Törnbericht 2019:

Inhaltsverzeichnis:


Sonntag, der 26. Mai: Ueckermünde
Dienstag, der 28. Mai: Kranen
Mittwoch, den 5. Juni: Vor der Abfahrt
Donnerstag, den 6. Juni: Swinoujscie
Samstag, den 8. Juni: Kröslin
Donnerstag, den 13. Juni: Sassnitz
Sonntag, den 16. Juni Nørrekås
Mittwoch, den 19. Juni: Simrishamn/Schweden




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Törnberichte

   
   
2019 Törnbericht 2019: Gotland
2018 Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht: Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
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Eigenkarte Ueckermunde_Bornholm_bearb_mitkurs  
Abb. 01: Unsere Fahrstrecke-Westteil  
Kurs ab Bornholm  
Abb. 02: Unsere Fahrstrecke ab Bornholm  
   
   
 
   
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Sonntag, den 26. Mai 2019: Ueckermünde

Etwas über 700 km lang ist die Strecke zwischen Moers und Ueckermünde - und in sechs Stunden sollten wir es schaffen - laut Navi. Kein Mensch schaut heute mehr in einen Atlas oder in die Deutschlandkarte - das Navi vermeldet die Daten oder ein Routenprogramm tut es auch. Wie auch immer, es kam natürlich anders: Nach achteinhalb Stunden waren wir in der Lagunenstadt, bekamen nach mehreren Telefonaten den Schlüssel und konnten unsere 1-Zimmer-Wohnung mit dem nötigsten Gepäck versorgen. Der selbstgemachte Kartoffelsalat schmeckte jetzt hervorragend - aber sonst auch, und sowieso mussten wir erstmal schauen, wie wir von den Stunden vorüberziehender Landschaften wieder loskamen. Zum Glück nur ein längerer Stau, wir hatten schon schlimmeres erlebt. Und ein Knöllchen wird uns die Fahrt hinterher noch kosten - etwas zu schnell in einem Baustellenbereich kurz vor Anklam, das wird nochmal einigen Ärger verursachen. Egal, wie auch immer, wir sind heile angekommen, erschöpft, aber guten Mutes.

Der nächste Tag:
Auspacken, etwas einkaufen, die ersten Lebensmittel, für die im Auto kein Platz mehr war. Das Auto: Oberkante Oberlippe zugepackt, es war wirklich voll. Kräfte sammeln für das Kranen am Dienstag, der erstmal entscheidende Tag. Die Wetter-Apps auf dem neuen Smartphone zeigen gute Prognosen, Wind unter 4 Bft, leider aus Nordwest, für die Industriehafen in Ueckermünde-Bernsdorf eine kritische Richtung. Ab Windstärke 4,5 hätten wir das Kranen um einen Tag verschieben müssen. Und dann noch ein erster Besuch bei Nautical Mile, unserem diesjährigen Überwinterer, der uns einen Hallenplatz zur Verfügung stellte. Das Schiff machte beim ersten in Augenscheinnehmen eine guten Eindruck, das Antifouling neu, die Opferanoden an der Schraube angebracht. Der nächste Tag würde zeigen, wie gut es über den Winter gekommen ist.
 
Dienstag, den 28. Mai: Kranen

Um 12 Uhr sind wir im Industriehafen, die vierköpfige Mannschaft ist schon da, wartet auf den Chef. Der kommt zweimal, muss sich erst noch umziehen, seine Kranführer-Kluft, und dann kann es losgehen. Erst ein anderes Schiff, dann "de Widzi". Kranen und Mast-stellen verlaufen ohne Probleme, nur der Motor will erst mal nicht so richtig. Die Batterie ein bißchen schwach auf der Brust. Aber nach einigem Zögern kommt der Volvo-Penta MD2020. Sorgen macht nur zuerst das Kühlwasser, es kommt zu wenig. Michael schaut nach, da ist jede Menge Luft in der Leitung. Eine Sprudelflasche noch vom letzten Jahr muss ran, sie geht so ziemlich in die Kühlung rein. Danach läuft der Motor wieder rund, die Kühlschläuche sind nicht mehr warm.

Ich lege ab und fahre allein in die Lagunenstadt. Unterwegs, aus dem Hafen raus, kommen mir jetzt die Wellen mit Windstärke vier entgegen. Gischt spritzt gegen die Sprayhood, die ersten kalten Duschen erinnern mich, sich rechtzeitig zu bücken, wenn es zischt. Der Wind jetzt recht frisch, eine halbe Stunde später und wir hätten das Kranen einstellen können. Ich fahre den Tonnenstrich bis zur letzten Markierung, dann links, Richtung kleiner Leuchtturm, der die Einfahrt in die Uecker signalisiert. Im Fluss und im Hafen wird es jetzt ruhig, noch ein paar Meter, dann kann ich anlegen. Ja, es kommt immer anders: auf einmal erstirbt die Maschine, geht einfach aus. Neu gestartet, Rückwärtsgang, ich bin schon am Anlegekai vorbei, dasselbe. Was ist: Festmacherleine auf Steuerbordseite hat sich selbstständig gemacht, ist ins Wasser gefallen und in die Schraube geraten, hat sich da herum gewickelt. Also erst  mal am Kopfende notdüftig festgemacht, mit Barbaras Hilfe, und Mike angerufen. Ich erwische ihn persönlich nicht, aber die Bürokraft organisiert alles weitere. Nach ein paar Minuten der Rückruf: in weniger als einer Stunde käme eine Taucherin, ich solle sie vorne an der Schranke abholen. Gemacht, getan, die Taucherin, Jolanta, wartet schon, wir fahren zum Parkplatz, sie zieht sich ihren Taucheranzug an und steigt mit Senkblei und Atemgerät sowie Brille ins Wasser. Umziehen, vorher wie nachher - alles auf dem Parkplatz, hinter dem Auto. Ihr Mann hilft ihr dabei, reicht ihr verschiedene Utensilien bzw. nimmt welche entgegen, die er mit zum Steg nehmen muss. In einer Minute hat sie das Tau wieder von der Schraube abgewickelt, beiden - Tau und Schraube - ist  nichts passiert, nochmal Glück gehabt. Ich will gar nicht daran denken, was auf dem Haff hätte passieren können, bei auflandigem Wind Stärke vier.

Über den Preis sind wir uns schnell einig, es war jedenfalls sehr preiswert. Kranen wäre teurer geworden.  Jetzt kann das Boot an den Steg verholt werden und morgen geht die Arbeit los, einräumen, umräumen, aufräumen. Irgendwie alles mit räumen, vielleicht schreibe ich mal eine "Enzyklopädie des Räumens".

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Mi, den 05. Juni: Vor der Abfahrt

Es ist alles geschafft, alles vorbereitet für die große Fahrt. Aber was heißt schon alles? Alles, von dem wir denken, dass wir es brauchen und die Sachen  irgendwo eingesetzt werden. Das wichtigste waren natürlich die Unmengen an Lebensmitteln, Getränken, Körperpflegemittel, Haushaltshilfen von Küchenrolle bis Klopapapier und und und. Die langen Listen hier vorzutragen erspare ich mir. Wir waren viermal einkaufen, mit vollen Wägen, das Auto voll, zig mal vom Auto zum Schiff und zurück. Und das alles bei 30 bis 32 °C Hitze, zum Glück ein guter Wind, aber anstrengend. Schweden ist nun mal teuer, und außer frischen Lebensmitteln wollen wir da nichts einkaufen. Und das für drei Monate, so lange rechnen wir damit, in Schweden zu bleiben, Mal sehen, wohin uns der Wind treibt.

Und am Schiff musste auch dies und jenes gemacht werden: Segel aufziehen, die Leinen überprüfen, kontrollieren, ob die Segel laufen, wenn man sie hoch- oder rausziehen will, den Genacker haben wir installiert, das wird dann eine Premiere werden, so ein bauchiges leichtes Segel bis Windstärke 3, dann tanken, die Kanister voll, jetzt haben wir 40 L Ersatzreserve, Funk einrichten, den Plotter ausprobieren, und und und. Auch hier wieder lange Listen, die Wanten spannen, beim Großsegel die Reffleinen richtig legen, und testen, ob das Reffen geht. Es war uns nicht langweilig. Dazwischen ja auch der Auszug aus der 1-Zimmer-Wohnung, der Umzug zum Schiff, und wieder räumen, räumen, räumen. Naja, wir sind es fast gewohnt, wir lernen, Pausen zu machen und rechtzeitig abends Schluss zu sagen. Der nächste Tag will auch noch was zu tun haben.

Aber jetzt ist soweit alles fertig, morgen geht's nach Swinoujscie/Swindemünde, da wollen wir nochmal einen Tag Pause machen, dann Kröslin und Sassnitz, bevor die große Überfahrt nach Rönne beginnt. Das Wetter scheint gut zu werden, hoffentlich gibt es nicht zu viel Gewitter.

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Do, den 6. Juni: Swinoujscie

Eigentlich war 10 Uhr als Abfahrtstermin vereinbart, es wurde eine halbe Stunde später. Auch kein Beinbruch. Aus dem Logbuch: "30 Minuten später als geplant: Die Frau!" Auf einmal entdecke ich an der Brille zwei kleine Schräubchen, die am linken Glas irgendwie hervorstanden - anders als an der rechten Seite. Schraubenzieher: zu grob für das Kleinzeug. Also Ersatzbrille suchen, war auch bald gefunden. Diesmal nicht ganz hinten und ganz unten, sondern weit vorne in der 2. Tasche. Draußen herrschen 30 °C, die Sonne knallt vom Himmel, ein 3-4 Bft aus Südwest. Dank der Windfinder-App brauche ich jetzt nicht immer den PC anzuschmeißen, wenn ich Wetterinfos brauche, die Apps auf dem Smartphone liefern dasselbe in kürzerer Zeit. Ein Fortschritt? Dann fällt uns auf - wir sind schon ein paar Meter auf dem Haff - dass wir keine Schwimmwesten tragen. Schnell nach unten, sie liegen bereit und sind fix angezogen. Grüner Punkt nach vorne, alles paletti.

Nach 12 Minuten haben wir das Vorsegel auf und so bleibt es denn auch die nächsten eineinhalb Stunden. Je nach Wind und Böen macht das Schiff zwischen 3,2  und 5,4 Knoten, fürs erste gar nicht mal so schlecht. Die Fischernetz mit den kleinen roten Fähnchen nerven, sie sind genau auf dem Weg zur deutsch-polnischen Grenze, die durch das Haff verläuft. Ab der Grenze verläuft der Kurs etwas südöstlicher, der Wind kommt jetzt genau von vorne, der Jockel muss ran. Irgendwas am Motorgeräusch stört mich, ein immer wiederkehrendes, aber nicht regelmäßiges Brummgeräusch mit ziemlich viel Vibration - ich erinnere mich nicht, so was im letzten Jahr gehört zu haben, als wir so viel mit dem Motor gefahren sind - fast den ganzen Rückweg von Danzig gegen den Westwind. Hoffentlich hält er jetzt durch.

Kurz vor ein Uhr kommen wir in den Tonnenstrich des Kaiser-Kanals, letztes Jahr hatten wir ihn drei mal durchfahren. Vor der Einfahrt einige Bagger- und andere Berufsschiffer. Ein kleines Polizeiboot winkt uns, nach links zu fahren. Sonst passiert nichts. Auf dem Kanal kurz vor Swindemünde passieren wir die Fährstationen. Zeitgleich legen zwei Fähren ab, eine von links, die andere von rechts. Wir legen einen Gang zu, zumal die rechte hubt, die linke freundlicherweise wartet, bis wir durch sind. Der Motor  nimmt das ohne Meckern hin, vielleicht ist doch nichts dran.

Später, im Hafen kommt uns noch so ein dicker Kahn entgegen, ein Verlegeschiff, das unseren Kurs kreuzt. Hier weichen wir nach links aus. Dann wird es auf einmal voll auf dem Wasser: hinter uns eine Piratenkogge, läuft mit Motor und ist "stilecht" mit Radar ausgestattet. Dann eine Flussfähre von rechts, ein Küstenmotorschiff kommt uns von unten entgegen und dazwischen wuselt noch das eine oder andere kleine Motorboot oder eine polnische Yacht.

Wie auch immer, um halb vier haben wir es geschafft, machen neben zwei Dresdnern fest, vertäuen das Schiff und wollen eigentlich noch den vielfach beschworenen Lachs essen gehen, da türmen sich die dunklen Wolken vor uns, die ersten Blitze krachen am Himmel, das vielfach erwartete Gewitter kommt von der See herüber über die Stadt und zieht sich Richtung Haff dahin. Die nächsten Stunden sind wir mit diesem Schauspiel beschäftigt, dazwischen kübelt es eimerweise, an Essen gehen ist nicht zu denken. So muss mal wieder der gekaufte Kartoffelsalat und Würstchen her, den Hunger zu stillen und es reicht auch.

Auch der Hafenmeister muss warten, die Anmeldung kann am nächsten Morgen geschehen. Strom haben wir noch von einem Vorgänger, so dass voraussichtlich die Nacht gerettet ist, was diesen Punkt betriffft.

Der nächste Morgen: etwas frisch, aber wieder mit viel Sonne. Mit Hilfe des Rades erledige ich die Wege zum Hafenmeister und Waschhaus, später in die Stadt, um Brot und frische Milch zu kaufen. Was für ein Segen, ein Rad zu haben!

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Samstag, den 8. Juni: Kröslin

Die Wetterbedingungen für die Überfahrt nach Kröslin sind laut Wetterapps ideal: Windstärke 4 von Südwest, Sonne, kein Regen, irgendwas zwischen 17 und 19 °C. Als wir früh aufstehen, ist von Sonne erstmal nichts zu sehen, dunkle Wolken beherrschen den Himmel und um 8 Uhr beginnt es leicht zu regnen, O.K., auch das war vorausgesagt und der Regen hält sich glücklicherweise nicht lange. Ein kleiner Schauer, der sich mehrmals wiederholt.

Um 10 Minuten nach 10 Uhr lösen wir die Leinen, fahren im Hafenbecken gegen den Wind und ziehen das Großsegel hoch, um ein Reff einzulegen - eine Maßnahme, die sich nachher sehr bewährt hat, liegt das Schiff doch mit einer nicht zu großen Schräglage im Wasser. Im Hafen ist es ziemlich windstill, so dass die ganze Operation schnell über die Bühne geht.

Danach geht es raus, auf die Swine, Richtung Meer und den Tonnenstrich der Einfahrt Swinemünde. Nachdem wir einigermaßen von der Küste weg sind, können wir auch das Vorsegel lösen, die große Genua, die uns den Vortrieb gibt. Nach zwanzig Minuten kann dann auch der Motor ausgemacht werden. Der kräftige Südwester treibt uns zwischen durch mit Böen bis 5 Bft nach Nordosten, Richtung Kröslin. Der wolkenverdeckte Himmel erzeugt mit der See von 1 m nicht gerade große Begeisterung, aber es rauscht und das Schiff segeln schnell dahin: Zwischen durch mit 7 und mehr Knoten, meistens irgendwas um die 6 Knoten. Es ist mit 21 °C relativ kühl, schnell werden Pullover und Jacken zu Hilfe genommen, der Wind ist doch ziemlich durchdringend. Fünf bis sechs Frachter ankern auf der Reede vor Swinemünde, sie kommen uns nicht in die Quere.

Während der lang anhaltenden Böen kommt die Yacht doch ziemlich in Schräglage. Weniger Segeldruck richtet sie dann wieder etwas auf, dafür sind wir dann nicht so schnell.

Kurz vor drei Uhr erreichen wir die Tonne Osttief 2, ab da beginnt der schmale Tonnenstrich durch den Veritasgrund an der Nordspitze von Usedom. Wir fahren jetzt Kurs Nordwest, bis zum Tonnenpaar 3/6, dann südwestlich, durch das Osttief, jetzt gegen den Wind und mit Motor. Der hat schwer zu kämpfen, gegen Wind und Welle, und das ist erst der Anfang. Je südlicher wir fahren, desto heftiger Wind und Welle gegen uns. Ab der Tonne 9 im Osttief, die Insel Ruden im Rücken, macht die Fahrt keinen Spass mehr. Zeitweilig machen wir nur drei Knoten, so heftig sind Wind und Welle gegen uns gerichtet. So geht das jetzt in den nächsten zwei Stunden, der Weg nach Kröslin ist lang. In der Spandowerhagener Wiek ist ein Segelboot aufgelaufen, das Boot liegt bei einer Wassertiefe von ca. 1 m schräg im Wasser. Das Rettungsboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger aus Freest  kommt uns bereits entgegen. In dem schmalen Schlauch bis Peenemünde muss man sehr aufpassen, nicht aufzulaufen. Erinnerungen an die vergangenen Jahre werden wach, v.a. 2015, wo wir in den Bottengewässern mehrmals Grundbrührung hatten und selbst einmal von der DGzRS aus dem Sand gezogen werden mussten. Kurz vor Kröslin werden wir vom Rettungsboot überholt, im Schlepptau die Yacht, drei junge Männer an Bord. Vermutlich wollten sie "schnippeln", also den Weg abkürzen, was bei den Boddengewässern ein fataler Fehler ist. Rausgezogen und abgeschleppt werden, das wird teuer.

Kurz nach 17 Uhr machen wir fest in Kröslin, der große Hafen hat immer noch ein Plätzchen frei, in der Nähe des Hafenbüros, weil hier der beste WLAN-Empfang ist. Es hat schon was, wenn man mit Häfen Erfahrung hat, dann muss man nicht jedesmal alles auf's Neue erkundigen.

Schiff klarmachen geht als inzwischen wieder beste Routine vor sich, und Barbara macht sogar noch aus den Überresten der Wegverpflegung ein Super-Abendessen. Früh gehen wir in die Koje, es war ein anstrengender, langer, aber auch irgendwie erfüllter Tag.

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Do, den 13. Juni: Sassnitz

Lange genug sind wir in Kröslin, dem 5-Sterne-Hafen gewesen. Beide Esslokale hatten wir ausprobiert, mit dem Red Lobster waren wir nicht zufrieden, die Tagliatone mit Lachs waren versalzen, im Steghouse war das Preis-Leistungsverhältnis schon besser, auch wenn das Steak etwas zäh war und Barbara's zu kalt. Aber der Chef war sehr entgegenkommend, schnell wurde das Fleich nochmals aufgewärmt und auch das etwas schwer zu kauende Steak war ein Stückchen weicher. Wie auch immer, Kröslin hat dann eben auch 5-Sterne-Preise. Und schaut man sich die Yachten und Motorboote an, da waren wir mit das kleinste Schiff.

Das Wetter stimmte, wenn auch der Wind nicht mitspielte, aber immerhin Sonnenschein und eine laue Brise für die 30 Seemeilen nach Sassnitz. Es wird ein Motortag, die ersten Seemeilen durch die Tonnenbank und am Schuhmachergrund vorbei waren eh' mit Motor zu machen. Endlich sind wir bei Tonne Landtief B aus dem gleichnamigen Tief heraus, nach Nordosten geht der Kurs bis zum Nordperd auf Möchgut, danach nach Nordwesten Richtung Sassnitz. Die Sonne scheint, ein lauer 2-3 Bft-Wind umspült unsere Gesichter und nimmt die größte Hitze mit.

Kurz vor vier Uhr kommen wir in Sassnitz an, der Hafen ist ziemlich leer, schnell finden wir eine Box und das Festmachen an den Heckpfählen gelingt aus dem Stegreif. Die Routine stellt sich wieder ein, wir sind ein eingespieltes Paar. Unter der Sonnenplane ist es affenheiß, deswegen verlassen wir bald das Boot und essen leckeren Fisch "an Rügen's größter Fischtheke", dem "Kutterfisch". Danach den Hafenmeister bezahlen, hier wird nach Boxlänge bezahlt, die Boxen haben unterschiedliche Preise. Wer das nicht weiß, zahlt meistens zuviel!

Nachts hält uns wieder einmal ein heftiges Gewitter wach, der Starkregen prasselt auf das Oberdeck, ein unbekanntes Knackgeräusch zwingt mich mehrmals vor dem dicken Regen nach draußen. Es ist vermutlich die Kabelkupplung des Funkkabel, die gegen den Mastfuß drückt. Als auch das beseitigt ist, kann ich endlich schlafen, mit einem offenen Ohr, wie sich das für den Kapitän gehört.

Der nächste Tag gehört dem Sonnenschein, es ist warm, ziemlich windstill, und morgen leider 6-7 Bft aus Osten, kein Tag, um nach Bornholm zu fahren. Erst der Sonntag wird's möglich machen, 4 Bft aus Westen, der ideale Wind für die im Nordosten gelegene Insel. Wir werden sehen, hier ist das Wetter ja jeden Tag für eine Überraschung gut.


Sassnitz: Information für Segler
Angelegt wird an zwei Seebrücken an Heckpfählen. Die Länge der Box entscheidet über den Preis: 14.-€ für bis zu 11 m. Der Hafenmeister befindet sich in einem neuen Gebäude, links von den Stegen, morgens und abends geöffnet. Mit der Quittung bekommt man den Code für Toiletten/Waschräume und das sehr gute WLAN. Der Code wird jeden Abend geändert. Toiletten- und Waschräume sind neu und in einem sehr ordentlichen Zustand. Strom ist im Preis inbegriffen, Wasser auch, aber kein Trinkwasser. Jedenfalls erklärt ein Aufkleber an den Säulen das so. Das war schon 2014 der Fall, vermutlich ist es Trinkwasser, aber die Stadt (Kommunalhafen) übernimmt keine Garantie für die Keimfreiheit.
Der Hafen ist ziemlich schwellig, bei Westwind mehr als bei Ostwind. Links von der Brücke gibt es ein Restaurant und einen sehr guten Yachtshop, rechts Richtung Fischereihafen die üblichen Fischgaststätten ("die längste Fischtheke Rügens") und Eisbuden. In die Stadt kommt man über einen langen Treppenausstieg gegenüber Brücke B oder am Hafenbahnhof.
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Sonntag, den 16. Juni Nørrekås

Irgendwie scheint es doch so zu sein, dass wir aus der Übung sind. Dass es nach Bornholm eine lange Überfahrt werden würde, wussten wir schon, aber wie es sich anfühlt, bei Windstärke 4, in Böen 5 und meterhohen Wellen stundenlang zu segeln, irgendwie war dieses Wissen verloren gegangen. Wir mussten es uns neu erfahren. Bei leichtem Sonnenschein fahren wir kurz nach 10 Uhr aus Sassnitz los, noch im langen Hafenschlauch wird das Großsegel gehisst, immer noch mit einem Reff. Eine Maßnahme, die sich bewährt hat: mit einem Reff entsteht nicht so viel Schräglage, im Hafenbecken ist das Wasser nicht so wellig, das Schiff tanzt nicht auf und ab. Auch wenn bei diesem Schiff alles aus der Plicht heraus gemacht werden kann, wenn's hakt, muss ich doch nach vorne!

Die Nachbarn helfen uns beim Ablegen, ihre eigenen Leinen, die sie mehrfach um die Klampen gelegt haben - und eine verläuft unter dem Anker - stören das Ablegen. Die Böen kommen auch im Hafen recht stark an, aber wir haben genügend Platz, das Großsegel rutscht glatt nach oben durch. Barbara hat Angst, dass der Wind zu stark würde. Wir werden sehen. Noch im Hafen fällt auf, dass die Vorschiffluke nicht zu ist, auch das Seeventil für die Toilette haben wir vergessen.
Nach 20 Minuten machen wir den Motor aus, wir sind weit genug draußen, die Untiefen liegen alle hinter uns. Kurs Nordost, ca. 45 °. Der Wind frischt immer wieder auf, die Böen bringen das Schiff auf bis zu 7 Knoten. Auch wenn die Sonne scheint, richtig warm ist es nicht, so um die 18 °C, gefühlt eher weniger.
Als wir aus dem Windschatten Rügens heraus sind, nimmt der Seegang auch zu. Zwei- und mehr Meter-Wellen sind jetzt recht häufig, sie rauschen von hinten heran, unter dem Schiff durch, es gurgelt und das Schiff stoppt auf. Auf der Spitze der Welle wird es schnell, in einer Böe haben wir 7,2 Knoten auf dem Plotter gelesen. Die Instrumente funktionieren, alles macht, was es soll. Die automatische Steuerung können wir bei diesem Raumschotskurs nur hin und wieder anwenden, das Schiff schaukelt zu sehr um seine eigene Längsachse herum und mit der Automatik bricht es mal nach Steuerbords, mal nach Backbord aus.
Kurz vor drei Uhr passieren wir die beiden Windparks, die am Wegesrand nach Bornholm im Meer stehen. Riesige Windräder, die sich träge drehen, für sie ist Windstärke vier wohl gar nichts! Über eine Stunde dauert es, bis wir den Park an seiner Ostseite abgefahren haben, der Park ist doch recht groß und in der Karte noch gar nicht so richtig verzeichnet. Hin und wieder kommt ein Segler am Horizont vorbei, hin und wieder eine Bornholmfähre, ansonsten sind wir hier allein den Elementen ausgeliefert, Rügen ist am Horizont verschwunden und Bornholm noch lange nicht in Sicht. Es dauert und zieht sich hin, trotz Bütterchen und Bonbons wird die Zeit doch recht lang.
Gegen halb fünf baut sich langsam ein grauer Schatten am Horizont auf, in der Richtung, in der die letzte Fähre gefahren ist. Und langsam wird der Schatten fester und fester, dunkler und mit der Zeit kann man hellere Punkte erkennen. Eine im Hafen liegende Fähre mit ihren stockwerkshohen Aufbauten erinnert an ein Hotel, aber bei näherem Herankommen wird doch deutlich, dass es die letzte Fähre sein muss.
Wir fahren jetzt nördlich, der Hafen von Nørrekås liegt im Norden von Rönne, und leider nimmt weder Wind noch Welle ab. So müssen wir draußen in den tanzenden Wogen das Vorsegel reinholen, im Wind stehend, es klappt, leider kommt das Großsegel nicht runter, zu viel Reibung. Erst im Hafen von Norrekas können wir es runterziehen.
Der Hafen ist voll, vor fünf Jahren war hier nichts los. Neue Brücken, neue Säulen, und größere Schiffe, viele Dänen, einige Schweden und Deutsche.
Kurz nach 20 Uhr machen wir den Motor aus, 10 Stunden, die härter und härter wurden, für die 55 Seemeilen lange Strecke. Das ging jetzt an unsere Grenzen, hat sie überschritten, aber so ist das eben mit dem Segeln: Unterwegs aussteigen gibt es nicht, es gibt auf See keine Bushaltestellen.

Information für Segler:
Angelegt wird an zwei Seebrücken an Seitenstegen. Bezahlt wird am Automaten im Gebäude des Hafenmeister. Mit der Quittung bekommt man den Code für Toiletten/Waschräume und das sehr gute WLAN. Toiletten- und Waschräume sind schon recht alt, in einem ordentlichen Zustand. Strom ist im Preis inbegriffen, Wasser auch. Der Hafen ist ziemlich ruhig, von den Fähren bekommt man nichts mehr mit, im Unterschied zu 2014. Beim Hafenmeister gibt es ein Cafe. In die Stadt kommt man auf einem etwas längeren Fußweg, ca. 2 km.
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Mittwoch, den 19. Juni: Simrishamn/Schweden

Wir haben noch einen Tag Pause gemacht, im schönen, sonnigen Nørrekås, die Ruhe genossen, einen amerikanischen Großsegler - 15 Meter Länge, 26 Tonnen - bestaunt, mit dem dieses Schiff betreibenden Ehepaar gesprochen, wobei sich unsere Sprachdefizite mal wieder deutlich bemerkbar machten und den Tag sonstwie rumgebracht. Es gibt ja immer irgendwas zu tun, nach der Überfahrt aus Sassnitz war der Bodenteppich nass, aber es war kein Wasser von unten, sondern der Wasserkanister, die am Hahn leckt.
Jetzt ist heute Zeit, wir wollen ja das Mittsommerfest in Schweden erleben, deswegen jetzt Simrishamn, ca. 33 Seemeilen nördlich von Bornholm. Der "Abflug" läuft gut, wir kommen in die Bucht und stellen mal wieder fest, dass auf die Wetterangaben kein Verlass ist: Windstärke 2 statt der angesagten vier. Es wird ein Motortag, sechs Stunden lang, die Sonne scheint und die Automatik packt das rollende Schiff nicht so recht in den Kurs hinein, also Handsteuerung den größten Teil des Weges.
Nach ca. zweieinhalb Stunden erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet Bornholm Gatt. das wir rechtwinkling durchqueren müssen. Ca. vier Seemeilen ist die "Autobahn" breit, also eine knappe Stunde. Immer wieder kommt ein Frachter von links, schaffen wir es vor ihm oder hinter ihm, das ist hier die Frage. Aber es geht alles gut, mit ca. 25 Knoten rauschen die Riesen vorbei, nicht einmal das Kielwasser erreicht uns.
Nach knapp sechs Stunden erreichen wir den Hafen, die Einfahrt liegt etwas nordöstlich, zwei bis drei Tonnen zeigen den Weg. Am Steg D legen wir an, es ist zeimlich leer, nur wenige Schiffe haben bisher angelegt. Dabei ist Simrishamn so etwas wie das Sprungbrett in die Hanö-Bucht. Schweden, Dänen, und Deutsche liegen hier.
Spät am Abend kommt noch ein Kriegsschiff - ein Katamaran - der schwedischen Marine, es macht viel Krach, zieht viele Schaulustige an und braucht ewig, um im engen Fischereihafen an das Kai zu kommen. Später erscheinen mehrere Dieseltankwagen, offensichtlich war hier der Sprit ausgegangen. Irgendwann am frühen Morgen, nach einem heftigen Gewitter, fährt es wieder raus, heute ist der letzte Schießtag in der Hanö-Bucht.
Barbara macht ein sehr leckeres Abendessen, Spaghetti carbonara nach Art des Hauses, nach der langen Überfahrt in der Sonne genau das richtige. Wie sie das immer schafft, noch zu kochen, ich würde wahrscheinlich alleine nur von Butterbroten leben.

Der nächste Tag bringt warmen Wind, Stärke drei bis vier, viel Sonne, den Weg in die Stadt mit dem Fahrrad zur nächsten Tankstelle, und dabei viele Eindrücke der kleinen Stadt Simrisham am Südende der Hano-Bucht.
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