Törnbericht 2013: 
Bis Rügen und zurück

 

Inhaltsverzeichnis

Fr., 12.07.2013 Moers-Lübeck

Sa., 13.07.2013: Lübeck-Boltenhagen

So., 14.07.2013: Boltenhagen-Kühlungsborn

Mo., 15.07.2013: Kühlungsborn-Vitte: die Nachtfahrt

Di., 16.07.2013: Ankunft in Vitte

Mi., 17.07.2013: Vitte-Stralsund-Gustow

Do., 18.07.2013: Gustow-Seedorf

Fr., 19.07.2013: Seedorf-Greifswald

Sa., 20.07.2013: Greifswald-Gustow

So., 21.07.2013: Ankommens- und Ruhetag in Gustow

Mo., 22.07. Lebensmittelbestellung: Was man so braucht an Bord

Di., 30.07.2013: Gustow-Greifswald

Do., 02.08.2013: Greifswald

Sa., 03.08.2013: Greifswald-Freest

So., 04.08.2013: Freest-Kröslin

Mo., 05.08.2013: Besuch in Peenemünde

Di., 06.08.2013: in Kröslin

Mi., 07.08.2013: Kröslin-Thiessow

Sa., 10.08.2013: Thiessow-Stahlbrode

So., 11.08.2013: Stahlbrode-Altefähr

Fr., 16.08.2013: Altefähr-Barhöft

Sa., 17.08.2013 bis Mo., 19.08: in Barhöft

Di., 20.08.2013: Barhöft-Warnemünde

Do., 22.08.2013: Warnemünde - Kühlungsborn

Fr., 23.08.2013: Kühlungsborn - Großenbrode

Sa., 24.08.2013: in Großenbrode

Mo., 26.08.2013: Reparaturtag bei Jan-Segel

Di., 27.08.2013: Großenbrode-Neustadt

Mi., 28.08.2013 Neustadt

Fr., 30.08.2013: Neustadt-Lübeck

Sa., 31.08.2013: Lübeck-Moers

Was noch zu sagen wäre

Was es sonst noch gibt: interessante links

 

 

 

Teil 1 der Reise: Von Lübeck bis Gustow

Fr., 12.07.2013 Moers-Lübeck

Das fängt ja gut an, denke ich, als nach wenigen Kilometern auf der A40 bei Duisburg der Stau anfängt, am Freitag, den 12. Juli, nachmittags um halb drei, zu Beginn der rush hour, der Zeit, in der man auf den Straßen NRW´s sowieso nicht unterwegs sein sollte. Aber wir hatten uns verabredet, Ulrich und ich, um in einer 9-Tage-Tour die Segelyacht „de Widzi“ in die Gewässer um Rügen zu bringen, dem diesjährigen Urlaubsziel und -fahrtgebiet meiner Frau und mir.

Und ich sollte ihn um vier Uhr an seinem Wohnort abholen, wo er mit seinen sieben Sachen und den notwendigen Lebensmitteln bereit stände. Aber ob ich pünktlich komme? Auf der Autobahn geht nichts mehr, alle paar Minuten ein paar Meter vorwärts, das ist alles. Ein Kabelbrand unter einer Autobahnbrücke in Oberhausen-Lirich sei die Ursache, so höre ich später im Verkehrsfunk.
 

Unsere Fahrtroute:

Törnberichte

   
   
2019 Törnbericht 2019: Gotland
2018 Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht: Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee-Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
  Sommertörn Ostsee
2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
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Abb. 1: Hinreise von Travemünde über Boltenhagen, Kühlungsborn, Vitte, Gustow, Seedorf, Greifswald, Gustow
Abb. 2: von Gustow über Greifswald, Freest, Kröslin, Thiessow über Stahlbrode nach Altefähr und dann nach Barhöft, von dort den langen Schlag nach Hohe-Düne, über den Teich nach Großenbrode und zurück über Neustadt nach Lübeck


       Bei der ersten Abfahrt Richtung Stadtmitte fahre ich raus, in der Hoffnung, über die A59 und die A42 nach Bottrop zu kommen. Der Plan scheint aufzugehen, auch wenn „Katrin“, meine Navi-Pilotin, immer wieder meckert: „Neuberechnung der Route“. Inzwischen ist die Autoflut jedoch auch auf der A59 angekommen, zäh fließt der Verkehr Richtung Norden, aber er fließt immerhin noch, während auf der A40 Richtung Kaiserberg alles still steht. Noch ein paar Meter, dann die Ausfahrt auf die A42, und da geht es endlich voran, wenn auch mit dem Tempo, das einem Freitagnachmittag angemessen ist. „Katrin“ findet endlich das Ziel, und so steh ich kurz vor drei vor Ulrichs Tür. Ich habe Glück gehabt, nur eine halbe Stunde später losgefahren hätte sich auch auf der A59 und der A42 nichts mehr bewegt - und das bis abends um sieben Uhr. Komplett-Stillstand rund um Duisburg-Oberhausen: es fehlen mir die Worte!

Überraschung im Gesicht und ein gewisses Grinsen: so bald hat Ulrich mich nicht erwartet. Entsprechend auch sein erster Kommentar an der Tür: „Du kommst ja viel zu früh!” Aber die Freude steht im trotzdem im Gesicht geschrieben. Deswegen gibt es auch erst mal Cafélatte mit selbst geschäumter Milch.  Und eigens gebackener Kuchen von seiner Lebensgefährtin und eigentlich zum Mitnehmen aufs Schiff gedacht. Und das alles im angenehmen Ambiente des gepflegten Garten.

Monate vorher war diese Tour abgesprochen, auch der Zeitpunkt konkret, wann wir nach Lübeck aufbrechen wollten. Ein Woche konnte er sich beruflich freimachen, in der Zeit einschließlich Wochenende musste die insgesamt 139 Seemeilen lange Reise bis Rügen/Stralsund geschafft sein.
Hauptsächlich das lange Stück an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns entlang, von Warnemünde bis Barhöft, dem nördlichen “Eingang” zu den Boddengewässern, circa 55 sm, hatte meiner Frau Sorge bereitet. Eine ausgedehnte Tagestour, die gewiss anstrengend werden würde. „Mach́ das doch mit Ulrich” war ihre Lösung des Problems. Aber es würde anders kommen, als bis dahin gedacht!

......

Nachdem wir unsere Ausrüstung auf das Boot verladen haben, gehen wir noch essen, zum ersten Mal bin ich in einer Lübecker Studentenkneipe. Ich wundere mich, mit welcher Sicherheit Ulrich durch die Straßen der Altstadt läuft. Es macht den Eindruck, er hätte da schon jahrelang gelebt. Aber er kennt die Stadt als Ausgangspunkt von Touren mit anderen Segelfreunden. Mit Tagliatelle, Lachs und Lauch, eingeladen von Ulrich, schließen wir den Abend ab. Später am Abend wird das Essen Anlass für einen erfolgreichen Toilettengang. Nach diesem arbeits- und ereignisreichen Start wechseln wir noch einige Worte, um die Zeit seit unserem letzten Törn etwas in Erinnerung zu rufen. Ulrich freut sich vor allem auf das Segeln, ich habe den Eindruck, keine Strecke kann ihm lang genug sein und kein Wind zu stark oder zu schwach. Mit Begeisterung erzählt er von vergangenen Touren. Ich denke an mein Alter: ob ich da noch mithalten kann? Und muss ich das? 15 Jahre sind schon ein Unterschied in der Art und Weise, man die Dinge sieht und wie man sie lebt!
.......
 

Sa., 13.07.2013: Lübeck-Boltenhagen

Der Tag fängt „früh“ an, das heißt bei uns um 8 Uhr. Nach dem Frühstück und der ausführlichen Version der Morgentoilette geht es Richtung ALDI, die letzten Lebensmittel einkaufen. In einigen Stunden ist alles an Bord und verstaut und wir beginnen, das Boot klarzumachen, also die Genua-Persenning abzuziehen, die entsprechenden Schoten zu legen, das Großsegel anzuschäkeln, und den Rest des laufenden und stehenden Gutes nochmals zu überprüfen. Kurz vor 12 Uhr ist auch im „Salon“ alles unter Dach und Fach, die Seeventile geschlossen, die Rettungswesten liegen in der Plicht bereit und die Sonne scheint einigermaßen.

Der Haupttank ist voll, so dass wir gegebenenfalls ca. 17 Stunden auch motoren könnten. Aber wir wollen ja segeln! Schließlich sind wir nicht „ein als Segelyacht getarntes Motorschiff”, wie Ulrich es auszudrücken pflegt, wenn er auf all die Segler deutet, die bei Wind die Lappen unten haben. Und so wird pünktlich um zwölf der Motor angeworfen und eine viertel Stunde später verlassen wir die Marina am Stau und sind auf der Trave Richtung Travemünde.
Die Wettervorhersage von morgens um 8 Uhr sagt uns West- bis Nordwestwind Stärke 3-4, zunehmend 5 Bft, westdrehend voraus, die See soll 1,5 m betragen. Für unser 1. Ziel, Boltenhagen, genau die richtige Richtung, und auch für das Boot etwas, was Tempo macht. Obwohl: Über das Ziel sind wir uns noch gar nicht so im klaren. Zur Diskussion stehen neben Boltenhagen auch Timmendorf oder Rerik, für mich alles erst mal böhmische Dörfer, während Ulrich sie zu kennen scheint. Den Ausschlag gibt die Tankstelle: Boltenhagen hat eine und die anderen nicht. Und: Timmendorf oder gar Rerik ist mir zu lang. Erst mal klein anfangen, auch wenn es nicht der erste Segeltag in dieser Saison ist.
 

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Circa eineinhalb Stunden nach dem Ablegen erreichen wir Travemünde, wo wir unbehelligt vom Fährverkehr quer über die Trave den Eingang zur Ostsee erreichen. Eine entgegen-kommende Finnlines-Fähre passieren wir in gebührendem Abstand. Nach Passieren der Hafenmole werden in der Travemünder Reede beide Segeln gehisst, und die Maschine abgestellt. Es ist nur ein kurzes Stück - so scheint es- bis zur zurück zum Inhaltsverzeichnis
Abb. 3: Besser nach steuerbord ausweichen!  
Marina Boltenhagen in der Wohlenberger Wiek, dem westlichen Teil der Wismarbucht, aber auch nicht ganz ohne. Schließlich müssen wir durch das Offentief, zwischen den beiden Flachs Lieps südwestlich und Hannibal nordöstlich. Von dort geht es zum Krakentief, entlang dem Sechser-
grund und Mittelgrund, um dann im Mittelgrund Süd fast westlich nach Boltenhagen abzudrehen. Bevor es „gefährlich” wird, geht Ulrich erst mal eine Runde schlafen. Offensichtlich hat er genug Vertrauen in mich, dass ich mit der Lage und den seglerischen Anforderungen fertig werde. Ich genieße derweil den Wind und die Wellen, beide in ihrer Stärke abnehmend.

      Nach ein ein viertel Stunden geht uns der Wind aus, Flaute kehrt ein. Beide Segel wieder runter und Motor an, heißt es nun. Kurz nach sechs erreichen wir den Schwimmsteg in Boltenhagen, legen an, vertäuen das Boot, legen den Strom und räumen auf, was jedesmal nach dem Segeln anfällt: das Großsegel muss ordentlich gefaltet und „eingetütet” werden, das Vorsegel gegen den Wind geschützt werden, die Rettungswesten kommen wieder unter Deck usw.

      So haben wir unseren ersten Streckenabschnitt mit 29 sm hinter uns gebracht, relativ ruhig, eher zu ruhig, aber die Ostsee kann auch anders. Boltenhagen selbst: ein Segelhafen vom feinsten. Alles macht einen ziemlich neuen Eindruck, die sanitären Anlagen bekommen die Note 1+. Allein die Waschtische - aus Porzellan, in einem langen Holztisch eingefasst mit genügend Abstand voneinander - oder die Duschen - zwei große Kabinen, die Kleider bleiben trocken - einfach super! Endlich mal wieder wirklich heißes Wasser, und das ohne Ende! Ich genieße es in vollen Zügen und denke nicht an den Preis, den wir in keinem anderen Ostseehafen bezahlt haben. Und wie in jedem großen Hafen: weite Wege zu den Toiletten und Duschen bzw. zum Hafenmeister. Was nicht schlecht sein muss: wenn man auf der Fahrt viel sitzt und oft in gebückter Haltung steht, genießt man das freie Laufen an Land.

      Nach dem Abendessen - es gibt Gemüseeintopf mit Fladenbrot, Ulrich kocht und ich wasche ab - planen wir. Das heißt, außer unserem „Endziel“ Rügen haben wir bisher noch nichts genauer geklärt. Sollen wir morgen nach Rerik, einem kleinen Hafen im Salzhaff von Wustrow? Und dann am Sonntag nach Kühlungsborn oder sogar bis Warnemünde? Am Dienstag könnten wir von Warnemünde bis Barhöft, die lange Strecke fahren. Oder über Gedser, den Hafen an der Südspitze der dänischen Insel Falster, das wären dann zwei Strecken, insgesamt länger, aber eben auf zwei Tage aufgeteilt. Und der Mittwoch bliebe für die Strecke Barhöft-Stralsund, oder vorher noch rund um Rügen? Wir wissen es nicht und die Diskussion bleibt ohne Ende.
 

So., 14.07.2013: Boltenhagen-Kühlungsborn

     Am nächsten Morgen wiederholt sich das Procedere vom Vormittag, allerdings haben wir nun schon etwas Routine. So starten wir bereits kurz vor halb zehn den Motor, nachdem alles vorbereitet ist, und fahren hinaus aus dem Wohlenberger Wiek, Richtung Kühlungsborn. Nach 10 Minuten steht bereits die Genua, die wir bis kurz vor halb drei oben haben. Die Karte führt uns zurück bis zum Krakentief, von dort geht es südlich der Untiefe Hannibal in nordöstlicher Richtung an der Halbinsel Wustrow entlang zum Trollegrund. Ab dort in östlicher Richtung bis Kühlungsborn. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir nicht wissen, ob uns nicht das Wetter irgendwo festhält, und wir dann unser Ziel nicht erreichen. Schließlich sind wir ja in einem gewissen zeitlichen Rahmen festgehalten.

     Der Westnordwestwind Stärke 5 bis 6, in Böen 7 Bft, erlaubt es uns, ohne Großsegel nach Kühlungsborn zu eilen. Knapp fünf Stunden später werfe ich die Maschine an, um in den Hafen einzufahren. Ein Segeltag mit viel Wind und wenig Sonne, es ist nicht gerade berauschend warm, aber unsere Kleidung hält den frischen Wind auf dem Wasser gut ab. 20 Minuten später sind wir vertäut, der Strom wird gelegt und die Segel aufgeklart. Fast 5 Stunden sind wir gesegelt und nur mit der Genua haben wir 5 bis 6 Knoten gemacht, eine beachtliche Leistung für unser kleines, aber nicht gerade leichtes Boot. Der Seegang war schon ganz schön, die See 1-2 m hoch, also nach meiner Schätzung mindestens Stärke vier. Aber mit den Einschätzungen des Seegangs und der Wellenhöhe ist es ja so eine Sache, so viel Erfahrung habe ich noch nicht, um das in der Ostsee genau einzuschätzen.
 

     Den Nachmittag nutzen wir bei inzwischen Sonnenschein, weniger Wolken und etwas wärmerer Luft zu einer Bahnfahrt mit der „Molli“ nach Bad Doberan, wo wir uns das alte Zisterzienserkloster anschauen. „Molli“ ist eine Dampflokomotive mit Waggons aus den dreißiger Jahren. Vor allem beeindruckt mich, wie viel Ruß und
Abb. 4: Lokomotive Molli erinnert an alte Zeiten
Kohlenstaub sie ausstößt. Die Emissionen hochgeschätzt auf den Verkehr der Deutschen Bahn: wir hätten in Deutschland nur noch rauchige Luft mit entsprechend viel Kranken. Meine Arbeitsjahre aus dem Umweltschutz kommen wieder durch. Dabei bin ich doch nur zum Segeln da! Was der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern dazu sagt, haben wir leider nicht erfahren. Im Interesse der Nostalgie für Touristen wird hier eine ziemliche Luftverschmutzung in Kauf genommen. Zum Glück fährt „Molli“ viel im Wald, die Strecken sind nicht all zu lang, aber dafür fährt sie den ganzen Tag!
      Da wir nur wenig Zeit haben, fällt der Besuch in Bad Doberan und dem ehemaligen Kloster kurz aus, leider zu kurz, um sich genauer mit diesem Ort auseinanderzusetzen. Wir wollen nämlich wieder zurück nach Heiligendamm, um dort die Stätten des G20-Gipfels von 2007 aufzusuchen. Schließlich hatte dieses Treffen der Staats- und Regierungschefs mit seiner breiten Protestbewegung und den
Abb. 5: Was soll man dazu sagen - besser nichts!
umfangreichen  „Sicherheitsvorkehrungen” eine gewisse Berühmtheit erlangt. Nach Besichtigungder noblen Tagungshotels und des feudalen Ambiente bleibt noch etwas Zeit, um die Strandpromenade aufzusuchen und die Kite-Surfer zu bewundern. Ulrich testet das Ostseewasser, wenigstens bis zu den Füßen. Mir ist das alles zu kalt, ich schau lieber zu und mache ein paar „historische” Fotos an diesem historischen Ort. „Molli“ bringt uns dann nach Kühlungsborn zurück, und passenderweise liegt auf dem Weg vom Bahnhof zum Hafen der Supermarkt, in dem wir unsere Lebensmittel wieder ergänzen.

      Am Abend wiederholt sich unsere Debatte vom Vortag: wo fahren wir morgen hin, welche Alternativen gibt es, wie lange dauern welche Strecken, wie ist das Wetter und wie wird es in ein oder zwei Tagen sein.
Nach einiger Arbeit mit dem Stechzirkel und den Seekarten steht fest: nach Warnemünde sind es nur 12 sm, bis Rostock nochmals 7, also eigentlich ganz recht für einen Tag. Andererseits kommen diese 7 sm, das sind dann ca. eineinhalb Stunden Fahrt mit dem Motor wieder dazu, wenn wir nach Barhöft wollen. Warnemünde bzw. Rostock ist der letzte Hafen vor der langen Strecke! Von Warnemünde bis Barhöft sind es mindestens 50 sm, also mindestens 10 bis 11 Stunden Fahrt, was ganz schön anstrengend werden kann. Und wir sind nicht mehr die Jüngsten!! Also, was sollen wir tun? An diesem Abend kommen wir wieder zu keinem Ergebnis, das uns beide zufrieden stellt, und wir vertagen die Debatte bis morgen. Wieder spüre ich den Altersunterschied: „kleine Häppchen” gegen lange Strecken, „Sicherheit” gegen eine gewisse Risikofreude. Aber auch meine Verantwortung: ich bin der Kapitän und muss letztlich für alles gerade stehen. Gerade auch, wenn man etwas als „jugendlichen Leichtsinn” qualifizieren würde.

 

Mo., 15.07.2013: Kühlungsborn-Vitte: die Nachtfahrt
 

       Noch am Vormittag reift die Entscheidung: Ulrich‘s Plan A sieht vor, heute nacht per Nachtfahrt von Kühlungsborn bis nach Vitte auf der Insel Hiddensee zu segeln. Das bedeutet: am frühen Abend los segeln und dann die Nacht durch, in Wachen von 2 Stunden.
Oder Plan B: morgen früh bis Darßer Ort, nachdem der Stegnachbar  „gehört” hat, dass
Abb. 6: Mastengewimmel in Kühlungsborn
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Ort als Hafen ab Mittwoch „benutzbar” sein würde. „Es würden schon die Tonnen verlegt“, meldet der Buschfunk. Auf schöne Nachrichten kann man sich nicht unbedingt verlassen, so viel haben wir beide schon gelernt und vertrauen deswegen auch nicht auf Darßer Ort. Es ist und bleibt - wenn überhaupt - ein Nothafen, d.h. bei Sturm oder in anderen Notfällen. Haben wir einen Notfall vor uns? Sind 10-11 Stunden Segeln oder auch einige Stunden mehr eine Notlage? Wir entscheiden uns für die Nachtfahrt und nutzen den Tag, um alles vorzubereiten, unter Deck und über Deck. Eine Nachtfahrt - das ist neu für mich. Weder auf dem Ijsselmeer oder in der Nordsee - sieht man von der Überführung 2010 ab - habe ich bisher so etwas mitgemacht. Und ich weiß, dass ich dem Schiff vertrauen kann. Andererseits kenne ich es, wie es ist, eine Nacht durchzumachen, durch zu arbeiten oder einfach auf zu bleiben: der nächste Tag ist dann gelaufen! Ich stehe neben mir und komme mir mehr wie ein „Zombie” vor. Bedingung für mein Einverständnis ist, am nächsten Morgen in Vitte einen Tag Ruhe einzulegen. Für Ulrich kein Problem, und so sind wir uns einig. Der Haupttank wird wieder aufgefüllt, die Ersatztanks werden an der Tankstelle befüllt. Immer wieder geht mein Blick über das Schiff: gibt es irgendwo Schwachstellen, die ich bisher verschlampt habe? Kann ich das stehende und laufende Gut als sicher einschätzen? Was ist, wenn der Wind zunimmt und es richtig unangenehm wird? Was ist mit dem Motor? Nach und nach stellt sich Klarheit ein: der Motor hatte eine gute Inspektion und hat mich noch nie im Stich gelassen, laufendes und stehendes Gut wurden ja beim letzten Maststellen wieder in die Hand genommen. Es müsste eigentlich alles gut gehen, wenn auch immer ein gewisses Restrisiko und eine gewisse Restangst bleibt. Aber das ist vielleich auch gut so. Das Wichtigste ist: ich habe genügend Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen und mich mental auf die Situation einzustellen.

      Beim Tanken steht dann auf einmal „Moderne” gegen alte Vorstellungen: angeblich könne man hier, in Kühlungsborn, keine Ersatzkanister auffüllen, weil das gegen die Vorschriften verstoße. Welche Vorschriften? Mit viel Geduld gelingt es Ulrich, den Hafenmeister zu überzeugen. Das war das einzige Mal auf der ganzen Tour, wo etwas angeblich nicht ging. Wir haben uns nur gewundert, was 24 Jahre nach der Wende noch möglich ist. Aber vielleicht hat es damit ja auch gar nichts zu tun.

      Nach ausführlichem Studium der Wetterberichte - schließlich gehen wir kein Risiko ein! - sind wir beruhigt: ein Hochkeil von den Britischen Inseln sorgt für freundliches bis schönes Wetter mit Sonnenschein, es gibt keine Warnungen. Der Nordwester soll mäßig wehen, mit Böen. Es sind 1,5 m See vorausgesagt, Nordwest bis West, Stärke 4-5, etwas abnehmend. Das klingt alles ganz prima, aber wir machen zur Vorsicht doch ein Reff ins Groß-segel, man kann ja nie wissen.
Die ganze Strecke bis Vitte auf Hiddensee beträgt ca. 67 sm, also einiges mehr als „nur“ bis Barhöft.
 
     Nachdem unsere Checkliste den Nachmittag über abgearbeitet ist, kann es kurz nach 7 Uhr abends losgehen. Nach dem Start um viertel nach sieben haben wir 20 Minuten später die Genua auf und das Großsegel hoch gezogen.  Mit stetigem raumem bis achterlichen Wind  fährt unser Boot 5-6 Knoten ostwärts, in einen langsamen Sonnenuntergang hinein. Auch nachdem die
Abb. 7: Die Minuten vor dem Sonnenuntergang
 Sonne gegen 22 Uhr verschwunden ist, bleibt es noch ein ganze Weile hell.  Weil ich fotografieren will, übernehme ich die Wache und Ulrich legt sich unten hin. „Ich bin dann mal weg“, so sein Standardspruch. Das Schiff segelt einigermaßen ruhig vor sich hin, bei diesem Wind aus dieser Richtung etwas rollend, vor allem, wenn die Wellen schneller sind und  sich unter dem Rumpf durchschieben. Dann geht es ungefähr einen Knoten schneller, um anschließend etwas abzustoppen, bis die nächste Welle kommt.
      Eine gefühlte halbe Stunde später ruft mich Ulrich aufgeregt an Deck: einige Lichter in der näheren Umgebung rühren vermutlich von Fischdampfern her, die hier umherfahren. Wir beobachten angestrengt die Szenerie, wobei in der Dunkelheit und bei gleichzeitig schlechten Licht der „Mitspieler” schwer auszumachen ist, was eigentlich passiert. Allmählich klärt sich die
Abb. 8: Nur noch Sekunden!
Lage, man sieht nur noch ein weißes Licht, keine Seitenlichter und nach einiger Zeit ist auch dieses Licht verschwunden. Zum Glück hatten wir in der Vorbereitungsphase in der Mittagszeit eine „angeregte” Diskussion über “Grenzkursberechnung”: auf welchem Kurs sieht man mit welcher Seitenpeilung die Lichter eines entgegenkommenden Schiffes, wenn man die Sektorengröße der Seitenlichter berücksichtigt? Mit Hilfe der umfangreichen Bordliteratur - von wegen „alles überflüssig”! - war dann unser Bewusstsein für die Situation irgendwie “angeschärft”, auch wenn sich die Lage später von alleine entspannte. Ulrich geht danach wieder „schlafen“, nach dem sich die Aufregung gelegt hat und ich übernehme die weitere Wache.

      Gegen ein Uhr nachts ist auch die letzte Helligkeit verschwunden, es ist stockduster und nur gelegentlich kommt ein wenig Licht des halben Mondes durch die Wolken. Der Himmel hat sich ziemlich zugezogen, der Wind zugenommen und die Wellenhöhe auch. Dabei sollte doch laut Voraussage die Windstärke abnehmen! Ständig kommt Gischt von der Seite heran, ich sitze auf der Luv-Seite und schaue zu, wie die Wellen unter dem Schiff durchrauschen. Hin und wieder werfe ich einen Blick nach hinten, behindert von der Kapuze meiner Segeljacke, um nach größeren Wellen Ausschau zu halten, die ich dann aussteuern will. Aber in der Dunkelheit sieht man nur eine größere oder auch kleinere Wand heran rauschen und schon ist die Welle unten durch. Alle 10 Wellen etwa scheint eine größere zu kommen, ich spüre die Kraft, mit der sie sich nähert. Sie kommt daher und gleitet unter dem Schiff durch, wie wenn da nichts wäre. Wie wenn wir nicht da wären. Ich bekomme so etwas wie Demut in den Sinn, und merke, dass wir beide und das Schiff so etwas von egal sind für die See, wie es nur egal sein kann. Ohne Grenze. Wenn wir jetzt untergehen würden, es wäre für das Meer ohne jeden Belang. Umso mehr ein Grund, der See gegenüber Respekt zu empfinden. Ohne Angst, einfach nur Respekt! Ulrich „schläft”, ich bin allein mit meinen Gedanken.
     Weil der Kompass zu schwach beleuchtet ist, nehme ich Ulrichs Kopflampe, was ziemlich unbequem ist. Ich starre auf den Kompass und bekomme meine Umgebung nicht richtig mit. Ein kleines LED-Licht, das an der Sprayhood befestigt wurde, konnte nur so lange verwendet werden, bis der Halteclip abbrach. Zumindest einigermaßen versuche ich den Kurs zu halten, wobei ich feststelle, dass die Yacht ganz gut ausgetrimmt ist. Hin und wieder, d.h. so nach ca. einer halben bis einer Minute, muss ich den Kurs korrigieren, ich kann aber auch lange das Steuer loslassen, bis de Widzi ganz langsam in den Wind dreht. Zum Glück leuchtet das GPS stark genug und wir sind auf offener See und müssen nicht zwischen irgendwelchen Tonnen umher navigieren.

      Wind und Wellen nimmt weiter zu, inzwischen, d.h. nachts um ca, ein Uhr, haben wir mindestens 6 Bft, und wir entschließen uns, das Vorsegel zu reffen. Mit Hilfe der zwei Reffmarken haben wir einen Anhaltspunkt, wie weit Ulrich an der Rückholleine ziehen muss. Zum Ausgleich haben wir nun weniger Schräglage bei in etwa gleicher Geschwindigkeit. Da der Wind immer mehr nach achterlich dreht bzw. wir mehr nördlicher fahren, entschließen wir uns einige Stunden später, die Genua ganz rein zu holen. Es ist inzwischen irgendwo zwischen 4 und 5 Uhr morgens. Ziemlicher Druck lastet auf dem Segel, als es eingezogen wird. Aber die Technik und das Material hält den Anforderungen stand, es klappt ohne Probleme. Nun ist das Großsegel weit geöffnet und muss den ganzen Winddruck aushalten, auch wenn es schon im 1. Reff ist. Aus Angst vor einer Patenthalse - Ulrichs Trauma Nr. 1, immer wieder beschworen, wenn wir mit achterlichem Wind segeln - diskutieren wir, eine provisorische Bullentalje an zu bringen, die man jederzeit wieder kappen kann. Mit Hilfe einiger Enden wird sie steuerbordseits zwischen Baumende und Relingsleiste angebracht. Ulrich krabbelt mit Rettungsweste und life-belt gesichert auf das Deck, um die Talje anzubringen. Ich bin heilfroh, als er wieder in der Plicht sitzt! Bei diesem Seegang ein Mann-über-Bord-Manöver durchzuführen: ich mag es mir gar nicht vorstellen.
........

     Irgendwann gegen Mitternacht passieren wir den Leuchtturm von Darßer Ort. Er ist gut erkennbar und wir wissen, dass wir in einem ziemlichen Bogen um das dort liegende Riff herumfahren müssen. Es ist schon manchem Segler, der „schnippeln” wollte, zum Verhängnis geworden.
Weiter geht es an der Küste von Zingst entlang, von der wir aber in der Dunkelheit und wegen des zunehmenden Abstandes nicht viel mitbekommen. Immerhin kann man einige Lichter aus Zingst in der ziemlichen dunklen Nacht erkennen. Wir wollen ja an die Nordspitze von Hiddensee, um in Vitte festzumachen.

     Gegen vier Uhr beginnt es langsam aufzuhellen. Der erwartete Sonnenaufgang findet hinter einer meist geschlossenen Wolkendecke statt. Es wird diffus heller, aber zum Fotografieren kein Motiv! Inzwischen sind wir fast auf der Höhe von Barhöft, haben aber noch das ganze Stück bis zur Nordspitze von Hiddensee vor uns. Der Wind bzw. Seegang nehmen nicht ab, es weht gleichmäßig 6 Bft, in Böen bis 7. Selbst als wir den Leuchtturm Dornbusch erreicht haben und in das Fahrwasser zwischen Hiddensee und der Halbinsel Bug einfahren, also in den Vitter Bodden, nimmt der Seegang nicht ab. Ich werde in meiner Hoffnung enttäuscht, es würde nun „ruhiger” werden, denn schließlich erreichten wir doch die Boddengewässer. Vielleicht hatte ich mir sie eben mehr wie ein Binnensee vorgestellt und dabei die Umgebung, die Ostsee, „vergessen”. Aber man lernt nie aus und das macht ja auch beim Segeln mit den Reiz aus.
Gleich zu Beginn müssen wir den Tonnenstrich finden, zwischen dem „Ausleger” Neubessin und Bug gibt es etliche Untiefen, wie das Hahnentiefschaar, und danach im Vitter Bodden.
 

Di., 16.07.2013: Ankunft in Vitte

     Gegen halb sieben morgens machen wir den Motor an und holen das Groß runter. Inzwischen hat es sich etwas aufgeklart, die dunklen grauen Wolken sind weg und haben wenigen weißen Platz gemacht. Die Sonne scheint und allmählich wird es auch wärmer.

     Kurz vor 8 Uhr legen wir in Vitte an, nachdem wir die schmalen Fahrrinnen in Richtung Kommunalhafen und dann zum Yachthafen Lange Ort durchsteuert haben. Es ist eng hier, und wenn einer entgegenkommt, vor allem ein Ausflugsdampfer, heißt es besonders aufpassen. Manchmal ist die Wegbreite nicht einmal eine Schiffslänge groß! Wegen der Untiefen auf beiden Seiten fahren wir langsam, wir wollen nicht ruckartig gestoppt werden.

Aber es geht alles gut und nach einigem Suchen finden wir auch noch ein Plätzchen. Der Hafen ist eigentlich pickepacke-voll, aber um diese Zeit fahren ja auch immer wieder welche raus, die uns dann Platz machen. Ich möchte nicht spätnachmittags um sechs
Abb. 9: Vitte, alles belegt!
Uhr da ankommen, da gibt es bestimmt keine freie Bucht mehr. Einige Boote haben sogar längsseits zwischen zwei oder drei Dalben festgemacht, da erfordert natürlich der Landgang ein bisschen akrobatische Beweglichkeit.
.......

     Über 12 Stunden hat unsere Überfahrt gedauert, davon sind wir fast die ganze Strecke gesegelt. Müde und gleichzeitig aufgekratzt sinke ich erst einmal in die Falle, auch Ulrich legt sich für einige Stunden aufs Ohr.
 
      Am Nachmittag besuchen wir den Fischereihafen, essen eine Kleinigkeit und bestaunen in den Campingstühlen des Lokals sitzend den Trubel, der hier herrscht. Es tut gut,  die getane Arbeit zu genießen und den Leuten einfach zu zu schauen und sein kühles Bier zu trinken, mit einer gewissen Müdigkeit hinter den Augen und im Bewusstsein, dass man heute nichts mehr bringen muss. Hier im
Abb. 10: Vor der Fischbude ist nach der Fischbude!
Fischereihafen herrscht geschäftige Betriebsamkeit, was sicher auch mit den vielen Ausflüglern zusammenhängt, die per Dampfer hier her gebracht werden. So sind die Lokale rund um den Hafen voll von Touristen. Wir gehören ja nicht dazu, weil wir uns das erarbeitet haben. So ist jedenfalls mein Gefühl.

Da es auf Hiddensee so gut wie keine Autos gibt, müssen andere Beförderungs-möglichkeiten her. Da gibt es Pferdekutschen, Fahrräder und zu Fuß: mehr ist nicht. Aber das sieht alles ganz lustig aus und auch die Radfahrer nehmen Rücksicht auf die Fußgänger, was auch „im Osten” nicht immer selbstverständlich ist.
 
       Nach dem Lunch im Fischereihafen gehen wir an den Strand, wo Ulrich sich wieder von seiner mutigen Seite zeigt und mit den Füßen ins Wasser geht. Mir ist das immer noch zu kalt, trotz des vollen Sonnenscheins und des blauen Himmels. Für die Anstrengung belohnen wir uns mit einem Sanddorn-Eis in einem Strandrestaurant. Danach geht́s wieder zum Supermarkt, wir
Abb. 11: Am Strand sieht die See anders aus
müssen schließlich auch was Festes zum Abendessen haben. Da Ulrich den Speiseplan im Kopf bzw. auf seinem Tablet- PC hat, ist er immer gut informiert, was eingekauft werden muss. Apropos Tablet-PC usw., aber ich glaube, das Thema lasse ich jetzt mal weg!
 

Mi., 17.07.2013: Vitte-Stralsund-Gustow

      Wie inzwischen Routine, stehen wir um 8 Uhr auf und sind bereits um viertel nach neun mit den Vorbereitungen für die nächste Fahrt startklar. Es soll nach Gustow gehen, einem kleinen, aber neuen Naturhafen Richtung Greifswalder Bodden, Richtung Stralsund. Zwar haben wir eigentlich auch Stralsund in unserem „Programm“, aber die City-Marina ist - wie sich nachher herausstellt - stark überlaufen und die Häfen auf der gegenüber-liegenden Seite sagen uns nicht so zu. Deswegen Gustow, am Beginn des Strelasund, etwas abseits gelegen, nach der Halbinsel Drigge.

 
     Der Wind kommt mit 3-4 Bft aus der richtigen Richtung, nur mit dem Vorsegel kommen wir an der Insel Hiddensee vorbei, immer steuerbords in Sichtweite. Es ist ziemlich eng im Trog durch den Schaproder Bodden, viele Segelboote und Ausflugsdampfer
Abb. 12: Im Schaproder Bodden
 kreuzen unseren Kurs. Wir halten uns genau an den Tonnenstrich. Ulrich bringt mir bei, immer wieder nach hinten zu gucken, ob ich auch genau in der schmalen Fahrtrinne bin. Was von vorne aussieht wie ein Kurshalten, kann von hinten anders erscheinen: auf einmal bin ich außerhalb der Rinne und laufe Gefahr, aufzulaufen. Den Versatz durch die Strömung kann man nämlich mit dem alleinigen Blick nach vorne nicht erkennen. Weiter geht es in den Mittelgrund, von dort aus in die Gellerhaken-Rinne. Backbords grüßen in Sichtweite die verschiedenen Zipfel von Rügen, der Hafen von Schaprode, die Insel Umanz. Danach geht es zwischen Prohner Wiek und Kubitzer Bodden in den relativ weiten Strelasund (nördlicher Teil), der uns nach Stralsund führt.
 
     Gegen halb zwei sind wir vor Stralsund, werfen den Motor an und machen im Innenhafen von Stralsund gegenüber dem historischen Hafenamt an einer Spundwand fest. Da alle Plätze in der City-Marina belegt sind, bleibt uns nur dieser Ort, um auf die Öffnung der Ziegelgrabenbrücke zu warten. Und das dauert. Die letzte Öffnung war um 12.20 Uhr, jetzt heißt es 4 Stunden warten, bis die beiden Brücken - Straße und Eisenbahn - wieder um 17.20 aufmachen. Das hat es in Holland selbst bei den Eisenbahnbrücken
Abb. 13: Stralsund - altes Hafenamt
nicht gegeben, so lange Wartezeiten. Sind eben doch flexibler, die Niederländer, den Segeltourismus betreffend.Da wir hier auf Legerwall liegen, d.h. der Wind uns gegen die Kaimauer drückt, passiert auch gleich der erste etwas unsanfte Zusammenstoß mit den Hartgummipolstern der Spundwand, wieder an der Steuerbordseite, die ja schon in Hamburg letztes Jahr so beansprucht wurde. Aber diesmal ist es nur ein leichter „Zusammenstoß“, nicht vergleichbar mit dem Unglück vor dem Bunkerschiff im Hamburger Hafen. Wir haben es noch nicht so ganz drauf, in solchen Situationen die Fender schnell auf die andere Seite rüber zu holen und mit einer Leine an der unteren Öse quer zu legen.
.......

 
      Inzwischen sammeln sich immer mehr Segelyachten und Motorschiffe um uns herum, sogar ein Wikinger-Nachbau mit einer Besatzung in Originalgewändern . Sie lagen auch den Nachmittag über vor uns an der Spundwand. Das wurde von uns leider gar nicht so richtig wahrgenommen, mehr über ihre „Mission" zu erfahren wäre bestimmt interessant gewesen. Im Juli 2012 ist so eine russisch-polnische Wikinger-Mannschaft mit ihrem Boot bei Windstärke 3 (!) vor Darßer Ort gestrandet und musste von den Seenotrettern derDGzRS in Sicherheit gebraucht werden. Vielleicht waren es diesmal ja diesselben Wikinger! Schon beeindruckend,
Abb. 14: Ziegelgrabenbrücke in Stralsund, immer wieder imposant!
wie sie dann mit Ruderkraft versuchten, durch die nur 20 Minuten lang offene Brücke zu kommen. Aber wie wir sahen, hatten sie es geschafft und fuhren dann mit Windkraft den Strelasund Richtung Greifswalder Bodden hinab.
     Um halb sechs sind wir dann im Naturhafen Gustow angekommen. Noch alles ziemlich neu und auch nicht ganz billig, aber sehr sehr ruhig. Bis auf ein kleines Bistro mit Hafenmeister keine Kneipe, die nächste Straße mit wenig Verkehr schon einige Meter weit weg. Und viel viel Raum, nur wenig Plätze an den vier Stegen sind belegt. Aber vor allem die Ruhe macht diesen Hafen einzigartig. Und daran ändern auch die Schnaken nichts, die pünktlich bei Windstille auftauchen. Das nächstemal
Abb. 15: Naturhafen Gustow, die Ruhe selbst
nehmen wir einfach einen Steg weiter seewärts, da ist der Abstand zu den Plagegeistern schon größer.

     Am Abend beginnt Ulrich wieder einer seiner Lieblingsthemen: „Weniger ist mehr”. So sehr ich diesem Satz im Grunde meines Herzens zustimme, so sehr komme ich auch in Widerspruch mit dem, was Ulrich darunter versteht: „Zu viel Zeugs, das ich nicht brauche, zu viele Bücher (siehe dazu die Grenzkurs-  bestimmungsdiskussion), zu viele Ersatzlampen usw. usf.” Er bezeichnet de Widzi als „schwimmendes Ersatzteillager”. Das Schiff sei absolut überladen. Und ich muss ihm recht geben: viele Geräte sind doppelt und dreifach vorhanden, z.B. Schoten oder andere Leinen, das GPS gibt´s nochmal in der Einfachversion, mehrere Lampen und Scheinwerfer usw. Werkzeuge in Hülle und Fülle, von den Aderendhülsen in verschiedenen Farben bis zur Kabelzange und Lötkolben: alles an Bord und alles schon mal gebraucht. Oder schon mal dagewesen, unwiderruflich ins Wasser gefallen und wieder neu angeschafft. Aber abgesehen davon, dass dieser „Ballast” noch nicht einmal 1 Prozent der Masse des Schiffes ausmacht, es ist eben ein Unterschied, ob man ein Schiff besitzt oder nicht und deswegen immer chartern muss. Und es macht einen Unterschied, ob man ein Schiff „nur” zum Segeln nutzt oder auch auf ihm wochenlang lebt. Und ich denke auch, meine 15 Jahre mehr auf dem Buckel lassen mich die Sache von vielen anderen Aspekten sehen. Aber wenn ich an meinen ersten Schwertzugvogel denke: da würde ich das alles auch nicht mitnehmen! Vielleicht meint er es auch nicht so streng, wie es aus ihm herauskommt.
 

Do., 18.07.2013: Gustow-Seedorf

    Am nächsten Morgen lassen wir uns Zeit, wir wollen nach Seedorf, auch ein kleiner, stiller, unauffälliger Hafen im Greifswalder Bodden, an der Südküste von Rügen.

     Mit einem Reff im Groß und Windstärke vier kommen wir in knapp sechs Stunden durch den Strelasund, und dann nordostwärts Richtung Vilm. An dieser berühmten DDR-Promi-Insel, von der Ulrich einige spannende Geschichten zum Besten gibt, vorbei in die Having, der größten, tief einschneidenden Bucht an der Südostküste Rügens. Der Reiseführer rühmt Seedorf als das
Abb. 16: Seedorf, Hafen zwischen Feldern
„Mekka am Greifswalder Bodden“, mit einem „leicht anzusteuernden Hafen”. Ganz nachzuvollziehen ist diese Bewertung nicht, ist Seedorf doch ein sehr ruhiger, lang gezogener Hafen in der Lankener Bek, d.h. die Liege-plätze verteilen sich über verschiedene Vereine und Privatleute links und rechts vom Wasser. In Mekka dagegen herrscht Trubel von Tausenden von Gläubigen, verbunden mit viel Unruhe und Lärm. Und von wegen „leicht anzusteuern”: kurz vor der Kardinaltonne stecken wir im Schlick fest. Anscheinend haben wir doch nicht genug Abstand gehalten. Ein leichter Schreck durchfährt mich, aber mit Hilfe des schnell geschalteten Rückwärtsganges und nicht zu großer Geschwindigkeit kommen wir wieder frei. Aber vielleicht meint der Verfasser das mit dem „Mekka” auch anders.
 
     Beim SV Lancken-Granitz bekommen wir noch ein Plätzchen, inmitten vieler Schiffe, die noch in der DDR-Zeit gebaut wurden. Auch die Slip-Anlage erinnert in ihren stählernen Ausmaßen an die Vergangenheit. Das ganze Vereinsgelände, das selbstgebaute Clubhaus und die Bootshalle, man merkt sehr schnell, welche Bedeutung Eigeninitiative für die  Mitglieder
Abb. 17: Und doch ein richtiger Hafen!
hatte und hat. Die Angehörigen des Vereins nehmen uns für wenig Geld freundlich auf, die Quittung wird auf einem Merkzettel fürs tägliche Einkaufen erledigt. Der Vereinsvorsitzende beschreibt uns, wo wir am besten und günstigsten Essen gehen können. Alles sehr freundliche und hilfsbereite Menschen!

.......

Fr., 19.07.2013: Seedorf-Greifswald

Kurz vor der Einfahrt in die Ryck machen wir „Bekanntschaft” mit einem untergegangenen Segler. Wie wir später bei unserem 2. Besuch in Greifswald aus der Ostsee-Zeitung erfahren, handelt es sich um das Ergebnis eines Zusammenstoßes zwischen einem Segler und einem Fischkutter. Klar, dass die Segelyacht den Kürzeren gezogen hat. So schaut nur noch der Mast ab der Saling heraus und einige Tuchfetzen vom Vorsegel. Wie die Ostsee-Zeitung dann später weiter mitteilte, ging es genau um jenen Segler, der zwei Jahre davor fast eine Kollision mit einem Ausflugsdampfer hatte. Der Dampfer wich am engsten Punkt, eine Wasserbaustelle in der Ryck, dem Segler aus und knallte wohl gegen die Befestigung des Sperrwerks. Dabei soll er ziemlich beschädigt worden sein - und der Segler: ist einfachweitergefahren. Ergebnis eines Zusammenstoßes
Abb. 18: Ende eines Zweikampfes
 Ja, solche Leute gibt es auch auf dem Wasser. Man fühlt sich an deutsche Autobahnen erinnert! Nach wenigen Kilometern erreichen wir das Zentrum von Greifswald. Da die Versorgung im Stadthafen nicht meinen Vorstellungen entspricht, fahren wir nach einer kurzen Rundfahrt in das Yachtzentrum Greifswald mit Schwimmstegen und optimaler Versorgung. Nur 21 sm war die Strecke lang, also ein entspannter Segeltag.

      Zeit für einen Stadtbummel mit Einkaufen: so verbringen wir gemütlich den Rest des Tages. Ulrich kennt sich von seinen früheren Fahrten nach Greifswald aus. Nach längerer Wanderung im Stadtpark auf einem alten Stadtmauer-
wall findet er das Lokal, das er gesucht hat. Und dort sitzen wir dann am Spätnachmittag, in der Sonne, ein Bier vor uns in Erwartung eines köstlichen Essens.

 

Sa., 20.07.2013: Greifswald-Gustow

 

Am Samstag stehen wir früh auf und sind kurz vor acht bereits auf der Ryck, in Richtung Wiecker Brücke unterwegs. Es ist sonnig und nur ein schwacher Wind bläst. Um neun Uhr sind wir durch die Brücke und es geht hinaus auf den Greifswalder Bodden. Wir wollen nach Gustow, weil dort die Crew wechselt: Ulrich muss nach Hause und Barbara soll mit dem Auto kommen. Nach fast vier Stunden haben wir keinen Wind mehr und machen den Motor an. Auch wenn Ulrichs zweithäufigstes Zitat “ein als Segelboot getarntes Motorschiff” mein Gewissen streift, ich habe keine Lust, bei 1-2 Bft vor mich hin zu dümpeln. Ulrich hätte das nichts ausgemacht. Zwei Stunden später haben wir Gustow erreicht, um die Mittagszeit ist dort nichts los, wir sind praktisch die ersten, die ankommen.
Abb. 19: Im Greifswalder Bodden

      Zeit genug, dass Ulrich seine sieben Sachen packen kann und noch ein wenig Zeit bleibt, das Schiff etwas aufzuräumen und zu reinigen. Aber da das Aufräumen ja zu den Haupttätigkeiten eines Seglers gehört, ist da nicht viel, was zu machen wäre.Gegen drei erreiche ich Barbara telefonisch, die immer noch zu Hause ist und beim Packen ihrer mehr als sieben Sachen wohl kein Ende fand. Aber sie hört jetzt auf, wirft die letzten Taschen ins Auto und fährt los. Bange Stunden des Wartens liegen vor uns. Dazwischen immer wieder der Versuch, per Handy Kontakt zu bekommen. Es wird später und später, irgendwann ist Zeit zum Abendessen und es dauert und dauert.

       Gegen elf Uhr abends der erste Anruf, von einem fremden Handy. Barbara ist wohl in Altefähr gelandet, der komplizierten Streckenführung für Autos über die zwei Brücken von Stralsund geschuldet. Eigentlich sollte sie über die Ziegelgrabenbrücke fahren und dann rechts ab Richtung Gustow. Aber offensichtlich wird der Verkehr durch die Stadt über die neue Hochbrücke geleitet und man landet in Altefähr. Wie auch immer, mit viel Kommunikation, mehreren fremden Handys von älteren Männern und einem Stralsunder Taxifahrer landet sie gegen halb ein Uhr nachts im Naturhafen. Gut, dass wenigstens der Mond scheint, es warm ist und kein Regen die Stimmung belastet. Und der Gepäckstrom aus dem Taxi will kein Ende nehmen. Dazu noch Lebensmittel. Weil sie keine Lust und Kraft hat, nochmals nach Altefähr hinzufahren, fährt Ulrich mit dem Taxi zurück und holt ihr Auto ab. Wir packen den Wagen voll mit seinen sieben Sachen und Kisten, und um ein Uhr nachts kann er endlich starten, der Ärmste! Vielleicht wäre es klüger gewesen, noch die Nacht zu warten, aber nachvollziehbar ist es für mich, dass er endlich nach Hause will.

      Wir beide haben noch eine Menge zu besprechen, nachdem Ulrich abgefahren ist. Warum hat das Handy nicht funktioniert, warum ist sie so spät weggekommen usw. Aber alle diese Fragen trüben nicht die Freude darüber, dass sie endlich da ist und der Teil der Reise beginnen kann, auf den wir uns monatelang gefreut haben. Schließlich hing schon seit April die Ostseekarte mit den Küstenabschnitten in der Küche, und bei jedem Blick zum Geschirr-schrank hat sie uns unser Projekt vor Augen geführt.
Jedenfalls ist sie jetzt an Bord, und der 2. Teil der Reise, der längere, die bisher längste Segeltour hat begonnen, um ein Uhr nachts im Naturhafen Gustow auf Rügen.

 

Teil 2 und 3: von Gustow über Barhöft nach Lübeck

So., 21.07.2013: Ankommens- und Ruhetag in Gustow

      Es ist klar, dass nach dieser anstrengenden Ankunfts- und Abfahrtsnacht erst mal langes Ausschlafen angesagt ist. Und nach einem ausgiebigen „Früh”-stück um die Mittagszeit müssen Barbaras Taschen und Mitbringsel erst mal richtig verstaut werden. Die Lebensmittel kommen in die dafür vorgesehenen Schapps und ihre Kleidungsstücke bleiben zum größten Teil in den Taschen, die sie nach einem raffinierten System gepackt hat. Und bis das alles geregelt ist, dauert das seine Zeit. Am Nachmittag ist es draußen herrlich warm, dazu ziemlich windstill. Unter Deck können wir es nicht aushalten. So entschließen wir uns, Abkühlung in den „Fluten” des Hafens zu suchen. Schließlich ist es ja ein „Natur”hafen und nicht besonders voll belegt. Als sich nachmittags der Wind dreht, ist es mit der Baderei vorbei: immer mehr Blaualgen und Gras werden reingeweht, das Wasser wird von Stunde zu Stunde grüner. Der Algenteppich ist so dicht, dass man ganze Haufenkolonien von Algen sieht. Und sie sollen ja auch nicht „so gesund” sein, die Blaualgen. Oder Grünalgen. Uns ist jedenfalls klar: auch wenn die Algenschwärme von
außen kommen, also aus dem Strelasund und den anliegenden Gewässern: das Wasser ist völlig eutrophiert, enthält also zu viel Nährstoffe für die Algen und bei der Temperatur „explodiert” ihr Wachstum. Wir kennen das vom Ijsselmeer zur Genüge. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich, sieht man sich an, was steuerbords und backbords, auf dem Festland und auf Rügen betrieben wird: intensive Landwirtschaft.
Abb. 20: Algenexplosion in Gustow

Mo., 22.07. Lebensmittelbestellung: Was man so braucht an Bord

     Am Montag bestellen wir Lebensmittel bei einem Händler in einem Nachbardorf. Leider - oder Gott sei Dank - ist Gustow so abgelegen, dass nicht einmal ein Bus fährt. Und ins nächste Dorf sind es einige Kilometer zu Laufen. Wir haben kein Auto und der Service wird angeboten, zu 5 € . Ein Taxi wäre teurer.
So bestellen wir ausgiebig die Lebensmittel und Utensilien, von denen wir annehmen, sie die nächsten Tage und Wochen zu gebrauchen. Und gegen Abend werden sie auch schon gebracht, mit Bezahlung im Ringtausch: der Hafen bezahlt, wir bezahlen den Hafen mit Karte. Bargeld haben wir nämlich inzwischen auch nicht mehr viel. Auch wenn wir alles zusammenkratzen, es reicht nicht. Aber der Hafenmeister hat uns dankenswerterweise auf diese Idee gebracht und unterstützt uns in diesem Handel..

      Das bringt uns zu einem 2. Ruhetag in Gustow und Barbara hat echt noch ein großes Nachholbedürfnis für Erholung und Ausspannung. Und das gibt es in diesem schönen kleinen Hafen reichlich. Da es Wochenbeginn ist, ist auch nicht viel los. Nicht mehr als eine Handvoll Schiffe kommt an oder fährt los. So haben wir beide die Freizeit, die wir endlich für uns brauchen und genießen sie in den tiefsten Zügen.
So erstellen wir unter anderem eine Liste der lustigsten Schiffsnamen, die uns in den Häfen begegnen. Erster Kandidat auf der Liste ist „Schnorpel” aus Lübeck. Später kommt noch „Lütt Aida” aus Altefähr, „Wende 89" auf dem Weg nach Stralsund und „Dösbaddel” in Großenbrode dazu. Wir machen auch eine Liste ätzender Schiffsnamen, aber die bleibt vorerst unveröffentlicht!

      Auch am Dienstag und Mittwoch bleiben wir noch in Gustow, der Hafen gefällt uns einfach zu gut. Wenn uns langweilig wird, ist Barbara immer zu einer Runde Rummikup aufgelegt. Wir spielen es schon seit Jahren und es ist für uns beide immer noch aufregend. Aber nebenher muss auch noch das Logbuch geführt, Notizen für den Reisebericht gesammelt werden und natürlich immer mal wieder aufgeräumt werden.
Für Donnerstag planen wir die Abfahrt nach Greifswald und sammeln schon mal eifrig die Wetterdaten der nächsten Tage. Aber frühmorgens veranlasst uns ein Blick in den Himmel wieder zur Rückkehr in die warme Koje: es regnet und sieht ungemütlich aus. Da wir es nicht eilig haben, irgendwohin zu kommen, sondern uns „vom Wind treiben lassen”, setzen wir uns nicht unter Druck und bleiben auch diesen Tag in Gustow. Schließlich ist „der Weg unser Ziel”. Langweilig wird uns ja nicht, wir haben immer was zu bereden, etwas aufzuräumen, zu ordnen und sortieren und Essen muss ja zwischendrin auch noch gemacht werden.

     Auch am Freitag lädt uns das Wetter nicht zum Fahren ein, statt dessen steht wieder eine Lebensmittelbestellung an, die ähnlich umfangreich der vorherigen wird. Bis das alles telefonisch durchgegeben, bestätigt, angeliefert und aufgeräumt und einsortiert ist, ist der Tag fast schon wieder wie im Flug vergangen.

Da ich für meinen Rücken etwas Auslauf brauche, unternehme ich eine Wanderung auf Drigge, einer kleinen Halbinsel, die weit in den Strelasund hineinreicht. Zuerst geht es auf einer gut asphaltierten Straße ziemlich lange durch den Wald, der einen recht verlassenen Eindruck macht. Oder besser gesagt: weitgehend im Naturzustand belassen wurde. Die Seekarte zeigt mir, dass die Straße im Nichts endet. Und so ist es auch: als ich den Wald verlasse, taucht vor mir der „Gartenverein Drigger Ort” auf, eine großzügig angelegte Laubenkolonie. Eher müsste man sagen: eine Ansammlung von Zweit-
wohnungen. Alles vorhanden: ein kleines Straßennetz mit Verkehrschildern und Schranke, die Häuser anscheinend ausgestattet mit allem Komfort, den man so auf dem Lande braucht. Es ist ja nicht weit bis Stralsund, und so sehe ich manches Auto mit Stralsunder Nummernschild, das wegfährt oder ankommt. Anscheinend eine sehr gepflegte ehemalige DDR-Datscha-Kolonie erster Sahne!

Auf meinem Wanderweg immer in Richtung Strelasund - ich kann die neue Rügenbrücke in Stralsund von der Ferne aus sehen - komme ich später an einer anderen Feriensiedlung vorbei, wohl auch aus DDR-Zeiten, aber ziemlich einfach, um nicht zu sagen etwas ärmlich ausgestattet. Anscheinend hat auch hier der  Unterschied „Privat gegen Staat” seine Spuren hinterlassen.  
Abb. 21: Laubenkolonie Drigger
Dazwischen, mitten im Grün oder im Wald Kuriosa aus alten Tagen : ein stillgelegtes Motorboot namens „Frieda”, von der Natur inzwischen eingekreist, eine Holzhütte mit „Wikinger”-Streitäxten, und dann Stallungen eines Bauernhofes, in denen anscheinend Kühe gehalten werden - menschenleer und gruselig.

 Die Gebäude sehen auch so aus, wie wenn ihnen eine Renovierung nicht schaden würde. Dazwischen stehen dann aber auch Kühe auf dem Hof zwischen den Gebäuden herum. Vor allem das Fehlen von Menschen, die man geschäftig herum eilen sehen möchte, verursacht eine merkwürdige, fast bedrohliche Stimmung. Oder ist das normale Land-wirtschaft? Ich sehe zu, dass ich Land gewinne und nach einigen hundert Metern befinde ich mich auf einer großen Wiese, eingegrenzt von einem mit
Abb. 22: Frieda im Grünen
Senf bewachsenen Acker und dem Wald. Auf der Wiese steht ein schon recht brüchiger Jägersitz, der nicht gerade zum Einsteigen einlädt. Ich verlasse den mir unheimlichen Ort, und sehe zu, den recht langen Rückweg anzutreten. Aber es ist ein Erlebnis, auf die Spuren der Vergangenheit zu treffen, jedenfalls auf die, von denen man denkt, sie seien es.

.......

Di., 30.07.2013: Gustow-Greifswald

      Zu unserer gewohnten Stunde, also gegen acht Uhr, stehen wir auf und durchlaufen die notwendigen Vorbereitungsprozeduren, um einen herrlichen Segeltag zu erleben. Auch wenn es für Barbara die erste Fahrt in dieser Saison ist: schnell ist sie in den seemännischen Gepflogenheiten wieder drin, beantwortet korrekt meine Kom-mando-Anweisungen und erledigt ihre Bordarbeiten nach dem Ablegen.

      Gegen halb elf starten wir den Motor, und sechs Minuten danach hängt das Großsegel schon oben. Wir haben NW-Wind mit 3 bis 4 Bft, in Böen etwas mehr und machen ungefähr 5 Knoten mit den beiden Segeln. Unser Weg soll uns heute nach Greifswald führen. Der Seegang beträgt gerade mal einen halben Meter und es ist mit 24 ̊C ziemlich warm, auch wenn nur wenig Sonne und viele Wolken am Himmel stehen.

     Als wir im Strelasund ankommen, haben Wind und Seegang bereits etwas aufgefrischt. Zwischendurch muss Barbara mal nach unten. Im Bordbuch schreibt sie später: „Übel! (sie meint die Schräglage) Nichts für den Smutje.”
den Komfort bietet, den w


      Kurz vor halb drei sind wir vor Greifswald-Wieck und holen die Segel ein. Ein kurzes Stück noch und wir sind vor der Klappbrücke. Leider haben wir es nicht mehr zur vollen Stunde geschafft, so dass wir jetzt bis kurz vor vier warten müssen. Zum Glück kann man an den Pfählen des ASV für kurze Zeit festmachen, ein Butterbrot ist um diese Zeit immer willkommen. Der Smutje versteht den Wink und „eilt” in die Küche, vorher - bei ziemlicher Schräglage im Greifswalder Bodden - wäre das nichts für ihn gewesen. Nach der Öffnung der Klappbrücke geht es die
Abb. 23: Greifswald
Ryck 5 km flussaufwärts bis zum Greifswald Yachtzentrum (Marina am Ryck). Da ich die Strecke schon kenne, zeige ich Barbara den Stadthafen, der uns nicht den Komfort bietet, den wir wollen. Noch ein kurzes Stück wieder Ryck-abwärts und im Becken vor dem Holzteich des Yachtzentrums finden wir schnell einen Platz, der uns zusagt. Danach ist erst mal etwas Ruhe angesagt, bevor wir in die Stadt gehen, zu unserem ersten Einkaufsbummel in Greifswald. Weit kommen wir nicht, in der “Tischlerei” gefällt es uns so gut, dass wir uns ein opulentes Mahl gönnen - wir haben es uns verdient.  

Mi., 01.08.2013: Greifswald

     Da wir am Vortag in der „Zimmerei” hängen geblieben sind und nicht mehr eingekauft haben, steht heute der Großeinkauf für die nächsten Tage an. Bewaffnet mit guter Laune und von der Sonne beschienen. Der Weg ins Stadtzentrum ist kurz und schnell sind wir in der Fußgängerzone, in der sich Geschäft an Geschäft reiht. Barbara kann es nicht lassen, mich in modischen Farben einzukleiden. So werde ich vor einer Bäckerei zum Warten „verurteilt” und sie geht shoppen. Nach einer gefühlten Ewigkeit von ca. einer Stunde kommt sie mit 6 schicken Hemden, einer kurzen Hose und Sommersocken heraus. Da wir von Kleidung nichts essen können, laufen wir bis ans Ende der Einkaufsmeile, da gibt es einen Lebensmittelhändler, der alles, wenn auch ein wenig teuer, anbietet. Mit voll gepackten Taschen und Rücksäcken, unterwegs mehrfach gestärkt von Kaffee und Cola in der Fußgängerzone, machen wir uns auf den Heimweg.


Do., 02.08.2013: Greifswald

      Das schöne Wetter lockt zum Fahrradfahren, und außerdem bin ich dann schneller in der Stadt. Das Bordfahrrad wird aktiviert - wenn auch mit außerordentlich viel Schweiß und Wut im Bauch.

       Da es ein Faltfahrrad ist, hat es bisher auch sein Dasein im gefalteten Zustand an der Reling gefristet. Und wurde damit mehrmals „Opfer” von Ulrichs sarkastischen Bemerkungen. „Das gehört da nicht hin”, war noch die freundlichste Variante. Falls mal die Genua-Schot sich in den Pedalen verfangen hatte, klang das aber auch etwas anders. Wobei: es kommt auch drauf man, wie man die Genua-Schoten bedient!

       Vielleicht hat das Fahrrad all diese lieblosen Attacken gehört: wer geglaubt hat, es ließe sich so leicht auseinander ziehen, wird schnell eines Besseren belehrt. Mit Werkzeug und allerlei rostlösenden und gleitfähig machenden Sprays bewaffnet, hieve ich das Fahrrad an Land und versuche mein Glück. Es geht und geht nicht! Mittlerweile bekommen einige auf dem Steg vorbeilaufende junge Männer, die wohl auch was besseres zu tun hatten, Mitleid mit mir und helfen. Während sie das Vorderrad festhalten, versuche ich, das Heckteil nach hinten zu drehen. Aber im Scharnier bewegt sich so gut wie nichts. Vergeblich, auch die Kraft dieser Herren reicht nicht aus. Wenigstens tröstet mich das insofern, als dass es mir sagt, dass meine Kräfte dann wohl auch nicht viel weniger sind als deren. Aber ich komme mir schon ziemlich alt vor in diesen Minuten!

      Nach ca. zwei Stunden mehr oder weniger erfolglosen Herumwerkelns habe ich wenigstens die zwei Räder parallel, so dass ich das Fahrrad schieben kann. Ein Besuch im nächstgelegenen Yachtshop verläuft erfolglos, auch der Besitzer verfügt nicht über die Kräfte eines Hulk, die wohl notwendig gewesen wären. Aber er gibt mir immerhin den Tipp, wo ich einen Fahrradhändler in der Stadt finde. „Nur 5 Minuten zur Fuß, da gerade aus, dann links, und schon sind Sie da”, lautet seine gut gemeinte Empfehlung an einen Verzweifelten. Fünf Minuten - er meint wohl mit dem Auto. Mit zusammengebissenen Zähnen mache ich mich auf den Weg, das Fahrrad oder ich, wir werden sehen. Und natürlich bin ich in einer Viertelstunde am angegebenen Ort, nur leider ist es gerade eine Minute nach vier und der Laden macht um vier zu. Und das im Osten und an einem Donnerstag. Ich kann es nicht glauben und zweifle an der „Leistungsbereitschaft des Ostens”. Aber aufgeben kann ich nicht und so erkundige ich mich nach einem zweiten Fahrradhändler. Da der noch weiter außerhalb der City liegt, habe ich jetzt doch die Schnauze voll. Mit Mordgedanken an das Fahrrad - ich schmeiße es in die Ostsee, oder: wo ist das nächste Gebüsch, wo ich es reinwerfen kann - laufe ich zurück, mitleidig belächelt von der Greifswalder Jugend und all den anderen Müßiggängern, die am Stadthafen Siesta halten. Ich koche vor Wut und bin außerordentlich enttäuscht, vom Händler, wo ich es gekauft habe, von der Firma, die es hergestellt hat und von mir. Dieses Fahrrad hat nämlich Geschichte: einmal war es im wesentlichen ein Abschiedsgeschenk meiner Kolleginnen und Kollegen, als ich in den Ruhestand verabschiedet wurde. Zweitens war es das Ergebnis sorgfältiger Analyse der Anbieter von Klappfahrrädern für Schiffe. Und drittens musste es aus Garantiebedingungen nach dem Zusammenbau von einer Fachwerkstatt abgenommen werden, wo ich mir dann von der Frau des Besitzers den Kopf waschen lassen konnte: Warum ich denn nicht so ein Fahrrad in Fachhandel kaufe? Warum sie, das Geschäft, jetzt diese Garantie-
bedingung erfüllen sollten? Und wieso das Ganze per Internet und nicht im lokalen Geschäft um die Ecke usw. usw. Erst nachdem ich geschworen hatte, das nächste Klappfahrrad bei ihnen zu kaufen, war sie so gnädig, die Garantiebedingungen auszufüllen und umzusetzen. Also wie gesagt: das Fahrrad hat Geschichte, es ist nicht eben nur so ein Fahrrad!

      Am Schiff angekommen, bin ich fix und fertig und lege mich erstmal hin - mit Erfolg. Wenn man sich nach so viel Enttäuschung erst mal eine Pause gönnt, forscht das Gehirn selbstständig nach Lösungen. Nach einer Stunde Halbschlaf liegt sie vor mir: ich binde ein Ende - das Hinterrad - an der Stahlbrücke fest, die den Steg mit dem Land verbindet, und drücke mit meinem ganzen Einsatz von Kraft und Körpergewicht das Vorderrad auf, so dass beide Räder in einer Linie stehen. Und es funktioniert: Ich habe es geschafft - wieder einmal ein Beweis für Intelligenz gegen Kraft. Jetzt fehlt mir nur noch die Luft in den Reifen und ich suche im Hafen nach einem Fahrradbesitzer, der mir helfen kann. Eine freundliche Schiffsbesatzung, eine Familie mit einem Schlauchboot, kann mir beistehen, sie haben die entsprechende Pumpe mit Autoventil. Es reicht, um einigermaßen Druck in den Reifen zu haben. Den Rest hole ich mir danach an einer Tankstelle, etwas stadtauswärts. Ich bin froh, dass ich es geschafft und das Fahrrad nicht weggeworfen habe. Aber das Ganze ist mir wieder einmal eine Lehre: manche Dinge klappen eben nicht zu jeder Zeit, jedes Ding braucht seine eigene Zeit. Vielleicht wäre am nächsten Tag alles ganz einfach gegangen, man soll nicht erzwingen, was nicht gehen will. Wenn da nur nicht dieses „Ich muss es schaffen...” wäre.


Sa., 03.08.2013: Greifswald-Freest

      Es hört sich gut, was die Törnführer über Freest schreiben: Freest sei ein „gepflegtes Fischerdorf”, in dem auch der Tourismus schon länger Bedeutung habe. In unserer Vorstellung verbinden wir das mit Ruhe, Beschaulichkeit und einem gewissen Komfort am Liegeplatz. Nach dem üblichen Start kurz vor elf im Greifswalder Yachtzentrum sind wir vor halb zwölf an der
Abb. 24: Klappbrücke bei Wieck
Wiecker Brücke, also noch eine halbe Stunde zu warten. Aber um 12 Uhr geht die Brücke nicht auf. Weil es Samstag ist. So dösen wir noch eine Stunde in der Sonne, warten und fahren im Strom im Kreis herum, nachdem ich mal wieder zu früh abgelegt hatte. Pünktlich um 13 Uhr erscheinen die beiden für die Öffnung zuständigen Brückenwärter. Man sieht das daran, dass dann die Autos stehen bleiben und von links und rechts zwei Männer erscheinen und an den Kurbeln drehen. Die Sonne knallt vom Himmel und es hat lediglich Windstärke 2. Endlich sind wir durch die Klappbrücke durch und kommen in die Dänische Wiek.

Gegen halb zwei sind wir weit genug, um die Genua zu setzen. Es bläst jetzt Windstärke 5 mit noch relativ niedrigen Wellen. Das Geklapper der Fallen am Mast nervt, ich beschließe, das im nächsten Hafen abzustellen, weiß aber nicht richtig wie. Ich habe den Eindruck, die Fallen klappern im Inneren des Mastes.s.
Mit der Zeit lässt der Wind nach, kurz vor drei machen wir den Motor an, nachdem wir am Freesendorfer Haken vorbei sind. Ab dem Neptungrund fahren wir im Tonnenstrich, es sind links und rechts etliche sehr flache Untiefen.
Knapp zwei Stunden später sehen wir schon von der Peenemündung aus ein Riesenrad. Das gleiche wahrscheinlich, das Ulrich und ich vor einigen Tagen auf der 1. Tour auch in Wieck an der Ryck gesehen haben. Kirmes, oh Schreck! Ich überlege noch schnell, einfach an der recht schmalen Einfahrt vorbeizufahren und mich nachher herauszureden, ich hätte die Tonnen nicht
Abb. 25: Fischerfest in Freest
richtig gesehen. Aber was soll’s, den Ärger will ich nicht riskieren. Machen wir das halt auch noch mit!

     Noch ist die Kirmes - „der absolute Höhepunkt” - nicht so recht in Gang gekommen, scheint es uns. Die ersten Lärmschwaden erreichen zwar bereits auch schon die Werft, aber wir sind noch beim Festmachen, aufräumen und uns klar machen für den Landgang. Schließlich wollen wir nicht wie die letzten Schiffbrüchigen aussehen!!
Als wir um etliche Hafengebäude, die anscheinend zur heimischen Fischerei gehören, herum gelaufen sind, erreicht uns die „Musik” in voller Lautstärke. Alte Evergreens, neue Schlager, Volksmusik, Rock, Pop und Rap und was sonst noch für Musik gehalten wird, dröhnt aus zahlreichen Lautsprechern. Wie wenn die akustische Belästigung nicht schon genug wäre, alle paar Meter dringt ein anderer Geruch in die Nase und bedrängt die Geruchsnerven: hier nach Fisch, dort nach Zwiebeln und Knoblauch, dann wieder Süßes zwischendrin. Wir fliehen schnell durch das Gedränge und suchen uns ein ruhigeres Lokal am Rande des Geschehens.....

     Nach einem guten Essen - wir hatten es uns mal wieder verdient - und ein wenig Ärger mit der Bedienung gehen wir noch Richtung Strand. Wenigstens das gigantische Riesenrad wollen wir uns ansehen, und dabei ein paar süße Mandeln naschen. Ein Blick auf den Strand ist dann auch noch drin. Es reizt uns nicht, noch länger zu bleiben, zumal die Lautstärke und die intensiven Gerüche zunehmen.
Abb. 26: Blick über den Greifswalder Bodden
      Wir sind anscheinend in die Kirmes-Zeit hineingekommen. Wie wir von den Einheimischen erfahren, werden in den nächsten Wochen rund um den Greifswalder Bodden die verschiedensten Aktivitäten stattfinden. Nur heißt das in dieser Region nicht Kirmes, sondern “Fischerfest”, Seefest”, “Hafenfest” und wie auch immer.
        Wenn man sich die Fangergebnisse anschaut, die man tatsächlich frühmorgens in den Häfen zu sehen bekommt, fallen vor allem die vielen Plattfische auf. Was anderes scheint es in der Ostsee kaum noch zu geben. Und natürlich gibt es auch Anrainerstaaten, die mit ihren langen Schleppnetzen der ostdeutschen Konkurrenz den Garaus machen, EU hin oder her!
Abbb. 27: Protest der Fischer in Freest

Am frühen Abend kommen wir auf’s Schiff zurück. Nun heißt es nur noch, die Ohren zu zu halten oder die Ohrstöpsel zu aktivieren: bis um drei Uhr morgens hallt es vom Hafen zu uns herüber. „Das alles wird Ihnen ein unvergessliches Wochenende bescheren”, schreibt der unvermeidliche Flyer zum Fest.

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......

So., 04.08.2013: Freest-Kröslin

      Da wir keinen weiteren Tag dem Lärm und Gestank opfern wollen, machen wir uns gegen die Mittagszeit auf, nach Kröslin zu fahren. Es ist nur ein kurzes Stück die Peene aufwärts und gegen halb vier legen wir im Hafen Kröslin an. Was für ein Platzangebot: die Holländer hätten mal wieder das doppelte an Schiffen rein gebracht. Ein Riesenabstand zwischen den Stegen. Aber ansonsten alles in guter Fußnähe: Duschen und auch Lokale zum
 Abb. 28: Kröslin in Abendstimmung
Essen sowie Einkaufsmöglichkeiten. Zumal ja jetzt mit dem Fahrrad vieles schneller erreichbar ist. Wir genießen die Ruhe im Hafen und die schönen Sonnenauf- und untergänge.


 

Mo., 05.08.2013: Besuch in Peenemünde
 

      Diesmal können wir nicht so lange schlafen wie am Vortag: um 10.40 Uhr fährt die erste  Fähre nach Peenemünde, meinem heutigen Ausflugsziel. Ich will zum Historisch-Technischen Museum, wie die Ausstellung heißt, die sich mit der Entwicklung der Raketentechnik um Wernher von Braun im 3. Reich beschäftigt. Schließlich war es dieses Thema, wenn auch nicht in diesem historischen Kontext, das meine Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat. Und ich hatte schon als älteres Kind und früher Jugendlicher viel darüber gelesen. So fahre ich mit der Fähre “Apollo I” - der Name passt auch gut in den historischen Rahmen - nach Peenemünde, der langen Wege halber vom Fahrrad unterstützt. Vom Hafen bis zum Ausstellungsgelände ist es auch noch ein Stück Weges, bis man durch die ehemaligen Anlagen der Heeres-  versuchsanstalt Peenemünde auf das eigentliche Ausstellungsgelände kommt. Schon vom Eingang sieht man die „Vergeltungswaffe” V2, von den
 Abb. 29: V2 - technisches Wunderwerk im Dienste des Verbrechens
Ingenieuren lieber „Aggregat” A4 genannt. Am Sprengkopf oben die gleiche bildhafte Kitsch-Symbolik wie bei amerikanischen oder englischen Kriegsflugzeugen. Im damaligen Kraftwerk, das den II. Weltkrieg und die Zeit danach weitgehend unbeschadet überlebt hat, ist die Ausstellung aufgebaut. Ich nehme mir Zeit, die vielen Bilder, Texte und Ausstellungsstücke genau zu betrachten. Später gibt es noch zwei Filme im Dokumentationszentrum. Peenemünde war „zwischen 1936 und 1945 eines der modernsten Technologiezentren der Welt. Im Oktober 1942 gelang von hier aus der weltweit erste Start einer Rakete ins All. In der benachbarten Erprobungsstelle der Luftwaffe wurden Flugkörper mit revolutionärer Technik getestet. Die Forschung diente jedoch von Beginn an nur einem Ziel: Hochtechnologie sollte militärische Überlegenheit schaffen”, schreibt die offizielle website www.peenemuende.de . Mit welchen Mitteln - Zwangsarbeit, KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen - gearbeitet wurde, wird unmissverständlich herausgestellt.
      Die Ambivalenz von Forschung in der damaligen Zeit, zumal von Kriegs- und Hochtechnologie-Forschung, wird bedrückend bewusst gemacht. Der Geist der damaligen Zeit dringt durch jedes Ausstellungsstück, jedes Doku-
ment und Schriftstück augenfällig hindurch. Aber auch die Naivität von Wissenschaftlern, die sich „der Sache” verschrieben hatten, ohne Nachdenken und/oder mit erfolgreichem Verdrängen der Folgen und Konsequenzen ihres Handelns.

      Nach mehr als 6 Stunden verlasse ich die Ausstellung und versuche mit dem Rad, den Flugplatz von Peenemünde zu erreichen. Vielleicht sehe ich noch etwas von den alten Testanlagen. Aber der Weg ist zu lang, das Gelände ist selbst mit dem Rad riesengroß und vieles von den
 Abb. 30: Symbolistik
Anlagen ist zerstört und von der Natur zurückerobert worden. Erschöpft und erschlagen fahre ich in den Hafen zurück, um auf die Fähre zu viel von der damaligen „Versuchsanstalt” übrig geblieben ist, man kann erahnen, um welch warten. Den Besuch eines sowjetischen Atom-U-Bootes im Hafen, auch ein Ausstellungsstück aus neuerer Zeit, erspare ich mir, obwohl das auch sicher sehenswert gewesen wäre. Wenn auch nicht mehr gewaltiges Projekt es ging und warum es so viele Menschenleben forderte.
 

Di.,06.08.2013: in Kröslin

      Der gestrige anstrengende Tag hat es mit sich gebracht, viel verdauen zu müssen. Wir sprechen lange über die Geschichte, die Zusammenhänge und was das mit mir zu tun hat. In Peenemünde habe ich mir Walter Dornbergers Buch “Peenemünde - Die Geschichte der V-Waffen” gekauft. Immerhin wird es von der Museumsbuchhandlung vertrieben. Es ist lesenswert, wie Dornberger, der später ab 1936 verantwortliche Leiter der Raketeoduktion und schließlich 1943 Kommandeur von Peenemünde, sich im Focus von Technikbegeisterung und Bewusstheit, wofür diese Waffe diente und mit welchen Mitteln sie hergestellt werden sollte, verhalten hat. Ich stelle mir die Frage, ob ich nicht auch so gehandelt hätte - im Spannungsfeld von NS-Politik, den NS-Größen und dem Ehrgeiz, diese Rakete zu verwirklichen, mit der technologisch neuer Boden betreten wurde. Der Opportunismus einerseits, aber auch die Notwendigkeit und der Zwang zur Anpassung um des eigenen Überlebens und des Ziels willens andererseits wird in seinen Sätzen sehr deutlich. Kann man ihn und die anderen einfach so verurteilen? Es bleiben für mich viele Fragen offen, und deswegen ist es gut, dass wir am nächsten Tag Kröslin wieder verlassen.
 

Mi., 07.08.2013: Kröslin-Thiessow

     Nach einem “frühen” Start in den Tag verlassen wir um viertel nach zehn den Hafen Kröslin für eine kurze Fahrt nach Thiessow, einem Hafen am Südende der Halbinsel Mönchgut, auch als Urlaubsort ziemlich bekannt. Es geht jetzt wieder nordwärts, in Richtung auf den Heimweg.

     Da wir zwar Sonne und wenig Wolken haben, aber keinen Wind, motoren wir bis Thiessow. Gut die Hälfte der Strecke geht es sowieso entlang des Tonnenstrichs erst zur Peenemündung, dann durch die schmale Rinne im Knaakrücken, bis wir bei der rotgrünen Tonne O26/KR1 einigermaßen freies Fahrwasser erreichen. Backbords von uns liegen dann später einige Flachs wie Schuhmachergrund, Böttchergrund oder Kleinstubber. Wirklich gefährlich können sie uns mit unseren 1,65 m 
  Abb. 31: In Thiessow
Tiefgang nicht werden, aber wir kennen auch nicht wirklich den Wasserstand im walder Bodden. Kurz vor der Tonne Zicker geht es dann auf Nordost-Kurs, um dem Tonnenstrich in der Kaming und in der Zickersee zu folgen. Nach drei Stunden finden wir an der Nordseite des ziemlich rechteckigen Hafens, vor einigen Jahren mit EU-Mitteln gewaltig ausgebaut, noch einen Platz zwischen kleineren und größeren Segelyachten. Es ist voll in Thiessow. Hafenmeister Ulli ist immer zu Scherzen bereit, jedes noch später ankommende Schiff wird an der Hafeneinfahrt lautstark begrüßt und persönlich an seinen Platz gelotst. Braucht man ihn, muss man nur die Ohren spitzen: meistens kann man seinen Standort an seinem kraftvollen Organ erkennen. Da an der Nordseite inzwischen alles voll ist, werden auch Boote zum Kai der Fischer hin dirigiert. Ulli hat „alles im Griff”, anscheinend auch die Fischer.
     Gegen Nachmittag erreicht uns ein Unwetter. Allein im Hafen herrschen schon 5-6 Bft, wir haben es mit dem Windmesser nachgemessen. Das Boot wird an die Kaimauer gedrückt, gar nicht gut für die Steuerbordseite, die schon einmal beschädigt wurde. Wir verlegen alle Fender auf diese Seite, so dass wir komplett abgepolstert sind. Gut, dass ich dieses Jahr das Fenderbrett gekauft habe. Jetzt erweist sich sein Einsatz als sinnvoll. Mit Tampen legen wir einige der anderen Fender „quer”, so dass wir in der Breite besser abgefedert werden. Für die Höhe reichen dann die restlichen. Im aufgewühlten Hafenwasser bildet sich ziemlich fester Schaum, immer mehr, der sich in den Nischen zwischen Schiff
 Abb. 32: Sonnenuntergang über dem Greifswalder Bodden
und Kaimauer sammelt. Unser sächsischer Nachbar wird mit seinem Motorschiff „eingeweht”. Da im Schaum auch Pflanzenreste sind, kann das ganz schön riskant werden: den Motor angeworfen und schwups! die Einsaugstutzen für das Kühlwasser sind verstopft. Gar nicht gut!

     Am nächsten Tag hat sich das Wetter wieder beruhigt. Mit dem Fahrrad mache ich meine Einkaufstour ins Dorf hinein: Pension an Pension, Ferienhäuser und -wohnungen en masse! Thiessow scheint als Urlaubsort doch ziemlich beliebt zu sein, liegt es ja auch zwischen den Boddengewässern und der offenen Ostsee.
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      Auch Donnerstag und Freitag verbringen wir in Ruhe in Thiessow, dazwischen am Freitag ein Marktbesuch auf einem der größten Märkte der Region. Es gibt alles - von Nahrungsmitteln, Naturprodukten bis hin zu Natursteinen. Schmuck und Kleidung ergänzen das reichhaltige Angebot. Den Nachmittag verbringen wir mit der Beobachtung „fliegender Fische” im Hafenbecken und dem Versuch, sie photographisch irgendwie auf die Platte zu bekommen.
    Sie sind so schnell, dass man meistens nur das Klatschen hört, wenn sie wieder eintauchen. An der Art der gekräuselten Wasseroberfläche kann man erkennen, wo sich der Schwarm gerade aufhält. Einige wenige Male können wir sie auch beobachten, aber sie zu fotografieren ist recht schwierig. Schließlich habe ich keine Hochgeschwindigkeitskamera an Bord, sondern nur einen normalen, wenn auch etwas besseren Spiegelreflexapparat. Mit Serienschüssen gelingt es, einige Schnappschüsse zu machen.
Abb. 33:  Fliegender Fisch in Thiessow

Aus 386 Bilder sind einige dabei, auf denen die Fische zu erkennen sind, vor allem auf einem ist ein Fisch deutlich zu sehen. Aber das wird erst deutlich bei der Bilderauswahl zuhause. Mit dem kleinen Kameradisplay braucht man etwas Phantasie, um „fliegende Fische” zu erkennen. Wir haben jedenfalls viel Spaß bei dieser Aktion. Auch in einigen Häfen danach konnten wir dieses Phänomen beobachten.
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Sa., 10.08.2013: Thiessow-Stahlbrode

Eigentlich wollten wir an diesem Wochenende nach Lauterbach, aber da uns dort ebenfalls ein „Hafenfest” erwartet, entschließen wir uns, den Weg mehr in Richtung Rückfahrt auszurichten. Und da erscheint uns Stahlbrode im Strelasund als noch unbekannter Hafen ein geeignetes Ziel.

Da der Wind nur mit 2 Bft bläst und wir nicht ewig auf dem Greifswalder Bodden unterwegs sein wollen - ich denke mal wieder an ein „als Segelyacht getarntes Motorschiff” - lassen wir den Motor gleich an, als wir um 11 Uhr den Hafen verlassen. Blauer Himmel und Cumulus-Wolken versprechen einen schönen Tag mit strahlendem Sonnenschein. Seegang gibt es heute keinen, statt dessen erwartet uns bald eine Algensuppe erster Klasse. Das Wasser ist nur noch grün.

     Viertel vor zwölf sind wir an der Tonne “Zicker”, um bald darauf die Tonne “Vilm” hinter uns zu lassen. Der Himmel zieht sich zu, es wird diesig, und am Horizont tauchen dunkle Wolken auf. Zwischendurch klart das Wasser auf, um dann von reiner Algenbrühe wieder abgewechselt zu werden. Kurz vor Zudar erreichen wir die Palmer-Ort-Rinne, die Einfahrt in den Strelasund. Nun ist es nicht mehr weit bis Stahlbrode. Kurz vor drei haben wir den Ort erreicht, in dem zwei Becken auf die Segler warten: den alten Nordhafen und den nicht weniger windigen Südhafen. In beiden ist es schon ziemlich voll, aber im Nordhafen haben wir Glück und finden ein Plätzchen. Den Südhafen haben wir bewusst vermieden, läuft doch dort der Fährverkehr nach Glewitz, und das im Dauerbetrieb.

    Bei Windstärke 4 ist es sehr unruhig im Hafenbecken, wir beschließen, nicht länger als notwendig hier zu bleiben. Immerhin bekommen wir nach der Anmeldung Extra-Service vom Hafenmeister: er kommt speziell für uns mit dem Fahrrad angefahren, um uns an den Strom anzuschließen. Der Ver- teilerkasten ist nämlich abgeschlossen,
 Abb. 34: Stahlbrode
 da kommt nicht jeder ran! Auch für die Toiletten- und Waschanlage, die zwischen den beiden Hafenbecken liegt,


So., 11.08.2013: Stahlbrode-Altefähr

Deswegen fahren wir am nächsten Morgen auch schon früh los, um rechtzeitig an der Ziegelgrabenbrücke vor Strahlsund zu stehen, unserem einzigen Hindernis auf dem Weg nach Altefähr, gegenüber von Stralsund. Mit starkem Gegenwind verlassen wir kurz vor halb elf Stahlbrode und fahren entlang am Tonnenstrich den Strelasund hinauf. Rechtzeitig kommen wir vor 12 Uhr an der Klappbrücke an und können kurz nach eins im Hafen von Altefähr festmachen. Vom Regen in die Traufe: so kann man unseren ersten
  Abb. 35: Altefähr
Eindruck von Altefähr beschreiben: auch ein ziemlich unruhiger „schaukelnder” Hafen mit viel offenem Wind. Aber wir haben ihn ausgesucht wegen seiner Nähe zu Stralsund, das wir unbedingt nochmals besuchen wollen. Gleichzeitig hatten wir keine Lust, in der Citymarina festzumachen, da wir vom vorherigen Besuch den Eindruck hatten, eh́ keinen Liegeplatz zu bekommen, da alles schon besetzt war. Diesen Eindruck konnten wir bei unserem ersten Stadtbummel revidieren: kommt man früh genug an, hat man auch in der Citymarina durchaus Chancen. Andererseits ist die Fähre nach Strahlsund auch ein Erlebnis.
 
      Am Montag bekommen wir Besuch von Elke, einer ehemaligen Kollegin aus meiner früheren Arbeitsstätte. Wir treffen uns im Hafen, und fahren zusammen mit der Fähre nach Stralsund. In der Hafenstraße, in der zahlreiche Cafés und Restaurants in der Nähe des Ozeaneums untergebracht sind, stärken wir uns erst einmal - mit dem Blick auf die Gorch Fock I. Schließlich haben wir jetzt eine kundige Stadtführerin, die uns erstmal auf einem kleinen Stadtbummel die Altstadt zeigen wird.
 Abb. 36: Altefähr von der Fähre aus

     Elke kennt sich von früheren Besuchen schon ein wenig in Stralsund aus. Der alte Markt und das Rathaus mit seiner sehenswerten Fassade - („Hoch hinaus und nichts dahinter”!), die Fußgängerzone, in der vor allem gebaut wird und der Scheelehof (Geburtsstätte des Chemikers Carl Wilhelm Scheele; Erinnerungen werden wieder wach: Scheele gilt als Entdecker des Sauerstoffs) vermitteln uns einen kleinen ersten Eindruck von Stralsund. Zurück bleibt das unausgesprochene Versprechen, noch viel mehr entdecken zu können. Deswegen bleiben wir auch nach diesem ersten Besuch in Altefähr, um in den nächsten Tagen immer wieder Fahrten nach Stralsund zu übernehmen. Nicht umsonst hat die UNESCO im Jahre 2002 die Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt.

      Der nächste Tag ist dem Einkaufen einiger Schiffsausrüstungsteilen vorbehalten. Ich brauche unbedingt einige Leinen, Rollen u.a. für zwei Bullenstander, eine Wasser-
schlauchverlängerung und weitere Gaskartuschen für unseren Herd. Da ich in Stralsund nicht alles finde, obwohl es in der Innenstadt zwei Segelausrüster gibt, bleibt mir nur der lange Weg ins Bauhaus: 6 km mit dem Fahrrad hin und zurück in die Stralsunder Peripherie! Zum Glück gibt es einen relativ gut ausgebauten Radweg. Nach der Fahrt weiß ich das Laufen wieder zu schätzen, mein Bootsfahrrad ist eben doch nicht so komfortabel, dass man längere Strecken so einfach mal radeln könnte.
  Abb. 37:: Stralsund - Rathausfassade

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     Am übernächsten Tag bekommen wir Besuch von meiner Schwester. Sie will einige Tage auf dem Schiff bleiben und wenigstens die Strecke nach Barhöft, unserem „Absprungsort” für den großen Törn nach Warnemünde, mitfahren.
Nachdem wir sie mehrmals telefonisch instruiert haben, was sie alles mitbringen soll und was nicht, hole ich sie mittags vom Bahnhof ab. Das Schöne an Stralsund ist u.a., dass man die meisten Wege in der Innenstadt zu Fuß oder mit dem Rad gut erledigen kann. So ist es auch zum Bahnhof nicht weit und die Überfahrt mit der Fähre jedesmal ein kleines Erlebnis.

     Am nächsten Tag machen wir den schon lange geplanten Besuch im Ozeaneum. Da wir die Tickets in Verbindung mit der Überfahrt auf der Fähre kaufen, kommen wir auch mittags rein, ohne lange an der Schlange zu stehen. Die sind nämlich auch noch um die Mittagszeit beachtlich lang.

     Die gut gemachte Ausstellung vermittelt uns einen nachhaltigen Eindruck vom Lebensraum Ostsee, den Meeren überhaupt und deren globaler klimatischer Bedeutung für die Erde überhaupt. Als „Ostsee-Einsteiger” gefällt mir besonders das Tiefenrelief des Binnenmeeres, das mir als stark zerklüftet in Erinnerung bleibt. Auf http://www.ozeaneum.de/ kann man sich über Öffnungszeiten, Preise und sonst noch was informieren. Der Donnerstag ist wohl ohne besondere Ereignisse verlaufen, so dass ich diesen Tag überspringen kann. Abgesehen von einem Riesenkrach zwischen mir und Barbara um mehrere Seehechte, die irgendwelche Angler angeblich im Hafenbecken gefangen hatten und am Steg wohlfeil anboten, d.h. sie wurden in der ganzen Länge so auf den Steg gelegt, dann man regelrecht drüber springen musste. Barbara reizten die Fische zum Kochen.
  Abb. 38: Seehundsköpfe
Aber ich stelle mich quer, wohl wissend, welche Arbeit es ist, Fische bratgerecht zu zu bereiten, von der Sauerei mit den Schuppen und unseren begrenzten Küchenressourcen gar nicht zu reden. Wir wussten auch nicht, woher die Fische wirklich stammten. Und das Hafenwasser: war das vielleicht ökologisch unbedenklich? Die Gewässer um Rügen und gerade die „Binnengewässer” zwischen Festland und Insel sind nicht gerade „reines Wasser”, wie uns die zahlreichen Grünalgenexplosionen deutlich vermittelt haben. Auch wird vor dem Baden hier und dort wegen der Wasserqualität immer wieder gewarnt.
Ich hatte jedenfalls keine Lust auf Kochstress wegen Seehechten, dafür gab`s dann eben Beziehungsstress. Aber das muss eben auch mal sein, schließlich bin ich der Kapitän!
 

Fr., 16.08.2013: Altefähr-Barhöft

     Bei voller Sonne und leichtem Wind, ca. 2-3 Bft, starten wir kurz vor elf aus Altefähr. Dem voraus gegangen war natürlich eine entsprechende Einweisung in die wesentlichen Regeln und Gebräuche des Segelns. Margarete will alles wissen: warum ein Segelschiff auch gegen den Wind (Am-Wind-Kurs) fährt, wie die Navigation mit Karte und GPS funktioniert, usw. usf. So stellt man sich eine gelehrige Schülerin vor! Leider reicht die Zeit nicht, in ein paar Stunden all das zu erklären, was ich in Monaten und Jahren gelernt habe. So sitzen wir denn auch alle vorschriftsmäßig mit Rettungswesten an Bord, nicht gerade eine Selbstverständlichkeit in den Boddengewässern, wie wir öfters sehen.

     Gegen 12 Uhr frischt der Wind auf Stärke 4 auf, aber wir haben nicht mehr viel davon, sind wir doch schon vor der Tonne 47 am oberen Teil des Strelasunds, und damit am Eingang zum Tonnenstrich, der uns direkt in nordwestlicher Richtung nach Barhöft bringt. So haben wir nach knapp drei Stunden Segeln unser Ziel erreicht.

     Um ein Uhr haben wir das Boot im nördlichen Teil des zweigeteilten Hafenbeckens von    Barhöft festgemacht. Uns gefällt dieser Hafen, er ist klein und übersichtlich, und wenn man früh genug da ist, bekommt man auch  noch ein Plätzchen am Steg mit den
Heckpfählen und muss nicht an den Heckbojen festmachen. Nachdem ich meine Schwester zum Bus gebracht habe, gibt es „Hafenkino” von feinsten. Denn genau an diesem Wochenende sollte die Regatta Barhöft - einmal um Hiddensee - Barhöft stattfinden. So füllt sich der Hafen Freitag nachmittags Schiff um Schiff, irgendwann ist auch der mittlere Schwimmsteg mit den Heckbojen voll belegt. Interessant, wie so manche Segler anlegen: wie wenn sie alleine  auf der
  Abb. 39: Barhöft
Welt wären! Jetzt bleibt nur noch die südliche oder westliche Kaimauer. Und die großen Pötte, die haben es im relativ schmalen Südhafen schwer zu wenden. Mit Karacho hineingefahren, dann aber rückwärts wieder raus, da hatte so mancher seine Schwierigkeiten. Manche können sich nicht entscheiden, erkunden erst den Nordhafen, dann den Südhafen und nehmen dann doch noch die letzte Gelegenheit im Nordhafen wahr. Abends leider das scheinbar unvermeidliche Gegröhle und lautstarke Unterhaltungen unter Alkoholeinfluss, wie wenn jeder mitkriegen müsste, wie wichtig einer ist.
      Eine Seglerin beschwert sich resolut bei den Ruhestörern. Ab dann wird es leiser. Drei Mann auf einem Kahn hauen sich die Hucke voll, einer davon bricht auf dem Schiff zusammen -wir sehen Blut auf dem Schiff - und fällt nachher ins Hafenbecken. Seine Mitsäufer und andere Anwesende ziehen ihn aus dem Wasser. Er verschwindet unter Deck. Vor lauter Kino kommen wir gar nicht zum Lesen!Aber Segler sind eben auch nur Menschen und keine Heiligen!
 
  Abb. 40: Strand von Barhöft
Barhöft scheint auch der Ausgangshafen für Energieunternehmen wie die EnBW zu sein, die von dort aus ihre offshore-Windkraftanlagen betreuen. Ein großes Versorgungsschiff („Serviceboot”) kommt nachmittags mit Vollspeed in den Hafen eingedampft, kann aber dank der mächtigen Motoren auf der Stelle halten. Von Barhöft aus werden die Windräder des Windparks Baltic I betreut werden. „16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß/Zingst in Mecklenburg-Vorpommern weist EnBW Baltic 1 den  1
 Abb. 41: Versorgungsschiff der EnBW
Weg in eine erneuerbare Energiezukunft. Die 21 Windenergieanlagen von EnBW Balticverfügen über eine Gesamtleistung von 48,3 Megawatt. Auf einem rund sieben Quadratkilometer großen Areal werden sie jährlich etwa 185 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Damit lässt sich der jährliche Strombedarf von 50.000 Haushalten decken, während der Umwelt 167.000 Tonnen an klimaschädlichem CO2 erspart bleiben,” heißt es auf der offiziellen website des Stromherstellers.
 

Sa., 17.08.2013 bis Mo., 19.08: in Barhöft

     Zum Glück kann man sich in Barhöft mit Lebensmitteln eindecken, wenn auch zu Mondpreisen. Man sieht es immer wieder: hat ein Laden eine Monopolstellung, werden die Yachties schamlos ausgenutzt. Dabei liegt der Hafen auf dem Festland und das Dorf ist sogar mit dem Bus erreichbar. Anscheinend wird den Bootsbesitzern und Chartermannschaften ein unbegrenztes Barvermögen zugetraut!
Wir lassen uns jedoch die Stimmung nicht verderben, und genießen bei Sonnenschein unser Hafenkino. Stellt der Laden einen Negativrekord auf, wird das wieder gut gemacht durch den selten freundlichen Hafenmeister, eigentlich ein Team. Er kommt sogar vorbei, um das Liegegeld abzuholen und hat auf jede Frage eine Antwort. Wir warten derweil weiter auf den Ostwind, der uns nach Warnemünde bringen soll.
Auch am Sonntag und Montag passt uns der Wind nicht: Südwind Stärke 5-6, in Böen 7: das muss nicht unbedingt sein, zumal wir ja ab Darßer Ort dann südwestlichen Kurs einschlagen müssen. Aber morgen, Dienstag soll es passen und wir bereiten alles vor, von der Wettervorhersage bis zur Essensplanung.


Di., 20.08.2013: Barhöft-Warnemünde

     Die Prognosen haben sich bewahrheitet: wir haben Nordost-Wind, der auch gut passt, zwar nur Stärke 2, aber draußen kann es ja auch schnell mal mehr werden.

     Kurz vor 5 Uhr stehen wir auf, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber es ist schon hell. Draußen ist der Himmel bedeckt und wolkig, aber wenn es regnet wie in der vergangenen Nacht - wir haben ja unsere wetterfeste Kleidung, die wir sowieso anziehen, weil 10 Stunden auf dem Wasser nicht gerade eine Wärmebad sind.

      Kurz nach 7 Uhr lösen wir die Leinen und fahren über den Vierendehl-Grund in die Barhöfter Rinne, in der uns der Gellenstrom glatt einen Knoten „klaut”. Zwischendurch klart es auf, der Himmel verliert seine Wolken und die Sonne wärmt uns angenehm. Das Ufer von Gellen, dem südlichen Teil von Hiddensee, ist nur einen Steinwurf entfernt. Ungefähr bei Tonne 9 ziehen wir kurz nach acht Uhr die Segel hoch, erst das Großsegel, dann die Genua. Der Wind hat jetzt 3-4 Bft erreicht, immer noch aus nordöstlicher Richtung. Später wird er auf 4-5 auffrischen, was uns nur recht sein kann.

      Bei diesen Wind und Wetterverhältnissen, die See bleibt bei ca. einem halben Meter, segeln wir immer in Sicht zur Küste der Halbinsel Zingst auf Darßer Ort zu, in respektvollem Abstand zu dem davor gelegenen Riff. Der Leuchtturm Darßer Ort gibt jedoch klar zu erkennen, wie weit wir noch in westlicher Richtung fahren müssen, außerdem haben wir ja unsere Seekarten von 2013 und die aktualisierte Plotterkarte. In Sichtweite der Gefahrentonne Darßer Ort W gehen wir auf Südostkurs, wieder an der Küste entlang, Richtung Warnemünde, dem nächsten Ort mit mehreren Häfen. Backbord von uns liegt das Fischland, was wir auch noch gerne mitgenommen hätten, aber es gibt ja noch ein Nächstesmal.

     Kurz nach fünf sind wir im Tonnenstrich Richtung Warnemünde. Wir machen den Motor an und versuchen die Segel zu bergen. Leider macht uns der Wind und der Seegang einen Strich durch die Rechnung, das Boot tanzt zu stark auf den Wellen. Nachdem wir zuerst die Einfahrt in den Hafen Hohe Düne verpasst haben, klappt es beim zweitenmal. Irgendwie hat uns die Nordmole die Sicht versperrt, aber wir sind auch geschafft von der langen Tour. Um halb sieben haben wir endlich am Steg A einen Platz gefunden, nachdem wir zuvor den Hafen bis hintenhin abgefahren hatten. Wir wollten einfach mal die Fußwege verkürzen! Aber je weiter man Richtung Steg H kommt, desto größer werden die Segel- und Motoryachten. Da wären wir von der Größe der Boxen schon verschluckt worden.

     Wir haben elf ein viertel Stunden gebraucht für eine Strecke von 53 Seemeilen und wissen jetzt, was wir uns zumuten können. Es war machbar, auch wenn wir von Wind und Wetter große Unterstützung hatten. Und Dank der vorausschauenden Planung des Smutje, den Skipper jederzeit mit Nahrung und Trinken versorgen zu können. Die Strecke mit Gegenwind und ständigem Kreuzen bei Windstärke 7 muss nicht sein, aber wir haben ja auch in Zukunft genügend Zeit, auf den richtigen Wind zu warten.

     Ähnlich wie Kröslin wurde auch Hohe Düne mit einem sehr großen Platzangebot gebaut. Zwischen den Stegen zu manövrieren macht keinerlei Schwierigkeiten. Die Holländer, sage ich da nur! Und weil auf den Stegen auch die sehr gut ausgestatteten WC- und Toilettenhäuschen (wie in einem 5-Sterne-Hotel!) untergebracht sind, jedenfalls auf jedem zweiten, sind die Wege auch nicht wirklich weit. An Land findet sich dann die Hafenverwaltung,
  Abb. 42: Hohe Düne
ein kleiner Laden und diverse Restaurants: „Am Ende dieser Marina wartet eine Genießerwelt auf Sie. In den verschiedenen Bars,Cafés und Restaurants der Yachthafenresidenz Hohe Düne wird ihnen eine kulinarische Vielfalt vorgestellt.” Das klingt teuer und ist vor allem für die Besitzer großer Geldbeutel gedacht.
 
     Wir haben es uns verdient, sagen wir uns, und lassen uns von der örtlichen Noblesse nicht abschrecken. Im edlen Hafenrestaurant - zur Wahl stehen Pizzeria, Steakhouse oder Fischrestaurant - leisten wir uns ein gutes Abendessen. Diverse Prospekte belehren uns, dass es im Yachthafen Hohe Düne alles gibt, was des Seglers Herz zu begehren scheint: vom Wellnessbad, neudeutsch SPA genannt, über Käpt’n Blaubärs Kinderschiff „Elvira” bis zur Segelschule, Yachtcharter, Surf- und Tauschschule und etliches anderes. Wir staunen, und überlegen, welche großherzige Investorengruppe sich hier goldene Kartoffeln versprochen hat. Jedenfalls zum Zeitpunkt unseres Anlandens ist der Yachthafen nämlich mindestens zur Hälfe leer. Aber vielleicht sieht das ja in den Sommer-
monaten anders aus!
 

Mi., 21. 08.2013: Hohe Düne - Warnemünde

     Da wir jetzt Rostock nicht besuchen, bekommt wenigstens Warnemünde einen Besuch ab. Wegen der vielen Pflastersteine auf den ostdeutschen Wegen und Straßen verzichte ich auf das Fahrrad und laufe zu Fuß zur Fähre am Seekanal. In wenigen Minuten komme ich in Warnemünde in der Nähe des Bahnhofs an. Die Fähre verkehrt im Doppelpack alle 10 Minuten, und auch nachts über, wenn auch in größeren zeitlichen Abständen.

     Warnemünde selbst stellt sich als quirliges Durcheinander vor. Im alten Strom befinden sich an der Yachthafenmole Anlegestellen für Boote, allerdings alle besetzt. Gegenüber finden die Ausflugsboote ihren Platz. In den Fußgängerzonen um den alten Strom herum steht ein Shop neben dem anderen, dazwischen immer wieder Cafés, Bars und Restaurants. Es ist ein Gedränge und Geschiebe, manchmal hat man Mühe, durchzukommen. Solistische Alleinunterhalter meinen, das Vergnügungsbedürfnis der Passanten stillen zu müssen und versorgen mit Musik, Pantomime oder sonstigem Klamauk. Auch in einigen weiter hinten gelegenen Seitenstraßen gibt es vieles zu schauen und zu kaufen. Hier sind vor allem wohl preiswerte Hotels, Pensionen und Gästezimmer angesiedelt.

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      Abends kommt dann noch eine besondere Attraktion: Das Kreuzfahrtschiff „Queen Elizabeth” legt ab, angekündigt mit mehrfachem lauten Horn, aber was für eins. Beantwortet von den vielen kleineren Schiffen, die sie bis zur Mündung des Seekanals begleiten. Und das dauert: ca. eine Stunde vergeht von der Ankündigung bis zur Abfahrt. Und dann fährt sie an uns vorbei, auf der Route von Kopenhagen nach Tallin, wie wir von „Rostock Marketing” erfahren.
 Abb. 43: Queen Elizabeth
 Als wir vor gestern in den Seekanal einfuhren, habe ich sie mit ihren ca. 10 Stockwerken für einen futuristisch gestalteten modernen Hotelbau aus Glas und Stahl gehalten.......

     Nach dem sie dann mehr oder weniger draußen auf der Reede vor Warnemünde ist, können endlich all die anderen dicken Pötte rein oder von Rostock kommend raus, die wegen ihr warten mussten. Es geht zu wie auf einem Bahnhof, alle paar Minuten ein dicker Frachter, manchmal auch kleinere, schieben sich den Seekanal rauf oder runter, oft mit einem Affenzahn. Selbst hell beleuchtet scheint die Dunkelheit auf dem Strom kein Problem zu sein.

Do., 22.08.2013: Warnemünde-Kühlungsborn

      Am nächsten Morgen legen wir um 10 Uhr zügig ab und verlassen die mondäne Yachthafenresidenz Hohe Düne. Vor der grünen Tonne 13 gehen wir auf Kurs 260 ̊. Es ist diesig und bei 22 ̊C Lufttemperatur überwiegend wolkig. Da kein Wind da ist, lassen wir den Motor an. Die See ist spiegelglatt. Schnurgerade geht es entlang der Küste. Zwischendurch ist das Wasser voller weißlicher Fäden, ein Anblick, der nicht gerade Begeisterung über die Wasserqualität der Ostsee hervorruft. Nach den Grünalgen-Explosionen nun die Weißfädenfelder!
Gegen halb eins sind wir in Kühlungsborn und legen am Steg D an. Es war nur eine kurze Strecke, 13 sm, aber es muss ja nicht immer ein Langtörn sein! Dafür haben wir noch ausreichend Zeit, um mal wieder etliche Lebensmittel einzukaufen, verbunden mit einem kleinen Fußmarsch in die „City” von Kühlungsborn. Danach belohnen wir uns bei sonnigem Wetter mit einem netten Essen auf der Strandpromenade, auch wenn es erst spätnachmittags ist. Zum Abendessen muss dann eben was kleines reichen.
 Abb. 44: Auch in Kühlungsborn: fliegende Fische
Am Nachmittag fotografiere ich wieder „fliegende Fische” im Hafen. Auch hier dieses Phänomen, wahrscheinlich der Sauerstoffknappheit des Wassers infolge der hohen Wassertemperatur geschuldet. Natürlich sind es keine fliegenden Fische wie in der Südsee, man müsste eher von „verzweifelten” Fischen sprechen.
 

Fr., 23.08.2013: Kühlungsborn-Großenbrode

     Da der Reißverschluss der Großsegel-Persenning reißt und nicht mehr zu retten ist - das Gewebe ist inzwischen morsch - und auch die Sprayhood einige Stellen aufweist, die nach Ausbesserung rufen, entschließen wir uns, am nächsten Tag den Sprung zu machen über die Mecklen-
burger Bucht Richtung Großenbrode, um dort bei Jan-Segel die Reparaturen durchführen zu lassen. Telefonisch haben wir schon alles klar gemacht. Viertel nach elft starten wir und um halb zwölf sind die Segel gehisst. Barbara am Steuer: eine Premiere. Sie muss es lernen, mit dem Boot umzugehen, und steuern ist schon mal ein Anfang. Unser Kurs liegt bei 315 ̊ nordwestliche Richtung, der Wind legt 3 Bft vor und kommt aus Ost-südöstlicher Richtung. Später frischt es auf in Richtung 5 Bft und der Seegang nimmt zu. Da sind sie wieder, die eineinhalb-Meter-Wellen, die wir schon so gewohnt sind. Und so reiten wir flott Richtung Großenbrode, das wir schon von unserer Tour aus dem Vorjahr kennen.
 Abb. 45: Quer über die Lübecker Bucht

      Gegen halb fünf streichen wir die Segel und fahren unter Motor in die nicht ganz einfache Einfahrt rein: zwischen Süd-Kardinaltonne und Außenmole liegt eine zerstörte Mole unter der Wasseroberfläche, an der schon mancher Segler zerschellt ist. Viertel vor fünf haben wir endlich einen Platz an der Stegen der Klemens-Werft gefunden.
Da es sehr windig und unruhig ist, beschließen wir gleich, uns am nächsten Tag ein ruhigeres Plätzchen zu suchen. Für heute haben wir erst mal genug, es waren immerhin 30 Seemeilen, die wir geschafft haben.


Sa., 24.08.2013: in Großenbrode

Den Rest des Tages verbringen wir mit Ausruhen, Aufräumen, ich mit einer „kleinen” Fahrradwanderung zum Kommunalhafen, der neben der Marina Großenbrode und dem Yachtclub Großenbrode liegt. Marina Großen-
brode, das ist die unter Seglern so genannte „Dehler-Marina” und entsprechend sind die Stege auch mit vielen Booten dieser Werft belegt. Etliche Sprintas 70 in verschiedenen Versionen begegnen mir und Erinnerung an alte Zeiten kommen hoch. Da ein Super-Wetter herrscht, wird auch der lange Weg um eine Fabrikanlage zu einer schönen Fahrradtour.


Mo., 26.08.2013: Reparaturtag bei Jan-Segel

     Den Sonntag verbringen wir mit dem Abbau der Großsegel-Persenning und der Sprayhood. Schließlich wollen wir am Montag um 8 Uhr die Sachen in die Halle von Jan-Segel bringen.

      Gegen 12 Uhr kann ich die reparierten Teile wieder abholen, zusammen mit 2 Seesäcken für die Segel, wobei sich dann später herausstellt, dass einer auch gereicht hätte. Das Großsegel ist nämlich so durchgelattet, dass man nur mit viel Arbeit die Segellatten herausbekommen kann, im Unterschied zum Vorsegel, bei dem das relativ einfach ist. Deswegen entschließe ich mich später, das Segel für die Überwinterung nur zusammenzurollen und an Bord zu lassen. Ein Segelsack hätte also auch gereicht. Aber aus Erfahrung wird man klug und hier gibt es, was das Boot betrifft, noch einiges zu lernen.

     Nachdem wir die Sprayhood wieder aufgebaut haben, leisten wir uns den „Luxus”, die Großsegelpersenning gleich unter Deck zu lassen. Wir haben sowieso nur noch zwei Strecken vor uns, einmal nach Neustadt und von dort nach Travemünde/Lübeck. Leider übersehe ich dabei, dass dann auch das Groß nicht richtig angeschäkelt ist. Später, auf dem Wasser, ist es zu spät, um auf dem Deck herum zu turnen.

 
Di., 27.08.2013: Großenbrode-Neustadt

     Für die 25 Seemeilen von Großenbrode nach Neustadt brechen wir früh auf, kurz vor 10 Uhr legen wir ab. Wir haben Sonne, Nordostwind Stärke 2 Bft und nur geringen Seegang. Kurz vor 12 Uhr sind wir an der Tonne „Schwarzer Grund”. Der Wind nimmt weiter ab, gegen halb eins entschließen wir uns, das Vorsegel rein zu holen und den Motor anzumachen. Irgendwie brennt es uns jetzt „unterm Hintern”, wir merken beide, dass das Ende der Tour kommt.

Gegen drei Uhr nachmittags finden wir im Stadthafen noch ein Plätzchen. Wieder einmal zeigt sich: wer früh losfährt, hat gute Chancen, den Platz zu bekommen, der einem gefällt. Eine kleine Stadtrundfahrt mit dem Fahrrad am nächsten Tag macht mir klar, welch ein Glück wir mit diesem Liegeplatz hatten: die Alternative Ancora Marina ist ein Riesengelände, zum Verlaufen ideal geeignet und von der Stadt doch ziemlich weit entfernt. Wir haben nur einige Minuten, um in der „City” zu sein, was für unsere Füße eine wahre Wohltat ist.
 

Mi., 28.08.2013 Neustadt

     Unseren ersten Tag in Neustadt verbringen wir wieder mal mit Einkaufen. Proviant will aufgefüllt sein, auch wenn wir nicht mehr lange an Bord sind. Da wir Zeit haben, bummeln wir ziemliche lange Wege, zumal ein Lebens-
mittelhändler in der Innenstadt nicht zu finden ist. Jedenfalls in dem Teil, den wir besucht haben. Und Getränke sind eben immer am schnellsten weg, so dass hier der größte Nachschubbedarf besteht.
 

Do., 29.08.2013: Neustadt

      Mit dem Fahrrad besuche ich das Studio der „Küstenwache”, das gegenüber dem Stadthafen im Handelshafen liegt. Inzwischen ist die Sendung so etwas wie eine „wöchentliche Rückkehr” zur Ostsee, auch wenn sie nicht von höchstem intellektuellen Niveau ist. Aber wir finden sie lustig und sehen immer wieder Orte mit Wieder-
erkennungswert, so eben den Hafen, die von mir besuchte Ancora-Marina, die Neustädter Bucht oder „Locations”, wie jetzt heißt, in Neustadt selbst, auch wenn wir dort längst nicht alles kennen.
 Abb. 46: Küstenwache-Studio

      Zur Ancora-Marina ist es ziemlich weit zu radeln. Von dort in die Innenstadt ist es ohne Auto eine Strapaze und zum Einkaufen gibt es dann nur die Shops im Hafen. Allerdings muss man auch festellen: dieser Hafen hat jeden erdenklichen Service, den man sich vorstellen kann. Jeder einigermaßen bekannte Yachthersteller, Motorenfirmen, Refit-Werkstätten, Segelmacher und und und. ....
 

Fr., 30.08.2013: Neustadt-Lübeck

Viertel vor elf verlassen wir unseren gemütlichen Liegeplatz im Stadthafen. Und da passiert das, wovor wir die ganze Zeit unsägliche Angst hatten, was zwangsläufig mit Murphýscher Gesetzmäßigkeit kommen musste: was schief gehen kann, geht schief! Der Enterhaken, den Barbara zum Abstandhalten zu den Nachbarschiffen eingesetzt hatte, fällt beim Verlassen der Box ins Wasser! Er hatte sich an einer Leine „verhakt”, sie konnte ihn nicht mehr lösen und schwupps, lag er im Wasser. Ja, was soll ein Enter-„haken” denn auch machen, als sich zu verhaken. Aber kein Grund zur Panik: wir machen am Ende des Steges provisorisch fest, Barbara springt auf den Steg und der Enterhaken kommt ganz lässig an die Badeleiter herangeschwommen. Nun nur noch ein kleines Fußbad mit dem Schuh, und sie hat ihn in Sicherheit. Vielleicht war sie gedanklich ja ganz absorbiert von der Hochzeit, von der ich ihr berichten konnte: Hochzeit auf einem Segelschiff, unter Segeln, wie romantisch! Dieses Erlebnis hatte ich wiederum einem Brief zu verdanken, der noch unbedingt zur Post gebracht werden musste. Wobei man hier den Eindruck bekommt, Briefkästen werden auch in Neustadt zur Mangelware. Ich musste jedenfalls bis zum Marktplatz in der Innenstadt laufen, um einen zu finden. Am Hafen: Fehlanzeige! Man sieht mal wieder, wie eins ins andere greift: der Brief, die Hochzeit, die Gedanken daran und schwups: Enterhaken im Wasser!

Mit so viel „Aufregung” verlassen wir Neustadt bei diesigem Wetter, wenig Wind und viel Wolken. Manchmal kann sich die Sonne durchsetzen, aber es ist ja nur ein kleines Stück bis Travemünde. Gegen halb zwölf setzen wir die Genua und lassen uns in Richtung der Travemündung schieben, die wir knapp zwei Stunden später erreichen. Unsere letzte Segelstrecke für diese Saison, bei einer Geschwindigkeit zwischen 3 und 4 Knoten recht entspannt und entschleunigt.

Jetzt noch eineinhalb Stunden bei Sonnenschein die Trave hoch, was immer wieder ein besonderes Erlebnis ist, weil es einem Eintauchen oder „Hochkommen” aus einer anderen Welt gleicht. Und man kann sich so richtig langsam den verschiedenen Gedanken hingeben, die dann Minute für Minute realer werden: die Tour beginnt oder die Tour endet, und das „normale” Leben fängt wieder an.


Sa., 31.08.2013: Lübeck-Moers

Noch haben wir einen anstrengenden Abschluss vor uns: das Schiff ausräumen, so viel wie möglich ins Auto, dabei entscheiden, was unbedingt mit muss und was später bei der Wintereinlagerung mit kann, das Auto so packen, dass auch jeder Kubikzentimeter ausgenutzt wird, die leeren Flaschen wegbringen und so weiter und so fort. Aber es geht gut, Hand in Hand arbeiten wir zusammen, vielfach ohne groß darüber zu reden oder zu debattieren. Unsere Spiegelneuronen übernehmen voll die Kommunikationsarbeit!
Gegen Nachmittag ist das Auto voll, einige Butterbrote geschmiert und das Schiff so weit leer. Jetzt noch außen alles klar machen, den Müll wegbringen und ab „on the road”.

Fünf Stunden später sind wir wieder zuhause, voll mit Gepäck und Aufräumarbeiten, aber auch voll mit Erinnerungen an diesen Super-Sommer 2013. Auf all unseren Touren, ob in den Niederlanden oder 2012 zum erstenmal in der Ostsee, nie hatten wir ein besseres Wetter. Hoffen wir, dass es nächstes Jahr auch so ist, und wenn nicht, erinnern wir uns an den alten Spruch: Es gibt kein falsches Wetter, es gibt nur falsche Kleidung!

 

Was noch zu sagen wäre

Normalerweise sollte jetzt am Ende der Reise so eine Bilanz kommen: wie viel Tage waren wir unterwegs, wie viel Hafentage gab es, wie viel Seemeilen sind wir gesegelt und wie viel unter Motor gefahren, vielleicht auch wie viel Regen- und Sonnentage gab es usw. Von den finanziellen Aspekten mal ganz zu schweigen. Aus einer solchen Reise kann man jede Menge Statistiken und Zahlenwerte auflisten, aber: wen interessiert das wirklich?

Hauptsache ist doch: Ulrich und ich sind viel gesegelt und hatten nur wenige Motorstunden. Barbara und ich hatten viele Ruhetage und sind auch viel gesegelt, eben je nach Wetter. Die längste Strecke war mit 55 sm gut zu schaffen. Wir haben viele neue und interessante Städte kennen gelernt, die wir zum Teil wieder sehen wollen. Wir haben auch Häfen kennen gelernt, nach denen wir kein Verlangen mehr haben. Manche Häfen wie Gustow haben wir in unser Herz eingeschlossen, von anderen wissen wir jetzt: "Auch nicht schlecht!" Es war meistens ein Superwetter und insgesamt ein Supersegelsommer. Und das wünschen wir uns auch für nächstes Jahr!

Was es sonst noch gibt: interessante links

Molli-Bahn in Bad Doberan: http://www.molli-bahn.de/ und http://www.bad-doberan.de/

Ereignisse im Jahre 2007 zum G8-Gipfel: http://gipfelsoli.org/Repression/9008.html

Ostseeinsel Hiddensee: http://www.hiddensee.de/

Hansestadt Stralsund: http://www.hansestadtstralsund.de/index.php?id=150

Untergegangenes Minensuchboot: http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/minensuchboot111.html
und http://www.thw-stralsund.de/thw-hst/index.php?option=com_content&view=article&id=165:bergung-ms-qschuetzeq&catid=2:einsaetze&Itemid=11

Rettung der "Wikinger" 2012: https://www.seenotretter.de/presse/pressemitteilungen-im-detail/article/wikingerschiff-nachbau-strandet-am-darsser-ort-seenotretter-bringen-zwoelf-segler-in-sicherheit.html?tx_ttnews%5bpS%5d=1341093600&tx_ttnews%5bpL%5d=2678399&tx_ttnews%5barc%5d=1&tx_ttnews%5bbackPid%5d=

und: http://www.dgzrs-darsserort.de/

Insel Vilm: http://www.365sterne.de/admirals_sailing/dokus/vilm_doku/doku.html

Restaurant Tischlerei in Stralsund: http://www.marina-yachtzentrum.de/yachtzentrum_greifswald_segler_restaurant.html

Untergang eines Seglers: http://www.ostsee-zeitung.de/Vorpommern/Greifswald/Unglueckssegler-sorgt-fuer-Aerger

Fähren auf Usedom: http://www.schifffahrt-usedom.de/

Ozeaneum in Stralsund: http://www.ozeaneum.de/

Skurrileum in Stralsund: http://skurrileum.de/

Chemiker Wilhelm Scheele: http://www.seilnacht.com/chemiker/chesch.html

Stromerzeuger EnBW: http://www.enbw.com/unternehmen/konzern/energieerzeugung/neubau-und-projekte/enbw-baltic-1/index.html  und

Kreuzfahrtschiff "Queen Elizabeth": http://www.cunard.de/fleet/QE/?gclid=COfJ69P4jrsCFWYTwwodHEgAJw

Der Segelmacher Jan-Segel: http://www.jansegel.de/

Küstenwache: http://kuestenwache.zdf.de/

Murphy's Gesetze: http://userpage.chemie.fu-berlin.de/diverse/murphy/murphy.html

Enterhaken: http://de.wikipedia.org/wiki/Enterhaken

Quelle Abbildungen 1-4: Planungskarte Ostsee, Copyright Verlag Delius-Klasing, Bielefeld

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update: 25.03.2019                                                                                                                                                             nach oben       zurück zur Hauptseite
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