Törnbericht 2015:
Von Polen bis Heiligenhafen

 

Inhaltsverzeichnis:

Do, 21.05. bis 03.06: Die ersten Tage in Ueckermünde

Do, 04.06.: Nach Polen: Trzebież

Fr, 05.06.: Abfahrt nach Szczecin

Di, 09.06.: Besuch von Szczecin

Mi, 10.06.: Stepnica

Fr, 12.06.: Ueckermünde

So, 21.06.: Kamp

Mi, 24.06.: Anklam

Mi, 01.07.: Wolgast

Sa, 04.07.: Kröslin

Di, 07.07.: Gager

So, 12.07.: Lauterbach

Mi, 15.07.: Marina Neuhof am Deviner See

So, 19.07.: Stralsund

Sa, 01.08.: Zingst

Törnberichte

   
   
2018 Törnbericht 2018:  Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht: Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee-Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
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2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
2010 Von Hamburg ins Lauwersmeer
   
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Fr, 07.08.: Barth

So, 09.08.: Neuendorf (Hiddensee) Mayday, Mayday...

Mo, 10.08.: Ralswiek

Sa, 15.08.: Kloster (Hiddensee)

So, 23.08.: Warnemünde (Hohe Düne)

Mo, 31.08.: Kühlungsborn

Do, 03.09.: Heiligenhafen

Mo, 07.09.: Ueckermünde

So, 13.09.: Heiligenhafen

Liegeplatzkosten und Nebenpreise

Unsere tatsächliche Reiseroute


Teil 1 der Reise: Start von Ueckermünde aus

 

Die Vorbereitungen laufen: auch die diesjährige Sommerreise will gut vorbereitet sein. So sind wir seit einigen Wochen dran, unsere Listen abzuarbeiten: Von der Abbestellung der Zeitungen und Zeitschriften, Arztbesuchen, dringenden Reparaturen am Auto, Bestellungen von Ausrüstungs-gegenständen für das Schiff, Aktualisierung der Kartensätze, Einholen von Informationen über Polen beim Deutschen Segler-Verband, Kreuzer-Abteilung bis.... Es dauert, und der normale Alltag läuft auch noch nebenher.

Der erste geplante Krantermin muss leider verschoben werden, zu vieles ist noch nicht erledigt.  Und dann kommt noch eine anstrengende, Körper und Seele beanspruchende Reise nach Süddeutschland, kurz vor dem geplanten und schon verabredeten Krantermin. Aber es nützt alles nichts, "wat tuu viel is, is tuu viel!" So verschieben wir diesen Termin, damit auch unsere geplante Übernachtung in der Marina Lagunenstadt um 10 Tage. Zum Glück kommt uns die Verwaltung der Wohnungen entgegen: wir zahlen keine Stornogebühr, auch die Verschiebung auf den späteren Termin geht ohne Probleme.

Und endlich ist es geschafft, das Auto mal wieder voll bis "Unterkante Oberlippe", kein Beutelchen hätte mehr reingepasst. Und am nächsten Tag, den 21. Mai, geht die Fahrt nach Ueckermünde endlich los, nach wieder einmal einer kurzen Nacht. Abfahrtszeit geplant: 8.00 Uhr, tatsächlich kommen wir erst um 10.00 Uhr aus unserer kleinen Straßeneinfahrt raus.

Sieben Stunden dauert es, zum Glück keine großen Staus oder lange Wartezeiten, weil es einige mal wieder sehr eilig haben und andere mit in den Tod reißen. Nein, alles ganz zivil. Auch die Anmeldung in der Lagunenstadt, alles ganz easy. Und dann erst mal nur das Notwendigste auspacken, das "Überlebensgepäck" für ein, zwei Nächte.

Am Freitag, den 22. Mai, morgens um 9 Uhr der Krantermin. Im Industriehafen von Ueckermünde wartet schon die Mannschaft von Nautical Mile, einschließlich des Chefs, auf unser Kommen. Der Boss sitzt bereits im Kran, die Mannschaft ist mit der Vorbereitung der Boote beschäftigt. Drei Yachten werden heute gekrant, wir sind an zweiter Stelle. Nach einer gewissen Wartezeit fängt die "Operation" an. Erst die Tragegurte unter dem Schiff durch an die Traverse hängen, dann hebt der Autokran das Boot, es sind ja "nur" knapp dreieinhalb Tonnen, hoch, über den Kairand, dann langsam ins Wasser. Alle fünf Mann sind beschäftigt, mit großer Konzentration, Aufmerksamkeit und Sorgfalt wird de Widzi ins Wasser gelassen. Danach sofort die Dichtigkeits-kontrolle, kommt Wasser rein an den Seeventilen oder an anderen Durchlässen? Nein, es scheint alles trocken zu sein, bis auf eine kleine Lache Frostschutzmittel vorne an den beiden Seeventilen in der Toilette ist alles sauber. Als ich dann den Motor starten will, Funkstille. Kein Mucks in der Batterieanzeige, der Motor gibt keinen Ton sich. Also die beiden Batterien am Ende, mein Alptraum die letzte Nacht doch Wahrheit geworden? Ich hatte es befürchtet, und es war meine Schuld, weil ich irgendeinen "Hauptschalter" nicht umgelegt hatte, so dass die Batterien gar nicht geladen werden konnten. So jedenfalls mein Traum. Also das selbe Lied wie schon vor zwei Jahren? M., der "Motorenwarter" aus der Crew, meint, das könne gar nicht sein, er habe alles überprüft, gestern sei der Motor noch angesprungen. Ob ich den "Hauptschalter" umgelegt habe? Schon wieder ein weiterer Hauptschalter? Gibt es zwei? Ich bejahe seine Frage, sie völlig falsch verstehend, weil es tatsächlich zwei "Hauptschalter" gibt, einen für das Stromverbrauchernetz auf dem Schiff und einen für das Batterienetz. Ich hatte nur den ersteren kontrolliert! Er klettert ins Boot, legt die zwei roten "Knebel" um, da fällt mir deren Existenz wieder siedendheiß ein, wie konnte ich das nur vergessen? Und dann der Start, vorglühen, und schrummps, springt der Volvo-Penta an, zuverlässig, meine Sorgen und Alpträume in den Morgenwind verblasend. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel, meine größte Sorge hat sich gerade aufgelöst, jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.

Das Wetter kommt uns entgegen, Sonnenschein satt, wenig Wind, so dass die ganze Angelegenheit in einer Stunde erledigt ist. Dann wieder Warten, in der Sonne, manchmal kommen ein paar Wolken, bis das nächste Schiff im Wasser ist, diesmal bestimmt sieben oder mehr Tonnen, eine 36er- Jeanneau. Ich denke an die Glut der Sonne, an meine wenigen Haare auf dem Schädel, aber außer Lippenschutz und einer notdürftigen Mütze fällt mir nichts ein. Abends bekomme ich die Quittung: mein Gesicht glüht, ich glaube fast, mir einen Sonnenbrand geholt zu haben. 

Zum Maststellen kommt so ein ungefähr zwei Meter langer Ausleger an einen kleineren Kran. Bei der Vorbereitung gibt es ein paar Missverständnisse, aber auch das mag die Laune nicht groß zu trüben. Noch eine halbe Stunde Arbeit, die Männer turnen in Socken auf dem Schiff herum, dass ja nichts beschädigt wird. Zuerst das Vorstag, dann das Achterstag, dann die Babywanten, die großen anschließend, zuletzt das Babystag. Danach ist wieder Warten angesagt, bis der Mast auf der Jeanneau gestellt ist. Ein größeres Unterfangen, der Mast ist länger und schwerer, fünf Mann sind beschäftigt, ihn mit Kranhilfe auf das Boot zu bringen. Aber auch das ist nach einer gewissen Zeit erledigt und endlich gibt der Chef die Anweisung, dass M., einer der Mannschaft, mit mir nach Ueckermünde fährt, in den Hafen der Marina Lagunenstadt.
Auf der Fahrt erzählt mir M. so einige Geschichten, von Booten und ihren Besitzern, von seiner Handhabung der Motorwartung. Es klingt interessant, wahrscheinlich könnte man sich stundenlang mit ihm unterhalten. Nach ungefähr einer halben Stunden sind wir aber im Hafen der Lagunenstadt, wir legen an, Barbara erwartet uns schon. So, dieser Teil wäre geschafft, jetzt kommt der nächste. Im Moment ist das Wetter so schön, dass Außenarbeit angesagt ist.

Der Samstag war wieder ein voller Arbeitstag: um zehn Uhr sollen wir das Zimmer der Lagunenstadt verlassen haben. Und das ganze Material fürs Schiff muss aus dem Lager von Nautical Mile geholt werden. Also kommt noch am Donnerstagabend der größte Teil des Gepäcks aus dem Auto in das Zimmer. Nach einer Stunde sieht es aus wie bei einem Umzug, überall wohl sortierte Gepäckshaufen, das persönliche Gepäck, Schiffsausrüstung, Küchenmaterial und Lebensmittel und und und. Dafür ist das Auto jetzt leer, aber nur für die Stunden über Nacht. Am Freitag noch, nach dem Kranen und Festmachen in der Lagunenstadt, die Fahrt zum Aufbewahrungsraum. Kurz anmelden, dann geht einer der Mitarbeiter mit zu der Unterkunft, den Räumen einer ehemaligen JVA, und die ersten vier Kisten landen im Auto. Noch ein paar kleine Taschen, das Auto ist wieder voll. Zurück in die Lagunenstadt, von dort das Material, das nicht unbedingt notwendig ist, ins Auto, der Rest aufs Schiff. Zur Verhinderung der Gepäcküberflutung immer nur "kleine Brötchen", die gleich weggepackt und verstaut werden können. Die Schappse waren ja allesamt leer geräumt. Inzwischen türmen sich die ersten drei Kisten, leer, auf dem Steg, bereit, wieder entfaltet zu werden. Das Auto füllt sich jetzt mit leeren Transportbehältern, zusammengelegten Umzugskartons, Plastikboxen, leer geräumte Taschen. Am Nachmittag bremst der einsetzende Regen den Aktivitätsschub, es wird wieder kälter. Jetzt noch einige Innenaufräumarbeiten, dann ist mal wieder Ruhe angesagt.

Für den Abend gönnen wir uns eine einfache Mahlzeit im einfachen Bistro der Lagunenstadt, Ein bisschen Fleisch, ein bisschen Fisch, nichts Berauschendes, aber relativ preiswert. Danach ist es schwer, wieder den Punkt zu finden, an dem man Schluss machen sollte. Es dauert, das Ankommen, Stück für Stück, mit viel Hin und Her, aber irgendwann sind wir beide doch zu fertig, ich jedenfalls, der nachmittags nur wenig geschlafen hatte und die Nacht davor in den durchgelegenen Matratzen des Lagunenstadt-Zimmers auch nicht so richtig. Wenigstens kommt nach der nachmittäglichen Regenfront abends doch noch die Sonne hervor, es wird wieder einige wenige Grad wärmer.

Nachts über ist es wieder saukalt, zum Glück haben wir ein schönes Infrarotheizöfchen, das die ganze Zeit uns lautlos mit Wärme versorgt, bis am Sonntagmorgen die ersten Sonnenstrahlen das Schiff erwärmen und langsam aufheizen. Spät am Vormittag wird aufgestanden, erstmal Kaffee machen, den ersten auf dem Schiff, alles fürs Frühstück ist schnell zusammengestellt, das erste Frühstück im Cockpit, bei Sonnenschein und blauem Himmel. Danach die üblichen Reinlichkeitsprozeduren, die sich dem Niveau nach jetzt dem Bordleben anpassen. Mehr soll dazu nicht gesagt werden, was das bedeutet oder auch nicht bedeutet, kann sich jede/r selbst ausmalen.

Nach dem Frühstück wieder arbeiten, das Rigg auf Vordermann bringen, Leinen durch die Halteklemmen führen, die Wantenspannung einstellen, die Gewinde einfetten, zwischendurch den Ein-Flammen-Herd zum Funktionieren bringen, und und und. Sie reißt nicht ab, die Liste der tausend unerledigten Dinge, eins nach dem anderen, dazwischen immer wieder Pausen, trinken, trinken, trinken. Zum Nachmittag gibt es Kuchen aus dem Bistro, lecker, ein süßer Zuckerschub, danach wieder Innenarbeiten, Vorhänge aufhängen, Buchführung, am Bericht schreiben, ... Barbara macht sich einen weitgehend arbeitsfreien Sonntag, sie hat die Ruhe weg, die mir noch fehlt, ich will fertig werden, um endlich das Reisen zu beginnen. Aber so sind wir eben verschieden, und das stört keinen von uns, jeder zieht seine Kreise, hin und wieder gibt es Begegnungen, aber keine wesentlichen Störungen oder Irritationen.

Und so kommt eins zum anderen, das Schiff zu seiner Ausrüstung, die Mannschaft zu ihren Aufgaben, Hauptsache, die Sonne scheint und es wird allmählich wärmer. Gegen Abend ist wieder eine Menge geschafft, das Bistro winkt, eine kleine Mahlzeit reicht nach dem vielen Kuchen. Dann noch ein Abendspaziergang an den Strand, die letzte Sonne auf dem Boot, ein kleiner Absacker vor dem Zubettgehen, dem Tag ein Ende bereiten, bereit werden für morgen, die letzten drei Kisten aus dem Auto warten auf ihr Ausgepacktwerden.

Der Montag ist wieder ein Arbeitstag, aber mit Pausen. Wir müssen uns erst an den Rhythmus auf dem Wasser wieder gewöhnen. Kisten holen, auspacken, einräumen, leere Kisten wieder ausein-anderfalten, ins Auto bringen, dazwischen wieder Außenarbeiten. Ich versuche, die Reffleinen anzubringen, komme aber nicht klar damit. Letztes Jahr noch kam mir die Lösung "über Nacht", dieses Jahr stellt sich das Gehirn auf stur, keine Schaltung. Was mich durcheinander bringt: Die Klemme für Reff 1 ist backbords, am Baum selbst aber die entsprechende Rolle steuerbords. Ich komme nicht klar damit, dass die Leinen an bestimmten Punkten über Kreuz gehen. Oder stimmt die Bezeichnung der Klemmen nicht? Stundenlang dreht sich mein Denken um die blöden Reffleinen. Beim praktischen Versuch der Einrichtung ist der Wind bald gegen mich, achterlich blasend drückt er das aufgefierte Großsegel zur Seite, ich kann nicht vernünftig arbeiten. Nach einer Stunde hole ich mit Barbaras Hilfe das Segel wieder ein, unzufrieden, weil das Problem nicht gelöst ist. Dabei könnte mir das auch schnuppe sein, irgendwann vor der Abreise kommt der Moment, wo alles passt, wo es klappt, die Eingebung da ist, die Gedanken den richtigen Weg durch das verwirrte Gehirn finden. Aber mein Perfektionismus, das muss doch jetzt endlich mal erledigt werden....

Das Wetter macht sich wieder ein bisschen zu, der Druck fällt, Wolken tauchen immer mehr am Himmel auf, hin und wieder die Sonne, es wird ein schönes Abendrot geben. Heißt es nicht "Abendrot - tut Wetter not?" Keine Ahnung, ob das so stimmt, es klingt jedenfalls interessant. Das Bistro "winkt" wieder mit einer kleinen Abendmahlzeit, nachdem das Strandrestaurant keinen Tisch mehr hatte für uns und viele andere, die dort essen wollten. Dort, im Bistro, ergeben sich immer wieder interessante Kontakte zu anderen Seglern. An unserer Kleidung und den wahrscheinlich immer verstrubbelten Haaren sind wir wohl als solche leicht zu identifizieren. Und werden angesprochen: "Sind Sie mit dem Schiff da?" Und bald danach: "Wo soll es denn hingehen?" Und wie lange? Wenn wir dann von unserer angedachten Route erzählen und dem Zeitraum von vier Monaten, ernten wir Zustimmung und Begeisterung. Wahrscheinlich sieht man es uns an, dass wir beide "out of work" sind, wie das heute benannt wird. Und insofern auch kein neidvolles "Aaahh" und "Ooohh" mehr kommt, weil das andere Segler auch so machen würden, wenn sie in dieser Lage wären. Und dann kommen die Geschichten aus dem Seglerschatz: "In Lohme, so ein kleiner, schnuckeliger Hafen an der Nordküste von Rügen, da gibt es ein Lokal, einfach die Steilküste am Hafen hoch, dann links, ein paar hundert Meter, dann steht das schon da, das heißt 'Daheim', super Preis-Leistungsverhältnis, man darf nur nicht die Portionen ganz aufessen, sonst meint der Koch, sie wären zu klein gewesen, aber sie sind schon riesig..." und so geht es weiter mit dem Hafenschnack, den kleinen, aber feinen Seglererlebnissen, die ans Licht gebracht werden müssen, weitererzählt, Mund-zu-Mund-Propaganda, wie Mund-zu-Mund-Beatmung. Irgendwann in der Nacht ruft mich die Koje, ich gehe schlafen, nicht ohne ein paar Seiten in Grass' Roman "Die Blechtrommel" zu lesen. Barbara bekommt noch einen "Aktivitätsschub": Spät nachts holt sie die letzten beiden Kisten und Taschen aus dem Auto, jetzt ist der größte Teil raus, wieder ist für den nächsten Tag das Einräumen angesagt.

Am Dienstag, nach dem üblichen Anlauf- und Morgen-programm, kommen die Kisten dran. Viel Kleidung, und meine ganzen Ersatzmaterialien, von den Aderendhülsen bis zum Lötkolben, Ersatzlampen, Gaspatronen, und und und. Zu viel, um auf die Schnelle ein System zu finden, also erst mal die Schappse füllen, damit das Zeugs nicht im Weg rum steht.

Abb. 1: Am Gastliegersteg in Ueckermünde
Irgendwann muss es dann eben sortiert werden, aber nicht jetzt. Es wird Zeit, dass wir wegkommen.

Allmählich sauen die Mauersegler mit ihrem Kot das Schiff  voll. Überall Flecken, im Abstand von vierzig und etwas mehr Zentimetern. Unter den Dächern der anliegenden Häuser haben sie ihre Nester. Je nach Luftdruck sehen wir sie oben, oder unten knapp über dem Wasser. Eine gute Anzeige, wie sich der Luftdruck und das Wetter entwickeln werden. Trotzdem, das Geschiss nervt, und erfordert nochmals einige Stunden Reinigungsarbeit.

Zwischendurch mal wieder Einkaufen fahren, wenigstens Lebensmittel und Getränke für die nächsten Tage. Da wir nicht ins teure Dänemark und Schweden einlaufen, müssen auch nicht groß Vorräte gebunkert werden. In den kleinen oder größeren Orten, die uns erwarten, gibt es meist in laufbarer Nähe zum Hafen einen Lebensmittelladen, der unsere Bedürfnisse stillen wird. Und hin und wieder auch einen Geldautomaten, zum Bargeld bunkern. Es soll dieses Jahr ja nicht so teuer werden wie letztes Jahr, was ein Grund unter anderen dafür war, dieses Jahr nach Meck-Pomm zu reisen. In Ueckermünde ist das der Discounter "Nahkauf" im "Haff-Center". Da hat man wohl den Bewohnern der umliegenden Plattenbauten eine schöne Welt vorgegaukelt. Hört sich erstmal toll an, "Haff-Center". Im Inneren des Flachbaus dann der Lebensmitteldiscounter, ein Bäcker, ein Asia-Grill und diverse Billig-Shops. Eine Reihe von Läden hat geschlossen, andere dienen als Lagerraum. Die Gesichter der Kundschaft sprechen eher eine andere Sprache als die aus der heilen Shopping-Welt. Hier gilt "Geiz ist geil", die Kundschaft kommt schon mal im Schlafanzug, oder im Trainingsklamotten. Ja, Ueckermünde, am Rande der Ueckermark, nur wenige Kilometer von Polen weg, das ist auch nicht gerade ein Zentrum der Beschäftigung. Betriebe gibt es hier nur wenige, die meisten Arbeitsplätze stellt wahrscheinlich der Dienstleistungssektor, das Gaststätten- und Übernachtungsgewerbe. Und da muss in vier Monaten für ein Jahr verdient werden, im Winter ist hier wohl nicht viel los.

In Jörg Ziegenspecks Buch "Segeln vor der Haustür - oder: Sieh, das Gute liegt so nah" lese ich Interessantes über die Marina Lagunenstadt: Nach der politischen Wende als maritimes Großprojekt angedacht, bei dem Kaufwillige Wohnungen und Liegeplätze direkt vor der Haustür erwerben können sollten, ging das Ganze erstmal den kriminellen Bach herab: Potentielle Haus- und Wohnungseigentümer wurden betrogen und um ihr Geld gebracht, der Architekt und Baulöwe kam als Betrüger vor Gericht, wurde verurteilt, zurück blieb eine Bauruine, die von den Möwen beherrscht wurde. Die Zeitschrift Yacht schrieb (nach Ziegenspeck): "Lagunenstadt Ueckermünde: 255 Wohnungen, 401 Liegeplätze. 1991 begonnen, vor zweieinhalb Jahren fertig gestellt. Bis heute lediglich eine Geisterstadt mit Wachmann. Ungestört haben zig Möwen die roten Dächer weiß gesprenkelt, auch auf den Stegen macht ihnen niemand die Herrschaft streitig..... Sogar zwei große Yachten haben an diesem August-Tag festgemacht. 70 Boxen sollen angeblich verkauft sein, davon ist jedoch keine einzige belegt." Soweit das Yacht-Zitat aus dem Jahre 2000 (Heft 21, S. 19). Vielleicht sind deswegen die meisten Boxen mit dem roten "Belegt"-Schild ausgezeichnet, grüne Schilder mit "frei" haben wir im ganzen Hafen keine gesehen.

Verglichen mit der Beschreibung aus den Anfangsjahren bemerkt man von den damaligen Zuständen nichts mehr. Während unserer Tage waren die Wohnungen wohl gut ausgebucht. Die Parkplätze voll, an den Pfingstfeiertagen überall Leute, viele mit kleinen Kindern. Die meisten, den Autoschildern nach, aus Berlin, dann aus der Region. Aber auch Münchner Kennzeichen und sogar welche aus Österreich konnte man sehen. Tagsüber auf der Uecker ein reger Schiffsverkehr nach und von Ueckermünde aus ins Stettiner Haff. Auch die Liegeplätze waren gut belegt - zur Hälfte wohl war der Hafen voll, als wir ankamen. Nur die großflächige Werbung mit WLAN an der Hafeneinfahrt oder in den Hafenflyern bringt mir ein Grinsen auf die Lippen: WLAN ja, aber nur an den vier bis fünf immer belegten Anlegeboxen direkt vor dem Hafenmeisterbüro. Und im daneben gelegenen Internet-Raum. Schon um das Hafenmeisterbüro herum, eine Ecke weiter, gibt es zwar Netz, aber kein Internet mehr. Hieß WLAN nicht "Wireless Local Area Network?" Man kann natürlich streiten, wie groß so eine "Local Area" sein kann, aber das hier ist eindeutig zu klein. Hafenverwaltung und Wohnungsverwaltung sind sich auch nicht grün, wie man so hört, und dann gibt es in Hamburg noch einen Wohnungsvermittler, also die ganze Lagunenstadt ein Sumpf? Uns kann es egal sein, sind wir doch nur tageweise Gäste, interessieren uns nicht fürs Eingemachte. Aber für die Menschen hier? Immerhin scheint die Lagunenstadt nicht wenigen Lohn und Brot zu geben und das ist doch schon mal etwas.

Am Mittwoch mache ich einen Fotoausflug in die Stadt. Es ist schon bemerkenswert, was die Ueckermünder aus ihrer Stadt gemacht haben. Die Häuser am Marktplatz schön aufgeputzt, die Wege von feinstem Pflaster. Im weitgehend autofreien Zentrum, an den von Touristen besuchten Orten Kunst aus Metall, Bronzeguss vom Fischer, gerade den Aal oder Hering aus dem Netz ziehend, oder der Marktfrau, deren Katze schelmisch aus dem Korb lugend. Oder das dicke Schwein, am gedrehten Seil aus Bronze festgebunden, mit einem Ferkel als Begleitung. Eine Geschäftszeile, die Umsatz verspricht. Auf dem Marktplatz selbst Cafes, Restaurants der Mittelklasse, Banken in der Nähe, geschäftiges Treiben. Nicht weit entfernt der Hafen, mit Fischbude auf dem Kahn. Bäckereien, Haushaltsgeschäfte, Touristengeschäfte, dazwischen Dönerbuden, Pizzerien. Die bekannten Discounter außerhalb des Ortskerns, mit großen Parkplätzen ausgestattet. Die Marien-Kirche mit besonders aufgestelltem Gestühl, im vorderen Teil vor dem Altar. Die Sitzenden blicken sich gegenseitig an, zum Altar geht der Blick seitwärts. Die Decke reich bemalt, auf der Empore Bilder, eine Kirche mit bewegter Geschichte. Der hintere Teil, wohl für das gewöhnliche Volk, blickt nach vorne. Eine interessante Architektur, soziale Kontrolle beim Gottesdienst, oder Vorbildfunktion der oberen Gesellschaftsschichten? Wer weiß.

Der Hafen liegt am Ortskern, eigentlich gibt es drei Teile, zwei liegen vor der Brücke, einer dahinter. Brückenöffnungen haben wir nicht mitbekommen, aber irgendwie müssen die Yachten ja dahin gekommen sein. Am Brückenwärterhäuschen ein Glaskasten mit den Öffnungszeiten. Alles sauber, putzig. Umso mehr macht der hintere Teil der Kleinstadt auf Sanierungsrückstände aufmerksam, leer stehende Wohnungen, unverputzte Flächen, herunter gekommene Häuser. Es ist noch viel zu tun in Ueckermünde.

Am Donnerstag komme ich endlich dazu, den Bericht und die Fotos ins Internet stellen. Also, alles zusammengepackt, das Notebook, das Segelbuch 2015, Geldbeutel, Handy und ab zum Hafenmeister. In der neben dem Büro eingerichteten "Skippers Messe" bekomme ich einen Tisch mit Stromanschluss. Den Rechner booten, und zack, bin ich drin. So problemlos hat das noch nie geklappt. Ich brauche noch nicht einmal an irgendwelchen Netzwerkskonfigurationen herumzubasteln, einfach den Browser laden, das email-Programm. Alles klappt, und sogar ziemlich schnell. 111 emails, davon ungefähr 90 mit Junk, also alles löschen. Zwei mit Viren und Trojanern, aber mein Internet-Security-Programm ist auf der Hut, fängt alles ab, was auf meinem Rechner rauben und zerstören will. Und dann das ftp-Programm, um die Dateien für die Segel-Seite hochzuladen. Es geht ganz schnell, den einen oder anderen offensichtlichen Fehler kann ich noch ausbügeln. Ich bin zufrieden, das hätte ich nach all den Erfahrungen aus dem letzten Jahr nicht erwartet. Also ein in dieser Hinsicht gelungener Tag.

Der Freitag vermeldet nichts Spektakuläres: Es ist nach wie vor zu kalt und unbeständig, um loszufahren. Die Temperaturen nachts um die sieben bis acht Grad Celsius, manchmal auch weniger, machen nicht gerade Spaß. Tagsüber kann es schon mal siebzehn Grad werden, aber immer abhängig vom Wind. Der Luftdruck geht mal rauf bis 1022 hPa, dann wird es meistens kälter, oder sinkt bis 1008. Je nach Lage, ob wir uns vor oder hinter dem Hoch, vor oder hinter dem Tief befinden. Gestern Sonnenschein, heute Regen und a....kalt. Nachts öfters Regen. Da haben wir es hier auf jeden Fall besser als im unbekannten Polen. Diskutiert wird auch, ob wir nicht mit dem Bus nach Stettin fahren, immerhin mit mehr als sieben Stunden Aufenthalt. Mal sehen! Gegen Abend ist dann doch noch das eine oder andere fertig geworden, u.a. die verdammten Reffleinen. Jetzt hat sich an der Länge der Leinen herausgestellt. dass die Bezeichnungen am Baum nicht stimmen: Reffleine 1 ist zu lang, Reffleine 2 zu kurz. Führt man die Reffleinen so, wie es Michael mir gezeigt hat, stimmen die Längen, aber nicht die Bezeichnungen auf dem Baum. Wie auch immer, jetzt ist alles in Ordnung. Auch die Flaggen hängen, das Cockpit hat jetzt einen Gitterrost, auch wenn der sich noch etwas zu sehr bei Belastung durchbiegt. Hier muss nochmals nachgearbeitet werden. Das eine Bordfahrrad wurde zur Reparatur gebracht, der Mantel des Hinterreifens war schon spröde geworden. Es passiert gerade nichts Spektakuläres, aber die Gewöhnung an das Klima, die Kälte, die ständigen Wechsel ist schon anstrengend genug.  

 

Do, den 04.06.2015: Abfahrt nach Trzebież (Ziegenort)

Alles stimmt an diesem Morgen: ich komme früh genug aus der Koje, die Sonne erwartet mich, wenn auch mit kaltem Wind. Der Luftdruck steht bei 1032 hPa, so viel hatten wir noch nie hier. Wohl das Azorenhoch, das seine Finger jetzt weit in die Ostsee und in die baltischen Länder ausstreckt. Wir wollen nach Trzebież, der ersten Zwischenstation auf dem Weg nach Szczecin (Stettin), unserem südlichsten Ziel der Reise. Viertel vor Zehn ist alles startklar, sogar die Vogelscheiße auf der Sonnenplane wurde weggeputzt. Die letzten Gänge zum Auto, leere Flaschen, jetzt ist dort erst mal wieder einiges voll.

Adieu, Lagunenstadt, in etwa zehn Tagen kommen wir wieder. Dann geht es die Uecker entlang, die ersten Tonnen, bis wir auf Kurs sind zu unserem nächsten Kurswechsel. Kurz nach zehn das Großsegel, dann die Genua. Aber welche "Enttäuschung": Die versprochenen vier Bft sind nicht drin, es hat höchstens ein bis zwei. Mit anfangs drei Knoten, dann zwei, und manchmal weniger, schleichen wir dahin, bis es uns reicht. Die Maschine wird angeworfen, wir wollen in direkter Sonnenbestrahlung auch nicht länger unterwegs sein als unbedingt notwendig. Eine dreiviertel Stunde segeln, mehr war nicht drin. Und es wird auch nicht mehr, wenn auch manchmal der Wind auffrischt. Insgesamt aber schwächelt und immer mehr zurückgeht.

Eine Stunde später: erster Grundkontakt mit dem sandigen, schlickigen Boden. Das Boot bewegt sich ruckartig vorwärts, stoppt, nimmt wieder Fahrt auf. Der Blick auf den Tiefenmesser zeigt 0,9 Meter. Au weia, erstens ist das Lot wohl falsch eingestellt, zweitens muss jetzt sofort das Ruder rumgelegt werden. Der weitere Kurs geht erstmal gegen Norden, Null Grad, um aus der Untiefe des Hakens - so heißen die Untiefenzungen, die weit ins Wasser hineinreichen - herauszukommen. Nach einer halben Stunde sind wir weit genug draußen, Barbara zeigt mit zwei Klammern auf der Karte an, wo die aktuelle Position ist.

Allmählich nähern wir uns der Odermündung. Schon von weitem erkennt man die mächtigen Seezeichen, Brama Torowa (die Türme, die den Weg bahnen?) genannt, die den Kurs nach Swinousjscie (Swinemünde)  - die Kaiserfahrt - kennzeichnen.
Abb. 2: Brama Torowa

      Große, hohe Stahltürme, auf mächtigen Betonsockeln, längst von Möwen und Kormoranen in Besitz genommen. Dazwischen auf der Strecke und zu ihr von Westen zuführend die kleineren roten und grünen Tonnen. Bei Brama Torowa 2 biegen wir  in die Zufahrt Richtung Odermündung ein. Aber es dauert noch einige Zeit, bis wir in Trzebież ankommen. Zwanzig Minuten vor drei Uhr machen wir den Motor aus. Das steuerbords zuerst erscheinende Yachtzentrum hat uns von seiner welligen Unruhe im Hafenbecken und den Heckbojen nicht zugesagt. Im  Fischereihafen sind alle Plätze belegt, so liegen wir an der Durchfahrt, wo normalerweise die Fahrgast- und andere Berufsschiffe festmachen, wenn sie denn überhaupt hier halten.

Der erste Kontakt mit der polnischen Wirklichkeit ergibt sich beim Stromanschluss: es ist zwar ein Kasten mit vier oder fünf Anschlüssen da, aber andere Steckdosen. Oh Schreck!!! Ich laufe los, die Mütze tief im Gesicht, die Sonne knallt vom Himmel. Im ca. 300 Meter weiter entfernten Yachtzentrum denke ich, kann ich eine Kupplung für unseren Anschluss kaufen. Am Steg im Yachtzentrum stehen einige polnische Segler, die gerade ein Schiff aufriggen. In geradebrechtem Englisch, der Pole, ein schon älterer Mann, braucht immer etwas Zeit, bis ihm die Worte einfallen, aber bei mir ist es auch nicht gerade flüssiges Englisch, bekomme ich heraus, dass erstens heute Feiertag ist, also das öffentliche und geschäftliche Leben darnieder liegt. Und zweitens der Laden im Yachtzentrum den Besitzer gewechselt hat, und der neue Besitzer noch nicht angefangen hat. Wir verstehen uns immer besser, er gibt sich totale Mühe, mir zu helfen, aber sein eigenes Kabel braucht er selbst. Es soll sogar einen Laden geben, der alles mögliche an Elektro- und Segelbedarf hat, aber siehe  Feiertag im katholischen Polen: Alles gesloten! Ich bedanke mich und frage den nächsten, der gerade mit einigen Kabeln zu Gange ist. Auch er sehr freundlich, aber was nicht drin ist, siehe Feiertag, kann er auch nicht wettmachen. Mein Gang zum Hauptgebäude des Segelzentrum bringt ernüchternde Einblicke: alles zu, kein Mensch da, alles ein bisschen vergammelt. Der dritte hilfsbereite Mensch ist der Tankwart. Er spricht deutsch, kein Englisch. Und das gut. Er geht extra in seinen Lagerraum, um nachzuschauen, aber außer einem gewöhnlichen Verlängerungskabel hat er auch nichts. Entschuldigt sich mehrmals dafür, dass er mir nicht helfen kann. Ich antworte ihm, dass er sich nicht zu entschuldigen brauche, es sei ja nicht seine Schuld, dass er keinen Stecker habe. 

Ich laufe zurück, stelle im Geiste schon die Werkzeuge zusammen, die ich brauche, um aus einem Verlängerungskabelstecker und dem bisherigen Kabel eine neue Verbindung zu basteln. Und siehe da: meine Frau hat bereits mit Hilfe des Hafenmeisters die LÖSUNG gefunden: als Zwischenkupplung hatte ich doch längst diesen Stecker, nur war der in einer wasserdichten Box versteckt. Manchmal muss dem Nachdenken eben erst durch Laufen auf die Beine geholfen werden.

Die nächste halbe Stunde verbringe ich mit der Suche nach dem Geld: Wir hatten extra zuhause polnische Zlotys bei der Bank bestellt, um nicht in Euro bezahlen zu müssen. Und irgendwo war der Briefumschlag auch hingekommen, in einem der Schapps auf meiner, der Kapitäns-Seite. Also ein Schapp nach dem anderen ausgeräumt, alles umgedreht, wieder rein gesteckt, manches umsortiert, aber nichts zu machen, das Geld ist weg. Aber ich weiß doch genau, wo ich es hingelegt habe. Wieder, nach einer Pause, die gleiche Prozedur, diesmal in anderer Reihenfolge. Und siehe da, der Briefumschlag hatte sich unter den vier Packungen für Pflaster versteckt. So eine Gemeinheit. Nichts wie zum Hafenmeister. Er, in Uniform, gestärktes weißes Hemd, die goldenen Litzen auf der Schulter, füllt das Formular aus: Name des Schiffes, Länge, Datum, mein Name. Manches falsch geschrieben, aber das spielt hier keine Rolle. Danach wird der Zettel mit der Schere persönlich aus dem Block herausgeschnitten, darunter der Durchschlag mit Kohlepapier. Dabei gibt es im Büro einen PC, Internet scheint er auch zu haben. Wir zahlen 4,52 EUR für die Nacht, wahrscheinlich so billig, weil das gar kein richtiger Liegeplatz ist. Und der Steg ist voll, an einigen Booten liegt schon ein zweites. Der richtige Hafen bot ja von Anfang an keinen Liegeplatz, da hätten wir nur im Päckchen anlegen können.

Zur Feier des Tages gehen wir abends essen, in das Hotel-Restaurant "Portowa". Wir sind die einzigen Gäste, später kommt noch ein älteres Ehepaar, als wir schon gehen. Die Bedienung spricht gut englisch. Als die Karte gereicht wird, staunen wir, wie preiswert alles ist. "Maultaschen mit Fleisch" gefüllt für 9 zl, eine Fischsuppe 7 zl. Ein großes Bier für 6,50 zl. 1 Sloty entpricht ungefähr 28 Ct. Auch die Hauptgerichte, Zanderfilet und Steak preiswert. Aber ohne alles: Gemüse, Soße, Reis oder Bratkartoffeln muss extra bestellt und bezahlt werden. Und so kommt dann für ein normales Abendessen auch ein Preis für 27 EUR zustande, mit 10% Trinkgeld. Also doch nicht alles so billig, wie anfangs gehört und vermutet! Das bestellte Steak zerfällt beim Auseinanderschneiden und erinnert eher an Würzfleischstücke, die zusammengebunden waren. Vieles vom Schwein auf der Speisekarte, aber das wollten wir jetzt mal nicht. Der Fisch war o.k., aber das sollte an einem Ort, an dem Fischer noch fangen, nicht verwunderlich sein.

Der deutsche Name "Ziegenort" hat übrigens nichts mit Ziegen zu tun, sondern mit den Zegen, einer Fischsorte, die man früher hier reichlich gefangen hat. Und der polnische Name "Trzebież" bezieht sich auf die waldreiche Umgebung, wie uns ein farbiger Flyer aus dem Hotel unterrichtet. Man kann dort auch Zimmer mieten.

 

Fr, den 05.06.2015: Abfahrt nach Szczecin (Stettin)

Bei strahlendem Sonnenschein, kein Wölkchen am blauen Bilderbuchhimmel, geht es am nächsten Morgen weiter Richtung Szczecin, auf der Oder (Odra), flussaufwärts. Immer wieder begegnen uns Segler, die mit achterlichem Wind Stärke 2 Bft den Fluss abwärts segeln. Manchmal auch ein Frachter, eine gewaltige Bugwelle vor sich herschiebend, in dessen Heckwellen das Schiff dann zu schaukeln beginnt.

Die Oder, wie die Ems, die Elbe, breit und gemächlich zieht sie dahin, nicht ganz so weit. Am Ufer Schilfgebiete, ausgedehnt, manchmal kleine Strandabschnitte, an denen schon mal ein Motorboot stoppt und die Menschen im Fluss baden. Die beiden Seiten vielfach mit Holz angeschwemmter Bäume zugestellt, dahinter dann Wiesen, kleine Wälder, Fischreiher, Kormorane, Schwäne. Unberührte Natur, so scheint es weit und breit. Von der Ferne sehen wir sechs Fabrikschornsteine, von denen zwei weißen Qualm abgeben. Bestimmt nur Wasserdampf. Zwischen Jasienica und Police kommen dann große, gelbliche bis braune Abraumhalden zu Gesicht, zu dem hier ansässigen Fabrikareal gehörig. Darauf fahren große Kipplaster, helle Staubwolken meterweit hinter sich lassend. Weiter am Ufer rechts dann ein kleiner Industriehafen, ein Schüttgutfrachter liegt an der Pier. Nach ungefähr zwei Stunden Fahrt kommen weitere Industrieanlagen ins Bild, große Werke, Kräne verschiedenster Art, Transportanlagen mit Förderbändern, alles ein bisschen verrostet und vergammelt. Ab dieser Stelle teilen immer wieder größere und kleinere Inseln die Oder, wir halten uns aber an den  Tonnenstrich des Hauptfahrwassers. Obwohl diese kleinen Seitenarme sicher auch recht eindrucksvoll und naturbelassen anzuschauen sind.

Jetzt kommt backbords der Kanal Inski Nurt, die nördlichste Einfahrt in den Damm'schen See. Und weiter geht es die Oder stromaufwärts, das rechte Ufer nun immer öfter von Kaianlagen oder Industriegelände belegt. Auch sieht man jetzt steuerbords einen Hügelkamm, teilweise mit Häusern. Ansammlungen von Zypressen vermitteln bei dem grellen  Sonnenlicht ein fast italienisch anmutendes Flair. Wir kommen der Industrie- und Werftstadt Szczecin näher. Nach dem Yachthafen Interster (Marina Goclaw) mehren sich Industrieanlagen,
Verladeterminals, dazwischen aber auch lauschige Klein-gartenbuden am Fluss. Und dann immer mehr Werften, man sieht ganze Schiffsteile, auf Helling liegend, später Schiffe in Trockenwerften, von langen und mächtigen Kränen umkränzt. Wir fahren weiter Richtung Stadt, uns im Flussverlauf immer rechts
Abb. 3: Kleingartenidylle am Oderufer
haltend, bis wir in einem großen Becken, umgeben von Schiffsbauten und Kränen, von einer blauen, flach gespannten Fußgängerbrücke gestoppt werden.
Um uns herum Kräne, Kräne, Kräne. Links eine Werft, rechts die andere. Von irgendwoher kommen Pfiffe: Sind wir etwa gemeint? Ist das hier verbotenes Areal, zumal ich mit der Kamera dastehe? Gelten wir etwa als Industriespione? Wir lassen es gut sein, bevor noch die Hafenpolizei auftaucht
Abb. 4: Szczecin, die Stadt der Kräne und Werften
und fahren zurück, in die Przekop Mielenski, den linken Seitenarm der Oder, der uns später zum Kleinen Damm'schen See führt. Nach der Einfahrt in den Dabska Struga (Bäckergraben), von der Ostoder aus, geht es relativ flott, teilweise verwirrend, in Richtung der vielen Marinas, die am Damm'schen See liegen. Wir suchen die Marina Porta Hotele oder den Jachtklub AZS. Landen aber letzten Endes im Segelzentrum PCE, dem "Pomorskie Centrum Edukacji", einem Jugendausbildungszentrum für Wassersport und Segeln, neben dem benachbarten Campingplatz PTTK. Wahrscheinlich hat uns die größere Anzahl von Schwimmstegen hier her geführt, nach einem Tag voller Motorfahrt in stechender Sonne war nur noch Ankommen, Anlegen, Festmachen, Schuhe und Hemd ausziehen, usw. angesagt. Aber nachdem uns mit den bekannten Stromanschlüssen erstmal ein Stein vom Herzen gefallen ist, kommen wir allmählich runter. Vom nächsten Problem, den Wasseran-schlüssen, dann später.

Später suche ich den Hafenmeister, Bosman genannt. Im Segelcentrum finde ich einen jungen Mann, der mir auf Englisch weiterhilft. Er zeigt mir den älteren Herrn, der gerade aus einem seiner Büros kommt. Der Hafenmeister selbst spricht nur Polnisch. Also begleitet mich der junge Mann zu seinem eigentlichen, im Grünen unter Bäumen gelegenen Blockhaus-Büro. Unterwegs zeigt er auf die Toiletten, Dusch- und Waschgelegenheiten, die ich aber anhand der internationalen Symbole selbst erkenne. 35 zl kostet eine Übernachtung, Strom und Wasser sind dabei drin. Als ich um eine Quittung bitte, wird es kompliziert. Eine schon ins Alter geratene Rechenmaschine wird bemüht und nach einigen Minuten erhalte ich auch einen Beleg. Danach verabschiedet sich der junge Mann mit Handschlag, sehr freundlich sein Verhalten.

Leider gibt es trotz ausgedehnter Suche kein Kiosk oder Restaurant auf dem Gelände, die benachbarte Camping-Marina PTTK hat aber ein Restaurant, wenn auch dort das Bier viel Geld kostet. Der Weg ins nächste Dorf dauert drei Kilometer hin und drei zurück, zu lange für einen Fußweg, und mit dem Bus ohne Sprachkenntnisse zu fahren traue ich mich vorerst nicht. Wir haben zwar zwei Wörterbücher an Bord, aber die polnische Sprache ist jedenfalls für mich derart unmerkbar, dass ich die einfachsten Ausdrücke nicht zustande bekomme. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos.

Den nächsten Tag, Samstag den 06.06.20125, verbringe ich vormittags mit der Suche nach einem Adapter, der meinen zu großen Krananschluss auf den Durchmesser des hier üblichen reduziert. Neben dem Campingplatz gibt es einen Segelausrüster, der muss so ein Gewindereduzierstück doch haben. Fehlanzeige. Der Angestellte (oder Besitzer?) erklärt mir auf Englisch, dass ich bis nach Dabie gehen muss, einem drei Kilometer entfernten Ort, dort gäbe es einen Baumarkt. Die gleiche Auskunft bekomme ich, mit Stadt- und Busplanunterstützung, von einem jungen Mann an der Rezeption des Campingplatzes. Sein Englisch verstehe ich besser. Ich bin schon auf der Straße, laufe die ersten Meter in Richtung Dabie, denke, drei Kilometer hin und drei zurück, dann ist der Tag aber gelaufen, da fällt mir ein, dass vor unserem Segelcentrum ja auch noch einige Häfen mit Ausrüstern liegen. Also, umgekehrte Richtung, die Beine in die Hand genommen und marschiert. Nach einigen hundert Metern, die sich schon wie Kilometer anfühlen, komme ich zu einem Hafengelände, aber ich kann keinen Namen finden, der mir bekannt vorkäme. Jedenfalls gibt es dort einen Yachtausrüster. Der Mann im Laden hat jedoch keinen Anschluss, ich solle zu einem Shop gehen, auf dem benachbarten Gelände. Gesagt, getan. In dem Raum, einer Mischung aus Büro und Lager, sieht es aus wie Kraut und Rüben, wohl durchorganisiertes Chaos. Der Chef erklärt mir kurz und bündig, sogar ein wenig unwirsch, dass er so was nicht habe. Also wieder aus dem Laden raus, weiter ins Gelände der Marina hinein. Wieder ein Yachtausrüster, bekannte Logos großer Firmen außen angebracht. Diesmal spielt sich der Dialog in Deutsch ab: Eine nette Dame, auch hier das bekannte wohl organisierte Chaos, erklärt mir rundheraus, so einen Artikel nicht zu führen. Und das in einer Marina, deren Wasseranschlüsse wahrscheinlich auch nicht anders sind. Sie verweist auf den Baumarkt, im drei Kilometer entfernten Dabie. Zwei Buslinien gäbe es, fünf Minuten zu fahren. Frustriert breche ich ab, es hat keinen Zweck, zum Baumarkt werde ich jetzt nicht fahren. Irgendein hier ansässiger Bootseigner muss ja so einen Anschluss haben, wenn er Wasser bunkern will. Und den werde ich in dem Moment ansprechen, wenn er tankt. Und siehe da: mein Bootsnachbar ist gerade dabei, seinen Tank zu füllen. Denke ich, jedenfalls läuft Wasser, läuft und läuft. Nach einiger Zeit, so meine Vermutung, muss der Tank doch längst voll sein, gehe zu seinem Boot hin, was sehe ich: Das Wasser läuft ins Hafenbecken! Ich frage ihn, ob er mir sein Reduzierstück leihen könne. Sofort springt er von seinem Boot und seiner Arbeit auf, geht mit mir zum Wasseranschluss, versucht das Anschlussstück vom Schlauch runterzudrehen, aber es geht nicht und er leiht mir letztendlich den ganzen Schlauch. Ich tanke also Wasser, und der Nachbar geht von Bord, als er seine Arbeit wohl beendet hat. Danach lege ich den Schlauch zusammengerollt vor sein Boot auf den Steg, da wartet er, bis der Sturm kommt. Stundenlang passiert nichts, die Wellen auf dem flachen Damm'schen See werden immer steiler und heftiger. Überschwemmen den Steg, das Boot ruckelt und schuckelt an seinen Leinen, der ganze Steg und die einzelnen Seitenanleger sind in heftiger Bewegung. Mit der Zeit wird es dunkel, die Sonne geht unter, die Nacht beginnt. Später flacht der Sturm ab, ich gehe auf den Steg und rolle seinen Wasserschlauch in den dafür vorgesehenen Behälter auf und lege das Stück ihm aufs Boot. Jetzt kann er wenigstens nicht mehr geklaut werden.

Als ich ihm am nächsten Tag begegne (Sonntag, den 07.06.), er im Stress mit zwei kleinen Kindern und bei der Bootsübergabe - er arbeitet wohl nebenbei als Vercharterer - , erkennt er mich kaum, kein Wort über den aufgeräumten Schlauch. Es bleibt bei einem unverbindlichen "Hallo", wahrscheinlich hat er längst alles vergessen. So vergeht auch der Sonntag mit wenig neuen Erfahrungen, wir sind zu weit weg, um schnell mal in die Stadt zu kommen. Abgesehen von den Erfahrungen mit den Segler-Polen und denen, die man direkt um Hilfe oder Informationen gefragt hat: die meisten bleiben reserviert, kaum einmal am Steg ein "Hallo", keiner fragt danach, wie wir als Deutsche nach Polen kommen und warum. Vielleicht schwebt unsere Vergangenheit wie ein Schatten über uns: mit Deutschen will man nicht unbedingt was zu tun haben. Wer weiß.

Auch der Montag vergeht wenig spektakulär. Spätes Aufstehen nach einer unruhigen Nacht, die üblichen Morgen-Prozeduren, den Müll wegbringen, abwaschen, Fotos für die Fotostrecke aufbereiten, Liegegeld bezahlen usw. Ein wenig erfreulicher Tag, draußen ist es wieder kalt geworden, gerade mal 17 Grad Celsius, der Wind frisch-kühl aus Norden. Die nächsten Tage soll es ja wärmer werden, vielleicht schaffen wir es morgen, zeitig ins Stadtzentrum zu fahren.

 

Di, den 09.06.2015: Besuch von Szczecin (Stettin)

Früh am Morgen treibt es uns aus der Koje: Heute will Szczecin besucht werden. Da wir uns von der Oder her kein Bild machen konnten, werden wir es per Bus und Fuß versuchen. Vor unserer Abfahrt, während des Frühstücks, stört ein Speedboot aus dem benachbarten Hafen die Morgenruhe. Mit einem Affenzahn und dem entsprechenden Lärm - Schalldämpfer scheinen solche Boote nur zu haben, um den "Sound" noch geiler zu machen - rast es über den Damm'schen See. Es geht wohl um Geschwindigkeitsoptimierung. Nach dem vierten oder fünften Versuch erstirbt das nervtötende Geräusch: offensichtlich hat der Fahrer es mit der Motor-Optimierung übertrieben. Schadenfreude glänzt in unseren Augen, wir wünschen ihm, kein Handy dabei zu haben, oder es soll gerade der Akku leer sein. Letzteres erweist sich jedoch als pures Wunschdenken: ein Boot aus der Werkstatt kommt ihn abholen. Wenigstens haben dann die anderen Bootsbewohner ihre vorläufige Ruhe.

Mit der Buslinie 56 fahren wir bis Most Glowy, einem im Grünen gelegenen Busumsteigeplatz, dann mit der Linie 807 ins Zentrum bis zur Brama Portowa, das "Tor zum Hafen". Die Fahrt in die Stadt überquert drei mal die Oder bzw. entsprechende Seitenarme. Unser Bus ist supermodern: elektronischen Anzeige der Stationen, wenn eine erreicht ist, wechselt die Schriftfarbe von schwarz auf grau. Eine freundliche Mitvierzigerin, die gut deutsch spricht, erkennt unsere Hilflosigkeit: Welcher Bus fährt ins Zentrum, wo kriegt man ein Ticket her, was kostet es? Sie gibt uns zwei Tickets für die Hinfahrt, wir geben ihr vier Zlotys. Hier wird nach Busfahrtzeit bezahlt, mehr als eine halbe Stunde kosten zwei Zl. Sie erzählt uns etwas von ihrem früheren Leben in Hamburg, Lübeck und Berlin, ohne ins Detail zu geben. Barbara fragt, der Liebe wegen, was nicht verneint wird. Am Brama Portowa zeigt sie uns das Gebäude, in dem Tickets erworben werden können. Dann verabschiedet sie sich mit Handschlag. Wir gehen ein bisschen die Niepodległości-Straße hinauf.
Auf der linken Seite eine einzige Straßenbaustelle, aber in Szczecin wird überhaupt fleißig gebaut, auf der rechten Seite uns bekannte Geschäfte und Banken: Gleich als erstes eine große Filiale der ING-Diba, später auch der deutschen Bank. Starbucks, McDonald, C&A, Saturn, alle bei uns heimischen globalen Player auch hier zu finden. Was hatten wir erwartet, ein pommersches Dorf, oder die Kriegsschäden aus dem II. Weltkrieg? Szczecin ist inzwischen genauso eine quirlige, stinkende, von Autoverkehr
Abb. 5: Bosman-Werbung
verstopfte regionale Metropole wie Stuttgart oder Bremen. In der Nähe der Brama Portowa ein riesengroßes Einkaufszentrum, mit zig Geschäften auf Edel-Niveau, was wir aber erst später besuchen. Uns erwartet erst mal ein kleiner Park, wo wir Pause machen, uns an den Lärm gewöhnen und Zeit haben, Menschen zu beobachten. Die Jungen: wie bei uns, modischer Einheitslook bei den Mädchen, was eben "momentan in" ist, das Smartphone in der Hand. Allerdings ist die Handy-Dichte anscheinend nicht so groß wie in Deutschlands vergleichbaren Großstädten. Dann die Mittelaltrigen, von denen wir nur wenige sehen, weil sie wohl um diese Zeit arbeiten, ähnlich gekleidet. Und zuletzt einige Alte, die wohl noch den "alten Zeiten" verhaftet sind, ihre Erlebnisse stehen in ihren Gesichtern. Auch einige Punks haben wir gesehen, klassisch mit einem Hund begleitet.

Wir verlassen den Park und gehen in Richtung "Pariser Viertel", in dem es noch schöne Häuser mit restaurierten Jugendstilfassaden geben soll. Teilweise trifft das zu, neben schön hergemachten Fassaden finden sich aber auch solche, aus deren trüben Fenstern keine Hoffnung für einen Neuanfang blickt. Verfallende Häuser inmitten von hergerichteten, dieses abwechselnde Bild taucht immer wieder auf.

Im Park finden wir eine Statue von Jan Czekanowski, einem berühmten Sohn der Stadt. Aus dem Internet erfahre ich, dass er als berühmter Anthropologe, Ethnologe und Afrikaforscher in den Jahren 1907 bis 1909 unerforschte Gebiete in Äquatorialafrika bereist haben soll. Wikipedia verrät nicht viel über ihn, der Rest ist auf polnisch. Jedenfalls hat ihm jemand einen Pullover angezogen, damit er in  den kalten Winter- und Frühlingsnächten nicht friert.

Abb. 6: Jan Czekanowski (1882-1956)

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     Wir kehren zurück Richtung Zentrum und kommen an der St. Johann-Evangelist-Kirche mit ihren wunderschön bunten Glasfenstern vorbei. Die Kirche ganz in Backsteingotik, ein würdevolles Gotteshaus, zu Beginn des 14. Jahrhunderts erbaut, auch ein Leben voller Wechsel. Kurz danach landen wir in der Fußgängerzone Kaszubska, in der einige Straßencafes ihr Geschäft betreiben. Mit einem Imbiss in Form von gebratenen Hähnchenstücken mit Kartoffeln und Kartoffelpuffern  mit Lachsröllchen, alles schön mit Mayo überzogen, heiß und fettig, stärken wir uns für den weiteren Weg. Uns gegenüber alte Häuser, manche renoviert, andere daneben verfallend, die Fenster blind, unbewohnt. Diese Häuser haben alle einen geräumigen Innenhof, manche davon bebäumt, andere zu Parkplätzen umfunktioniert.
Am Ende der Kaszubska liegt das Shopping-Center "Kaskada". Drei Drehtüren nebeneinander regeln den Besucherstrom. Auf mehreren Stockwerken, mit Rolltreppen verbunden, kann eingekauft werden. Hauptsächlich Klamotten, Schmuck, Elektronik, Handys, Tand und anderes Kleinzeug. Der Besucherstrom hält sich in Grenzen, aber es ist ja auch kein Samstag-morgen. Jedenfalls scheint man alles zu bekommen, was man als
Abb. 7: Shopping Center "Kaskada"
moderne/r Polin/Pole braucht - außer Lebensmittel. Die  gibt es außerhalb, z.B. in einem NETTO,der mit dem Hundekopf, wie in  Dänemark und Schweden. Hier kriegt man alles wohlchaotisch sortiert, was wir für die nächsten Tage brauchen, hauptsächlich Brot, Getränke und Batterien, zu für uns sehr günstigen Preisen.

Während einer kleinen Pause vor dem NETTO lassen sich einige torkelnde Betrunkene neben uns nieder. Wir ziehen Leine, wollen nicht in irgendeine Diskussion verwickelt werden. Es gibt sie also auch, die Alkoholiker im Straßenbild. Bettler haben wir keine gesehen, was nicht heißt, dass es nicht welche gibt. Offenbar hat die Szczeciner Gesellschaft auch Gewinner und Verlierer eng nebeneinander. Einer, der uns beim Straßencafe um ein paar Zigaretten angehauen hat, läuft uns noch mal über den Weg. Er will uns irgendwas verkaufen, wir des Polnischen nicht mächtig, er nicht des Englischen, kommen nicht zueinander.

Jetzt noch eine kleine Portion Geschichte, nach dem Einkaufen. Das Berliner Tor, 1724 mit dem Bau begonnen, war Teil einer hier

Abb.8: Berliner Tor
stehenden Festung. Bei deren Abriss 1873 ließ man das Tor aus künstlerisch-historischen Gründen stehen. Die auf der Tafel benannten Steinmetze, oder der Oberstleutnant G.C. van Wallrave, Architekt der Anlage, sagen mir nichts. Zu wenig ist mir aus der wechselvollen deutsch-polnischen Geschichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert bekannt. Ein wenig Unterricht erteilt mir Günter Grass, der in seinen bisher von mir gelesenen Romanen "Die Blechtrommel" und "Der Butt" deutsch-polnisches verarbeitet. Dabei kommen die Deutschen vor allem in der Erzählung "Der Butt" seit dem Mittelalter nicht gut weg. So gesehen war der 1. September 1939, der Überfall Polens, auch nur ein weiterer, wenn auch besonders schwergewichtiger Meilenstein in den Beziehungen beider Länder. Und so zeigt uns dieser Besuch das, was wir bisher auch erfahren haben, auch wenn aus einem Hafen, einer Stadt, keine Generalisierung gezogen werden kann: Begeistert sind sie von uns nicht, die Polen. Sie nehmen uns hin, oder nehmen uns vielleicht auch war. Polen, die in Deutschland waren, sind vielleicht etwas sensibler für deutsche Ausländer in ihrem Land. Freundlich sind sie, wenn man sie um etwas bittet. Aber besonderes Interesse an uns besteht nicht.
 

Mi, den 10.06.2015: Stepnica (Stepenitz)

Ein sonnengefüllter Morgenhimmel erwartet uns nach einer kalten Nacht: Heute soll es nach Stepnica gehen, einem kleinen Hafen mit kleinem Dorf in einer Bucht, die - bevor die Odermündung in das Stettiner übergeht - im Haff liegt, am Ostufer. Bevor wir nach dem üblichen Morgengeschehen aufbrechen, erleben wir das Spektakel, wie ungefähr einhundert Schülerinnen und Schüler und etliche Begleit- und Betreuungspersonen über das Segelcentrum herfallen. Da werden Kanus bereitgestellt, vorne ein weithin sichtbares Zentrum in Form eines aufgeblasenen Gummi-Tetrapoden, unter dem die Jury im Schatten sitzt. Die Pokale stehen schon auf dem Tisch. Nachdem die Jugend den Platz in Beschlag genommen hat, zudem wohl noch das Eine oder Andere organisiert werden musste, manche stehen nur herum, bei anderen ist hektisches Getriebe angesagt, geht es los: Ungefähr zehn Kanumannschaften liefern sich eine Ralley in einem rechteckigen Gebiet ungefähr 100 x 250 Meter, die Eckposten bilden 2 gelbe Regattatonnen und die Längsseite des Steges. Am Stegende wird gestartet, dann zur ersten gelben Tonne, dann die zweite, und zuletzt zur Hafeneinfahrt, am anderen Ende des Steges. Die Sieger werden lauthals beklatscht und in die entsprechende Liste eingetragen. Während die Siegermannschaft schon die Hafeneinfahrt erreicht, sind die letzten noch nicht mal um die erste Tonne rum.

Das Konzept wird geschlechtergetrennt mehrmals durchgeführt, also Bundesjugendspiele auf dem Wasser. Uns, die wir auf dem Steg nochmals zur Toilette müssen, oder den Müll wegbringen, beachtet man nicht, weder schülermäßig jung noch lehrermäßig älter. Die Jugendlichen legen die Kanus quer über den Steg, auf Leinen und Kabel achten sie nicht. Genauso unkonzentriert, gedankenlos, ichbezogen wie unsere 15-Jährigen, Pubertierende eben. Das ist beruhigend, beunruhigend wäre es, die hätten alle eine Uniform an. So weiß man, dass auch bei denen das Gehirn momentan zu 70 Prozent mit Umbau beschäftigt ist und die restlichen 30 Prozent dann und wann in Anspruch genommen werden können. Unser beider Gedanke beim Anblick der Jugend: "Gott sei Dank...". Damit meinen wir, dass wir sie hinter uns haben, unsere Berufsjahre, und das ist gut so.

Die weitere Fahrt vom Damm'schen See aus auf den Nebenarmen der Oder bis Stettin verläuft ziemlich ereignislos: Nichts los auf dem Fluss. Einmal ein Schubverband mit vier Kähnen, später mal ein Frachter auf der Oder. Nach der letzten Einfahrt zum Dabie-See folgt uns ein Segelboot unter Motor. Es hat Windstärke 1, der Wind kommt durchweg von vorne, also aus Norden. Auf dem Fluss mal ruhigere, mal windigere Flächen.

Einziger Höhepunkt der langen Flussfahrt: Ein Seeadler, der sich photographieren lässt.

Abb. 9: Seeadler am Oder-Ufer
Mehrere Schnappschüsse gelingen. Das Vogelbestimmungsbuch zeigt uns den Unterschied zwischen See- und  Fischadler. Wohl ein Altvogel, der weiße Schwanz und gelbe Schnabel sprechen dafür. Als wir ihn entdecken, auf einem abgestorbenem Baum sitzend, nimmt er uns vorerst gar nicht war. Schnell den Motor gedrosselt, und im Leerlauf eine Kurve gefahren. Zu schön das Bild, um es unfotographiert stehen zu lassen. Anscheinend nerven wir ihn doch, er steigt auf, fliegt mehrere Kurven übers Wasser, wo er erfolglos versucht, einen Fisch zu fangen. Die Kamera hinter ihm, verfolgt ihn auf seiner Flugstrecke, im Hintergrund die Werftkräne von Szczecin. Dann findet er auf dem gegenüberliegenden Ufer wieder einen abgestorbenen Baum, lässt sich dort nieder. Wir haben ihn genug gestört und fahren weiter.

Schon kommen die ersten Vorzeichen der "Brama Torowa"-Reihe ins Bild: mächtige Seezeichen, für die Tag und Nacht schwimmende Großschifffahrt. Ab Tonne 22 geht es dann auf einen nördlichen Kurs, vorbei an einer Untiefentonne, dann folgen die Stepnica-Einfahrtstonnen, die letzte zeigt auf den Kanal, in den wir rein wollen.

Nach der Einfahrt, zwischendurch wird es recht flach, ein Ruhe, die wir die letzte Seemeile auf der Ordermündung vermisst haben. Da war es mit Windstärke 3 bis 4 recht frisch, die kurzen, steilen Wellen erinnerten uns beide an Ijsselmeer-Verhältnisse. Direkt von vorne die Wellen, der Bug auf und ab, ich hörte schon immer das Geschirrschapp aufknallen, die Teller sich im Salon ergießend. Aber nichts passiert, außer dem Klimpern der Bojenankerstange. Und dann dieser Kanal Krampa, nur wenige Meter breit, aber zwei Boote passen bequem nebeneinander, oben fast am Ende, gibt es sogar einen Wendeplatz. Die Spundwände beider Ufer sind mit Holz verkleidet, alle paar Meter Stromsäulen mit polnischen und internationalen Anschlüssen, die allerdings mit Bezahlkarte, was wohl nicht funktioniert. Uns ist das erstmal egal, wie haben ja dank der "Entdeckung von Trzebiez" einen polnischen Stecker. Und die letzten zwei Drittel des Kanals: Alles belegt, die meisten Polen, wenige Ausländer, Deutsche, Niederländer. Ein freundlicher Pole und ein älteres deutsches Ehepaar hilft uns beim Wasser bunkern, es gibt nur eine Zapfstelle, der Schlauch ist schon dran und lange genug, so dass ich meinen eigenen wieder einrollen kann. Danach fahren wir an einen festen Liegeplatz, "Truxa" war hier, ist aber momentan auf Fahrt. Die ältere deutsche Dame erkundigt sich beim Bosman (Hafenmeister), ob wir da liegen bleiben können. Wir können, machen den Strom klar und eine erste Pause. Danach zu Bosman, der kein Wort Deutsch oder Englisch spricht, aber ein junger Pole ist so nett, zu dolmetschen. Also Liegeplatz bezahlt, der Bosman kann sogar mit einem kleinen Maschinchen eine Quittung ausspucken. Irgendein Pole spricht immer deutsch oder englisch, das haben wir inzwischen gemerkt.

Den Rest des Tages verbringen wir mit einem Mittagschläfchen, Essen gehen, im neuen Hafen mit Berlinern quatschen, und nachts dem lange dauernden Hundekonzert zuzuhören, bis es wieder mal so kalt ist, dass uns nur die Koje, die Schlafsäcke und unser Öfchen rettet. Aber wir haben alles was wir brauchen und das ist mehr als genug!

    Auch der nächste Tag, Donnerstag, der 11. Juni, verläuft in sehr ruhigen Bahnen. Lange ausschlafen, spät frühstücken, schreiben, Mittagsschläfchen, den Vögeln zuhören, speziell dem Kuckuck, dann essen gehen, wieder Zander mit Bratkartoffeln, Salat und Knoblauchsauce, es ist Ausruhen pur, die Zeit vergeht, nichts müssen wir tun. Abends sorgt der Kühlschrank für etwas "Aufregung", das Bier ist
Abb. 10: Taverna Panorama, das Fischlokal!
nicht kalt, aber auch das lässt sich regeln, er brummt wieder, alles in Ordnung. Ja, so ist Stepnica, ein Ort am Ende der Welt, jedenfalls am Ende des Kanals, Sonne, Bäume, Vögel. In der Nacht wabert leichter Nebel über dem Kanal, er sieht aus wie mit Silber übergossen, die Laternen am rechten Kanalufer spiegeln sich im Wasser. Schwätzchen mit einigen älteren Deutschen, die hier schon drei Jahre sind, mit einem aus Stettin gebürtig, der jetzt in Usedom lebt und jedes Jahr seine Kindheitsstadt besucht. Ja, wenn man sie findet, die Alten und Ehemaligen, sie haben eine Menge zu erzählen.

 

Freitag, den 12. 06. 2015: Ueckermünde

Der Blick auf die Wetterdaten zeigt uns am Donnerstagabend, dass es ratsam ist, morgen abzufahren: Freitag wird so ziemlich der einzige Tag mit Winden aus Ost sein, Nordost oder Südost spielt keine Rolle, danach ist wieder Westwind angesagt, wir müssten also dagegen anmotoren und jetzt könnte endlich mal Segeln dran sein. Und so entscheidet sich alles andere folgerichtig daraus und der nächste Morgen sieht uns bereits um halb zwölf beim Ablegen zu. Ja, Stepnica war ein schöner Hafen, bisher der ruhigste, die Idylle pur, reine Natur.

Zehn Minuten später sind die Segel oben, als wir den Kanal verlassen haben und in die Bucht "Roztoka Odrzanska" vor Stepnica kommen. Jetzt Kurs Richtung des Brama Torowa-Weges nach Swinemünde, erstmal 260° Richtung Westen. Der Wind gibt uns mit Stärke 2 bis 3 Bft genügend Geschwindigkeit, in Böen auch mal 4 Bft, um schnell in die Schifffahrtsstraße rein zukommen. Bis zur Brama Torowa 4 müssen wir kreuzen, einige Schläge reichen, dann nimmt uns die enge Straße zwischen Trzebiez und der Insel Wyspa Chelminek auf. Glücklicherweise nähert sich zwischendrin nur ein halbleerer Frachter aus Panama, seinem Ruf gerecht werdend allseits verrostet, von hinten auf uns zu, ab Brama Torowa 4 müssen wir nämlich motoren. Jetzt erreichen wir die Oderbucht, die ins Stettiner Haff übergeht. Der Wind weht inzwischen ganz aus Norden. Mit Kurs 321° bis Brama Torowa 2, ab da wieder mit Segeln Richtung Deutschland bis zur Tonne Haff bzw. H7.
Der Wind frischt auf, jetzt sind es meistens 5 Windstärken, das Boot bekommt Krängung, 10 bis 15 Grad, das kann gerade noch angehen. Zwischendurch sind es oft mehr als sechs Knoten, es rauscht dahin. Die Sonne scheint, am Horizont ringsum Inseln, Usedom, Wolin, das polnische Festland, Deutschland. Meistens sehen wir dunkle Wälder, aber der Horizont verschwimmt sowieso, es ist etwas diesig. Tonne für Tonne kommen wir voran, bis nach H7 der Kurs Richtung Ueckermünde noch weiter westlich, südwestlich abbiegt. Jetzt kommt der Wind achterlich, die Schräglage geht raus, das Schiff rollt gemütlich in Richtung Lagunenstadt. Am Horizont sehen wir einige Rennboote, ihre weißen Heckstreifen und das Brummen, ansonsten Ruhe, Ruhe, Ruhe. Wenige Schiffe sind unterwegs,
Abb. 11: Unter Segeln im Stettiner Haff
 manchmal ein Motorer, einige Segler kreuzen unseren Kurs.

    Kurz vor fünf Uhr biegen wir in die Uecker ein, jetzt ist es Zeit, das Großsegeln runter zu lassen. Draußen war es denn doch zu windig und wellig. Das Vorsegel war schon vorher geborgen worden, die letzten Meter laufen ja doch immer unter Motor ab. Der Kontrast zu Stepnica hätte nicht größer sein können: Kaum angelegt, hören wir aus allen Ecken und Enden das Röhren der Speedboote, deren Brummen uns schon auf dem Haff begegnet war. Hier wird gemächlich von Hafenbecken zu Hafenbecken gefahren, und davon gibt es mehrere. Zwischendurch gibt man dann mal lautstark Gas, röhrende Hirsche sind nichts dagegen. Die Boote tuckern unüberhörbar mit einem Geräusch vergleichbar dem legendären T34-Panzer von Steg zu Steg, man muss sich zeigen, sehen und gesehen werden ist das Entscheidende. Und der "Sound", auf den kommt es an, neben der farblichen Gestaltung der Boote. Da muss es brummen, röhren, knattern, dröhnen, kreischen, aufheulen, die Luft muss vibrieren, der Hall zwischen den Hauswänden der Lagunenstadt dient als Verstärker. Es findet hier nämlich zum zweiten Mal im Jahr ein Treffen der Speedbootrennfahrer statt, organisiert von der PRG - Poker Run Germany, wie diese Liga sich nennt. Was Poker und Speedboot miteinander zu tun haben, bleibt mir verschlossen, aber irgendeinen Zusammenhang wird es schon geben. Und natürlich muss der jeweiligen Club- und Fangemeinde dann auch mal der Motor vorgeführt werden, meistens sind es ja zwei Maschinen. Und ein Festzelt haben sie auch organisiert, die Herren und wenigen Damen. Da gibt es ab neun Uhr abends DJ-Musik von Movie Star DJ Paul. Zum Glück haben wir den Freitag verpasst, da startete nämlich schon das erste Rennen nach Kamminke, einem kleinen Hafen am Nordufer des Stettiner Haffs. Natürlich fahren diese Boote nicht mit 5 Knoten, was noch nicht einmal 10 Stundenkilometer sind, nein, die "Normalgeschwindigkeit" sind 120 Stundenkilometer, "top speed" dann 160 km/h. Oder noch mehr. Und es wundert einen auch nicht, wenn solche 700 PS-Maschinen, meistens doppelt vorhanden, 100 Liter Benzin in der Minute verbrauchen. Was für ein Irrsinn! Mit Umwelt- und Naturschutz in einer Region, die das als touristische Ziele angibt, hat dieses Stelldichein nichts mehr zu tun, im Gegenteil. Nicht nur Lärm und Gedröhne, was den Biotop-Bewohnern an den Rändern des Haffs schadet, von den Menschen im Hafen ganz abgesehen, auch Luft- und Wasserverschmutzung ist reichlich damit verbunden. Abgase, mit Sicherheit benzinhaltig, werden ins Wasser gepustet. Genau richtig für die empfindlichen biologischen Gleichgewichte im Haff! Und das in Ueckermünde, das sich als staatlich anerkannter Erholungsort empfiehlt. Aus gut unterrichteten Kreisen hören wir denn auch, dass die Wasserschutzpolizei am Wochenende dienstfrei haben soll. Interessant wäre es, von den Stadtoberen zu erfahren, wie sie das sehen. Da wird dann nämlich auf der Uecker, auf dem Weg in den Stadthafen, der Gashebel ausgefahren, dass es im Schilf nur so brummt. Ist ja doch nur Gras im Wasser, das da wächst. Abends nach neun Uhr Beginnt dann Movie-Star DJ  Paul mit seiner "Arbeit". Techno-  und House-"Music" ist angesagt.

 Die Bässe wummern über die Lagunenstadt. Nach einigen Stunden kommt die Polizei, es ist zu laut geworden, andere Gäste haben sich beschwert. Das hindert die Veranstalter aber nicht, bis halb drei in der Nacht weiterzumachen. Glücklicherweise steht der Wind so, dass wir nicht all zuviel davon belästigt werden.
Am nächsten Morgen sehe ich das Verkaufsplakat eines solchen "Wasserrennpferdes". Ein vierzehn Jahres altes Boot für schlappe 90.000 Euro! Da kann man sich den Neupreis vorstellen. Schwimmende Einfamilienhäuser und Luxusvillen geben sich die Ehre. Nicht ganz ohne Ironie heißt ein Boot "Black Money", Schwarzgeld eben!

Abb. 12: Ein bisschen Kleingeld darf's schon sein.

      Der Samstag fängt dann mit einer Parade der mehr als 60 Boote an. Mit dröhnenden Motoren, die Boote nach vorne aufgerichtet wie erigierte Geschlechtsteile geiler junger Männer, fahren die Mannschaften durch die Hafenbecken, Richtung Startplatz, vor dem Ueckermünder Strand. Um 11 Uhr ist Start nach Dziwnów, das liegt am Ende der Dziwna, einem Fluss, der die Insel Wollin vom polnischen Festland trennt. Einmal quer über das Stettiner Haff, den Fluss rauf, dort um 12.30 Uhr Mittagessen und wieder zurück: Idiotie pur! Geschwindigkeitsrausch und Adrenalin als Droge, auf Kosten der Natur und Umwelt. Das Haff als kostenfreie Spielwiese, den Schaden haben andere. Und keine Behörde in Sicht, die allein schon des Lärms wegen dem Einhalt gebietet. Jeder Furz wird in Deutschland nach EU-Recht geregelt, aber das hier geht wohl ohne Umstände durch. Dabei sind es nicht einmal deutsche Boote, die meisten dürften amerikanischen und italienischen Ursprungs sein. Von wegen exportabhängiger Arbeitsplätze!

Am Nachmittag kehren die "Helden" müde von der Schlacht auf dem Haff zurück. Es wird ruhig, jetzt ist ja auch jeder Liter Sprit verbraucht. Neben Startgeld und Mietpreis - die Lagunenstadt Gesellschaft hat fast alle Wohnungen vermietet, so hört man - dürfte das jeden Teilnehmer einige Tausend Euro gekostet haben. Bei den Preisen für die Boote natürlich nur Kleingeld, aus der berühmten Portokasse. Am Abend stehen dann wieder unter anderem DJ Paul zu Verfügung. Diesmal schon leiser. Den größten Gewinn bringt aber ein Regen- und Kaltwindband am späten Nachmittag: es fängt erst leise an, bis später mehrere Platzregen den Hafen menschenleer werden lassen. Und natürlich ist abends auch Kostümfest. Da gibt es dann Rennfahrer, die als Robin Hood und Gesellen auftreten. Mir fehlen die Worte, oder soll das Zynismus pur sein? Früher, vor einigen Jahren, hieß es mal in bestimmten Kreisen: "Deine Armut kotzt mich an!" Wird das wieder modern? Was sind das für Menschen, die so etwas mitmachen? Allein schon die Trucks, die hier rumstehen, ohne Ausnahme aus den USA, sprechen eine deutliche Sprache. Meist vorkommende Herkunftsstadt ist Berlin. Was entwickelt sich da für eine Gesellschaft?

Der Sonntag bringt den Teilnehmern noch ein gemeinsames Frühstück, viele werden auch so schon abgefahren sein, und das Trailern der Boote steht bevor. Das nächste mal werden wir uns wohl den Veranstaltungskalender der Lagunenstadt ausdrucken, damit wir nicht noch mal in solch ein "Event"  hineinplatzen. Wir genießen die Ruhe nach einem verregneten Vormittag, wie zur Belohnung wird es gegen Abend wieder schöner, wenn auch kühl. Tja, muss man das auch mal erlebt haben oder nicht?

Der Mo, 15.06., steht ganz im Zeichen der Vorbereitung des Besuchs aus Südamerika: Barbaras Schwester U. kommt aus Kolumbien während ihres Deutschland-Besuchs für einige Tage auf's Schiff. Zum Reden, Gedankenaustausch, Mitsegeln, Vögelbeobachten, das Haff und die Ostsee erleben. Also wird nochmals kräftig umgeräumt, aufgeräumt, einige Sachen kommen ins Auto, es wird geputzt und gefegt, damit alles fertig ist, wenn wir sie am Mittwoch abholen.

Am Dienstag, den 16.06., fahren wir nach Berlin, besuchen meine Tochter mit Familie und staunen über das neugeborene Enkelkind sowie die jetzt dreijährige Tochter: Welch eine Lebensenergie steckt in ihr! Die Stunden vergehen wie im Fluge, nach dem Abendessen sind alle erschöpft und wir "Alten" ziehen uns in eine preiswerte und stille Pension um die Ecke zurück.

Auch der Mittwoch, der 17.06., steht nochmals für die Familie zur Verfügung, zum Glück scheint die Sonne und wir können bei strahlend blauem Himmel auf einen Spielplatz im Wohnviertel der Tochter, bis es Zeit zum Verabschieden wird, am frühen Abend kommt die Schwägerin am Flughafen Tegel an. Die Ankunft verläuft reibungslos, keine langen Staus auf der Autobahn, keine Verschiebung der Ankunftszeit, auf die Pünktlichkeit der holländischen Fluglinie ist Verlass. Jetzt noch knapp zwei Stunden Autofahrt durch Berlin und Autobahn in die Uckermark und mit einem guten, leckeren Abendessen im "BackBord" in Ueckermünde beschließen wir den Tag.

Der Donnerstag, der 18.06., ist erst mal dem Ausschlafen und der Gewöhnung an das Seeklima gewidmet, das regnerisch-kalte Wetter lässt uns auch nicht viel andere Alternativen. Bis sich alle drei Personen an Bord eingerichtet haben, das braucht so seine Zeit.

Auch der Freitag, der 19.06., bringt nicht viel Neues. U. kann es natürlich nicht erwarten, die Vogellandschaft kennen zulernen, so ist sie schon früh unterwegs, wenn wir noch schlafen. Aber auch in diesem begrenzten Gebiet gibt es einiges zu entdecken und zu bestaunen, was sie aus Kolumbien nicht kennt.

Am Samstag, den 20.06., besuchen wir das Haff-Museum in Ueckermünde. Neben brütenden Turmfalken erweist sich die freundliche Mann an der Kasse als wahre Informationsquelle. Nach meinem suchenden Blick auf die ausgestellten Bücher und einer gezielten Frage nach dem Psychiatrischen Krankenhaus komme ich schnell ins Gespräch mit ihm über die Euthanasiemorde an Kindern während der Nazizeit im Psychiatrischen Krankenhaus in Ueckermünde. Zum ersten mal habe ich davon bei Jörg Ziegenspeck gelesen, der schreibt: "Ueckermünde hat seit 1875 eine große psychiatrische Klinik. Die Heilanstalt, das 'Christophorus-Krankenhaus' galt gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ausgesprochen fortschrittlich. Neuartige Behandlungsmethoden und Therapieformen zogen ein. Geistig Kranke und Behinderten wurden nicht mehr nur verwahrt, sondern nach damaligen Maßstäben - soweit möglich - beschäftigt und gefördert.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderten sich die politischen Rahmenbedingungen für den Umgang mit psychisch Kranken und Behinderten. Die Ueckermünder Heilanstalt errang traurige Berühmtheit im Zuge der sogenannten Aktion T4, einer groß angelegten Mordaktion an zehntausenden wehrlosen Patienten, darunter zahlreiche als 'lebensunwert' deklarierte Kinder. Ueckermünde war dabei ganz offenbar ein wichtiges Zentrum dieser Aktion in Vorpommern. Während ein großer Teil der Heilanstalten in Vorpommern aufgelöst und zum Teil in SS-Kasernen umgewandelt wurde, blieb die dortige Einrichtung bestehen. Die Zahl der neu zugeführten Patienten aus aufgelösten Krankenhäusern stieg an, im gleichen Maß explodierte die Sterblichkeit. Die Morde an Hunderten wurden vertuscht und fanden als 'normale' krankheitsbedingte Todesfälle Einklang in die Statistik des Krankenhauses."

Ich spreche von ca. 70 000 Toten, was sich aber als Missverständnis herausstellt: Damit meint Ziegenspeck die Gesamtzahl der im Zusammenhang mit der Aktion T4 umgebrachten Menschen, hauptsächlich Behinderten, psychisch Kranken, Kindern, Jungen und Alten. Der Herr an der Kasse erzählt, dass hauptsächlich aus technischen Gründen die Ermordung im "industriellen Maßstab" in Ueckermünde nicht funktioniert hat, weshalb viele Kranke in ein Krankenhaus in der Nähe von Stettin ausgegliedert und dort ermordet wurden. Nach dem Museumsbesuch - das Haffmuseum ist auf jeden Fall sehenswert, die Jahrhunderte, die Ueckermünde umkrempeln - gibt er mir ein Papier von Heike Bernhardt, die über die Kindermorde wohl promoviert hat. In der Zusammenfassung von "Die Anstaltspsychiatrie und 'Euthanasie' in Pommern 1939 bis 1945" bzw. in dem in diesem Zusammenhang veröffentlichten Artikel " 'Niemals auch nur zu den primitivsten Arbeitsleistungen zu gebrauchen' - Die Tötung behinderter und kranker Kinder 1939 bis 1945 in der Landesheilanstalt Ueckermünde" (Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 42(1993) 7, S. 240-248) beschreibt sie die Entwicklung der Krankentötungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Neben dem "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung ab- und anlagebedingter schwerer Leiden" [was sind denn ablagebedingte schwere Leiden?, ein Gruß von der deutschen Sprache!], der im August 1939 gegründet wurde und über eine Vielzahl beteiligter Personen aus unterschiedlichen Disziplinen der Medizin, Kinderheilkunde, Erbhygiene, Frauenheilkunde, Verwaltungsmedizin, Psychiatrie, Allgemeinmedizin und Kinder- und Jugendpsychiatrie das Morden organisierte, gab es später die T4-Aktion, benannt nach der Zentrale Tiergartenstraße 4 in Berlin, die die größere Zahl von Opfern zu verantworten hatte. Bernhardt nennt für die T4-Aktion (Mord an Psychiatriepatienten) 70.000 Menschen. Der "Reichsausschuss" soll nach Schätzung von Staatsanwälten mindestens 5200 Kinder zur Tötung "freigegeben" haben. In den vom "Reichsausschuss" organisierten "Kinderfachabteilungen" wurden dann kranke Kinder gezielt getötet, teils mit Medikamenten, mit Gift, später auch durch Verwahrlosung, Verhungern, Verdursten. In Ueckermünde selbst wurden von 1933 bis April 1945 insgesamt 816 Patienten aufgenommen, von denen 47% während des Aufenthaltes verstarben, 13% im Zusammenhang mit anderen Krankenmordaktionen abtransportiert und nur 30% mit Sicherheit entlassen wurden. Bei 10% fehlen Austragungen im Aufnahmebuch, wie überhaupt die "Buchführung" dieser Kranken für nationalsozialistische Verhältnisse sehr nachlässig und schlampig durchgeführt wurde. Bernhardt schreibt von 190 Kindern, die an "Entkräftung" oder "Erschöpfung" starben, eine Diagnose, die wohl für Verhungern stand. Hohe Tuberkulosezahlen (53 Kinder) weisen auf schlechteste Lebensbedingungen hin. 49 Kinder starben an Lungenentzündung, was wahrscheinlich der Code für Medikamententötungen war. Der Artikel beschreibt sehr genau die Entwicklung und Verhältnisse im großen Zusammenhang, aber auch speziell in Ueckermünde, ohne jenseits der Zahlen und Tabellen das Grauen vergessen zu lassen, das der Inhalt mit sich bringt. Schwere Kost für uns, speziell für mich. Kalte Wut kommt auf, wenn ich lese, dass die zentral Verantwortlichen nach 1945 weiter in ihren Funktionen als Ordinarien, Leiter von Kinderfachabteilungen, Direktoren, Professoren  usw. arbeiten konnten. Und spätestens bei der Vielzahl von Beteiligten auf vielen Ebenen erweist sich der Spruch, man habe "nichts gewusst", als glatte Lüge.

Das hat es auf unseren Reisen noch nicht gegeben: soviel Engagement von einem städtischen  Museumsangestellten mir als Touristen gegenüber. Aber offensichtlich hat es ihn auch berührt, dass ein Auswärtiger sich überhaupt nach diesem Thema erkundigt, das in Ueckermünde bis heute mehr oder weniger totgeschwiegen wird. Die offizielle Linie ist wohl, die Nazizeit ebenso wie den 40-jährige DDR-"Sozialismus" einfach zu übergehen, zu ignorieren, wie wenn das auf Dauer möglich wäre. Es kommt alles an die Sonne, die Frage ist nur wann!

Jetzt noch den letzten Einkauf, die neueste Aktualisierung von emails, der Wetterdaten für das zyGrib-Programm, das Auto weggebracht, jetzt kann die Reise mit U. beginnen. Wir haben uns entschlossen, dem Vogelführer Günther Hoffmann zu folgen, der in einem Presseartikel über "Abenteuer Flusslandschaft" als ortskundiger Vogel- und Moorführer dargestellt wird. Deswegen die Reise nach Kamp, dem voraussichtlichen Anfangspunkt der Tour.

 

Sonntag, den 21.06. nach Kamp

Früh am Sonntag wird aufgestanden.  Aber bis es losgeht: drei Besatzungsmitglieder brauchen einfach mehr Zeit, bis sie alles erledigt haben, das dauert. So ist es kein Wunder, dass wir erst kurz vor Mittag loskommen. Das Ablegen klappt nach entsprechender Einweisung wie am Schnürchen. U. stellt sich als gelehrige Schülerin heraus, aber sie hat vor Urzeiten auch mal einen Segelschein gemacht. Davon ist wohl einiges hängen geblieben. Schnell sind wir im Haff, steuern mit nördlichen Kurs die letzte Ueckermünde-Tonne UE an und dann geht es nordwestlichen Kurs bis zur Tonne Peenestrom Süd/H1. Der Wind steht mit 4-5 Bft günstig, nur mit dem Vorsegel schaffen  wir mehr als fünf Knoten, aber nur bis zur Tonne UE. Dort wechselt der Kurs auf 290°. Jetzt reicht es nicht mehr für einen Am-Wind-Kurs, entweder kreuzen oder motoren. Wir entscheiden uns für letzteres, zum Teil schräg, zum Teil direkt von vorne geht es gegen die steilen, kurzen Haffwellen an. Vorne geht der Bug manchmal steil hoch rauf und runter, und natürlich geht der Schapp mit den Tellern auf, aber das jagt uns keinen Schrecken mehr ein. Bei der Tonne Peenestrom Süd/H1 geht die Fahrt in den Peenestrom, jetzt wird es so eng, dass genau den Tonnen entlang gefahren werden muss. Nach dem Passieren des gewaltigen Restes der Karniner Eisenbahnbrücke steuern wir Kamp an, einen kleinen Hafen, der Ausgangspunkt der ornithologischen Tour durchs Peene-Moor werden soll. Telefongespräche am Nachmittag knüpfen schon mal erste Kontakte und Möglichkeiten.

    Kamp ist ein ganz kleiner Hafen, der vom hiesigen "Hafenverein Kamp" betrieben wird. Neben dem größeren Becken gibt es einen Wasserwander-rastplatz, der extrem eng ist, die Einfahrt mit eingeschlossen. Auch wenn die Dalben dort stellenweise knapp drei Meter auseinander sind, die Boxen sind nicht mal acht Meter lang. Neben einem ausgemusterten Fährboot und zwei alten Kähnen ist kein Boot festgemacht. Einige Boxen machen einen krautigen Eindruck. Auch unsere Box im Vereinshafen ist zu klein, eine Spring hilft uns, nicht vorne anzustoßen.
Es war gerade ein Vereinsfest den Tag zuvor gefeiert worden, heute heißt es aufräumen, saubermachen. Geschäftiges Treiben auf dem Platz vor dem Hafen. Zwischendurch kommt immer wieder die kleine putzige Fähre an, die Kamp mit dem gegenüberliegenden Karnin verbindet. Wir genießen den Trubel als Hafenkino, bekommen später von der Hafenmeisterin, der einzigen, die wir bisher getroffen haben, einen Toilettenschlüssel. Bezahlen können wir später, hier hat alles seine Ruhe. Gegen Abend leert sich der Platz, Stille kehrt ein, einzig die Mehlschwalben flitzen in der Luft herum. Ihre Flughöhe kündigt bereits gemischtes bis schlechtes Wetter an. Am
Mo, den 22.06. ist noch nichts los, deswegen können wir nochmals gut ausschlafen. Die Nächte sind immer so lang, weswegen der Morgen dann erst mittags beginnt! Bei wechselndem Wetter erkunden Barbara und U. das Dorf, auf der Suche nach einem Lebensmittelladen, denn einiges droht auszugehen. Aber es gibt nichts!

    Der einzige "Laden", eine mobile Fischbude, hat heute geschlossen. Kamp hat nur eines zu bieten: kein Trubel, keine Geschäfte, Ruhe - Stille - Nix los. Mit der Fähre fahren die Frauen nach Karnin, dort gibt es wenigstens einen Kiosk, in dem Getränke das Dreifache des üblichen Preises kosten. Barbara handelt die Waren um ein Drittel herunter, aber außer Bier und Brötchen gibt es nichts. Und am späten Nachmittag
Abb. 13: Was mag das bedeuten?
fängt der Regen an, aber diesmal keine kurzen "Schäuerchen", sondern lange Phasen intensiver Spülung von oben.

Am Dienstag müssen alle früh aufstehen, d.h. eigentlich eine Stunde zu früh: U. hat die Uhrzeit falsch gelesen, ohne Brille! Fröhlich weckt sie uns um sechs Uhr morgens: "Aufstehen, es ist sieben Uhr", Kaffee ist fertig". Die Nacht war auch nicht gerade eine Oase einziger Lautlosigkeit: lange ausdauernde Regenschauer bisher unbekannter Stärke trommelten auf das Deck und unsere Luke in der Vorderkabine. Eine Welle nach der anderen, zwischendurch mal ein leiseres Tröpfeln, dann hämmerte es wieder von oben herab. Gemütlich im Bett zu liegen, die Decke bis an die Ohren, aber eben laut! Nach sieben Uhr heißt es dann doch aufstehen, anziehen, sich fertig machen für die Moorwanderung und Vogelexkursion mit Günther Hoffmann. Ich bleibe "zu Hause", mein Knie macht seit einigen Tagen Probleme, ich kann immer nur wenige Meter gehen.

Die Frauen wandern mit Günther Hoffmann durch das Naturschutzgebiet Anklamer Stadtbruch, ein Renaturierungsprojekt der größten zusammenhängenden Moorlandschaft Europas, initiiert vom Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Dabei hat das Land 42 Millionen Euro investiert, davon bekamen allein die davon betroffenen Bauern 30 Millionen für den Landkauf. Die Rundwanderung, die diesmal über 14 Kilometer geht, mit einem Abstecher zur Anklamer Fähre, dauert über fünf Stunden mit Vogelbeobachtung. Herr Hoffmann stellt sich als freundlicher, humorvoller, geduldiger, kompetenter Führer und engagierter Bürger der Gemeinde heraus. Keine Frage ist ihm zu langweilig oder zu dumm. Zudem kann U. als engagierte Ornithologin auch ganz sachkundige Fragen stellen (und super beobachten). Sie hat die Moorenten entdeckt, die bisher in dieser Gegend noch nicht gesehen worden sind.  

Auch Spuren des Biber-Wirkens sind zu sehen. Viele hunderte Kormorane in ihren Nestern mit flügge werdenden Jungen, viele Seeadler dazwischen, über 40, die auch in den Bäumen ihre Nester haben, Fischadler, Graureiher in Massen, Silberreiher, Graugänse, verschiedene Enten, insbesondere die hier seltenst vorkommenden Moorenten unter anderen Entenarten und Wasser- und Singvögeln. Schwere Regenschauer überraschen die Vogelwanderer immer wieder, Dank der entsprechenden Kleidung und Schuhwerks übersteht die Gruppe aber auch diese Belastung. Beim Unterstellen unter einen schutzspendenden Baum werden die drei Wanderer von Schnaken überfallen, die mit biologischen Abwehrmitteln verjagt werden.
Nach der Wanderung machen die beiden Frauen einen kleinen Abstecher zur alten Anklamer Fähre, zur Zeit in Reparatur. Dort gibt es einen Biobauernhof mit Frau Resi Scheumann und Sohn, bei dem sie neun verschieden angemachte Sorten von Frischkäse einkaufen - die Eiweiß-Versorgung der nächsten Tage ist damit auf jeden Fall gesichert. Von dort wird der Rückweg angetreten, müden Schrittes, bis sie dann endlich gegen 17 Uhr wieder am Boot eintreffen, abgekämpft, aber auch voller Stolz über ihre großartige Wanderleistung.
Danach bekommen wir von der Hafenmeisterin das gewünschte Vollkornbrot, dessen Einkauf uns morgens angeboten wurde. So ein Service, auch das haben wir noch nicht erlebt.
Übrigens: WLAN und Internet sind in Kamp nicht zu haben!

 

Mittwoch, den 24.06.: Anklam

Diesmal sind es nur einige Seemeilen, die wir vor uns haben: Meine Schwägerin U. muss weiter, für ihren Deutschland-Besuch hat sie insgesamt nur etwas mehr als vier Wochen Zeit. Und andere Familienangehörige in Süddeutschland warten. So erkundigen wir Zugverbindungen, bzw. werden hier kräftig von verwandtschaftlicher Seite unterstützt, weil wir ja kein Internet haben. Auf diese Weise stellt sich Anklam als nächster Bahnhof heraus, vom dem Zugverbindungen über Berlin nach Süddeutschland gehen. Und für die 7 Seemeilen müssen wir auch nicht um acht Uhr morgens aufstehen. Gegen halb eins werden die Leinen in Kamp los geworfen, der "Abflug" klappt reibungslos. Bei meist dunkelgrauem Himmel, dreizehn bis vierzehn Grad Celsius und Windstärke vier fahren wir den Peenestrom abwärts Richtung Norden, aber gegen den Wind, also auch Strom gegen Wind. So ist es etwas wellig auf dem Strom, zugig allemal. Aber nach einigen Tonnen erreichen wir das Paar 98/96, mit der Einmündung des Flusses Peene in den Peenestrom. Sofort wird das Wasser ruhiger, träge strömt der Fluss uns entgegen, wir fahren ja flussaufwärts. So unter Land wird es auch etwas wärmer, aber Sommergefühle lässt dieser Wetter bisher nicht aufkommen. Man denkt eher an Herbst oder April.

Beim Yachtclub Peene YCP finden wir ganz am Ende der Hafenanlage ein schönes Plätzchen. Schon bei der Einfahrt in die Box und beim Festmachen kommen uns helfende Hände entgegen. In die sehr gepflegte Anlage werden wir freundlichst aufgenommen und eingewiesen, was Toilette, Dusche, Hafenmeister usw. betrifft. Bei unseren späteren Erkundigungen stellen wir fest, dass mehrere große Discounter nur fünf Minuten vom Hafen weg sind, hier bekommt man einschließlich Treibstoff alles, was man braucht.

Am Nachmittag haben wir dann Zeit, am Bahnhof die Zugverbindungen genauer kennen zulernen und U. kann ihre Fahrkarte kaufen. Auf dem Weg in die Stadt erledigen wir Apotheke und Buchladen, letzteres geführt von einem sehr freundlichen und zuvorkommenden Buchhändler, der uns auch einige Lokale zum Essen empfehlen kann. Wir, d.h. Barbara und ich, müssen die Zeit bis zum Abend strecken, weil wir für U. noch eine besondere Überraschung organisiert haben. So vergeht der Nachmittag im Restaurant "Zum Klosterbruder", die freundliche Bedienung macht ein schönes Bild von uns dreien. Daraufhin zu einem Drogeriediscounter, Fotos für die Oma und die Verwandtschaft entwickeln, einschließlich Kauf eines Bilderrahmens. Danach wieder zum "Klosterbruder", ein kleiner Nachtisch, etwas Süßes muss noch drin sein. Anschließend zum Gelände des Vereins "Abenteuer Flusslandschaft". Rechtzeitig kommen wir an, das Elektroboot für die Biber-Erkundung steht schon am Steg bereit, ebenso wie Essen und Trinken an Bord. U. wundert sich schon, welche "absurden" Wege wir gegangen sind, sie führen zum Wasser, aber doch nicht zum Yachthafen. Jetzt begreift sie die Überraschung und ist total baff. Sprachlosigkeit steht ihr im Gesicht, das hätte sie sich niemals vorstellen können. Tja, manchmal muss es eben eine Überraschung sein! Mit ungefähr zehn anderen Naturhungrigen macht sie eine "Bibertour". Um zehn Uhr abends holen wir sie wieder ab, sie berichtet von der Fahrt, drei Biber haben sie gesehen und vieles vom sachkundigen Führer erfahren.

Auf dem Boot dann nochmals ein letztes Packen, zusammenstellen von sofort wichtigem, wichtigem und weniger wichtigen Gepäck, der 23-kg-Koffer ist ja weitestgehend schon gepackt. Spät machen wir das Licht aus, nur wenige Stunden unruhigen Schlafes liegen vor uns. Und früh klingelt der Wecker, kurz vor acht Uhr fährt der Zug über Berlin nach Süddeutschland, ein- oder zweimal umsteigen ist leider auch drin. Wir bringen sie zum Bahnhof, mit einem Transportwägelchen aus dem Yachtclub schonen wir den Rollkoffer. Und dann ein letztes langes Umarmen, Drücken, in die Augen sehen und sich alles Gute wünschen, und schon ist der Regionalzug weg. Wehmut und Trauer überkommt uns beide, bedrückt und voller Gedanken machen wir uns auf den Heimweg, um erstmal den entgangenen Schlaf nachzuholen.

Später am Tage marschiere ich los, um eine neue Röhre für unsere Infrarot-Heizung zu bekommen. Aber auch die sehr freundliche und kompetente Fachverkäuferin eines Elektrogeschäftes schafft es nicht, an den niederländischen Hersteller heranzukommen. Die Großdiscounter im Einkaufszentrum haben so ein Gerät nicht mal im Angebot. Es ist ja schließlich Sommer, jedenfalls dem Kalender nach. So schleiche ich mich müde nach Hause, meinem seit Tagen lädierten Knie hat weder der Lauf zum Bahnhof noch die nachmittägliche Erkundigung in der Stadt gut getan. Einige Stunden Schlaf bringt mich wieder etwas nach oben, in diesem Zusammenhang bemerke ich, dass seit Tagen, wahrscheinlich seit Kamp, eine Zecke an mir nagt. Zwischen meine Speckschichten am Bauch ist sie bereits in die Haut eingedrungen, ich bin schockiert. Noch nie hatte ich eine Zecke, und jetzt das! Mit Limonenöl wird sie überstrichen, sie zuckt noch, hin und wieder bewegt sich ein Beinchen. Nach einer halben Stunde versuchen wir sie mit der Pinzette raus zuziehen, aber wir bekommen nur Teile des Hinterleibes und der Füße, der Kopf bleibt drin. Es folgt die Desinfektion mit Jodtinktur, alles an Bord, man weiß ja nie. Aber die Sorge bleibt, was passieren könnte, Borelliose,  Hirnhautentzündung usw.

     Am nächsten Tag, den Freitag, machen wir uns auf den Weg in die Notausnahme der hiesigen Ameos-Klinik. Bereits nach einer halben Stunde, viel ist hier nicht los, begutachtet der serbische Assistenzarzt den Zeckenbiss und bestätigt unsere Vermutung, dass der Kopf noch drin ist. Der sitzt inzwischen schon recht tief im Gewebe. Aber mit Pinzetten und Nadeln gelingt es ihm, ihn herauszupulen, damit ist das erste Problem schon mal gelöst. Mit meinem Knie geht er verschiedene Bewegungen durch und kann mich beruhigen, weder Kniescheibe noch Meniskus sind in Mitleidenschaft gezogen, es sind einige Bänder wohl überdehnt worden. Zur Sicherheit werde ich noch von einer vermutlich russischen Ärztin geröntgt, aber außer eine beginnenden Arthose ist nichts zu sehen. Schmerzlindernde Salbe unter einem Verband und Schmerztabletten sind seine Therapie. Ich humple die zwei Kilometer zum Hafen zurück, Barbara geht derweil in die Stadt zum Einkaufen. Der freundliche Buchhändler von der Buchhandlung am Steintor, der von meinen Beschwerden erfährt, schenkt ihr zwei Bücher für mich, mit einem kleinen Zettel drin: "Rasche Genesung wünschen wir dem Knie. Mit den Büchern möge die Zeit verkürzt werden." Ein Kriminalroman von Sascha Arango und ein Liebesroman von David Pfeifer, letzteres nicht unbedingt mein Genre, aber während der Fahrt? Man kann nicht wissen! Für Barbara richtet er den Ting-Hörstift ein, obwohl er unter Zeitdruck für seinen Zug steht. Damit kann man aus dem Buch "Was fliegt denn da?" die entsprechenden Vogelstimmen hören. Das haben wir bisher auch noch nie erfahren. Lange Bettruhe und die Schmerztabletten lassen meinen Zustand besser werden, wenigstens komme ich jetzt zum Schreiben, wenn auch nicht zum Abschicken. WLAN und Internet gibt es hier in Anklam nicht. Wir werden wohl noch einige Tage hier bleiben, von der kleinen Stadt selbst haben wir bisher ja erst wenig gesehen. Die Nikolai-Kirche und das Otto-Lilienthal-Museum sollen sehenswert sein.
 
Den Samstag lassen wir sehr ruhig angehen.  Was das bei uns auf dem Schiff heißt, ist ja  schon mehrfach geschildert worden. Gemütliches Frühstück mit Spiegelei auf Frischkäse-Tomatenbroten versprechen mit einem starken Kaffee schon mal einen guten Einstieg in den Tag. Die neue Santiano-CD gibt den passenden musikalischen Hintergrund. Einkaufen muss
Abb. 14: Vor dem Regen - dunkle Wolken ziehen auf!
auch heute nicht sein, bis Montagmorgen reichen die Vorräte auf jeden Fall. Gegen Mittagmacht es sich zu, das anfangs warme und leicht windige Wetter schlägt um, es wird schwül, der Himmel verdunkelt sich. Im Hintergrund, links und   rechts sind schon mal Blitze zu erkennen, entferntes Donnergrollen erreicht unsere Ohren. Gegen frühen Abend
Abb. 15: Platzregen der stärkeren Art
ziehen dann zwei Gewitterzellen an uns vorüber, starker Platzregen prasselt mindestens eine halbe Stunde auf die Peene, die Wassertropfen springen hoch, das
andere Ufer ist kaum zu sehen, und das bei vielleicht 50 Meter Flussbreite. Wir sitzen unter der Sprayhood, mit dem Regencape die ruhigen, zwischendrin stürmischen Tag. Die Peene ist jetzt spiegelglatt, und wenn wir nicht mittendrin gesessen hätten, wir hätten es auch nicht für möglich gehalten. Uns fällt die Fahrt von Rønne/Nørrekås nach Sassnitz ein, im letzten Jahr, bei der wir auch von Regen überrascht wurden. Klatschnass bis auf die Knochen, das war das Resultat, wir hatten uns  den Wetterbericht nicht zu Ende gedacht.
Abb. 16: Nach dem Regen - Friede am Himmel
      In der Nacht zum Sonntag nimmt der Wind ständig zu. Er kommt jetzt mit 5 Bft aus Westen, direkt zu uns hinein ins Cockpit. Es wird ungemütlich. Während ich schon in der Koje liege und mich in meinen Krimi vertiefe, kümmert sich Barbara in später Stunde um die Leinen, damit das Schiff nicht vorne auf den Steg geschoben wird. Die Nacht wird mal wieder schlaflos, so laut klatschen die Wellen gegen den Rumpf. Yachtclub Peene in Anklam bietet keinen Schutz bei Starkwind aus Westen oder Nordwesten. Ständig rollen die Wellen an, ich komme nicht zur Ruhe.
Auch der frühe Morgen, der mich schon um sechs Uhr aufstehen sieht, empfängt mich windig, grau in grau. Es ist nicht "lekker", das Wetter, wie der Holländer sagen würde. Einige Stunden lesen, im gemütlichen warmen Salon, es lebe unsere Heizung! Später bekomme ich Hunger, weil wir gestern zu faul zum Einkaufen waren, ist heute das Brot knapp. Eine Tankstelle in der Nähe bietet Brötchen zu
Abb. 17: Cumulus humilis und mediocris
akzeptablen Preisen. Und am Nachmittag wird es tatsächlich wärmer, die Sonne bricht immer mehr durch, verschiedene Typen von Cumulus-Wolken durchziehen rasch den Himmel. Gegen Abend nimmt die Bewölkung wieder zu, aber die Sonne scheint weiterhin, es bleibt einigermaßen warm und wir haben Zeit, einige Runden Rummikup zu spielen. Zwischendrin gibt es dann Nudeln mit Salat und einer leckeren Tomatensoße.

Auch am Montag ist nicht viel los: irgendwie sind wir beide nicht besonders auf Zack, aber das muss ja nicht sein. Wir erinnern uns des Mottos des Schiffes: "Der Weg ist das Ziel". Dann geht eben heute wenig bis gar nichts, ist das denn schlimm? Wir besprechen unsere Ziele für die nächsten Tage, ob wir Richtung Wolgast oder durchs Achterwasser nach Zinnowitz fahren sollen, aber wie das Schicksal es will, die nächsten Tage ab Dienstag herrscht immer Ostwind vor, also heißt das gegen den Wind zu fahren. Zum Segeln wenig ideal, im Achterwasser sind die "Wege" auch schmal, es gibt viele Untiefen und wenig Tonnen. Dann eher die alte Hansestadt Wolgast besuchen. Wir werden sehen, wohin es uns treibt. Die Nachricht in der Ostsee-Zeitung, dass von Zinnowitz aus ein 300 PS starkes Speedboot zu Kurztrips auf die Ostsee starten darf, stimmt uns gegen diesen Hafen. "Das Ostseebad erweitert sein touristisches Angebot um ein Schnellboot. Dieses lädt täglich zu Kurzfahrten auf die offene See ein", heißt es in der Schlagzeile. Nun sei der Traum der Zinnowitzer wahr geworden. Da kann man nur lachen und sich über die Vera....... der Einwohner und Touristen wundern. Wir haben es erlebt, in Ueckermünde, was das bedeutet, und es wird nicht bei einem Speedboot mit 300 PS bleiben. Eine Betriebserlaubnis wird die nächste nach sich ziehen. Andere werden kommen, die Ruhe ist dahin, von der ökologischen Sinnlosigkeit dieser Raserei gar nicht zu reden. Sollen doch die Leute, die es gerne so schnell haben, einen Flugschein machen und sich einen ausrangierten Starfighter kaufen! Angeblich sei der Motor "relativ leise" und "nicht störend". Was heißt das schon? Wer bestimmt denn diese "Relativität"?  Bestimmt fahren Besucher eines Ostseebades nicht wegen eines Speedbootes dorthin, sondern wegen des Ruhe, die Strand und Meer versprechen. Eine Fehlentscheidung, wie wir meinen!

Dienstag ist Museumstag: Das Otto-Lilienthal-Museum steht auf dem Programm. Es ist um die Mittagszeit schon recht warm, die zwanzig Minuten zum Museum strengen uns an. Das Museum ist wunderschön, viele Flugmodelle des Pioniers der Luftfahrt sind ausgestellt. Schautafeln und ein Film informieren über sein Wirken als aufgeklärter Unternehmer aus der 1848-Generation. So hat er nicht nur Flugmodelle gebaut, forschte den Ursachen des Fliegen-könnens nach, sondern baute auch Sozialwohnungen für seine Arbeiter und bezahlbare Häuser für den unteren Mittelstand. Auch in seiner Maschinenfabrik wirkte er als umtriebiger Geist und Erfinder. Zusammenhänge aus seiner Familie und das Wirken gemeinsam mit seinem Bruder werden dargestellt. In der flugtechnischen Abteilung sind neben vielen Modellen auch Exponate ausgestellt, die das physikalische Prinzip des Fliegens erläutern - Physikunterricht auf museumsdidaktischen Niveau. Gut gemacht für Schulklassen sind die Texte und Modelle, die meisten mit Knopfdruck zu bedienen. Was uns heute selbstverständlich ist und gerade auch beim Segeln eine Rolle spielt, damals war alles unbekannt und musste erst mühsam erforscht werden. Lilienthal selbst hat seinen Wissensdurst mit dem Leben bezahlt, bei einem Flugversuch stürzte er ab, verletzte sich schwer und starb daran.

Aber auch die Stadt mit dem Stadttor, der Nikolai-Kirche, dem dort installierten Ikareum ist eine Wanderung wert. Anklam hätte uns noch einige Tage binden können, aber irgendwann muss es auch weitergehen.


Mittwoch, den 01.07. Wolgast

Eine Woche sind wir nun schon in Anklam, ohne die Kniebeschwerden wären wir sicher früher wieder gefahren. Jetzt wird es Zeit, ein neues Ziel anzusteuern. Warum wir Zinnowitz nicht ansteuern, habe ich schon geschrieben, also Wolgast. Da wir zwei Brücken mit festgelegten Öffnungszeiten und langen Pausen dazwischen haben, ist der Rahmen für Aufstehen und Abfahren schon ziemlich festgelegt. Zwanzig Minuten nach zehn starte ich die Maschine, die spiegelglatte Peene geht es hinab zu ihrer Mündung im Peenestrom. Beim Ablegen löst sich die Notfall-Boje, der Auslösemechanismus arbeitet hervorragend, die Boje wird programmgemäß aufgeblasen. Nur gerade hinderlich in diesem Moment, und leider muss ich jetzt demnächst eine neue Gaspatrone besorgen. Sei's drum, so was passiert.

Der Himmel ist bilderbuchblau, kein Wölkchen, windstill. Ebenso still wie die Peene, die träge dahin gleitet. Einige Wasservögel sind am Schilfrand zu sehen, meistens Möwen. Hinter dem Schilf ist an einigen Stellen eine Kante zu sehen, offensichtlich war die Peene mal breiter, und man hat es zugelassen, dass die Natur sich ihren Raum wieder zurückholt. Bei der Gabelung "Alte Peene" und "Richtgraben" ist der ursprüngliche Flussverlauf nicht mehr zu erkennen, alles mit Schilf und Seerosen zugewachsen.

Knapp eine Stunde später sind wir an der Tonne R1, jetzt geht es in den Peenestrom. Die Brücke von Zecherin ist schon zu erkennen, auf der Reede warten bereits einige Segler. Wir fahren ebenfalls bis kurz vor das Bauwerk, warten, mal den Motor aus, dann mal wieder an. Es herrscht ein laues Lüftchen, wir werden ein bisschen abgetrieben, aber sehr langsam. Viertel vor zwölf hebt sich der bewegliche Teil, die Gegenseite hat Vorfahrt. Nur wenige Schiffe fahren ins kleine Haff, so dass der größere Pulk nicht lange warten muss. Kurz vor zwölf sind wir durch. Ein polnischer Segler bemüht sich noch, mit Vollgas auf dem Außenborder, durch die geöffnete Brücke zu kommen. Aber um zwölf Uhr ist Ende, das Mittelteil senkt sich, er sieht nur noch zwei rote Lichter und muss abdrehen. Vier Stunden Wartezeit, da kommt man doch lieber ein bisschen zu früh!

     Es wird heißer und heißer, aber zugleich nimmt der Wind zu. Auf der Höhe von Usedom ändert sich der Kurs, jetzt geht es erst etwas nördlich, dann kurze Zeit später auf einen nordwestlichen Kurs. Der Wind kommt jetzt seitlich von vorne, wir können am Wind segeln. Zuerst das Vorsegel, später das
Abb. 18: "Steilküste" am Peenestrom
Groß, um halb zwei Uhr stehen beide Tücher. Wir machen zwischen drei und fünf Knoten, je nach Böen und Windbeständigkeit.  Da die Peene nicht allzutief ist, ist der Seegang auch nicht hoch. In der Höhe der Öffnung zum Achterwasser hin nimmt der Wind zu, jetzt kommt er quasi ungehindert von der Ostseeküste. Dieser Abschnitt geht aber nur kurze Zeit, die Halbinsel Weisser Berg bremst ihn ab, aber bis zur Verengung des Peenestroms vor Wolgast sind es auch nur wenige Meilen. Danach wird der Strom ziemlich eng, nach insgesamt eineinhalb Stunden nehmen wir die Segel runter.

Kurz nach Vier Uhr erreichen wir Wolgast, erkundigen in einigen Runden den Stadthafen, der sich wirklich nur zum Einkaufen lohnt und warten auf die Brückenöffnung viertel vor fünf Uhr. Liegeplätze gibt es hier sowieso keine, die wenigen wartenden Boote liegen schon im Päckchen. Ein Riesenrad und Kirmesgeschäfte versprechen eine laute Nacht.

Viertel vor fünf öffnet sich der Übergang. Wir Talfahrer warten wieder, sind später dran. Nur wenige Yachten kommen uns entgegen, dann will die Gruppe von elf Segelbooten nach Norden. Den ersten an Backbord liegenden Hafen, die Schiffswerft Horn, verwerfen wir schnell, der erste Eindruck ist nicht berauschend. Weiter nördlich liegt, vor hohen Bäumen, der Yachtclub Wolgast, auch Clubhafen Dreilindengrund genannt. Der Name hört sich schön an. Der Weg zum Hafen ist durch drei kleine Tonnenpaare gekennzeichnet, die Einfahrt ist schmal und wenig tief. Manchmal habe ich schon den Eindruck, wir stecken im Schlamm, aber der Blick auf das GPS belehrt mich eines besseren. Wir finden ganz außen ein Box, etwas zu groß, aber nach einigem Hin und Her liegen wir ganz gut.
Die Sonne knallt immer noch vom Himmel herab, vor uns eröffnet sich aber das schöne bezaubernde Panorama von Wolgast, eine Stadt um eine Trotzkirche herum. Nach einigen Minuten erklärt uns ein Clubmitglied die Gepflogenheiten
Abb. 19: Wolgast-Panorama
und sanitären Einlagen, die sehr in Ordnung sind. Irgendwann danach kommt der Hafenmeister vorbei, er ist nicht immer vor Ort. WLAN und Internet gibt in einem solchen Hafen nicht, so muss der Bericht wieder mal warten, bis er im Netz steht.
Am nächsten Morgen (Donnerstag) wache ich auf vom Hin- und Herschaukeln des Schiffes, die Wellen klatschen an die Seite, die Leine mit den Stoßdämpfern knarzt bis in die Klampe hinein. Bei Ost- bis Südostwind wird es hier wellig und unruhig. Mit einer Spring kann ich das Schaukeln etwas abdämpfen. Uns erwartet ein strahlender Morgen, seit gestern ist es richtig heiß, aber der frische Wind kühlt diesen Eindruck etwas ab. Den ganzen Tag über strahlender Sonnenschein, wolkenloser Himmel, eine frische Brise mit drei bis vier Bft, ja, das ist der Sommer, den wir uns vorgestellt haben. Am Abend gibt es leckeren Hirschbraten und einige Runden Rummikup.

Samstag, den 04.07.: Kröslin

Der Freitag beginnt in Wolgast mit großer Hitze bereits am Vormittag. Die Sonne brennt vom Himmel, es ist strahlenblau, kein Wölkchen zu sehen.
Am Nachmittag, als die größte Hitze vorbei ist, entschließe ich mich, mit dem Fahrrad in die Innenstadt von Wolgast zu fahren. Vom Gelände des Yachtclubs bis dahin dauert es ungefähr eine Viertelstunde, bis ich die ersten Häuser erreiche. Nach wenigen Metern erreiche ich das Hafengebiet, auf dem sich das fahrende Geschäft des "Hafenfestes" ausgedehnt hat. Ich ergreife die Flucht, zurück in die "Innenstadt". Bei meinem Rund"gang" - fahren ist wegen des vorherrschenden Kopfsteinpflasters zum Teil unmöglich - entdecke ich kaum Geschäfte, zumal keine mit Lebensmitteln. Auf dem Marktplatz ein Bäcker, ein Cafe, die Stadtinformation. Dort erfahre ich, dass die großen Lebensmitteldiscounter alle außerhalb des Stadtkerns angesiedelt sind. Die kleinen Sträßchen um die Kirche herum vermitteln einen Geruch von Mittelalter, dazu passt das Straßenpflaster, wie gesagt extrem fahrradunfreundlich. Ich schiebe und fahre also weiter, bis ich ungefähr einen halben Kilometer weiter einen Discounter entdecke. Dort kann ich den nötigsten Bedarf an Brot, Butter usw. decken. Einige spezielle Artikel auf unserer Bedarfsliste gibt es dort nicht. Man schickt mich in die Stadt zurück, Fehlanzeige auch hier. Auf dem Rückweg komme ich am Philipp Otto Runge-Haus vorbei. Allein es fehlt mir die Muße und die Hitze ist zu groß, um dort einen Besuch abzustatten. Also den ganzen Weg zurück, bis fast außerhalb der Stadt einige andere Geschäfte auftauchen. Dort kann ich den letzten Teil der Einkaufsliste abarbeiten.

Mein Eindruck; Vom Hafen aus sind die Wege zu Fuß alle zu lang, mit dem Fahrrad ist einiges möglich. Um die St. Petri-Kirche herum einige alte Fachwerkhäuschen mit Mittelalter-Flair. Aber für einen Stadtbesuch ist es heute und morgen einfach zu heiß, im Hafen haben wir zwischen 28 und 30 Grad. Wolgast und seine Historie muss bis nächstes Jahr warten.

Gegen Abend beginnt dann die Kakophonie des akustischen Grauens: Das Hafenfest lockt seine Besucher mit lautem Krach, von manchen Musik genannt. Mehrere Fahrgeschäfte versuchen sich gegenseitig in der Lautstärke zu übertreffen, später kommt noch eine Live-Band hinzu. Ein Fahrgeschäft-Ansager zwischendrin mit seinem immer gleich tönenden "Einer ist noch drin"! Die Ruhe, deretwegen wir diesen Hafen und nicht die Schiffswerft Horn ausgesucht haben, ist dahin. Der ständig wechselnde schwache Wind trägt die Lautfetzen mal aus dieser, mal aus jener Ecke zu uns rüber  Zudem wird es auch am Abend nicht kühler, die Hitze steht. Bis drei Uhr nachts geht der Krach, dann hört man nur noch die besoffenen Opfer von zuviel Alkohol.

Auch am Samstag-morgen ist es nicht viel kühler geworden. Spät eingeschlafen, spät aufgestanden. Am Nachmittag kommt Barbara auf die Idee, den Ort zu verlassen. Wir regeln schnell alles Notwendige, das Schiff wird soweit aufgeklart wie notwendig und ab geht die Fahrt nach Kröslin, nur sechs Seemeilen von Wolgast weg, aber mit einem Hafen, der alles bietet, von gutem Essen über Lebensmittel in Laufnähe bis WLAN. Dort kommt dann auch der Bericht wieder ins Netz.

Auf der Peene wartet eine Tonne nach der anderen. Die befahrbare Rinne ist breit genug, aber es heißt aufpassen, schnell kommt man in Untiefen links und rechts der ausgezeichneten Linie. Am Ufer ankern kleinere Yachten, auch schon mal auf dem Fluss: Ein Motorboot hat mitten im Strom Anker geworfen, die älteren Herrschaften suchen Erfrischung in den untiefen
Abb. 20: So flach kann die Peene sein!
Fluten. Vielleicht gerade mal einen halben Meter tief ist das Wasser hier. Links und rechts Wiesen, Schilf und dahinter die Wälder.Es ist viel Verkehr hier auf dem Strom, jeder versucht der Hitze irgendwie zu entfliehen. Nach einer Stunde erreichen wir in Kröslin einen guten Liegeplatz an den komfortablen Schwimmstegen. Hafenmeister und Chipkarte werden auch gleich erledigt. Mit einem leckeren Abendessen belohnen wir uns für den Entschluss, Wolgast verlassen zu haben, aber noch eine Nacht mit Hitze und nervtötendem Krach hätten wir nicht ausgehalten. Nichts gegen laute Musik, wenn es denn eine solche ist, aber in der Regel lieben wir beide doch eher die Stille der Natur, des Wassers, in einem Hafen.

Der Sonntag bringt wie im übrigen Deutschland auch für Kröslin große Hitze und wenig Abkühlung durch den Wind. Mit Duschen unter dem Wasserschlauch auf dem Steg versuchen wir, den hohen Temperaturen von dreißig und mehr Grad etwas entgegenzusetzen. Ansonsten schafft uns die Hitze, der Tag vergeht langsam und gemächlich. Abends ein kurzes Rummikup, Barbara schafft es, meinen Vorsprung von 2 gewonnen Spielen zu übertreffen. Wir lesen und essen Kekse, trinken Rotwein und Wasser, genießen so weit es geht die Wärme, im Gedenken an die kalten Tage im Mai und Juni. Gegen Abend zieht sich der Himmel zu, später kommen mehrere Gewitterzellen in unsere Richtung. Es wird kalt, sehr windig, und regnet. Blitze erhellen ringsum den Himmel, der Donner ist allerdings weit entfernt. Die Unwetter dauern bis weit in die Nacht, auch wenn irgendwann um  drei Uhr morgens der Regen aufhört. Der nächste Morgen ist sehr windig, aber hell, die Sonne scheint wieder, aber es ist deutlich kälter.

Am Montag ist erst mal wieder - nach einem langen Ausschlafen - Einkaufen angesagt im örtlichen Minimarkt. Nach dem Frühstück inklusive Beratung unseres nächsten Zieles machen wir uns auf den Weg. Den voll beladenen Einkaufswagen schieben wir zum Schiff, es macht richtig Krach auf dem ansonsten stillen Steg. Die Wochenendurlauber sind weg, Ruhe ist in den Hafen eingekehrt. Der starke Südwestwind drängt das Nachbarschiff auf unsere Steuerbordseite, wir haben einige Mühe, in den Böenpausen dessen Leinen neu zu verzurren, so dass sich die Fender nicht ständig "küssen" müssen. Nach dem Einkaufen gibt es eine kleine Zwischenmahlzeit im Restaurant, den Rest des Abends verbringen wir mit Lesen und Schreiben, Internet-Recherchen, emails abfragen, dem berühmten "Diesem und Jenem". Morgen geht es weiter nach Gager, einem uns unbekannten neuen Hafen auf der Halbinsel Mönchgut im Süden von Rügen.

 

Dienstag, den 07.07.: Gager

Es scheint zu einer Gewohnheit zu werden, von Kröslin nicht zur gewohnten Zeit aufbrechen zu können, sondern um einige Stunden früher: Auch diesmal, wie bei der letzten Fahrt von diesem Hafen nach Ueckermünde, im August 2014, sind wir bereits ab sechs Uhr auf den Beinen. Nach einer für uns beide sehr kurzen Nacht. Alles geht Hand in Hand, die Sonnenschutzplane hatte Barbara schon am Vorabend entfernt.

Blauer, strahlender Himmel erwartet uns, mit einem Südwester von 3 Bft. Gegen Mittag soll der Wind ja abnehmen, also heißt es bald ablegen. Zwanzig Minuten vor neun ist der Motor an, noch im Hafen - fünf Minuten später - wird das Groß hochgezogen. Barbara hat deswegen große Bedenken, aber es klappt alles reibungslos. Zehn Minuten später das Vorsegel. Der Wind steht so günstig, dass wir mit Raumschotskurs, also halbem Wind, auch die engen Stellen ab der Peenemündung passieren können, und da sind nicht wenige. In den Böen um vier Bft machen wir fast sechs Knoten, sonst eher etwas über fünf -  für die Windstärke recht ordentlich.

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Viertel nach neun passieren wir die Tonne PN11 an der Untiefe Knaakrücken, da passiert es: Wir treffen auf einen polnischen Segler, der die schmale Rinne verlassen hat und im Sand steckt! Das erste Mal bei unseren Fahrten in der Ostsee. Die zwei Polen auf einem ca. 10-Meter-Schiff turnen ohne Schwimmwesten auf dem unruhigen Vordeck herum.  
Abb. 21: Seenotrettung der polnischen Yacht "Best Choice"

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 "We need help!" schreien sie uns rüber. Es ist klar zu erkennen, dass sie festgefahren sind, der Motor läuft wohl im Leerlauf,  aber keine Bewegung, das Heck steht deutlich über dem Wasser. Die beiden Polen machen den Eindruck offensichtlicher Hilflosigkeit. Beherzt greife ich zum Funkgerät, das erste Mal seit Odins Zeiten, dass ich es selbst benutze. Auf Kanal 16, die Sprechfunktaste drückend, erkläre ich, dass ein polnischer Segler an der Position 54° 18,619 N 013° 40,997 E festsitzt und Hilfe braucht. Alle einleitenden Sprachformeln habe ich seit dem Funkzeugnislehrgang vergessen, selbst das bekannte "Mayday, Mayday, Mayday", aber es geht trotzdem. Es meldet sich Bremen Rescue, die Rettungszentrale für den Nord- und Ostseeraum. Ich erkläre nochmals den Notfall, die Position und bestätige die Wiederholung der Gegenseite. Wir werden gebeten, in der Nähe zu bleiben, Hilfe werde kommen. Inzwischen bin ich in der ganzen Aufregung selbst aus der Rinne raus gekommen, das Schiff steht, steckt fest. Auch mit Rückwärtsgang ist nichts zu machen. Werden wir jetzt zum 2. Hilfefall? Mit dem Vorwärtsgang und einer radikalen Wende Richtung Fahrwasser komme ich wieder frei. Gott sei Dank, das wäre geschafft. Jetzt fahren wir, das Vorsegel längst eingezogen, an den Polen vorbei, immer schön im Tonnenstrich bleibend, auf und ab, die Seezeichen sowie den Tiefenmesser im ständigen Blick. Etliche Segler kommen vorbei, wir erklären kurz die Situation und dass wir bereits Hilfe gerufen hätten. Gegen zehn Uhr kommt das Rettungsboot "Heinz Orth" aus Freest, dem nächsten Standort der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, herangebraust. Man sieht von weitem schon die Bugwelle. Als sie kurz vor dem Havaristen sind, bremsen sie ab und beraten wohl die Situation.

Das war eine Premiere, mit dem Funkgerät. Sogar nach meinem Rufzeichen wurde ich gefragt und zum Glück hatte ich es im Kopf. Wer weiß, vielleicht müssen die Polen den Einsatz selbst bezahlen und wir müssen als Zeugen herhalten. Schließlich haben wir die Hilfe initiiert, die anderen Segler vor uns sind alle an dem Havaristen vorbeigefahren. Eigentlich unterlassene Hilfeleistung, aber wer kümmert sich schon darum? Die Polen konnten auch nur wenig Englisch, aber die paar Vokabeln reichten, um Hilfe dringlich zu machen und ihnen zu verständigen, dass Hilfe kommt. Mir wird mal wieder klar, wie wichtig die Wiederholung solch einfacher Prozeduren ist, jedenfalls nehme ich mir das vor, und da die nächsten Tage hier Sturm herrscht, habe ich ja genügend Zeit, mich damit zu beschäftigen. Kurz nach zwölf Uhr erreichen wir die Tonne Zicker, jetzt geht es auf nordöstlichen Kurs. Der Wind ist inzwischen fast eingeschlafen, wir fahren mit dem Motor weiter die Tonnenstrecke nach Gager hin. Kurz vor eins sind wir da, das Anlegen an der Mooringstonne klappt hervorragend.

Jetzt erstmal schnell die Kleidung wechseln, Strom legen, Sonnendach festmachen und ausruhen. Der Versuch, eine halbe Stunde später mit Hilfe des Wasserkrans am Steg sich eine Brause zu beschaffen, scheitert: Dieselben Anschlüsse wie in Polen, wir haben keinen passenden Adapter dabei. Der Hafenmeister, später mit dieser Frage konfrontiert, hat noch einen einzigen Adapter, der aber gerade verliehen wurde. Er ist nur zweimal am Tag in seinem Büro, ich bezahle für drei Tage, Duschen kostet 2 € und dann noch die Kurtaxe, 1 € pro Tag und Person. In wenigen Minuten bin ich fast fünfzig Euro losgeworden, für drei Tage. Aber die nächsten drei Tage soll es eben bis zu Windstärke 7 gehen, d.h. in Böen noch bis 8 oder 9, kein Wetter, um auf den Boddengewässern hin- und her zu schippern.

Später, gegen Abend, zieht sich der Himmel zu. Die Oregon-Wetterstation zeigt Regen an, auf sie ist Verlass. Da wir von den Starkwinden der nächsten Tage wissen, ziehen wir die Kuchenbude auf. Keine fünf Minuten, nachdem unser "Wintergarten" steht, fängt es auch schon an zu regnen, zuerst tröpfelchenweise, später stärker. Alles auf Deck wird in Sicherheit gebracht, in einer späteren Regenpause sogar die Genua eingetütet. Für die Nacht ist schon Windstärke 5 angesagt, mit Regenschauern, und sie lassen nicht lange auf sich warten.

Die Nacht über bläst es und bläst. Heftige Böen lassen alle fünf Schiff auf der Stegseite hin- und her schwanken. Mit unserem Nachbarn, einer Dehler 41, gibt es "Fenderküsse". Der Eigner scheint allein zu sein, man sieht jedenfalls außer ihm - und das sehr selten - keinen Menschen an Bord. Hin und wieder kommen auch heftige Regenschauer, der Druck sinkt bis auf 1004 hPa. Gegen Morgen komme ich zum Einschlafen, die Nacht war einfach zu unruhig.

Der Mittwoch beginnt wie meistens nach einem Fahrtag ziemlich spät. Nach dem Frühstück der erste Kontakt mit den Toiletten und Waschräumen der Anlage. Sie sind in einem Container untergebracht, ca. 150 Meter vom Steg entfernt. Drei Toiletten, vier Waschbecken und zwei  Duschen in zwei Räumen Alles sehr sauber, hell, freundlich und einigermaßen geräumig. Keine klaustrophobischen Ängste. Später gehen wir bei Sonnenschein und heftigem Wind zum Dorfladen, kaufen einige Lebensmittel und lassen es uns im Hafenrestaurant "Alte Bootswerft" gut gehen, annehmbare Preise, große Portionen, zuvorkommende Bedienung. WLAN gibt es auch, aber nur für 24 Stunden gegen einen Aufpreis von 2 Euro.

Die Nacht verläuft wieder sehr stürmisch: Wind von 7 Bft aus Westen, mal südlicher, mal nördlicher, dazwischen heftige Regenschauer, die ganze Nacht hindurch. Wenn die Böen kommen, wird der Nachbar zur Linken auf uns zugeschoben, er bekommt mehr ab, weil sein Schiff viel größer, höher und länger ist als die kleine "De Widzi": 41 Fuß gegen 29 Fuß! Unsere rechter Nachbar, ein 10-m-Schiff, Waarship 1010, ist noch flacher, liegt näher am Land, bekommt somit am wenigsten vom Wind ab. Gegen fünf Uhr morgen geht die Sonne auf, heller blauer Himmel, dazwischen sturmgepeitschte dunkle Wolkenfetzen.

Am Donnerstag geht es wie gehabt weiter: 7 und mehr Bft, aus West, mit Regen. In den Pausen kann man an Deck, Toilettenbesuch machen und solche Dinge. Ansonsten verkrümeln wir uns in der Kuchenbude und schauen dem Wetter zu. Wenn die vom Wind gepeitschten Schwaden über die Hafenbucht zieht, ist die Gegenseite nur noch verschwommen wahr zu nehmen. Zwischendurch sieht man mal ein paar Radfahrer, ansonsten ist es ziemlich leer im Hafen. Weil das mit einer Persenning "eingetütete" Vorsegel die ganze Nacht ziemlich hin- und her geschwankt hat, zieh ich die Persenning runter. Jetzt liegt das eng zusammen gerollte Segel mit einer Schot noch angebunden besser im Wind, das heftige Schwanken und Zittern ist vorbei. Am Freitag soll allmählich der Wind abnehmen, aber die Temperaturen bleiben weiterhin sehr bescheiden, tagsüber 15 bis 17 °C, wenn's warm wird, dann schon 18 und etwas mehr, die große Hitzewelle der vergangenen Tage ist wohl vorbei. Frühestens Samstag können wir weiterfahren, vermutlich nach Lauterbach.

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Nach einer sehr unruhigen Nacht mit 7 Bft Wind aus West, in Böen 8 bis 9, mehrmaligem Aufstehen, nachschauen, was scharrt, klopft, knarzt, scheuert denn da mal wieder, nachschauen, wieder in die Koje, der Krach geht weiter, versuchen, einzuschlafen, geht aber nicht! wieder aufstehen, irgendwo was festzurren, da wieder lösen,

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Abb. 22: Starkwindtage in Gager  
den einen Fender höher und weiter nach vorne, die Heckleine etwas fieren, wieder hinlegen, versuchen einzuschlafen, geht aber nicht! der Krach geht weiter, usw. usf. Erst gegen Morgen falle ich in Schlaf, und erst gegen Mittag stehen wir auf. So geht das, und das geht so, weil wir Zeit haben, nicht weiter müssen, am Ort verweilen können, so lange wir wollen. Der "Windfinder" sagt voraus, dass gegen Abend der Wind abnimmt, nur noch fünf, und so kommt es auch. Am frühen Abend ein Spaziergang ins Dorf, zum Campingplatz, frisches Brot kaufen, im Dorfgasthof "Zum Anker" eine Abendmahlzeit einnehmen, einmal Fisch gedünstet, einmal gebraten, ganz klassisch. Auf dem Nachhauseweg lockt die "Alte Bootswerft" mit heißem Apfelstrudel, Eis und Sahne bzw. einem Früchteeisbecher. Gediegenes Ambiente, Wohlfühlgastronomie, das Lokal ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Und wie gesagt, preislich in Ordnung. Am Nachmittag etwas Pflichtprogramm, Reparaturen, Wasser nachfüllen, abwaschen. jede Handlung setzt eine Anzahl anderer Handlungen in Gang, mit wenigem sind wir ausgefüllt und beschäftigt. Aber es bleibt auch Zeit für Pausen.Morgen, am Samstag, soll es ruhiger und etwas wärmer werden, bisher war dieser Sommer kein Sommer, eher eine Mischung aus April und Herbst, 17 Grad Celsius haben nichts mit Sommer zu tun. Wir wollen nach Groß-Zicker, das haben uns andere Segler empfohlen. Und ein bisschen Bewegung tut uns auch gut. Lauterbach werden wir wohl überschlagen, weil nach einem ruhigen Wochenende der Wind wieder zunehmen soll, dann lieber die "Marina Neuhof", sie ist besser geschützt.  


Am Nachmittag dann doch die Wanderung nach Groß-Zicker. Laut Wegweiser 1,3 km entfernt. Aber die haben es in sich: Zwischen Gager und Groß-Zicker liegt der Bakenberg, 66 Meter hoch. Und da das ganze Gebiet aus einer End- und Stauchmoräne besteht, geht es bergauf und bergab. Dazwischen Kiefern- und 

 
Abb. 23: Auf dem Weg zum Bakenberg

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Laubmischwaldabschnitte, Wiesen mit zahlreichen Gräsern, eine Schafherde auf einem Feld mit angebauten Erbsen. In Groß-Zicker, einem kleinen Straßendorf mit Kirche aus derBacksteingotikzeit, genießen wir im Cafe Inselwind ein Sanddornweizenbier, Sanddorntorte und einen Eisbecher. Die Kirche ist echt sehenswert: vermutlich um 1350 n. Chr. errichtet, mit sog. Kabinettscheiben aus dem Jahre 1595, einer Bronze-Glocke aus dem Mittelalter, die Kanzel aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Der Sakramentschrein ist 500 Jahre alt. Die Kirche gehörte wie alle Kirchen auf  
Abb. 24: Backsteingotikkirche in Groß-Zicker  
Mönchgut zum Kloster Eldena bei Greifswald, das von Ziesterziensermönchen gegründet wurde. "1360 kauften sie das Land Zicker von der Adelsfamilie von Bonow und behielten es bis zur Reformation", heißt es in einem kleinen Faltblatt des Evangelischen Pfarramts. Am Hafen, er besteht aus einem einzigen Steg, liegt ein Motorboot und ein alter Fischerkahn. Vier Fischerhütten künden davon, dass tatsächlich auch von hier aus gefischt wird. Dann geht es bei sonnigem Wetter wieder bergan, die Senke hinunter, der nächste Bergrücken steht vor uns und endlich sind wir wieder in Gager. Ein schöner Ausflug, selbst mein lädiertes Knie hält sich mit Schmerzen in Grenzen. Da man von Kuchen nicht dauerhaft satt werden kann, genießen wir abends noch  eine kleine Mahlzeit in der Alten Bootswerft. Danach die Diskussion, ob jetzt Lauterbach oder die Marina Neuhof am nächsten Tag angelaufen werden soll, wieder ausgiebige Wettererkundigungen und dann steht fest: Es wird Lauterbach angefahren, das sind zehn Seemeilen, in der nächsten Woche wird das Wetter wieder schlechter und dann ist es gut, einen Hafen mit Versorgung zu haben.

 

 
Sonntag, den 12. 07.: Lauterbach

Der Weg nach Lauterbach geht von Gager aus ziemlich im Zickzack: Erst westwärts bis zum Tonnenpaar 10/7, dann südwestlich bis zur rotweißen Tonne Zicker, weiter nordwestlich bis zur rotweißen Tonne Reddewitz, dann nordwärts bis zur grünen Tonne 7, dem Einfahrtsweg nach Lauterbach. Der weitere Weg ist quasi "ausgeschildert", immer den Tonnen nach. Anfangs ist der Himmel ganz bedeckt, es herrscht Windstärke 1 Bft, das Wasser ist mal ölig glatt, mal ein bisschen gekräuselt von den leichten Böen. Es ist nicht besonders kalt, ungefähr 23 °C. Der Himmel zieht sich nach einer Stunde noch weiter zu, die ersten dunklen Wolken erscheinen. Wir ziehen Regenjacken an, kurz danach fängt es auch zu tröpfeln.

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       Zwei Stunden und zehn Seemeilen später laufen wir in der "Marina im Jaich" ein, einem Yachthafenverbund, der für einen gewissen Standard sorgt, aber eben auch nicht ganz billig ist. Dafür hat man einen gewissen Komfort, bezahlt Wasser und Strom mit einer mit Guthaben "aufgeladenen" Karte, die Toiletten sind reichlich  
Abb. 25: Marina im Jaich Lauterbach

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vorhanden, ebenso die Duschen, es ist sauber, warm, aufgeräumt. Das Anlegen an den großen Boxen geschieht wie immer ohne jede Hektik. Nachdem die Leinen festgemacht sind, wird Strom gelegt, die Sonnenplane festgezurrt, der Tisch kommt ins Cockpit. Alles läuft ohne Absprache, routiniert, Kommunikation unter Spiegelneuronen. Gleich danach setzt leichter Sommerregen ein, alles noch pünktlich geschafft.  
Beim Hafenmeister kann ich nur bar bezahlen, die elektronische Geldübertragung wird zweimal abgebrochen. Das bedeutet, dass wir morgen nach Putbus müssen, Geld "tanken". Jetzt ist erst mal der versäumte Schlaf nachzuholen. Mich lockt später die Dusche, dann wird geschrieben, emails gesichtet, es kommt Abendessen und drei Runden Rummikup. Barbara verliert alle drei Spiele, aber gleich morgen nach dem Frühstück geht es weiter.

Am Montag fahren wir nach Putbus, allerlei steht auf dem Programm. Der "Rasende Roland", eine kohlenbetriebene Dampflok aus dem Inventar eines Eisenbahnliebhabers, nur eben lebensgroß und in echt, bringt uns in sechs Minuten nach Putbus. Die Bahn hat als Rügensche Bäderbahn ihre eigene Geschichte, der ich jetzt hier nicht nachgehen will.

Putbus, eine erst 1810 gegründete Stadt, empfängt uns mit seinen weißen, neoklassizistischen Gebäuden. Einmal den Berg hoch, und schon sind wir am "Circus", einem rundförmig angelegten Park, ganz symmetrisch, mit weißen Holzbänken, nach englischem Vorbild angefertigt, darum in großzügigem Abstand die Häuser der besseren Gesellschaft aus dieser Zeit. Auch eine eigene Recherche-Seite würdig, das kann später nachgeliefert werden. Wir laufen auf der Suche nach einer Bank und einem Lebensmittelladen lange Wege, finden aber doch beides in großem Abstand voneinander. Putbus, die weiße Stadt, etwas für hartgesottene Fußgänger und Segler, die sich mal auslaufen wollen. Am frühen Nachmittag stoßen wir beim Vorbeigehen auf ein Konzertangebot von "Klee & Co": Angela Klee (Gitarre und Gesang) und Holger Niemann (Percussion) spielen Stücke aus der Woodstock-Zeit, hauptsächlich von Joan Baez, Bob Dylan, Pete Seeger und anderen, aber auch Amy Mc Donald oder Adele. Daneben kann man im "Rosengarten" auch gemütlich essen und trinken. Eine Wohltat für Seele und Magen, nach den sturmumtobten Tagen und Nächten von Gager. Mit einem Ehepaar aus Thüringen kommen wir ins Gespräch, als wir aufbrechen sollten, weil der "Rasende Roland" ein letztes Mal an diesem Tag nach Lauterbach fährt. Sie bieten an, nach dem Ende des Konzerts uns zum Hafen zu chauffieren. Zum Dank bekommen sie eine CD von "Klee & Co". Die Musik, sauber gespielt, die Lieder von Angela Klee hervorragend gesungen, eine Stimme, die zu einem Wiedersehen einlädt. Erinnerungen werden wach, es sind die Lieder unserer Jugend, aus der 68er-Zeit, die Lieder des Protestes und des Widerstands, des Aufbruchs und des Glaubens an eine bessere, andere Zukunft. Ein schöner Abschluss für Lauterbach, morgens soll es nämlich weitergehen zur Marina Neuhof.

Doch aus der geplanten Weiterfahrt am Dienstag wird nichts: Als ich morgens um sechs Uhr die Wetternachrichten anschaue, auf der Wetterbox vom Deutschen Wetterdienst, den Windfinder und die Daten des Zygrib-Programms, ergeben sich überall die selben Nachrichten; Wind nur in Stärke 1 Bft und Regen. Das würde wieder vier Stunden motoren bedeuten, anstatt segeln. Am Mittwoch sieht es besser aus: Wind der Stärke vier, und Sonnenschein. Also wieder zurück in die Koje, und endlich den Schlaf nachholen, den die Nacht bisher nicht gebracht hat.

 

 

Mittwoch, den 15.07.: Marina Neuhof am Deviner See

Die Abfahrt aus der Marina Lauterbach gestaltet sich problemlos: Um 10 Uhr wird die Maschine gestartet und eine knappe halbe Stunde später können wir bereits das Großsegel hochziehen. Beim Vorsegel gibt es Probleme: während der stürmischen Tage in Gager hatte ich es noch ziemlich weit oben mit einem Bändsel gesichert, jetzt in Lauterbach, beim Klarmachen, hatte ich das Bändsel übersehen. Also hinaus aufs Vordeck, bei ziemlicher Welle, aber es geht alles gut. Halb elf Uhr sind wir unter Segeln und der Kurs geht südwestlich 191° bis zur Einfahrt des Strelasunds. Die Sonne scheint, trotzdem sind es nur 18 °C an Deck, flockige Wolken überziehen den Himmel. Der Wind bläst mit frischen vier Bft aus Nordwest, in den Böen meist fünf, die See ist einigermaßen unruhig, die Wellenhöhe ein halber Meter. Auf dem Greifswalder Bodden herrschen unter diesen Bedingungen Wellen wie auf dem Ijsselmeer, kurz, hart und steil. Aber wir segeln mit Raumschotskurs fast sechs Knoten. Die Schräglage wird Barbara zu viel, also wird das Vorsegel gerefft. Trotzdem ändert das wenig an der Geschwindigkeit, aber die Krängung verringert sich. Unsere Mitsegler auf dem gleichen Kurs haben meistens nur das Groß oben, später sehen wir einige nur mit der Genua.

Am Tonnenpaar 3/4, zu Beginn des Strelasundes, ändert sich der Kurs auf 270° West. Es ist kurz vor 12 Uhr, wir nehmen die Segel runter. Die Sorgleine für das Groß bleibt mal wieder an der Lampeneinfassung am Mast hängen und klemmt sich dort ein. Ich muss wieder nach vorne, um sie los zu machen und das Groß kann ganz runter gezogen werden. Diese Lösung ist noch nicht perfekt, aber was ist schon perfekt? Zwischendurch nimmt die Bewölkung wieder zu, ob es regnet? Die verschiedenen Wetterberichte haben strahlend blauen Himmel und Sonnenschein vorausgesagt, die Wahrheit sieht etwas anders aus. Wir müssen jetzt gegen Wind und Welle ankämpfen, beides direkt von vorne, mit kurzen steilen Wellen. Das Schiff schaukelt hoch und runter, manchmal knallt es mit dem Bug richtig auf die Wellen drauf. Das berühmte Geschirrschapp, das immer aufgeht, hat Barbara schon vor dem Ablegen leer gemacht. Innerhalb des engen Fahrkanals versuche ich, mal mehr backbords, mal mehr steuerbords zu fahren, also gewissermaßen im Zickzack. Wenn die Wellen schräg von vorne kommen, nimmt die Yacht sie gelassener hin und tanzt nicht so unruhig auf ihnen. Teilweise gelingt das, teilweise ist der Gegenverkehr so dicht, dass es nicht geht, ich muss mich an meine Spur halten, alles andere würden die anderen Segler irritieren. Zweimal kommt uns auch ein Polizeiboot entgegen, ich möchte nicht angehalten werden, weil Alkoholverdacht unter Steuer besteht. Die Gegenströmung aus Wind und Welle ist beachtlich, teilweise fahre ich unter vier Knoten bei einer Drehzahl, die sonst ungefähr fünfeinhalb Knoten herausholt. Es macht stellenweise den Eindruck, wir stehen, aber wenn man genauer hinschaut, bewegen wir uns doch vorwärts, wenn auch ziemlich langsam.

Kurz nach ein Uhr kreuzen wir die beiden Fähren nach Stahlbrode, einen Hafen, den wir letztes Jahr besucht haben, Unser Urteil damals: Einmal Stahlbrode reicht! Also vorbei an diesem Hafen, die Fähren sind gerade wieder an ihren Anlegestegen. Zwanzig Minuten vor zwei Uhr erreichen wir die Tonne 26 Ne2, jetzt geht es backbords rein in die ziemlich enge, aber angeblich drei Meter tiefe Einfahrtsrinne zur Marina Neuhof. Das Wasser beruhigt sich zunehmend, je näher wir dem Hafen kommen. Und die Marina verfügt über Schwimmstege, die bequemste Art des Anlegens.

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Ein nicht mehr ganz junger Mann hilft uns beim Anlegen, gegen halb drei können wir den Motor ausmachen. Von den viereinhalb Stunden sind wir ungefähr drei unter Maschine gefahren, wenigstens knapp eineinhalb Stunden konnten wir segeln.  
Abb. 26: Marina Neuhof

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 Aber im Strelasund gegen West-Nordwestwind anzukreuzen hat an diesem Tag keiner gemacht, dafür ist die Fahrrinne auch zu schmal. Wir legen uns in eine "rote" Box, das gibt nachher Probleme. Die Hafenmeisterin kommt später mit der Nachricht, wir müssten uns umlegen. Also Stromkabel wieder eingeholt, losgemacht, einmal um den  Steg rum und gegenüber findet sich doch tatsächlich eine "grüne" Box. Das hat jedenfalls den Vorteil, dass jetzt der Wasserschlauch von der Zapfstelle bis zum Schiff reicht, was vorher nicht der Fall war. Auch wenn der Besitzer der Box, ein Dauerlieger, noch am Abend kommen sollte, die Box bleibt bis zum späten Nachmittag des nächsten Tages frei. Aber so verläuft wenigstens der Abend und die Nacht stressfreier. In Rödvig hatten wir das letztes Jahr erlebt, eine große Yacht hatte eine rote Box belegt, in der Annahme, der Besitzer käme erst am nächsten Tag. War aber nicht, er kam nachts gegen Mitternacht, da ging der Zirkus dann los: Ablegen, alle Zufahrtswege sind eng und teilweise versperrt, im Halbdunkel der Nacht bei geringer Beleuchtung eine neue Box suchen usw. Wir hätten es uns sparen können, aber wir haben auch schon erlebt, dass rote Boxen eben nicht wieder am nächsten Tag belegt wurden. Abends gönnen wir uns ein Essen im Restaurant "Ziegelhafen": spanische Tappas, gute Qualität, aber übersichtliche Mengen. Sehr freundliche Bedienung. Es gibt sogar sehr preiswertes spanisches Bier. Man sitzt auf einer schönen Terrasse, sieht auf den Hafen, und hat einen weiten Blick in den Strelasund. Wir genießen die Entspannung, die letzten drei Stunden gegen Wind und Welle waren doch etwas anstrengend.

Der nächste Tag, Donnerstag,  geht sehr ruhig an, spätes Aufstehen, Hafenkino mit dem Titel: Wie kommt ein Schiff ins Wasser, also Zuschauen beim Kranen und Maststellen. Später hole ich noch Diesel an der Tankstelle, die Preise gut 30 Ct über dem Straßenpreis. Einen Kiosk hat die Marina auch: 1,50.-€ für eine Flasche Wasser (vermutlich mit Pfand?) , die bei Aldi 19 Ct kostet, und 1,50.- für eine Flasche Bier! Ja, anscheinend kann man diese Apothekerpreise verlangen. Auch wenn unserer Meinung nach die Besitzerin verpflicht gewesen wäre, leere Pfandflaschen zurückzunehmen, sie wollte das nicht, bzw. Rücknahme, aber dann kein Pfand bezahlen. Dabei waren das Flaschen von Aldi. Begründung: "Dafür haben wir nicht den Lagerplatz." Man sollte diesen Geschäften mal wirklich die Gewerbeaufsicht auf den Hals hetzen, anscheinend sind Segler für solche Leute Menschen, die man beliebig ausnehmen kann. Aber sie wissen auch, dass letzten Endes die Segler weiterziehen, sich zwar ärgern, aber es dann auch hinnehmen. Also können sie weitermachen, keiner hält sie auf.

Das WLAN, das dieser Hafen besitzt, verdient den Namen nicht: Zwar gelingt die Einwahl in das Netzwerk, aber dann ist Schluss: kein Internet in diesen Tagen. Die Hafenmeisterin dazu: weil man das wisse, verlange man auch nichts für die Benutzung des WLANs. Ich könnte lachen: In Kröslin, der gleiche Marinaverbund Ostsee, WLAN vom allerfeinsten, wozu Neuhof nicht in der Lage ist. Anscheinend verbindet der Marinaverbund Ostsee doch nicht gleiche Standards: In Punkto Anzahl und Qualität der Toiletten, Waschbecken und Duschen kann Neuhof nicht mit Kröslin mithalten. Sei es drum, wir werden wohl morgen weiterziehen, Richtung Stralsund, da können wir auf jeden Fall ohne Nepp einkaufen. Und die Besichtigung einiger Punkte der Stadt steht noch vom letzten Jahr aus.

Am Freitag entschließen wir uns, wegen der Ruhe und weil so schönes Wetter ist, doch noch einige Tage dazubleiben. Trotz frühem Aufstehen. Geplant war eigentlich die Fahrt nach Stralsund, denn da öffnet um 12.20 Uhr die Ziegelgrabenbrücke. Danach kommt erst die City-Marina, die wir diesmal ansteuern wollen. So frühstücken wir erstmal in aller Ruhe, bringen die Schlafmatratzen an die Sonne, lüften die Kokosfasermatten aus, der Staubsauger tritt in Aktion und als das alles erledigt ist, gehen wir an den Badestrand in der Nähe. Einmal aus dem Gelände raus, hundert Meter die Straße hoch und den nächsten Feldweg wieder rein. Es erwartet uns ein ca. 12 bis 15 Meter breiter Streifen, der ins Uferschilf hinein geschnitten wurde, eine große gemähte Wiese mit Sitzgelegenheiten und einer Feuerstelle zum Grillen und tatsächlich Sand am "Strand" selbst. Für Kinder scheint es zu reichen, uns auch. Das Wasser ist ziemlich kalt und leicht salzig, eben vom Strelasund, also der Zuführung von Ostseewasser in die Boddengewässer. Mit der Zeit nimmt die Sonne ab, ein Gewitter scheint im Anzug, der Wind frischt auf. Wir verlassen den Ort und suchen die Dusche auf. Mit Münze, fünf Minuten, klaustrophobisch eng, aber es reicht, ebenfalls. Auf jeden Fall nicht so komfortabel wie Kröslin. Später machen wir ein Mittagsschläfchen und versuchen, uns nicht von den ankommenden und Platz suchenden Seglern stören zu lassen. Der Hafen ist nämlich propevoll, nur an den Außenstegen kann noch angelegt werden. Gibt es hier ein Treffen oder Event, von dem wir nichts wissen? Oder ist es die übliche Freitagnachmittags-läuft-der-Hafen-voll-Vorstellung, weil alle am Samstag mal segeln wollen? Solche Exoten wie wir Langzeitsegler sind die Ausnahme, und hier haben wir noch keinen getroffen.

Da wir gestern schon "verlängert" hatten, bleiben wir auch am Samstag im Hafen. Als wir spät aufstehen, scheint die Sonne, aber ein frischer Wind kommt aus Westen, es ist nicht gerade warm. Wir lassen es ruhig angehen, wie auch die letzten Tage, bleiben wir doch heute hier, vermutlich auch morgen. Nachmittags bleibt Zeit zum Spielen und Lesen, Barbara zieht beim Rummikup den Kürzeren. Abends gönnen wir uns nochmals das Restaurant "Ziegelhafen". Die Qualität war ja sehr gut, nur die Mengen! Auch diesmal teilen wir das Essen, Barbara nimmt Tappas, ich ein vegetarisch-veganes Wok-Gemüse mit Reis und Kokosmilch-Sauce. Es schmeckt ausgezeichnet, nur satt bin ich davon nicht geworden. Sollte man eigentlich von einem Hauptgericht erwarten können. Der Kellner, sehr freundlich, sehr gewandt, darauf hin angesprochen, erkundigt sich beim Chef. Einen "Nachschlag" gebe es nicht, nach Meinung der Küche (des Chefs) seien die Mengen ausreichend gewesen, aber einen Kaffee könne man mir anbieten. Den Kaffee lehne ich ab, soll es wieder eine schlaflose Nacht werden? Dann das zweite Angebot, ein Stück Käsekuchen. Ja, das passt, also bringt man mir ein großes Stück aufgewärmten Käsekuchen, mit Puderzucker und etwas Marmelade lecker angemacht. Auch das Eis mit warmen Himbeeren mundet Barbara sehr lecker. Ja, so scheint das "Ziegelhafen" zu sein: Sehr gute Qualität, aber geringe Quantität. Aber wenn man "meckert", scheinen sich doch Küche und Kellner zu bemühen, eine Lösung zu finden. Das hat man nicht überall, zumal ein Restaurant in dieser Lage in den vier Monaten der Saison das Jahr verdienen muss. Über Pacht, Arbeitsverträge, Auslastung in den Wintermonaten müssen wir uns keine Gedanken machen, aber der Pächter schon.

 

 
Sonntag, den 19.07.: Stralsund

Der Sonntag erwartet uns mit einem grauen Himmel, Wolken, Wolken, Wolken, soweit das Auge reicht. Und keine Schönwetterwolken, keine hochfliegenden Cirrus- oder die weißen Cumulus-Arten, nein, es ist grau, gräuer, am gräuesten. Einerseits wäre es am vernünftigsten gewesen, gleich den Rückweg in die Koje anzutreten, morgens vor neun Uhr, andererseits wollen wir auch weiter, vielleicht ist ja das Wetter im Norden besser.

Bis zur Ziegelgrabenbrücke brauchen wir eine Stunde, es sind knapp fünf Seemeilen. Also kleine Fahrt, was trotzdem bedeutet, alles klar zu machen, von den Seeventilen bis zur Sonnenplane. Um elf Uhr legen wir ab, auf dem Weg in den Strelasund sehen wir schon von rechts die Schiffe, die auch durch die Brücke wollen und die links, die ihrem Ziel schon ein Stückchen näher sind. Es fängt an zu nieseln, rechtzeitig zum Ablegen, und mit der Zeit wird der Regen stärker und stärker. Nein, nicht dass er aufs Deck oder Wasser geprasselt wäre, nein, er kommt so leicht daher, die Steigerungen nehmen wir beide gar nicht war. Als wir vor dem Bauwerk stehen, im Kreis fahren, es sind noch zwanzig Minuten, lohnt es sich nicht mehr, feste Stiefel anzuziehen, wir sind ja doch gleich durch. Aber es zieht sich hin, die von Nord-nach-Süd-Fahrer kommen zuerst, auch ein beachtliche Flotte von mehr als zwanzig Schiffen.

Jetzt sind wir dran, wir stecken ganz vorne, und sind dann auch nach wenigen hundert Metern in der City-Marina Stralsund. Viele Boxen sind leer, unsere Befürchtung, keinen Platz zu finden, war wohl unbegründet. Hier wird an Schwimmstegen festgemacht, die zum Teil nicht zum Begehen sind, es sei denn, man sucht die akrobatische Herausforderung. Aber es läuft alles glatt, es ist ja auch kein Wind vorhanden, nur der Dauerregen nervt. Jetzt ist alles plitsch-platsch-nass, Hose, Schuhe, Mütze, aber zum Umziehen zu spät. Schnell noch die Plane, jetzt eher Regen- als Sonnenschutz, der Hafenmeister muss besucht werden, für den Strom braucht man nämlich eine Aktivierungskarte mit Guthaben. Ich bezahle erst mal für zwei Nächte, inklusive Karte mit Guthaben und Kaution bin ich schnell einen Fuffi los. Auch Internet ist nicht kostenlos, aber klappt wenigstens, wenn auch auf langsamem Niveau. Hier muss alles extra bezahlt werden, Wasser für 50 Ct, wahrscheinlich 50 Liter, ebenso die Kilowattstunde für 50 Ct. Beschämend, dass man für warmes Wasser zum Waschen in der Männertoilette auch noch löhnen soll. Das gab's auf unseren Reisen nur im geizigen Uitdam, und ist fast zehn Jahre her. Eine Minute Warmwasser zum Zähneputzen? Das kann doch nicht wahr sein. Aber die City-Marina kann sich diesen Geiz leisten, ist ihr Platz doch konkurrenzlos, die anderen Häfen in der Umgebung haben alle entsprechende Standortnachteile, da kann man aus seiner Monopolstellung auch ruhig noch ein paar Euro rausquetschen. Wie üblich, nehmen die Yachties das hin, murren vielleicht, keiner wird sich so richtig beschweren oder Konsequenzen ziehen!

Wie üblich, lassen wir es nach einem Fahrtag bekanntermaßen ja ruhig angehen. Nach langem Lesen in der Nacht hat auch das Aufstehen am Montag seine Zeit. Bei mir etwas früher, vielleicht ergreift mich langsam die sogenannte "senile Bettflucht", wer weiß. Es scheint die Sonne, frischer Wind kühlt die Morgenhitze etwas ab. Ich schnappe mir mein Bordfahrrad und fahre die sechs Kilometer aus der Stadt heraus, zum anscheinend einzigen Baumarkt in Stralsund, der auch Segelartikel führt. Meine Einkaufswünsche, elektrische 10-Watt-Birnchen und vor allem das Anschlussstück für Wasserhähne sowie eine Kupplung für zwei Wasserschläuche kann ich erfüllen, die Gaspatrone für die Rettungsboje gibt es auch hier nicht. Dann wieder sechs Kilometer stadteinwärts, die Fahrradwege sind schon besser als noch vor zwei Jahren. Das war das Morgen-Sportprogramm, danach steht erst mal wieder ein Pause an. Anschließend geht es zum Einkaufen, einige Grundnahrungsmittel werden knapp, vor allem Wasser, und die nächsten Häfen sind vielleicht nicht gerade mit Nachschubmöglichkeiten sonderlich gesegnet. So machen wir uns gegen Mittag auf den Weg in die Stralsunder Innenstadt, zum Marktplatz, auf dem man wunderschön sitzen kann, auch ohne gastronomische Bedürfnisse zu erfüllen. Vor allem der Springbrunnen in der Mitte ist ein wunderbarer Spaß für Kinder, kleine und größere, die sich im Wasser tummeln, bei den unvermittelt spritzenden Fontänen mit Geschrei und Gejauchze zurückweichen, um dann Mutproben verschiedenster Art und Wagemutigkeit zu vollführen. Wir als Kinder hätten das sicher nicht gedurft, aber damals gab es auch solche Brunnen nicht, und wir hatten andere Mutproben. Nach dem Einkaufen gönnen wir uns ein Abendessen im "Gastmahl am Sund", einer direkt am Fähranleger gelegenen Gaststätte mit Schwerpunkt Fisch. Für Barbara soll es diesmal ein Steak sein, sie ist hocherfreut über Qualität und Quantität, so dass ich auch ein großes Stück ab bekomme, zusätzlich zu meinem Lachs-Kartoffel-Gratin mit saurer Sahnesauce. Eine Gaststätte zum Weiterempfehlen. Den Abend verbringen wir mit Aufräumen, schreiben, mails checken, lesen, es ist seit dem frühen Nachmittag endlich mal ein bisschen warm geworden und geregnet hat es auch nicht. Morgen stehen weitere Einkäufe an und die Planung der weiteren Fahrt, irgendwie wollen wir zu den Störtebecker-Festspielen in Ralswiek, aber wissen noch nicht, wann. Die Fahrt nach Darß/Zingst ins Fischland steht ja auch noch an.

Die nächsten Tage vergehen vor allem in Ruhe. Endlich wird auch das Wetter besser, so dass tagsüber Sonnenschein den Himmel ziert, der Wind nicht allzu grässlich ist und es auch trocken bleibt. Es ist viel Zeit zum Lesen, zum Schlafen, nachts lange aufbleiben. Nur die angedachten Museumsbesuche stehen noch auf der Liste. Barbara nimmt sich auch Zeit für frauentypische Erledigungen, so dass wir tagsüber nicht alles gemeinsam machen. Und zum Fotografieren komme ich auch, morgens in aller Frühe, wenn die Stadt aufwacht, ist sie am schönsten.

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Am Donnerstag fangen die Wallensteintage in Stralsund an, bis Sonntag ist täglich Programm angesagt. Am Abend spielt auf dem Alten Markt die Gruppe "Die grüne Laune" ihr vor allem irisch geprägtes Folkkonzert. Ein Flötist und Dudelsackspieler, eine Sängerin, die auch mit einer Trommel und anderen Instrumenten Percussion macht und ein Gitarrist.


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Abb. 27: Hotelzimmerwerbung Stralsunder Art  

      Die Musik ist eingängig, gut gespielt, aber nach ungefähr zwei Stunden hat man das Gefühl, die Melodien wiederholen sich. Gegenüber der Bühne steht in einem Turm der Tontechniker. Wo man früher ein Schaltpult mit zig Reglern und Drehköpfen gesehen hat, steht mittlerweile ein Kleincomputer, der per Tablet und Bluetooth gesteuert wird. Neueste Technik vom Allerfeinsten bei den Musikanten.Der alte Markt hat sich in einen mittelalterliche Platz verwandelt, überall Buden, an denen Kleinkunst und -handwerk angeboten werden, neben den zahlreichen Fress- und Saufständen. Dazwischen Sitzbankreihen, auf denen die Zuschauer und -hörer ihre teuer gekauften Speisen verzehren können. Es gibt keine Plastikbecher, das Pfand für einen Tonbecher liegt bei fünf Euro, da schmeißt keiner was weg. Freitag gehen wir gemeinsam nachmittags auf den Alten Markt, um verschiedene Gruppen und andere Künstler zu sehen. Welche Überraschung, dass jetzt "Die Grüne Laune"- Band um zwei andere Musiker ergänzt "Satolstelamanderfanz"  heißt - welch ein unaussprechlicher Name. Ihre eingängige Volksmusik spielt vor allem  mittelalterlich geprägte Melodien aus aller  Herren Länder.

 

Nach einiger Zeit hört man die Wiederholungen der Tonmuster und Akkordfolgen, bei aller Variation durch Instrumente und Gesang.  Auch "Tegil" spielt diese Musikrichtung. Auf den websites dieser Gruppen kann man sich über die Personen und ihre musikalische Ausrichtung informieren. Diese Musiker spielen nicht nur Mittelalter-Musik, oder wie man das auch nennen mag.

 
Abb. 28: Morgendlicher Blick aus dem Fenster

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Sie leben auch dieses Leben: Auftritte hier und dort, auch teilweise im Ausland, dazwischen immer mal wieder Familie, im Winter wahrscheinlich das Einstudieren neuer Lieder und Programme. Ein Leben, das nicht auf die Rente zielt, sondern auf die tagtäglich erlebte Freiheit, zu tun und lassen was man will. Wobei hier jeder unter Freiheit was anderes verstehen wird. Aber wem's schmeckt, dem sei es recht! Kommentare oder Wertungen an dieser Stelle verbieten sich von selbst, jeder soll das Leben leben, das er leben mag.
Auch zu Essen gibt es auf dem mittelalterlichen Markt: schwarz gebratene Scheiben Schweinefleisch mit einem teigigen Brötchen für stolze vier Euro, ein "Hanfbrot", gefüllt mit viel grünen Bohnen und wenig Champigon-Pilzen für 5,50 Euro, viel Geld für Essen, das kaum schmeckt und für seine Qualität den Preis nicht wert ist. Das Mittelalter, anscheinend für den Gaumen kein Geschmackserlebnis, eher pure Notwendigkeit der Kalorienzufuhr. Selbst beim Salz und den Gewürzen scheint gespart worden zu sein, aber das waren auch damals große Kostbarkeiten. Insofern durchaus stilecht! Gegen Abend wiederholt sich das Programm, wir ziehen uns aufs Schiff zurück und genießen noch ein spätes Feuerwerk, nicht ganz so spektakulär wie am Abend zuvor.

Der Samstag ist mal wieder dem unvermeidlichen Einkaufen gewidmet. Muss eben auch sein. Abends gehe ich auf den Marktplatz, um die irisch-keltische Musik der Gruppe "The Clover" zu hören. Nach einer halben Stunde reicht es mir, nichts wirklich musikalisch Neues im Vergleich zum Stil und Inhalt der bisher gehörten Gruppen. O.K., ein bisschen mehr Elektronik, ein Elektrobass und Schlagzeug, zwei akustische Gitarren, Gesang, eine Geige. Aber es sind die Melodien, Akkorde, Tonfolgen: nach dem sechsten Lied meint man wieder das erste zu hören. Und besonders rockig ist es auch nicht, also Abgang.

Sonntag ist endlich Zeit für das "Skurrileum", eines der besten Museen in Stralsund. Diesmal Cartoons von Zeichnern, die den Tieren eine Stimme geben. Vieles sarkastisch, manchmal sogar zynisch wird der Umgang der Menschen mit den Tieren dargestellt, aus der Sicht der Tiere durchaus verständlich. Themen wie Klimakatastrophe, Erderwärmung, Tierhaltung, Tierzucht, aber auch der allgemein menschliche Umgang von Herrn und Frau Nebenan. Wir amüsieren uns köstlich, den Preis ist die Ausstellung allemal wert. Auch die Bücher auf den Verkaufständen reizen zum Lesen und Lachen. Vom Thema Mann und Frau, Sex im allgemeinen und besondern, Älterwerden, Segler, Angler, verschiedene Berufssparten wie Lehrer: Die Karikaturisten haben sich Mühe gegeben, der Lach- und Staunerfolg ist ihnen sicher. Vieles humoristisch, aber auch Zeichnungen, die zum Nachdenken anregen. Nach dem Museum sorgt der Straßenkünstler Sveto König mit seinem Die-Leute-durch-den-Kakao-ziehen-Programm für Lacher unter seiner zahlreichen Zuhörerschaft. Er hat es drauf, wie er so seine Runden zieht in einem ca. zehn Meter großen Kreis, einzelne anspricht, und dazu immer die passenden Texte aus bekannten alten und neuen Schlagern spielt. Mehr als 1500 Titel hat er gesammelt, per Knopfdruck kommt genau die passende Stelle aus einem Song, in deutsch. Und es passt, er hat die Nummern seiner programmierten Handtastatur und die entsprechenden Ansagen im Kopf. Zu mir meint er, ich sehe aus wie einer, der auf dem Weg zum Friseur auf einer Parkbank eingeschlafen wäre. Tja, nach über sechzig Tagen auf dem Schiff kommt man natürlich nicht wie aus dem Ei gepellt her. Aber nett, niemals bösartig, die Leute nehmen es mit Humor, irgendwie kommt jeder dran und bekommt sein Fett weg.
Danach gönnen wir uns noch die letzten Minuten der Schauspieler und Musikanten aus den drei Wallensteintagen, die nochmals auf die kleine Bühne treten. Sie geben alles, die spielenden und fahrenden Leut', und als es vorbei ist, befällt auch mich das Gefühl eines Abschiedes.

Wie schon oft: eigentlich wollten wir Montags weiterfahren nach Barth, der Wind stimmte, die Richtung auch, aber ein Blick aus dem Cockpit lässt mich ins Nachdenken kommen: Das Wetter macht keine Laune zum Segeln, und wie zur Bestätigung fängt es morgens um acht Uhr auch zu regnen an. Also werden nochmals die verschiedenen Wetterquellen studiert, und dann eine Entscheidung gefällt: Schlechtwetter können wir hier besser verbringen als in Barth, es gibt noch so vieles, was wir nicht in Stralsund gesehen haben. Also Kommando zurück, wir bleiben hier. Barbara ist es recht. Und so verbringen wir einen gemütlichen ruhigen Vormittag, mittags fängt sie an zu kochen, gleich mehrere Speisen, dann gehe ich nach einem gemütlichen Mittagsschläfchen zum Einkaufen, und abends spielen wir mehrere Runden Rummikup, leider zum Nachteil meiner Frau. Und morgen, wenn es regnet und stürmt, und das war der Kern der Wettervorhersage für die nächsten drei Tage, dann haben wir Zeit für die Museen, die Gorch Fock und was es sonst noch Tolles in dieser tollen Stadt gibt.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag lassen sich in drei Worten zusammenfassen: Schitwetter, Schitwetter und nochmals Schitwetter. Soll heißen: Windstärke fünf Bft, in Böen sechs bis 7, dazu Regen in all den Variationen, die die deutsche Ostseeküste zu bieten hat: hauchdünner, feinster Schnürlregen, kaum sichtbar, aber trotzdem nass, dann leichter Sommerregen, ohne die entsprechende sommerliche Wärme dazu, Starkregen, es kommt nur so von oben herab, bis zum Sturzregen, als ein Gewitter über uns losbricht, am Donnerstag. Dazu Temperaturen, die uns in einen gefühlten November hineinkatapultieren, 13° Celsius über Deck, unter Deck zwei bis drei Grad mehr, nachts schon mal unter zehn Grad. In unserer Kuchenbude sitzend sehen wir unseren Atem als Wolken, wie im Winter. An den dauerberegneten Stellen auf dem Dach bilden sich kleine Seen, es tropft durch. Plitsch, platsch, jetzt wird es auch im Inneren der Kuchenbude feucht. Und es wird langsam überall nass, auch im Schiff zeigen sich Stellen, an denen aus momentaner Feuchtigkeit mehr wird, man kann schon sehen, wie sich Tropfen bilden, die dann irgendwo hängen bleiben. Draußen bildet sich Nebel, die Rügenbrücke ist schon nicht mehr zu sehen, der Blick in den Strelasund Richtung Norden bleibt in einer grauen undurchsichtigen Wand stecken. Kein Schiff unterwegs, nur wenn die Ziegelgrabenbrücke sich öffnet, kommen Yachten vom Süden herein, die Mannschaften in Regensachen, nass, nass, und nochmals nass. Es macht keinen Spaß, die Kälte kriecht allmählich in unsere alten Knochen, mein Knie tut weh, Laufen fühlt sich an, wie wenn zwischen Unter- und Oberschenkelknochen, im Kniegelenk, ausgeleierte Gummischeiben zerrieben werden. Jeder Schritt schmerzt, trotzdem muss etwas Bewegung sein. So mache ich die Einkäufe für einige Lebensmittel, und Donnerstags besuche ich das Meeresmuseum Stralsund in der Kirche des ehemaligen Katharinenklosters.

Es ist voll, voller, am vollsten: Jede/r muss raus, Familien mit Kindern, vom Säugling bis zu den Großen bevölkern das Museum. Man hat den Eindruck, alle Stralsunder Touristen sind heute an diesem Ort. Und man kann es ihnen nicht verdenken! Der hier herrschende Lärmteppich ist betäubend, ich sollte Ohrenschützer tragen. Ich komme kaum durch, von links, rechts, vorne und und hinten werden Kinderwagen rein geschoben, auch Doppeldecker sind zu sehen. Die vorwärts schiebenden Eltern schauen derweil seit- und rückwärts nach ihren Sprösslingen, damit die nicht irgendwo verloren gehen, und gehen in aller Seelenruhe weiter. Wer nicht aufpasst, wird eben angefahren. Auf den diversen Ruheplätzen stillen Mütter ihre Säuglinge, ja, wenn die Hunger haben, geht nichts dran vorbei. Zwischendrin immer wieder Ansagen: "Der kleine Kevin sucht seine Eltern. Bitte an der Information melden!" Die Schaukästen sind bevölkert und belegt von Schulkindern, die eine Museums-Ralley durchführen, mit dem Kuli in der einen und dem Fragebogen in der anderen Hand. Mancher Vater oder ältere Geschwisterteile müssen zur Unterstützung mitmachen. In Ruhe etwas zu betrachten ist fast unmöglich. Ich denke, im ersten und zweiten Stock des interessanten Bauwerks wird es etwas leerer sein, nein, Fehlanzeige. Es ist genau so voll und genau so laut. Das Museum, das viele verschiedene Aspekte des Themas Meer zeigt, von seinen Bewohnern, Fischen, Vögeln, Säugetieren, Weichtieren und anderen Gattungen bis zu seiner gnadenlosen Ausbeutung, Verschmutzung und Benutzung, ist wirklich gut gemacht, auf jeden Fall sehenswert, aber ich bin am falschen Ort zur falschen Zeit. Man muss so ein Museum besuchen, wenn draußen Sonnenschein ist, und keiner hingeht! Ganz schlimm ist es im Erdgeschoss, in dem die Aquarien aus den tropischen Gewässern stehen, mit sehenswerten Fischen, Weichtieren, Schwämmen und anderen Tieren und Pflanzen. An die Aquarien komme ich nicht heran, zu viel Menschen, viele machen mit ihren Handys Aufnahmen, die dann sicher von bester Qualität sind! Ich habe mir zwar auch ein Fotografiererlaubnis gekauft, aber die Lust dazu vergeht mir angesichts der vielen Menschen, die meistens mit einem Husch-Husch durch das Gebäude und die Stockwerke hetzen, den Dingen, die da gezeigt werden, nicht den gebührenden Ernst und Respekt zu kommen lassend. Nach zwei Stunden verlasse ich diesen Ort in dem Gefühl, an einem anderen Tag wieder herkommen zu müssen. Stralsund ist eben mehr als eine Reise wert, auch viele andere Sehenswürdigkeiten haben wir in unserer Zeit hier nicht geschafft.

Mit etwas Einkaufen, Abendessen, Rummikub spielen (Barbara gewinnt!) vergeht der Abend. Hoffentlich wird der nächste Tag besser. Und siehe da: am Freitag gewinnt die Sonne das Rennen gegen die endlose Wolkendecke. Es regnet nicht mehr, immer mehr bricht der graue Himmel auf, die einheitliche graue Wolkensuppe geht in die verschiedensten Schattierungen über und es wird wirklich wärmer. Für das Wochenende ist die "Rückkehr des Sommers" angesagt, es klingt für mich wie die "Rückkehr der Yedi-Ritter". Dann geht's nach Zingst oder Barth, dem Wege nach kein großer Unterschied.

 

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Samstag, den 01.08.: Zingst

 

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Strahlend blauer Himmel erwartet uns am Samstagmorgen. Das Wetter hält, was der Bericht versprochen hat: Wind für uns zwar aus der falschen Richtung, aber wenigstens nur Stärke 1 Bft. Gegen elf Uhr brechen wir auf, zuerst durch ein Flotte aus Segel- und Traditionsschiffen, die zum "Seglartreff" in Stralsund promenieren wollen und sich auf

 
Abb. 29: Hanse-Kogge im Strelasund  
dem Strelasund vor der Hafeneinfahrt zwischen Stralsund und Altefähr gesammelt haben. Nordwärts geht es den Sund hoch, bis zur Einfahrt Richtung Vierendehlgrund, zwischen dem Kubitzer Bodden und dem Prohner Wiek. Der Strelasund ist voll von Yachten, man könnte fast zu Fuß übers Wasser gehen. Links kommt jetzt der Hafen Barhöft, den wir schon von unserer Tour 2013 kennen. Rechts erscheint die Insel Bock und kleinere Eilande, der Strand weiß gesäumt von Seevögeln. Da es diesseits und jenseits der Fahrrinne sehr untief ist, müssen wir uns eng an den Tonnenstrich halten, ein Auge immer dem Tiefenmesser gewidmet. Die Passage ist meistens nur wenige Schiffsbreiten breit. Das hindert einige rücksichtslose  "Schnellboote" nicht, mit ihrem Wellenschlag die Yacht mitunter  zu heftigen Schaukelbewegungen zu zwingen und
das Leben an den Schilfrändern zu stören. 12 Knoten gleich 22 Stundenkilometer schnell darf man hier fahren, aber Verkehrskontrollen gibt es nicht.

 

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Abb. 30: Gelebte Rücksichtslosigkeit

Und so versteht mancher Motorschiffkapitän Freiheit als frei sein von jeglichen Regeln und Geboten.Nach der Rinne "Am Bock" kommen wir in das Wasser südlich der Insel Zingst, steuerbords die "Große Wiek", backbords" Grabow", beide zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gehörend. Nun führt die Rinne zwischen den Untiefen "Kavelnhake" und "Kleinhöft" durch, dann in den Barther Bodden, vorbei an der Vogelinsel Oie in den Zingster Strom, auf der einige Pferde grasen. Die Landschaft erscheint wie eine Mischung aus Peenestrom und Dänemark: schilfbewachsene Ufer auf beiden Seiten, die Inseln zur Ostsee hin ganz flach, auf der anderen Seite das Festland hügelig, mit Weizenfeldern, dazwischen immer wieder Waldgebiete, teils mit kleinen Mooren, die abgestorbenen, blattlosen und skelettartigen Bäume machen es kenntlich. Außer Wasservögeln und einer uns hartnäckig folgenden Hummel sind keine Tiere zu sehen, auch keine aus der Landwirtschaft.

Steuerbords erscheinen nun die Liegeplätze des Wasserwanderrastplatzes, für uns noch zu weit vom Ort selbst entfernt. Wir haben die Liegeplätze des Yachtclub Zingst anvisiert, vor Ort verhindern jedoch der starke Zingster Strom und der inzwischen aufgefrischte Wind, dass wir in eine Box kommen. Es gibt genügend freie Liegeplätze. Dreimal machen wir den Versuch, jedesmal wird das Heck von Wind und Strom davon getrieben. Also geht es ein paar Meter zurück, zum Hafen Kloss, wo uns der Hafenmeister und einige Stammlieger schon vorher freie Liegeplätze angedeutet haben. Sie stehen am Steg bereit, um unsere Leinen aufzunehmen, trotzdem knalle ich mit dem Buganker gegen einen Holzpfosten. Es scheint aber nichts kaputt gegangen zu sein, jedenfalls ist nichts zu sehen. Die nächste "nasse" Überfahrt gegen Wind und Welle wird uns dann vielleicht eines Besseren belehren.

Gleich nach dem Festmachen werden wir für Abends zum Wildschweinessen eingeladen. Das Tier, jedenfalls das, was an Fleisch und Knochen noch da ist, hängt aufgespießt über einem mächtigen Grillrost, mit Buchenholz geheizt, von einem Motor gleichmäßig und schön langsam gedreht. Zwischendrin wird es vom Hafenmeister, einem netten, schlagfertigen und umtriebigen Sechsziger, immer mit einem flotten Spruch auf den Lippen, mit einer Marinade eingestrichen. Jede Frage nach den Kosten für Getränke, Strom oder Liegeplatzgebühren wird auf morgen vertröstet oder auf den Tag der Abfahrt. Nur das Bier ist sofort zu bezahlen, allerdings zu äußerst zivilen Preisen von ein Euro pro Flasche. Da hatten wir schon anderes erlebt!

 
Kurz nach sechs Uhr ist das Wildschwein fertig, viele Yachties sammeln sich an den drei langen Tischen, die meisten bringen irgendwelche Salate oder Brote mit, neben Essgeschirr, Senf und Salz und anderen Utensilien. Dann wird das Schwein angeschnitten, zartes rosa Fleisch, zum Teil mit krosser

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Abb. 31: Wildschweinkopf  
Kruste, einfach lecker. Und jeder bekommt soviel wie er/sie will. Getränke wie schon beschrieben. Nachdem sich alle an den zwei Tischen gesättigt haben, wird einer aus der Runde nochmals für seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag geehrt, mit Schleife, Trompetentrara und launigen Reden derer, die das organisiert haben. Die Bootsbesitzer, die hier liegen, kennen sich zum Teil schon jahrelang, im Laufe der Zeiten  ist hier so etwas wie eine Ferienfamilie entstanden, man kommt immer wieder nach Zingst in der Urlaubszeit. Auch wir Fremde werden schnell aufgenommen, es ist eine Bombenstimmung, Witze und gegenseitige Veralberei tragen dazu bei, dass dieser Abend einer der lachreichsten der ganzen Reise ist. Aber niemals verletzend oder beleidigend. Alles mit einem gewissen Zwinkern in den Augen. Eine ältere Dame, aus Thüringen, Apolda, dem Dialekt nach unnachahmlich und einzigartig, erheitert die Runde, sie gibt an ihrem Tisch mehrere Runden Klaren aus, was die Stimmung dort noch weiter anheizt. Auch an unseren Tisch kommt sie immer wieder, die einzige, die wohl aus der alten DDR stammt, jedenfalls ihren Erzählungen nach, auch wenn es sich nur um Witze handelt. Die meisten der Älteren sind doch Wessies, aber das spielt auch keine Rolle. Nachdem wir uns als Niederrheiner geoutet haben, kommen auch andere Herkunftslokalitäten zur Sprache. Ein Kölner trägt sowohl inhaltlich wie vom Dialekt her zu weiteren Erheiterungen bei. Auch unsere berufliche Vergangenheit ist Basis einiger Witzeleien und Veralberungen, aber es hält sich in Grenzen. Hier ist jetzt, und jetzt ist hier, und die Vergangenheit ist vergangen, das scheint das Lebensmotto der Menschen hier zu sein.
 
 

Sonntags ist erst mal Ruhetag, nach der langen Fahrt und dem langen Abend. Gegen Spätnachmittag ergibt sich die Gelegenheit, mit dem Fahrrad einige Erkundigungen zu machen

 
Abb. 32: Strand von Zingst  
und Fotos zu schießen. Über einen schönen Radweg, auf der Deichkrone angelegt, fahre ich zuerst nach Westen, dann biegt der Weg ab, durch Wälder vorbei an einem großen Campingplatz. Irgendwo muss doch das Meer sein. Und tatsächlich öffnet sich nach einem Kilometer der Wald und die Ostsee liegt vor mir. Kilometerlanger Strand nach Westen und Osten, mit Strandkörben bevölkert, aber nur wenige Menschen im Wasser. Die Sonne scheint verschwommen durch die dünne Wolkendecke, es bläst ein etwas kühlerer Wind aus Westen. Auf dem Radweg, der parallel zur Hauptstraße verläuft, geht es wieder zurück Richtung Zingst. Vor der Seebrücke tanzt der Bär, der "letzte Rostbratwurststand vor Dänemark und Schweden" bietet seine Ware an, neben zahlreichen anderen Freßständen, Eisbuden, Kaffeetheken und anderem. Weiter ostwärts, vor einem Restaurant, spielt eine Band, die Sängerin dudelt deutsche Schlager, es ist voll wie auf einem Volksfest. Auf dem Weg in den Ort muss ich zwischen Fußgängern, Radfahrern, Eltern mit Kinderwägen, Rollstühlen und Autos durch, jede Lücke ausnützend, um einige Meter voran zu kommen. Zehntausend Touristen kommen in der Hauptsaison auf 3400 Einwohner, der Rubel muss rollen. Entsprechend sind auch am Sonntag viele Geschäfte offen, die Restaurants sowieso, auch unser beliebter Einkaufsmarkt, der, bei dem sie die Lebensmittel lieben, hat offen. Zum Vorteil für uns, so kann ich einiges einkaufen, was uns auszugehen droht. Nachschub an Getränken und Essen muss ja immer vorhanden sein. Zingst ist kein ruhiges Dörfchen oder Kleinstädtchen, hier ist keine Ruhe angesagt, sondern Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ich bin froh, dass ich nach einigen hundert Metern das Gewimmel verlassen kann und auf dem Deichweg zum Hafen Kloss zurückfinde. Hier ist wirklich Ruhe zu finden.

Auch der Montag bringt bei einer kurzen Einkaufsfahrt kein anderes Bild. Ströme von Menschen drängen sich in den engen Straßen und Gassen des Urlaubsortes. Ich wusele mich durch, mit dem Fahrrad ist der Ort ziemlich schnell zu durchqueren.
Inzwischen haben wir Ost-Südostwind, Stärke 3 Bft, etwas frisch, auf die Dauer zu kalt, vor allem gegen Abend. Aber wir wollen nicht meckern, bei Temperaturen über 25 °C und nachts um die 18 °C kommt schon so etwas wie Sommer-Feeling auf. Jedenfalls brauchen wir jetzt nachts keine zusätzlichen Decken, und die zur Reparatur zurückgeschickte Heizung ist sowie im Bermuda-Dreieck Ueckermünde-Tilburg (Niederlande)-unser-Standort verschollen. Seit Tagen rufen wir im einzigen im Stadtzentrum gelegenen Elektrogeschäft Ueckermündes an, außer "Versuchen Sie es später noch einmal, ihr gewünschter Gesprächspartner..." ist keine Ansage zu hören. Hat sich das Geschäft in Luft aufgelöst? Nicht mal unsere Email wurde beantwortet, kein Service der neuen Besitzerin. Anscheinend hat auch die Postkarte keine Reaktion hervorgerufen. Aber vielleicht ist auch wegen Urlaubs oder Umbaus geschlossen.

So verlaufen die Tage in Zingst in aller Ruhe, der kleine Hafen mit seinen gerade mal zwanzig Schiffen gibt dafür das richtige Ambiente. Manchmal, vor allem gegen Spätnachmittag, kommen noch Schiffe vorbei, aber die meisten wollen zum Yachtclub Zingst, dem größeren Hafen. Tagsüber haben wir meistens Glück, die Sonne scheint, und eine frische Brise kommt mal aus Nord, mal aus Ost, meistens aus Westen. Am Abend gibt es dann schon mal ein  Gewitter, das sich bis in die Nachtstunden hinzieht. Unsere spannenden Bücher, dazu immer wieder einige Runden Rummikub, mal mit mir, mal mit Barbara als Gewinner, lassen uns diesen Ort wie den idealen Ferienplatz erscheinen. Ein Schwätzchen mit den Nachbarn links oder rechts, oder mit den Dauerliegern, auch das braucht Zeit. Internet gibt es nicht, also auch keine Mails und sonst keine Aufregungen von außen. Zwischendurch fahre ich mal mit dem Rad zum Einkaufen, oder Barbara geht zu Fuß. Die Wege ins Zentrum sind nicht all zu lang, aber besonders anziehend wirkt Zingst nicht.

Sehenswert sind auf jeden Fall die Fotos von Guido Daniele: "Handimals - Die Natur in deinen Händen", im Zentrum ausgestellt. Auf Händen gemalte Tierportraits, interessant gestaltet und hervorragend fotografiert. Einige Bilder sind in der Fotostrecke ausgestellt.

 

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Freitag, den 07.08.: Barth

Die Zeit fängt an zu drängen, so ganz allein sich dem Wind und Wellen hinzugeben klappt doch nicht so. Wir wollen ja am 11.08. in Ralswiek sein, um die Sörtebeker-Festspiele zu erleben, und Barth hätte auch noch einiges zu bieten. Deswegen heute morgen, eigentlich erst gegen Mittag, die Abfahrt. Es ist nur etwas mehr als eine Stunde, sechs Seemeilen, die wir zum großen Teil unter Segeln fahren können. Gegen Ende der Strecke kommt der Wind von vorne, also aus Süden, so dass wir wieder motoren müssen. Beim Barther Yachtservice bekommen wir einen guten Platz, der Hafen ist zum größten Teil leer, wir können uns aussuchen, welche Box uns passt.

Hier ist schon einiges automatisiert, die Chipkarte für Einlass, Waschhaus, Strom und Wasser gibt es am Automaten beim "Waschhus". Zehn Euro Pfand für die Karte, also schnell einen Zehner rein gesteckt, die Karte wird ausgespuckt. Aber damit hat sie noch kein Guthaben für Strom, Wasser und die Dusche. Nochmals einen Zehner, aber dann bleibt die Karte drin, und die ersten zehn Euro kommen in Münzen wieder raus. Zum Glück habe ich einen Zeugen, der alles mit gesehen hat, er ist bereit, mit mir zum Yachtservice-Laden zu gehen und die Details zu bestätigen. Von der Hafenmeisterin (?) bekomme ich eine neue Karte mit 10 Euro Guthaben. Was für ein Schit, aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?! Immerhin kann man noch bei einem Menschen bezahlen. Und es gibt WLAN, fast drei Euro für 24 Stunden, so dass mal wieder der Rest der Welt lesen kann, was in diesem Bericht steht. Die genaueren Details und Eindrücke vom Hafen und der Stadt kommen später, jetzt ist es nach zehn Uhr abends und der Tag war lange genug.

Morgen, am Samstag, geht es nach Barhöft oder Schaprode bzw. Neuendorf auf Hiddensee. Dann haben wir den halben Weg nach Ralswiek geschafft, wo wir am 11. 08. das Störtebeker-Spektakel erleben wollen. Die ganze Strecke, 45 Seemeilen, war uns an einem Stück zu viel. Montags müssen wir dann in Ralswiek sein.

Über die Stadt, was wir gesehen haben, wird noch zu schreiben sein. Die Zeit war zu kurz, um z.B. das Vineta- oder das Puppenmuseum zu besuchen. Auch was sonst an Eindrücken hängen blieb, bei unseren zwei kurzen Stadtausflügen.
 

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Sonntag, den 09.08.: Neuendorf (Hiddensee):  Mayday, Mayday, Mayday...

 

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Der Morgen fängt gut an: ein laues Lüftchen im Hafen, strahlender Sonnenschein, keine Wolken am Himmel. Früh stehen wir auf, ich eine Stunde zeitiger, eine gewisse Unruhe hat mich ergriffen. Der Tag sieht vielleicht zu harmlos aus, und wir haben eine lange Strecke vor uns. Bis Barhöft sind es 13,5 Seemeilen, aber dann kommt das große Stück - der Rest bis Ralswiek - am Montag, also dann lieber bis Neuendorf auf Hiddensee, auf gleicher Höhe wie Schaprode. Das Studium unseres "Küstenhandbuchs Mecklenburg-Vorpommern" weist Neuendorf auf Hiddensee als schöneren und ruhigeren Hafen aus, auch wenn gleich von vornherein gewarnt wird, mit den Liegeplätzen könnte es knapp werden. Dann eben im Päckchen, wenn es sein muss, und außerdem fahren wir ja früh los, also werden am frühen Nachmittag schon noch Boxen frei sein. Aber wie wir ja gelernt haben, es kommt immer anders als geplant. Nur wissen wir nicht, wie anders!!!

Da wir eine Nacht überzogen haben, müssen wir noch nachzahlen. Aber kein Hafenmeister weit und breit zu sehen. Ich gehe zum Yachtservice-Laden, da steht wenigstens eine Telefonnummer. Flugs angerufen, nach dem zehnten Klingeln meldet sich eine müde Stimme. "Heute ist Sonntag!", schallt es mir entgegen. Was für ein Argument! Jeder bisher besuchte Yachthafen hatte auch am Sonntag einen Hafenmeister, der bereit war, Geld in Empfang zu nehmen! Kurz vor zehn kommt dann einer, klappert die Stege ab und kontrolliert, wer überzogen hat. Von unserem Anruf weiß er nichts, und beim Bezahlen stellt sich heraus, dass wir für die erste Nacht den Preisnachlass von zwei Euro des "marina Verbunds Ostsee" doch nicht bekommen haben. Aber jetzt! Er notiert sich alles, jetzt nur noch die Chipkarte zurückgeben und es kann losgehen. Ja, mit einfach ankommen, anlegen und ebenso ablegen und abfahren ist nicht mehr, war vielleicht auch noch nie. Vor dem Ablegen bunkere ich noch Wasser, die üblichen 50 Ct für 50 Liter. Bei den "Kleinbeträgen" wie Wasser und Strom wird man schnell Geld los. Zum Glück "schluckt" der Automat bei der Rückgabe die Karte ohne Umstände, nicht wie beim ersten mal.

Zwanzig Minuten nach zehn Uhr wird der Motor angeworfen, dann kommt erst die lange Hafeneinfahrt von Barth. In der Zeit kann Barbara die Vorleinen aufschießen und festmachen. Eine knappe halbe Stunde später versuchen wir, aus dem nördlichen Teil der Strecke von Barth aus inzwischen heraus, bei der roten Tonne 88, zu segeln. Mit dem Vorsegel testen wir, ob der Wind überhaupt ausreicht, um einigermaßen zügig voranzukommen. Aber es reicht nicht, bei ungefähr 2 Bft machen wir nur zwischen zwei und drei Knoten, da kommen wir erst spät abends an. Also ziehen wir nach zwanzig Minuten die Genua wieder ein und motoren weiter, inzwischen in der Rinne zwischen Kleinhöft und Kavelnhaken, bevor es in die Große Wiek weiter geht. Zwischen Butterwiek und Nisdorfer Steinriff beginnt dann eine drei Meter tiefe Rinne, nordöstlich führend, an der Großen und Kleinen Werder vorbei, bis südlich der Insel Bock, alles Schutzzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Und da passiert es, was Barbara schon befürchtet hatte, bevor wir losfuhren: Wir laufen auf! Eine kleine

 
Unaufmerksamkeit, nur Bruchteile von Sekunden! Auf einer kleinen Sandbank, mitten im Strom gelegen, zwischen Tonnenpaar 25/28 und 23/26, in der Karte mit dem 40.000 - Maßstab als "Ausweichstelle" gekennzeichnet, mit 1,70 Meter Tiefe, bei 1,60 Meter Tiefgang  
Abb. 33: Unsere Notfall-Position  
knapp, sehr sehr knapp, weil man nicht weiß, wie der Wasserstand sich verändert hat. Es gibt einen Ruck, wie wenn ich gegen eine unsichtbare Wand fahre, ich fliege nach vorne, aus meinem Stand am Ruder, Barbara kann mich noch festhalten, bevor ich in die Kajüte herunterfalle. Mein Kopf knallt gegen das GPS-Gerät, das dank des schlechten Klebebandes sofort nachgibt. Als ich mich wieder berappelt habe, der Schrecken: wir stecken fest, nichts geht mehr. Erst einmal hinsetzen, zur Ruhe kommen, nachdenken! Aber die Pause ist zu kurz, eine gewisse Hektik befällt mich. Rückwärtsgang, erst im Stand, dann Vollgas, kaum eine merkliche Veränderung, dann Vorwärtsgang, ebenso, wieder ein paar gefühlte Millimeter nach vorne, dann wieder rückwärts, vorwärts, es tut sich nichts, die Erkenntnis steht, ohne fremde Hilfe ist nichts zu machen. Ich lasse den Motor im Standgas weiterlaufen, stelle mich auf die Sitzbank und schwenke die Arme. Ein deutscher Segler, die "Minerva" versucht zu helfen. Die Begleiterin des Kapitäns will eine Leine, an einem Fender befestigt, rüber werfen. Aber die Kräfte der Frau reichen nicht, die Leine ist zu kurz, der Kapitän ruft mir zu, ich solle ins Wasser gehen, die Leine von dort an Bord holen. Barbara, in solchen Situation spontan und entschlossen, zieht sich schnell den Badeanzug an, geht über die Badeleiter ins Wasser und kann stehen. Also nichts mit 1,7 Meter Tiefe der Sandbank, der Tiefgang ist höchstens 1 Meter und vielleicht ein paar Zentimeter mehr. Sie kann auf der Sandbank laufen, nach ein paar Metern muss sie aber auch schwimmen. Sie ergreift die Leine, verbindet sie mit der an der vorderen Klampe festgemachten, und die "Minerva" zieht, zieht, aber es reicht nicht aus. In der Zwischenzeit fahren etliche Segel- und Motorboote an uns vorbei, in der ruhigen Gewissheit, dass uns ja geholfen werde. Nach zwanzig Minuten gibt die "Minerva" auf, der Motor zu schwach, das Schiff zu leicht. Ebenso ein dänischer Segler, mit einem etwas größeren Boot und stärkerem Motor. Auch sie, für deren Einsatz wir uns an dieser Stelle ebenso bedanken wie für den der "Minerva", schaffen es nicht, "de Widzi" aus der Sandbank herauszuziehen. Inzwischen kommen immer wieder größere Motorboote vorbei, die teilweise sogar mit Vollgas an der Notfallsituation vorbeiziehen. Sie hätten vielleicht die Masse und die Power, uns raus zu ziehen. Nach den Dänen versucht eine Motorbootmannschaft, zwei junge Kerle, mit ihrem Boot, uns zu helfen. Jedes Mal, wenn sie nach vorne loslegen, schert das Motorboot nach links aus, auch mit ihren 160 PS haben sie keine Chance. Zu tief die Sandbank, und mit Seegras fest bewachsen, dafür das Boot der beiden jungen Männer zu leicht. Auch ihnen schulden wir unseren Dank, haben sie fen, bei wenig Aussicht auf Erfolg.

Nach einer Stunde fruchtlosen Bemühens rufen wir den Seenotrettungsdienst an: "Mayday, Mayday, Mayday, hier ist die Segelyacht 'de Widzi', wir liegen fest auf Position 54° 25,788 N und 012°, 58,386 E. Wir bitten um Hilfe". Die Antwort ist schwer verständlich, das Funkgerät rauscht zu stark. Nach mehreren vergeblichen Anläufen rufe ich per Handy die Nummer 124 124 an, die Bremer Leitstelle des Seenotrettungsdienstes. Dort wird mir bestätigt, dass mein Anruf angekommen ist, aber zum Teil verstümmelt und nur schwer verständlich. Per Handy klappt die Kommunikation ausgezeichnet. Nicht auszudenken, wenn das Malheur auf See passiert wäre, wo es kein Netz gibt! Die Positionsangaben werden nochmals durch gegeben und bestätigt, dann wird Hilfe zu gesagt. Jetzt ist es halb zwei Uhr, mal sehen, wann sie kommen.

Eine Stunde später taucht er auf, der Rettungskreuzer "Zander", ein kleines Boot, mit drei Mann Besatzung, aber schwer genug, uns da raus zu ziehen. Bevor es losgeht, erstmal Schriftkram: Bestätigung der erwünschten Hilfe, kein Geltendmachen von Schadensersatzansprüchen an die DGzRS usw. Ich fülle den Bogen aus, und kann über die Aussagen auf dem Papier kaum nachdenken. Zum Diskutieren ist jetzt auch keine Zeit! Dann wird die Schleppleine an beiden Klampen vorne belegt, und das Rettungsboot bringt sich in Position, die Kommunikation geht über Sprechfunk, Kanal 10. Fast fühle ich  mich wie in einer Übungsstunde der Funkschein-Ausbildung.  Die ersten Versuche misslingen, die Leine ist zu lang, dank des beweglichen Schlittens hat das Rettungsboot mehr Bewegungsfreiheit als die Boote vorher. Die Leine wird verkürzt und dann ziehen sie uns raus, Zentimeter für Zentimeter, hinter uns das Wasser voll aufgewühlten Sandes und Seegras, mehrere Meter, bis wir wieder frei schwimmen. Zwischendurch ist das Ruder fest blockiert, auf Anraten der Retter lass ich es in Ruhe, nach dem Freikommen ist es wieder beweglich. Schnell wird die Zugleine abgeworfen, die "Zander" dreht noch eine Runde und schwirrt mit Vollgas ab, während wir unseren Kurs wieder aufnehmen. Zwei Stunden mehr hat uns dieser Unfall gekostet, wieder heißt es jetzt aufpassen und nochmals aufpassen. Ich bin gespannt auf die Rechnung der Seenotretter. Dass wir beide Spendenmitglieder sind, hat die drei Männer nur am Rande interessiert, "darum kümmere sich die Geschäftsstelle, wir bekämen noch Post", hieß es dazu. Und bei zwei Karten, die eine im Maßstab 1 : 80.000, die andere 1 : 40.000, ist es unerlässlich, zu vergleichen, ob beide Karten die selben Angaben machen. Was bei der einen als "Ausweichstelle, betonnt" angegeben war, zeigte die andere als Untiefe mitten im Strom, das Fahrwasser beiderseits darum vorbei führend. Anscheinend bin ich vorher zu weit nach rechts gekommen, so dass ich von der rechten Seite auf die Sandbank aufgelaufen bin. Und dann wäre es klüger gewesen, dass Schiff nach hinten zu ziehen, als durch die gesamte Breite der Sandbank. Aber hinterher ist man immer schlauer, jedenfalls hoffen wir das!

Nach Barhöft geht der Weg noch eine ganze Weile südlich, bis zur Tonne 47, dann wieder nördlich, in den Kubitzer und weiter in den Schaproder Bodden, bis endlich linker Seite das weiße Dorf Neuendorf (Hiddensee) auftaucht. Um sechs Uhr abends machen wir den Motor aus, im Yachthafen alles belegt, im Fischereihafen noch ein Plätzchen frei. Auf dem Pier zwischen den beiden Becken ein einziges Gehen und Kommen der Passagiere von Fahrgastschiffen. Hiddensee ist ja eine fast autofreie Insel, hier kann man nur mit dem Schiff ankommen und außer Pferden, Rädern und Beinen gibt es keine Fortbewegungsmittel. Nach uns legen noch zwei Boote an. Jetzt schnell den Hafenmeister finden, er ist für die Übernachtung zuständig, die Fischereigenossenschaft für den Strom. Zwei Euro für die elektrische Versorgung pro Nacht, der Wucher nimmt allmählich feste Formen an. Normalerweise verbrauchen wir pro Nacht mit Lesen und Kühlschrank nicht einmal eine Kilowattstunde, bestenfalls also 30 Ct. Jetzt das sechs- bis siebenfache. Aber es sollte noch doller kommen, was dieses Thema betrifft. Im Moment sind wir erstmal im sicheren Hafen, können uns etwas ausruhen und abends nicht weit entfernt vom Anlegeplatz essen gehen, das steht uns nach der Aufregung des Tages zu!

 

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Montag, den 10.08.: Ralswiek

                                                                                    Wieder heißt es einmal früh aufstehen, der Weg nach Ralswiek ist 21 Seemeilen lang, und wenn es möglich ist, wollen wir nach dem vielen motoren endlich mal wieder segeln. Kurz nach zehn heißt es "Leinen los!", die Sonne scheint, der Himmel ist leicht bewölkt, es ist gering diesig, 22° Grad Lufttemperatur. Der Wind kommt aus NO, Stärke 2-3 Bft, der Seegang liegt irgendwo zwischen Null und eins. Bei der Tonne 27/N2 geht es jetzt auf nordöstlichen Kurs, bis zum Tonnenpaar 17a/20, im Schaproder Bodden. Teilweise ist auch hier das Fahrwasser recht schmal, der Blick wandert immer vom GPS zu den Tonnen und zum Tiefenmesser. Nochmals auflaufen, nein danke! Zwischen Hahnentiefschaar und Rassower Bucht verläuft der Kurs westlich, dann am Tonnenpaar 14/W1-12/W2 kurz südöstlich, um endlich wieder leicht nordöstlich an der Halbinsel Bug vorbei Richtung Wittow zu führen. Im Breetzer Bodden zeigt die Strecke schnurgeradeaus bis zum Breeger Bodden, weiter südöstlich in den Lebbiner Bodden, um zum Schluß mit dem Großen Jasmunder Bodden in einem weiten Binnensee zu enden, dessen Ufer bei dem diesigen Wetter schlecht auszumachen sind. Kurz nach ein Uhr können wir für vierzig Minuten segeln, bis der Wind wieder abflaut, wir haben es versucht, aber der Windgott war uns nicht zugetan. Kurz vor drei Uhr kommen wir in die Ralswieker Bucht, vorbei an einer nach Norden zeigenden Kardinaltonne und laufen wieder auf. Diesmal jedoch nur Schlick und Modder, es macht auch keinen Rumms, sondern das Boot schiebt sich sozusagen in den Morast. Jetzt den Rückwärtsgang eingelegt, Gas geben, das Schiff dreht sich, und aus eigener Kraft kommen wir wieder frei. Barbara unterstützt mit Schaukeln, was tags zuvor auch nicht geholfen hätte. Hier fehlt einfach eine weitere Tonne! Wie wir später von den "Einheimischen" erfahren, sind schon einige an der Stelle festgefahren, und viele ärgern sich über die unzureichende Betonnung.

       Beim Hafenmeister erleben wir eine weitere Überraschung: zwar ist das Liegegeld mit 12,60.-Euro geradezu "spottbillig", aber 2,50.- Euro Strom für eine Nacht ist blanke Abzocke! Das ist das Fünffache des bisherigen Preises selbst von teuren Häfen wie Kröslin oder Stralsund. Irgendwie muss die Gemeinde wohl auf ihre Kosten kommen, verglichen mit dem Reibach, den andere in diesem Naturbühnen-Dorf machen.

        Und den erleben wir dann abends, vorgewarnt von den schon Dagewesenen, denn die Ralswieker Störtebeker-Festspiele besucht man nicht nur einmal. Manche kommen jedes Jahr, andere alle paar Jahre, es ist ein großes Eventspektakel, das erstmal mit Essen und Trinken, mit "Stärkung" anfängt, denn die Zeit ist lang, vom Beginn 18:00 Uhr mit der Greifvogel-Schau bis zum  Ende um 22:30 Uhr mit dem Feuerwerk. Auf einer Wiese in einiger Entfernung zur Naturbühne hat sich eine Runde mobiler Gastronomiebetriebe angesiedelt, vom Asia-Food über Döner, Rostbratwürste auf Buchen- oder Eichenholz, Crepes, Pommes, usw. usf. Dazwischen zwei Bier- und Getränkeschänken, wo es auch die allseits beliebten kleinen Schnapps-Fläschchen gibt. Auf der Wiese selbst dann Bankreihe an Bankreihe, die Menschen essen und trinken, irgendwo dudelt Musik, man/frau muss sich stärken, kleine Kinder inklusive. Die Preise für Getränke und Essen nicht gerade gering, an der Schmerzgrenze. Später, in der Naturbühne selbst, wird man sehen, dass auch viele ihre Bütterchen mitgebracht haben. Denn die Qualität -  wir genießen gebackene Ente süß-sauer mit Reis und Gemüse - ist unter aller Sau, es ist schlichtweg in einziger Junk-Food-Fraß, Hauptsache, der Magen meldet sich während der Vorstellung nicht.

        Nachdem das Primärbedürfnis Essen gestillt ist, ziehen die Zuschauerscharen - die Naturbühne hat angeblich 8.800 Plätze - Richtung Bühneneingang, auf Grund der zwei Vorstellungen entstehen keine großen Schlangen und Staus. Es geht recht beschaulich zu, vorbei an Parkplätzen, wo ca. zwanzig Busse stehen. Ach ja, das Wassertaxi im Hafen hatte ich ganz vergessen. Hinweisschilder zu verschieden farbig gekennzeichneten Parkplätzen lassen erahnen, dass der größte Teil der Massen mit dem Auto kommt, die Parkplätze und ihre Ausdehnung selbst haben wir nicht gesehen. Jetzt muss erst mal angestanden werden für die Greifvogelschau, die um 18:00 Uhr durch den Falkner Volker Walter ("Berufsfalkner") beginnt. Mit seiner Frau als Mitarbeiterin stellt er verschiedene Greifvögel vor, vom Bussard über den Falken, den Uhu bis zum Seeadler. Schon beeindruckend, was die Vögel so können, aber vor allem ihre Domestizierung erstaunt. Volker Walter erzählt dabei launige Geschichten und Erlebnisse rund um seine Tiere, denen sein Herz gehört. Auch einige anspruchsvolle Themen sind dabei: warum können Vögel fliegen, wie entstand das Fliegen überhaupt usw. usf.

       In der Pause, ungefähr fünf Viertel Stunden, strömen mehr als sechstausend Menschen in das Zuschauerfeld mit den ansteigenden Sitzreihen, achtzig Plätze in einer Reihe, so um die 110 Reihen, so genau können wir das nicht erkennen. Viele Kinder sind dabei, auch Jugendliche lassen sich sehen. Für die Rollstuhlfahrer gibt es seitwärts Extra-Plätze.

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Pünktlich um acht Uhr beginnt die Show, mit einem dreifachen Gong, Klaus Störtebeker reitet einsam und allein durch den künstlichen Nebel vom linken zum rechten Tor. Der Sprecher erzählt mit markanter Stimme die Hintergründe der Geschichte, was ungefähr

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Abb. 34: Störtebeker im Fechtkampf mit seinem Widersacher Sven Sture  
 passieren wird und schon sind wir mittendrin im Geschehen. Im wesentlichen geht es um Intrigen, Geschäfte zwischen der Hanse, den Dänen und Russen, um Bernstein, das "Gold der Ostsee", um den Deutsch-Herren-Orden, den militärischen Arm der Hanse, um machtgierige Fürsten und  Haudegen, dazwischen der ehrliche und gewitzte Klaus Störtebeker, mit seinem saufhungrigen Gefährten Gödeke Michels und den Vitalienbrüdern. Immerhin damals, am Ende des 14. Jahrhunderts, eine Privatarmee mit einer Stärke von 1800 bis 4800 Männern.  
Nicht zu vergessen spielen noch etliche Frauen eine Rolle, auch hier der Bogen von der machthungrigen, intriganten Fürstin bis zur verliebten Kneipenwirtin. Und eine kleine Liebesgeschichte darf nicht fehlen, die Greifvögel bekommen mit ihrem Falkner noch einen  kurzen Auftritt.  
Abb. 35: Einer der zahlreichen Pyro-Effekte  
Die Dialoge sind griffig und stimmig, für humoristische Einlagen, die das Publikum versteht, ist gesorgt. Einhundertsechzig Personen spielen mit, sechsunddreißig Pferde haben ihre Auftritte von links nach rechts und rechts nach links, der russische Außenposten der Hanse, Nowgorod ist prächtig dargestellt, und vier Koggen kreuzen auf der See draußen, drehen ihre Runden, kommen in den Hafen und feuern zwischendurch ihre Kanonen ab. Zum Schluss alles abgerundet mit einem kurzen Feuerwerk. Alles in allem ein herrliches Spektakel, beeindruckend, die Stunts, die Pyro-Effekte, alles sehr, sehr professionell. Und das Publikum geht mit, das Wetter macht mit, es ist abends noch um zehn Uhr warm, kein Regen, kein Wind. Beste Voraussetzungen für einen gelungenen Theaterabend. Es hat Spaß gemacht, war ein unvergessenes Erlebnis, aber jedes Jahr muss man das nicht haben. Oder vielleicht doch? Das Ende jedenfalls der Störtebeker-Geschichte, wie ihm der Kopf abgeschlagen wird und er noch sieben Mann seiner Mannschaft abläuft, wird nur erzählt und kommt auch in den weiteren Versionen dieser "unendlichen" Geschichte nicht vor, aus Rücksicht vor den vielen Kindern, die ja möglichst auch als Erwachsene das Spektakel besuchen sollen. Jedes Jahr gibt es eine neue Version, Störtebekers Kindheit, die Jugend, die Vitalienbrüder usw. usf. Es sollen wohl fünf Folgen werden, jedes Jahr wird dann eine aufgeführt, aber immer etwas anders. Ein lebendes Theater, eine kleine Stadt für sich.

Am Dienstag ist dann endlich unser "Ruhetag", es bleibt Zeit zum Spielen und Schreiben, der Abend wird mit einer kleinen Mahlzeit abgerundet. Später das Feuerwerk, das wir jetzt jeden Abend genießen können. Am nächsten Morgen, es regnet leicht, wiederholt sich das Spektakel: der Hafen ist inzwischen leer, gegen zehn Uhr sind die meisten Besucher per Schiff wieder weg, und ab zwölf Uhr füllen sich die Becken Boot für Boot. Wir kaufen ein, ein Tante-Emma-Laden bietet das Notwendigste zu Monopolpreisen. Den nächsten Lebensmittelladen, der, bei dem sie die Lebensmittel lieben, liegt in Bergen.  Das sind fünf Kilometer, zu weit für uns. Dann lieber von Kloster nach Vitte auf Hiddensee fahren, unserem nächsten Ziel.
In der Nacht knallt es plötzlich, die Festspiele sind längst vorbei. Es handelt sich aber nicht um eine vorgezogene pyrotechnische Probe, ein Würstchenstand in der Fressrunde, Grillwürstchen, die langen, auf Buchenholz gebratenen, ist in Flammen aufgegangen. Vermutlich hat der Besitzer das Feuer nicht ausgemacht. Die Feuerwehr kommt, dann knallt es noch einige Male, wahrscheinlich von den explodierenden Gasflaschen. Am nächsten Tag laufen die Geschäfte in der "Fressrunde" wie gewohnt, business as usual, die Leute stehen vor dem abgeschirmten Trümmerhaufen und staunen. Sozusagen das Event im Event! Barbara hat Waschtag, ohne Maschine muss sie alles selbst waschen. Danach sieht das Cockpit aus wie der Dachboden eines Einfamilienhauses mit seinen vier Wäscheleinen. Da es ziemlich windig ist, ansonsten der Tag ohne Regen verläuft, trocknet auch die Wäsche ziemlich schnell. Wir wollen am Freitag weiter, bei Ostwind Stärke 4 Bft, nach Kloster, dann nach einem laut Wettervorhersage unruhigen Wochenende nach Barhöft und von dort wird dann der "Große Sprung" nach Warnemünde gewagt, 53 Seemeilen, eine lange Tagesfahrt. Aber die hatten wir schon mal, es ist damals alles gut gegangen, wir sind voller Hoffnung, dass es auch diesmal wieder klappt.

Am Freitagmorgen ist alles wieder anders als geplant: Aus den vier Windstärken sind über Nacht fünf bis sechs geworden, der Deutsche Wetterdienst gibt für die Boddengewässer Ost eine Starkwind- und Sturmwarnung aus, die Radionachrichten um Mitternacht und morgens die Wetterbox bestätigen die Meldungen und auch der Windfinder beim Hafenmeister zeigt um neun Uhr die veränderte Situation an. Also Kommando zurück, zurück in die Koje, die Decke über den Kopf und weiterschlafen. Alles auf morgen, Samstag, verschoben. So wird aus einem Reisetag wieder ein Ruhetag, und es ist immer genug zu tun. Andere fahren morgens ab, ob sie auch die Nachrichten gehört haben? Aber andere Segler entscheiden eben anders, jeder muss selbst wissen, welches Risiko er tragen kann.

 

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Samstag, den 15.08.: Kloster (Hiddensee)

       Wie jeder Fahrtag fängt auch dieser mit einer gewissen Unruhe an: eine Stunde vor dem vereinbarten Tagesbeginn stehe ich schon auf der Matte, nach einer über lange Stunden schlaflosen Nacht. Die war warm und windig, zum Glück kommt die Brise jetzt direkt von achtern, so dass das Rausfahren aus der Box keine Probleme bereiten wird. Kurz von zehn wird der Motor angeworfen, und fünfzehn Minuten später das Vorsegel aufgerollt. Es hat zwischen 22 und 23 Grad Lufttemperatur, die Sonne scheint, aber auch Wolken kämpfen um die Vorherrschaft am Himmel. Bei leicht diesiger Sicht haben wir den Hafen verlassen, die Kardinaltonne Nord, bei der wir bei der Herfahrt aufgelaufen waren, umschiffen wir ohne Probleme. Der Wind kommt aus Südost, Stärke drei bis vier Bft, in Böen etwas mehr. Der Seegang von 2 beschert uns auf dem Jasmunder Bodden kurze ruppige Wellen. Vor dem Abfahren sehe ich, dass unser Tiefenmesser auf "Fuß" statt auf "Meter" eingestellt ist, was mir zu Denken gibt. War das auch schon bei unserem letzten Auflaufen so? Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich ist es schon.

        Zwanzig Minuten vor elf Uhr haben wir die Tonne "Jasmund" in der Mitte des Boddens hinter uns gelassen, der Kurs geht jetzt nordöstlich auf die Tonne "Wall" zu. Da der Wind etwas nachgelassen hat, ziehe ich das Großsegel auf, das macht dann gleich einen bis zwei Knoten mehr aus. Der Vortrieb kommt ja im wesentlichen durch das Vorsegel, bei Raumschotskurs bis achterlichem Wind segelt das Schiff aber ruhiger als mit nur einem Segel. Der Segeldruckpunkt befindet sich dann mehr in Schiffsmitte. Es ist eine ruhige Fahrt, während dessen die Luft immer schwüler wird, die Temperatur ansteigt. Schon morgens hat die eine Wetterstation Regen vorausgesagt, in wenigen Minuten wird es dann auch losgehen. Die Regenkleidung liegt bereit, als die ersten Tropfen kommen, ziehen wir uns wenigstens die Jacken an. Der Wind hat inzwischen wieder abgenommen, so dass wir gegen zwölf Uhr den Jockel anwerfen. Nach den ersten Tröpfchen frischt der Wind wieder auf, so dass wir eine halbe Stunde später das zwischendurch eingerollte Vorsegel wieder aufrollen. Der nun auf diesem westlichen Kurs achterliche Wind zwingt uns, einen Bullenstander festzumachen, jene Leine, die vom "Wasserfall" vor einem Jahr in unangenehmer Erinnerung geblieben ist. Vor der Wittower Fähre werden wir von Kormoranen "eingehüllt", riesige Schwärme der schwarzen kurzen Vögel kreisen über dem Wasser. Die Fähre wartet dankenswerterweise, mit Hilfe des kurz eingeschalteten Motors queren wir das Fahrwasser so schnell, dass auch sie nicht lange warten muss.

        Es ist jetzt gleich ein Uhr, nun kommt das fast westlich verlaufende Stück der Rinne, das durch seine Abzweigungen und damit oftmals verbundenen Farbenwechsel der Fahrwassertonnen gekennzeichnet ist. Und da passiert, was uns jetzt fast zu verfolgen scheint: Wir laufen auf!  An der Tonne 14/W1 - 12/W2 in der Rassower Bucht findet der Tonnenwechsel statt, die vorher backbords liegenden grünen Tonnen sind jetzt steuerbords und umgekehrt, der Weg macht einen leichten Knick nach rechts, um dann gleich wieder links abzubiegen. Diese Ecke haben wir uns auf der Karte nicht genügend angeschaut, das GPS zeigt das Schiff zuerst noch im blauen Fahrwasser und auf einmal auf der weiß gekennzeichneten Untiefe, einer Sandbank. Natürlich hat der Wind jetzt auch aufgefrischt und drückt uns mit vier Windstärken immer stärker in die Sandbank rein.

       Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, unser beider erster Gedanke ist, die Seenotrettungsleitstelle anzurufen, die Nummer haben wir ja noch im Kopf. Aber vielleicht schaffen wir es eigener Kraft, nur die Ruhe bewahren. Also Vorsegel reinholen, das Großsegel ebenso, was wegen des Winddrucks nicht so einfach ist. Ich muss aufs Vordeck, um es runterziehen zu können, die Sorgleine hat sich mal wieder irgendwo festgeklemmt. Eine neue Leine muss her, die dicker ist! Die zuerst angeschnallten Lifebelts wirken sich jetzt als Hindernis aus, also muss es ohne gehen. Das Schiff liegt ziemlich schräg, vielleicht hilft uns das weiter. Nachdem die Segel geborgen, ist der Windruck nicht mehr so stark. Mit langsamem Vorwärtsgang, dann beschleunigen, Rückwärtsgang ebenso, wieder vorwärts, das mehrere Male, versuche ich von der Untiefe frei zu kommen. Nichts tut sich, andere vorüber fahrende Segler schauen zu uns, aber keiner erfasst die Situation. Unsere Hilferufe "Wir sitzen fest!" werden nicht verstanden oder einfach ignoriert. Mindestens zwei Segler fahren an uns vorbei, die Augen stur geradeaus gerichtet. Also geht es nur aus eigener Kraft. Der zweite und dritte Versuch mit der Maschine, danach gibt es einen Ruck, das Schiff scheint sich zu bewegen, und wir sind wieder frei. Jetzt schnell ins blaue Fahrwasser, Richtung Tonnenpaar 18/13a, wo der nächste Abzweig Richtung Kloster abbiegt. Diesmal kein Farbenwechsel, es bleibt alles beim alten.

       Vor dem Hafen von Kloster liegt wieder eine Untiefentonne. Vom Auflaufen haben wir jetzt genug, wir lassen die Kardinaltonne links liegen. Ein Angler am Ufer bedeutet uns, dass wir falsch gefahren sind, aber es ist alles nochmals gut gegangen. Kurz vor drei Uhr finden wir im neuen Hafen von Kloster noch einen freien Platz, die nächsten müssen bereits an den Dalben quer zu den Boxen festmachen. Nochmals Glück gehabt, Glück gehabt, dass wir uns von der Untiefe befreien konnten und Glück gehabt, noch einen Liegeplatz zu finden, den wir wegen der anderen Yachten nicht schon morgens um acht Uhr wieder verlassen müssen.

       Dieses Bier haben wir uns jetzt reichlich verdient, es ist heiß in Kloster, nur im frischen Wind kommt angenehme Kühle auf. Gegen Spätnachmittag dann endlich die ersten reinigenden Regentropfen, denen dann nachts der abkühlende längere Schauer von oben folgt.
Die Hafenanlage ganz neu, nach Angaben unserer Nachbarn, der Yacht "Saphir" aus Ralswiek, vom Juni dieses Jahres, aber wohl inzwischen schon so bekannt, dass sie vollständig voll ist. WLAN gibt es keines, nur in einem Gasthof im Dorf, das kommt dann erst morgen oder übermorgen. Ein kleiner Einkauf, der Besuch beim Hafenmeister, eine kleine Runde zur Inspektion der Anlage beschließen den erlebnisreichen Tag. Man darf gar nicht nachdanken, was wieder alles hätte passieren können!

        Der Sonntag vergeht mit Einkaufen, Bargeld holen in Vitte, eine fünf Kilometer lange Fahrradtour in der Sonne auf dem Deichweg, etwas putzen und schreiben. In Kloster und Vitte wird viel angeboten, vom Qi Gong am Strand bis zum Heilkräuter sammeln. Die Sonne scheint, ein laues Lüftchen sorgt für Kühlung. Die nächsten zwei Tage ist sowieso Starkwind angesagt, vielleicht werden hier ja noch ein paar Tage mehr drin sein. Die Liegegebühren sind nicht all zu hoch, im neuen Hafen wird das Stromgeld bar am Automaten bezahlt, keine Karten, keine Verwaltung. Die Kosten sind im üblichen Rahmen, auch Toiletten und Duschen sind in Ordnung.

        Montag und Dienstag sind Starkwind- und Sturmtage: tagsüber Windstärke 6, in Böen 7 bis 8, am Dienstag, also morgen, ein Bft weniger. Erst Mittwoch wird es ruhiger. WLAN gibt in Kloster zu kaufen per Telekom-Hotspot, aber auf die fünf Euro kommt es jetzt auch nicht mehr an. So vergeht der Tag mit Putzen, einkaufen, Essen machen und lesen. Ein Ruhetag in einem unruhigen Hafen: das Wasser zwischen Hiddensee und Rügen ist aufgepeitscht, die Wellen von Schaumkronen gezeichnet. Außer den Fähren sind keine Schiffe unterwegs, meint man; später kommen doch noch zwei Segler rein, einer mit Motor, der andere mit einem zum Sturmsegel gerefften Vorsegel. Im Hafen ist es unruhig, die Böen pfeifen durch die Wanten, aber die Sonne scheint. Wenigstens besser als Regen, es ist mit 22 bis 23 Grad Celsius auch warm. Mal sehen, was morgen kommt: Kloster gilt ja als "kulturelles Zentrum" von Hiddensee, das Gerhard-Hauptmann-Museum wartet oder der Dornbusch mit seinem mächtigen Leuchtturm.

        Es ist ein herrlicher Mittwochmorgen, wie aus dem so oft zitierten Bilderbuch geschnitten: strahlend blauer Himmel, der Wind ein laues Lüftchen, die Wellen klatschen leise gegen die Rümpfe der Schiffe. Das Brausen der vergangenen Tage hat abgenommen, Zeit zu schreiben, über eine Wanderung zum Leuchtturm Dornbusch, am vergangenen Tag, dem Dienstag.
Gegen Mittag breche ich auf, es sind nur wenige Schritte den Hafenweg entlang bis zum Teich, an der Kreuzung von Kirchweg, Am Reedsal und Leuchtturmweg. Von Straßen kann man auf Hiddensee selten sprechen, der Weg besteht aus Betonplatten, konisch gegossen, und gegenseitig ineinander verkeilt. Nach wenigen Metern kommt ein Fahrradparkplatz, ja, so was gibt es hier. Das Gebiet, das ich bewandere, ist Naturschutzgebiet, Fahrrad fahren ist eigentlich untersagt, was etliche nicht davon abhält, auch den ansteigenden Weg herunter zu rasen. Viele Menschen sind unterwegs, sie alle wollen diesen Leuchtturm sehen. Links und rechts von mir stehen kleine Baumgruppen aus Kiefern, davon etliche schon verkümmert, ist der Wind doch hier schon stärker als im Hafen oder
im Dorf. Das Gehölz wird immer wieder unterbrochen von abgezäunten Wiesen, Pferde grasen vereinzelt, sind sie doch ein

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wichtiges Verkehrsmittel auf dieser Insel. Mitunter kommt eine Aussichtsplattform, mit Kunstobjekten vom "Skulpturenpark zum Klausner". Der Blick geht auf der linken Seite weit über den Bodden, bis zur Insel Rügen, geradeaus bis fast zur Spitze Gellen im Süden, und rechts die  
Abb. 36: Boddenlandschaft zwischen Hiddensee und Rügen

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Weite der Ostsee, in vielen Variationen blau von grau bis türkis. Noch wenige Meter, dann erscheint der Weg zum Leuchtturm in strahlendem Sonnenlicht vor mir, eingebettet in die hügelige Heidelandschaft auf beiden Seiten. Der Pfad bevölkert von vielen Menschen, anscheinend ist heute Wandertag.Am Leuchtturm angekommen ist erstmal der Eintrittspreis von 3 Euro zu zahlen, dann geht es 81 Stufen aufwärts, denen nochmals etliche auf einer engen Stahlwendeltreppe folgen, insgesamt 102. Links und rechts mich festhaltend erklimme ich das Leuchtturmrund und stehe im Ostwind Stärke sieben. Es nimmt mir die Luft weg, so groß ist der Druck, aber der weite Ausblick bis nach Dänemark - man kann es bei der leicht diesigen Sicht nicht erkennen, aber ich weiß von der Karte, wo es liegt -  entschädigt  
Abb. 37: Leuchtfeuer Dornbusch  
mich für die Mühe. Bei klarer Sicht soll man die Steilküste von Møn erblicken können. Die Weite der Ostsee, diesmal von 100 Metern über dem Meeresspiegel gesehen, nicht von der Bordkante, die knapp ein Meter hoch ist. Das Licht ist einzigartig, so strahlend, rein und klar und durchdringend. Auf dem Meer nur ein einziges

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Abb. 38: Steilküste Hiddensee  
Segelboot,  das es gewagt hat, von Rügen kommend, dem Meer zu trotzen, von oben sieht es ganz friedlich aus, nur wenige Schaumkronen auf den Wellen der lang gezogenen Dünung.Richtung Osten sieht man bis Rügen, die Boddenlandschaft zwischen Hiddensee und Rügen, die Halbinseln, Flachs und Tiefs, das dunklere Fahrwasser. Im Süden sind einige Fähren unterwegs, die Vitte und Kloster anlaufen. Nach etlichen Fotoaufnahmen mache ich mich auf den Rückweg, unten, beim Kartenschalter, eine große Anzeigetafel mit Luftdruck, Temperatur, Windgeschwindigkeit und -richtung. Ja, das hätte ich auch gerne auf meinem Schiff! Der Weg geht nun zurück, wieder über eine Aussichtsplattform, die dem westlichen Teil der Ostsee zugewandt ist, durch einige Baumgruppen durch bis zum "Skulpturenpark zum Klausner", dort ein Gasthaus, die Leute sitzen im Grünen und delektieren sich an einem wohlverdienten Bier oder Kaffee. Auf der Wiese davor zahlreiche Figuren aus Holz und Stein ausgestellt. Und dann zur Treppe, deren ungezählte Stufen auf manchmal schwankenden Stegen nach unten führen, zum Strand, an den die Ostsee heranrollt, mit Brausen die Luft erfüllt, sich verstärkend, wenn die Wellen über dem Kies zusammenbrechen.Der Weg geht immer nach Süden, links die Steilküste, rechts das Meer. Weit blickt das Auge zum Horizont, auch hier der Eindruck, die See ist friedlicher als der Wetterbericht glauben machen mag. Hin und wieder sind wenige Menschen zu sehen, es ist kein Badestrand, eher einer zum Lesen und Schauen. Nach einigen Kilometern erscheint dann ein Steinwall, zum Küstenschutz aufgeworfen, der Weg führt jetzt durch Ginster- und andere Büsche bis zum Badestrand. Hier bin ich wieder inmitten von Menschen, kleine Kinder baden unter den Augen ihrer Eltern an den kleinen Strandabschnitten, die in den Steinwall hinein geschnitten sind. Dann kommt endlich die Badeaufsicht des DLRG, und von da führt der Weg wieder zurück ins Dorf, zum Hafen, zum Schiff. Ein schöner Tag, eine herrliche Wanderung, jedem zu empfehlen, um Hiddensee näher kennen zu lernen.

        Auch der Donnerstag und Freitag verlaufen wie nach dem Drehbuch für einen Sommerurlaub: wenig Wind, aber immer erfrischend, strahlend blauer Himmel aus dem Farbkasten des Regenbogenspektrums, langes Ausschlafen, ein bisschen Einkaufen, ein bisschen Kochen, Schiffaufräumen, Postkarten schreiben, Geld holen, so Dies und Das und Jenes, nichts weiter Aufregendes oder Berichtenswertens, der kleine, platte Alltag, der auch in einem Urlaub nicht weg zu streichen ist. Samstag soll es dann nach Barhöft gehen, unserem "Absprungshafen" für die lange Strecke nach Warnemünde. Dort wartet Rostock, was wir noch nicht kennen, hoffentlich von einigen sonnigen Tagen begleitet, dann Großenbrode oder wieder mal Großenbrode-Fähre und zuletzt Heiligenhafen. Dann müssen wir unser Auto holen, mit der Bahn nach Ueckermünde, eine Tagesreise, das Schiff aufräumen, eventuell Kranen, wir wissen noch nicht so die Details. Diese Art zu leben und zu reisen macht meistens nur Entscheidungen für ein, zwei Tage sicher, der Rest schwebt in der Grauzone des Unbekannten und Halbwissens, bevor er sich dem Licht der Erkenntnis nähert.

 

 

Sonntag, den 23.08.: Warnemünde - Hohe Düne

       Der Wetterbericht verheißt für Samstag vor allem Windstärke 3 aus Ost, für Sonntag ein Beaufort mehr. Die Entscheidung fällt für Sonntag, denn wir haben uns entschlossen, den Umweg über Barhöft nicht zu machen. Das sind dann zwar einige Seemeilen mehr, aber wir haben genug von den engen Rinnen zwischen den Flachs. Nach Barhöft über die Nordspitze von Hiddensee, den Gellenstrom und anschließend die Barhöfter Rinne wäre ein Weg von 21 Seemeilen gewesen. Von  Barhöft raus, am nächsten Tag, wären wir dann den umgekehrten Weg wieder bis zur Tonne 7 - 2/6, dann westwärts, insgesamt ein Weg von ungefähr 53 Seemeilen gefahren. Aber mindestens ein Tag Aufenthalt in Barhöft. Und das Wetter versprach, nicht mit zu machen: ab Montag sollte der Wind aus südlichen, teils südöstlichen oder südwestlichen Richtungen kommen. Deswegen die Entscheidung, am Sonntag die gesamte Strecke in einem Rutsch durch zu fahren.

       Und das bedeutet natürlich, mitten in der Nacht aufzustehen, ich um halb vier, Barbara etwas später. Bis um halb sieben ist alles fertig, das Schiff segelbereit und kurz danach heißt es wieder mal "Leinen los" für die längste Überfahrt des ganzen Jahres. Was uns zusätzlich abgeschreckt hat, nochmals enge Rinnen zu fahren, ist die Tatsache, dass aufgrund des tagelangen Ostwinds der Wasserstand in den Boddengewässern um ca. vierzig Zentimeter gefallen ist. Und aufgelaufen sind wir für dieses Jahr schon genug!

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Ungefähr eine Stunde später haben wir Rinnen und Untiefen zwischen Vitter Bodden und Hahnentiefschaar überwunden, die engsten Stellen mit Bangen und voller Konzentration, und das letzte Tonnenpaar 1/2 erreicht: die weite Ostsee liegt vor uns. Der Wind  
Abb. 39: Steilküste Hiddensee und Leuchtturm Dornbusch  
kommt mit 4-5 Bft aus NO, mit beiden Segeln erreichen wir 6 Knoten. Wenn das so weitergeht, sind wir mittags da, frohlocken wir. Aber wie gewohnt, es kommt immer anders als man denkt. Die Sonne scheint, aber der  Himmel ist auch bewölkt,im Südosten verdunkeln Regenwolken das Himmelslicht. Weil der Wind platt von achtern kommt, ist es schwer, das Vorsegel zu halten, immer wieder schlägt es um und knallt dann richtig durch, ein das Tuch strapazierender Vorgang. Kurz vor neun Uhr holen wir es rein, das Boot segelt jetzt ruhiger, aber auch langsamer. Die Wolken verziehen sich allmählich, nach dem Umrunden der Nordspitze Hiddensees mit seinem Steilhang und den Klippen gewinnt allmählich die Weite der Ostsee ihren Raum. Fünfundvierzig Minuten später scheint es wieder möglich, das Vorsegel auf zu rollen, diesmal auf die andere Seite. Mit dieser "Schmetterlingsstellung" können wir einige Minuten segeln, aber unruhig. Ständig muss intensiv aufgepasst werden, eine kleine Kursabweichung und schon schlägt das Segel mit lautem Knallen um. Den Großbaum haben wir längst mit einem Bullenstander gesichert, auch wenn ich aus dem Kurs komme, ist gewährleistet, dass er auf seiner Seite bleibt. Und das passiert schneller, als man denkt. Um zehn Uhr holen wir das Vorsegel wieder rein, es ist wie "rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln". Inzwischen hat auch der Seegang zugenommen, die Wellen werden jetzt bis zu zwei Meter hoch, kommen mal direkt achterlich, mal mehr von der Seite. Das Schiff schlingert und rollt, es ist die reinste Achterbahn. Die Steuerautomatik, die vor zwölf Uhr eingeschaltet wird, hat mächtig zu arbeiten, das ständige Geknarre und Geschnurre geht uns auf den Wecker. Wir schalten sie wieder ab, und steuern von Hand. Bei jedem Manöver muss Barbara das Ruder übernehmen, während ich irgendwo ziehe und zerre, Leinen dicht hole oder fiere. Dann übernehme ich wieder das Steuer. Inzwischen hat der Wind abgenommen, wir machen meistens irgendwas um die vier Knoten, manchmal fünf, manchmal auch nur drei. Das Wellengeräusch lullt uns ein, die kurze Schlafzeit zeigt ihre Folgen, Barbara fallen immer wieder die Augen zu, aber sie versucht sich wacker wach zu halten.

       Ungefähr um ein Uhr sind wir kurz vor Darßer Ort, die Wellen sind jetzt in der Regel höher als zweieinhalb Meter, sie rollen von hinten heran, das Schiff wird kurz hochgehoben, um dann in ein Tal hinab zu gleiten, bis die nächste Woge es wieder heraushebt. Eine nach der anderen, ein ständiges Auf und Ab, das Schiff treibt mal mehr nach backbord, mehr nach steuerbord. Ständiges Ausgleichen der Bewegungen ist erforderlich und fordert die ganze Konzentration des Steuermanns. Nach der letzten der zwei Kardinaltonnen bei Darßer Ort geht der Kurs auf 220°, jetzt können wir das Vorsegel wieder rausholen. Dabei löst sich die Steuerbordschot, ich muss raus aufs Vordeck, angeleint mit dem Lifebelt, um es neu anzuknoten. Das geht gut, aber dabei ist die Backbordleine vorne über  das Segel gekommen. Da wir sowieso auf Steuerbordbug segeln, macht das nichts aus, das Vorsegel dicht zu holen geht auf jeden Fall. Wir machen wieder mehr als sechs Knoten, in Böen bis zu acht. Das Rollen geht weiter, und als der Wind wieder etwas dreht, ist es aus mit dem Vorsegel. Um halb drei wird es wieder reingeholt, jetzt schiebt uns der Wind nur noch mit fast fünf Knoten. Einige Zeit später kommt der Wind jetzt seitlicher, also kann das Vorsegel wieder raus. Immer wieder der Blick nach oben, in den Verklicker, auf den Kompass, auf das GPS. Die Wellen aussteuern soweit das geht, und aufgepasst, auf andere Segler. Von denen sind zum Glück nicht viele unterwegs, die wenigen die wir sehen, folgen unserem Kurs, oder segeln südlicher, enger an der Küste entlang.

        Um sechs Uhr abends erreichen wir endlich die Fahrrinne von Warnemünde, jetzt geht der Kurs südlich, der Wind frischt auf, wir können nochmals richtig Gas geben. Ein mächtiges Tauchschiff, wahrscheinlich von einer der Windparkfirmen, kommt von hinten auf uns zu, schneidet unseren Kurs, nimmt aber Rücksicht und dreht etwas ab, so dass wir nicht in die Quere kommen. Als wir die letzten Tonnen erreichen, machen wir den Motor an, ziehen das Vorsegel ein und steuern auf den Hafen Hohe Düne zu. Erst im ruhigen Hafenwasser, bei weniger als drei Windstärken, holen wir das Großsegel rein. Das Herunterziehen mit der Sorgleine klappt anstandslos, vor zwei Jahren tanzten wir vor der Hafeneinfahrt, das Segel wollte nicht herunter kommen. Die Erinnerung ist mir gut hängen geblieben, ich kann Barbara von meinem Plan überzeugen und er geht auf.

       Halb sieben sind die Leinen ausgelegt, am Steg C. Achtundfünfzig Seemeilen haben wir zurückgelegt, das sind knapp 108 Kilometer, in 12 Stunden, unser neuer persönlicher "Streckenrekord". Von Barhöft waren es vor zwei Jahren dreiundfünfzig Seemeilen. Wir sind erledigt, geschafft von Wind und Sonne, von dem ständigen Rauschen, der permanenten Anspannung und Konzentration. Platt vor dem Wind zu segeln macht nicht viel Spaß, ohne Bullenstander wäre uns des öfteren der Baum um die Ohren geknallt, so gab es nur ein kurzes entschiedenes Rucken, als wolle das Schiff den richtigen Kurs anmahnen. Vorsegel raus, wieder rein, wieder raus, wieder rein, auch das war anstrengend. Aber wir haben es geschafft und belohnen uns mit einem guten Essen im teuren texanisch-mexikanischen Grillrestaurant in der Essenslandschaft von Hohe Düne. Die hohen Preise sind uns um Moment egal, was zählt, ist die Fahrt und unser gemeinsames Erlebnis, die weite Strecke ohne Unfälle und andere Missgeschicke überstanden zu haben. Erschöpft sinken wir danach in die Kojen und schlafen bis zum nächsten Mittag durch, ohne auch nur einmal aufzustehen.

        Auch der Montag ist erst mal dem Ausruhen und der Erholung gewidmet. Langes Schlafen, wie es sich für "Rentiere" geziemt, danach langes Frühstück, und verdauen, verdauen, verdauen, die Fahrt, die Sinneseindrücke, das Erlebte, vieles will zur Sprache gebracht werden, und das darüber Reden hilft ungemein. Das beiderseitige Eingeständnis von Furcht und Angst, die Bewältigung dieser Gefühle, das aneinander Festhalten in dieser Situation, allein auf dem Meer, von Wellenbergen und -tälern umgeben, das Rollen und Stampfen des Schiffes, sein Gekrächze im Inneren, das Klappern von irgendwelchen Schappsen und Holzteilen, all das, was ein Schiff dem Segler während einer solch langen Zeit bei dieser Beanspruchung mitteilt. Und immer wieder die Erinnerung an die See, wie sie heranrollt, unter dem Schiff durch, brechend die Wellen teils vor dem Heck, teils unter dem Kiel, teils danach, je nachdem, wer schneller war, Welle oder Schiff.  Wir gegen die See, ein Kampf, der nicht ausgefochten werden musste, die See ließ Gnade walten, und wir wussten, es kann nicht mehr als Windstärke fünf werden. Die Wettervoraussagen werden ja Jahr für Jahr besser, es sind allemal nur Modelle, aber die Mathematik und die Algorithmen werden immer feiner. So bleibt einerseits die Furcht, der Respekt, der Verstand redet auch mit und beruhigt andererseits. Und wenn es vorbei ist, das Gefühl: Wir haben es geschafft, gemeinsam und zusammen. Und jetzt erstmal Pause!!

        Abends gehen wir essen, diesmal ins Cafe Roma. Auch ein Restaurant in der Vielzahl gastronomischer Betriebe der Yachthafen-Residenz Hohe Düne. Die Preise sind geringfügig kleiner, die Portionen auch. Die Kellnerin verspricht mir, dass ich trotzdem satt werde, bei meinem Nudelgericht "Panna e salmone". Aber nichts da, die Portion ist für meinen hungrigen Magen gerade mal eine Vorspeise. Wir berichten der freundlichen Kellnerin, dass das nicht das erste Mal ist, unser Erlebnis vom Yachthafen Neuhof wird erzählt, und dass ich einen Reisebericht schreibe. Das hilft unserer Bitte nach einem Nachschlag auf die Sprünge, wenige Minuten später bekomme ich einen kleineren Teller mit der gleichen Portion nachgeliefert. Ein Lob für den Koch, dass er mit eines hungrigen Seglers Magen  Erbarmen hat. Und ein Lob für die freundlichen Bedienungen des Cafe Roma, aber auch des "Steakrestaurants Amarillo". Zumal diese Menschen in diesem teuren Schuppen bestimmt nicht viel verdienen, sondern andere die Kohle in der Yachthafen-"Residenz" einstreichen!

        Die Tage in Warnemünde-Hohe Düne vergehen schnell mit dem Alltag, der auch an Bord eines Segelschiffes sein Diktat hat: Aufstehen, frühstücken, einkaufen, Liegegeld bezahlen, Wetternachrichten einholen, und weil das WLAN hier gut funktioniert, mit Mails checken, ein bisschen surfen, usw. usw. Am Dienstag gönnt sich Barbara einen Spa-Tag im Wellnesstempel der Hohe-Düne-Yachthafenresidenz, es ist Luxus pur, was sie erwartet, natürlich auch mit Fußpflege und allem drum und dran. Luxus, der nicht billig ist, hier ist nichts billig, hier ist alles darauf eingestellt, dass die Kunden und Gäste von dem Geld, das sie hier ausgeben, nicht sprechen müssen. Anders gesagt: die hier herumlaufende Klientel hat es nicht nötig, auf den Beutel oder die Börse zu schauen, sie zückt die ec-Karte oder gibt die Zimmernummer an, das war's dann auch. Angefangen von den Getränken bis zum Essen, Geld ist etwas total nebensächliches, man hat es eben oder verkehrt hier nicht.  

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       Die Abende versüßen wir uns mit dem Gesang des Pianisten, Liedertexters und Entertainers Ralph Lohaus, uns vorher unbekannt, aber von einem der Kellner aus dem Steakhouse mit höchsten Tönen beworben. Und er hat recht: das Repertoire des jungen Mannes ist unglaublich, die gängigen in- und ausländischen  Songs von

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Abb. 40: Ralph Lohaus, der König des Klaviers  
über fünf Jahrzehnten hat er auf Lager. Darunter auch viele bekannte Schlager. Mehrere Stunden spielt er so am Klavier, scheinbar mühelos, es fließt ihm nur so aus den Fingern, ohne hinzuschauen kann er sich daneben mit den Gästen wie uns kurzzeitig unterhalten. Sein gesamtes Auftreten ist von großer Freundlichkeit, Humor, Umgänglichkeit, Gefühl und  Empathie geprägt. Mit Freude erfüllt er auch die musikalischen Wünsche seiner Gäste. Am Donnerstag kommt seine musikalische und inzwischen Lebenspartnerin,Nicole Trunt, spät abends noch in die Lounge der Yachthafenresidenz, gerade eben von zu Hause weggefahren. Ihre Stimme ist einfach hinreißend, ihre Erscheinung ebenso. So viel Ausstrahlung und Entgegenkommen!  Am Freitag treten sie beide zusammen auf, es ist ein wirklich schöner Liederabend, nur missgestimmt von einem Erlebnis, dass ich im Restaurant Brasserie hatte. Da wir schon früh in die Lounge gekommen waren, verspürte ich irgendwann den Hunger für ein Abendessen. In der Brasserie gab es nichts von der Karte, "nur" Büffet. Ein Teller reichte mir, das Essen war ausgezeichnet, pouchierter Dorsch mit Spinat, in Scheiben geschnittene Klöse mit Pilzen, dazu Gemüse. Ich hatte mit einem Zwanziger gerechnet, als es dann 39 Euro kostete, hat es mir doch die Stimme verschlagen und meine Laune war im Keller. Ich hätte es wissen müssen und können, auf entsprechenden Tafeln war alles angeschlagen. So zahlt man eben Lehrgeld, der nächste Abend kannte dann nur einige Brote mit Wurst und Käse auf dem Tisch.

        Bei einem Einkauf in Warnemünde, es musste mal wieder alles schnell gehen, sehe ich einen "Fakir" in der Fußgängerzone, an der Brücke zwischen Bahnhof und Altstadt. Schon bei meinem ersten Ausflug ein Tag vorher ist er mir aufgefallen, wie er so in der Luft "schwebt", alle physikalischen Gesetze von Gravitation ad adsurbum führend. Nur hatte ich, wie gesagt, keine Zeit, genauer hinzuschauen. Einen Tag später hatte ich wenigstens mein Handy dabei, das Foto ist auf der Fotostrecke zu sehen. Und auch der Betrug, der Schein wird deutlich: An der Stange, an der er sich festhält, muss ein Sitz verborgen sein, verhüllt von viel Stoff. Den Rest kann man sich denken, wenn man genauer hinschaut.

      Den Samstag verbringen wir mit langem Ausschlafen, und auch vom Sonntag gibt es nichts aufregendes zu berichten, abgesehen von der letzten Begegnung mit  Ralph Lohaus am Abend. Im sehr persönlichen Gespräch mit ihm finden sich viele gemeinsame und berührende Erfahrungen.

       Am Montag werden wir nach Kühlungsborn fahren, dann ist die Strecke vom vorletzten Hafen - Großenbrode nach Heiligenhafen nicht so weit. Die Reise neigt sich dem Ende zu, der beginnende Herbst gibt sich Mühe, uns noch einige schöne Tage zu schenken, aber es wird auch nachts immer kälter, und unsere kleine Heizung ist im Nirwana verschwunden. Die Elektrofirma aus Ueckermünde ist nicht erreichbar, immer die gleiche Ansage am Telefon. Wenn wir unser Auto abholen, werden wir denen einen Besuch abstatten, vorher ist nichts drin. Ich könnte nur aus dem Internet eine Heizung besorgen, vielleicht doch noch in Heiligenhafen. Unser Wäschevorrat geht auch zu Ende, ebenso die Vorräte an Lebensmitteln.

 

 
Montag, den 31.08.: Kühlungsborn

      Der Wetterbericht aus verschiedenen Quellen gibt uns grünes Licht für die Weiterfahrt nach Kühlungsborn. Der Weg auf die andere Seite der Lübecker Bucht ist uns in einem Stück doch zu lang, deswegen Kühlungsborn als Zwischenstation. Es ist Windstärke drei bis vier vorhersagt, aus östlicher Richtung, das was wir brauchen.

         Aber wie meist kommt es anders als erwartet. Als wir kurz nach elf Uhr den Motor     anmachen, erwartet uns bei diesiger Sicht die Ostsee mit Windstärke Null bis eins. Wenigstens ist es warm, 25° Celsius auf der hohen See, die uns mit einer langen Dünung von achtern Richtung Westen schiebt. Wir schaukeln nach Kühlungsborn, die See ist spiegelglatt, manchmal kommt ein wenig Wind auf, zu wenig, um die Segel zu füllen. Die Nacht war mal wieder eine der kürzesten nach dem langen berührenden Gespräch mit Ralph Lohaus, so dass wir beide mit Mühe die Augen aufhalten. Barbara nickt immer wieder kurz ein, ich bin eher aufgekratzt, denn auch in der ruhigen See können Gefahren lauern. Ich sehe knapp unter der Wasseroberfläche schwimmende Container vor mir und denke an den Film "All is Lost" mit Robert Redford.

      Nach knapp zweieinhalb Stunden machen wir im sehr bequemen Hafen Kühlungsborn fest, die ganze Anlage mit Schwimmstegen und Auslegern ausgestattet. Der Hafen ist auf den ersten Blick nicht billig, aber wenn man sieht, was alles im Liegeplatz enthalten ist - Strom, Wasser, Duschen ohne Zeitbegrenzung und WLAN für 30 Minuten, relativiert sich der Preis. Außerdem ist alles sehr sauber und großzügig eingerichtet, angefangen von den Toiletten bis zu den Duschen. Da können sich andere Yachthäfen eine Scheibe davon abschneiden.

        Dienstag und Mittwoch vergehen mit Starkwind, mal Sonnenschein, mal nur fliehende Wolken aus Westen, drohend den Himmel verdunkelnd. Es wird allmählich insgesamt kühler, auch die Nächte, der Herbst naht, auch wenn der September teilweise noch dagegen ankämpft. Vielleicht schaffen wir morgen den Großen Sprung über die Bucht in einem Stück, bis nach Heiligenhafen oder wenigstens bis Großenbrode.

 

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Donnerstag, den 03.09.: Heiligenhafen

       Nach ausführlichem Studium der Wetterlage, auf der Grundlage der Wetterbox mit den Infos des Deutschen Seewetterdienstes, vom Programm "windfinder" und "zyGrib" entschließen wir uns, den Sprung nach Heiligenhafen in einem Stück zu machen, ohne Umweg über Großenbrode oder Fehmarn.

       Es ist halb elf, als der Motor endlich gestartet werden kann, die Nacht war mal wieder zu kurz, das Aufstehen "zu früh". Bei Windstärke 3-4 Bft, wenig Seegang, aber ziemlicher Dünung ziehen wir eine Viertelstunde später die Segel hoch. Es ist inzwischen bedeckt, um acht Uhr morgens war noch blauer Himmel. Aber die Sicht ist klar, der Wind kommt aus Nordwest. Wir können also mit halbem Wind, mal vorlicher, mal achterlicher, unseren Kurs nach Nordosten segeln. Je weiter wir rauskommen, desto stärker wird der Wellengang und der Wind frischt ebenfalls auf. Auch die Böen nehmen jetzt zu, ungefähr ein Bft mehr. Die Fahrt wird mehr und mehr zu einer Schiff-Schaukel-Tour: hoch die Welle, dann runter ins Wellental, die nächste Welle usw. Mal kommen sie mehr von hinten, mal mehr von der Seite. Bei wenig Schräglage geht es immer in dieselbe Richtung.

       Gegen sechzehn Uhr erreichen wir die rotweiße Tonne Fehmarnsund, jetzt sind wir am Anfang des Tonnenstrichs durch den Sund, der unter der Brücke durchführt. Eine halbe Stunde später, die Wellenhöhe nimmt ab, je mehr wir in den Sund hineinkommen, ziehen wir das Vorsegel ein und machen mit dem Motor weiter. Um halb fünf Nachmittags sind wir unter der Brücke durch, jedes mal ein Erlebnis, dieses gewaltige Bauwerk.

       Als es Richtung Heiligenhafen geht, ziehen wir auch das Groß ein. Der Kurs führt zunächst zum Yachthafen von Boat&Living, wo dieses Jahr das Winterlager sein wird. Keine Chance, alle Boxen im kleinen Hafen sind belegt. Auch im benachbarten Hafenbecken findet sich kein freier Platz. So bleibt uns nur die Marina übrig, wo wir bisher immer einen Liegeplatz fanden. Diesmal ist es eng, wir sehen nur wenig freie grün gekennzeichnete Boxen. Und dann ist da doch noch eine, sogar ziemlich nah an Land, so dass auch bei dem kommenden Starkwind der nächsten Tage ein bisschen Schutz sein wird. Zehn Minuten nach achtzehn Uhr können wir den Motor ausmachen, für die fünfunddreißig Seemeilen haben wir fast acht Stunden gebraucht, davon knapp zwei Stunden unter Motor, der Rest unter Segeln.

        Wieder einmal, das letzte mal dieses Jahr, haben wir eine lange Tour hinter uns gebracht, und belohnen uns mit einem guten Essen, nachdem das Schiff aufgeräumt, der Hafenmeister bezahlt, Strom gelegt usw. alles erledigt ist. Sie hat uns Kraft gekostet, die Tour, aber die Weite der See mit ihrem Blick bis an den Horizont hat uns dafür entschädigt. "Hinter'm Horizont geht's weiter...", hat Udo Lindenberg gesungen, er hat zwar etwas anderes gemeint, aber für diese Fahrt haben wir es eher wörtlich gesehen. Wer weiß, wo es uns nächstes Jahr hinführt, das Wetter, der Wind, unser Mut und unsere Kraft.

       Es sind Starkwindtage in Heiligenhafen, der Freitag, Samstag und wohl auch der Sonntag. Ununterbrochen bläst der Wind, am Donnerstag beginnend nachmittags erst mit Windstärke vier, dann sich gegen Abend steigernd auf fünf bis sechs. Die Nacht über mit sieben Beaufort. An Schlaf ist kaum zu denken, es rüttelt und schüttelt am Schiff. Eingezwängt, Fender an Fender, zwischen einem höheren Motorboot und einer etwa gleich großen Segelyacht bewegt und schaukelt "de Widzi" im Hafenwasser, obwohl ziemlich zum Ufer hin gelegen. Der Wind bricht sich in den Wanten, Scheidentöne heulen auf, gleich hundert- und tausendfach bei den mehr als 1300 Liegeplätzen hier. Mit den Pfählen der Schwimmsteganlage, die oben offen sind, spielen die Böen wie mit großen Orgelpfeifen, es heult in konstanter Tonlage, aus den verschieden langen Pfeilern kommt ein ganzes Windkonzert zustande. Wenn sie kommen, die Böen, die Schiffe packen, ihnen sagen, wir machen aus euch nur Kleinholz - man hält den Atem an und hofft, es möge vorübergehen. Aber es geht nicht vorbei, Böe um Böe kommt herangesaust, das Schiff wird wieder und wieder hin- und her gerissen. Hoffentlich halten die Leinen, denke ich, aber bei Windstärke acht bis neun dürfte nichts passieren. Aber es ist keine Ruhe auf Deck und unter Deck. Die Vibrationsgeräusche der verschiedenen Taue am Mast, der Wanten, führen bis zum Deck in den Schiffsrumpf hinein. Irgendwann müsste man sich doch daran gewöhnt haben, aber anscheinend trifft das nicht zu, obwohl: zwischendurch sind die Geräusche verschwunden, das Gehirn hat sie weg gehört, obwohl sie zweifellos vorhanden gewesen sind.

       Tagsüber, dann zwischen Regenschauern und Sonnenschein - der Wind unverändert - baue ich die Kuchenbude auf. Länger dauernder Regen ist angesagt. Fünf Minuten komme ich zu spät, die ersten Tropfen erwischen mich nach dem Abzug der Sonnenplane und dem ersten Aufrichten der Kuchenbude. Unverrichteter Dinge kehre ich nass unter Deck zurück, es bleibt nur warten, warten und sich in Geduld üben. Nach einer halben Stunde ist es vorbei, ich kann die Kuchenbude fertig bauen. Jetzt haben wir wenigstens einen gewissen Regen- und Windschutz. Am Nachmittag nimmt der Wind wieder zu, konstant bei Stärke sechs, in Böen sieben bis acht. Ich gehe eine Heizung kaufen, im einzigen großen Warenhaus in Heiligenhafen. Ein Keramikheizer soll es sein, mehr gibt es hier nicht. Preiswert erstanden, unsere Infrarotheizung ist ja im Niemandsland zwischen Ueckermünde, den Niederlanden und unseren Hafenplätzen in der Ostsee verschwunden. Seit Wochen dieselbe telefonische Ansage, auch das Internet hilft nicht weiter bei der Recherche nach einer gültigen Telefonnummer. Jetzt, nach Anschluss der Heizung, haben wir es wenigstens etwas wärmer, wobei "Gemütlichkeit" zu viel gesagt wäre. Aber es zieht nicht mehr so in den Knochen, die Laune wird gleich besser. Barbara hat großen Waschtag, bei den Preisen für Waschmaschine und Trockner lohnt sich das. Auch das zieht sich hin, zwischendurch kommt sie mit der elektronischen Chipkarte nicht in den Waschraum rein, der Automat, der aus 2-Euro-Stücken 1-Euro-Münzen machen soll, spuckt stattdessen Duschmarken aus. So vergeht auch dieser windige, ungemütliche, nervtötende Tag mit Arbeit und dem so genannten "Diesen und Jenem". Spät am Abend ist die Wascherei zu Ende, jetzt hängt die Kuchenbude voll mit Kleidungsstücken, die nicht in den Trockner gehörten. Vielleicht ist morgen alles trocken, jedenfalls bis Dienstag muss es sein, dann ist der große Packtag für die Rückreise am Mittwoch.

 

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Montag, den 07.09.: Ueckermünde

        Vor der Heimfahrt kommt erstmal die Reise nach Ueckermünde, unser Auto steht da seit Beginn der Segelfahrt bei Nautical Mile. So gehen wir am Freitag ins Reisebüro in Heiligenhafen, am Markt. Fehlanzeige, die verkaufen keine Bahnfahrkarten mehr und machen auch keine Beratung. Das habe jetzt die Stadtinformation übernommen, werden wir belehrt. Also schnellen Schrittes zu deren Büro, sinnigerweise liegt es am Rande der Altstadt, einige hundert Meter über den Markt hinaus. Dort ist die junge Dame uns behilflich, einige Zugverbindungen nach Ueckermünde herauszusuchen, zu frühest möglichen Zeiten natürlich. Was sie nicht weiß oder uns jedenfalls nicht sagt - und insofern kann man von einer echten Fehlberatung sprechen - das sind die Preise: Nach ihren Informationen kostet die Bahnreise 53,60.-€ pro Person, also für uns beide 107,20.-€. Dabei wären wir mit einem Mecklenburg-Vorpommern-Ticket, das auch in Schleswig-Holstein gilt, für 23 €, vier Euro pro Mitreisender und zwei Nahverkehrstickets von Oldenburg nach Lübeck wesentlich billiger davon gekommen. So zahlen wir denn am Montag am Fahrkartenautomaten 105,20 €  für zwei Personen von Oldenburg i.H. nach Ueckermünde! Teurer Spaß für falsche Infos!

      Die Reise selbst gewinnt durch das fortlaufende Umsteigen an Dynamik: keine Zeit für ein Schläfchen! Abfahrt um 07:54 Uhr in Oldenburg i.H., das Shuttle vom Hafenservice aus Heiligenhafen - die Stadt hat selbst zwar einen Bahnhof, aber keine dort haltenden Züge - bringt uns rechtzeitig und kostenlos zur Bahnstation, eine Stunde später in Lübeck erstes Umsteigen. Der Zug ist voll mit Viertklässlern einer Grundschule aus Burg/Fehmarn. Allein dieser Reiseabschnitt gerät schon zum Beobachtungsabenteuer: Chips und Schokolade, allgemein Junkfood verdrückende Kinder sitzen uns gegenüber, mit Rollkoffern, die teilweise größer als sie selbst sind. So muss denn nachher auch einer der Lehrer das Gepäckstück zum Ausgang schleppen, der Knirps selbst wäre kaum in der Lage dazu gewesen. Wir denken beide an unsere Zeit als Berufstätige zurück und mehr denn je vermissen wir gar nichts.

        Von Lübeck aus geht es nach Bad Kleinen, fast wieder eine Stunde Fahrzeit, zweites Umsteigen. Nach Bad Kleinen kommt Rostock, drittes Umsteigen. Auf Rostock folgt Stralsund, das vierte Mal. Nach Stralsund ist Ferdinandshof dran, kein Bauernhof, sondern eine Kleinstadt. Fünftes Umsteigen, wobei wir wegen mangelnder Ortskenntnisse und unterschiedlicher Auskünfte der Einheimischen die in vier Minuten zu erreichende Busstation verpassen und gleich zur Haltepunkt Ferdinandshof-Schule laufen. Einmal Umsteigen gespart! Danach kommt die Fahrt zum Ueckermünder Zentralbahnhof, dort Umsteigen in den Bus nach Altwarp. Unser Bahnticket von Oldenburg nach Ueckermünde wird von den Busfahrern mit einem freundlichen Grinsen ignoriert: die Bahn hätte da ihre eigenen Pläne und Preise, das Busunternehmen würde das nicht anerkennen, wir müssten trotzdem zahlen. also nochmals 6,70.-€ Bahnkosten der Tarifgemeinschaft Vorpommern-Greifswald. Ja, im Osten ist eben alles anders! 

        Nach dem freundlichen Empfang bei Nautical Mile und der Verabschiedung von der Geschäftsführerin steige ich ins Auto und will starten. Kein Mucks tut sich. Böse Ahnungen kommen in Windeseile auf, trotz anderslautender Versprechen hat man sich wohl doch nicht so um die Batterie gekümmert wie notwendig. Ein Mitarbeiter holt schnell eine Starterbatterie, die aber zu wenig Leistung zeigt: außer einem müden Krächzen des Anlassers ist nichts zu hören. Ein Auto wird angefahren, auch dessen Batterie bringt den Motor nicht zum starten. Erst mit einem zweiten Kabel, also der Leistung zweier Batterien, kommt unsere alte Kiste ins Laufen. Jetzt nur nicht abwürgen, wie damals in Lübeck. Ich bin gleichzeitig schockiert und erleichtert und hoffe, dass die erst ein Jahr alte Kraftquelle sich durch das Fahren erholt, was auch tatsächlich passiert. Wäre das Gerät älter gewesen, so hätte das durch die vermutliche Tiefentladung sein Ende bedeutet. Das hatten wir alles schon einmal und brauchen es nicht wieder.

       Wir fahren in die Innenstadt, zur Elektrofirma Petschik, in der Hoffnung, dort jemanden anzutreffen, der uns Auskunft über unsere verschollene Heizung geben kann. Der Laden ist geschlossen, durch die Schaufensterscheiben sieht man heftige Umbauspuren, überall Dreck, Mörtel, herausgerissene Kabel, aber keine Menschen. Es sieht nach einer angefangenen, mittendrin gestoppten Aktion aus. Die darüber liegende Wohnung ist verwaist, keine Vorhänge an den Fenstern, die benachbarte Haustür abgeschlossen, kein Namensschild, kein Klingelton. Also komplett tote Hose, die Heizung können wir wohl abschreiben. Zwei Geschäftsnachbarinnen, mit denen wir ins Gespräch kommen, können uns auch nichts erzählen, sind erstaunt über unsere Geschichte, das einzige was rauskommt, ist, dass die Inhaberin Jenny Alpen ein Kind wohl bekommen hat. Es bleibt ein Geheimnis, was hier passiert ist, es bleibt aber auch ärgerlich.

        Danach geht es flugs über die Autobahn - nach einer langen Strecke Landstraße - Richtung Lübeck bzw. Heiligenhafen. Spät, erst um neun Uhr abends, es ist schon lange dunkel, erreichen wir die Stadt. Zu kochen hat jetzt keiner mehr Lust, also Essen gehen. Im "Anno 1800", einem freundlichen Lokal mit zivilisierten Preisen, bekommen wir mehr auf den Tellern angeboten als nur "übersichtlich". Erschöpft und ermattet sinken wir später in unsere Schlafkabine, dieser Tag war mal wieder sehr voll.

        Auch der Dienstag ist mit reichlich Arbeit gesegnet, das Schiff umlegen, weil der Liegeplatz von einem Stammlieger gebraucht wird, packen, packen, packen. Barbara will noch eine Freundin aus alten Zeiten besuchen, und ich bringe den ersten Teil der Ausrüstung und Klamotten nach Hause. Zig mal laufe ich vom Schiff zum Auto und zurück, mit dem Handwagen, das Auto wird voller und voller.

       Mittwochmorgen ist wieder frühes Aufstehen angesagt, wir wollen die Staus in Lübeck und Hamburg möglichst umgehen. Gegen Mittag kann ich sie bei ihrer alten Bekanntschaft abladen, die Heimfahrt gestaltet sich dann im weiteren unproblematisch, wenn auch wegen der Länge der Strecke anstrengend.

       Die nächsten Tage zu Hause sind geprägt vom Aufräumen, Aufräumen und nochmals Aufräumen. Gefühlte tausend Dinge sind zu verteilen, die Wäschekörbe für Schmutzwäsche füllen sich, ebenso das Wohnzimmer als vorübergehendes Lager für all die Taschen, Tüten und sonstigen Behältnisse. Das gewohnte bequeme Bett und die Dusche entschädigen mich für die Mühen.

 

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Sonntag, den 13.09: Heiligenhafen

       Sonntags geht es zurück nach Heiligenhafen, das Kranen steht am Donnerstag auf der Tagesordnung. In der Schlafkabine gibt es eine Menge zu streichen, vor allem das Interieur aus Holz mit Teaköl. Damit ist der Montag schon mal zugepflastert, der Dienstag mit Packen, Umräumen, das Schiff Zug um Zug leer machen. Diesmal haben wir ja keinen Abstellraum, der Lagerplatz für all die Polster und Einrichtungsgegenstände ist das Schiff selbst. Auch der Mittwoch bleibt dieser Tätigkeit vorbehalten. Weil die Schlafkabine schon umgeräumt ist, muss ich mit der  "Hundekoje" vorlieb nehmen, gerade mal so breit wie ich selbst, aber wenigstens ist es nachts nicht kalt und die Kuchenbude ist auch schon ein schöner Schutz vor dem ständigen Regen.

        Kleiner Auszug aus meiner ToDo-Liste:
Behandlung der Holzteile in der Schlafkabine mit Teaköl, Bilge leeren  und putzen, Genua abziehen und eintüten, alle Bücher ins Auto, alle Ordner raus, aus allen Geräten die Batterien entnehmen, alle überflüssigen Taue und Rettungsseile mitnehmen, die Schapps auf beiden Seiten leeren, die Schwimmwesten zur Überprüfung mitnehmen, Toilette reinigen, das Gräting im Cockpit ausmessen, das Großsegel abbauen und rollen, die gelbe Rettungsbox ins Auto, die life-belts abschrauben, den Baum mit der Großsegel-Persenning abbauen, das Cockpit putzen und die beiden Schappse unter den Bänken, den Schiffsboden reinigen, Schlafsäcke und Decken ins

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Auto, die Sitzbänke abschrauben, ebenfalls in den Wagen bringen, am Do-morgen die Kuchenbude abbauen, die Sprayhood abziehen, die Vorhänge mitnehmen, den Topf mit dem Trockenpulver aufstellen, Kühlschrank putzen und die verwertbaren Lebensmittel mit nehmen, den Rest entsorgen, den Fahrradsack mitnehmen und bei AWN in Lübeck umtauschen (was übrigens anstandslos akzeptiert

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Abb. 41: de Widzi, schon teilweise abgeriggt  
wurde, wenn auch mit einem "Das habe ich ja noch nie gesehen"-Kommentar des freundlichen Geschäftsführers), Funk- und Stromkabel vom Mast lösen,  die Sicherungsmuttern an den Wanten lösen, Kaffeemaschine leeren, Filter entsorgen, die Maschine austrocknen lassen, den Tank vollmachen, diverse Holzteile zum Streichen mit nach Hause nehmen, nach dem Mast-legen die Windex-Anzeige und die Funkantenne abschrauben, alle Taue am Mast sachgerecht festmachen einschließlich der abgeschraubten Salinge, die Fender als Stütze für die Plane auf dem Oberdeck auslegen, die vordere Lucke aufmachen, damit Durchzug im Schiff gewährleistet ist, die Reparaturliste mit den Mitarbeitern von Boat&Living absprechen, und und und... Zwischendurch, in den Pausen, die ich mir verordne, denke ich, es hört nicht auf, aber die Liste ist endlich, allein die Gewissheit darum schützt mich vor der reinen Verzweiflung. So bin ich acht Stunden am Tag beschäftigt, viele Gänge mit und ohne Handwagen zum Auto, immer die lange Liste in meinem kleinen schwarz-roten Buch vor Augen bzw. auf dem Cockpit-Tisch.

        Mittwoch ist der günstigste Tag, bei nur vier Windstärken und ohne Regen in den Hafen von Boat&Living zu kommen. Am späten Vormittag ist das Auto fast voll, aber es passt noch einiges rein. Gegen Mittag mache ich die Vorleinen los und komme ohne viel Malheur aus der Box raus. Im Hafenteil um Steg 6 der City-Marina ist es ziemlich windstill, auch wenn es draußen heftiger zugeht. Gegen Mittag ist es noch trocken, meistens setzte gegen vierzehn Uhr in den vergangenen Tagen ein länger dauernder Regen ein. Grauer Himmel, andauernd Wasser von oben, ungemütliche Temperaturen, deprimierend! Gemächlich verlasse ich die Anlage, fahre dem Tonnenstrich entlang zum Hafen des Liegeplatzes, der als erster in der engeren Bucht von Heiligenhafen erscheint, wenn man vom Fehmarnsund kommt. Auch das Anlegen an der Holzwand im Innenteil des Hafens gelingt, der Wind hilft mir, indem er mich an die Stegwand drängt. Für die weit entfernt liegende Steckdose ist mein Verlängerungskabel gerade lang genug, wenigstens habe ich Strom für die Kaffeemaschine und die Heizung. Danach geht es zu Fuß zurück in die Marina, siebenundzwanzigeinhalb Minuten, das Auto steht noch dort. Die Parkautomatik lässt mich nicht durch, weil ich tags zuvor bei offener Schranke reingefahren bin. Für den blöden Computer bin ich also draußen, wie soll ich dann den Parkplatz verlassen können? Das Hafenservicebüro ist geschlossen, also zur Hafenverwaltung im vorderen Teil der Anlage. Ein freundlicher Mitarbeiter entsperrt mir trotz Mittagspause die Karte, so dass ich jetzt den Parkplatz erfolgreich verlassen kann.

Jetzt noch eine Nacht aushalten, die enge Koje, das Durcheinander in der Kajüte, alles voll gestellt, keine Ordnung mehr erkennbar, jedes System verloren gegangen, außer der Leitfrage: was bleibt hier, was muss mit?

 

 
       Donnerstag dann das Kranen, eigentlich um zehn Uhr, d.h. um sieben aufstehen, alles noch fertigmachen, was es auszuräumen gilt, umräumen, abbauen, den verbliebenen Rest neu organisieren. Ein schon ziemlich alter Herr schiebt sich vor meinen Termin, er hat wohl eine Privatabsprache mit den Kranern. Dann, gegen elf, erst den Mast legen, Antenne und Windexanlage abschrauben, die Wanten

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Abb. 42: Nach dem Kranen: de Widzi auf dem Bock  
und Fallen abbinden, dann das eigentliche Kranen, das Schiff hängt dann sprichwörtlich in den Seilen, reinigen, mit Hochdruck abspritzen (macht der Mitarbeiter von B&L), die Wasserpocken abkratzen, wieder reinigen, auf den Bock damit, der schon auf dem Hubwagen steht, jetzt noch die beiden Batterien abklemmen, aus dem Schiff bringen (ich lasse sie einzeln an einem langen Tau nach unten gleiten, der Weg über die Leiter ist beim Gewicht der Batterien nicht möglich), letzte Absprachen mit der Chefin und den Mitarbeitern, und ab vierzehn Uhr bin ich auf der Autobahn nach Lübeck. Geschafft, das Ende der Saison, ich bin erleichtert, nicht ins Wasser gefallen zu sein oder von der Leiter, keine Verletzungen, die Nächte überstanden zu haben ohne "wahnsinnig" zu werden bei all den Aufgaben, alles hingekriegt zu haben, jetzt "nur" noch sechs Stunden Autobahn, aber die kriege ich auch noch hin.

 

 
   
Liegeplatzkosten und Nebenpreise

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für unsere Schiffslänge - 8,80m - und eine Person gerechnet, ohne Kurtaxe.

Hafen Liegeplatzkosten incl. Strom+Wasser Strom extra Wasser Extra WLAN 5. od. 6. Nacht frei   
Ueckermünde 9,00.-€ ja nein nein bedingt, nur direkt beim Hafenmeister ja
Trzebież 4,52.-€ nur Strom nein unbek. unbekannt unbekannt
Szczecin (PCE) 11,19.- € (40 zl) ja nein nein beim Marina Camping unbekannt
Stepnica 8,95.-€ nein ja nein unbekannt unbekannt
Kamp 9,00.- € nein ja unbek. nein unbekannt
Anklam (YCP) 9,00.-e nein ja nein nein 7. Nacht frei
Segelclub Wolgast (Dreilindengrund) 9,00.-€ nein ja nein nein unbekannt
Kröslin 16,20.-€ ja nein nein Ja, gutes Netz! Marina Verbund Ostsee: Rabatt
Gager 13,00.-€ ja nein nein im Restaurant "Alte Bootswerft", 2 €/24 h unbekannt
Lauterbach 15.- € nein ja ja ja, schwaches Netz! Verbilligung mit Im-Jaich-Karte
Marina Neuhof 14.-€ nein ja nein WLAN dem Namen nach! Marina Verbund Ostsee: Rabatt
City-Marina Stralsund 15,40.-€ nein ja ja ja, aber langsam! unbekannt
Zingst - Hafen Kloss 10.-€ nein ja ja nein! nein, Kurmittelabgabe
Barther Yachtservice 11,44.-€ nein ja ja gutes WLAN!  
Neuendorf (Hiddensee) 13,50.-€ nein 2,00.-€/Nacht unbek. nein! Kurmittelabgabe 1,50.-€/p.P.
Ralswiek 12,60.-€ nein 2,50.-€/Nacht unbek. nein!!!  
Kloster (Hiddensee) 13,50.-€ nein 50 Ct/kWh ja nur im Ort (Gasthof)
oder Telekom-Hotspot
Kurmittelabgabe 1,50.-€/p.P.
Hohe Düne (Warnemünde) 16,00.-€ ja nein ja kostenlos! Kurmittelabgabe
Kühlungsborn 16,80.-€ ja nein nein 30 Minuten kostenlos, darüber hinaus kostenpflichtig Kurmittelabgabe 2,50.-€/p.P.
Heiligenhafen 13,50.-€ nein ja nein WLAN kostenpflichtig und langsam  

Strom extra: in der Regel 50 Ct/kWh, Wasser: 50 Ct/50 Liter Wasser

Was noch zu sagen wäre:

Über 402 Seemeilen sind wir dieses Jahr gefahren, davon ein guter Teil mit Motor, weil der Wind zu schwach war, aus der "falschen" Richtung kam oder die Fahrwasser uns zu eng erschienen. Dabei sind wir insgesamt fünf Mal auf Sandbänken oder Moderhaufen aufgelaufen, einmal musste uns die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) herunterholen. Das hat uns bis jetzt 300 Euro gekostet. Sonst sind keine weiteren "Unfälle" geschehen, keiner ist ins Wasser gefallen oder verletzt worden. Meistens hatten wir viel, viel Glück bei all dem, was hätte schiefgehen können.

Da wir aus 2013 und 2014 schon einen Großteil des Reviers kannten, bot sich für uns in landschaftlicher Hinsicht nicht so viel Neues dar. Andererseits hatte es auch seinen Reiz, sich in bekannten Gefilden aufzuhalten. Neu war auf jeden Fall die Fahrt auf der Oder nach Stettin und das Erfahren eines Teil von Polen überhaupt. Wir haben viele Leute kennen gelernt, davon nicht wenige auch intensiver. Die Gespräche mit ihnen waren meist eine große Bereicherung und Erweiterung und boten uns viel Gesprächsstoff.

Wettermäßig war eigentlich nur der August so, wie wenn man es von einem Segelsommer erwartet. Bis auf einige heiße Wochenenden war der Mai, der Juni und teilweise auch der Juli zu kalt, zu regenreich, oft mit viel Starkwind- oder Sturmtagen. Auch wenn das Wetter im Binnenland oft anders war. Da wurde ja oft von einem "heißen" Sommer berichtet.

Einige Häfen werden wir auf jeden Fall wieder ansteuern, wenn wir nach Meck-Pomm oder weiter ostwärts kommen, einige andere auf jeden Fall nicht: Stepnica mit seinem Stichkanal wird uns in Erinnerung bleiben, während man Trzebież lieber vergessen sollte. Unvergessen bleiben auch die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek, aber ob sie künftig ein "Muss" werden? Unvergessen in negativer Hinsicht bleibt auch das Speedboot-Treffen in Ueckermünde, dafür haben wir beide kein Verständnis.

Diese Darstellung ist auf jeden Fall nicht vollständig, das eine oder andere wird noch ergänzt werden müssen.

Unsere tatsächliche Reiseroute


Abb. 45:  Das Ende der Reise: Von Kühlungsborn nach Heiligenhafen

Abb. 43: Der Beginn der Reise: Von Ueckermünde nach Stettin

Abb. 44: Der Mittelteil: Ueckermünde bis Kühlungsborn

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update: 19.10.2018                                                                                                                                                                                   zurück zur Hauptseite