Törnbericht 2012:
Sommertörn Ostseeschnuppern

 

Inhaltsverzeichnis

Mi, den 11. Juli: Abfahrt von Moers

Do, den 12. Juli:

Mo, den 16. Juli:

Do, den 19. Juli:

So, den 22. Juli: Grömitz

Mo, den 23. Juli:

Di, den 24. Juli: Großenbrode-Fähre

Do, den 26. Juli: Strande

Fr, den 27. Juli: Maasholm

Di, den 31. Juli: Schleswig

Sa., den 4. August

Di, den 7. August: Sønderborg

Fr, den 10. August: Marstal

So, den 12. August: Großenbrode

Do, den 16. August: Heimfahrt

 

Törnberichte

   
   
2019 Törnbericht 2019: Gotland
2018 Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht:  Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee-Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
  Sommertörn Ostsee
2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
2010 Von Hamburg ins Lauwersmeer
   
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Abb. 1: Unsere erste lange Strecke in der Ostsee

Worüber soll man einen Reisebericht schreiben, wenn es zu Beginn der Reise den ganzen Tag regnet? Über die Erwartungen, die tief im eigenen Ich schlummern? Über das, was man schon immer mal erleben wollte? Oder einfach anfangen mit der Tagesbefindlichkeit?

Mi, den 11. Juli

Vor einer Woche, am sind wir früh von Moers aus losgefahren - nach einer sehr kurzen Nacht meinerseits und mehr oder weniger Schlaflosigkeit von Seiten Barbaras, die solche Situationen immer „nutzt“, um ganz auf den Beinen zu bleiben. Um vier Uhr früh aufstehen, duschen, frühstücken, eben das Übliche, um das eigene Menschsein in Gang zu bringen. Barbara muss noch packen, Stück für Stück trudeln die letzten Gepäckstücke im Flur ein, um im schon ohnehin vollen Auto in irgendeiner Ecke noch verstaut zu werden. Gegen sechs Uhr ist dann endlich alles an Bord, und es kann losgehen, Richtung Lübeck.

Zum Glück ist auf den Autobahnen noch nicht so viel los, teilweise ist es recht leer. Gegen 11.30 Uhr, eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin, kommen wir in der Marina am Stau an. Das Boot ist soweit fertig, Unterwasseranstrich, die Reparaturen an der Dichtung der Logge, alles sieht gut aus.

Das Kranen geht flott vor sich, nach ca. einer halben Stunde ist die „de Widzi“ im Wasser und wir fahren an unseren Steg. Da der Mast noch liegt, ist das Ein- und Aussteigen über den Bugkorb umständlich, aber es geht.

Abb. 2: Der gelegte Mast vom Winterlager

Noch sind wir nicht so unbeweglich, dass wir das nicht mehr schaffen könnten.

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Die erste Überraschung kommt nachmittags, als ich das Trinkwasser einfüllen will. Kaum ist der Tank voll, trete ich auf die Fußpumpe und es kommt nur Luft, außerdem quillt das Wasser aus dem Tank und im Vorschiff bilden sich wieder Pfützen - eine altbekannte und gefürchtete Erscheinung seit dem Kranen in Andijk. Zum Glück ist B. St., der die Pumpe repariert hat, noch vor Ort. Aufgeregt marschiere ich in seine Werkstatt, wo er sich geduldig meine Klagen anhört, einige Werkzeuge einpackt und mit einer elektrischen Pumpe wiederkommt. Nachdem der Tank leer gepumpt war, wurden die beiden Anschlüsse vertauscht - St.: „Das kann doch nicht sein. Ich habe die Pumpe doch selbst repariert - aber vielleicht habe ich doch die Anschlüsse vertauscht!“. Na, auf jeden Fall funktioniert es jetzt wieder, auch wenn die reparierte Pumpe gefühlt nicht so viel Wasser gibt wie vorher. Egal - sie kommt ihrer Aufgabe nach und ich kann den Tank zum zweiten Mal füllen.

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Do, den 12. Juli

Am nächsten Tag,  stehen wir erst spät auf. ..... Danach ist wieder einräumen, aufräumen, etwas ‚“brömmeln“, lesen, gut essen und ausruhen angesagt. „Wichtigste Aufgabe” zu Beginn eines Urlaubs ist erstmal die klimatische Eingewöhnung, sich klar zu machen, dass wir Urlaub haben und dass uns fünf Wochen Zeit gegeben sind, eine Reise ins Unbekannte zu unternehmen - denn wir haben nichts genaues geplant, außer der groben Reiserichtung „NORDEN“! So leben wir gemütlich bei inzwischen wieder viel Regen und Wind und gelegentlichem Sturm vor uns hin und genießen die Muße. „DolceVita” geht nach dem Motto: „Heute (bei Regenwetter) ist ein guter Tag zum...., z.B. Lesen...!” Der Mast kann noch nicht gestellt werden, auch an den nächsten Tagen noch nicht. Wir haben es nicht eilig und machen uns keinen Stress.

Von Freitag gibt es nichts Aufregendes zu berichten, jedenfalls hat das Logbuch nichts vermerkt.

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Mo, den 16. Juli:

 Das Wetter wird nicht besser. Ein richtiger Sommer ist bis jetzt nicht in Sicht, also geben wir uns mit dem zufrieden, wie es ist. Wir stehen spät auf, der Tag vergeht mit frühstücken, einkaufen, aufräumen, lesen, dies und jenes machen, z.B. etwas reparieren, mal wieder die Bedienungsanleitung von diesem oder jenem Gerät zu lesen, in diverse Handbücher zu schauen, die Segelliteratur zur angepeilten Küste zu studieren, in diesem oder jenem Buch zu schmökern, und sich die Karte bzw. den Kartensatz vorzunehmen, usw. usf. Am Abend hat man das Gefühl, nichts gemacht zu haben außer Kleinkram, aber davon ganz viel. Es ist saukalt, hin und wieder muss unser Heizöfchen „arbeiten”. Tagsüber kommt etwas Sonne, aber immer wieder kürzere oder längere Regenschauer, der Luftdruck steigt allmählich auf 1019 hPa, was Hoffnung in uns aufkeimen lässt, dass das Wetter allmählich besser werden könnte. Abends gegen 20 Uhr ist es gerade mal 17,2 °C, auch nicht gerade berauschend. Allmählich fangen wir an, die Wetterberichte genauer zu verfolgen, aber die Tiefs um Schottland, aus Island oder Irland, sie kommen und gehen und kommen und gehen, ziehen immer nord”oost”wärts, kein längerfristiges, stabiles Hoch in Sicht.

Wetterlage vom 15.07.2012, 14.00 UTC: westliche Winde 4-5 bft, einzelne Schauerböen, See bis 1,5 m, Aussichten: West 5 bft, Tief 998 nw der Lofoten, abschwächend, nw-ziehend. Trog 1005 Schottland, abschwächend, Tief 998 Südnorwegen, wenig ändernd; Tief 995 nördliche Nordsee, nordostziehend, Hoch 1027 nordöstlich der Azoren, etwas abschwächend, ostwärts Keil 1015 Österreich, verstärkend, ostwärts ziehend, weiterer Keil 1015 Irland... usw. So geht das schon Tag für Tag, die Tiefs kommen rein wie frische Brötchen, das Azorenhoch liegt fest, bestenfalls einige Ausläufer in unsere Richtung. Die nächsten Tage sind Windstärken von 5-6 bft vorhergesagt, erst am 18.07. soll es etwas abnehmen, um dann noch stärker zu werden. Wir fürchten, dann irgendwo festzusitzen, wie wir es voriges Jahr auf Vlieland erlebt haben. Dann besser im ruhigen Hafen liegen, auch wenn es dort regnet!

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Do, den 19. Juli

Regen, Regen und nichts als Regen! Es ist zum Haare raufen! Mit 1004 hPa und 16,7 °C gegen Mittag nicht gerade berauschend. Aber am und im Boot gibt es immer wieder was zu machen, aufzuräumen, zu sortieren usw. Es wird uns nicht langweilig, aber manchmal geht mir schon der Gedanke durch den Kopf, ob wir nicht wieder nach Hause fahren sollen - nur so als Gedanke! Die Prognosen für Wind und Richtung für nächste Woche stehen günstig, also beschließen wir, am Sonntag abzureisen, egal ob es regnet oder nicht. Schließlich haben wir ja Regenkleidung! Der Wind sieht jedenfalls günstig aus, nach den Vorhersagen, für So NW 3-4 bft.

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So, den 22. Juli

Wir stehen früh auf, das heißt für unsere Verhältnisse um 8:30 Uhr. Nach einem guten Frühstück und den üblichen Startvorbereitungen wird das Schiff aufgeräumt und innen alles seetüchtig verstaut. Was runterfallen kann, kommt gleich in Körbe, die auf dem Boden stehen, die Rettungswesten und Life-Belts wer-den herausgeholt und das Schlecht-Wetter-Zeugs, also Hose und Jacke für Regen und Kälte angezogen. Endlich, um 11:24 Uhr heißt es “Leinen los” und wir verlassen die Marina am Stau. Es ist Sonne pur, das Thermometer klettert auf bisher unbekannte 27°C auf unserer ersten Fahrt durch die Trave Richtung Travemünde. Nach ca. eineinhalb Stunden erreichen wir die bekannte Marke, das Maritim Hotel in Travemünde. Davor mussten wir noch einer Fähre ausweichen und weil gerade “Travemünder Woche” ist, geht es auf dem Fluss zu wie auf der

Abb. 3: Das Hotel Maritim in Travemünde
Autobahn. Daneben finden noch Regatten statt und wer ein Boot hat, muss wohl heute auf dem Wasser sein.

Dann die “Enttäuschung”: Auf der Ostsee ein schwacher Westwind, Stärke 2-3, dann abnehmend in Richtung 1 bft. Dazu Seegang Stärke 1, also tote Hose. Etwas Dünung, aber keine großen Wellen, was wir als “Ostsee-Anfänger” erstmal angenehm empfinden. Nur: wir hatten Wind von Stärke 4 vorausgesagt bekommen und nun dies. Na ja, so viel zur Zuverlässigkeit von Wetterprognosen. Obwohl: Großräumige Wettervorhersagen stimmen nicht immer mit den kleinräumigen Lokalitäten überein. Aber wir lassen uns nicht entmutigen und vertrauen auf unseren zuverlässigen Motor, den Volvo-Penta MD2020. Er führt uns leise, aber zuverlässig und stetig nach Grömitz, der ersten Station unserer Ferienreise.
Mittags wird es richtig heiß auf der Ostsee: Kopfbedeckung und Eincremen sind ab sofort Pflicht, wir wollen schließlich keinen Sonnenbrand bekommen. Viertel vor drei kommen wir im Hafen an und finden bald einen netten Liegeplatz. Nach dem Festmachen erfolgt die obligatorische Suche nach dem Hafenkontor, der oben am Strandweg untergebracht ist. Für 13 € bekommen wir einen Liegeplatz und gegen Pfand den Schlüssel zum Waschhaus.

Mo, den 23. Juli

 Es ist heiß in Grömitz, dem bekannten Ostseebad, und wir machen einen Ruhetag. Der Luftdruck steigt morgens um 8:00 Uhr auf 1030 hPa, bei leichtem Westwind 3 bft. Gegen 10 Uhr stehen wir auf, nach dem üblichen Frühmorgens-Procedere verlassen wir um die Mittagszeit das Schiff für einen längeren Einkauf. Wir laufen stundenlang die Promenade am Strand rauf, auf der Suche nach einem “Edeka” oder etwas ähnlich gewohntem. Zahlreiche Klamottenshops erwecken Barbaras Interesse und machen das Vorwärtskommen sehr mühsam, mit viel Überredungskunst muss sie sanft daran vorbeigezogen werden.

Nach mehreren Pausen mit Cola und Gebäck, den diversen Postkarten-käufen und ähnlichen “Kleinteilen” finden wir eine Apotheke, in der Barbara ihr gewünschtes Medikament erhält, das sich auch nach intensiver tagelanger Suche in ihren drei Kleidertaschen nicht hat finden lassen. Per Fax und Telefon wird es beim Hausarzt geordert und abends liegt es dann abholbereit vor, Dank der modernen Kommunikationstechnik.
Abb. 4: Grömitz-Hafen mit einer langen Shopping-Meile

Neben der Apotheke liegt gleich der “gewünschte” Edeka-Markt mit einem großen Warenangebot auf engstem Raum. Nachdem wir unsere Taschen voll haben, will sagen den Rücken mit Rucksäcken und zwischen uns die große Einkaufstasche, finden wir den Weg zurück zum Hafen. Leider liegt das Boot ziemlich am Hafenende, es wird also ein weiter Weg und wir brauchen mehrere Pausen, um dann ermattet anzukommen.

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Di, den 24. Juli

 Ein Tag Grömitz war Pause genug, es geht weiter nach Großenbrode Fähre, einem lauschigen, nicht so bekannten Hafen, der in den Reiseführern und in der Mund-zu-Mund-Propaganda gerühmt wird. Nach dem Aufstehen brauchen wir nochmals etwa zwei Stunden, dann starten wir gegen 10:40 den Motor. Die Tankstelle in Grömitz finden wir nicht, es ist zu viel Getümmel am Steg, wir können keine Zapfsäule erkennen.
Also starten wir raus auf die See und haben das gleiche Wetter wie einen Tag zuvor: Sonne satt, Druck von 1026 hPa, Temperaturen um 25-26 °C, in der Sonne mehr und Wind von West, aber nur Stärke 2-3. Also bleibt der Volvo an und wir touren gemächlich nach Großenbrode-Fähre, wo wir um 14:50 den Motor wieder abstellen.

Was für ein Hafen: nach einer etwas schwierigen, weil sehr flachen Einfahrt, bei der der Grund sehr klar zu sehen ist (wenigstens weiß man dann, worauf man festsitzt!), taucht man in einen kleinen Hafen mit gerade mal zwei Anlegestegen ein , “West” und “Ost” genannt, einer herrlichen, parkähnlichen Grün-anlage und einer Ruhe, wie sie in Grömitz undenkbar war. Der ideale Ort zum Aus-spannen, kein Trubel, keine Läden, keine Ablenkung durch
Abb. 5: Großenbrode-Fähre, der Hafen mit der untiefen Einfahrt
Einkaufen, wenn man mal von der Pommes-Bude absieht, die ich später zufällig entdecke. Und die Duschen: die besten Duschen, die ich auf Segeltouren je kennen lernen durfte. Wasser satt, was für ein Genuss! Keine Zeitbeschränkung, so viel wie man will und das alles im Preis inbegriffen - für 10.-€ Liegeplatz-Kosten ist das ge-schenkt. Die ganze Anlage macht einen sehr sauberen, gepflegten Eindruck, es ist Privatbesitz und das sieht man der Anlage an! “Allein des Duschen wegens hat sich der Besuch gelohnt”, vermerkt das Logbuch.

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Do, den 26. Juli

Früh stehen wir auf, für unsere Verhältnisse heißt das um 8 Uhr. Nach dem Frühstück und dem persönlichen Klarmachen geht es los: um 10:14 Uhr schmeißen wir den Motor an und verlassen Großenbrode-Fähre, den kuscheligen Hafen, den wir gerne wieder besuchen werden, in Richtung Strande.

Unser erster wirklicher Segeltag beginnt mit Sonne satt und Wind von vorne, also segeln wir mit beiden Segeln mit Am-Wind–Kurs von Großenbrode-Fähre in den Sund und dann immer 270 ° westwärts. Da wir der Küste immer wieder zu nahe kommen, machen wir einige Schläge Richtung Südosten, um Raum zu gewinnen. Heiligenhafen überspringen wir und weil gerade keine Schießzeiten sind, müssen wir um die Hohwachter Bucht auch keinen großen Umweg nehmen. Die Küstenlinie ist auch nicht besonders spannend: kleinere Steilküsten wechseln mit Stränden ab, hin und wieder ein Hochhaus, aber nichts Aufregendes. Allerdings ist das Marine-Ehrenmal Laboe schon früh erkennbar. Der Wind kommt anfangs mit 2-3 bft, frischt dann gegen mittag auf 4 bft, in Böen manchmal auch 5 bft auf. Wir machen ungefähr 5 Knoten Fahrt.
Gegen Nachmittag hin nimmt der Wind ab, wir dümpeln mehr oder weniger vor uns hin und haben noch nicht das richtige Verhältnis zur Geschwindigkeit und zur Entschleunigung gefunden, es ist auch ein ganzes Stück noch bis nach Strande. Gegen viertel nach zwei machen wir die Maschine an und fahren unter Segel und Motor weiter, aber es bringt nicht viel, genauer gesagt nur 1 kn. Deswegen beschließen wir, gegen vier Uhr nach-mittags die Segel runter zu holen und mit Motor alleine zu fahren. Beim Reinholen des Großsegels falle ich fast über Bord, ich hänge mit den Kniekehlen in der Reling und kann mich gerade noch an den Fallen des Reffs festhalten. Gut, dass das Reff nicht so leicht läuft, sonst hätten die Leinen vielleicht nachgegeben! Zum Glück hatte ich eine Schwimmweste an, wie übrigens wir beide auf der ganzen Fahrt. Nachdem wir jahrelang das Ijsselmeer in dieser Hinsicht nachlässig betrachtet hatten, wollen wir uns diesen Fehler auf der Ostsee nicht weiter gestatten. Im Vergleich zum Binnenmeer Ijsselmeer ist die Ostsee doch noch eine ganze Nummer härter, das hatte uns schon die Dünung beim Verlassen von Travemünde gezeigt - und wie wir noch erfahren dürfen, kann es bis zu 2 und mehr Meter hohe Wellen geben, was wir ebenfalls bis jetzt nicht gewohnt sind. Über Bord zu fallen sollte schon „im Keim erstickt“ werden. Jedenfalls ist außer einem sekundenlangen Schrecken nichts geblieben, vielleicht etwas mehr Vorsicht bei Aktivitäten auf Deck. Was die Wellenhöhe betrifft: es ist unsere Erfahrung. Andere mögen andere haben. Immerhin ist es ja unser erster Sommer auf der Ostsee! 

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Der Hafen liegt neben der Marina Schilksee, dem berühmten Olympiahafen. Weil der sehr groß ist, haben wir Strande ausgesucht, aber das ist ebenso groß, viel Trubel und Volk, Cafe´s und Schnell-Restaurants auf der Promenade. Immerhin ein netter Hafenmeister! Die sanitären Anlagen: eine Pleite. 4 Duschen für einen Hafen von über 600 Liegeplätzen, davon drei als Gemeinschaftsdusche! Man fühlt sich an alte Zeiten erinnert, als Mann noch gemeinsam duschte und Privatsphäre wohl unangemessener Luxus war! Über die Frauenduschen kann ich natürlich nichts sagen. Ebenso vier Toiletten, drei Waschbecken. Na, wenn das kein Null-Rekord ist. Der Hafen Strande bekommt jedenfalls auf meiner persönlichen Sanitäranlagen-Rankingsliste null Punkte. Und sonst ist gerade mal das Restaurant des Kieler Yachtclubs erwähnenswert, dort kann man ganz gut im Freien sitzen und essen. Wir hatten es uns verdient, nach der langen Fahrt. Es gibt Hering in verschiedenen Variationen, wenn schon Ostsee, dann auch Fisch! Aber sonst lohnt sich eine Fahrt nach Strande nicht, das war unser gemeinsames Urteil.

Fr, den 27. Juli

Deswegen geht es am nächsten Tag weiter Richtung Schlei, als ersten Hafen haben wir Maasholm ausgesucht. Wir fangen den Tag an mit 1018 hPa und 20 °C, der Druck geht im Laufe des Tages auf 1012 hPa zurück, aber es ist ein tolles Wetter, der Wind genau richtig, Stärke 3-4 bft und aus Richtung NO, ein Wölkchen am Himmel, ansonsten Sonne pur. Wir segeln Raum-Schots-Kurs, also mit halbem Wind, und das Schiff bewegt sich angenehm im Wasser. Das Logbuch verzeichnet keine Unfälle! Es ist der wirklich erste Tag, an dem Segeln pur war, ich komme mir vor, als sei es den ganzen Tag schon Sonntag. Nach viereinhalb Stunden machen wir in Maasholm fest, am Steg B2, Liegeplatz 8. Den Motor hatten wir eigentlich nur in der Schlei an, von Schleimünde bis Maasholm und morgens, als wir aus Strande gegen den Wind anlaufen mussten.

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Gegen Abend kühlt es merklich ab, es sind Gewitter mit Böen von 8 bft vorausgesagt. Wir sind nicht die einzigen, die ihre Segel aufklaren und die Persenninge überziehen, auch wenn am nächsten Tag Segeln angesagt ist. In Uitdam mit der Sprinta 70 haben wir mal erfahren, was es heißt, wenn Murphy’s Gesetz zuschlägt: “Was schief gehen kann, geht schief.” Das Vorsegel - und damals war das noch eine kleine Wendefock - war nur am Vorstag zusammengerollt, aber ohne Persenning. Nachts kam Starkwind und Regen, das Segeln wurde regelrecht vom Wind “aufgefächert” und knallte so lange in der Nacht herum, bis ich es mit viel Mühe wieder einholen konnte und durch mehrfaches Festbinden das Aufrollen verhinderte. Das macht natürlich Spaß, in Wind und Regen im Schlafanzug barfuß auf dem Deck herum zu springen! Letztlich ist es nur sicher mit der Persenning, alles andere kann sich lösen.
Es gibt übrigens noch eine Steigerung dieses Satzes: Wenn mehrere Sachen schief gehen können, als Kette sozusagen, dann passiert das auch.

Maasholm ist ein kleiner, netter Hafen. Gleich beim Hafenmeister steht ein Denkmal an die Aalfischer in Bronze, das an vergangene Zeiten erinnert, als Maasholm noch ein großer Fischereihafen war.
Aber auch der Ort hat es in sich: Überall toll geschmückte Gärten, Ausstellungen alter Schiffsteile, von Zubehör aus den “guten alten Zeiten”, als man hier noch vom Fischfang leben konnte. Die Bewohner haben aus ihrem Ort etwas gemacht und erkannt, was die Segel-Touris wollen. Weil nicht jeder mit dem Fotoapparat stundenlang durch kleine Orte stöbert und skurille Gegenstände auf die Linse bannt, gibt es in Maasholm im Sommer jede Menge Feste und andere Aktivitäten. Jedes Wochenende ist der Bär los und auch am Hafen tobt das Leben. Fisch- und Eisbuden sorgen für den Gaumenkitzel, und für das Auge gibt es vom Fischkutter bis zum Rettungskreuzer der DGzRS genug zu sehen.

 

Sa, den 28. Juli

 Und weil der Smutje erst mal wieder genug vom Kochen hat und der Kapitän des Nachbarbootes so vom “Störtebecker” geschwärmt hat, gibt es abends Ausgang. Wir ziehen uns “fein” an, wie es sich für einen Landgang gehört und suchen den “Störtebecker”, der in einem kleinen Ort wie Maasholm

Abb. 6: Meerjungfrau in Maasholm
unschwer zu finden ist. Da wir einen Tisch vorbestellt haben und früh dran sind, gibt es keine Platzprobleme, im Gegensatz zu späteren Nachzüglern, die dann mit einem “Freiluftgehege” im Hinterhof vorlieb nehmen müssen, was uns beim zweiten mal auch blüht, da wir dachten, ohne Vorbestellung gehe es auch.
 Aber der “Störtebecker” ist nun eben das angesagte Lokal in Maasholm und auch der Gang zum Garten, in dem man ebenfalls essen kann, ist schön gestaltet. Nach dem Essen gehen wir zum Fest der DGzRS und tanzen zu den Klängen einer fetzigen Band bis nach Mitternacht - meine Rücken-muskeln freuen sich über ein bisschen Bewegung und wir haben Tanzspaß in Maasholm. Seit Ewigkeiten hatten wir beide das nicht mehr! 
Abb. 7: Garteneingang des "Störtebeckers"

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Di, den 31. Juli

      Erst spät kommen wir aus dem Bett, aber bis Schleswig, unserem Reiseziel, sind es auch nur ein paar Seemeilen. Deswegen lassen wir uns Zeit, tanken in aller Ruhe und gegen halb zwölf machen wir die Leinen los. Es ist sonnig, wenn auch viele Wolken und Wind die Luft nicht allzu warm werden lassen. Nach nicht einmal 2 Stunden sind wir in Schleswig, dem Ende der Schlei und machen im Stadthafen fest.

       Der Luftdruck steigt seit Tagen an, ein gutes Zeichen, das besseres Wetter erwarten lässt. Auch heute sind wir beide zu faul zum Kochen und Abwaschen, deswegen steuern wir nach dem Anmelden beim Hafenmeister gleich das Hafenrestaurant “Speicher” an, wo wir mit Fisch und Penne unseren Hunger stillen. Auch auf einer Flussfahrt zehrt der Wind einen aus und man bekommt ordentlich Appetit und Durst. Da wir gleich für zwei Tage “gebucht” haben, können wir es den Rest des Tages gemütlich angehen lassen, etwas Logbuch führen, Betriebsstundenzähler und Log-Distanz auslesen, sich ein bisschen ums Wetter kümmern und ansonsten die Seele baumeln lassen.

       Schleswig
hat einen netten Stadthafen, man ist schnell in der City und beim ersten mal gehe ich zum Einkaufen zu Fuß. Aber schnell komme ich dahinter, dass ich doch mit dem Fahrrad schneller bin und so erkundige ich die wichtigsten Läden in der Altstadt-Einkaufspassage fahrend. Die Wege sind zwar fürs Fahrradfahren saumäßig, weil alle paar Meter anders ausgestattet - mal Kopfsteinpflaster, mal Ziegelsteine, dann wieder geteert - aber besser als Laufen. Ein Einheimischer macht mich Tage später auf mein Fehlverhalten aufmerksam: “Hier ist Fahrrad fahren verboten”! Ich hatte mich schon gewundert, dass es so wenig Radfahrer in der Fußgängerzone gab! Ernst genommen habe ich den Passantenhinweis zuerst nicht, aber nach einigen Tagen wurde mir klar, dass ich ja auch dafür bezahlen muss, wenn ich erwischt werde 

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Sa, den 4. August

Nach so vielen Tagen Schleswig ist es jetzt genug, wir reisen ab. Gemütlich stehen wir auf, lassen uns Zeit und um kurz vor zwölf wird der Motor angeworfen. Die Schlei geht es jetzt wieder Richtung Schleimünde und gegen viertel nach eins kommt die Eisenbahnbrücke bei Lindaunis in Sicht. Kurz vor zwei geht die Brücke hoch und wir fahren durch, als letztes Schiff, dank einem netten Brückenwärter, der auf uns gewartet hat. Das haben wir bisher in Deutschland nicht erlebt! Vor der 2. Brücke in Kappeln müssen wir warten, wir kreuzen den Strom rauf und runter vor der Brücke, festzumachen haben wir beide keine Lust. Um kurz vor vier sind wir durch und gegen halb fünf kommen wir in Maasholm an. Es war nicht lange zu fahren, gerade mal 20 sm, aber es hat eben auch schon gereicht, zumal da es immer wieder geregnet hat und wenig Sonne war.

So, den 5. August

 Am nächsten Tag passiert, was passieren musste: mein linkes Ohr ist zu. Auch wenn ich vor der Fahrt die Ohren selbst gesäubert habe - wie verrate ich hier nicht - ein Schmalzpropfen hat sich direkt auf das Trommelfell gelegt und ich höre nichts auf diesem Ohr. Nur rechts - aber das sind gerade mal 50%. Natürlich hat das auch seine Vorteile - man hört die See nicht so rauschen, und auch das Geklapper der Fallen im Wind ist auf einmal viel leiser. Aber ich denke, wenn es drauf ankommt, brauche ich das Ohr, zumal ich ja Barbara auch nur zur Hälfte verstehe und sie jeden zweiten Satz wiederholen muss.
Jetzt ist erstmal Selbsthilfe angesagt, aber alle „Eigentechniken“ helfen nicht. Weitere Details will ich hier nicht ausbreiten, nachher macht das jemand nach und ich bin schuld! Der Propf steckt fest und dank des verwinkelten Gehörganges ist auch nicht so richtig an ihn heranzukommen. Deswegen bleibt nur sachkundige Hilfe von außen.
Also gehe ich zum Hafenmeister und erkundige mich nach einem HNO-Arzt in der Umgebung und wie ich da hinkomme. Und ich habe Glück: in Kappeln gibt es einen Ohrenarzt und zwei Telefonnummern von Taxis bekomme ich auch. Auf der Internet-Seite von Dr. Lang finde ich auch die Öffnungszeiten und so plane ich, am Mo ganz früh mit dem Taxi hinzufahren, mir das Ohr spülen zu lassen und dann wieder zurück.

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Mo, den 6. August

 Früh um halb acht kommt das Taxi und die zwölf Kilometer nach Kappeln kosten ihre stolzen 25 Euros. Ich schiebe den hohen Preis auf das Landleben, auf den Regen, der vom Himmel herunterknallt oder darauf, dass es Montag ist, aber wundern muss ich mich schon. Ich kann jedoch nichts machen, mit dem Fahrrad wäre es eine gefühlte Ewigkeit, und ein Bus fährt alle paar Stunden mal. Hauptsache, ich komme bald dran, und das Problem ist beseitigt.

Und ich habe Glück: auch wenn ich nicht der Erste in der Praxis bin, nach kurzer Wartezeit hat Dr. Lang Zeit für mich und mein kleines Problem und spült gekonnt das Ohr aus. Auch ihm bereitet es Schwierigkeiten, er braucht mehrere Anläufe, um den Propfen zu beseitigen, aber seiner “Wasserspistole” muss er doch letzten Endes weichen und ich bin befreit. Sehr erfreulich finde ich, dass der Arzt nicht versucht, durch irgendwelche unverlangten und teuren Sonderbehandlungen Geld zu machen, wie aufwendige Hörtests, oder ähnliches.... So kostet es, was es zu Hause auch kostet, die Rechnung kommt, als wir wieder zu Hause sind.
Nun geht es schnell mit dem Taxi zurück nach Maasholm, auch diesmal wieder 25 Euros, aber das Fahren auf dem Land ist eben auch was besonderes. Vielleicht ist das ja auch der Standardpreis. Jedenfalls bin ich “befreit” und nach einer guten Stunde wieder zurück. Draußen regnet es und es ist kalt und windig, kein Wetter, um heute in die Ostsee raus zu fahren. Also bleiben wir noch einen Tag im gemütlichen Maasholm. Gegen Mittag klart es auf, es ist sehr windig, aber die Sonne scheint und schnell wird die Laune besser.

Di, den 7. August

 Wir wagen die Überfahrt, an der Küste entlang Richtung Norden, Flensburger Bucht, über die Bucht rüber nach Dänemark. Sønderborg soll unser Ziel sein und da es weiter weg ist - die Entfernungen auf der Ostsee sind uns noch sehr ungewohnt - stechen wir früh in See. Die Uhr steht auf 8:45, als wir den Motor anlassen. Nach kurzer Fahrt sind wir aus der Schlei draußen, an der Einfahrttonne vorbei und ab geht es Richtung Nordosten, an der Küste entlang. Der Wind steht günstig auf W-SW, Stärke 4-5 bft, in Böen 6. Zunächst reicht uns das Vorsegel, um genügend Fahrt zu machen. Seegang ist von den Vortagen noch genug da, die Wellen sind bis zu einem Meter hoch. Das ist erstmal neu für uns, auf dem Ijsselmeer hatten wir eine solche Wellenhöhe nicht erlebt.

 Gegen 10:40 Uhr reißt die Salingnock an der Steuerbord-Saling und die Wante springt aus ihrer Führung. Der Radar-Reflektor knallt herunter und zum Glück springt der Haltebügel Barbara direkt in den Schoß. Nach einer kurzen Schrecksekunde und der Überlegung, was zu tun ist, holen wir das Vorsegel ein. Der Mast hat nicht mehr dieselbe Stabilität wie vorher und wir lassen es mit dem Segeln sein, zumal der Wind jetzt auffrischt und mehr Richtung 5-6 bft geht, in Böen auch mehr. Der Wind wechselt die Richtung, kommt jetzt mehr aus Nord und wir lassen um viertel vor elf den Motor an. Immerhin, wie haben es probiert, aber mit dem Ungleich- gewicht der Lastenverteilung will ich kein Risiko eingehen.
Abb. 8: Saling ohne Salingnock
Der Wind nimmt zu, ebenfalls die Wellenhöhe, jetzt sind es schon ungewohnte eineinhalb Meter, zudem kommen immer mehr schwarze Wolken, gefühlt aus allen Richtungen und der Himmel öffnet seine Schleusen. Kurz vor Sønderborg regnet es so massiv, dass wir teilweise kein Land mehr sehen, obwohl wir vielleicht eine Seemeile vom Ufer entfernt sind. Dank des Kartenplotters kennen wir ziemlich genau unseren Standort und sind vor den Untiefen gewarnt. Klug geworden aus den Erfahrungen der ersten Überführung 2010 von Hamburg nach Oostmahorn ist das elektronische Kartenmaterial auch im Frühjahr aktualisiert worden, zudem haben wir auch die Papierkarten zurecht gelegt. Das einzige, was uns jetzt noch fehlt, ist ein echter Gewittersturm mit Blitz, Donner und Hagelschlag. Blitz und Donner kommen aus der Ferne, der Hagel bleibt uns erspart.

Durchnässt kommen wir um kurz nach eins in Sønderborg an, fahren zuerst in den Südhafen, der nur was für Leute ist, die mit ihrem tollen Schiff angeben wollen, aber Ruhe hat man da am Promenadenkai nicht. Auch der Nordhafen ist wenig einladend, eng stehen die Dalben, und der Hafen ist eher eine Dalbenanein-anderreihung am Sund. Deswegen kehren wir um, auch wenn wir zum zweiten mal auf die Brückenöffnung warten müssen. Nett von den Dänen: eine große elektronischer Tafel macht auf den Zeitpunkt der Brückenöffnung aufmerksam. Um uns herum noch etliche Schiffe, die durch wollen, und um zwei Uhr geht es zurück zur
Abb. 9: Regenbogen in Sønderborg
 Marina Sønderborg, an der wir vorher vorbeigefahren sind.

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Mi, den 8. August

 Nach der langen Fahrt vom Vortag ist erst mal wieder ein Ruhetag angesagt. Anscheinend sind wir beide total erschöpft, erst nachmittags um drei Uhr kommen wir aus der Koje. Aber der gestrige Tag hatte es ja auch in sich, einschließlich des Besuchs des mongolischen Restaurants “Dschingis Kan”, im Dänischen “Djengis Khan” geschrieben, in dem wir am Vortags früh abends noch gegessen hatten. Anscheinend haben uns die voll geschlagenen Bäuche nochmals Kraft gekostet, wir hatten beide gegessen, wie wenn es die erste Mahlzeit nach Tagen gewesen wäre. Zudem mussten wir ja auch einen halbstündigen Fußmarsch in die Stadt hinnehmen, auf dem Rückweg an einer wunderschönen Promenade entlang sogar etwas im Regen.
Die Reparatur der Salingnock steht noch aus und ich mache mich nachmittags auf den Weg, um eine Leiter auszukundschaften. Leider hat weder der Hafenmeister noch ein Schiffsausrüster eine solche zur Hand, erst in einem 500 m weiter entfernten Campingplatz finde ich eine gegen ein Sicherheitspfand von 500 Dänischen Kronen. Das ist kein Problem, Hauptsache, sie ist lang genug, um an die Saling heranzukommen. Stundenlang überlege ich, wie ich das Ding reparieren kann und gegen nachts kommt mir die “glorreiche” Idee, mit einem Stück aufgeschnittenen Gas- oder Benzinschlauch die Wante zu umhüllen und die alte Schelle wieder anzuschrauben, damit sich der Metalldraht an der Saling nicht aufreibt.

Do, den 9. August

 Am nächsten Morgen steht erst mal die Reparatur an. Zusätzlich zu den 500 DK Sicherheitsgebühr verlangt der Campingplatz-Besitzer eine Benutzergebühr von 50 DK. Ich habe keine Wahl, eine andere Leiter steht nicht zur Verfügung. Nach dem Transport zum Schiff - zum Glück ist die Leiter aus Aluminium - fange ich mit der Reparatur an. Barbara muss die Leiter halten. Die Reparatur ist gut vorbereitet. Der Benzinschlauch, den ich beim Schiffsausrüster bekomme, schneide ich der Länge nach auf und schiebe ihn auf die Wante, dann kommt der Bügel drum herum und mit der selbst festziehenden Schraube inclusive Mutter hat die Wante ihren alten Platz wieder gefunden. Schnell noch die Wantenspannung einstellen, nach einer guten Stunde ist der Schaden erstmal vorläufig behoben.
Bei Barbara machen die Nerven schlapp: sie hat das Halten solche Angst gekostet, dass sie zu weinen anfängt. Nach etlichen Minuten berappelt sie sich wieder, aber sie will so was nie mehr erleben. Tja, versprechen kann ich es ihr nicht, kaputtgehen kann immer was und den Mast zu legen wäre wesentlich aufwändiger gewesen, wenn auch sicherer. Nach diesem Erlebnis haben wir unsere Ruhe verdient und wir beschließen, für den nächsten Tag die Rückreise anzutreten, d.h. über Marstal zurück nach Fehmarn und dann Großenbrode zu fahren.

Fr, den 10. August

Wir haben einen langen Weg nach Marstal vor uns, und gegen halb elf heißt es wieder mal Motor an, kurz darauf Leinen los und gegen viertel vor elf geht das Vorsegel hoch. Der Wind kommt aus W-NW, Stärke 4 bft, also idealer Wind für die Richtung Marstal. Später wechselt er nach NO, Stärke 3. Die Sonne scheint, aber vereinzelt kommen auch Schauerböen. Kurz nach der Genua steht das Großsegel und wir treiben mit achterlichem Wind nach Osten. Die Wellenhöhe ist nicht beängstigend, gerade mal ein halber Meter, daran haben wir uns schon gewöhnt. Mit der Zeit schlafft der Wind ab, wir machen nur noch etwas mehr als 3 Knoten, deswegen holen wir gegen halb zwölf das Vorsegel und kurz darauf das Groß wieder ein. Mit Motor geht es weiter, je mehr wir aus der Flensburger Förde herauskommen, desto mehr nimmt die Wellenhöhe zu. Mit achterlichem Wind und ebensolchen Wellen schaukelt das Schiff wie auf der Kirmes.

[.........]

Sa, den 11. August

 Für´s erste ist wieder mal ein Ruhetag angesagt. Nach dem Frühstück gehe ich im Supermarkt einkaufen, der am anderen Ende der Stadt liegt. Aber jeder Schritt in Marstal gleicht einem Schritt in einer bekannten Stadt, Dank des Romans “Wir Ertrunkenen” von Carsten Jensen, in dem die Geschichte der Marstaler Seefahrt und Bevölkerung im Zeitraum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts literarisch aufbereitet erzählt wird. Auch wenn ich den Roman schon vor ein oder zwei Jahren gelesen habe, an einiges kann ich mich noch erinnern und finde die Beschreibung des Ortes und seiner Geschichte an vielen Punkten im Stadtbild wieder. Deswegen beschließe ich, nach dem Einkaufen am Nachmittag eine Fototour durch die Stadt zu machen.
 

Erster Anlaufpunkt ist das sehr sehenswerte Schifffahrtsmuseum, in dem zahlreiche Zeugnisse aus dieser "glorreichen" Zeit aus-gestellt sind. Auch wenn das Museum sehr viel gesammelt hat, die meisten Abteilungen sind doch sehr liebevoll und unter museumspädagogischen Gesichtspunkten gestaltet worden. So findet sich der komplette Nachbau des Steuerhauses eines Schoners aus Marstal wieder, wie er unter dem Geräusch der Wellen des Atlantiks rüber nach Neufundland segelt. Aber auch jüngere Epochen wie die Dampfschifffahrt sind dargestellt, sowie das Leben der Einwohner, also vor allem der Frauen und Kinder aus dieser Zeit. Unzählige Gemälde von Schiffen und Meeren sowie zahlreiche Schiffsmodelle hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Carsten Jensens Buch gibt es selbstverständlich auch,  nur nicht in Deutsch - mir völlig
Abb. 10: Das Martim-Museum in Marstal
unverständlich, sind doch die Mehrzahl der Besucher deutscheYachties aus dem Hafen. Wer kommt sonst nach Marstal? Als Mekka der Segler ist es bekannt, aber die Dänen sind vergleichsweise eher in der Minderzahl, zumindest was die Frequentierung des Hafen betrifft.

Aber wie auch immer, man spürt die Geschichte durch und durch und was Carsten Jensen beschreibt, das Leben der Seeleute und ihrer zurückgelassenen Frauen und Kinder, der Aufstieg einzelner Persönlichkeiten wie Reeder Madsen, die zahlreichen Mitbringsel aus aller Herren Länder einschließlich diverser Schrumpfköpfe, von denen auch im Roman die Rede ist, lassen die Vergangenheit lebendig werden.
Durchströmt vom Atem der Geschichte verlasse ich nach mehr als zwei Stunden das Museum und wandere kreuz und quer durch die kleine Stadt, die kleinen Straßen und noch kleineren Gässchen rauf und runter. Zahlreiche Motive kommen vor die Linse, nur einzelne können hier gezeigt werden. Ich habe den Eindruck, seit dem frühen 20. Jahrhundert hat sich nichts geändert. Die Gebäude, die alte Werft, es macht den Eindruck, als “seit damals” alles beim Alten geblieben. Mit dem Buch im Hinterkopf und dem Museum vor den Augen sehe ich den Ort ganz anders als andere Hafenstädte, die ich immer nur als Hafenstädte wahrgenommen haben.
Immer wieder stehen an den Mauern und Häusern die typischen Stockrosen, die den Sträßchen und Gässchen ein so unglaublich charakteristisches Gesicht verleihen.

Das Städtchen selbst als Museum - das wird eindringlich klar vor dem Hintergrund des Romans. Es fehlen nur noch die Einwohner in historischer Tracht, um das Bild zu vervollständigen.

[...........]

So, den 12. August

Deswegen brechen wir heute auf, und weil es ein langer Weg nach Großenbrode ist, schon früh am Morgen. Motor an heißt es bereits um 10 Minuten vor neun, und mit Windstärke 2-3 von Ost verlassen wir Marstal. Der Wind ist uns zu schwach, deswegen machen wir einen schönen Motortag daraus, die Selbststeuerung wird installiert und in herrlichem Sonnenwetter, etwas Wind, lassen wir die Küste hinter uns, das Land verschwindet in immer blasseren Farben, zuletzt nur noch ein Strich im Bild, dazwischen die See, so dass es wie eine Halluzination

Abb. 11: Tuborg-Werbung
erscheint. Die Ostsee in ihrer “unendlichen” Weite, um uns herum nur Wasser, aber zum Glück auch ein paar Schiff an diesem oder jenem Horizont.

Auf dem Ijsselmeer hatten wir dieses Erlebnis nur an ganz wenigen Stellen, nur wenige Bruchteile einer Seemeile genügten, um auf der einen oder anderen Seite das Land wieder erscheinen zu lassen. Diesmal der Eindruck viel bildgewaltiger, stärker, einen selbst in seinen Bann zwingend. Es wird ein langer Tag werden, bis Großenbrode sind es über 43 Seemeilen.
 
Abb. 12: Die unendliche Weite der See
Auf der ständigen Suche nach Schweinswalen entdecken wir Schwärme von Quallen. Obwohl sie in ihrer grazilen Schönheit ihren eigenen Reiz haben, läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich mir vorstelle, jetzt zu baden und von ihren Nesseln gepiesackt zu werden. Auch wenn es sich “nur” um die weniger gefährlichen Ohrenquallen handelt, angenehm ist es auf jeden Fall nicht.
Zwischendurch unterhält uns Kapitän Reiner Dietzel von Delta-Papa-07 mit seinem Seefunk “von Borkum bis Bornholm”. Gespannt lauschen wir seinen Wettermitteilungen, auch wenn sie für uns keine große Rolle mehr spielen. Besonders bei den “Abendnachrichten” hat uns Kapitän Dietzel mit seinen Geschichten aus der “kleinen komischen Bibliothek - Wenn Tiere verreisen” erheitert, besonders auch die Art seines Vorlesens und der Betonung.

[...........]

Mi, den 15. August

 Eigentlich sollten wir heute schon zu Hause sein, aber wir haben noch ein bis zwei Tage draufgelegt. Um 10:32 Uhr startet die Maschine und bei wenig Seegang geht es hinaus in die Ostsee, unsere vorläufig letzte Strecke dieses Jahr. Eine Viertelstunde später stehen Großsegel und Genua und mit vier Knoten, gesteuert durch den Pinnenpiloten, fahren wir Richtung Süden, Kurs 180°. Gegen Mittag schläft der Wind leider ein, jedenfalls unser Vorsegel hat sich bewährt. So lassen wir den Motor mitlaufen. Gegen 13 Uhr holen wir beide Segel ein, der Wind ist zu schwach und wir wollen nicht abends einlaufen. Gegen halb vier frischt es nochmals auf, auf der Höhe von Neustadt und wir rollen die Genua aus. Die Wellenhöhe hat sich bis auf einen Meter erhöht, es ist nicht besonders angenehm. Deswegen muss um vier Uhr das Vorsegel dran glauben, es wird eingerollt und unser Volvo-Penta schiebt uns Richtung Travemünde, wo wir kurz vor fünf Uhr das Maritim-Hotel erreichen. Noch circa eine Stunde bis zur Marina am Stau, dann ist unsere Sommerreise zu Ende.
Um viertel vor sechs legen wir an, nach über sieben Stunden auf dem Wasser. Schnell machen wir das Schiff klar und besuchen die Gaststätte des SV Trave. Bei zum letzten Mal Hering und zum drittenmal kleinen Buletten mit Bratkartoffeln genießen wir zum letzten Mal in diesem Jahr die Aussicht auf den Hafen, die untergehende Sonne und das Gefühl, eine lange Reise hinter uns zu haben.

Do, den 16. August

Nicht zu früh fallen wir aus den Federn und sind erstmal unschlüssig, was wir weiter tun sollen, putzen, das Schiff sauber machen und fahren oder erstmal noch einen Tag Ruhe an Bord, faulenzen , die Seele baumeln lassen.
Nach genügend Ausruhen erfasst uns am Nachmittag eine seltsame Unruhe: wir packen, das Putzen verschieben wir auf später und setzen unseren Plan um, Stefan überraschend einen Besuch in W. zu machen, um mal zu erleben, wie er so lebt. Mit ihm hatten wir auf der Reise immer wieder mehr oder weniger intensiven telefonischen Kontakt.
Gesagt, getan, aber gar nicht so einfach, den Plan umzusetzen. Schließlich will genau überlegt sein, was bleibt erstmal hier, was ist noch wichtig,...... Aber so gegen sechs Uhr Abends haben wir das Auto voll, das Boot halbwegs leer, die Matratzen zum Lüften aufgestellt, die Seeventile geschlossen, den elektrischen Strom abgetrennt, das Fahrrad reingeholt, die Segel klar gemacht und die Genua mit dem “Schlauch” zugezogen, die Dänemark-Flagge runtergeholt, das Sonnensegel gespannt und und und....Man hat manch-mal den Eindruck, es hört nicht auf, aber wie alle Listen auf der Welt ist auch diese endlich, wenn auch manchmal lang.

Das Navi weiß den Weg nach W., aber was dann folgt, das ist dann eine andere Geschichte, und so ist dieser Sommerurlaub, der erste auf der Ostsee, erstmal zu Ende. Spät am frühen Morgen, so gegen halb drei, kommen wir zu Hause an, zu aufgedreht, um uns Bett zu fallen. So bleiben wir noch eine Weile auf, reden, holen ein paar dringliche Sachen aus dem Auto, wie unsere Tabletten, die man in unserem Alter braucht und so gegen sechs Uhr morgens, wenn andere aufstehen, fallen wir endlich ins Bett und genießen den großen Raum, den wir wieder für uns haben. Schiff ist gemütlich, aber auf die Dauer.... lebt es sich zu Hause doch gemütlicher!

 

 

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update: 25.03.2019       
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