe in Sicht, die Warnemünde anlaufen. Die Fähren nach Schweden und Finnland, oder Estland. Der Tonnenstrich wird sichtbar, als ich ihn erreiche, drehe ich nach Steuerbord, jetzt 170 ° laufend auf den Hafen Hohe Düne zu. Erst als ich am Steinwall zu meiner Linken vorbei bin, merke ich, dass ich die Hafeneinfahrt verpasst habe. Also nochmal zurück, die Trackrouten der vergangenen Jahre auf dem Kartenplotter zeigen mir, wie genau ich fahren muss.


I
m Hafen ist es ruhiger, kein Auf und Ab-Geschaukele, ich fahre den Steg B ab, Steg C, aber keine Barbara in Sicht. Naja, dann muss ich eben alleine anlegen. Schließlich war das 2016 mein tägliches dreimonatiges Brot. Also, grünes Schild suchen, und bei C45 reinfahren. Den in Lee gelegenen Poller erwische ich, den in Luv nicht mehr. Dann vorne festmachen und mit Hilfe der Leine zwischen den Pollern und dem Steg mich zurückziehen, Leine anlegen und das Schiff jetzt richtig vertäuen.
Der Rest ist wieder Routine, aufräumen, Strom legen, und warten. Zum Glück habe ich noch meine Bütterchen von der Fahrt, dazu zwei Bananen.
Gegen kurz vor drei erwische ich meine Frau endlich auf dem Mobiltelefon. Sie hat sich großzügig verfahren, verschiedene geplante Aktionen mit Einkaufen in Kühlungsborn klappten  nicht und schließlich musste sie mit der Fähre über die Warne rübersetzen, was gar nicht geplant war, aber das Navi eben so vorgab. Pech, wenn man dann zuwenig Kleingeld dabei hat und einiges unternehmen muss, um an Geld zu kommen.

Nachmittags, nach einen kleinen Imbiss in der feinen, sehr feinen und sehr teuren Yachthafenresidenz - man ist schließlich ein 5-Sterne-Hafen - das erste Rudelgucken in der Bootshalle. Die WM erwischt einen auch in jedem Hafen. Die Koreaner gewinnen verdientermaßen, das Publikum ist enttäuscht. Auch so eine Erfahrung, die erste dieser Art
.

Am nächsten Tag wieder mal eine Ent-Täuschung der besonderen Art. Laut Hafenplan eines großen deutschen Seekartenverlegers gibt es auf jedem Steg Waschhäuschen mit Toiletten. Nicht aber auf Steg C, nur B, D und weitere. Dann die 2.Pleite: Der elektronische Schlüssel vermag nicht die Tür aufzuschließen. Nach vier Waschhäuschen auf zwei Stegen geht es marsch ins Hafenbüro. Umständliches Herumgesuche auf zwei PCs nach  Schiffsnamen und Eigner. Ja, der Key wäre bis zum 30. Juni freigeschaltet. Wieder zum Steg D, aber kein Erfolg. Die Tür bleibt zu!  Ein gegenübgerliegender Bootsbesitzer schließt die Tür und klärt mich auf: Der Key gelte nur für das Waschhäuschen beim Hafenmeister, ebenso für die Toiletten dort. Die WCs auf den Stegen seien den Liegeplatzbesitzern vorbehalten, seit vor einem Jahr vandalierende Charter-Segler wohl das Mobiliar zertrümmert haben. Die Gastlieger müssen also nach vorne wandern, und hier auf Hohe Düne sind das ziemliche Entfernungen. Wenn's da mal pressiert!!!
Aber im Hafenbüro kein Wort dazu. Was wäre es für ein Problem gewesen, einen darüber zu informieren? Oder muss der Schein des 5-Sterne-Hafens auf jeden Fall gewahrt werden? Viel  Luft und nichts dahinter!
Mal sehen, was noch für Überraschungen kommen!
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Dienstag, den 03. Juli: Barhöft

Alles scheint gut zu laufen für den heutigen langen Fahrtag nach Barhöft. Das Aufstehen um sechs Uhr klappt, Frühstück, Toilette, Bütterchen fertigmachen, das Schiff aufräumen, die Kuchenbude abbauen. Dann endlich Start um 8.30 Uhr, aber der Motor orgelt nur herum, der Anlasser funktioniert, aber die Maschine springt nicht an. 2., 3. Versuch, Ratlosigkeit, leichte Panik. Vielleicht soll es einfach nicht sein, an diesem schönen, hellen, sonnenklaren Tag die lange Strecke nach Barhöft zu fahren, es sind ja auch gerade mal 50 Seemeilen!
Anruf beim Hafenkontor, aber keiner geht ans Telefon. Also vorlaufen, die Dame aus dem Büro lächelt mich an: "Wir haben heute ein Problem mit unserer IT-Abteilung"! So nennt man das heute, wenn die Telefonanlage nicht funktioniert. Immerhin versucht sie, einen Mechaniker zu erreichen, aber wie gesagt das IT-Problem. Also gibt sie mir die Nummer, ich rufe selbst an. Ja, in etwa einer halben Stunde könnte jemand da sein, welcher Motor, an welchem Steg wir liegen. Ich wieder zurück zum Boot, krame schon in der Betriebsanleitung, mache die Motorklappe auf. Es klingt ja so, wie wenn die Maschine keinen Sprit bekäme, aber der Tank war ja neulich nicht leergefahren. Ich suche die Pumpe für den Treibstoff, gebe aber nach zwei Minuten auf. Zu fremd ist mir hier alles, lieber auf den Fachmann warten. Nochmals ein Startversuch, und da hätte mir das hohe Piepen eigentlich schon alles sagen müssen. Und jetzt merke ich erst, was los ist: Der Abstellhebel ist nicht zurückgeschoben, der Motor kann gar nicht anspringen. Also, Hebel zurück und wie gewohnt springt die Maschine sofort an. Ich könnte mich an den Kopf hauen, aber alles menschlich, jeder macht mal Fehler.

Nachdem dieses Problem gelöst, der Mechaniker wieder abbestellt, geht es endlich um 9.15 Uhr hinaus auf die Einfahrtsrinne nach Warnemünde, bis wir genügend Abstand vom Land haben und ca. 45° nach Osten fahren. Leider nur wenig Wind: Windstärke 2 aus Nordwest. Drei war vorhergesagt, in Böen vier, aber das war wohl ein Wunschtraum. Also motoren wir, stetig nach Nordosten fahrend, die Wellen schieben uns ein bisschen mit, es herrscht nur leichter Seegang, die Sonne knallt vom Himmel herab. Wir sind gut eingecremt und nach kurzer Zeit muss der Pinnenpilot die Arbeit des Steuermanns übernehmen.

Gegen zwei Uhr kommt die Landspitze von Darßer Ort in Sicht, deren Flachs wir großzügig umfahren. Drei schwarz-gelbe Tonnen warnen vor den hier lauernden Untiefen.
Danach, der Wind hat aufgefrischt, leichte Schaumkronen sind zu sehen, aber nicht stabil, versuchen wir es mit dem Vorsegel. Im Schnitt machen wir unter vier Knoten, da wären wir dann nachts um 12 Uhr im Hafen. Das ist uns zu lange, nach einer halben Stunde geben wir auf und schalten die Maschine wieder auf 2250 Umdrehungen, das heißt mit etwas mehr als 5 Knoten geht es weiter.

Allmählich nimmt der Seegang zu, wir fahren jetzt etwas mehr als 90° Richtung Gellen, dem südlichen Teil der Insel Hiddensee zu. Das Wasser wird flacher, bei einer Untiefe haben wir nurmehr nur einen Meter unterm Kiel. Um 17.45 Uhr schreibt Barbara ins Logbuch: "So langsam reicht's!" Die Schaukelei bei den achterlichen Wellen, die uns mal von links, mal von rechts unterlaufen, die knallige Sonne, kein Schatten weit und breit, es ist anstrengend, der Wind zehrt einen aus und die lange Strecke geht uns auf die Nerven. Aber es gibt eben keine Haltestelle, um mal kurz auszusteigen, wir müssen das durch stehen. Ca. gegen fünf Uhr vergrößere ich den Maßstab des Kartenplotters und bemerke zu meinem Schrecken, dass wir geradewegs auf eine Untiefe zufahren. Im größeren und gröberen Maßstab war die nicht zu sehen. Also Kursänderung auf 45°, um auf die Gellenrinne zuzusteuern, dem etwa drei Meter tiefen Einfahrtskanal Richtung Insel Bock und damit Barhöft. Kurz vor sechs Uhr erreichen wir den Tonnenstrich, jetzt heißt es genau zu schauen, immer rückwärts, der seitliche Wind treibt uns nämlich aus der Fahrrinnne raus. Links und rechts davon ist das Wasser vielfach nicht einmal einen Meter tief! Endlich geht der Gellenstrom in die Barhöfter Rinne über, an deren Ende sich der Tonnenstrich in den Schwedenstrom und die Fahrstraße nach Zingst/Barth trennt. Jetzt noch die letzten Meter in die Rinne zum Barhöfter Hafen und endlich können wir um zehn Minuten vor sieben Uhr den Motor ausmachen. Im letzten Winkel am Mittelsteg können wir an einem Alu-Schiff und dem Steg festmachen, finden noch einen freien Stromanschluss und endlich ist Ruhe.

Über neun Stunden waren wir für die 50 Seemeilen unterwegs, sind reichlich geschafft, aber auch stolz darauf, es hingekriegt zu haben. Das war mehr als eine Leistung, und ein reichliches Essen wäre angesagt. Aber die Reste des Kartoffelsalats mit einem frischen Tomatensalat und geräucherter Makrele munden auch großartig. Wir sind einfach nur fertig von diesem langen Tag in grellem Sonnenlicht, wenigstens wurde die Hitze durch den Wind etwas gemildert.

Am nächsten Morgen werde ich beim Frühstück gestört: der Hafenmeister will, dass wir uns umlegen. Also Stromkabel an Bord nehmen, Leinen los und mit seiner Hilfe fahre ich an den Kopf des Steges. Da liegen wir am weitesten entfernt vom Hafenbüro, mit der Konsequenz langer Wege und kein Empfang des ohnehin lahmen WLAN-Netzes. Später am Tag kommt mir die Idee, dass die Empfangsqualität mit der Menge der Masten zwischen Sendestation und WLAN-Antenne an Bord zu tun haben könnte. Wir ziehen das Schiff an den Anfang des Kopfsteges, so dass keine Masten mehr im Wege sind. Und siehe da, die Empfangsqualität ist sichtbar besser, die Verbindung reisst nicht dauernd ab und so können wir endlich Mails und Wettterdaten wieder empfangen.
Einkaufen in Prohn und Diesel holen an einer Tankstelle in Stralsund stehen dann auch noch auf dem Tagesprogramm, das reicht dann für den Tag. Abends gibt es leckeren Salat und Spiegeleier, der Rest des Abends gehört dem Lesen spannender Geschichten. 

Barhöft ist in diesem Sommer eine Baustelle. Nachdem der Haufen aus der kommunalen Verantwortung freigepachtet wurde, hat ein privater Investor die Anlage übernommen. Am früher beschaulichen Westteil sind neue Stege und Seitenanleger gebaut, aber die Stege sind wie die Bauarbeiten am Rande des Hafens nicht fertig. Schwere Baumaschinen dröhnen immer wieder durch die Stille. Und es scheint alles sehr langsam voranzukommen. Eine der Folgen ist wohl, dass es am einzigen Mittelsteg kein Wasser mehr gibt, nur noch an der Kaimauer. Und auch nicht jede Steckdose führt Strom. Aber immerhin machen die zwei quirligen Hafenmeister ihren Job zur vollen Zufriedenheit der ankommenden und abfahrenden Segler. Auch wenn es am frühen Abend voll wird und dann an der Kaimauer die Päckchen von zwei oder drei Schiffen liegen. Aber die meisten bleiben eh' nur eine Nacht, nur das Starkwindwetter hat jetzt dieser Tage doch mehrere Freizeitkapitäne dazu veranlasst, auch zwei oder drei Nächte hier zu verweilen.

Abb. 02: Baustelle Hafen Barhöft
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Sonntag, den 08. Juli: Glowe

Heute ist wieder einmal ein Zeit- und Wetterfenster, um unser nächstes Ziel zu erreichen: Glowe an der Nordküste Rügens. Kurz nach 10 Uhr schnurrt der Motor los, er hat es mir auch nicht übel genommen, dass ich mindestens mehrere Stunden lang am Abend zuvor die Zündung anließ. Mein Gott, schon ein sehr stabiles Teil, dieser Volvo-Penta MD2020. Und bis auf menschliche Fehler wie nicht hineingedrückte Abstellhebel sehr zuverlässig.
Zuerst fahren wir Richtung Insel Hiddensee den Weg zurück, den wir hier gekommen sind. Schön zwischen den Tonnen, außerhalb ist es sehr untief. Stellenweise so flach, dass die Möwen mit den Füßen auf dem Sand stehen. Die Barhöfter Rinne führt dann in die Gellenrinne, die bis zur Mitte der Insel Hiddensee - jetzt steuerbords von uns - läuft. Danach beginnt es auch jenseits und diesseits der Fahrstrecke so tief zu werden, dass man gefahrlos in den Wind drehen kann, um Segel zu setzen. Aber das ist bei uns nicht drin: Wir müssen nach Norden, der Wind kommt aus Norden. Wenn wir später nach Nordosten wenden, dreht er hoffentlich nicht ebenfalls.

Gegen 11 Uhr, an der Hucke Kloster vorbei, also schon ziemlich nördlich, versuchen wir es mit dem Vorsegel. 2,4 Knoten, mehr ist nicht drin. Mit dem Groß wäre es ein Knoten mehr. Das bedeutet, spät anzukommen. Aus Barhöft wissen wir, was das dann heißt: am letzten Platz - wie bei unserer Ankunft - oder im Päckchen. Also Vorsegel wieder rein, den Pinnenpilot angestellt und in Richtung Nordost, bis wir Hiddensee und den Leuchtturm Dornbusch hinter uns lassen, die Libben-Bucht zu unserer Steuerbordseite und vor uns die Küste von Wittow, diesem Halbinselteil der Insel Rügen. Zu unserer linken Seite, also backbords, die Weite der Ostsee. Hinterm Horizont liegt Dänemark, weiter östlich Schweden.

Kurz vor ein Uhr passieren wir den Dornbusch, der Wind hat inzwischen etwas abgenommen, aber die Dünung arbeitet gegen uns. So machen wir auch nicht mehr als fünf Knoten, obwohl die Maschine etwas mehr als 80% der optimalen Drehzahl läuft. Die abwechslungsreiche Küste ist gut zu sehen, da der Wind etwas auflandig ist, halten wir respektvollen Abstand. Immer wieder kommen wir an herrlichen Sandstrände vorbei, einsam gelegen, von teils hügeligem Grün eingegrenzt. Viele Menschen sieht man nicht, aber die Sandstreifen selbst sehen sehr schön aus. Natürlich macht alles einen anderen Eindruck, wenn man vor Ort ist, wir haben ja immerhin eine Entfernung von einer halben bis eine Seemeile, also ca. ein bis zwei Kilometer.

Gegen 15 Uhr erreichen wir Kap Arkona, den nordöstlichsten Teil von Rügen. Das Kap entpuppt sich als steile Felsküste, wunderschön anzusehen und mit jedem Meter sich immer etwas verändernd. Je nach Lichteinfall sind mehr die felsigen Teil hervorstechend, zwischendurch auch mal etwas sandige Abhänge. Oben erkennen wir mehrere Leuchttürme, von denen aber wohl nur einer in Betrieb ist.

Nach Kap Arkona führt der Kurs strickt nach Süden. Kurz vor vier Uhr wird Glowe sichtbar, an den weißen Häusern und den roten Dächern der Reha-Klinik. Bald sehen wir auch die Steinmauern des Hafen, jetzt wird von Hand gesteuert, weil es da Steine geben soll und einige sandige Untiefen diesseits der nördlichen Molenmauer. Kurz vor halb fünf können wir nach einem perfekten Anlegemanöver den Motor ausmachen, es waren 32 Seemeilen und fast sieben Stunden Fahrt in der knalligen Sonne, aber der Wind hat uns gut gekühlt. Wieder mal geschafft, ein nächster Schritt in Richtung Polen.

Abends lassen wir es uns gut gehen in einem Dorf-Restaurant, das Essen sättigt uns, auch wenn wir schon mal besser gespeist haben. Aber nach mehr als sechs Stunden ist eben manchmal kein Kochen mehr drin und was Warmes war schon gut für unsere Mägen.


Abb. 03: Leuchtturm Dornbusch auf Hiddensee


Abb. 04: Beschauliche Sandstrände auf Wittow


Abb. 05: Kap Arkona
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Freitag, den 13. Juli: Lohme

Es ist kein großer Schritt von Glowe nach Lohme, aber ein weiterer auf unserem Weg nach Osten. Viertel nach elf verlassen wir den Hafen, fahren nördlich auf die 7-Meter-Tiefe-Zone und dann östlich ungefähr 90°. Nach eineinviertel Stunden erreichen wir das 6 Seemeilen entfernte Lohme, ein kleiner, schnuckeliger Hafen, unten an einem steilen Berghang gelegen, oben das ebenso kleine Dorf, durch eine Treppe mit über 200 Stufen verbunden. Die enge Hafeneinfahrt wird schnell durchfahren, im Hafen selbst gibt es zwei Stege, wir suchen uns den Platz, der am nächsten dem Hafenbüro liegt. Es wird an Pfählen festgemacht und klappt wunderbar, wir sind eben ein eingespieltes Team. Nach kurzer Zeit offenbart sich der Grund, warum Lohme nicht stärker frequentiert ist, denn bei unserer Ankunft liegen gerade mal vielleicht 5 auswärtige Schiffe hier, Schweden und Dänen. Es riecht hier etwas streng nach Faulgasen, sprich Methan, das aus dem Hafengrund blubbert. Und das ändert sich auch nur wenig, als später der Wind zunimmt. Auch wenn der Hafen einen künstlichen Zufluss hat, er ist wohl zu eng, um genügend Frischwasser durchzulassen.

In Lohme ist alles für das heutige und morgige Hafenfest aufgebaut. Festzelt, Bierstand, eine überdachte Bühne. Ab dem Nachmittag reger Verkehr, Bierstand und Grill werden mit Vorräten aufgeladen. Dann kommt später der Bürgermeister, hält eine kurze Rede, danach folgt ein Hafengottesdienst, bei dem der Gemeindepfarrer lange über die Gefahren der Seefahrt und die Verantwortung des Kapitäns spricht. Ab ungefähr sieben Uhr dann der Soundcheck der Gruppe "Nervlinge", uns  völlig unbekannt. Eine quecksilbrige junge Frau und drei andere Musiker spielen ihre eigenen Sounds, die gut klingen, auch wenn der Reggae-Rhythmus auf die Dauer etwas nervt. Sie, das Energiebündel, erzählt zwischen den Songs immer lange Geschichten über deren Entstehung und über ihre Weltreise, die vor zwei Jahren stattgefunden hat. Bei den Songs tanzt die Entertainerin auf der Bühne, machmal wie ein Derwisch, dazwischen aber auch ruhiger. Sie hat es drauf, ist der Kraftmotor der Gruppe, die anderen ergänzen sie mit ihren Instrumenten. Mal spielt sie Mundharmonika, mal mit einer kleinen Posaune oder Ukulele. Um elf Uhr abend ist alles vorbei, danach kommt nach eine halbe Stunde Schlagermusik, dann ist endlich Ruhe. Am nächsten Tag soll es dann eine Regatte geben, aber da sind wir schon nicht mehr da. Die olfaktorische Belästigung und die fehlende Versorgung verleiten uns nicht dazu, länger als eine Nacht hier zu verweilen!

Abb. 06: Hafengebäude Glowe



Abb. 07: Hafen Glowe
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Samstag, den 14. Juli: Kröslin

Endlich ein Tag zum Segeln: Es sind vier Beaufort Windstärke vorausgesagt, ohne große Böen, mit Sonne und ca. 17 °C Lufttemperatur. Bis auf die Sonne stimmt alles, auch die Windrichtung West-Nordwest. Trotz der frischen Brise im Hafen, dem Seitenwind, gelingt uns das Ablegemanöver gut, dank der langen Leine, mit der ich als Einhandsegler 2016 gute Erfahrungen gemacht habe. Am Hafenende gewendet, fahren wir mit Vollgas aus der engen Mündung heraus, draußen empfängt uns die Ostsee mit ziemlichen Wellen und Dünung. Nach Erreichen der 7-Meter-Tiefe-Zone geht es ostwärts, an der Nordküste Rügens entlang, bis wir am Hankenufer immer weiter südlich fahren, in einem weiten Bogen um Stubnitz herum. Die berühmten Kreidefelsen von Rügen kommen in Sicht, leider sind sie nicht sonnenbeschienen und deswegen noch beeindruckender, der Himmel ist grau verhangen, selten gibt es mal ein blau scheinende Lücke mit etwas Sonne. Aber auch so sind die Kreidefelsen gewaltig, die verschiedenen Formationen bis nach Klein Helgoland wechseln einander ab, viele Fotos werden gemacht.

Wir rauschen daran vorbei, allein mit der großen Genua machen wir zwischen fünf und sechs Knoten, die Wellen schieben uns auch noch etwas, mal von hinten, mal von der Seite. Es schaukelt ordentlich, auf und ab, wenn große Wellen sich von achtern unter uns durchschieben, ist es die reinste Berg- und Talfahrt. Ab dem Leuchtturm Kollicker Ort wird es ruhiger, die Landabdeckung sorgt dafür dass die Wellen nicht so hoch sind, es kann sich noch keine lange Dünung ausbilden. Danach geht es ziemlich südlich, mit einem Kurs von 167°, der Pinnenpilot muss ran, wir können schauen und uns ganz der Schaukelei überlassen.

Allmählich kommen wir in die große Bucht der Prorer Wiek, jetzt werden Dünung und Wellen stärker, aber die Automatik hält gut den Kurs. So geht es ca. drei Stunden lang, bis wir am Nordperd östlich von Mönchgut auf südwestlichen Kurs wechseln. Nach fünf Seemeilen oder einer Stunde erreichen wir den Tonnenstrich vom Landtief, der uns bis zum Böttchergrund führt. Noch können wir segeln, auch wenn jetzt der Wind vorlicher kommt und wir hart am Wind fahren. Aber auch hier machen wir um die fünf Knoten, und das mit einem Segel. Das Groß hätte uns einen Knoten mehr gebracht, aber auch mehr Schräglage und wir haben es nicht eilig. Kröslin ist ein so großer Hafen, da findet sich immer noch ein Platz, auch wenn man spät ankommt.


Am Böttchergrund geht es wieder südöstlich, nach den ersten vier Tonnen kommt eine ganz schmale Rinne, die uns zum Knackrücken leitet. Mehrmals verwechsle ich grüne Tonnen mit gelben Gefahrentonnen, das Licht ist schon grell und die Anstrengungen der Fahrt machen sich langsam bemerkbar. Nach dem Knackrücken führen die Tonnen in den Peenestrom, aber auch da hört die Schaukelei noch nicht auf. Der Wind bläst nach wie vor mit Stärke vier aus West, erst in der Einfahrt zum Krösliner Hafen wird es ruhiger. Dank der Schwimmstege ist auch das Anlegen mit achterlichem Wind kein Problem, wir bekommen Hilfe von zwei starken Männerhänden.

35 Seemeilen haben wir in 7 Stunden geschafft, dabei nur etwas mehr als eine Stunde mit dem Motor. Endlich ein Segeltag, wenn auch etwas anstrengend, aufgrund der Länge, des nicht gerade warmen Windes, und der doch ziemlichen Schaukelei in den letzten zwei Stunden. Aber wir haben es geschafft und sind jetzt nur noch wenige Seemeilen von Ueckermünde weg, dem eigentlichen Ausgangspunkt der Reise. 

Abends gönnen wir uns ein gutes Essen im Hafenrestaurant und fallen früh in die Koje. Der Tag war anstrengend, aber auch irgendwie schön und gut. Alte Erinnerungen an frühere Segeltouren tauchen immer wieder auf, aber jede Fahrt ist anders und bringt neue Erfahrungen mit sich.


Am Donnerstag, den 19. Juli mache ich einen Ausflug ins Dorf Kröslin, auch auf der Suche nach einem Bäcker außerhalb des Marina-Verbundes. Nach wenigen Metern auf dem Weg zur Kirche komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch. Sie erzählt mir auf die Frage, ob es hier noch einen Bäcker gäbe, dass früher mal drei! Geschäfte das Dorf und die umliegenden Gemeinden versorgt hätten, dazu drei Metzgereien. Aber heute sei der Laden in der Marina der einzige, da kaufe auch die Dorfbevölkerung ein, sofern sie nicht mit dem Auto oder Bus nach Wolgast fahre, 8 Kilometer weiter entfernt. So wie fast überall auf dem Lande: Die Jugend zieht in die Städte, dort übernehmen die Discounter das Geschäft der Versorgung mit Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs, und in den Dörfern stirbt der Handel weg. Wer sich nicht anpassen kann oder will, muss schauen, wie er über die Runden kommt. Und hier betrifft das Kröslin als Mittelpunkt der Gemeinden Kröslin, Freest, Spandowerhagen, Hollendorf, Karrin.

In der gotischen Christophorus-Kirche von 1305 findet man interessante Details des sozialen Lebens. Sicherlich mit am Ältesten ist die Zuteilung der Bänke zu den Dörfen und Flecken: Die Bänke sind mit Cröslin/Kröslin, Peenemünde, Freest, Carrin/Karrin, Mittelhof, Groß-Ernsthof und Voddow gekennzeichnet. Als Einwohner von Kröslin konnte man sich also nicht einfach in die Bank von Freest setzen. So war die Anzahl der Gottesdienstbesucher für den Pastor immer überschaubar.
Unter der Adresse https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_Kr%C3%B6slin finden sich weitere interessante Details aus der Geschichte der Kirche. Auch zwei Kalkmalereien, ein großes Bild von Christophorus und ein kleineres über die Kirche (?), mit Gegenständen des Gottesdienstes versehen, dazu aber auch schwer interpretierbare Muster und Figuren, sind in der linken Ecke zu sehen. 

Am auffälligsten für mich aber sind die vielen Gedenktafeln an die Gefallenen der Kriege von 1864 (Deutsch-Dänischer Krieg),  1866 (Deutscher Krieg), 1870/71 (Deutsch-Französischer Krieg)  und dem ersten Weltkrieg 1914-1918. Welch ein Blutzoll, den diese Dörfer entrichtet haben, wenn man die zahlreichen Namen der Gefallenen liest! Der Text auf der Gedenktafel spricht für sich selbst, heute sehen das die meisten Menschen hoffentlich anders!


Abb. 08: Hafen Lohme


Abb. 09: Kreidefelsen von Stubnitz auf Rügen


Abb. 10: Kreidefelsen ein paar Meter weiter


Abb. 11: Kirche in Kröslin


Abb. 12: Gedenktafel an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges
Freitag, den 20.Juli: Świnoujśie/Swinemünde

Pünktlich um 10 Uhr legen wir in Kröslin ab, der Weg nach Świnoujśie ist lang, 34 Seemeilen wird uns der Kartenplotter am Ende zeigen. Bei Wind aus nordwestlicher Richtung Stärke 3-4 und moderatem Seegang geht es erstmal dem Tonnenstrich entlang, bis wir endlich auf der freien Ostsee sind, wo wir problemlos die Segel hochziehen können. In den teils engen Fahrstrecken zwischen den Tonnen haben wir uns das nicht getraut, sind wir doch bezüglich Auflaufen auf Untiefen gebrannte Kinder. Kurz vor 11 Uhr können wir erst das Vorsegel entrollen, später zum ersten Mal das Großsegel. Und wie nach Murphy zeigt sich jetzt, dass es doch besser gewesen wäre, das einmal im Hafen auszuprobieren. Die Reffleinen laufen nicht problemlos mit, das Groß lässt sich nicht einfach bis zum Topp hochziehen. Erst mehrfaches kräftiges Ziehen an den Reffleinen, die durch den Baum verlaufen und ziemlich schwergängig sind, und das bei schaukelndem Boot, lassen danach das Großsegel ganz hochziehen. Auch die beiden Bullenstander, die wir dann nacheinander brauchen, laufen noch nicht so richtig, sie lassen sich nur schwer spannen, weil zumindest bei dem steuerbordseitigen irgendwo das Fahrrad die Leinen behindert. Letztlich klappt aber doch alles, ohne dass einer ins Wasser fällt, bei dem Seegang bis zu einem Meter jetzt auch nicht mehr lustig.

Mittlerweile kommt der Wind genau von achtern, das Vorsegel schlackert mal nach links, mal nach rechts, dank des Bullenstanders wird eine  Patenthalse verhindert, auch wenn der Baum hin und wieder kräftig ruckelt. Wir rollen das Vorsegel ein und segeln noch mehr als eine Stunde alleine mit dem Groß.

Kurz vor zwei Uhr schläft der Wind immer mehr ein, zuletzt hatten wir nicht mal mehr drei Knoten gemacht. Jetzt muss die Maschine wieder ran, bei von achtern kommender Dünung wird das jetzt ein Schiff-Schaukel-Kurs, das Boot rollt. Mit unseren 5 Knoten fahren wir Richtung Tonnenstrich Świnoujśie, bis das mächtige Sperrwerk vor der breiten Flussmündung immer deutlicher sichtbar wird. Die Dünung wird immer mächtiger, aber wir haben es bald geschafft, der breite Fluss wird immer klarer und bald sind wir auch jenseits der beiden Leuchtfeuer, das Wasser wird ruhiger. Jetzt noch eine kleines Stück flussaufwärts, dann kommt der Hafen Marina Polnocna (Nordmarina) zur rechten Seite  in Sicht.

Mit über 300 Liegeplätzen ist das die mittlerweile einzige Marina in Świnoujśie. Die anderen drei Marinas sind für Gastlieger nicht ausgelegt, schreibt jedenfalls Jörn Heinrich in seinem Törnführer "Küstenhandbuch Polen und Litauen", Auflage 2013. Großzügig angelegt, mit  Schwimmstegen und  Hausbooten, viel Platz zwischen den Stegen links und rechts, sind wir erstmal positiv überrascht, bis wir auf der Fahrt Richtung Hafenkontor, am Ende der Anlage, registrieren, dass die dem Hafenmeister nächst gelegenen Stege alle reserviert sind für die Dauerlieger. Also wieder zurück, und den ersten freien Platz genommen, der sich uns bietet. Der Steg mit Seitenanlegern ist mit einem Tor versperrt, reinkommen kann nur, wer eine entsprechende Karte hat. Strom und Wasser muss extra bezahlt werden, wie ich nachher im Kontor erfahre, aber bei einem Liegeplatzpreis von knapp über 10 Euro ist das alles noch sehr günstig.


Ich marschiere zum Hafenmeister, aufgrund der Größe des Hafens und unseres Liegeplatzes ein gefühlt langer Weg, nach fast 8 Stunden segeln und motoren eine der letzten Anstrengungen des Tages. Vor dem Büro eine lange Schlange, drinnen zwei junge Polen, von denen der eine an einem PC laboriert, der andere das Hafen- und Anmeldebuch führt.  Die Unterhaltung mit polnischen Fragen und englischen Antworten, ein mühseliges Hin und Her, aber irgendwann ist alles geklärt, woher wir kommen, wohin wir wollen, Bootsname, Eigenername, Länge des Bootes, Liegeplatz. Dann bezahlen per Kreditkarte, zum Glück möglich, weil wir noch kein polnisches Geld haben. Ich bekomme die Zugangskarte, auch für das Waschhaus und die Toilette. Alles erledigt, jetzt kann der Strom bezahlt werden, Wasser brauchen wir noch keines. Zum Essengehen sind wir zu müde, ein paar Nudeln mit Pestosauce müssen jetzt auch reichen. Früh gehts in die Koje, aber ich kann lange nicht schlafen, zu aufgedreht aufgrund der langen Fahrt, der vielen Sonne, die überwältigenden Sinneseindrücke.

Morgens gehts früh wieder raus, ein paar Stunden bis Ueckermünde, von da holen wir unser Auto, das noch in Barhöft steht.


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Samstag, den 21. Juli; Ueckermünde

Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel, leider nur Windstärke 2, legen wir kurz nach elf Uhr in Świnoujśie ab. Es geht die Swina hoch, dann über den Kaiserkanal in das Stettiner Haff. Zum Glück kennen wir den Weg ab dort bis Ueckermünde, die Untiefen, auf denen wir 2015 einmal festgesessen sind. Der Kaiserkanal ist jetzt nicht gerade sehr spannend, aber ordentlich breit, sauber angelegt, die Bewaldung links und rechts erinnert ein bisschen an die Fahrt auf der Oder. Immer wieder Angler, Ruhesuchende, die auf ihren Campingstühlen sitzend die Landschaft und Ruhe genießen. Ein paar Segelboote unter Motor kommen uns entgegen, aber kein Frachter. So tuckern wir bis ans Ende, und dann über verschiedene Tonnenstriche bis Üeckermünde. Auf dem Haff übernimmt der Pinnenpilot die Arbeit, jetzt ist Ruhe und Muße, die Reise zu genießen. Segeln wäre schöner, aber das schon fast ölige Wasser lassen nur eine schwache Brise vermuten, die ein wenig die Hitze mildert, die sich jetzt immer mehr breit macht.

Kurz vor vier Uhr kommen wir in der Marina Lagunenstadt an, jetzt ist erstmal Ruhe angesagt. Einmal noch müssen wir das Boot an einen anderen Liegeplatz verholen, auf dem wir die nächsten Tage bleiben können. Auf dem Weg von und zum Hafenmeister treffen wir Mike von Deetzen wieder, bei dem wir vor drei Jahren überwintert haben, was wir ja dieses Jahr wieder vorhaben. Die Wiedersehensfreude ist auf beiden Seiten groß. Er hat sich mittlerweile ein  Motorboot gekauft, das sich gegenüber unserem "schwimmender Wohnwagen" wie ein "schwimmendes Schloss" anfühlt. Zweigeschossig, mit viel Platz, viel Länge und viel Breite. Tja, jeder so, wie er mag. Mike hat viel zu erzählen, unsere Geschichten werden wohl später kommen.

Auch diese Nacht fallen wir früh ins Bett, lange kann ich nicht einschlafen, sind es doch so viele Gedanken und Bilder, die durch meinen Kopf ziehen.



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Dienstag, den 31. Juli: Świnoujśie/Swinemünde

Lange genug sind wir nun in Ueckermünde gewesen, hatten aber auch einiges zu tun. Da war einmal die Abholung unseres Autos aus Barhöft: ein Tag Fahrt mit der Bahn von Ueckermünde über Pasewalk nach Jassnitz, dort ca. eine Stunde warten und weiter über Greifswald nach Stralsund. Dort angekommen, mussten wir uns ein Taxi nach Barhöft nehmen, weil wegen der Ferienzeiten der Busverkehr sehr ausgedünnt war. In Barhöft konnten wir mit dem Hafenmeister eine  guten Preis für die mehr als drei Wochen Parkzeit des Autos vereinbaren, so dass sogar noch zu einem guten Essen im dortigen Hotel Geld blieb.

Jetzt hatten wir endlich ein Auto, um die großen Vorratskäufe für Polen zu tätigen, vor allem Wasser, Lebensmittel, andere Getränke. Diesel für das Schiff, und dies und das und jenes. Und bei der ganzen Hitze der Tage waren auch noch einige Strandtage mit drin, mit lecker Essen gehen im Strandrestaurant von Ueckermünde. Da das Wetter nicht besser wurde, was Wind und Richtung anbetraf, entschlossen wir uns zu fahren, wenn wenigstens Windstärke drei vorherrschen sollte.

Und am Dienstag war es dann soweit: Abbruch der Zelte in Ueckermünde, d.h. Leinen los und Fahrt zurück nach Świnoujśie, so wie wir hier auch von dort angekommen sind.
Die Fahrt auf dem Stettiner Haff unspektakulär, bei Windstärke drei erst aus der Gegenrichtung, dann später, als die Richtung passte, die Stärke auf zwei runterging. Da wir nicht abends abkommen wollen, bleibt der Jokel, sprich Motor an. Die Einzelheiten der Tonnen und Kursänderungen überspring ich jetzt hier, auch in diesem Moment ist es immer noch sehr heiß unter Deck und allein der Chronistenpflicht geschuldet schreibe ich diesen Bericht. Auch die Fahrt auf dem Kaiser- oder Piastowski-Kanal verläuft ganz normal, wie die Herfahrt, nur ist uns jetzt das rechte Ufer näher, die Strömung treibt mich ständig gegen das Ufer, den Pinnenpiloten musste ich außer Dienst stellen.

Kurz nach 14 Uhr haben wir die 23 Seemeilen hinter uns, finden bei Steg 11 noch einen schönen Platz, mit dem Hafenbecken als Aussichtsfläche, für das "Fern"sehen.

Anmeldung beim Hafenmeister diesmal mit einer Änderung: Da die Hafenmeister wohl des Dialogs mit den nicht polnisch sprechenden Kunden überdrüssigt sind, müssen alle Angaben auf einem Blatt Papier ausgefüllt werden, Name, Schiffsname, Länge, Liegeplatz, wann gekommen und wann wieder abzufahren gedacht ist und das nächste Ziel. Einschließlich des Heimathafen, den wir ja eigentlich nicht haben, aber wir geben immer  Lübeck an. Das passt dann schon. Die Daten werden dann in ein  Hafenbuch übertragen, das aus vielen Spalten besteht, von denen der Kunde nichts mitbekommt. Danach bezahlen in polnischen Zloty oder per EC-Karte, das geht immer. Auch gewöhnungsbedürftig: an der Tür des Büros stehen nicht die Öffungszeiten, sonden die Pausenzeiten.

Tags darauf, also heute, Einkauf, Versorgung mit frischen Lebensmitteln wie Brot und Salat. Ein etwas längerer Weg in die Stadt, in der eine ausgedehnte Fußgängerzone auf das Einkaufszentrum hinweist. Im "El Papa Cafe Hemingway" gönnen wir uns einen Eiskaffee und ein Glas Limonade, neben vier kleinen Brötchen, mit Tomaten und Mozarella bestückt. Und neben anderen zahlreichen Straßencafes und Kneipen, Wechselstuben, Banken, wenigen Supermärkten und einem großen Platz, an dem Kinder in Springbrunnen spielen, gibt es auch einen Supermarkt mit den vier Buchstaben, aber nicht dem blau-rotem Logo. Wie beruhigend, in diesem Discounter den gleichen Aufbau wie zuhause zu erkennen, was die Orientierung ungemein erleichtert. Folgen der Globalisierung, diesmal die angenehmeren?

Drei Stunden später sind wir wieder auf dem Hafengelände, gönnen uns in der Taverne ein leckeres Fischessen, Lachs mit Reis, und der Tag ist gelaufen. Abends noch Wasser bunkern, den Dieseltank auffüllen, dann kann morgen die Reise nach Dziwnów weitergehen. Bis Danzig ist noch ein langer Weg, wir müssen uns etwas ranhalten, ab Oktober wird das Wetter ungemütlich.

Eigentlich zum erstenmal haben wir mehr als nur zufälligeKontakte zu unserem Nachbarschiff, der T. aus O. Die sehr freundlichen Eigner verraten uns viele Tipps für die Polen-Fahrt, aber auch darüber hinaus führt das Gespäch am Abend zu öfters größerer Heiterkeit, als der Eigner Geschichten aus seinem bewegten Berufsleben erzählt. Spät in der Nacht fallen wir in unser Vorschiff-Schlafzimmer, trotzdem ist am nächsten Morgen einigermaßen frühes Aufstehen angesagt.

Information für Segler:
Liegeplätze:
an Seitenstegen, i.d.R. findet man auch nach 18 Uhr einen Platz
Preis: 39,50.- PLN pro Nacht, Strom und Wasser mit Aufladekarte 5 PLZ, kein Rückgeld,
Wasser und Strom an den Stegen
Zwei Wasch- und Toilettenhäuser, etwas weite Wege
WLAN umsonst, im Hafen ein Restaurant mittlerer Qualität
 
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Donnerstag, den 02. August nach Dziwnów/Dievenow

Bei leichtem Sonnenschein und fast durchgängiger Bewölkung fahren wir kurz nach 10 Uhr aus dem Hafen von Świnoujśie. Es weht Wind aus Nord-NW, Stärke 2-3, so dass Hofnung besteht, endlich mal wieder segeln zu können nach all den Motorfahrten. Und wir werden nicht enttäuscht: nach etwas mehr als einer halben Stunde, draußen vor der Reede und vor dem Sperrgebiet können wir das Vorsegel setzen, kurz danach das Groß. Mit Kurs von 65° geht es nach Osten, der Küste entlang, mehr oder weniger parallel, auf das Ziel Dziwnów ausgerichtet. Die tags zuvor gesetzen Wegepunkte im Plotter bilden nun die Kurslinie ab, der ich einfach nur folgen muss. Die Hauptarbeit übernimmt wieder der Pinnenpilot, während wir beide Zeit und Muße haben, das Meer und die Küste zu beobachten. Wenige Segler sind unterwegs, mehr kommen uns entgegen als dass uns welche folgen.
Über Land, jenseits der bewaldeten Küstenlinie, vielfach als Steilküste ausgebildet, können wir niedergehende Regenschauer beobachten. Auch über uns brauen sich dunkle Wolken zusammen, aber bis auf zählbar wenige Tropfen bleibt es trocken.

Gegen halb eins ist der Wind auf Stärke drei abgesunken, wir machen nur noch gerademal drei und weniger Knoten, Zeit also, den Jockel anzuwerfen, wollen wir nicht abends ankommen. In Dziwnów gibt es eine neue, aber kleine Marina, da wird es mit zunehmender Zeit eng werden.


Kurz vor halb drei ziehen wir vor der Einfahrtlinie des Hafens das Großsegel herunter und stellen uns auf die richtige Kurslinie ein. Je näher wir der Hafenmündung kommen, die vom Fluß Dwina gebildet wird, desto mehr nimmt der Seegang zu. Uns entgegenkommendes Flußwasser strömt gegen die Dünung und den Seegang des Meeres, gegenseitig schaukeln sich die Wellen hoch, unser Motor muss mächtig arbeiten, um gegen an zu kämpfen. Nach Überschreiten der Verbindungslinie der beiden Molenköpfe nimmt der Seegang allmählich ab und nach wenigen Minuten haben wir den neuen Hafen erreicht.

Die Marina ist in etwa halbkreisförmig gebaut, in  der Mitte ein Cafe, die Waschhäuser und das Hafenmeisterbüro. Wir machen fest an Schwimmstegen, es gibt noch Platz. Unangenehm fällt auch hier ein Speedboot auf, das mit seinem röhrenden Panzer-"Gesang" jedem noch so Tauben mitteilen will, wer hier den Längsten hat. Ohne jede Eile lässt der Besitzer das Boot warmlaufen, röhrt dann aus dem Hafen, um draußen auf See den Passagieren den Kitzel der Geschwindigkeit zu vermitteln. Was für ein Schwachsinn, da ist pures Geld-Verbrennen noch sinnvoller, weil es weniger Umweltbelastung erzeugt. Aber darum geht es nicht. Eitles Gockelgehabe, Männerspielzeug der übelsten Form, weil es auch andere mitbelastet. Bei dem Krach versteht man sein eigenes Wort nicht mehr.

Nach den Formalitäten leisten wir uns ein schmackhaftes und sehr preiswertes Essen im Bistro, abgerundet mit einem Eis auf die Faust und fallen erstmal ins Bett, so müde sind wir. War ein interessanter Tag und 20 Seemeilen sind ja auch kein Pappenstiel. Ach, welche Erholung stellt es doch dar, wenn das Boot segeln kann, nur den Kräften des Meeres gehorchend, still durch die Wellen gleitend. Am besten auf Halb-Wind-Kurs wie heute.


Am Abend sitzen die Polen in Gruppen auf ihren Schiffen, essen, trinkend und in angeregter Unterhaltung bis spät in die Nacht. Anders als viele deutschen Yachties sitzen sie nicht unter Deck, eventuell sogar vor dem Fernseher, sondern in geselliger Runde. Und nicht einmal besonders lautstark.

Am nächsten Tag erleben wir wieder einmal eine Überraschung der besonderen Art: Wegen der anstehenden Regatta und der Knappheit der Plätze können wir nur noch eine Nacht bleiben, andes als wegen der Schwachwindphase geplant. So werden wir morgen nach Kołobrzeg fahren müssen, wahrscheinlich wegen des geringen Windes wieder einmal mit dem Motor. Tja, alles hat eben Licht und Schatten: die schönen Sonnentage mit den warmen bis heißen Temperaturen sind meistens eben auch Schwachwindtage. Da können wir schon froh sein, wenn wir nicht gegen den Wind anmotoren müssen.


Information für Segler:
Liegeplätze:
an Seitenstegen, i.d.R. findet man nach 18 Uhr kaum noch einen Platz, kleiner Hafen
Preis: 40,00.- PLN pro Nacht, Strom und Wasser an den Stegen, im Preis inbegriffen
Ein Wasch- und ein Dusch-/Toilettenhaus, Duschen im Preis inbegriffen
WLAN umsonst
ruhiger Hafen, kurze Wege, im Hafen ein Restaurant,


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Abb. 13: Hafenplan Dziwnów, mit EG-Mitteln gefördert











Abb. 14: Der Hafen ist voll - vor der Regatta
Samstag, den 04. Aug. nach Kołobrzeg/Kolberg

Doch es kommt wie immer anders als man sich gedacht hat: Wenigstens Windstärke 3-4 aus nordwestlicher bis westlicher Richtung lassen uns mindestens drei Stunden segeln, bevor wir wieder den Jockel anwerfen müssen.

Doch der Reihe nach: am nächsten Morgen, also heute, große Aufbruchstimmung unter den Polen. Das Regattefieber hat die Mannschaften ergriffen, ab spätestens neun Uhr morgens letzte Besprechungen und Vorbereitungen der Boote. Auf der Herrentoilette ein Andrang, wie man ihn sonst nur von Damen-WCs auf den Autobahnen kennt: Anstehen in der Schlange. Kein Wunder, hat der Hafen doch auch nur drei WCs. Am Abend zuvor noch lustiges Singen und Gitarrespielen auf einem Boot: bekannte Shantys in polnischer Sprache. Einer der Gitarristen versteht sich auf sein Handwerk und reißt mit seiner Stimme  und Textsicherheit die ganze Gruppe mit.
Interessant auch, dass keiner der Teilnehmer alkoholisch aus der Reihe tanzt: sie halten sich an die Regeln, die sie selbst aufgestellt haben. Wenn am Sonntag die 2. Runde durch ist und abends gefeiert wird, wer weiß jetzt schon, was dann passieren wird.

Kurz nach 10 Uhr verlassen wir den Hafen, die anderen sind schon draußen auf der Ostsee, um die Ziellinie westlich des Sperrgebietes versammelt. Ein großer Pulk von mindestens 50 Schiffen. Der Hafen ist jetzt entsprechend leer, gestern abend kam nur noch rein, wer auf das Losungswort "Regatta" entspechend zu antworten wusste. Nicht-Regatta-Teilnehmer wurden abgewiesen, mussten unverrichteter Dinge abdrehen, eine Stunde auf die Brücke warten und konnten weiter flußaufwärts festmachen. Wer mehr als 12,5 Meter Mastlänge hatte, konnte auch nicht unter der Eisenbahnbrücke durch, also Warten auf dem Fluß oder zurück in der Ostsee. Uns hat gewundert, wie man mehr als 50 Regatta-Teilnehmer zulassen konnte, wenn der Hafen höchstens mal vierzig Gastliegeplätze hatte. Aber es ging halt nach dem Motto: In der kleinsten Hütte ist noch Platz! Zwischen zwei Schwimmstegen, normalerweise Raum für zwei Boote, passten jetzt auf einmal drei und draußen auf dem Strom lagen Zweier-Päckchen. Interessant auch, dass der Liegeplatz des Zuhälter-Motorboots die ganze Nacht freigehalten wurde, auch am nächsten Morgen war der nicht da. Die Macht des Geldes? Wer weiß das schon.
 
Auf der Ostsee herrscht ein guter Wind aus der richtigen Richtung, wir machen beide Segel auf und können endlich mal wieder segeln, drei bis vier Knoten, es wird ein langer Tag werden. Die Ruhe und Beschaulichkeit wirken fast einschläfernd, der Pinnenpilot arbeitet, der Kurs ist mit Wegepunkten auf dem Plotter abgesteckt. Fast zum Einschlafen, jedenfalls für ein paar Mal Sekundenschlaf reicht es schon, nach wieder einmal einer kurzen Nacht. Hin und wieder sorgen die Fähnchen von Fischernetzen für kurze Aufregung, aber da sie ziemlich einzeln stehen und auch nicht immer als Eckpunkte gekennzeichnet sind, fahren wir anfangs um sie herum und später daran vorbei. Bei 10 Meter Wassertiefe ist jedenfalls nichts passiert.

Gegen Mittag nimmt der Wind ab, es werden mehr und mehr drei Knoten und weniger, also wieder motoren, diesmal mit Segeln, so dass wir jetzt bei der eingestellten Drehzahl fast sechs Knoten machen. Wir haben ja auch einiges aufzuholen. Zudem schieben uns Welle und Dünung in die östliche Richtung. Auch das Wetter wird allmählich freundlicher, die Wolken machen der Sonne Platz, jetzt wird es bei weiter abnehmendem Wind bald richtig heiß.

Da der Wind auch ein bißchen dreht und bald ganz achterlich kommt, brauchen wir den Bullenstander, damit es nicht zu einer der gefürchteten Patenthalsen kommt. Großsegel und Genua sind so gestellt, das beide genug Wind bekommen. Ab und zu fahren wir in Schmetterlingsformation, das Großsegel nach backbords, das Vorsegel nach steuerbords.

Gegen 15 Uhr holen wir beide Segel runter, der Wind bringt uns nichts mehr an Geschwindigkeit, allein mit dem Motor nähern wir uns Kołobrzeg, dem früheren Kolberg. Kurz nach 17 Uhr erreichen wir die Hafenmündung, wie schon erfahren, lassen auflandiger Wind und Strömung die Wellen höher werden, unser Motor kämpft sich da durch, zuverlässig wie bisher. Mit den drei Knoten vorgeschriebener Geschwindigkeit fahren wir am Leuchtturm vorbei, an einer alten Kogge und einem Wikingerschiff, beide für die Touristen hergerichtet, die mal was von früherer Seefahrerromantik erfahren wollen.
Um halb sechs machen wir in der Marina Solna fest, besorgen einen Chip für 5 Zloty für Strom, zum Glück per Automat, der Hafenmeister ist noch nicht da. Später bezahle ich sechzig Zloty für zwei Tage, bekomme den Tür -und WIFI-Code, wie das WLAN hier genannt wird. Die Verbindung ist ganz ordentlich, keine besondere Anmeldung. Nach dem Essen im Hafenrestaurant - es gibt Pizza, selten lecker gebacken - entdecken wir um die Ecke den größeren neuen Hafen, in dem sich schon eine "Kolonie" deutscher Yachten gebildet hat. Nun, wir sind in "unserem" Hafenteil die einzige deutsche Yacht, und das ist auch gut so. "Unser" Hafenbecken, so erfahren wir später, ist eigentlich nur noch für polnische Dauerlieger, Gastlieger sollten in der neuen Marina unterkommen. So werden wir die nächsten Tage geduldet, uns aber auch deutlich gemacht, dass wir eigentlich im "falschen" Hafen liegen.

Trotz der großen Hitze, an unserem letzten Tag in Kołobrzeg, unternehme ich den Versuch, einiges von der Stadt mit der bewegten Vergangenheit zu finden. Es gäbe vieles, was sich hier anzuschauen lohnen würde, allein die Hitze und die Zeit veranlassen mich zur Konzentration auf einige wenige Punkte. So führt meine Fahrradtour in die ehemalige Altstadt, von der jedoch nicht viel erhalen ist. Kołobrzeg wurde Ende des Krieges zu 95% zerstört, deswegen findet man in den Straßen wenige alte, renovierte Häuser, neue mit renovierten Fassaden, wie sie vielleicht früher mal gewesen waren und immer wieder große Hochhausblöcke.

Doch der Reihe nach: Auf der Suche nach dem gotischen Mariendom finde ich in einem Park davor diese Figuren, aus dickem Metalldraht geflochen, mit Bodendeckern, irgendwelchen Sukkulenten, ausgepflanzt. Nach dem kleinen Park, der mit vielen anderen das Häuser-Gefüge ziemlich auflockert, finde ich den Mariendom. Davor eine Plastik, die mehrere Bischöfe und Kardinale oder Päpste in einer Reihe zeigt. Der historische Zusammenhang zu Kołobrzeg 2000 ist mir unbekannt, jedenfalls ist die Metallplastik an sich schon sehr imposant. Den siebenarmigen Kerzenleuchter und andere berühmte Utensilien der Kirche finde ich nicht, für mich ist diese Kirche zu lebendig, als dass ich sie als Historie auffassen könnte. Der Zugang zu den herrlichen Glasfenstern im vorderen Teil ist abgesperrt, über die Seitenschiffe kommt man da auch nicht richtig ran. Die Atmosphäre rät mir eher vom Fotographieren ab, um Gläubige nicht zu stören. Mir fällt auf, was auch beschrieben: Die Absenkung der rechten Seite des Hauptschiffes führt zur Konvergenz eigentlich paralleler Linien mit dem Seitenschiff.

Nur wenige Meter finde ich dann in einer Fußgängerzone, ausgestattet mit Esslokalen, Boutiquen, Schmuckgeschäften und dergleichen mehr, was der Touri eben so braucht, das neugotische Rathaus.
Der ganze Backsteinbau erinnert eher an eine Burg, sehr schön die Fensterornamente. Der ganze Bau dominiert den Platz, der leider von Schnellrestaurants fast vollständig in Beschlag genommen ist.

Mein weiteres Herumstreifen mit dem Rad zeigt mir, wie oben angedeutet, für wie viele Straßen die Zukunft aussehen mag. Soweit wohl Geld da ist, werden die Fassaden in ansprechender Weise abwechslungsreich gestaltet, fast immer mit kleinen Balkonen in verschieden Formen. Hinter dieser renovierten Welt sieht man aber auch die Hochhäuser, aber auch da wird kräftig gewerkelt. Die großen Häuserblöcke haben auch weitläufige Innenhöfe, vielfach bepflanzt, wenn auch meistens als Parkplätze genutzt. Viele Anlagen werden videoüberwacht oder sind nur über geschlossene Zugänge passierbar.

Auf jeden Fall kann  man nach diesem kurzen Besuch sagen: Vieles ist hier im Wandel, es wird viel gebaut und verändert. Und die bisherigen Lösungen sehen zumindest für den Touristen ganz schick aus. Was das für die Kołobrzeger bedeutet, ist schwer zu sagen.

Information für Segler:
Liegeplätze:
Im neuen Yachthafen an Seitenstegen, i.d.R. findet man auch nach 18 Uhr immer noch einen Platz, große Anlage,
Preis: 55,45.- PLN pro Nacht, Strom und Wasser an den Stegen, mit Chip für 5 PLN
Zwei Wasch- und Toilettenhäuser mit Duschen, Duschen: 5 PLZ, Toilette: 2 PLN im neuen Hafen
WLAN umsonst
Hafen für Dauerlieger:ruhig, durch Bauarbeiten gegenüber unruhige Umgebung
Im Hafen für Dauerlieger nur ein Wasch- und Toilettenhaus/Duschen. Gutes Restaurant.
Der neue Yachthafen liegt an einer vierspurigen Straße.

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Abb. 15: Drahtfiguren mit Bodendeckern


Abb. 16: Monument mit vier Kirchenfürsten vor dem Mariendom


Abb. 17: Neugotisches Rathaus mit der auf Wasser ruhenden Weltkugel rechts


Abb. 18: Renovierte Häuserfassaden in den Einkaufsstraßen.
Mittwoch, den 08. Aug. nach Darłowo/Rügenwalde

Wir hätten noch einige Tage in Kołobrzeg bleiben können, allein der Umstand, dass wir nicht Ende Oktober zurück sein wollen und unser konkretes Ziel noch weit weg ist, führt uns dazu, den nächsten Hafen anzulaufen: Darłowo, oder Rügenwalde. Und heute stimmt Windstärke und -Richtung  ausgezeichnet zusammen, es wird unser bisher schönster Segeltag. Die Routinen am Anfang muss ich nicht mehr beschreiben, zwanzig Minuten nach Verlassen des Hafens und einigermaße Tiefe unterm Kiel drehen wir in den Wind, setzen beide Segel und ab geht die Post, manchmal mit 6 Knoten. Der Wind hält sich bei ziemlich konstant 4 Bft, in Böen 5, und die Böen gehen manchmal richtig lang. So kriegen wir auch etwas Schräglage, was Barbara gar nicht gefällt. Aber kein Licht ohne Schatten: Wer vorankommen will mit einem Segelboot, muss eben auch Wind haben, und das erzeugt auch Wellen und Schräglage, zumal wir bei Wind aus Südost am Wind segeln. Dafür rollt und stampft die Yacht kaum, das Schaukeln ist eigentlich ziemlich moderat. Nach kurzer Zeit wird der Pinnenpilot aktiviert, es geht immer gerade aus, Kurs ca. 70° an der Küste entlang. Die Wellen arbeiten nicht gegen uns, kommen aus einer ähnlichen Richtung wie der Wind, der Seegang ist moderat, ungefähr 2, manchmal Richtung drei. Hin und wieder frischt es etwas auf, dann sieht man mehr und mehr sich schnell brechende Wellenkämme, vereinzelt mit etwas Schaum. Wir fahren volles Zeugs, zwischen drin überlege ich, das Vorsegel zu reffen, aber da ist es auch schon zu spät, kurz vor zwei Uhr nimmt der Wind ab und wir fahren noch eine ganze Weile mit teilweise unter 5 Knoten.

Zwanzig vor vier Uhr ist es aus mit Windstärke vier, es geht in Richtung 2-3, wir können noch eine Weile mit Segeln motoren, aber kurz vor der Einfahrt von Darłowo müssen die Lappen runter. Die Einfahrt ist ziemlich unproblematisch, leider kommen wir für die Brückenöffnung zu jeder vollen Stunde zu spät. Ein Anruf beim Brückenwärter über Funk Kanal 12 gibt uns 18 Uhr als nächstern Termin. Nach der Rollbrücke geht es noch ein Stück aufwärts, dann erreichen wir die ziemlich neue Zarzad Portu Morskiego: ein Hafenbecken inmitten einer Industrieanlage, an einem Ende eine Werft, am anderen Häuser, dazwischen an den Kaimauern ältere und jüngere Fischerboote. Ein neues Hafengebäude, bisher das edelste, was die Ausstattung betrifft, ein freundlicher englisch sprechender Hafenmeister. Das erstemal in Polen werden die Daten gleich in den PC eingegeben, keine Buchwirtschaft. Dafür aber auch der bisher teuerste Hafen, 55 Zloty für ein Nacht mit 2 Personen. Andererseits: Strom, Wasser und Duschen sind im Preis inbegriffen.
Uns gefällt es ganz gut hier, wir bleiben zwei Nächte vorerst, allein der Lärm von der Werft ist störend. Aber wir müssen erstmal das Wetter schauen, bevor wir weiterfahren. Der nächste Hafen Utka soll nicht so "lekker" sein und dann nach Łeba in einer Tour sind mehr als 50 Seemeilen. Das wollen wir uns nicht zumuten. Und wir können hier gut einkaufen.

Information für Segler:
Liegeplätze:
an Seitenstegen, i.d.R. findet man nach 18 Uhr immer noch einen Platz, großer Hafen
Preis: 55,00.- PLN pro Nacht, Strom und Wasser an den Stegen, im Preis inbegriffen
Ein Wasch- und Toilettenhaus mit Duschen, Duschen: im Preis inbegriffen
WLAN umsonst
Selbst bei wenig bis keinem Wind immer Schwell im Hafen, durch die Werft unruhige Umgebung.

Meine neuerlichen Versuche, mein Handy für Auslandsgespräche tauglich zu machen, sind endgültig zum Scheitern verurteilt. Bei meinem Telefonanbieter, klarmobil, kann man nur anrufen, um die Simlockkarte entsperren zu lassen. Kontaktmöglichkeiten per mail sind nicht möglich. Wie soll ich in Deutschland anrufen, wenn das Telefon kein Netz erkennt? Ich hätte das alles in Deutschland erledigen sollen, aber wer denkt denn an so was? Eine meiner ersten Anliegen nach der Rückkehr in Deutschland wird sein, dem Anbieter zu kündigen und mir einen neuen, kundenfreundlicheren zu suchen. Und wir können nur per mail erreicht werden. Bisher war das polnische WLAN-Netz zufriedenstellen bis sehr gut.

Unsere geplante Fahrt nach Ustka haben wir verschoben, bzw. geändert. Ein polnischer Segler, der heute zu uns kam, berichtet von diesem Hafen nur das Schlimmste, was auch im Reiseführer steht: keine Anlegestellen für Segler, nur im Päckchen, Schwell im Hafen usw. Er zeigt uns die Stellen an der Bordwand, an denen das Schiff beschädigt ist. Das bedeutet bis Łeba fahren zu müssen, mindestens 50 Seemeilen, also 10 Stunden und mehr. Dabei soll die Wind heute von Windstärke 5 auf 6 bis 7 zunehmen, in den Böen immer ein Beaufort mehr. Dazwischen Regengüsse und Gewitter auf See. Das ist nicht lustig, den Schit lassen wir sein. So verschieben wir die Fahrt, bis der Wind etwas ruhiger wird und genießen das Leben in Darłowo bei frischem Fisch und Chips aus der Hafenkneipe gegenüber.

Nach einer sehr unruhigen Nacht, die - was Windstärke und Böen betrifft - bis zum Mittag geht, flaut der Wind allmählich ab, die Sonne kommt hervor, es wird wärmer. Die Nacht selbst: bei Wind von 6, in Böen 7, wir selbst im Windschatten einer größeren Xacht, knallte, pfiff, orgelte und rumste es, was das Zeugs hielt. Das Schiff ein Spielball der Wellen im Hafen und der sich sehr schnell bewegenden Luft, dazwischen immer wieder Regengüsse, dass es nur so trommelte. Eingebunden von vier Leinen bewegt sich die Yacht nach vorne, dann seitwärts, wieder zurück, das Ganze dann von neuem, aber nicht rhythmisch, das wäre ja langweilig, sondern ruckartig. Dann knallen die Leinen in den Klampen, die Vorstellung kommt hoch, dass diese ausgerissen, das Schiff hilflos im Hafenbecken treibt, jeden Moment irgendwo anstossend, sich verletzend. Aber es hält alles, die Leinen, die Klampen, und infolge unserer morgendlichen "Wanderung" von einer Stegseite auf die andere drückt uns der Wind jetzt nicht auf den Steg, sondern weg davon. Der Nachbar, der unseren Platz eingenommen hat, muss seinen Kahn mit acht (8!) Fendern gegen den Druck abfedern.

Am Nachmittag dann eine kleine Fototour an die Mole: Bei jetzt Windstärke 4, in Böen 5, atmet das Meer noch die vergangene Nacht nach. Die Wellen kommen mit zwei und mehr Metern Höhe angeschossen, durch den Düseneffekt der Flussmündung werden sie schneller und steiler, höher, knallen mit drei Meter Höhe durch die nicht allzubreite Flussmündung, um sich dann im weiteren Verlauf bis zur Brücke zu verflachen. Wir würden weder reinkommen noch rauskommen, so eine Gewalt und Kraft ist hinter den Bewegungen. Später beobachte ich ein Fischerboot, sicherlich schwerer als "de Widzi", aus Stahl gebaut, mit einem kräftigeren Motor,  was große Mühen hat, durch die Brandung am Molenkopf zu kommen. Aus der Ferne, vielleicht 100 Meter, verschwindet der Kahn fast zwischen den Wellenbergen. Da ist es gut, dass wir nicht gefahren sind und morgen noch einen Tag hier bleiben. Die vorausgesagte Windstärke 2-3 würde wieder einen Motortag erforderlich machen, am Dienstag ist der Wind besser.

Moderne Kommunikation mit einem polnischen Hafenmeister: Nach den ersten zwei bezahlten Tagen bleiben wir den dritten Tag vor Ort, verpassen aber den Gang zum Hafenmeister. Also einen  Tag später die eine Nacht nachbezahlen und wieder eine Nacht vorausbezahlen. Sein Englisch ist noch geringerals meines, aber er ist clever. Nimmt sein Smartphone, und schaltet wohl einen Übersetzungsdienst ein. Ich spreche ihm auf Deutsch ins Mikro, der polnische Text erscheint auf dem Bildschirm. Da verseht er, was ich meine, ich bezahle meine 110 Zloty und die Sache ist geregelt.

 
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Abb. 19: Werft in Darłowo, unser täglicher Ausblick








Abb. 20: Der Yachthafen Darłowo



Abb. 21: Am Tag nach dem Starkwind: am Molenkopf von Darłowo
Dienstag, den 14. Aug. nach Łeba/Leba

Dieser Tag wird als ein besonderer in unserer Reisegeschichte eingehen: Die bisher längste Strecke wartet auf uns, weil wir ja den ungastlichen Hafen Ustka "überspringen" wollen. Das macht dann mindestens 51 Seemeilen aus, wobei der Weg noch länger wäre, müssten wir die Schießgebiete umfahren, die zwischen Darłowo und Ustka liegen. Aber wir haben uns gründlich beim Polnischen Hydrographischen Dienst umgesehen: in den Schießgebieten schweigen die Kanonen und so können wir der Küste entlang in ausreichendem Abstand folgen. Am Ende des Tages stellen wir fest, dass es 54 Seemeilen waren, unsere bisher längste Strecke!!!

Und dann wartet noch die Brücke in Darłowo auf uns: um 8 Uhr öffnet sie, so dass wir rechtzeitig und früh aufstehen müssen, um den netten Hafen von Darłowo verlassen zu können. Kurz nach 8 Uhr sind wir weit genug vom Land weg, die Flussöffnung bietet dank des gestrigen Schwachwindtages kein nennenswertes Hindernis, draußen wartet dann schon ein anderer Seegang auf uns, als wir die Segel hochziehen. Wir haben zwar Windstärke 3-4 Bft, dazu aus Südwest, weil wir aber im Prinzip nach Nordost fahren, den Wind direkt von hinten. Uns so macht das Segeln keinen Spass: mal schlackert das Vorsegel hin und her, mal droht der Baum von der einen auf die andere Seite zu knallen, die berüchtigte Patenthalse. Das Schiff rollt ziemlich und zum erstenmal nehmen wir Ingwer-Tabletten, um uns gegen das Übergeben zu wappnen. Der Bullenstander sichert zwar den Baum, aber es knallt trotzdem ordentlich "im Gebälk", sprich Rigg, wenn das Segel die Seite wechselt.  Kurz nach neun ziehen wir das Vorsegel wieder rein, jetzt ist die Fahrt wesentlich ruhiger, aber auch langsamer. Aus den vorigen 5 und mehr Knoten werden dreieinhalb, wir werden bis spät abends brauchen, bis wir das Ziel erreicht haben. Also den Jockel an, und mit schiebender Welle von hinten machen wir zwischendurch bis zu sechs Knoten, so dass der Zeitrahmen akzeptabel bleibt.

Gegen halb zwölf knallt es auf einmal, Barbara wacht aus ihrem Schlaf auf, den sie sich unter der Sprayhood gegönnt hat, und steuerbords von uns in ziemlicher Entfernung schießt eine Wasserfontäne hoch. Ein schneller Blick zum Plotter liefert uns die Koordinaten, um auf der Karte nachzuschauen, ob wir in einem Schießgebiet sind. Ja, wir fahren nördlich davon vorbei. Aber für heute war nichts angekündigt! Der Schreck sitzt uns in den Knochen, zumal in der nächsten Stunde noch drei weitere Explosionen folgen. Was wäre denn gewesen, wenn wir nahe an der Küste auf Sichtweite gefahren wären? Wir wollen es uns gar nicht vorstellen und nehmen uns vor, die Schießzeiten, so sie denn angekündigt sind, in das Logbuch einzutragen.

Um ca. ein Uhr dreht derWind vollends nach West, Ustka liegt längst steuerbords hinter uns, es bleibt bei 3-4 Bft, in Böen eine mehr, aber die Wellenberge nehmen zu. Waren vorher 1-1,5 Meter die Regel, kommen jetzt auch häufiger Zwei- und mehr Meter-Wellen von hinten heran, heben das Schiff, es macht einen Satz, einmal mit mehr als 7 Knoten, dann folgt das Tal, die Welle rauscht unten durch, jetzt nur noch knapp 5 Knoten und das alle 10 Wellen. Schon imposant, um nicht zu sagen, mindestens respekt- bis furchteinflössend. jetzt nur nicht umkippen, die Gewalt und Kraft ist schon sehr beachtlich. Klar, bei mehr Wind auch mehr Welle, aber uns reicht das schon. Und das ist noch nicht alles, mehr und mehr, je weiter wir auf Łeba zufahren, desto länger ist die Strecke, auf der sich die Welle auf ihrem Weg von Rügen her aufbauen konnte. 

Zwischendurch sehen wir nicht mehr als drei Segler, in der ganzen Zeit, ein Marineschiff, das in Richtung Schießgebiete uns entgegenkommt,und ein oder zwei Fischerboote. Ja, und bei Ustka auch eine der nachgebauten Touristenkoggen, die wir schon reichlich in den polnischen Häfen kennenlernen durften.

Gegen halb vier kommen wir an den vor Łeba gelegenen Wanderdünen vorbei, goldgelb wie im Reiseführer bei Sonnenuntergang beschrieben sehen sie zwar nicht aus, aber schon sehr imposant. Wir nehmen uns vor, sie von Łeba aus zu besuchen.

Kurz vor sechs Uhr erreichen wir die Einfahrtstonne Łeba, jetzt noch durch den Seekanal , wie immer mit großen, unruhigen Wellen und kurz nach 18 Uhr können wir festmachen. Der "Bosman", der Hafenmeister, wartet schon am Ufer und weist uns einen Platz zu. Später bezahle ich im "Bosmanat" bei dem schon etwas älteren, aber sehr freundlichen Mann, die paar Brocken Polnisch, die ich kann, öffnen die Herzen. Er strahlt Herzlichkeit und Charme aus, eine Persönlichkeit.

Ein sehr gutes und sehr preiswertes Essen in der "Tawerna", dem Hafenrestaurant, rundet den Tag ab. Erwähnenswert die nette polnische junge Dame, die uns zuvorkommend bedient. Auch die Speisekarte: zum erstenmal dreisprachig. Da haben wir nicht zum letztenmal gegessen!

Information für Segler:
Liegeplätze:
an  Y-Auslegern bzw. schmalen Seitenauslegern , i.d.R. findet man nach 18 Uhr immer noch einen Platz, großer Hafen
Preis: 55,00.- PLN pro Nacht, Strom und Wasser an den Stegen, im Preis inbegriffen
Ein Wasch- und Toilettenhaus mit Duschen, Duschen: 5 PLN
WLAN umsonst, aber schwach
Selbst bei viel Wind kein Schwell im Hafen, durch die Fahrgeschäfte und Kirmes unruhige Umgebung.

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Abb. 22: Wanderdüne vor/bei Łeba

Sonntag, den 19. Aug. nach Władysławowo

Wir waren nun lange genug in Łeba, einiges konnte ich sehen, aber der Zugang zu Strand und Wanderdünen war uns irgendwie verwehrt. Teilweise lag es am Wetter, teilweise an unserem Bedürfnis nach Ruhe, das immer wieder durch die lautstarken "Attraktionen" des "touristisch gut erschlossenen" Ferienorts nachhaltig gestört wurde. Nicht nur die vor allem nachts lautstarken Krawall-Konzerte der Pseudo-Rocker von den "Easy Riders", die mit ihrem Camp-Firlefanz für wohlige Rückenschauer bei den Touristen sorgten, auch irgendeine Disco, der Rummel- und Kirmes-Lärm und die Hauptshow, der "Pirat" mit der "Piratenkogge", der mehrmals am Tag bis spät abends den Fluss hinunter und wieder herauf fuhr, mit seinen Songs von Queen und anderen ein, zwei Bands. Immer der gleiche Song, immer der gleiche Text. Das ganze vom Band, dazu ein auf der Brücke der Kogge herumtanzender Piratenclown, entsprechend angemalt und kostümiert, mit Flagge, mal schwenkend, mal nur so für sich allein. Immer an der selben Stelle im Kanal fiel so ein Wort wie "papierie".

Verglichen mit dem Lärm in Darłowo, der Stadt zuvor, war das schon mega-laut, aber die Steigerung erlebten wir erst hier in Władysławowo. Doch dazu später.

Zur inzwischen üblichen Zeit um 10 Uhr verlassen wir den Hafen, noch im Schutze der Uferbäume das Großsegel hochziehend. Schnell sind wir außerhalb des Seekanals, erreichen den zuvor gesetzten Wegepunkt und ab nach Osten, Kurs 60°, immer der Küste entlang. Anfangs mit zwei Segeln, aber bei dem Platt-vor-dem-Wind-Kurs schlackert das Vorsegel immer hin und her. Den Großbaum können wir mit dem Bullenstander absichern, das Vorsegel nicht. So muss es denn alleine mit dem Groß gehen, wir machen zwischen drei und 5 Knoten, je nachdem wie der Wind uns schiebt, die Wellen von achtern noch eins drauf setzen. Bei Windstärke vier, in den Böen fünf, schiebt uns der Wind vor sich her, das Schiff schaukelt und rollt und die Wellenberge von achtern werden immer größer. War der Seegang anfangs ca. ein Meter, geht es jetzt bald in Richtung zwei Meter, und zunehmend kommen noch höhere Wellwände vom hinten herangerauscht. Wenn sie vor dem Heck brechen, kracht es richtig, die Yacht macht den bekannten Satz nach vorne, fällt dann zurück und nimmt wieder Fahrt auf. So geht es entlang einer bewaldeten Küste, die mal Strände zeigt, mal Hangabbrüche, an zurückliegende Steilküsten errinnernd.

So geht das nun etliche Stunden, in der Ferne sieht man mal ein Segelschiff, zwei Frachter und eine Fähre. Es ist nichts los auf dem Wasser. Als wir endlich um halb fünf um das Kap Rozewie (Rixhöft) mit seinem Leuchtturm kommen, wird das Wasser ruhiger. Jetzt nimmt die Landabdeckung dem Wind die Kraft, das Schiff schaukelt weniger. Erst als wir ab der rotweißen Tonne WLA Kurs auf den Hafen und gegen die Wellen nehmen, wird es wieder ruppig. Eine Schapftür geht auf, und einiges an Gewürzdosen ergießt sich in der Kajüte. Das "Schlafzimmer" mit seinen beiden "Bücherregalen" muss hinterher auch immer neu einsortiert werden.

Kurz nach sechs Uhr sind wir gelandet, an Auslegern eines (1!) Schwimmsteges, der für ca. 12 Boote ausreicht, inmitten eines malerischen Ambientes aus Fischerbooten, an der "Promenade", auf der die polnischen Touristen hin und her wandern. Flanieren vor allem am Sonntagabend gehört wohl zum Volkssport, jedenfalls laufen hier mehr Leute zu Fuß als in Deutschland.

Später gönnen wir uns in einer weiter im Ortsinneren gelegenen "Tawerna" ein gutes Abendessen, um dann gegen zehn Uhr abends die Überraschung des Tages zu erleben. Pünktlich beginnt die hinter dem Hafen aufgebaute Disco in zwei großen Festzelten ihre Kakaphonie des Grauens. Wumm, wumm, wumm, die Bässe hauen in den Magen, immer der gleiche Schlagzeugrhythmus, sogenannte Dumpf-Backen-Musik erster Qualität. Selbst unten in der Schlafkabine bei geschlossenem Fenster ist der Lärm zu hören. Dazu noch vom gegenüberliegenden Ufer der Krach der Kirmes- uind Schaugeschäfte. Władysławowo, wir haben irgendwie Ruhe erwartet und der Krach ist noch größer als in Łeba. Das malerische Idyll vom Fischereihafen ist nachhaltig gestört, dieser Ort ist ein dem Touristengeschäft voll aufgeschlossener Urlaubsort, das Geschäft des Jahres muss in fünf Monaten abgewickelt werden. Wir verstehen das, aber unsere Interessen und Nerven wollen auch berücksichtigt werden.

Der nächste Morgen - gegen fünf Uhr nachts kann ich endlich einschlafen - hat eine weitere Überraschung für mich vorgesehen. Gegenüber dem Portanat, dem Hafenamt, sollen die Wasch- und Duchgelegenheiten sein. Ja, eine ältere Dame sitzt an einer Kasse und will nachher auch noch 2 Zloty, damit ich auf die Toilette kann. Wo gibt's denn sowas? Eine Waschgelegenheit suche ich vergeblich, es gibt eine Toilette und eine Dusche, die auch nur für 8 Zloty. Unverschämt!  Wozu zahle ich den Liegegebühren? Aber bemerkenswert: kaum hatten wir angelegt, war der etwas deutsch sprechende freundliche Hafenmeister sofort da, zum zu kassieren. Später kam noch eine junge Dame von der Grenzkontrolle, um zu fragen, ob wir aus der russischen Republik kämen und wohin wir weiter wollten. Tja, die Polen hatten uns auf dem Schirm, man muss sich gar nicht anmelden, um sofort wahrgenommen zu werden. Die empohlene Anmeldung per Funk ging in der Aufregung der Einfahrt in den Hafen unter, als hinter uns das Wikingeschiff auftauchte und uns bedrohlich eng auf die Pelle rückte.

Information für Segler:
Liegeplätze:
an  Y-Auslegern bzw. schmalen Seitenauslegern , i.d.R. findet man nach 18 Uhr immer noch einen Platz, großer Hafen;
Preis: 43,00 PLN .- PLN pro Nacht, Strom und Wasser an den Stegen, im Preis inbegriffen;
Ein Wasch- und Toilettenhaus mit Duschen, Toilette: 2,50 PL; Duschen: 8 PLN; Wasch- und Toilettensituation maximal unbefriedigend;
WLAN umsonst, aber schwach
Selbst bei wenig Wind Schwell im Hafen, durch die Fahrgeschäfte und Kirmes unruhige Umgebung. Discos in Hafennähe bis 3 Uhr (!!!) nachts.

  

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Abb. 23: Wellenwand von achtern
Dienstag, den 21. Aug. nach Hel

Władysławowo war gestern, heute fahren wir nach Hel, an der Spitze der Halbinsel Hela gelegen, unsere letzte Station vor Danzig, dem eigentlichen Ziel der Reise. Der Lärm die ganze Nacht bis drei Uhr morgens, auch von Montag auf Dienstag, hat uns deutlich gemacht, dass auch Władysławowo nicht länger zum Verweilen einlädt. Die Wasch- und Toilettensituation hat das ihre dazu beigetragen. Man muss sich als Segler nicht auf ein Minimalniveau von Hygiene a' la Robinso Crusoe einlassen, schließlich sind die Hafengebühren mit 50 und mehr Zloty auch nicht weniger als in den Städten, wo das Niveau wesentlich höher lag, wie Kołobrzeg, Darłowo oder Łeba. Und dass man für den Toilettenbesuch auch noch extra zahlen muss, ist ein Unding. Für Duschen kann ich das ja verstehen, aber Toiletten?

Jedenfalls, uns hat es gereicht und so legen wir um die gewohnte Zeit ab, verlassen mit südwestlichem bis westlichen Wind den Hafen, um auf südöstlichen Kurs nach Hel am Ende der Halbinsel Hela zu segeln, diesmal nur mit dem Vorsegel, des achterlichen Windes und der größeren Segelfläche wegen. Die erste Hälfte des Weges wie beim Herkommen: hoher Seegang, hohe Wellenwände, von achtern heranrauschend, das Schiff schaukelt von einer Seite zur anderen, mit dem Groß wäre es vielleicht etwas weniger gewesen. Immerhin, bei vier Windstärken erreichen wir zwischen vier und fünf Knoten, manchmal mehr, manchmal weniger, je nachdem, wie die von achterlich kommenden Brecher uns vorwärtsschieben.  Die Sonne scheint, die Bewölkung ist angenehm, und auf dem Wasser ist nichts los. Wir fahren durch die Sperrgebgiete 10 und 11, haben uns aber vorher davon überzeugt, dass keine Schießübungen stattfinden. Schließlich ist es Dienstag, also mitten in der Woche, nur am Wochenende kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Kanonen schweigen.

Nach ungefähr drei Stunden nimmt der Wind immer mehr ab, der Kurs geht weiter nach Süden, die Wellenwände verringern sich, es wird angenehmer, zu segeln. Viertel vor drei haben wir die Spitze von Hela erreicht, wir holen das Vorsegel ein, weil es jetzt gegen den Wind geht und schaffen die letzten Meter bis zum Hafen mit dem Motor. Nach knapp fünfeinhalb Stunden und 25 Seemeilen später haben wir den großräumigen Hafen erreicht, der doch ziemlich leer ist. Dem Land hinzu finden wir an Schwimmstegen mit Y-Auslegern einen Platz, vor uns der Stromkasten und die Wasserversorgung. Wir haben noch nicht alle Leinen ausgelegt, ist schon der Hafenmeister da, der mit 50 Zloty für eine Nacht zufrieden ist und uns mit einer Karte versorgt, die wenigstens einen kostenlosen Toilettenbesuch ermöglicht. Zwei Nächte können wir nicht bezahlen, nur eine Nacht! Auch noch nicht vorgekommen.

Später besuchen wir das im Reiseführer "Polnische Ostseeküste" von Kerstin und Andre' Micklitza erwähnte Restaurant "Kutter" und lassen uns die Fischplatte für zwei Personen schmecken. Eine Menge Fisch, mit einer Ofenkartoffel und zum erstenmal einem richtig frischen Salat in einem urig hergerichtetet Lokal in drei Speiseräumen, in denen das weibliche Bedienungspersonal in kaschubischen Trachten herumrennt. Das Lokal ist offensichtlich der Renner unter all den Esslokalitäten hier im Ort.

Später findet dann noch im Gedenken an den D-Day eine "Militärparade" der besonderen Art statt: in historischen Uniformen aus dem II. Weltkrieg fahren alte Fahrzeuge der Amerikaner, Polen und Deutschen vorbei, sogar ein Radpanzer ist dabei. Polen in deutschen Wehrmachtsuniformen, welche eine bittere Parodie, waren es doch Deutsche aus der Hitler-Armee, die am 1. September 1939 in polnischen Wehrmachtsuniformen auf deutsche Soldaten geschossen haben, damit diese zurückschießen konnten. Mir fällt der historische Satz des "Führers" ein: "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!" Der Beginn des II. Weltkrieges!  Und jetzt dieser Klamauk dazu. Ich kann es kaum glauben, was ich da sehe. 

Freitag, den 24. August

Vor zwei Tagen haben wir die Todesnachricht von einem älteren Bruder von Barbara erhalten. Wir sind geschockt und absolut fassungslos. Gelähmt sitzen wir abends unter unserem Sonnendach, die Gedanken kreisen um die Vergangenheit und was wir jetzt tun sollen. Auf jeden Fall ist die Stimmung und Unbeschwertheit der Reise erstmal vorbei.
Der nächste Tag wird nicht besser, immerhin erhalten wir jetzt mehr Informationen, wie es weitergeht. Vermutlich müssen wir nicht mit dem Flieger von Danzig aus in seine Heimat fliegen, es dauert alles etwas länger mit der Beerdigung, so dass wir vielleicht für einen geordnete Rückreise Zeit haben.

Vor einem Jahr der Tod ihrer Mutter, - wir waren gerade in Flensburg -  und jetzt an ihrem Beerdigungstag, der Tod des Sohnes und des Bruders. Vor diesem Hintergrund schmelzen all unsere Pläne erstmal in einem Punkt von Bedeutungslosigkeit zusammen.

Heute, am  Freitag, ein Tag, an dem es mehr oder weniger ununterbrochen regnet,  gewinnen unsere Pläne erstmals wieder Konturen. Wir werden auf jeden Fall Danzig anlaufen, besichtigen und dann zurück nach Ueckermünde. Vielleicht müssen wir von unterwegs einen Flieger nehmen, vielleicht schaffen wir die ganze Reise zurück. Es sind ja auch "nur" ungefähr 244 Seemeilen. Wir werden sehen und weiter berichten.

Information für Segler:
Liegeplätze:
an  Y-Auslegern bzw. schmalen Seitenauslegern , i.d.R. findet man nach 18 Uhr immer noch einen Platz, großer Hafen
Preis: 50,00.- oder 40 PLN pro Nacht, je nach Lust und Laune der freundlichen Hafenmeister, Strom und Wasser an den Stegen, im Preis inbegriffen
Ein Wasch- und Toilettencontainer mit Duschen, Duschen: 8 PLN, für Toiletten gibt's eine "Ausweiskarte" des Hafenmeisters
WLAN umsonst, aber schwach, Sendemast am Hafenbeginn
Selbst bei wenig Wind Schwell im Hafen, bei Starkwind entsprechend viel Schwell, durch die Fahrgeschäfte und Kirmes unruhige Umgebung, aber ruhiger als Władysławowo.

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Samstag, den 25. Aug. nach Gdańsk/Danzig

Bei bedecktem Himmel, leichtem Sonnenschein und Windstärke 2 verlassen wir am späten Morgen Hel an der Südspitze der Halbinsel Hela, ein Hafen, der sich nicht besonders rühmlich in der Liste der polnischen Ostseehäfen ausmacht. Abgesehen vom Schwell, bei windstarken Nächten mit heftigem Schaukeln des Schiffes verbunden, war es vor allem die unzufriedenstellende Wasch- und Toilettensituation, die den Hafen in der entsprechenden Rangliste ganz unten ansiedelt: ein Container mit 3 Toiletten und zwei Waschbecken in der Größe aus dem Spielzeugladen und das im Raum mit den Toiletten. Mein einziger Versuch, mich im Duschraum waschen und rasieren zu wollen, wurde sofort mit der knurrigen Forderung nach 8,50 Zloty quittiert. Dank einer Visitenkarte des Hafenmeisters, jeden Tag neu ausgestellt, wurde uns das Toilettengeld erspart. Ganz unten im Ranking dieser für den Tag doch wichtigen Angelegenheit steht Wladislawowo, aber gleich danach Hel.

Es wird eine Motorfahrt, wir hatten es nicht anders erwartet, und in Voraussicht  größeren Schiffsverkehrs auf den Verkehrstrennungsgebieten nach Danzig und Gdynia hin machte es auch Sinn, mit dem Motor zu fahren. Noch Tage in Hel zu warten, auch angesichts dessen, was uns noch bevorsteht in Richtung Beerdigung, musste Danzig jetzt endlich sein. 

Kurz vor drei Uhr kommen wir in die betonnte Fahrstrecke nach Gdańsk hinein, vor und hinter uns zahlreiche große Frachter, die in der Danziger Bucht aufs Einlaufen warten. Hin und wieder eine Fähre, selten mal ein Segelboot. Gegen halb vier kommen wir am Monument an der Westerplatte vorbei, an den Beginn des II. Weltkrieges erinnernd.

"Am 1. September 1939 um 4.45 Uhr eröffnete das Linienschiff "Schleswig-Holstein" das Feuer auf polnische Befestigungen auf der Westerplatte vor der Freien Stadt Danzig. Etwa zur selben Zeit brachten deutsche Bomber hunderten schlafenden Einwohnern der zentralpolnischen Kleinstadt Wielun den Tod. Sie sind die ersten Opfer eines Krieges, der in seiner Ungeheuerlichkeit alle bisherigen Kriege in den Schatten stellt.

„Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!” verkündete Adolf Hitler am Vormittag im Berliner Reichstag. Der Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen wurde von der deutschen Propaganda als Reaktion auf einen angeblichen polnischen Angriff umgedeutet. Eine glatte Lüge: Der angebliche Angriff auf den Rundfunksender der Grenzstadt Gleiwitz wurde von SS-Leuten in polnischen Uniformen verübt. Mit dem Angriff des Linienschiffes Schleswig-Holstein auf die Danziger Westerplatte begann der deutsche Überfall auf Polen. Noch am selben Tag erklärte die deutsche Führung den Anschluss Danzigs an das Deutsche Reich." Soweit die Landeszentrale für Politische Bildung BW https://www.lpb-bw.de/beginn-zweiter-weltkrieg.html 

Wir dippen dreimal die Nationalflagge, wie es im Reiseführer für ein deutsches Segelboot empfohlen wird, ein mulmiges Gefühl kommt hoch, als wir an dem Denkmal vorbeifahren.

Kurz vor vier Uhr kommen wir am kleinen Hafen Weichselfestung vorbei, für uns zu weit vom Stadtzentrum weg. Und mitten in einem Chemie-Industriegebiet gelegen, ein grau-schwarz rauchender Schornstein mit seinen Abgasen erinnert uns an alte Zeiten im Ruhrgebiet. Kurz nach halb vier müssen wir mitten im Stadtgebiet vor einer Hubbrücke warten, die zwar in den Karten angegeben ist, im Reiseführer jedoch keine Erwähnung findet. Glücklicherweise ist die Wartezeit nicht lange, jede halbe Stunde von morgens 7.00 Uhr bis 24.00 Uhr in der Nacht öffnet die Brücke. Dann geht es vorbei am historischen Kranentor und in den Stadthafen "Marina Gdańsk" hinein, der gut belegt ist. Kaum in Sicht, eilt schon ein netter, junger Hafenmeister vorbei, der uns zu einem ruhigen Platz in der hinteren Hälfte der Anlage führt: Ein langer Schwimmsteg, mit einigen Auslegern, daran Y-Stege festgemacht. Hinter uns ein fettes Motorboot, aber davor freie Fläche, die nach dem Wochenende noch freier wird.
Insgesamt mit Wartezeit und Sucherei - den Hafen Sienna Grobla haben wir auch kurz besucht, er war uns aber zu untief und auch voll belegt - haben wir sechs Stunden gebraucht für die 20 Seemeilen von Hel aus. Jetzt sind wir hier, in Danzig, in einem sicheren Hafen, ohne Schwell. Aber kein Licht ohne Schatten: vor uns eine Riesenbaustelle, am Wochenende ruhig, aber wie wird das in der Woche sein? Wir werden sehen.
Schnell das notwendigste klargemacht, viel zu tun gibt es ja nicht, dann zum Essen ins vom Hafenmeister empfohlene "Bazar". Das Essen ist wirklich gut, allein mein Sauerkraut-Kartoffeln-Fleischstückchen-Eintopf ist gerade mal so viel, dass er als Vorspeise durchgeht. "Kein Problem", meint der junge, gut englisch sprechende Kellner, ich bekomme einen zweiten Topf, muss ihn nicht bezahlen. Mit einem Stück leckeren Apfelkuchen ist der Abend gerettet, kaputt sinken wir früh in die Koje. Jetzt erst mal erholen und dann Danzig erkundigen. Auch vom Hafen aus spürt man das Flair dieser Stadt, die vielen Cafes, Sitzgelegenheiten, Fußgängerzonen, Flanierenden sorgen dafür.
 
Am nächsten Tag ein erster Rundgang mit Fototour: Baustelle Speicherinsel, dann über die Brücke, die Dlugie Pobrzeze entlang, Restaurants in Mengen, Schmuckgeschäfte, ein großes Riesenrad, Eisbuden, die üblichen Krimskramsläden, alles offen am Sonntag, mit Unmengen von Menschen. Am Krantor vorbei bis zur Hubbrücke, die jede halbe Stunde öffnet, die andere Seite, an der Philharmonie vorbei, Johannestor, Bleihof, wieder im Stadthafen. An den Spuren deutscher Vergangenheit, drei Häuser mit fast verblichenen Inschriften, was es hier mal gab: Fischhandel, Kaffee-Rösterei und Colonialwaren. Und das war erst der Anfang!

Information für Segler:
Liegeplätze:
an  Y-Auslegern bzw. schmalen Seitenauslegern , i.d.R. findet man nach 18 Uhr immer noch einen Platz, großer Hafen, während der Woche ziemlich leer
Preis: 72,00.- PLN pro Nacht, Strom und Wasser an den Stegen, im Preis inbegriffen
Wasch- und Toiletten im Hafenbüro, absolut komfortabel, WLAN umsonst mit personalisierter Anmeldung, gute Leistung
kein Schwell im Hafen, Stadthafensituation und Baustellen verschaffen eine etwas unruhige Umgebung, aber ruhiger als Hel.

Stadtbesuch am 28. August

Direkt vom Stadthafen aus geht es über das Stagiewna-Tor und die gleichnamige Brücke zum Grünen Tor und dort auf die ul. Dluga, in der die berühmtesten und bekanntesten Häuser und Sehenswürdigkeiten wie auf einer Perlenschnur aufgereiht sind: Langer Markt, Goldenes Haus, Schöffenhaus, Artushof, Neptunbrunnen, Schuhmannhaus, Löwenschloss, Rechtsstädtisches Rathaus, Ferberhaus, Hauptpost, Uphagenhaus, Goldenes Tor und Stockturm. Die Eindrücke sind überwältigend, der Publikumsverkehr auch. In all dem quirligen Getriebe ist es oft schwer, einen nicht von Personen verstellten Blick auf die Gebäude, ihre bemerkenswerten Fassaden zu bekommen. Die Informationen in den Reiseführeren von Kerstin und Andre' Micklitza "Polnische Ostseeküste" und von Martin Brand/Anna Brixa "City|Trip Danzig" sind mehr als ausreichend und müssen hier nicht im einzelnen wiedergegeben werden. Auf dem Rückweg über Marienkirche und Frauentor wieder zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Um all das zu erforschen, einen kleinen Einblick in die Geschichtsvergangenheit dieser Stadt zu bekommen, müsste man Monate in Danzig bleiben. Was bleibt, ist der Eindruck einer sehr lebendigen, liebenswürdigen, lebensfrohen Stadt, deren Umtriebigkeit immer wieder für Vorwärtskommen und Aufschwung gesorgt hat. Überall in der Stadt wird gebaut, kleine Parks, frei stehende Flächen sorgen dafür, dass die Dichtigkeit der Häuser einem nicht auf den Kopf fällt. Man könnte Monate hier zubringen, jeden Tag mit einem anderen Ziel, stundenlangem Geschichtsforschen und wäre doch nie am Ende. So kann dieser Ausflug auch nur ein Hineinschnuppern sein, was bleibt ist dann die Erinnerung, dass es sich lohnt, nach Danzig zu fahren, wie auch immer.

 

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Abb. 24: Monument zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939


Abb. 25:  Dreckschleuder im Chemie-Industriegebiet


Abb. 26: Krantor, das Wahrzeichen von Danzig

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Abb. 27: Spuren deutscher Vergangenheit




Abb. 28: Teil einer Hausfassade in der Dlugi Targ

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Abb. 29: Artushof
Besuch des Museum Of The World War II
Der heutige Tag ist einem einzigen Schauplatz gewidmet, dem Museum des II. Weltkrieges. Wichtig, kantig und schräg ragt der rote Bau aus dem Untergrund hervor, bei näherem Hingucken zeigt sich das Museum als in den Boden gebaut, mindestens fünf bis sechs Stockwerke tief. Der oberirdische Teil aus Glas und Stahl dient wohl anderen Zwecken, Verwaltung, Forschung usw. Eine lange Treppe hinabgehend erreicht man die Eingangshalle, und von der geht es bis zum Ticketempfang und eigentlichen Ausstellung nochmals zwei oder Stockwerke tief.

Ein Audio-Guide in deutscher Sprache führt mich durch die Ausstellung in mehr als 12 Räumen, deren zahlreiche Exponate in polnisch und englisch erläutert werden. Ein einführender Film in einer Rundum-Leinwand zeigt die Hintergründe des II. Weltkriegs im I. Weltkrieg. Es sind Bilder des Grauens, die einen auf das Weitere  vorbereiten. Viele Graphiken untermauern Bilder und Exponate. Der Schwerpunkt des Museums liegt natürlich auf dem besonderen Verlauf der polnischen Geschichte: Polen als ein kleines Land, zerrieben zwischen Nazi-Deutschland und Stalin-Sowjetunion, verraten von den Großmächten England und Frankreich. Ohne jetzt auf weitere Einzelheiten einzugehen zu wollen, zeigt ein Film den Überfall des Kreuzers Schleswig-Holstein auf die polnische Garnsison am 1. September 1939. Die Bezüge zu Danzig als Freie Reichsstadt werden immer wieder hergestellt. Es sind zu viele Bilder, als dass man sie in einem Reisebericht wiedergeben könnte. Zumal im Internet über das Museum selbst genug erkundbar ist. Was nachhaltig bleibt, ist ein Gefühl tiefer Betroffenheit und die Gewissheit, dass diese Mixture aus Wahnsinn und Irrsinn nie wieder geschehen darf. Wenn ich dann abends im Internet von den Geschehnissen in Chemnitzn lese, bekomme ich tiefe Zweifel. 
Jedenfalls: Für jeden Danzig-Besucher ist dieses Museum ein Muss - unabhängig von der aktuellen politischen Situation.
Internet-Adresse: https://muzeum1939.pl/en/home
Abb. 30: Museum des II. Weltkrieges
Abb. 31: Das Ende des Krieges

Mein Besuch bei Günter Grass

"Die Blechtrommel" und "Der Butt" waren bei unserer ersten Polen-Reise zwei gewichtige Bücher, die aus der Sicht von Günter Grass das deutsch-polnische Verhältnis beleuchteten und die damalige Reise begleiteten. Jetzt war die Gelegenheit gekommen, seinen Spuren in Danzig ein wenig nachzufahren.

Also nehme ich mir mein Bordfahrrad und radle den sieben Kilometer langen Weg entlang einer sechsspurigen Autostraße in den Stadtteil Wrzeszcz, der damals Langfuhr hieß. Ich sehe mir das Haus seiner Kindheit und Eltern an und besuche in einem nahegelegenen Park das Denkmal, das ihm zu Ehren die Danziger errichtet haben. Was zu Günter Grass in den Reiseführern und im Internet steht, muss hier nicht wiederholt werden. Auch nach mehr als 80 Jahren vermittelt das Straßen- und Häuserbild einen Eindruck, in welcher Umgebung seine Kindheit ihren Gang genommen hat. Auch all den Spuren, die er in Danzig romanseits hinterlassen hat nachzufolgen fehlt mir die Zeit. Aber für die Erinnerung an seine zwei Werke, die Geschichte seines Romanhelden Oskar Matzerath, reicht dieser Ausflug. Zurück bleibt ein etwas seltsames Gefühl, das ich nicht genauer beschreiben kann, weshalb ich es bei diesen Worten belasse.

 


Abb. 32: Günther Grass mit seinem Helden Oskar, dem Blechtrommler
Tag der Friedhöfe 03. September
In Vorahnung und -bereitung der kommenden Beerdigung von Barbaras Bruder treibt es mich bei schönstem Sonnenscheinwetter auf den "Friedhof der nicht existierenden Friedhöfe". Nach kurzer Radfahrt durch die Rechtstadt, dann vor dem Bahnhof über eine belebte Straße, anschließend die MAJA entlang, entdecke ich nach eingiger Zeit die Kosciol Bozego Ciala-Kirche und davor den "Friedhof der nicht existierenden Friedhöfe", gewidmet all den Verstorbenen, deren Grabstätten in den Jahren des letzten Jahrhunderts zerstört, aufgelöst, einplaniert wurden und die so ihre letzte Ruhe verloren. Eine schlichte Anlage, mit Buchsbaum zugewachsene Rechtecke, in die einzelne, zum Teil noch lesbare Grabplatten gelegt wurden, sowie ein Altarstein in Form eines steinernen Sarges, der ebenfalls mit Grabplattenresten gemauert ist. Die Inschrift erinnert an die viele Danziger Friedhöfe, die vor allem in den 70-iger Jahren des letzten Jahrhunderts verschwanden. Ein Friedhhof, der an Friedhöfe erinnert, so was gibt es wohl nur in Danzig.
Im Internet zu finden unter http://www.pg.gda.pl/~jkrenz/projekty-r4niem.html

Wenige Meter stadtauswärts besuche ich noch den Friedhof Cmentarz Zolnierzy Radzieckich, von dem ich keine Bilder gemacht habe. Die nicht allzugroße Anlage ist ziemlich voll, Grab an Grab, wenig Platz dazwischen. Die Gräber meistens in Stein, manchmal Holz, sarkophagähnlich, große Grabplatten in verschiedenen Steinen, mal glatt poliert, mal rauh, der Blumenschmuck nicht allzu bunt, meistens mit kleinwüchsigen Bäumen oder Heckenplanzen drumherum. Die Inschriften vor mir erinnern an Danzigerinnen und Danziger, die in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren sind, meistens polnische Namen. Vor vielen Gräbern kleine Bänke, auf denen die Lebenden mit den Verstorbenen Zwiesprache halten können. Der Friedhof mit altem Baumbestand, fast wie ein Park. Ein schöner Platz der Ruhe!

Der Weg in die Innenstadt führt mich wieder durch alte Straßen und Gassen, den Blick immer auf Schlaglöcher im Boden gerichtet. Abseits der gut ausgebauten Radwege ist das  Straßennetz Danzigs in der Regel eine Zumutung und Stress für  Radfahrer. An der Wechsel entlang geht es über die Duglie Pobrzeze durch den merklich ausgedünnten Touristenstrom über die Zielony Most beim Grünen Tor und dann auf das Schiff. Wieder ein erlebnisreicher Tag!


Unterbrechung aus traurigem Anlass

Am 22. August erreicht uns die email-Nachricht, dass V., ein Bruder von Barbara verstorben ist. Ganz plötzlich, gewissermaßen ohne jede Vorwarnung. Wir sind schockiert, fassungslos. Damit hat keiner gerechnet. Und das am Tag der Beerdigung ihrer Mutter vor einem Jahr. Die Stimmung ist tief im Keller, wir beschließen, zur Beerdigung hinzufliegen. Von Danzig mit dem Schiff nach Ueckermünde und dann mit dem Auto, das ist nicht zu machen in der Kürze der Zeit. Der Beerdigungstermin steht zwar noch nicht fest, aber andere Termine anderer Beteiligter lassen erwarten, dass er in der ersten oder zweiten Septemberwoche ist. Mails gehen hin und her, Telefonate keine, weil mein Handy in Polen nicht geht, und Barbaras Handy auch irgendwie keinen Anschluss findet.

Am 6. September fliegen wir mit der Lufthansa nach München, dort zu Schwester und Schwager, und am 8.9. ist die Beerdigung. Traurig, aber schön gemacht. Mit Würde für einen, der noch etliche Jahre vor sich gehabt hätte und sie genießen könnte. Alle bringen sich ein, soweit sie es können, Lieder und Songs u.a. von Jimmi Hendrix und eine Dia-Show, natürlich elektronisch, begleiten das Programm und die zwei Reden. Nach einem schwäbischen Essen trifft sich die Familie im engeren Kreis. Wir sitzen, reden, tauschen uns über uns und das Leben aus. Und über V.

Am 10. September fliegen wir wieder zurück, es sind knapp eineinhalb Stunden jeweils die Strecke. Wahrscheinlich über tausend Kilometer in eineinhalb Stunden. Ganz schnell und ganz langsam, das scheint sich jetzt in unseren Reisen anzuhäufen.
Abend um zehn Uhr kommen wir an, zum Glück haben wir noch die Bordverpflegung der Lufthansa. Die Lokale geben kein Essen mehr aus.

Der nächste Tag ist der Erholung von all den Strapazen vorbehalten, die eine solche Reise und ein solches Ereignis mit den vielen sozialen Kontakten mit sich bringen. Verdauen, verdauen, erstmal absacken lassen. Wir orientieren uns vorsichtig an den Wetterberichten, wann es weitergehen könnte. Die folgenden Tage sind wenig zum Segeln geeignet, aber bevor die Starkwindtage und Herbststürme kommen, müssen wir die 260 Seemeilen bis Ueckermünde geschafft haben. Neue Herausforderungen lenken unseren Blick nach vorne, ein Stück nachdenklicher werden wir Danzig verlassen. Wie schnell ein Leben enden kann, wir wollen es nicht wahrhaben und trotzdem geschieht es um uns herum. Den Tag beschließen wir mit einem sehr guten Essen im Lokal "Restauracja Kuchnia Polska" (Restaurant Polnische Küche) an der Dlugie Ogrody, zwischen ING-Diba und Santander. Sehr preiswert, sehr große Portionen, sehr lecker zubereitet, dreisprachige Speisekarte zur polnischen Küche. Und abseits der Touristenmeile, nur wenige Meter vom Stadthafen entfernt. Ein freundlicher, älterer Pole erklärt uns die Speisekarte und die polnischen Spezialitäten. Er kann gut deutsch, im Gespräch stellt sich heraus, dass er lange Jahre in Deutschland gearbeitet hat und die Familie in Deutschland lebt.

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Abb. 33: Friedhof der nicht existierenden Friedhöfe


Abb. 34: Im Inneren der Anlage
Donnerstag, den 13. September, nach Hel

Endlich können wir Danzig verlassen, die Stadt, die uns fast drei Wochen festgehalten hat, mit dem teuersten Liegeplatzpreis von 72 PLN, das sind ca. 16,32 .-€ . Aber bestimmt auch der sicherste Hafen, mit Codezugang an den Türen zum Steg, Videoüberwachung und mehrmaliger Kontrolle des Hafenmeistes oder eines Wachdienstes, auch spät nachts. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und die heutige Fahrt nach Hel, bei bewölktem Himmel, später immer mehr Sonne, Windstärke 2 und wenig Seegang war der richtige Einstieg dazu. Nach etwas mehr als vier Stunden erreichen wir den Hafen, diesmal sind wir "nur" 19 Seemeilen gefahren.
Anlegen, das Boot vertäuen, Strom legen, aufräumen, all das geschieht Hand in Hand, ohne viel Worte, jeder weiß, was er zu tun hat. Danach gehen wir in den "Kutter", das Restaurant vom ersten Besuch, und futtern uns mit einem Mittagsmenü den Magen voll. Den Rest des Sonnenscheins genießen wir an Deck, Barbara mit Sudoku, und ich unter Deck, mit Bericht schreiben.
Heute abend oder morgen wird sich zeigen, wie wir die etwas längere Strecke nach Władysławowo meistern, dort wollen wir wegen der miesen sanitären Verhältnisse höchstens eine Nacht bleiben und dann stehen die 40 Seemeilen bis Łeba auf dem Plan. Die nächsten Tage ist vor allem Westwind angesagt, genau die Richtung, die wir nicht brauchen können. Aber das Wetter ist ja vor allem immer für eine Überraschung gut, vielleicht geht es schon morgen weiter, vielleicht auch erst in ein paar Tagen.

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Samstag, den 15. September nach Władysławowo

Diesmal sind wir früh dran: Vor der üblichen Zeit um 10 Uhr lösen wir die Leinen und steuern unser Ziel an: nach Waldyslawowo. Die Sonne meint es gut mit uns, sie kämpft gegen die Bewölkung an, der Seegang ist moderat bei 0 bis 0,5 m. Der Wind meint es nicht so gut, die Stärke ist zu gering zum Segeln und aus der falschen Richtung. Aber was sollen wir machen: in Hel auf den richtigen Wind warten oder bei wenig Windstärke mit dem Motor gegen den Wind fahren. Wir entschließen uns für das Letztere, wir wolllen beide heim und jeder gewonnene Fahrtag gibt uns dann nochmal Reservezeit in einem Hafen, wenn alles nicht passt oder wir noch was anschauen wollen, wie z.B. die Wanderdüne bei Łeba.

Außer einigen uns überholenden Fischkuttern und einem Segler sind wir allein an See. Die Sonne hat sich gegen Mittag durchgekämpft, es wird so warm, dass wir unsere Pullover ausziehen können. Man merkt, der Sommer ist vorbei, vielleicht gibt es noch einen kleinen Nachschlag an warmen Tagen, aber die Juli- und Augusttemperaturen werden nicht mehr erreicht.

Gegen frühen Nachmittag nimmt die Wind, zwischenzeitlich abgeflaut, wieder zu, der Seegang ebenfalls. Die Temperatur auf See rückt gegen 17 °, die Pullover werden wieder angezogen. Wir fahren direkt gegen Wellen und Dünung, manchmal knallt das Schiff vorne auf die See, aber im großen ganzen durchschneidet "de Widzi" die Wellen elegant und glatt. Vorbei am Leuchtturm von Jasternia und dem Dörfchen Kuznia geht es Richtung Władysławowo. Die Küste ist jetzt auf der backbordseite, vorher steuerbords.

Bedrohliche Wolken türmen sich allmählich am Himmel auf, an der Küste über Land gehen Regenschauer nieder. Vielleicht schaffen wir es noch vorher in den Hafen. Die Gegenströmung von Wind und Welle plus Dünung ist so stark, dass aus unseren anfänglich fünfeinhalb Knoten viereinhalb geworden sind.

Gegen halb drei sind wir im Hafen und machen an dem Ende, das für die Segler reserviert ist, fest. Aufräumen und  Kuchenbude aufziehen, alles geht Hand in Hand, ohne viel Worte. Ein eingespieltes Team, jeder packt an. Nach kurzer Zeit sind wir fertig, checken noch den Wetterbericht für morgen und gehen Lachs essen. Heute heißt es früh in die Koje, morgen gehts weiter nach Łeba. Das sind dann 36 Seemeilen, schon ein Stückchen mehr.

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Sonntag, den 16. September nach Łeba

Früh am morgen geht es los, die Strecke hat es in sich, der Wind ist gegen uns, aus der "falschen" Richtung, also motoren. Die Alternative kreuzen kommt nicht in Frage, weil dann aus den 36 Seemeilen schnell 40 und mehr werden, was die Zeit bis zum Ziel auf 8 und mehr Stunden ausdehnen würde.

Ab Władysławowo ist der Seegang mäßig, aber die Dünung hat es in sich, kann sich doch auf der langen Strecke von Rügen ab in der freien See eine ziemliche Welle, eben die Dünung aufbauen. Zusammen mit den Wellenbewegung, verursacht durch den aktuellen Wind, wird aus der Fahrt wieder eine Schiffschaukelei im wahrsten Sinne des Wortes, vorne geht es auf und ab, zuweilen spritzt die Gischt bis zur Sprayhood rüber. Ein drei-bis-vierer Wind wurde vorausgesagt, aber das reicht schon wenn man gegenan muss. Wir fahren 2500 Umdrehungen und machen doch nur zwischen 4,3 und 4,7 Knoten. Später, im Flusslauf von Łeba, erfahren wir, dass mit 2500 Umdrehungen zwischen 5,7 und 5,9 Knoten drin wären. Gegenwind und -welle nehmen uns also gut eineinhalb Knoten weg.

Am späten Vormittag verdichtet sich die Bewölkung immer mehr, die Wolken werden grau und grauer, Richtung dunkelgrau bis schwarz. Wir fürchten, dass Regen kommt und ziehen unsere Schwerwetterkleidung an. Es kommt dann später zwar kein Regen, aber allein gegen die Kälte ist die Kleidung ein guter Schutz. Zwischendurch wird es dann wieder heiß und der Wind nimmt ab, also Jacke wieder aus.Gegen halb fünf sehen wir das erste Segelschiff an diesem Tag, bisher war außer wenigen Fischkuttern nichts los auf dem Meer.

So geht es Stunde um Stunde, einer der "Höhepunkte" der Fahrt ist dann erreicht, wenn es "Bütterchen" gibt, von Barbara liebevoll und geschmacklich interessant arrangiert. Dazu immer wieder Bonbons und natürlich trinken, trinken, trinken. Den Lippenstift nicht vergessen, die Sonnenschutzcreme haben wir schon weggepackt. Gegen halb fünf erreichen wir die Flußmündung der Łeba, jetzt wird es endlich ruhig und um fünf Uhr wird die Maschine gestoppt. Etwas mehr als siebeneinhalb Stunden, aber 35 Seemeilen. Auf der Herfahrt haben wir 36 Seemeilen gebraucht, diesmal sind wir enger an der Küste entlang gefahren. Das brachte uns zwar in die Nähe einiger Fischernetze, deren Fähnchen schlecht zu sehen waren, aber dafür war die Fahrzeit eine halbe Stunde weniger.
Jetzt werden wir erst mal einige Tage Pause machen, Diesel und Wasser muss gebunkert werden und hoffentlich ist das Essen im Hafenrestaurant noch so gut wie beim 1. Mal.

Die nächsten Tage machen wir vor allem Siesta, etwas einkaufen, Diesel von der Tankstelle im Ort holen, alles mit dem Fahrrad, zu Fuß ist es zu weit. Die Sonne scheint herrlich warm, ein laues Lüftchen herrscht vor, bis um halb sechs die Sonne hinter dem Hafenhaus verschwindet. Dunkel ist es dann schon gegen 8 Uhr und meistens liegen wir schon um zehn Uhr in der Koje. Andere Verhältnisse, andere Gewohnheiten. Wir passen uns an. Das schönste ist die Ruhe hier, der "Schreihals" von unserem 1. Besuch ist, weg, die Kogge fährt jetzt voll mit den letzten Touristen alleine flussauf und -ab.



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Mittwoch, den 19. September nach Darłowo

Unsere Tage in Polen sind gezählt, wir wollen nach Hause! Deswegen bleiben wir auch nicht mehr im ruhigen Hafen von Łeba, sondern wagen uns an die lange Überfahrt von hierher 54 Seemeilen, die bisher längste Strecke zwischen zwei Hafenorten. Das "Pikante" an der jetzigen Situation ist: Es wird wieder geschossen, in den Schießgebieten 6, 6a und 6c, das sind vor allem bei 6b weit in die See hineinreichende Vierecke, deren Umfahrung über 56 Seemeilen mehr Weg ausmacht. Aber die polnische Marine ist ja mit den letzten Seglern mitfühlend: Es gibt ein Fenster von 12.00 bis 17 Uhr bei 6 und von 14.00 bis 19.00 Uhr im viel kleineren Gebiet 6c. Wir müssen also die 30 Seemeilen bis zur östlichen Grenze von Gebiet 6 bis spätestens 14 Uhr geschafft haben, dann haben wir für die 12 Seemeilen von Gebiet 6 von Ost nach West noch drei Stunden. Aus den Erfahrungen der letzten Fahrt ist uns klar, dass selbst bei Gegenwind von 3-4 Bft mehr als 4,7 Knoten nicht drin sind, eher weniger. Mit vier Knoten gerechnet, sind die 12 Seemeilen zu schaffen, so dass wir quasi in letzter Minute das Sperrgebiet verlassen.

Mittwoch ist der Tag an dem es klappen könnte: Mit anfangs Windstärke drei, in Böen vier, und knapp einem halben Meter Gegenwelle dürften wir die ersten dreißig Seemeilen in 7 Stunden schaffen. Also früh aufstehen und das heißt, um sieben Uhr morgens die Leinen los. Die ersten Meter  im Flusslauf der Łeba sind noch ermutigend, bei 2500 Umdrehungen machen wir 5,7 bis 5,9 Knoten, doch draußen, ab der Einfahrtstonne, wird die See rauer und rauer, die Dünung nimmt zu und spätestens ab 9 Uhr ist es vorbei mit der einigermaßen ruhigen See. Die Gegenwellen werden höher und höher, immer öfter knallt das Schiff auf die großen Dünungswellen auf, gepaart aus dem aktuellen Seegang, dem Wind geschuldet und der Dünung, die sich umso mehr aufbaut, je weiter wir von der Küste wegkommen. A propos Küste: Da ist ja noch anfangs zwischen Łeba und Ustka ein Naturschutzgebiet mit einem Abstand von bis zu zwei Seemeilen zur Küste, das wir nicht durchfahren dürfen, und deswegen weiter raus müssen.

Aus der Ferne hören wir die Explosionen aus dem Schießgebiet, als wir am Leuchtturm Czolpino vorbeifahren. Nach drei Stunden Fahrt ersehen wir aus den Plotterdaten, dass wir nur mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,3 Seemeilen fahren. Es wird also knapp werden! Wir diskutieren, ob der Hafen Ustka eine Option darstellt, sind aber nach dem nochmaligen Erinnern der Eindrücke aus unsererm Reiseführer von Jörn Heinrich der Meinung, dass wir bis zuletzt versuchen wollen, es zu schaffen. Also drehen wir jetzt die Drehzal auf über 2500 Umdrehungen, um schneller fahren zu können.
Kurz vor 12 haben wir bei Rowy endlich das Naturschutzgebiet hinter uns, die letzten Meilen habe ich mich sowieso nicht mehr an die Grenze gehalten. Wenn ein Fischkutter das Gebiet durchfährt, dann muss das einem kleinen Segelboot auch gestattet sein! Der Wind nimmt inzwischen zu, der Seegang auch, eineinhalb-Meter-Wellen sind inzwischen keine Seltenheit mehr, ab und zu rauschen auch 2- und mehr-Wellen unter uns durch. Wenn sie gehäuft hintereinander kommen, dann knallt das Schiff mit dem Bug garantiert auf die letzte auf, das Wasser spritzt bis zu Sprayhood. Nicht rechtzeitig weggeduckt, bedeutet das ein kalte, salzige Dusche auf dem Gesicht. Einzeln große Wellen durchschneidet die Yacht mit Eleganz und Leichtigkeit.

Gegen 13.33 Uhr überfahren wir die Grenze zum Sperrgebiet 6. Jetzt haben wir einen Puffer von einer halben Stunde. Wir erhöhen die Drehzahl nochmals ein bißchen und nehmen in Kauf, dass wir mehr Sprit verbrauchen. Bisher hat der Motor ja alles mitgemacht, was wir ihm zugemutet haben. Wir hoffen, dass er es auch diesmal hinnimmt, mehr zu leisten als üblich. Die Maschine arbeitet hart gegen die Gegenwellen an, aber wir machen mehr als fünf Knoten. Um 15 Uhr, früher als geplant, sind wir durch das Sperrgebiet 6 und verlassen die gefährliche Zone.

Darłowo wird immer deutlicher sichtbar, bald liegt die Einfahrt vor uns. Da, viertel nach fünf Uhr, setzt der Motor plötzlich aus. Rasch reagiert, Hebel auf Standgas, zum Glück läuft er weiter, jetzt schnell Kurs zum Meer hin, dass wir nicht aufs Land getrieben werden. Nach einer kleinen Schreckpause nehmen wir an, das kein Diesel mehr im Tank ist. Zum erstenmal Nachfüllen auf See, fünf Liter müssen fürs erste reichen. Und tatsächlich, das scheint es gewesen zu sein, langsam fahren wir die Drehzahl wieder hoch und erreichen die Hafenmündung von Darłowo. Quasi im ersten Gang fahren wir die Wipper hoch, und stehen um halb sechs vor der Brücke,. den Motor im Leerlauf, ihn auszumachen trauen wir uns nicht. Ein Anruf bei der Brücke und um sechs Uhr öffnet sie sich. Zehn  Minuten später haben wir angelegt, das Schiff klargemacht und gönnen uns ein wirklich gutes Abendessen im nahegelegenen Lokal "Baltic Korona".   Es gibt Lachs mit Pfifferlingen im Reisbett, dazu gekochtes Gemüse. 
Ein langer, harter Tag liegt hinter uns. Die Schießgebiete zur rechten Zeit zu erreichen und zügig durchzufahren war stressig. Immer die Befürchtung, die Maschine gibt auf. Dann wäre Kreuzen gegen den Wind angesagt gewesen, aber wir hätten es niemals rechtzeitig durch die Sperrgebiete geschafft. Jetzt erstmal runterkommen, ausschlafen, und dann sehen wir weiter. Die nächsten Tage werden Starkwind- und Regentage, das kann dann wieder ganz anders und heiter werden.

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Samstag, den 19. September

Wir sitzen fest, in Darłowo, wettertechnisch gesehen! Gestern Starkwind mit 7 Beaufort, in Böen eins mehr. Der Regen prasselt vom Himmel, der Westwind zerrt an der Kuchenbude, wir befürchten, gleich fliegt das Stoffteil vom Boot. Aber es ist sicher festgemacht, mit Leinen und den Halteknöpfen. Der Regen nimmt kein Ende, eine Böe jagt die andere. Es regnet rein, die undichten Stellen verstopfen wir mit alten Hand- und Strandtüchern, bis diese sich vollgesogen haben und es wieder anfängt zu tropfen. Damit keine Beule im Kuchenbuden"himmel" entsteht, haben wir einen Schrubberstiel darunter geklemmt. Zum Glück haben wir leinentechnisch alles erledigt, um das Schiff sicher auf seinem Platz zu halten. So wird die Nacht wiedermal eine Krachernacht, an viel Schlaf ist nicht zu denken, jedes neue Geräusch fordert zum Nachdenken auf, woher es kommt.

Und die nächsten Tage werden nicht viel besser. Zwar wird der Regen abnehmen, aber die Windstärke bleibt uns erhalten, mindestens fünf, im schlimmsten Falle acht bis neun. Dazu auch immer wieder Regen, und Temperaturen zwischen 12 und 14°C. Frühestens am Samstag, nach dem jetzigen Stand, ist an ein Weiterfahren zu denken, dann wieder gegen Wind und Welle, aber "nur" bei Windstärke vier. Wir werden sehen, jedenfalls schaut es so aus, wie wenn wir bis Mitte Oktober unterwegs sein könnten.

Abb. 35: Sonnenuntergang in Darłowo am 19. September 2018

Dienstag, den 25. September nach Kołobrzeg

Wir haben Glück, ein kleines "Windfenster" von einem Tag macht sich auf, an dem "nur" ein Wind von vier Bft, in Böen fünf, und aus der richtige Richtung Nordwest wehen soll. Dabei hoffen wir, dass der 6-er Wind der Vortage die See nicht allzu stark aufgewühlt hat, und die Dünung moderat ist. Weil ich nicht sicher bin, ob wir überhaupt durch die Hafenmündung kommen, erwäge ich, in der Früh mir das Bild anzuschauen, lasse es aber doch bleiben. Vielleicht wären wir dann gar nicht gefahren, aber das Wetter wird nicht mehr besser. Wir haben für die bisher erfahrenen 36 Seemeilen 8 Stunden eingeplant, wenn wir vor Sonnenuntergang ankommen, reicht das noch. Jetzt gibt es ja jede Menge freie Plätze in den Häfen, man muss nicht mehr befürchten, irgendwo im Päckchen festmachen zu müssen.

Kurz vor 11 Uhr fahren wir los, die Brücke macht ja erst um diese Stunde auf. Danach sieht es noch ganz zufriedenstellend aus, die Gegenwelle auf dem Strom ist gering, mit 5,9 Knoten fahren wir auf die Hafenmündung zu. Und dann heißt es nur noch: Augen zu und durch!! Die hereinkommenden 2-3-Meter-Wellen haben eine solche Wucht, dass wir beide große Angst haben, es nicht zu schaffen. Mühsam kämpft sich die Motor mit der vollen Leistung durch die Wasserberge, aber irgendwann sind wir durch und können die Drehzahl zurücknehmen. Und dann geht es so weiter, wie es angefangen hat: die aufgepeitschte Dünung wird nur wenig durch den aktuellen Wind verstärkt, uns reißt es hoch und runter, ich habe Mühe, den Wellen gegenzusteuern, von den wir fürchten, dass sie das kleine Boot zum Kentern bringen. Aber es klappt alles, je weiter wir auf See sind, desto ruhiger wird die Dünung, was nicht heißt, dass sie abnimmt, sondern nur regelmäßiger und voraussehbarer wird. Ich steuere von Hand, den Pinnenpiloten haben wir erst mal unten gelassen.

Zum Glück kommt immer wieder die Sonne durch, die Bewölkung ist aufgelockert, aber es ist auch a....kalt, gerade mal 12 °C, wenn längere Zeit die Sonne scheint, ein Grad mehr. Hin und wieder kommen die Wellen so, dass die Gischt über das Vorschiff rollt, dann erwischt uns eine kalte salzige Dusche. Aber das hält sich in Grenzen, sitzen wir doch beide eng unter der Sprayhood. Es ist kein Boot draußen, nicht mal ein Fischerkahn. Die Polen, die uns beim Ablegen geholfen haben, waren noch voller Zweifel, ob wir es duch die Mündung schaffen. Ich habe die Wettervoraussage im Kopf, und bete, dass der Wind abnimmt, die Dünung abnimmt, es endlich etwas wärmer wird, die See ruhiger usw. Aber ist ja gutgangen, mit der Durchfahrt, jetzt müssen wir uns voll auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

Gegen drei Uhr nachmittags, es ist tatsächlich etwas "ruhiger" geworden, hole ich den Pinnenpiloen. Er macht seine Arbeit wunderbar, ich kann mich, angepickt an der LifeLine, ein wenig entspannen und den Brechern zuschauen, die auf das Schifff zurollen. Die Wellenkämme, die sich bei Windstärke vier noch brechen, werden seltener, allerding wechselt die Dünung auch ihre Richtung, statt von der Seite kommt sie immer mehr vorlicher. Dann spritzt es auch wieder mehr, das Vorschiff wird häufig vom Salzwasser überrollt, abend ist wieder eine Undichtigkeit nass. Aber daran denken wir nicht, je länger es geht, dest mehr zählt nur noch Zähne zusammenbeißen, A....backen zusammenzukneifen und auszuhalten. Es gibt eben keine Bushaltestelle auf der See, und zurückfahren ist keine Option. Immerhin erleichtern uns die Bütterchen von Barbara, Bananen, Sallos und Ingwerbonbons das Leben.

Viertel nach fünf sehen wir einen Fischkutter, ansonsten ist das Meer wie leergefegt. Unsere kalten Füße und Hände versuchen wir irgendwie mit Handschuhen und Zehenübungen zu wärmen, selbst zwei Paar Socken machen gegen die Kälte und den Wind nicht viel aus. Natürlich haben wir von Anfang Regensachen angezogen, aber die halten eben nicht sehr warm. Bei der nächsten Tour müssen wir uns unbedingt wärmer ankleiden, Stiefel anziehen, mehrere Pullover und warme Unterwäsche. Wir nehmen uns das vor, ob wir auch daran denken?

Um  20 Minuten nach sechs ist die Schaukelei endlich vorbei, wir sind durch die Hafeneinfahrt von Kołobrzeg, jetzt geht es den Fluss hinaus bis ans Ende, in die neu erbaute Marina Solna. Von unserem letzten Besuch kennen wir noch den Türcode, das WLAN-Passwort und finden den deutsch sprechenden Hafenmeister im Hauptgebäude. Wir zahlen und überlassen uns anschließend der Wärme des Hafenrestaurants, die wir pizzaessend genießen, während um uns herum der Boden schaukelt und die Wellenberge weiter durchs Gehirn rasen. Die Bilder brauchen eine Weile, ehe sie verebben, nach und nach wird klar, dass wir es geschafft haben und freuen uns. Jetzt erstmal ein paar Tage Pause, bis der Wind wieder schwach genug ist, dann die nächste Strecke bis Dziwnów, wieder 35 Seemeilen lang, aber dann bei hoffentlich weniger Seegang. Wer das hier erlebt hat, braucht keine Kírmes-Schiffschaukel mehr, sondern nur noch Ruhe und festen Boden. Und eine Heizung auf dem Boot, nachts wird es 8 °C, und der Heizstrahler hat nur noch eine Röhre! 


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Abb. 36: Das hat uns an der Hafenmündung erwartet!
Samstag, den 29. September nach Dziwnów

Wir haben noch eine lange Strecke vor uns, die - wie sich nachher herausstellt - 34 Seemeilen von Kołobrzeg nach Dziwnów. Deswegen starten wir früh, bei strahlendem Sonnenschein aus der Marina Solna. Draußen herrschen 10 °C, aber wir sind gut angezogen, lange Unterwäsche, Wollpullover und statt der kühleren Regenjacke einen Regenmantel. Stiefel nicht zu vergessen, ebenso wie Handschuhe. Es lässt sich so aushalten, ob das allerdings für die kommenden siebeneinahlb Stunden reicht, wissen wir noch nicht.
Vor der Hafenmündung wogt ein ziemlicher Schwell und Seegang, aber wir kommen gut durch. Draußen geht es gleich so weiter, der Seegang beläuft sich auf einen halben bis später ein Meter. Der 3-er-Wind aus Südwest trägt nur wenig zum Seegang bei, es ist vor allem die Dünung, die uns wieder eine Schiff-Schaukel-Fahrt beschert.
Am späten Vormittag und gegen Mittag fallen einige Regentropfen, aber kein Dauer- oder Platzregen. Der Wind nimmt zu, es wird a....kalt. Immer wieder sehen wir lange Reihen von Zugvögeln, auf dem Weg nach Norden. Endlose Ketten. Der Schwell nimmt zu, die 1-Meter-Wellen sind jetzt regelmäßig, dazwischen kommen auch höhere. 
Auf dem ganzen Weg überholt uns nur ein polnisches Charterschiff mit 5 Mann Besatzung, das wir im Hafen von Dziwnów wieder sehen.Und die vielen Fischernetze halten uns auf Trab, manchmal übersehen wir welche und fahren ziemlich knapp an ihnen vorbei. Sonst passiert nichts Aufregendes auf dieser Fahrt.
Viertel nach Vier passieren wir die Hafenmündung, der Schwell der Dwina ist so starkt, dass er aus 5,7 Knoten schnell mal nur 3 werden lässt. Aber mit der Zeit nehmen wir Fahrt auf und können um halb fünf den Motor ausmachen.

Beim Hafenmeister erleben wir dann wieder etwas, was uns nicht gefällt. Für den Aufenthalt eine Nacht zahlen wir 40 PLN, und für Strom 10 PLN. Der Strom muss aber erst freigeschaltet werden, die Chipkarte hat der Hafenmeister. Kurz nach der Anmeldung kommt er mit dem Fahrrad, steckt den Stecker einfach in eine Dose, auf der noch Guthaben vom Vorgänger drauf ist und ist wieder weg. Das Restguthaben des Vorgängers betrug 9,8 PLN. Aber kein Wort davon, dass er jetzt 10 PLN zweimal kassiert hat. Es geht nicht um die 10 Zloty, sondern ums Prinzip. Und das hier ist einfach ein Art von Abzockerei, die man im südlichsten Bundesland der Republik als Hinterfotizgkeit bezeichnet! Während der Anmeldung meint er dann noch, ganz gut deutsch sprechend, dass die Zone 13 - Sperrgebiet nördlich von Świnoujśie - ab dem 29. September gesperrt sei. Das war uns längst bekannt. Auf meinen Hinweis, dass man das Sperrgebiet südlich unterfahren könne, geht er nicht ein. Will er uns Angst machen und veranlassen, bis zum 4.10. in Dziwnów zu bleiben?  In diesem Hafen, der absolut tote Hose ist? Das Hafenlokal geschlossen? Auf die Frage, ob man hier noch irgendwo essen könne, meint er, vielleicht in der Stadt, 500 Meter weiter, aber ob das Lokal geöffnet sei, wisse er nicht. Später sehen wir eine Menge Leute Richtung Fischereihafen gehen, von dort kommt auch Life-Musik. Wahrscheinlich war dort ein Restaurant geöffnet und er wollte einfach nicht, dass wir dorthin gehen. Wie auch immer, auch diese saukalte Nacht überleben wir, immer den Heizstrahler mit der einen Röhre an und zwei Wolldecken über der Bettdecke.

Am nächsten Morgen das selbe Bild: Die Duschen geschlossen, eine Waschgelegenheit im Männerklo, nicht sehr appettitlich, sich dort zu waschen, während nebenan die Männer ihr großes Geschäft machen. Aber der Wunsch, endlich nach Hause zu kommen und der Kälte zu entfliehen, verleiht uns die Kraft, auch das zu überstehen.

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Sonntag, 30. September nach Świnoujśie

Die eine Nacht in Dziwnów war genug, heute geht es weiter nach Świnoujśie, dem vorletzten Hafen. Und nur 20 Seemeilen. Das Wetter ist uns auch hold, der Wind nur 2-3 Bft, kaum Böen, der Seegang um einen  halben Meter. Wir lassen uns  Zeit, um 11 Uhr geht die Maschine an, und dann fahren wir erstmal die Dwina hinunter. So wie der Strom uns gestern gebremst hat, schiebt er uns nun in die Ostsee hinaus, die Wellen sind nicht besonders hoch, es sieht nach einer guten Fahrt aus.

Kurz vor 12 Uhr erreichen wir einen Punkt südlich der südöstlichen Ecke des Schießgebietes, das wie eine Raute in die Ostsee eingezeichnet ist. Am Horizont sehen wir später drei Kriegsschiffe, aber kein Knallen oder irgendwelche Detonationen. Eine Stunde später haben wir den südwestlichen Zipfel erreicht, d.h. mindestens eine Seemeile darunter. Świnoujśie kommt in Sicht, die großen Hafenkräne und Hochhäuser zeichnen sich am Horizont ab.

Wieder erblicken wir zahllose Schwärme von Zugvögeln, die in gerader Linie, wie eine 1 geformt, den Himmel nach Norden durchqueren. Vermutlich Kormorane, jeddenfalls schwarze Vögel, schmal und schnell.

Zwanzig Minuten vor drei Uhr erreichen wir die Einfahrtstonnen nach Świnoujśie und kurz nach drei Uhr können wir festmachen, in der Nähe des Steges, an dem wir das letztemal waren. Der Hafen ist leer, mehrere deutsche Yachten sind hier, aber verglichen mit der Enge vom August herrscht jetzt ein reichliches Platzangebot.

Auch hier hat jegliche Hafengastronomie  längst den Dienst eingestellt, also gibt es wieder Reste, "lekker" zubereitet vom Smutje mit einem tollen frischen Salat. Wir freuen uns auf Ueckermünde, träumen von Zuhause, von einer warmen Badewanne (Barbara), einer warmen Dusche und von unserem großen Bett. Und dann endlich ausschlafen, ausschlafen... Aber noch ist es nicht soweit!

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Montag, den 1. Oktober nach Ueckermünde

Leicht ist es uns nicht gefallen, nach 2 Fahrtagen einen dritten anzuschließen. Aber die nächsten Tage soll es Starkwind geben, sogar eine Sturmwarnung gibt der Windfinder aus, da ist es besser, im sicheren Hafen zu sein. Also machen wir uns auf die Socken, bei strahlendem Sonnenschein und kalten 9 °C. Die Fahrt aus dem Hafen über den Kaiser-Kanal wird mit jeder Minute ungemütlicher, im Stettiner Haff bläst der Wind mit Stärke 3-4, die Wellen sind kurz, steil und ruppig. Es ist kalt, saukalt, aber wir müssen nicht lange durchhalten, viereinhalb Stunden brauchen die 22 Seemeilen bis Ueckermünde. Die ehemals dunkelgrüne Ufer-Allee des Kaiser-Kanals wird allmählich mit rotbraunen Flecken gekleidet, besonders die Laubbäume wie Birken und Trauerweiden.

Die Strecke im Stettiner Haff sind wir ja nun schon etliche Male gefahren, wir brauchen nur den früheren Kursaufzeichnungen zu folgen. Fischernetze und Stellnetze säumen den Weg, mal ein rotes Fähnchen alleine, mal ein Doppelfähnchen. Auf dem ganzen Weg sehen wir einen Segler und etliche Angler, ansonsten ist das Haff lerr.

Zwischendurch fällt der Tiefenmesser aus, gerade im Stettiner Haff mit seinen Flachs keine gute Sache. Aber er berappelt sich immer wieder, am Ende bleibt die Anzeige stabil. Wir sind da schon mal aufgelaufen, auf der ersten Fahrt nach Stettin, und glücklicherweise war der Schlick so weich, dass das Boot mit dem Rückwärtsgang wieder frei kam.
Es wird kälter und kälter, die wärmenden Stahlen der Sonne werden von einer dicken, durchgängigen Wolkendecke verschluckt, die immer dunkler wird. Und dann fallen auch schon die ersten Tropfen, zum Glück kein Dauerregen, es bleibt wenig.

Zwanzig nach drei Uhr machen wir fest, den Motor aus, aufräumen und kaum ist die Kuchenbude aufgebaut, tröpfelt es schon wieder. Die Anmeldung beim Hafenmeister muss verschoben werden, weil ein neues Computer-Abrechnungssysem nicht kompatibel ist zum alten, also erst morgen bezahlen. WLAN einrichten, Chipkarte für die Toilette abholen, Bericht schreiben und essen. Die meiste Arbeit ist für heute getan, wir sind wieder zuhause, fast jedenfalls, und die nächsten Tage sind dem Aufräumen und de Vorbereitung des Kranens vorbehalten. Wenn alles gut geht, sind wir Freitag wieder daheim, und dann werden die Träume von Badewanne, Dusche, Gitarre spielen usw. in die Tat umgesetzt.

Fazit: Das zu schreiben braucht mehr Zeit und Ruhe als jetzt vorhanden ist. Und die Zahlen aus den Tabellen werden auch noch kommen.

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Samstag, den 6. Oktober: Kranen und Ende

Heute ist Krantag, und damit das Ende der Reise, abgesehen von der morgigen Heimfahrt an den Niederrhein. Kurz nach neun Uhr komme ich alleine mit dem Boot an, Barbara hat mir noch beim Ablegen geholfen. Der Weg von der Marina Lagunenstadt in den Industriehafen ist doch weiter, als gedacht. Die zahlreichen Fischernetze in Ufernähe zwingen mich, zur Einfahrtstonne Ueckermünde zu fahren und dann zum Tonnenstrich, der in diesen Hafen führt. Gleißendes Sonnenlicht und die Reflexion auf dem Wasser machen es schwer, etwas zu erkennen. Aber es ist ja nicht das erste Mal, 2014 fand auch hier die damalige Reise ihr Ende bei Nautical Mile. Und 2015 ihren Anfang.

Vor mir ist schon ein Boot in Arbeit, eine Hanse 31. Bevor sie gehoben wird, wird auf de Widzi zuerst der Mast gelegt. Da alles gut vorbereitet ist  - das Abschlagen der Segel wurde bereits am Donnerstag erledigt, ebenso die Demontage des Baums, alle Feststellschrauben an den Wantenspannern waren gelockert - geht die Arbeit schnell voran. Die Mannschaft ist aufeinander eingespielt, Mike von Deetzen dirigiert das ganze vom Fahrersitz des Krantraktors. Als der Mast auf den Böcken liegt, binde ich die Wanten und alle Fallen mit Küchenfolie zu, eine Technik, die unser polnischer Bootsnachbar bei seinem Mast angewandt hat. Jeden Meter kommt so ein breiter Streifen um die Leinen und Stahlseile. Dadurch verrutschen die Leinen nicht mehr. Die Salinge, Antenne und Windfahne kann ich dranlassen, was die Arbeit enorm erleichtert.

Nachdem das erste Schiff gehoben und auf dem Bock festgemacht ist, kommt unser Boot dran. Mit dem Autokran werden die Tragebänder an der Traverse unter das Boot geschoben. Nachdem sich alle sicher sind, dass der Saildrive-Antrieb vor dem Gurtband liegt, wird das Schiff gehoben, Mike diesmal an den Bedienungshebeln des Autokrans. Dann kommt das Schiff auf den Bock, wird an den vier Auflagepunkten festgemacht und montags geht es weiter. Das ganze Unterwasserschiff ist beidseitig und großflächig mit Seepocken zugewachsen, ebenso das Ruderblatt und Logge sowie Lot. Auch die Vorder- und Unterkante des Kiels weist starken Pockenbefall auf. Und selbst am Saildrive und auf den Flügeln des Antriebs wachsen sie. Jetzt wird mir klar, dass mein Eindruck von gebremster Geschwindigkeit nicht getrogen hat. Es war nicht allein Gegenwind- und welle, welche die Fahrt oft verlangsamt hat. Die Seepocken mit ihrer großen Reibungsfläche vermindern enorm die Geschwindgkeit und stören die Ausbildung des Strömungsfilms auf der Schiffoberfläche unter Wasser. Oft hatte ich das Gefühl, von der Schraube fehlt ein Blatt oder irgendetwas hängt am Kiel fest und wir schleppen es durchs Wasser. Bei früheren Fahrten machten wir auch auf See, bei Wind und Welle, mit 2250 Umdrehungen mindestes 5 Knoten, jetzt waren es meistens nur 4,7! Die Wirkung der Pocken. Das stellt sich dann die Frage, woher sie kommen und warum das Antifouling da nicht geholfen hat. Wahrscheinlich war die lange Liegezeit in der ersten Phase daran schuld, dass sich die Pocken in Ruhe ausbreiten konnten. An ihrer scharfkantigen Oberfläche kann man sich leicht verletzen, mit dem Daumennagel ist so ein großflächiger Bewuchs nicht wegzubekommen. Aber Nautical Mile kümmert sich darum.

Am Nachmittag, nach Backfischbrötchen im Hafen und Omas Ofenschlupfer im Strandkaffee, bei strahlendem Sonnenschein und 27 ° in der Sonne wird mit bewußt, dass ich das Schiff gar nicht zugemacht habe. In der Hektik des Kranens, jedenfalls für mich, habe ich das wohl vergessen. Zufällig kommt Mike mit seinem großen Motorschiff und einigen Freunden vorbei, ich spreche ihn darauf an und er verspricht, sich darum zu kümmern. Kein Vorwurf wegen meiner Vergesslichkeit! Wenn es jetzt nachts kalt wird, kann wenigstens nicht mehr als die Nachtfeuchtigkeit ins Schiff eindringen. In den nächsten Tage werden wohl die Temperaturen nachts sehr runtergehen, aber wenigstens kein Regen!
So findet dieser wieder lange Tag sein Ende, und wenn was ist, gibt es ja noch das Telefon und emails. Wir werden jedenfalls morgen auf der Autobahn sein und dann beginnt zuhause das, was auf dem Schiff auch tägliche Praxis ist: Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen! Fast vier Monate waren wir weg, wahrscheinlich die längste Reise, die wir bisher gefahren sind. Und dann kommt noch das Fazit, der Schlussstrich!
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Was bleibt

De Widzi: Der Weg ist das Ziel

Ein schnelles Urteil über diese Reise zu fällen ist wohl nicht möglich. Sie hatte zu viele Seiten, zu viele Aspekte. Und der Todesfall mit der Flugreise und Beerdingung im quasi zweiten Teil hat den Gesamteindruck natürlich stark beeinflusst.
Versuche ich, davon mal abzusehen, war die Reise auf jeden Fall ein Gewinn für uns beide als Paar und als Team. Zehn, zwölf Stunden auf dem Wasser gemeinsam durchzustehen, das schweißt auch zusammen. Das Meer zu erleben, das in dieser Region nochmal einen Ticken härter ist als in Dänemark/Schweden oder in der Mecklenburger Bucht, das war ein Erlebnis für sich. Insgesamt hatten wir mit diesem Super-Sommer auch großes Glück, allein die Rückfahrt bot jedoch ihre besonderen Härten. Barbaras Wunsch “endlich mal Ostwind” ging leider nicht in Erfüllung. Das meiste auf dieser Tour haben wir zusammen erlebt, lediglich meine Ausflüge in Danzig waren Alleingänge. Gemeinsam die polnische Sprache zu lernen war mehr ein Versuch als dass es tatsächlich geglückt ist. Immerhin konnten wir bald mindestens zehn Wörter, für die sich die meisten Polen dankbar zeigten. Auch für unsere Selbst-Er-fahrung war die Reise ein Gewinn: fünfzehn Wochen auf engstem Raum in drei “Zimmern” (Vorschiff-Schlafzimmer, Kabine-Wohnzimmer-Bad-Küche und Kuchenbude-Wintergarten-Veranda-Balkon) -zu leben - schließlich ist die Yacht nur 8,80 Meter lang und 3,15 Meter breit - und sich dabei nicht ständig in die Quere zu geraten dürfte manchem Paar schwer fallen. So viel Nähe ist nicht immer leicht auszuhalten, der Mensch braucht ab und an auch mal Distanz. Dafür war es gut, ein Bordfahrrad zu haben, mit dem Ausflüge und das Einkaufen erledigt werden konnten. Und dafür war auch das Berichte schreiben gut, auch wenn manchmal das WLAN-Netz oder das Notebook nur Ärger bereiteten. Und wir hatten viel zu lesen dabei und viel zu Lachen! Wir haben genossen, was es so zu genießen gibt und die Parabel vom chinesischen Bauern - Glück oder Unglück, wer weiß das schon - wurde zum geflügelten Wort im Bordalltag. In der Regel war die Stimmung gut, wozu auch das Wetter einen großen Beitrag leistete.

Für die Statistik: Von Heiligenhafen bis Ueckermünde waren es 224 Seemeilen, die zweite Phase bis Danzig erstreckte sich über 249 nautische Meilen und die Rückreise brachte nochmal 242 Seemeilen. Da sind wir wohl etwas enger an der Küste entlang gefahren. Summa summarum 715 Seemeilen, in fünfzehn Wochen, fast vier Monate. Und zum Nulltarif war das Ganze auch nicht zu haben, aber Polen ist noch ein sehr preiswertes Reiseland. Allein zu segeln hätten wir uns mehr gewünscht, aber vor allem der dauernde Westwind bei der Rückreise hat das verhindert. Gesundheitlich ist es uns gut gegangen, wir waren beide fit und haben einige Kilos abgenommen.

Und was auch noch gesagt werden muss:
Polen ist an und für sich ein interessantes Land, auch für Segler. Vor allem auch finanziell gesehen. Es gibt aber mindestens zwei bis drei Mankos, die auch deutsche Segler davon abhalten, nach Polen zu reisen:

1. Die Entfernungen von Hafen zu Hafen sind teilweise sehr weit, bis mehr als 50 Seemeilen. Da wäre es dringend notwendig, den Hafen Ustka für Segler ansteuerbar zu machen.

2. Häfen wie Waldyslawowo und Hel brauchen dringend eine bessere sanitäre Versorgung.

3. Der Lärm und die Unruhe in den Hafenstädten (bis auf Danzig, Dziwnow,  und Hel) ist unerträglich. Aber da wird wohl nichts zu ändern sein und dann müssen die polnischen Hafenstädte eben mit den polnischen Seglern vorlieb nehmen.


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Interessante Internet-Adressen

Zu Kröslin: https://de.wikipedia.org/wiki/Kr%C3%B6slin

Zum Überfall auf Polen am 1. Sept. 1939:
https://www.lpb-bw.de/beginn-zweiter-weltkrieg.html

Museum des II. Weltkrieges:
https://muzeum1939.pl/en/home

Friedhof der nicht existierenden Friedhöfe:
http://www.pg.gda.pl/~jkrenz/projekty-r4niem.html

Reiseführer:
Kerstin und Andre' Micklitza “Polnische Ostseeküste”
Martin Brand/Anna Brixa “City|Trip Danzig”
Jörn Heinrich: Küstenhandbuch Polen und Litauen

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Entfernungen an der polnischen Ostseeküste:

Von.... nach.... Strecke [sm]
Heiligenhafen Kühlungsborn 31
Kühlungsborn Warnemünde Hohe Düne 13
Warnemünde Hohe Düne Barhöft   50
Barhöft   Glowe 32
Glowe Lohme 6
Lohme Kröslin 35
Kröslin  Świnoujście 34
 Świnoujście Ueckermünde 22-23
 Świnoujście Dziwnów 20
Dziwnów Kołobrzeg 34-35
Kołobrzeg Darlowo 36-37
Darlowo Łeba   51-54
Łeba   Władysławowo   35-36
Władysławowo   Hel 24-25
Hel Gdansk 19-20

 
   

 
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update: 08.11.2018                                                                                                                                                                                   zurück zur Hauptseite