Törnbericht 2019: Gotland

Inhaltsverzeichnis:


Sonntag, der 26. Mai: Ueckermünde

Dienstag, der 28. Mai: Kranen

Mittwoch, den 5. Juni: Vor der Abfahrt

Donnerstag, den 6. Juni: Swinoujscie

Samstag, den 8. Juni: Kröslin

Donnerstag, den 13. Juni: Sassnitz

Sonntag, den 16. Juni Nørrekås

Mittwoch, den 19. Juni: Simrishamn/Schweden

Sonntag, den 23. Juni: Hanö in der Hanöbucht

Mittwoch, den 26. Juni: Karlskrona

Sonntag, den 30. Juni: Kristianopel

Mittwoch, den 3. Juli: Kalmar

Montag, den 8. Juli: Sandvik (Öland)

Donnerstag, den 11. Juli: Byxelkrok (Öland)

Montag, den 15. Juli: Visby (Gotland)

Sonntag, den 21. Juli: Lickerhamns /Gotland)

Sonntag, den 28. Juli: Farösund / Gotland

Mittwoch, den 31. Juli: Herrvik

Sonntag, den 4. August: Vändburg/Gotland

Dienstag, den 6. August: Burgsvik/Gotland


Donnerstag, den 8. August: Byxelkrok

Mittwoch, den 14. August: Sandvik/Öland

Donnerstag, den 15. August: Borgholm/Öland

Törnberichte

   
   
2019 Törnbericht 2019: Gotland
2018 Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht: Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
  Sommertörn Ostsee
2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
2010 Von Hamburg ins Lauwersmeer
   
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Eigenkarte Ueckermunde_Bornholm_bearb_mitkurs  
Abb. 01: Unsere Fahrstrecke-Westteil  
 
Abb. 02: Unsere Fahrstrecke ab Bornholm  
   
   
 
   
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Sonntag, den 26. Mai 2019: Ueckermünde

Etwas über 700 km lang ist die Strecke zwischen Moers und Ueckermünde - und in sechs Stunden sollten wir es schaffen - laut Navi. Kein Mensch schaut heute mehr in einen Atlas oder in die Deutschlandkarte - das Navi vermeldet die Daten oder ein Routenprogramm tut es auch. Wie auch immer, es kam natürlich anders: Nach achteinhalb Stunden waren wir in der Lagunenstadt, bekamen nach mehreren Telefonaten den Schlüssel und konnten unsere 1-Zimmer-Wohnung mit dem nötigsten Gepäck versorgen. Der selbstgemachte Kartoffelsalat schmeckte jetzt hervorragend - aber sonst auch, und sowieso mussten wir erstmal schauen, wie wir von den Stunden vorüberziehender Landschaften wieder loskamen. Zum Glück nur ein längerer Stau, wir hatten schon schlimmeres erlebt. Und ein Knöllchen wird uns die Fahrt hinterher noch kosten - etwas zu schnell in einem Baustellenbereich kurz vor Anklam, das wird nochmal einigen Ärger verursachen. Egal, wie auch immer, wir sind heile angekommen, erschöpft, aber guten Mutes.

Der nächste Tag:
Auspacken, etwas einkaufen, die ersten Lebensmittel, für die im Auto kein Platz mehr war. Das Auto: Oberkante Oberlippe zugepackt, es war wirklich voll. Kräfte sammeln für das Kranen am Dienstag, der erstmal entscheidende Tag. Die Wetter-Apps auf dem neuen Smartphone zeigen gute Prognosen, Wind unter 4 Bft, leider aus Nordwest, für die Industriehafen in Ueckermünde-Bernsdorf eine kritische Richtung. Ab Windstärke 4,5 hätten wir das Kranen um einen Tag verschieben müssen. Und dann noch ein erster Besuch bei Nautical Mile, unserem diesjährigen Überwinterer, der uns einen Hallenplatz zur Verfügung stellte. Das Schiff machte beim ersten in Augenscheinnehmen eine guten Eindruck, das Antifouling neu, die Opferanoden an der Schraube angebracht. Der nächste Tag würde zeigen, wie gut es über den Winter gekommen ist.

 
Dienstag, den 28. Mai: Kranen

Um 12 Uhr sind wir im Industriehafen, die vierköpfige Mannschaft ist schon da, wartet auf den Chef. Der kommt zweimal, muss sich erst noch umziehen, seine Kranführer-Kluft, und dann kann es losgehen. Erst ein anderes Schiff, dann "de Widzi". Kranen und Mast-stellen verlaufen ohne Probleme, nur der Motor will erst mal nicht so richtig. Die Batterie ein bißchen schwach auf der Brust. Aber nach einigem Zögern kommt der Volvo-Penta MD2020. Sorgen macht nur zuerst das Kühlwasser, es kommt zu wenig. Michael schaut nach, da ist jede Menge Luft in der Leitung. Eine Sprudelflasche noch vom letzten Jahr muss ran, sie geht so ziemlich in die Kühlung rein. Danach läuft der Motor wieder rund, die Kühlschläuche sind nicht mehr warm.

Ich lege ab und fahre allein in die Lagunenstadt. Unterwegs, aus dem Hafen raus, kommen mir jetzt die Wellen mit Windstärke vier entgegen. Gischt spritzt gegen die Sprayhood, die ersten kalten Duschen erinnern mich, sich rechtzeitig zu bücken, wenn es zischt. Der Wind jetzt recht frisch, eine halbe Stunde später und wir hätten das Kranen einstellen können. Ich fahre den Tonnenstrich bis zur letzten Markierung, dann links, Richtung kleiner Leuchtturm, der die Einfahrt in die Uecker signalisiert. Im Fluss und im Hafen wird es jetzt ruhig, noch ein paar Meter, dann kann ich anlegen. Ja, es kommt immer anders: auf einmal erstirbt die Maschine, geht einfach aus. Neu gestartet, Rückwärtsgang, ich bin schon am Anlegekai vorbei, dasselbe. Was ist: Festmacherleine auf Steuerbordseite hat sich selbstständig gemacht, ist ins Wasser gefallen und in die Schraube geraten, hat sich da herum gewickelt. Also erst  mal am Kopfende notdüftig festgemacht, mit Barbaras Hilfe, und Mike angerufen. Ich erwische ihn persönlich nicht, aber die Bürokraft organisiert alles weitere. Nach ein paar Minuten der Rückruf: in weniger als einer Stunde käme eine Taucherin, ich solle sie vorne an der Schranke abholen. Gemacht, getan, die Taucherin, Jolanta, wartet schon, wir fahren zum Parkplatz, sie zieht sich ihren Taucheranzug an und steigt mit Senkblei und Atemgerät sowie Brille ins Wasser. Umziehen, vorher wie nachher - alles auf dem Parkplatz, hinter dem Auto. Ihr Mann hilft ihr dabei, reicht ihr verschiedene Utensilien bzw. nimmt welche entgegen, die er mit zum Steg nehmen muss. In einer Minute hat sie das Tau wieder von der Schraube abgewickelt, beiden - Tau und Schraube - ist  nichts passiert, nochmal Glück gehabt. Ich will gar nicht daran denken, was auf dem Haff hätte passieren können, bei auflandigem Wind Stärke vier.

Über den Preis sind wir uns schnell einig, es war jedenfalls sehr preiswert. Kranen wäre teurer geworden.  Jetzt kann das Boot an den Steg verholt werden und morgen geht die Arbeit los, einräumen, umräumen, aufräumen. Irgendwie alles mit räumen, vielleicht schreibe ich mal eine "Enzyklopädie des Räumens".

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Mi, den 05. Juni: Vor der Abfahrt

Es ist alles geschafft, alles vorbereitet für die große Fahrt. Aber was heißt schon alles? Alles, von dem wir denken, dass wir es brauchen und die Sachen  irgendwo eingesetzt werden. Das wichtigste waren natürlich die Unmengen an Lebensmitteln, Getränken, Körperpflegemittel, Haushaltshilfen von Küchenrolle bis Klopapapier und und und. Die langen Listen hier vorzutragen erspare ich mir. Wir waren viermal einkaufen, mit vollen Wägen, das Auto voll, zig mal vom Auto zum Schiff und zurück. Und das alles bei 30 bis 32 °C Hitze, zum Glück ein guter Wind, aber anstrengend. Schweden ist nun mal teuer, und außer frischen Lebensmitteln wollen wir da nichts einkaufen. Und das für drei Monate, so lange rechnen wir damit, in Schweden zu bleiben, Mal sehen, wohin uns der Wind treibt.

Und am Schiff musste auch dies und jenes gemacht werden: Segel aufziehen, die Leinen überprüfen, kontrollieren, ob die Segel laufen, wenn man sie hoch- oder rausziehen will, den Genacker haben wir installiert, das wird dann eine Premiere werden, so ein bauchiges leichtes Segel bis Windstärke 3, dann tanken, die Kanister voll, jetzt haben wir 40 L Ersatzreserve, Funk einrichten, den Plotter ausprobieren, und und und. Auch hier wieder lange Listen, die Wanten spannen, beim Großsegel die Reffleinen richtig legen, und testen, ob das Reffen geht. Es war uns nicht langweilig. Dazwischen ja auch der Auszug aus der 1-Zimmer-Wohnung, der Umzug zum Schiff, und wieder räumen, räumen, räumen. Naja, wir sind es fast gewohnt, wir lernen, Pausen zu machen und rechtzeitig abends Schluss zu sagen. Der nächste Tag will auch noch was zu tun haben.

Aber jetzt ist soweit alles fertig, morgen geht's nach Swinoujscie/Swindemünde, da wollen wir nochmal einen Tag Pause machen, dann Kröslin und Sassnitz, bevor die große Überfahrt nach Rönne beginnt. Das Wetter scheint gut zu werden, hoffentlich gibt es nicht zu viel Gewitter.

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Do, den 6. Juni: Swinoujscie

Eigentlich war 10 Uhr als Abfahrtstermin vereinbart, es wurde eine halbe Stunde später. Auch kein Beinbruch. Aus dem Logbuch: "30 Minuten später als geplant: Die Frau!" Auf einmal entdecke ich an der Brille zwei kleine Schräubchen, die am linken Glas irgendwie hervorstanden - anders als an der rechten Seite. Schraubenzieher: zu grob für das Kleinzeug. Also Ersatzbrille suchen, war auch bald gefunden. Diesmal nicht ganz hinten und ganz unten, sondern weit vorne in der 2. Tasche. Draußen herrschen 30 °C, die Sonne knallt vom Himmel, ein 3-4 Bft aus Südwest. Dank der Windfinder-App brauche ich jetzt nicht immer den PC anzuschmeißen, wenn ich Wetterinfos brauche, die Apps auf dem Smartphone liefern dasselbe in kürzerer Zeit. Ein Fortschritt? Dann fällt uns auf - wir sind schon ein paar Meter auf dem Haff - dass wir keine Schwimmwesten tragen. Schnell nach unten, sie liegen bereit und sind fix angezogen. Grüner Punkt nach vorne, alles paletti.

Nach 12 Minuten haben wir das Vorsegel auf und so bleibt es denn auch die nächsten eineinhalb Stunden. Je nach Wind und Böen macht das Schiff zwischen 3,2  und 5,4 Knoten, fürs erste gar nicht mal so schlecht. Die Fischernetz mit den kleinen roten Fähnchen nerven, sie sind genau auf dem Weg zur deutsch-polnischen Grenze, die durch das Haff verläuft. Ab der Grenze verläuft der Kurs etwas südöstlicher, der Wind kommt jetzt genau von vorne, der Jockel muss ran. Irgendwas am Motorgeräusch stört mich, ein immer wiederkehrendes, aber nicht regelmäßiges Brummgeräusch mit ziemlich viel Vibration - ich erinnere mich nicht, so was im letzten Jahr gehört zu haben, als wir so viel mit dem Motor gefahren sind - fast den ganzen Rückweg von Danzig gegen den Westwind. Hoffentlich hält er jetzt durch.

Kurz vor ein Uhr kommen wir in den Tonnenstrich des Kaiser-Kanals, letztes Jahr hatten wir ihn drei mal durchfahren. Vor der Einfahrt einige Bagger- und andere Berufsschiffer. Ein kleines Polizeiboot winkt uns, nach links zu fahren. Sonst passiert nichts. Auf dem Kanal kurz vor Swindemünde passieren wir die Fährstationen. Zeitgleich legen zwei Fähren ab, eine von links, die andere von rechts. Wir legen einen Gang zu, zumal die rechte hubt, die linke freundlicherweise wartet, bis wir durch sind. Der Motor  nimmt das ohne Meckern hin, vielleicht ist doch nichts dran.

Später, im Hafen kommt uns noch so ein dicker Kahn entgegen, ein Verlegeschiff, das unseren Kurs kreuzt. Hier weichen wir nach links aus. Dann wird es auf einmal voll auf dem Wasser: hinter uns eine Piratenkogge, läuft mit Motor und ist "stilecht" mit Radar ausgestattet. Dann eine Flussfähre von rechts, ein Küstenmotorschiff kommt uns von unten entgegen und dazwischen wuselt noch das eine oder andere kleine Motorboot oder eine polnische Yacht.

Wie auch immer, um halb vier haben wir es geschafft, machen neben zwei Dresdnern fest, vertäuen das Schiff und wollen eigentlich noch den vielfach beschworenen Lachs essen gehen, da türmen sich die dunklen Wolken vor uns, die ersten Blitze krachen am Himmel, das vielfach erwartete Gewitter kommt von der See herüber über die Stadt und zieht sich Richtung Haff dahin. Die nächsten Stunden sind wir mit diesem Schauspiel beschäftigt, dazwischen kübelt es eimerweise, an Essen gehen ist nicht zu denken. So muss mal wieder der gekaufte Kartoffelsalat und Würstchen her, den Hunger zu stillen und es reicht auch.

Auch der Hafenmeister muss warten, die Anmeldung kann am nächsten Morgen geschehen. Strom haben wir noch von einem Vorgänger, so dass voraussichtlich die Nacht gerettet ist, was diesen Punkt betriffft.

Der nächste Morgen: etwas frisch, aber wieder mit viel Sonne. Mit Hilfe des Rades erledige ich die Wege zum Hafenmeister und Waschhaus, später in die Stadt, um Brot und frische Milch zu kaufen. Was für ein Segen, ein Rad zu haben!

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Samstag, den 8. Juni: Kröslin

Die Wetterbedingungen für die Überfahrt nach Kröslin sind laut Wetterapps ideal: Windstärke 4 von Südwest, Sonne, kein Regen, irgendwas zwischen 17 und 19 °C. Als wir früh aufstehen, ist von Sonne erstmal nichts zu sehen, dunkle Wolken beherrschen den Himmel und um 8 Uhr beginnt es leicht zu regnen, O.K., auch das war vorausgesagt und der Regen hält sich glücklicherweise nicht lange. Ein kleiner Schauer, der sich mehrmals wiederholt.

Um 10 Minuten nach 10 Uhr lösen wir die Leinen, fahren im Hafenbecken gegen den Wind und ziehen das Großsegel hoch, um ein Reff einzulegen - eine Maßnahme, die sich nachher sehr bewährt hat, liegt das Schiff doch mit einer nicht zu großen Schräglage im Wasser. Im Hafen ist es ziemlich windstill, so dass die ganze Operation schnell über die Bühne geht.

Danach geht es raus, auf die Swine, Richtung Meer und den Tonnenstrich der Einfahrt Swinemünde. Nachdem wir einigermaßen von der Küste weg sind, können wir auch das Vorsegel lösen, die große Genua, die uns den Vortrieb gibt. Nach zwanzig Minuten kann dann auch der Motor ausgemacht werden. Der kräftige Südwester treibt uns zwischen durch mit Böen bis 5 Bft nach Nordosten, Richtung Kröslin. Der wolkenverdeckte Himmel erzeugt mit der See von 1 m nicht gerade große Begeisterung, aber es rauscht und das Schiff segeln schnell dahin: Zwischen durch mit 7 und mehr Knoten, meistens irgendwas um die 6 Knoten. Es ist mit 21 °C relativ kühl, schnell werden Pullover und Jacken zu Hilfe genommen, der Wind ist doch ziemlich durchdringend. Fünf bis sechs Frachter ankern auf der Reede vor Swinemünde, sie kommen uns nicht in die Quere.

Während der lang anhaltenden Böen kommt die Yacht doch ziemlich in Schräglage. Weniger Segeldruck richtet sie dann wieder etwas auf, dafür sind wir dann nicht so schnell.

Kurz vor drei Uhr erreichen wir die Tonne Osttief 2, ab da beginnt der schmale Tonnenstrich durch den Veritasgrund an der Nordspitze von Usedom. Wir fahren jetzt Kurs Nordwest, bis zum Tonnenpaar 3/6, dann südwestlich, durch das Osttief, jetzt gegen den Wind und mit Motor. Der hat schwer zu kämpfen, gegen Wind und Welle, und das ist erst der Anfang. Je südlicher wir fahren, desto heftiger Wind und Welle gegen uns. Ab der Tonne 9 im Osttief, die Insel Ruden im Rücken, macht die Fahrt keinen Spass mehr. Zeitweilig machen wir nur drei Knoten, so heftig sind Wind und Welle gegen uns gerichtet. So geht das jetzt in den nächsten zwei Stunden, der Weg nach Kröslin ist lang. In der Spandowerhagener Wiek ist ein Segelboot aufgelaufen, das Boot liegt bei einer Wassertiefe von ca. 1 m schräg im Wasser. Das Rettungsboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger aus Freest  kommt uns bereits entgegen. In dem schmalen Schlauch bis Peenemünde muss man sehr aufpassen, nicht aufzulaufen. Erinnerungen an die vergangenen Jahre werden wach, v.a. 2015, wo wir in den Bottengewässern mehrmals Grundbrührung hatten und selbst einmal von der DGzRS aus dem Sand gezogen werden mussten. Kurz vor Kröslin werden wir vom Rettungsboot überholt, im Schlepptau die Yacht, drei junge Männer an Bord. Vermutlich wollten sie "schnippeln", also den Weg abkürzen, was bei den Boddengewässern ein fataler Fehler ist. Rausgezogen und abgeschleppt werden, das wird teuer.

Kurz nach 17 Uhr machen wir fest in Kröslin, der große Hafen hat immer noch ein Plätzchen frei, in der Nähe des Hafenbüros, weil hier der beste WLAN-Empfang ist. Es hat schon was, wenn man mit Häfen Erfahrung hat, dann muss man nicht jedesmal alles auf's Neue erkundigen.

Schiff klarmachen geht als inzwischen wieder beste Routine vor sich, und Barbara macht sogar noch aus den Überresten der Wegverpflegung ein Super-Abendessen. Früh gehen wir in die Koje, es war ein anstrengender, langer, aber auch irgendwie erfüllter Tag.

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Do, den 13. Juni: Sassnitz

Lange genug sind wir in Kröslin, dem 5-Sterne-Hafen gewesen. Beide Esslokale hatten wir ausprobiert, mit dem Red Lobster waren wir nicht zufrieden, die Tagliatone mit Lachs waren versalzen, im Steghouse war das Preis-Leistungsverhältnis schon besser, auch wenn das Steak etwas zäh war und Barbara's zu kalt. Aber der Chef war sehr entgegenkommend, schnell wurde das Fleich nochmals aufgewärmt und auch das etwas schwer zu kauende Steak war ein Stückchen weicher. Wie auch immer, Kröslin hat dann eben auch 5-Sterne-Preise. Und schaut man sich die Yachten und Motorboote an, da waren wir mit das kleinste Schiff.

Das Wetter stimmte, wenn auch der Wind nicht mitspielte, aber immerhin Sonnenschein und eine laue Brise für die 30 Seemeilen nach Sassnitz. Es wird ein Motortag, die ersten Seemeilen durch die Tonnenbank und am Schuhmachergrund vorbei waren eh' mit Motor zu machen. Endlich sind wir bei Tonne Landtief B aus dem gleichnamigen Tief heraus, nach Nordosten geht der Kurs bis zum Nordperd auf Möchgut, danach nach Nordwesten Richtung Sassnitz. Die Sonne scheint, ein lauer 2-3 Bft-Wind umspült unsere Gesichter und nimmt die größte Hitze mit.

Kurz vor vier Uhr kommen wir in Sassnitz an, der Hafen ist ziemlich leer, schnell finden wir eine Box und das Festmachen an den Heckpfählen gelingt aus dem Stegreif. Die Routine stellt sich wieder ein, wir sind ein eingespieltes Paar. Unter der Sonnenplane ist es affenheiß, deswegen verlassen wir bald das Boot und essen leckeren Fisch "an Rügen's größter Fischtheke", dem "Kutterfisch". Danach den Hafenmeister bezahlen, hier wird nach Boxlänge bezahlt, die Boxen haben unterschiedliche Preise. Wer das nicht weiß, zahlt meistens zuviel!

Nachts hält uns wieder einmal ein heftiges Gewitter wach, der Starkregen prasselt auf das Oberdeck, ein unbekanntes Knackgeräusch zwingt mich mehrmals vor dem dicken Regen nach draußen. Es ist vermutlich die Kabelkupplung des Funkkabel, die gegen den Mastfuß drückt. Als auch das beseitigt ist, kann ich endlich schlafen, mit einem offenen Ohr, wie sich das für den Kapitän gehört.

Der nächste Tag gehört dem Sonnenschein, es ist warm, ziemlich windstill, und morgen leider 6-7 Bft aus Osten, kein Tag, um nach Bornholm zu fahren. Erst der Sonntag wird's möglich machen, 4 Bft aus Westen, der ideale Wind für die im Nordosten gelegene Insel. Wir werden sehen, hier ist das Wetter ja jeden Tag für eine Überraschung gut.


Sassnitz: Information für Segler
Angelegt wird an zwei Seebrücken an Heckpfählen. Die Länge der Box entscheidet über den Preis: 14.-€ für bis zu 11 m. Der Hafenmeister befindet sich in einem neuen Gebäude, links von den Stegen, morgens und abends geöffnet. Mit der Quittung bekommt man den Code für Toiletten/Waschräume und das sehr gute WLAN. Der Code wird jeden Abend geändert. Toiletten- und Waschräume sind neu und in einem sehr ordentlichen Zustand. Strom ist im Preis inbegriffen, Wasser auch, aber kein Trinkwasser. Jedenfalls erklärt ein Aufkleber an den Säulen das so. Das war schon 2014 der Fall, vermutlich ist es Trinkwasser, aber die Stadt (Kommunalhafen) übernimmt keine Garantie für die Keimfreiheit.
Der Hafen ist ziemlich schwellig, bei Westwind mehr als bei Ostwind. Links von der Brücke gibt es ein Restaurant und einen sehr guten Yachtshop, rechts Richtung Fischereihafen die üblichen Fischgaststätten ("die längste Fischtheke Rügens") und Eisbuden. In die Stadt kommt man über einen langen Treppenausstieg gegenüber Brücke B oder am Hafenbahnhof.

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Sonntag, den 16. Juni Nørrekås

Irgendwie scheint es doch so zu sein, dass wir aus der Übung sind. Dass es nach Bornholm eine lange Überfahrt werden würde, wussten wir schon, aber wie es sich anfühlt, bei Windstärke 4, in Böen 5 und meterhohen Wellen stundenlang zu segeln, irgendwie war dieses Wissen verloren gegangen. Wir mussten es uns neu erfahren. Bei leichtem Sonnenschein fahren wir kurz nach 10 Uhr aus Sassnitz los, noch im langen Hafenschlauch wird das Großsegel gehisst, immer noch mit einem Reff. Eine Maßnahme, die sich bewährt hat: mit einem Reff entsteht nicht so viel Schräglage, im Hafenbecken ist das Wasser nicht so wellig, das Schiff tanzt nicht auf und ab. Auch wenn bei diesem Schiff alles aus der Plicht heraus gemacht werden kann, wenn's hakt, muss ich doch nach vorne!

Die Nachbarn helfen uns beim Ablegen, ihre eigenen Leinen, die sie mehrfach um die Klampen gelegt haben - und eine verläuft unter dem Anker - stören das Ablegen. Die Böen kommen auch im Hafen recht stark an, aber wir haben genügend Platz, das Großsegel rutscht glatt nach oben durch. Barbara hat Angst, dass der Wind zu stark würde. Wir werden sehen. Noch im Hafen fällt auf, dass die Vorschiffluke nicht zu ist, auch das Seeventil für die Toilette haben wir vergessen.
Nach 20 Minuten machen wir den Motor aus, wir sind weit genug draußen, die Untiefen liegen alle hinter uns. Kurs Nordost, ca. 45 °. Der Wind frischt immer wieder auf, die Böen bringen das Schiff auf bis zu 7 Knoten. Auch wenn die Sonne scheint, richtig warm ist es nicht, so um die 18 °C, gefühlt eher weniger.
Als wir aus dem Windschatten Rügens heraus sind, nimmt der Seegang auch zu. Zwei- und mehr Meter-Wellen sind jetzt recht häufig, sie rauschen von hinten heran, unter dem Schiff durch, es gurgelt und das Schiff stoppt auf. Auf der Spitze der Welle wird es schnell, in einer Böe haben wir 7,2 Knoten auf dem Plotter gelesen. Die Instrumente funktionieren, alles macht, was es soll. Die automatische Steuerung können wir bei diesem Raumschotskurs nur hin und wieder anwenden, das Schiff schaukelt zu sehr um seine eigene Längsachse herum und mit der Automatik bricht es mal nach Steuerbords, mal nach Backbord aus.
Kurz vor drei Uhr passieren wir die beiden Windparks, die am Wegesrand nach Bornholm im Meer stehen. Riesige Windräder, die sich träge drehen, für sie ist Windstärke vier wohl gar nichts! Über eine Stunde dauert es, bis wir den Park an seiner Ostseite abgefahren haben, der Park ist doch recht groß und in der Karte noch gar nicht so richtig verzeichnet. Hin und wieder kommt ein Segler am Horizont vorbei, hin und wieder eine Bornholmfähre, ansonsten sind wir hier allein den Elementen ausgeliefert, Rügen ist am Horizont verschwunden und Bornholm noch lange nicht in Sicht. Es dauert und zieht sich hin, trotz Bütterchen und Bonbons wird die Zeit doch recht lang.
Gegen halb fünf baut sich langsam ein grauer Schatten am Horizont auf, in der Richtung, in der die letzte Fähre gefahren ist. Und langsam wird der Schatten fester und fester, dunkler und mit der Zeit kann man hellere Punkte erkennen. Eine im Hafen liegende Fähre mit ihren stockwerkshohen Aufbauten erinnert an ein Hotel, aber bei näherem Herankommen wird doch deutlich, dass es die letzte Fähre sein muss.
Wir fahren jetzt nördlich, der Hafen von Nørrekås liegt im Norden von Rönne, und leider nimmt weder Wind noch Welle ab. So müssen wir draußen in den tanzenden Wogen das Vorsegel reinholen, im Wind stehend, es klappt, leider kommt das Großsegel nicht runter, zu viel Reibung. Erst im Hafen von Norrekas können wir es runterziehen.
Der Hafen ist voll, vor fünf Jahren war hier nichts los. Neue Brücken, neue Säulen, und größere Schiffe, viele Dänen, einige Schweden und Deutsche.
Kurz nach 20 Uhr machen wir den Motor aus, 10 Stunden, die härter und härter wurden, für die 55 Seemeilen lange Strecke. Das ging jetzt an unsere Grenzen, hat sie überschritten, aber so ist das eben mit dem Segeln: Unterwegs aussteigen gibt es nicht, es gibt auf See keine Bushaltestellen.

Information für Segler:
Angelegt wird an zwei Seebrücken an Seitenstegen. Bezahlt wird am Automaten im Gebäude des Hafenmeister. Mit der Quittung bekommt man den Code für Toiletten/Waschräume und das sehr gute WLAN. Toiletten- und Waschräume sind schon recht alt, in einem ordentlichen Zustand. Strom ist im Preis inbegriffen, Wasser auch. Der Hafen ist ziemlich ruhig, von den Fähren bekommt man nichts mehr mit, im Unterschied zu 2014. Beim Hafenmeister gibt es ein Cafe. In die Stadt kommt man auf einem etwas längeren Fußweg, ca. 2 km.
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Mittwoch, den 19. Juni: Simrishamn/Schweden

Wir haben noch einen Tag Pause gemacht, im schönen, sonnigen Nørrekås, die Ruhe genossen, einen amerikanischen Großsegler - 15 Meter Länge, 26 Tonnen - bestaunt, mit dem dieses Schiff betreibenden Ehepaar gesprochen, wobei sich unsere Sprachdefizite mal wieder deutlich bemerkbar machten und den Tag sonstwie rumgebracht. Es gibt ja immer irgendwas zu tun, nach der Überfahrt aus Sassnitz war der Bodenteppich nass, aber es war kein Wasser von unten, sondern der Wasserkanister, die am Hahn leckt.
Jetzt ist heute Zeit, wir wollen ja das Mittsommerfest in Schweden erleben, deswegen jetzt Simrishamn, ca. 33 Seemeilen nördlich von Bornholm. Der "Abflug" läuft gut, wir kommen in die Bucht und stellen mal wieder fest, dass auf die Wetterangaben kein Verlass ist: Windstärke 2 statt der angesagten vier. Es wird ein Motortag, sechs Stunden lang, die Sonne scheint und die Automatik packt das rollende Schiff nicht so recht in den Kurs hinein, also Handsteuerung den größten Teil des Weges.
Nach ca. zweieinhalb Stunden erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet Bornholm Gatt. das wir rechtwinkling durchqueren müssen. Ca. vier Seemeilen ist die "Autobahn" breit, also eine knappe Stunde. Immer wieder kommt ein Frachter von links, schaffen wir es vor ihm oder hinter ihm, das ist hier die Frage. Aber es geht alles gut, mit ca. 25 Knoten rauschen die Riesen vorbei, nicht einmal das Kielwasser erreicht uns.
Nach knapp sechs Stunden erreichen wir den Hafen, die Einfahrt liegt etwas nordöstlich, zwei bis drei Tonnen zeigen den Weg. Am Steg D legen wir an, es ist zeimlich leer, nur wenige Schiffe haben bisher angelegt. Dabei ist Simrishamn so etwas wie das Sprungbrett in die Hanö-Bucht. Schweden, Dänen, und Deutsche liegen hier.
Spät am Abend kommt noch ein Kriegsschiff - ein Katamaran - der schwedischen Marine, es macht viel Krach, zieht viele Schaulustige an und braucht ewig, um im engen Fischereihafen an das Kai zu kommen. Später erscheinen mehrere Dieseltankwagen, offensichtlich war hier der Sprit ausgegangen. Irgendwann am frühen Morgen, nach einem heftigen Gewitter, fährt es wieder raus, heute ist der letzte Schießtag in der Hanö-Bucht.
Barbara macht ein sehr leckeres Abendessen, Spaghetti carbonara nach Art des Hauses, nach der langen Überfahrt in der Sonne genau das richtige. Wie sie das immer schafft, noch zu kochen, ich würde wahrscheinlich alleine nur von Butterbroten leben.

Der nächste Tag bringt warmen Wind, Stärke drei bis vier, viel Sonne, den Weg in die Stadt mit dem Fahrrad zur nächsten Tankstelle, und dabei viele Eindrücke der kleinen Stadt Simrisham am Südende der Hano-Bucht.

Leider hat das mit dem Mittsommrfest nicht so geklappt, wie gedacht. In Simrishamn war nichts los, außer den mit Blumenkränzen geschmückten Bedienungen in den Resaturants. Nach Infos des Touris-Büros gab es Mittsommerfeste in Brantevik, 4 km südlich von Simrishamn, nur mit dem sündhaft teuren Taxi erreichbar. Oder 5 km nördlich in Baskemölla/Tjörnedala, auf einem Campingplatz, erreichbar mit dem Bus, aber den Beginn um 13 Uhr hätten wir eh' verpasst. Also blieben wir zuhause, Barbaras Fuß hätte auch keine großen Märsche erlaubt, und sind am späten Nachmittag fürstlich essen gegangen, auch zu einem fürstlichen Preis. In Deutschland hätte es vier 4 Personen gereicht. Das ist eben Schweden, auswärts essen ist teuer. Am nächsten Tag sind wir in einem preiswerteren Lokal, eine Pizza irgendwas zwischen 11 und 12 Euro!

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Sonntag, den 23. Juni: Hanö in der Hanöbucht

Die 33 Seemeilen nach Hanö in der Hanöbucht mussten wir leider wieder mit dem Motor schaffen, allein der Wind mit 1-2 Bft aus Nordost, also Gegenrichtung, war nicht geeignet, uns mit Segelkraft dem Ziel näher zu bringen. Es ist heiß an Bord, die Sonne knallt vom Himmel, trotzdem hat es nicht mehr als 16-17 °C Lufttemperatur, der Wind ist unangenehm kalt. Später, nach 13 Uhr, wird es wärmer, auch der Wind hat gedreht, aber bleibt bei ca. 2-3 Bft, und Hanö ist garantiert schon voll. 70 Liegeplätze soll der Inselhafen bieten, als wir ankommen, sind die Seitenstege schon alle belegt. Wir haben Glück, das in der Mitte des Hafen liegende Kai wurde grade von einem auslaufenden Motorboot freigemacht, so dass wir dort anlegen können. Schnell sind Plane und Strom gelegt, man liegt hier an weiß bemalten Reifen, die dem Hafen ein eigentümliches Flair geben. Nach und nach kommen noch fünf bis sechs weitere Segler, auf der Gegenseite bilden sich die ersten Zweier-Päckchen.

Die Hafen-Pizzeria entschädigt uns für den weiten Weg, immerhin knapp sechs Stunden. Wir lassen es in der untergehenden Sonne an Bord ausklingen, der Tag war mal wieder anstrengend.

Der nächste Tag ist einem mehr oder weniger ausführlichen Inselausflug gewidmet. Mit dem Rad geht es bergauf zum hellsten Leuchtturm, der mit seinen 16 Metern Höhe vierzig Kilometer weit das Meer bestrahlt. Die Insel ist klein, die gerade mal 40 Einwohner verkraften jedes Jahr mehr als 40.000 Besucher, die mit Segelbooten und vor allem der stündlich einlaufenden Fähre kommen. EInkaufen kann man zu Super-Monopolpreisen in einem Laden, dem einzigen, den es hier gibt. Das Angebot ist sehr übersichtlich und beschränkt sich vor allem auf Getränke und Kekse, Käse, wenig Obst und Gemüse. Man sollte schon einen vollen Lebensmittelkorb haben, wenn man hier anlegt. 1 Liter Milch kostet 1,70.-Euro! Auch das Restaurant bietet vor allem Pizza, mit 10,34 € sogar "preiswert" für schwedische Verhältnisse. Obwohl, in manchen Städten der Bundesrepublik zahlt man das auch schon. Ansonsten ist die Insel wunderschön zum Wandern, vom Leuchtturm aus hat man eine Super-Rundblick über den Sund, die Südküste und die Ostsee. Strom, Wasser und Duschen ist im Hafen im Preis inbegriffen, die Toiletten- und Waschkabinen sind sehr sauber, die Hafenmeisterin eine tüchtige ältere Dame, sehr quicklebendig und den anlegenden Schiffen hinterher. Ab mittags um drei wird es voll, dann wird am längsten Steg in Päckchen angelegt. Landwirtschaft gibt es hier keine, Autos sieht man nicht, die Bewohner leben vor allem vom Fremdenverkehr und Vermietungen. Die Fähre bringt die Feriengäste und holt sie wieder ab.
Außerdem gibt es hier ein Wandererheim, 230 Blütenpflanzen und 200 Damhirsche, von denen ich bei meinem Ausflug keinen einzigen gesehen habe.

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Mittwoch, den 26. Juni: Karlskrona

Wir haben genug von Hanö, heute muss es weitergehen, einen Hafen, 32 Seemeilen nach Nordostens. Wir haben uns Karlskrona ausgesucht, auch wenn der Hafen in der Stadt liegt, aber dort können wir wieder vernünftig einkaufen, nicht zu Monopolpreisen wie in Hanö.
Kurz nach 10 Uhr lösen wir die Leinen, problemlos geht es hinaus in die Hanö-Bucht, erst ein Stück nordwärts, dann nach Nordosten, 70 °, bis zum Eintritt in den Schärengarten, die vor der Südostküste Schwedens liegt. Eine neue Welt erwartet uns!
Es ist leicht diesig, der Himmel teilweise bewölkt, die Sonne knallt vom Himmel, trotzdem hat es nur 17 °C. Dabei ist es leicht schwül, wie wenn uns später ein Gewitter erwarten könnte. Leider ist nichts los mit dem Wind, aus Südwest, aber nur 1-2 Beaufort.
Kurz nach ein Uhr passieren wir die Gefahrentonne bei Ronneby, und dann mehren sich die Tonnen, wir nähern uns dem in der Karte eingezeichneten Einfahrtsweg durch die Schären. Jetzt heißt es aufpassen, die felsigen Untiefen sind ganz nah am Fahrweg, der Weg dazwischen sehr schmal. Immer wieder ist das Schiff umgeben von grünen Algenteppichen, die dann wieder von klarem Wasser abgelöst werden.

Kurz vor drei Uhr sind wir an der Drehbrücke Hasslöbron, die zwischen 8.00 und 20.00 Uhr zu jeder vollen Stunde geöffnet wird, nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Ohne die geht gar nichts. Um drei Uhr macht die Brücke auf und wir sind im Schärengarten. Links und rechts tauchen die felsigen kleinen Inseln wie Wale aus dem Wasser, die größeren bewachsen, die kleineren nur nackter Stein. Im Västrafjärden dann wieder weites Wasser, die größeren Inseln Hasslö, Aspä und Tjurkö südlich von uns. Zwischen diesen Inseln gibt es noch heute U-Boot-Sperren, metallische Senkkästen einen halben Meter unter der Wasseroberfläche, zum Glück nicht auf unserem Kurs. Böse Fallen für Segler, aber glücklicherweise in der Karte eingezeichnet. Zwischendrin fällt immer wieder der Tiefenmesser aus, an den entscheidenden Stellen gibt es aber doch eine Anzeige.

Kurz vor halb fünf erreichen wir den Stadthafen, nach einem spannenden Zick-Zack-Weg durch die Schären vor Karlskrona, und machen an einem Seitensteg fest. Das Hafenbüro liegt direkt vor uns, der Automat zum Bezahlen vor der Tür.

Der nächste Tag ist erstmal dem Ausruhen gewidmet, aber die Arbeit lässt nicht lange warten. Quer über die Straße gibt es eine Tankstelle, zweimal muss ich fahren, um unsere Diesel-Vorräte aufzufüllen. Wasser muss nachgetankt werden und am Nachmittag steht der Versorgungseinkauf an, in einem Supermarkt im Stadtzentrum. Bezahlt wird hier überall  mit Karte, nur im Supermarkt konnte ich eine Barzahlung mit Scheinen beobachten.
 
Es ist heute nicht gerade heiß, zwischendurch kommen immer wieder große  graue Wolkenwände auf uns zu, es tröpfelt etwas, aber kein Dauerregen. Der Wind mal stärker, mal schwächer, für die nächsten Tage mit zu erwartendem Starkwind sitzen wir hier im sicheren Hafen.

Information für Segler:
Für unser Boot zahlen wir 225 SEK pro Nacht. Im Hafengebäude die sehr luxuriösen Duschen und Waschgelegenheiten, alles sehr sauber, gepflegt und großzügig. WLAN gibt es nur um Haus, im Hafen keines. Hier vom Steg aus kann man nur mit dem Smartphone per USB-Tethering den Bericht ins Internet stellen. Die Geschäfte in der Innenstadt sind ca. 10 Minuten vom Hafen weg. Die Tankstelle liegt schräg gegenüber, fußläufig zu erreichen.
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Sonntag, den 30. Juni: Kristianopel

Eigentlich hatten wir Sandhamn angepeilt, als nächsten Hafen auf dem Weg nach Gotland. Und 24 Seemeilen wären auch nicht zu viel gewesen. So jedenfalls der Plan. Zuerst führt der Kurs von Karlskrona durch die Schären hindurch, Wind und Welle gegen uns, Wind mit 3 Bft aus Südwest. Eine Stunde nach dem Start - es ist jetzt viertel nach 9 Uhr - sind wir an der letzten U-Boot-Sperre zwischen den Inseln Aspö und Tjurkö vorbei. Zwei für Schweden außergewöhnlich große Tonnen machen auf dieses Hindernis aufmerksam. Normalerweise sind die Seefahrtszeichen lange, dünne Stangen, die oft aus der Ferne schwer zu erkennen sind. Diese hier sind jedoch nicht zu übersehen! An Land militärische Bauten, spätestens aus dem Kalten Krieg, wenn nicht schon früher erbaut. Karlskrona war ja vor der Jahrtausendwende ein Zentrum der schwedischen Marine, das ganze Schärengebiet für Segler gesperrt und Ziel sowjetischer U-Boot-Aktivitäten. Deswegen die U-Boot-Fallen mit den Senkkästen einen halben Meter unter der Wasseroberfläche in den befahrbaren Zufahrten nach Karlskrona. Zu diesen ganzen Geschichten gibt es auch einen Roman von Henning Mankell: "Der Feind im Schatten". Sehr lesenswert.

Kurz vor 10 Uhr, als wir von der Stena-Line-Fähre überholt wurden, nutzen wir das ruhige Kielwasser des großen Schiffes, um das Großsegel hochzuziehen. Im normalen Seegang rund um uns wäre das eine ziemliche Schaukelei gewesen. Schnell ist es oben, allein das 1. Reff macht noch Schwierigkeiten, weil die Reffleinen nicht so leicht durch den Baum laufen. Als das geschafft ist, geht es an das Vorsegel. Dabei stellt sich heraus, dass ich die Backbord-Winsch bei meinem Reinigungsversuch den Tags zuvor falsch zusammengebaut habe: die Winsch-Sperre funktioniert nicht mehr, die Winsch läuft in beiden Richtungen. Aber nach der Winsch gibt es ja noch die Heckklampe, an der die Leine sicher festgemacht werden kann.

Endlich mal wieder segel: nach zuletzt drei Motorstrecken fahren wir jetzt auf südöstlichem, später nordöstlichem Kurs in Richtung Kalmarsund. Mit viereinhalb bis fünf Knoten treibt uns der Wind vorwärts, zwischendurch nimmt er immer wieder ab, frischt auf, nimmt ab, fängt etwas an zu schralen und das können wir bis viertel vor drei durchhalten. Danach wird aus Windstärke 3-4 nur noch zwei, die Wellenkämme verschwinden, die See beruhigt sich. Immerhin fast fünf Stunden konnten wir segeln, inzwischen an Sandhamn vorbei, weil es so gut lief. Barbara will nach Kristianopel, der Ort mit dem Namen, dessen Klang Großes vespricht. Man denkt an Konstantinopel, eine Großstadt, eine Weltstadt, hier findet man ein Dorf!
Aber schön, jedenfalls vom Hafen aus zu sehen.

Viertel vor drei holen wir die Segel rein, "ein toller Segeltag" schreibt Barbara im Logbuch, und das will was heißen. Etwas über eine Stunde später machen wir im ziemlich vollen Hafen fest, an Heckbojen, neben einer schwedischen Familie. Die Schweden sind recht zurückhaltend, wie wir später noch bei unserem Restaurant-Besuch erfahren. Im Cafe "Sött & Salt" gibt es lecker was zu essen, und ein mächtiges Eis auf die Hand rundet das Abendmahl ab.

Für die 38 Seemeilen waren wir acht Stunden unterwegs, wir sind geschafft, aber es ist warm, wenn auch sehr windig, vor allem die Böen hauen mächtig rein.
Spät am Abend macht sich die schwedische Familie noch Sorgen, weil sich die beiden Booe immer wieder sehr nahe kommen und sich "die Fender küssen". Der Mann macht den Vorschlag, mit einer 2. Leine die rechte Heckboje in Beschlag zu nehmen Gesagt, getan, wahrscheinlich ist ihr Urlaubsschiff gechartert oder von Freunden/Verwandten, es darf jedenfalls nichts dran kommen. Mit dem Dingi bringt der Mann die rücklaufende  Leine an, jetzt gewinnen die beiden Boote deutlichen Abstand. Dankbar für dieses Entgegenkommen (?) lassen sich die Schweden auf ein Gespräch ein (in Englisch), über ihren Urlaub - zwei Wochen -, unsere Fahrenszeit - drei Monate, woher wir kommen, aus Germany, Düsseldorf ist ihnen ein Begriff usw. Ihre Reserviertheit taut für einige Momente auf, aber danach - am nächsten Tag - ist es wie vorher. Kontakte nach außen sind nicht so jedermann/-frau Schwedens sein/ihr Ding, man bleibt in der Regel doch unter sich.

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Mittwoch, den 3. Juli: Kalmar

Für die 29 Seemeilen nach Kalmar stehen wir zur gewohnten Stunde auf, nach zwei Stunden starten wir die Maschine. Den Haken von der Boje freizumachen, war das geringste Problem, der Wind drehte das Schiff jedoch so, dass die Boje vom Heck beiseite geschoben werden musste. Da wir die letzten an diesem Steg waren und jede Menge Platz hatten, war es nicht wirklich schwierig.
Nach den Einfahrtstonnen den offenen Sund erreicht, konnten wir schon nach 20 Minuten Maschine die Segel hochziehen. Das Großsegel ohne Reff, ein Fehler, wie sich später herausstellte. Die Sonne scheint, einige Cumuluswolken bevölkern das weite Blau, es ist ziemlich kalt, so um die 16 °C.
Bald nimmt der Wind aus West bis Südwest, Stärke vier, zu, die Böen sind schon mal regelmäßig fünf. Der anfängliche Seegang von einem halben Meter steigert sich während der Überfahrt bis zu einem Meter. Viele Segler wollen nach Kalmar, wenige kommen uns entgegen.
Mit größerem Abstand vom Land nimmt der Wind zu.

Aus dem Logbuch:
"11:55 Uhr: Böen mit Schräglage von 15-20°!!! Seegang 1 Meter.
12:30 Uhr: Wind hat gedreht, nach anfangs streng West wird er jetzt nördlicher.
Das heißt, wir segeln mehr am Wind, vorher teilweise raumschotskurs.
Wind jetzt mehr von vorne.
13:00 Uhr: Gelegentlich ein paar Regentropfen. Schräglagen in 20 °. Hihihilfe!!!
Dazu malt Barbara das berühmte Gesicht des Gemäldes von Munch. Schräglage jetzt 25°, die auf dem Verdeck liegende, zusammengefaltete Kuchenbude rutscht nach unten. Zum Glück sind ihr in Richtung Wasser zwei Fender und das Relingsnetz im Weg.
13:52 Uhr: Motor an, Vorsegel reingeholt, 13:55 Uhr Motor aus.
14:07 Uhr: rechte Unterwante ab. Der Wantenspanner liegt auf dem Verdeck
an der Holzleiste, an der man sich festhalten kann. Großsegel runter, Motor an. Motor macht komische Geräusche, ist der Impeller der Kühlwasserpumpe wieder defekt? Mit 1600 Umdrehungen machen wir nur 3,5 - 4 Knoten, zumal der vorliche Wind und die Wellen aus dieser Richtung uns weiter ausbremsen.
16:25 Uhr: Maschine auf 1900 - 2000 Umdrehungen gesteigert: jetzt haben wir mehr als 4 Knoten, im Durchschnitt bleibt es auch so.

Kurz vor 17 Uhr erreichen wir den Stadthafen von Kalmar, es ist proppenvoll, am vordersten Steg mit knapp 1,60 Meter Tiefe bekommen wir nach Einweisung durch zwei junge Hafenmeister noch einen vorletzten Platz, zwar im Schatten des Hafengebäudes und der Baustelle der Linne'-Universtät, aber immerhin ziemlich im Windschatten, was die nächsten Tage wohl ganz gut sein könnte. Wir erinnern uns an Danzig: neben dem Stadthafen lag die Großbaustelle eines Einkaufszentrums. Hier ist es wenigstens eine Universität, die neue Gebäude erhält.

Mal wieder Glück gehabt, dass durch den Ausfall der Unterwante nicht mehr passiert ist, als dass das Großsegel reingeholt werden musste. Die Böen mit Windstärke 5 lassen den Mast erzittern, man fühlt direkt die mangelnde Stabilität, wenn er durchgeschüttelt wird. Und das Geräusch am Motor: wir dachten eigentlich, mit dem Impellertausch in Kröslin wäre alle Schwierigkeiten behoben, aber anscheinend mitnichten!
Jetzt steht erstmal das Neuspannen der Wanten an, dann der Motor.

Nach der Fahrt eine weitere unangenehme Feststellung: Der Bodenteppich in der Kabine ist an einer Stelle nass, in der Bilge steht Wasser. Woher kommt das jetzt wieder? Ist es wegen der Schräglage reingekommen, das Ventil der Spüle war offen, weil das Spülbecken so weit oben liegt. Oder ist irgendwo am Motor was undicht?
Es scheint so, dass wir längere Zeit in Kalmar bleiben, die Stadt selbst soll ja auch sehr schön sein, und diese Fahrt war mal wieder sehr anstrengend. Teilweise mussten wir in der Plicht stehen, weil die Böen so lange gingen, ich muss unbedingt das 1. Reff wieder anbringen!
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Montag, den 8. Juli: Sandvik (Öland)


Das Wetter entwickelt sich nicht gerade günstig für eine Sommertour in Schweden: die nächsten Wochen bleibt es ziemlich kalt - Temperaturen so um die 14 bis 16 °C, selten mal bis 19°C, es bleibt wolkenverhangen, teilweise mit Regen und der Wind macht, was er will: Wind aus Norden, aus Osten, seltenst aus Süden oder Westen. Morgens bis nachmittags zwischen 4 und 4 Beaufort, danach in der Regel abflauend auf 0 bis 1. Wir warten und heute heißt es, das Zeitfenster zu nutzen, das uns die Überfahrt quer durch den Kalmarsund auf die andere Seite, nach Öland, gestattet.

Bei Wind aus Nordwest, Stärke 1-2 Bft, geringem Seegang und Sonnenschein mit Wolken, verlassen wir gegen 10 Uhr den geschützten Kalmarer Stadthafen. Draußen auf See sind es gerade mal 17 °C, wir empfinden das trotzdem als warm, weil der Wind nicht so stark und nicht so kalt ist.
Gegen Mittag fängt es dann an zu tröpfeln, immer wieder kommen kleine Schauer, das gegenüberliegende Ufer des Festlandes ist kaum zu erkennen, verschwimmt in den Regenschauern, die dort niedergehen.
Gegen 14 Uhr überfällt uns eine Mückenplage, auf der Sprayhood, der Segelpersenning, überall sind die kleinen Viecher, die nur der Wind wieder zu vertreiben vermag. Es wird dann aufgrund der Sonneneinstrahlung zwischendurch richtig warm, die Regenkleidung trocknet unter der Sprayhood. Auch dreht der Wind immer wieder, so dass die auttomatische Steuerung durch Handarbeit ersetzt wird, das Schiff giert zu sehr bei diesem Kurs mal nach Backbord, mal nach Steuerbord.
Vorbei an Borgholm ererichen wir kurz vor vier Uhr den Hafen von Sandvik, ein kleiner Fischer- und Seglerhafen. Die Anlegestellen sind schon ziemlich voll, am vorderen Steg bekommen wir noch einen vorletzten Platz. Festgemacht wird hier an Heckbojen, was für uns jetzt auch kein Problem mehr ist, haben wir doch unsere Technik raus, hier festzumachen. Alles eine Frage der Langsamkeit!

Mit einem Lachs-Kartoffel-Salat-Menü belohnen wir uns für die Strecke, zu kochen hat niemand mehr Lust, auch nicht zum abwaschen. Der Hafenkontor ist geschlossen, dafür zahlt man in der Fischbude, in der man auch das Essen bestellt, die Liegegebühr ein. Alles geht wie immer per Karte, auch das anschließende Eis wird so bezahlt. Hier bekommt man auch den Toilettencode.
Später am Abend - es bleibt hier lange hell - mache ich noch einen kleinen Ausflug zur Windmühle, deren grünspanfarbige Kuppel als Ansteuerungshilfe dient. Knapp außerhalb des Dorfes gibt es auch einen Supermarkt. Ansonsten werden hier um acht Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, das öffentliche Leben erstirbt. Kein Mensch bewegt sich mehr auf den Straßen, Autos sind hier eh' selten zu sehen, abgesehen von der Tageszeit, wenn viele Leute zum Fischrestaurant kommen, sich auch Essen mitnehmen.
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Donnerstag, den 11. Juli: Byxelkrok (Öland)


Am Abend vor unserer Weiterfahrt nach Byxelkrok, dem letzten Hafen vor Gotland, zeigt sich ein Schwede von seiner häßlichen Seite: Obwohl die Box auf der Backbordseite mehr Platz bietet, quetscht er sich auf der Steuerbordseite zwischen einem deutschen Boot und uns. Folge: alle Leinen mussten gelöst und wieder neu gespannt werden, so dass sich nicht ständig die Fender "küssen" müssen. So kann er also auch sein, "der Schwede". Obwohl noch seine Frau ihm aufzeigte, wohin er steuern solle - auf einen Hinweis von Barbara, die schon am Steg stand - nein! es musste dieser Platz sein. Am nächsten Morgen wollte er sich wohl mit einem "Hey, hey" und freundlichem Grinsen für sein Verhalten am Vorabend entschuldigen, allein, einige Worte der Erklärung hätten es ja auch getan. Ich ließ ihn stehen, beachtete ihn nicht weiter und versuchte, das Ganze als Einzelfall stehen zu lassen. Worüber dann auch gesagt ist, dass an passender Stelle über "die Schweden" einge Worte fallen werden.

Nach Byxelkrok war es nicht weit, 17 Seemeilen, allerdings kein Wind, aber auch keine Welle. Wolken am Himmel, später einige Tröpfchen, aber nichts dramatisches. Die Selbststeuerung übernimmt weitgehend die Arbeit, nur kurz nach dem Hafen Sandvik und vor Byxelkrok muss ich selbst übernehmen. Eine Fähre kreuzt unseren Weg, wenige Schiffe sind unterwegs. Kein Tag zu Segeln, später schläft der Wind ganz ein.

Kurz vor halb zwei erreichen wir die Hafenmündung, an den Stegen und Molen alles voll! Hier wird wieder an Heckbojen angegelegt, erst beim 2. Versuch kommen wir in die Boxengasse rein, mit Hilfe freundlicher Schweden vom Nachbarschiff. Eingequetscht liegen wir zwischen den großen Kästen. Aber es wird noch enger: als gegen fünf Uhr nachmittags immer mehr Schiffe ankommen, bringt sie der agile Hafenmeister mit seiner Trillerpfeife gleich an den richtigen Platz. An unserem Steg werden alle zusammengedrückt, jedes Zentimeterchen wird ausgenutzt, um noch das eine oder andere Boot unterzubringen.

Das Wetter klart auf, einem freundlichen Abend mit stimmungsvollem Sonnenuntergang folgt ein sonniger Morgen. Der Tag ist ausgefüllt mit Einkaufen, Bericht schreiben, ein bisschen Aufräumen und Putzen. Vielleicht kommen wir am Sonntag weiter, wir brauchen einen Tag mit West- Süd- oder Nordwind, um nach Gotland zu kommen.


Sonntag, den 14. Juli: Byxelkrok

Weggekommen sind wir heute nicht, weil morgen besserer Wind ist. Sofern die Wettervorhersage eintrifft. Wir stützen uns meist auf den Windfinder, zusammen mit dem Zygrib-Programm bekommt man eine relativ sichere Prognose. Jedenfalls, morgen sollen Windstärke und -richtung besser passen, also bleiben wir noch einen  Tag hier.

In Byxelkrok liegt man "skin at skin", nur die Fender zwischen den Schiffen. Der oben erwähnte agile Hafenmeister mit der Trillerpfeife sorgt dafür. Dass der enge Kontakt zwischen den Booten nicht auch für einen engen Kontakt zwischen den Besatzungen sorgt, ist erstmal unverständlich. Wir sind von Schweden umgeben, gestern war ein Finne unser Nachbar. Er konnte gut Deutsch, es ergab sich eine längere Unterhaltung über Wohin und Woher, über Empfehlungen von Häfen und Strecken. Mit den Schweden kommt man im allgemeinen nicht ins Gespräch. Es ist schon viel, wenn sie morgens ihr "Hey, hey" über die Reling hören lassen, so bald Blickkontakt hergestellt ist. Dem weichen sie aus, wir sind mit dem kleinsten, ältesten Boot und dem kürzesten Mast sowieso sowas von nicht sichtbar. Die Yachten um uns herum sind auch in der Regel 10 bis 12 Meter lang, schwimmende Wohnungen, wir nur ein schwimmender Wohnwagen, vielleicht in den Augen der Schweden eher ein schwimmender Bauwagen. Es ist ja auch nicht Wohnwagen gleich Wohnwagen. Siehe die Niederländer. Und keines von diesen Booten ist älter als 10 Jahre, alles Schwarzgeld, würde man in Deutschland sagen. Bestimmt ist das hier nicht so, die reichen Schweden mit den fetten Motorbooten tragen ihren Reichtum gediegen und bescheiden zur Schau. Prolliges Geprotze findet man hier selten, eher so eine Mitteilung: Es ist nicht meine Schuld, dass du arm bist. Und das sind wir wohl mit unserer bald 40 Jahre alten "de Widzi". Immerhin, unser Nachbar, ein wohl inzwischen 80-jähriger, fragte nach dem Namen des Schiffes. Auch er konnte ganz gut Deutsch, vermutlich können viel mehr Deutsch, als sie zugeben. Immerhin soll das die beliebteste Fremdsprache in Schweden sein, nach Englisch als Pflichtfach.
 Aber jedesmal, wenn er ein Gespräch anfangen wollte oder sich eine Möglichkeit bot, wurde er von seiner Frau zurückgepfiffen. Wie er ein so großes Schiff - mindestens 12 Meter - handhaben kann, ist mir eh' ein Rätsel. Vermutlich alles elektrisch, von der Wasserpumpe bis zur Winsch.

Abends lieben es die Schweden, auf der Promenade spazieren zu gehen, d.h. auf der neuen Mole, an deren Fuß die Boote festgemacht sind. Und dann sitzen sie in der untergehenden Sonne, und lauschen mit den Augen dem Sonnenuntergang. Wenn man bedenkt, dass es in Schweden, dem 5. größten Land der Erde, ganze Provinzen gibt, die monatelang keine Sonne sehen, kann man das wohl verstehen. Für sie spielt die Sonne wohl eine ganz andere Rolle als für uns Mitteleuropäer, die wir ja auch im Winter mindestens einige Sonnenstunden haben. Aber hier ist es monatelang dunkel, d.h. tagsüber grau, mit Monaten voll Schnee und Kälte. Und da muss jeder Sonnenstrahl genossen werden, solange sie eben strahlt.

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Montag, den 15. Juli: Visby (Gotland)

Dass es ein langer Weg nach Visby sein würde, war uns schon klar, aber aus den 45 Seemeilen wurden dann dennoch 50 Seemeilen. Doch der Reihe nach: Früh aufgestanden, verlassen wir um halb neun den Hafen von Byxelkrok. Das Ablegen von der Heckboje klappt wunderbar, es war aber auch noch ganz windstill im Hafen. Nach den ersten Metern kommt das Großsegel hoch, auch die Genua wird ausgerollt. Aber der Wind reicht nicht: bei den 3 - 3,5 Knoten brauchen wir bis spät abends. Also machen wir den Jockel wieder an, kurz vor 9 Uhr, jetzt machen wir immerhin 5 5 -6 Knoten.Der Wind kommt direkt achterlich, das Vorsegel schlackert hin und her, w ir ziehen es später ein.
Kurz vor halb zehn sind wir um die Nordpitze von Öland vorbei, jetzt fahren wir strikt 60 ° Kurs auf Visby. So könnte es jetzt weitergehen, wenn da nicht diese Überraschungen wären. 10 Minuten nach 11 Uhr fährt der Motor auf einmal von selbst runter, wir erinnern uns an die Situation vor Darlowo letztes Jahr, wo vor der Flussmündung die Maschine ebenfalls von alleine runterfuhr. Dabei waren wir jetzt nicht besonders schnell gewesen, die üblichen 2250 Umdrehungen pro Minute. Ich nehme den Gashebel zurück, lasse die Maschine im Leerlauf, wir haben ja noch das Großsegel drauf, so dass wir Kurs halten können und fülle drei bis vier Liter Diesel nach. Also daran kann es nicht gelegen haben, eine Erklärung fällt uns nicht dazu ein. Danach lässt sich die Maschine wieder auf die gewohnte Drehzahl hochfahren, wie wenn nichts gewesen wäre: Überraschung Nr. 1

Ab 12 Uhr nimmt der Seegang und der Wind zu. Weil wir wissen, was auf uns zukommt - der Windfinder-App sei Dank! -  reffen wir das Großsegel um ein Reff. Der Seegang beträgt jetzt schon bis zu einem Meter, aber es wird noch mehr. Um halb eins rollen wir die Genua wieder auf, der Wind kommt jetzt raumschots von Steuerbord, wir fahren auf dem Backbordbug, dank des ersen Reffs ohne große Schräglage. Der Wind nimmt zu und wird mehr, jetzt sind es regelmäßig mindestens vier Beaufort, in Böen ein Bft mehr. Weiße Schaumkronen sind häufig zu sehen, der Seegang erreicht die eineinhalb-Meter-Grenze, soweit sich das für unser Auge überhaupt einschätzen lässt: von Wellenberg zu Wellental, manche Wellen sind auch kleiner. Die See schiebt uns mit den Wellen und der Dünung, wenn die Wogen unter dem Schiff durchrauschen, ist es backbbords richtig laut. Wenn die Böen richtig reinknallen, machen wir bis zu 7,7 Knoten, einmal sogar 8,1! Im Schnitt sind es immerhin mehr als sechs, so schnell waren wir noch nie. Unter uns 109 Meter Tiefe, das lässt ahnen, was wird, wenn die Tiefe abnimmt.

Kurz vor vier Uhr fängt es ein wenig an zu regnen, aber der Niederschlag hält sich in Grenzen. Da der Seegang jetzt schon recht heftig ist, zusammen mit dem Wind von 5 Bft, nehmen wir das Vorsegel rein. Gleich schlingert das Schiff weniger, ist aber auch langsamer. Um halb fünf machen wir die Maschine an und fahren in das Vorbecken von Visby. Bei gleich geringerem Seegang holen wir das Großsegel runter, dabei komme ich mit der Brille an das Segel und weg ist sie. Gerade in dem Moment, als uns ein Hafenmeister mit dem Schlauchboot empfängt, um uns in einen kleinen privaten Hafen des hiesigen Segelclubs zu geleiten. Schnell ist die Ersatzbrille gefunden, nach der heruntergefallenen zu suchen ist jetzt keine Zeit. Später findet sie Barbara unter dem Fender, dieser und das Netz haben sie davon abgehalten, ins Wasser zu fliegen. Niemals mehr ohne Bändsel, diesmal hatten wir es vergessen! Viertel vor fünf machen wir fest zwischen 2 Auslagern im Wisby Segelklub.

Dann kommt Überraschung Nr. 2: kein Strom. Was gar nicht geht, zumindest der Kühlschrank muss Elektrizität haben. Mit der Versorgungsbatterie ist das nicht allein zu machen. Alle Anschlüsse an der Stromsäule sind mit Schlössern zugesperrt. Also erstmal zum Hafenkontor, ein Weg von einer gefühlen halben Stunde. Dort kann ich zwar bezahlen, stolze 250 Kronen pro Nacht, für den Strom gibt es aber keine Lösung, weil es ja ein Privatklub ist. Aber wenigstens bekomme ich eine Telefonnummer. Von einem Clubmitglied, was mir weiterhelfen könnte. wenn es nicht gerade auf Urlaub in Amsterdam wäre. Aber das konnte die junge Dame an der Rezeption ja nicht wissen. Wie überhaupt dort das Arbeitsprinzip vorzuherrschen scheint: Das geht mich nichts an!!!! Auch der Hafenmeister, der uns an diesen Platz gelotst hat - immerhin ist der Hafen voll, es sollen Regattazeiten sein - kann uns nicht weiterhelfen. Er versucht uns immer wieder zu erklären, wie die Situation beschaffen ist - aber wir sind eben hartnäckig. Sture Deutsche, die ihren Strom wollen. "Ja, habt ihr denn Strom bezahlt?" "Nein, wie denn auch, wenn es gar keinen Strom gibt, für den die Hafenverwaltung zuständig ist." Am Schluss wird er fast richtig sauer, sowas hat er wohl noch nie erlebt. Eine Telefonnummer des Klubs hat er auch nicht. Wer weiß, was da für Kungelgeschäfte laufen. Unsere Fragerei bei den wenigen Nachbarn, die an Bord ihrer Schiffe sind, hilft auch nicht weiter. Auch einen Doppelstecker hat keiner. Im Clubhaus ist wenigstens eine Telefonnummer angebracht, aber die angerufene Mailbox meldet sich später und sagt mir, dass sie/er kein Englisch könne. Lediglich ein Clubmitglied, das ich abpasse, als es aus dem Waschraum kommt, versteht das Problem und nimmt sich seiner Lösung an. Er kontrolliert erst - nach einem Anruf bei einem wohl Zuständigen - ob man irgendwie vom Inneren der Stromsäulen an einen Anschluss herankommt, was aber nicht der Fall ist. Dann kommt er eine Viertelstunde später wieder und kann ein Schloss aufschließen. Nach über zwei Stunden hin und her und Lauferei und reden auf Englisch im Nieselregen haben wir endlich Strom, zwar für 50 Kronen die Nacht, das sind fast 5 Euro, aber immerhin.
Dafür haben wir jetzt einen ruhigen Liegeplatz, nur hin und wieder etwas Störung und Lärm durch die großen Fähren am benachbarten Anleger, aber der an Leba erinnernde Lärm und das Remmi-Demmi aus dem Innenhafen erreicht uns nur von Fern.

Später am Abend - es ist schon etwas dunkel, vor lauter Wolken und Regen ist keine Sonne in Sicht - füllt sich das Hafenbecken mit schaumigem Abwasser aus einer Zuleitung, die direkt ins Becken führt. Mindestens eine halbe Stunde hat jemand aus einer Kläranlage oder einem Abwasserbecken die Schleusen geöffnet, die schaumige Brühe rauscht an uns vorüber, immer wieder mit kleinen Schaumbergen verziert. Als wir bei der Einfahrt in den Hafen die ersten Schauminseln sahen, hatten wir noch die Fähren im Verdacht, ihr Abwasser ungeklärt ins Hafenbecken abzulassen. Jetzt sehen wir, dass es nicht von denen kommt. Irgendeine private oder kommunale Einrichtung hat das zugelassen oder zu verantworten. Es sieht aus, wie wenn das Hafenwasser mit Schnee bedeckt wäre. Die sauberen Schweden!

Mittwoch, den 17. Juli
Nach dem ersten üblichen Ausruhtag gehörte der Dienstag dem Auffrischen der Vorräte. Mittels des Stadtplans orientiere ich mich, wie ich von der Hafen-Reception in die Innenstadt komme. Nach den ersten Metern geht es ziemlich lange begauf, das Rad schiebend, auf Kopfsteinpflaster, vorbei an Unmengen von Touristen, die sich durch die engen Gassen wälzen. Der Besucherstrom wird links und rechts eingezwängt von Esslokalen, Cafes, Boutiquen und all den Krims-Krams-Läden, die man aus den Touri-Orten kennt. Visby hat 24.000 Einwohner, das fünffache an Besuchern füllt die Stadt jährlich bis an ihre Grenzen an. Wenn man bedenkt, dass in der Hauptsaison Juli-August die meisten Touristen kommen, kann man sich die Massen an Touristen vorstellen. Wir, die wir am letzten Hafen vor den Fähr-Terminals liegen, sehen jeden Tag den Strom an Menschen, der die Insel neu betritt oder verlässt.

Endlich habe ich den Österport erreicht - die Altstadt liegt ja ganz einschlossen von der malerischen, gut erhaltenen Stadtmauer, immer wieder unterbrochen von Stadttoren -  jetzt liegt das ganze neue Einkaufsparadies Visbys vor mir. Klamottenläden ohne Ende, Schmuck, Elektronik, Handy-Firmen, dazwischen Lokale, Lokale, aus jeder Himmelsrichtung, und wieder Unmengen von Menschen, die nicht aus Visby sind. Ich frage einen Polizisten, wo denn ein Supermarkt wäre. Er zeigt mir den ICA-Markt auf der Karte und wie ich dahin komme. Nach einigen Minuten bin ich dort, das Angebot wie zuhause, nur um einiges teurer.

Am nächsten Tag wiederholt sich die Einkauferei. Unsere Soda-Stream-Gasflaschen gehen zu Ende, wir brauchen einen speziellen Verteiler-Stecker und einiges anderes. Auf den Verteiler hat uns ein Finne gebracht: Er, dessen Maschine auf dem Weg von Finnland auf der Ostsee ausgefallen ist, braucht dringend Strom. Er hat diesen Adapter, der in meiner Sammlung noch fehlt und will unsere Steckdose an der Stromsäule mitbenutzen. Darüber ergibt sich ein längeres Gespräch, über Diesel und speziell Bio-Diesel, die Diesel-Pest, was man dagegen tun kann und seine/unsere Reise nach Gotland. Interessanter Typ, sehr freundlich und dankbar, dass wir ihm so unkompliziert geholfen haben. Einschließlich der Tatsache, dass es ohne Strom nachts verdammt kalt ist - heute mal wieder 9 °C - und dass Boote, die länger unterwegs sind, auch häufig eine Heizung und einen Kühlschrank haben.

Zwischendurch sehen wir immer wieder mal den freundlichen Hafenmeister vom Vortag - allein mit uns will er keinen Kontakt mehr haben. Wir sind ihm wohl mit unserer Meckerei und Hartnäckigkeit nicht an's Herz gewachsen.

Auf dem Weg zur Reception, dem Hafenkontor, in dem man die Liegegebühr bezahlt - stolze 250 SEK pro Tag ohne Strom - komme ich an einer Freilicht/-luft-Disco vorbei. Auf vielleicht 150 Quadratmetern zappeln junge Menschen im Takt der House-Musik, die bis spät abends auch noch uns erreicht. Dazwischen blasen Nebelkanonen immer wieder ihre Sprühfontänen auf die Tanzenden herab, wohl zur Erfrischung. Für die Schweden, habe ich gelesen, bedeuten 20 °C bereits Hochsommer. Von dieser Klassifizierung sind wir persönlich noch weit entfernt. Aber die nächsten Tage soll es sogar so warm werden, na, wenn das dann nicht eine Spitzentemperatur ist!
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Sonntag, den 21. Juli: Lickershamn (Gotland)

Diese Fahrt war eine der kürzeren auf unserer Gotland-Reise: Etwas mehr als dreieinhalb Stunden für die 16 Seemeilen, leider nur eine Stunde Segeln, dann schlief der Wind ein.
Wir hattten genug von Visby, dem mittelalterlichen Städtchen mit der bewegten Geschichte, aber auch dem Lärm der Disco für die reichen und schönen Jugendlichen aus Stockholm, die auf den weiß bezogenen Polstermöbeln der Wohnschiffe ihrer Eltern die Ferien in Visby verbrachten, mit Party von morgens bis abends, und von den Fähren, die alle paar Stunden neben uns lagen, die Generatoren auch bei Nacht auf vollen Touren, an Schlaf war nur zu denken, wenn die Vorschiffluke ganz dicht war. Visby war einfach laut, also brauchten wir etwas Stilleres, und hier in Lickershamn ist wohl der Ort, an dem sich Hase und Fuchs um sechs Uhr Abends Gute Nacht sagen.

Kaum angekommen, fing es auch schon an zu tröpfeln, die Kuchenbude war jedoch gut vorbereitet, so dass wir nach fünf Minuten ein trockenes Dach über unseren Köpfen hatten. Es regnet sich ein, die nächsten Tage soll es weiter Naß von oben geben und wir wollen noch in den Kräutergarten bei Själsö und in die Tropfsteinhöhlen.

Die Tage vergehen in Lickershamn wie im Fluge. Sonntag angekommen, wird nach dem obligatorischen Ausruhtag am Dienstag eingekauft. In Lickershamn gibt es ein Restaurant und eine Bude mit Räucherfisch, bei der wir unser Abendessen am Montag bestritten haben: Räucherlachs. War allerdings etwas sehr fettig. Am Dienstag also Einkaufstag, mit dem Rad ins vier Kilometer entfernte Dorf Garde, immer die Hauptstraße nach Visby entlang. Vorbei an Wiesen und Wäldern, vereinzelten Anwesen und Höfen. Wenig Menschen sind zu sehen, viel Natur, und viele Autos, die auf dem Weg nach Visby sind oder von dort kommen.

In Garde dann der Supermarkt, gut ausgestattet, mit allem was wir für die Versorgung an frischen Lebensmitteln brauchen. Und diesmal zurück - bergab mit Rückenwind. War wesentlich angenehmer als der Hinweg!

Gestern, am Mittwoch, war es der bisher wärmste Tag auf unserer Reise, soweit es Schweden betrifft: 23 °C! Für schwedische Verhältnisse schon extrem. Die Blaualgen reagieren mit einer Wachstumsexplosion im Hafenbecken und am gegenüberliegenden Strand. Man kann förmlich zusehen, wie sie wachsen. Das Hafenbecken sieht aus wie kaltgewordenen Erbsensuppe: grün und unbeweglich. Der schwache Wind tut sein übriges, das Wasser wie festgefroren erscheinen zu lassen. Von den fröhlichen Kinderstimmen vom gegenüberliegenden Strand ist nichts mehr zu hören: kein Mensch geht freiwillig in diese giftige Suppe rein. Blaualgen lösen Hautreizungen aus und wenn man sie schluckt, reagiert der Körper mit Übelkeit. Also nicht gesund! Die auf Schlaubooten umherfahrenden Kinder sind ebenfalls verschwunden. Das ganze Schauspiel aber ein Hinweis, wie eutrophiert das Wasser an der Küste Gotlands ist. Es ist richtig still hier, die Menschen verziehen sich vom Strand weg, die wenigen Camper verlassen mit ihren Wohnmobilen den Hafen. Lickershamn wird still. Auch einige Boote verlassen den Ort, jetzt wird es einige Tage dauern, bis die Algenpest vorbei ist. Dafür belohnt uns die Natur mit einem selten schönen Sonnenuntergang.

Nachts bläst aufkommender Wind einen Teil des Algenteppichs aus dem Hafenbecken. Und heute, am Donnerstag, wiederholt sich das Ganze: diesmal mit einem Grad Celsius mehr. Am Abend steht die festgefrorene Suppe wieder im Hafen, wobei die Schicht von gestern schon absinkt. Auch heute geht niemand ins Wasser, den Badetag an diesem Strand können wir wohl vergessen.

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Sonntag, den 28. Juli: Farösund / Gotland

Die letzten Tage in Lickershamn waren einerseits sehr schön vom Wetter: den ganzen Tag Sonnenschein, die Temperaturen bis 25 °C, dazu etwas Wind, aber die Algenplage steigerte sich noch: Nach der tagelangen Explosion der Wachstumskurve fiel der Algenteppich in sein Verfallsstadium. Die dabei freigesetzten Gase waren nicht auszuhalten, wenn man an ihnen vorbei gehen musse. Vor allem im flachen Teil des Hafen, wo die Slipanlage ins Wasser führte, bildete sich ein Schlammpfuhl größeren Ausmaßes mit entsprechender Gas- und Geruchsbildung.

Wir hatten genug, und deswegen ging es weiter, nördlich, zum Farösund und zur Stadt Farö. Vorräte mussten aufgefüllt werden und so allmählich winkte auch der Rückweg. Lauterhorn wären wir gerne angelaufen, allein die Versorgungsmöglichkeiten hielten uns davon ab.

Die nächsten sechs Stunden konnten wir wenigstens eine Stunde segeln, bevor der Wind genau von vorne kam. Auch als wir am nördlichsten Punkt - 57° 56,505' N - nach Westen drehten, um auf 90°-Kurs den Sund anzusteuern, wurde es nicht besser. Immerhin war der Wind angenehm, das Meer  nicht zu stark aufgewühlt und so arbeitete sich die Maschine mit knapp 5 Knoten dem Ziele zu.

Der Sund selbst wirkte eher wie ein breiter Fluss, Häuser und Siedlungen zu beiden Seiten und dann Farösund, erkenntlich an den ständig hin und her querenden Fähren im 5-Minuten-Takt.
Den zuerst angesteuerten privaten Hafen, der dritte in einer Reihe, Farösunds Botklubb, konnten wir nach einer kurzen Rundfahrt gleich vergessen. Keine freien Plätze, wenige rote Schilder, von den man nicht wußte, wann die Besitzer wieder zurückkamen. Also wieder sundaufwärts zur Farösunds Marina. Auf den ersten Blick akzeptabel, immerhin gab es längsseits am Steg noch Plätze. Die Feinheiten stellten sich erst nach und nach heraus: Kein Hafenmeister, kein Bezahlautomat, der private Besitzer des privaten Hafens - immerhin schmückt er sich mit dem Namen der Stadt - nur per Handy-Nummer erreichbar, dahinter ein schwedischer Anrufbeantworter. Und auf dem Schild mit den Telefonnummern stand." Price for one boat up to 50 feet 300 sek/day." Wir verstanden es anders herum: nicht "bis 50 Fuß", sondern "ab 50 Fuß", wohl ein Irrtum. Als am nächsten Mittag der Hafenmeister kam und mit mobilem Bezahlgerät seine 600 SEk wollte für die 2 Nächte, waren wir doch bass erstaunt. Für diesen maroden Hafen 300 SEK, soviel wie in Visby, obwohl:
- gerade mal Strom an den umlaufenden Stegen, aber kein Wasser
- ein Wasserschlauch für den ganzen Hafen im Abstand von mindestens 40 Metern
- kein warmes Wasser in den drei ziemlich unsauberen WC-Wasch-Kabinen
- kein WIFI oder WLAN
- die Stege in einem Zustand, bei dem jeder Schritt von der Frage begleitet wurde: wann breche ich ein?
- und ständig bis spät in die Nacht andauernder Dauerlärm der beiden Fähren.

Aber jetzt nochmals wechseln? Am Nachmittag kam ein weiterer Segler, legte kurz an, der Zustand wurde wohl als nicht einladend empfunden, drehte wieder ab in den Färosund Fiskehamn, wo die Fähren wechseln und kam nach 10 Minuten wieder zurück. Das sagt alles!

Eigentlich hätte uns die ganze Situation misstrauisch machen sollen: in allen Häfen bisher war um 15-16 Uhr meistens schon alles besetzt, man bekam die letzten Plätze. Hier: noch jede Menge Platz frei, im Fiskehamn ebenso. Warum das? Offensichtlich will keiner länger als notwendig bleiben und das heißt einen Tag zum Einkaufen.
Das haben wir jetzt heute auch erledigt und morgen geht es hoffentlich südwärts weiter.

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Mittwoch, den 31. Juli /Herrvik

Von Farösunds-Marina hatten wir genug, also weiter, den nächsten Hafen nach Slite. Da der Weg bis dorthin nur ca. 18 Seemeilen lang war, brauchen wir nicht zu früh aufstehen und konnten alles in Ruhe angehen, was morgens so zu machen ist: Fahrrad falten und eintüten, die Segel klarmachen, die Kuchenbude einrollen, Wasser tanken. Das alles sind Arbeiten, die Zeit benötigen, nicht in 5 Minuten erledigt sind. Allein Wassertanken: 50 Meter Schlauch ausrollen, reicht nicht bis zum Schiff, dann Verlängerungsschlauch anschließen, Hahn auf und Wasser marsch, bis der Tank voll ist, dauert ca. 10 Minuten.

Naja, endlich war alles fertig, die Bütterchen geschmiert und Viertel nach elf die Leinen gelöst. Bei bedecktem Himmel, Wind aus Nordwest Stärke 3-4 Bft, etwas Wellengang, aber kein Regen, geht es erstmal den Sund südwärts bis zum Ausgang. Um halb eins erreichen wir dann die offene See, hier schon ein Seegang mit Dünung von bis zu einem Meter, nach dem tagelangen Nordostwind.

Bereits im Sund kommt das Vorsegel raus, mit dem Groß warten wir noch bis zu offenen See, d.h. eine knappe Stunde. Bei dem achterlichen Wind schlingert und rollt das Schiff hin und her, an die Automatik ist nicht zu denken, unten im Salon klappert es beständig. Ich bitte Barbara, nach unten zu gehen und das Klappern abzustellen. Sie bleibt länger unten als ihr gut tut: Nachdem sie wieder hochkommt, ist ihr schlecht und ihr Kreislauf macht zu schaffen. Das Geschaukel unten in der Kabine ist nicht lange auszuhalten, allein der Blick im Cockpit an den Horizont verschafft dem Gleichgewichtsorgan genügend Stabilität. Das hätte ich ihr sagen müssen, dachte aber selbst nicht daran, wie schnell es einem unten übel werden kann. Nach einigen Ingwer-Tabletten und Ruhe vezieht sich allmählich die Übelkeit, der Kreislauf stabilisiert sich wieder. Inzwischen sieht es unten in der Kabine aus wie bei Hempels unterm Sofa: alles durcheinandergeworfen, was auf den Sitzbänken lag und nicht gesichert war.

Gegen halb drei ziehen wir das Vorsegel rein, es ist nicht stabil zu halten. Nur wenige Grad Kursabweichung und sofort schlägt es auf die andere Seite. Den Großbaum haben wir mit dem Bullenstander gesichert, aber auch da gibt es öfters einen kräftigen Ruck durchs Gebälk, sprich Rigg.

Kurz vor 15 Uhr suchen wir die Einfahrt nach Slite, es geht zwischen Inseln und Schären durch, Tonnen suchen wir vergeblich. Auf einmal brandet auf unserem Kurs kurz vor uns, vielleicht 100 Meter, das Meer auf: Wellen brechen sich an unterirdischen Felsen, die wohl ziemlich nah an die Wasseroberfläche heranreichen. Auf der Karte war nichts vermerkt, auf dem GPS ebenso. Ich reiße das Steuer herum, bloß weg von hier, raus auf die offene See. Nach kurzer Debatte ändern wir das Ziel, nicht mein Stil, weil das vorgenommene Ziel auch immer ein mentaler Fixpunkt ist. Bevor wir jedoch irgendwo auf den Steinen auflaufen und uns der Kiel abgerissen wird - es handelt sich hier um riesíge Felsbrocken unter Wasser und nicht um Sandbänke - drehen wir lieber ab und suchen einen Hafen, dessen Einfahrt leichter zu finden ist. Also nach Herrvik, auch wenn es nochmals drei weitere Stunden sind, die wir bei 16 °C Lufttemperatur, Wellen von mittlerweile bis zu zwei Metern und Wind von drei Bft aushalten müssen. Inzwischen hat auch Barbara Regenkleidung angezogen, allein der Kälte wegen, ich schon ziemlich früh meinen Mantel.
Kurz nach drei machen wir die Maschine an, der Wind ist zu schwach allein für das Großsegel, wir haben noch einige Seemeilen vor uns, und so schlingern wir nach Süden, fast 180 ° und erreichen um viertel vor sechs Uhr den Vorhafen von Herrvik. Im Vorhafen können wir bei ruhigem Wasser endlich das Großsegel einziehen, der vorherige Versuch bei Wellengang war zum Scheitern verurteilt: Allein das Boot gegen den Wind zu richten verursachte eine Schaukelei größten Ausmaßes, vorne in der Schlafkabine wurde von den Seitenbänken alles runtergeworfen, was nicht durch die Gummileinen festgehalten war.

Kurz vor sechs machten wir endlich im hintersten Winkel des Hafen fest, neben einem kleinen Boot aus Ulan Bator. Und der Hamnkrog belohnte uns mit einem leckeren Essen und Live-Musik für die Mühen: sechseinhalb Stunden haben gebraucht für die letztlich dann 35 Seemeilen von Farösund Marina nach Herrvik.

Aus dem Logbuch: " Ein Höllenritt war's!" schreibt Barbara und zeichnet eine heftige Wellenlinie hin.

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Sonntag, den 4. August: Vändburg/Gotland

Für die 39 Seemeilen nach Vändburg sind wir früh aufgestanden. Um 8:00 die Leinen gelöst und durch "Klein-Darlowo" gefahren, so empfand ich die Hafenmündung, die mit ihrem Schwell und der Dünung Tage zuvor für Spannung sorgte. Aber heute morgen ging alles easy going. Dafür war dann auch aus dem angesagten Vierer-Wind nur noch Windstärke 3 geworden, zuwenig zum Segeln und zu lange die Überfahrt hinziehend. Also blieb der Jockel an, während der langen Fahrt an der Küste entlang, im sicheren Abstand zu Untiefen, Schären oder anderen Gefahrenpunkten. Überhaupt war uns das Wetter heute hold: die Sonne schien, aber nicht zu knallig, wir konnten zweimal ausgedehnte Sonnenbäder für kurze Zeit machen, es gab viele Wolken, aber nur am Ende drei Regentropfen und auch der Seegang wurde immer geringer, je näher wir Vändburg kamen.
Gegen Mittag nahm die Wolkendecke dann zu, hinter uns wurde es schwarz am Himmel, aber es regnete nicht. Kleidung hatten wir bereit gelegt für den Fall der Fälle, der nicht eintrat. Ein groß Teil der Arbeit erledigte der Pinnenpilot.

Gegen Mittag tauchten dann am gegenüberliegenden Ufer große Rauchwolken auf: bei Grötlingsboudal brannte irgendwas, vielleicht eine Fabrik, oder ein Waldbrand. Jedenfalls die Rauchwolke war imposant und so schnell sie gekommen war, so schnell verschwand sie auch wieder.
Nach sieben Stunden zwanzig Minuten hatten wir den Neuen Hafen von Vändburg erreicht, nur für Segler eingerichet. In den drei Hafenbecken lagen insgesamt fünf Schiffe, auch ein Rettungskreuzer der Schwedischen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger war da. Längs am Kai wurde festgemacht, wie auch in anderen Häfen sind die Piers mit LKW-Reifen abgefedert. Gibt schöne schwarze Streifen auf der Bordwand!
Rings um uns herum eine malerische Kulisse aus Felsen, Sträuchern und Bäumen, dazu die absolute Stille, nur gestört vom konstanten Surren eines Ventilators aus dem Hafengebäude. Bezahlautomat gab es keinen, dafür eine Mobil-Nummer und die Hafenmeisterin kam während des Abendessen. Hier geht nur cash, und da wir nicht so viel schwedisches Geld hatten, konnten wir auch in Euro bezahlen. Für die Schweden zu einem sehr guten Kurs. Aber egal, die Ruhe und Einsamkeit hier kostet eben auch etwas.
A Propos Ruhe und Einsamkeit: Auf dem Weg hierher haben wir 2 Segler gesehen. Gestern in Herrvik waren auch nur maximal vier Boote im Hafen. Die Saison ist vorbei, der Hafenmeister sprach von Mitte August. Deswegen auch der leere Hafen hier. Versorgung gibt es keine außer Strom am Steg und einem langen Wasserschlauch am Hafenkontor, das nächste Geschäft soll drei Kilometer weit weg sein. Die Hafenmeisterin hat aber angeboten, am Dienstag mit nach Burgsviken fahren zu können, dem nächsten größeren Ort. Aber wahrscheinlich fahren wir da selbst hin, weil es von dort an die Ostküste nach Öland nicht so weit wird.

Am Nachmittag versuche ich, Wasser zu tanken. Der Schlauch am Hafenkontor ist zu kurz und hat einen weiteren Durchmesser, als der eigene. Also muss das Schiff um ein paar Meter bewegt werden. Dann stellt sich heraus, dass es trotz längerem Laufenlassen leicht grünlich-gelb gefärbt ist und trotzdem klar aussieht. Da ist es schon zu spät, der Hauptwassertank ist voll. Haben wir jetzt mit Grünalgen kontaminiertes Wasser im Tank? Die sich dort rasant vermehren? Später beruhigt uns die Hafenmeisterin: zu Hause hätten sie dasselbe Wasser, ebenfalls leicht grün-gelb gefärbt. Das läge an irgendwelchen Bodenschichten, durch die das Wasser in die Brunnen gelänge. Ob das wohl stimmt? Wir können es nur glauben und nächstemal Wasser tanken, das auch wirklich klar aussieht. Ob da dann was drin ist und nicht hineingehört, können wir ebenso wenig wissen.


Abends bekomme ich aus dem Internet die Info, dass die Gelb-Grünfärbung von Huminsäuren kommt, die von irgendwelchen abgestorbenen Lebewesen aus dem Boden stammen. Naja, abgestorbene Lebewesen gab es hier genug -  vor 300 Millionen Jahren in der Kreidezeit. Auf jeden Fall soll das Wasser nicht gesundheitsgefährdend sein und das ist doch schon was. Also Entwarnung auf der ganzen Linie!

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Dienstag, den 6. August: Burgsvik/Gotland

Da uns jetzt frische Lebensmittel knapp werden und ja auch die Heimreise ansteht, entschließen wir uns, heute weiterzufahren nach Burgsvik, einem Hafen mit dem "sehr spröden Charme" einer ehemaligen Verladepier für Kalksteinplatten (Delius-Klasing). Das Wetter ist uns hold, die Sonne scheint, es ist mit ca. 18-19 °C geradezu warm, allein der Wind tut nicht das, was wir wollen. Also erstmal zwei Stunden gegen Wind und Welle aus Südwest anmotoren, unsere Richtung, dann um den südlichsten Punkt Gotlands herum und dann können wir segeln, wenn auch nur eine halbe Stunde, weil die frische Brise zum lauen Lüftchen verkommt. Vorsegel wieder rein, aus Kenntnis der Lage hatte ich das Großsegel gar nicht vorbereitet.

Nach knapp fünf Stunden haben wir 22 Seemeilen gemacht und liegen am obig erwähnten Betonpier an, das mittlerweile wenigstens eine Holzverschalung hat. Ein LKW-Reifen dient uns als Ausstieg. Die bei Clausen und Delius-Klasing angegebenen Versorgungsmöglichkeiten eines Hafen-Restaurants oder Kiosk suche ich vergeblich, immerhin gibt es eine mobile Verteilerstation für Strom und eine Stelle, wo man Wasser zapfen kann, wenn man denn genug nahe am Zapfhahn sitzt. Das "Värdshuset Guldkaggen" hat geschlossen, erst im mindestens 1 Kilometer entfernten Dorf, so denn man diese Verteilung der Häuser nennen kann, gibt es einen Supermarkt, eine Tankstelle und mindestens ein Restaurant.

Überhaupt die Entfernungsangaben in der Reiseliteratur scheinen mir sehr geschönt zu sein. Da werden aus vier Kilometern schnell mal zwei und aus zwei nur noch ein Kilometer, das sind normalerweise 12 Minuten zu laufen bei normaler Schrittgeschwindigkeit. Wenn ich mit dem Fahrrad ohne Rennfahrer-Allüren - es ist ein Klapprad!!! - schon über 10 Minuten brauche, dann können diese Kilometer-Angaben nicht stimmen. Warum? Soll das Beschönigen die Leute dazu verlocken, diese Häfen anzulaufen, auch wenn da nichts los ist? Fragen über Fragen!
 Später kommt noch ein schwedisches Paar mit zwei Hunden, die gestern abend auch in Vändburg angelandet sind. Sie müssen nach Stockholm, auch noch eine ganz schöne Strecke.
Barbara kocht noch in Ermangelung eines Hafenrestaurants ein leckeres Abendessen, dann geht es voraussichtlich am Donnerstag weiter.
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07.08.2019

 
Donnerstag, den 08. August: Byxelkrok

In Erwartung der mehrere Tage dauernden Starkwindphase mit Windstärken bis zu 7 Bft und angesichts der Tatsache, dass die ostwärtsgelegenen Häfen außer Böda und Karehamn keine sicheren Häfen darstellten - laut Begleitheft von Delius-Klasing - änderten wir unseren urspünglichen Plan: wir wollten eigentlich Bläsinge(hamn) anlaufen, um von da aus die Südspitze Ölands umrundend erstmal wieder in Grönhögen festzumachen.  Aber Bläsinge mit den 1,5 m Wassertiefe und der Warnung, dass der Wasserstand plus/minus sich um einen halben Meter ändern könnte, ließ uns von diesem Hafen Abstand nehmen. Da blieb dann doch nur die Nordroute, d.h. von der Ostseite Ölands über die Nordspitze wieder auf die Westseite zu kommen. Und Böda wäre der nördlichste Hafen gewesen, mit 40 Seemeilen Distanz. Allein, der Weg von Böda über Norre Udde nach Byxelkrok mit 23 Seemeilen veranlasste uns dazu, gleich nach Byxelkrok zu fahren: 51 Seemeilen in zehneinhalb Stunden, weiß Gott wieder einmal eine Tour, die alles forderte.

Und dabei fing alles harmlos an: mit der üblichen Abfahrtszeit um 10 Uhr - die Häfen sind ja jetzt nicht mehr so voll, also muss man auch nicht um 15 Uhr nachmittags da sein - legten wir vom Hafen mit dem "spröden Charme eines Betonpiers" ab und mussten erstmal gegen Wind und Welle anfahren, bis wir das Windparkfeld nordwestlich von Burgvik umrundet hatten. Zum Glück war der Wind nur 2-3 Bft, die Sonne schien, es war 19 °C warm und wenn nicht die Schaukelei gegen die von vorne ankommenden Wellen gewesen wäe, hätte uns das auch gefallen können. Erst als wir aus dem Windparkfeld heraus waren und ein Kurs von 300 ° anlag, wurde das besser.
Gegen halb drei, als es sich zu segeln lohnte, rollten wir das Vorsegel auf, mit Motorunterstützung machen wir jetzt zwischen 5 und 6 Knoten. Das eine Stunde später gehisste Großsegel tat sein Übriges dazu, mit einer aktzeptablen Geschwindigkeit voranzukommen. Es lagen ja immerhin noch einige Stunden vor uns! Mittlerweile hatte auch der Wind zugenommen, vier Bft war jetzt die Regel, und das hielt sich immerhin bis kurz vor fünf Uhr. So konnten wir immerhin fast eineinhalb Stunden segeln, bevor der Wind immer mehr wegbrach. Dann musste wieder der Jockel ran und er tat brav seine Dienste, keine Mucken. Es wurde ruhiger und ruhiger, die Wasseroberfläche fast ölig, bis wir gegen 19 Uhr Norre Udde erreichten, und der Kurs jetzt gegen West ging. Ab diesem Zeitpunkt nahm der Wind wieder zu, die Welle nahm zu und das Schiff musste gegen Wind und Welle ankämpfen. Nach der Umrundung der Nordpitze wurde diese Art des Fahrens immer mühseliger: von Minute zu Minute baute sich der Wind immer mehr auf, und aus den längeren Dünungswellen auf der freien Ostsee wurden kurze und harte, steile Wellen im flacheren Kalmarsund, den wir ja inzwischen erreicht hatten. Auf und ab, mal die Wogen durchschneidend, dann wieder gepackt und hochgeworfen, es waren die letzten eineinhalb Stunden mal wieder die reinste Schiffschaukelei im ursprünglichsten Sinne des Wortes.
Gegen viertel nach acht kommt endlich der Hafen von Byxelkrok in Sicht, jetzt nur noch durch die Tonnenreihe und den Hafen ansteuern. Aber selbst im Hafenbecken bläst der Wind so heftig, dass wir zwar die Heckboje erwischen, aber vorne wieder abgetrieben werden. Einige Segler warten am Pier, und haben ordentliche Mühe, uns an die richtige Position zu ziehen. Fast zehneinhalb Stunden waren wir unterwegs, und der Rest der Strecke war doppelt so anstrengend wie der Teil davor.
Nachdem die Leinen klar sind, Strom gelegt und das Großsegel notdürftig vertäut ist, gehen wir essen im nahe gelegenen Lokal, das noch geöffnet hat. Keiner hat mehr Lust zu kochen oder zu spülen.
Ein langer Tag geht zu Ende, aber wir haben jetzt einen sicheren Hafen vor den Starkwindtagen mit allen Versorgungsmöglichkeiten und sind besser dran als in Bläsinge, auch wenn der Weg vielleicht insgesamt länger geworden ist.

Starkwindtage in Byxelkrok

Seit Tagen bläst der Wind aus Südwest, mal etwas mehr aus Süd, mit einer Stärke von 5 bis 7 Bft. Die Wellen und die Dünung aus der Ostsee treiben ins Hafenbecken und bringen die wenigen Segelschiffe zum Schaukeln, mal sanft wiegend, mal hart und ruppig. Selbst im Wasser hinter den beiden Molen brechen die Wellen, kleine Schaumkronen entstehen, mitunter prallt das Nass hart gegen den Schiffsrumpf.
In der Takelage pfeift der Wind, die Flaggen und Leinen peitschen gegen die Wanten. Auch die Radarboje an der oberen Steuerbordsaling bringt die Wante zum Singen, und es bleibt nichts anderes übrig, als sich mit den Geräuschen zu arrangieren. Kleine Pausen zwischen den Böen vermitteln die Hoffnung, dass das Gebläse endlich abnehme, allein es bleibt bei der Aussicht, der Wind nimmt auf unsere Wünsche keine Rücksicht.
Draußen, im Sund, mehren sich die Schaumkronen auf den Wellen, lange Schaumstreifen entstehen, untrügliche Anzeiger für die Windstärke. Man möchte jetzt nicht draußen sein und freut sich über die relative Ruhe im Hafen. Immer wieder kehrt der Blick zur Hafenöffnung, ob es einer wagt, von See zu kommen, die Gefahren der Segelei auf sich nehmend. Aber es sind nur wenige, die von Süden hier her fahren, die von Norden bleiben allemal dort, wo sie sind. Und wenn sie denn hereinkommen, zeigt der auf dem Wasser tanzende Schiffsrumpf, wie sehr Wind und Welle ein Boot im Griff haben, ob sieben oder zwölf Meter lang.
Zum Glück sind wir nicht mehr auf der Westseite von Gotland, hier prallt die ganze Wucht der Luftmassen ungebremst auf die Küste. Und im Vergleich zu Burgsvik bietet Byxelkrok doch mehr an Versorgung, Komfort und Sicherheit. So genießen wir die Sonne, wenn sie denn scheint, gehen spazieren und Eis essen, und warten darauf, dass wir morgen weiterkönnen. Es liegt noch ein langer Weg vor uns, der nicht unbedingt ein Spaziergang ist.

Kleine Steine im Weg
Alles war fertig für die Weiterfahrt nach Borgholm am Dienstag, den 13. August. Aber es sollte nicht sein, vielleicht weil es der 13. war, vielleicht auch aus einem anderen unbekannten Grund. Jedenfalls waren wir rechtzeitig aufgestanden für die 6-7 Stunden-Fahrt gegen Wind und Welle bei Windstärke 3 bis 4, die Bütterchen waren geschmiert, die Kuchenbude zusammengefaltet, der Tank voll, das Trinkwasser vorbereitet und innen das Schiff schaukelfest aufgeräumt. Besprechung vor dem Ablegen, wie wir es machen wollen bei Windstärke vier und seitlichem Wind, die einzelnen Schritte und Handlungsfolgen. Und dann der Griff zum Anlasser: Strom anstellen, vorglühen und Anlasser drücken: NICHTS!!! Kein Mucks kam von der Maschine. Unglaubiges Erstaunen, noch vor wenigen Tagen lief die Maschinen ohne einen Mucks, ein Vorbild an Zuverlässigkeit.

Jetzt Action: erst der Gang zum Hafenmeister, ob er einen Mechaniker an der Hand hätte, der helfen könne. Ja, er hatte eine Karte mit einem Mechaniker-Betrieb, für Bootsmotoren, aber ans Telefon ging keiner ran. Dann Action Nr. 2: Handbuch herausgeholt: Kapitel Fehlersuche und warum die Maschine nicht startet. Ergebniss: Alles zu kompliziert. Mit einem Tunnelblick lässt sich kein Text erfassen. Wir wollten ja weg, und zwar nicht erst zwei Stunden später. Dann der zweite Gang zum Hafenmeister: ob er nicht eine andere Adresse hätte oder eine andere Nummer, da ginge keiner ran. Auch der Hafenmeister scheiterte an der Nichtanwesenheit des Mechanikers. Wieder Beratung, inzwischen war auch das Stromkabel wieder angeschlossen, die Kuchenbude aufgebaut, die Ventile in der Toilette und Spülbecken wieder geöffnet. Mittlerweile war wenigstens eines drei Lichter zu erkennen, wenn der Strom für die Maschine angestellt wird, aber außer einem müden "klack, klack" kam nichts. Dann der Gang ins Internet: Zum Glück funktioniert das WLAN in Byxelkrok ganz ausgezeichnet. Die Suche nach "Volvo Penta", "Händler auf Öland", "Reparaturen" und andere Stichwörter ergab nur Müll: von Ferienwohnungen bis zu Volvo Penta, immerhin einer schwedischen Firma, ergab nicht einmal eine brauchbare Telefonnummer. So ist das mit dem Netz der Netze: Wenn man dringend was sucht, bekommt man nichts gescheites. Zumal ja da auch noch die Sprachhürde, die schwedischen Sonderzeichen Steine in den Weg legten. Inzwischen meldet sich der zigmal angerufene Mechaniker: er sei in den Ferien und könnte erst nächste Woche helfen. Na dann!

Dann zum dritten Mal der Gang zum Hafenmeister, er müsse doch helfen, dafür werde er doch bezahlt, so unsere Meinung. Aber der war inzwischen auf Tauchstation, sprich Mittagspause. Beim Gang zwischen den Buden im Hafen kommen wir an einem anderen Kai an einem Fischerkahn vorbei, wo ein Mann Schweißerarbeiten ausführt, sein Sohn hilft ihm dabei. Wir erklären ihm unsere Not, er ist bereit zu helfen und schickt uns seinen Sohn mit aufs Boot. Der, noch ganz jung, mit einem freundlichen Grinsen im Gesicht, schaut sich die Sache an und versucht am Anlasser, irgendwo den Stromkreis zu unterbrechen. Auch er erhält außer einem kurzen hellen Gekreische keinen vernünftigen Ton, wie ein Anlasser eben klingen solle, wenn er richtig läuft. Inzwischen ist ja die Batterie noch voller, also muss es irgendwas damit zu tun haben. Mit seiner Meinung, es liegt am Anlasser, geht er zu seinem Vater, der sich das Geräusch gar nicht mehr anhört, als er auch auf das Schiff kommt. Das Stichwort Anlasser genügt ihm und Vater und Sohn versuchen nun mit Erfahrung und iPhone Hilfe zu holen, rufen hier an, rufen dort an und am Ende haben wir auch eine Nummer, bei der wir anderntags vielleicht weiterkommen könnten.

Es ist nach ein Uhr, die ganze Sache hat jetzt fast drei Stunden gedauert, zum Dank für die selbstlose Hilfe der beiden Schweden laufe ich nochmal zu ihrer Arbeitsstelle und will ihnen Geld geben, was sie entrüstet abweisen. Kurze Zeit später ist Barbara mit einer Flasche Rotwein erfolgreicher. SO haben wir die Schweden bisher nicht erlebt, es gibt also auch andere!

Bei Zusammenräumen der Werkzeuge und Utensilien, die bisher benötigt wurden, fällt mir auf, dass der 2. Stromhauptschalter nicht eingeschaltet ist. Beim Einräumen des Staubsaugers gestern bin ich wohl drangekommen, jedenfall ist er auf "Aus" geschaltet. Ein leiser Verdacht kommt mir hoch, ein kleines Hoffnungspflänzlein keimt auf. Wenn es daran gelegen hätte? Ein Versuch ist es wert, also nochmals den Strom eingeschaltet und START gedrückt. Wie eine Eins springt der Motor an! Ungläubiges und erleichtertes Staunen zum 2. Mal. Was für ein Horror: die ganze Aktion nur dafür, weil ein Hauptschalter aus Versehen ausgemacht war.
Wir sind fertig und legen uns erst mal hin, für heute ist es zu spät und morgen ist auch noch ein Tag, mit dem gleichen Wetter wie heute. Na, jetzt kann ja nichts mehr schief gehen.
Was lernen wir daraus: Wenn eine Maschine an einem Tag funktioniert und an einem anderen Tag nicht mehr, liegt es wohl seltenst daran, dass von alleine etwas kaputt gegangen ist oder sich verändert hat. Menschliche Aktivität ist der Schlüssel, in diesem Fall das Umklappen des Hauptschalters, wenn auch aus Versehen. Kleine Ursache, große Wirkung.
13.08.2019

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Mittwoch, den 14. August: Sandvik/Öland

Nach dem Malheur gestern war es heute endlich an der Zeit, nach Borgholm/Öland zu fahren. Und das Wetter wollte wohl mitspielen, jedenfalls nach den Daten des Windfinders - Windstärke vier, in Böen fünf, aus Südwest, zwischendrin mal etwas weniger, gegen vierzehn Uhr auf West drehend. Verwirrend die Daten auf dem Superforecast: da war von drei die Rede und fast Westrichtung.
Jedenfalls, nachdem wir Byxelkrok erfolgreich verlassen hatten - bei Seitenwind half die Ein-Leinen-Technik von Duncan Wells - ging es erst mal holter die polter Welle auf und Welle ab. Bis wir einigermaßen Abstand von der Küste hatten und jetzt mit ca. 210 ° parallel nach Süden touren konnten. Aber es kam wie gewohnt anders als gedacht: unser kurzer Segelversuch ab 11 Uhr mit der Genua währte gerade mal eine Stunde, mit Motorunterstützung, sonst wäre es mit Kurs hart am Wind noch langsamer zugegangen. Die Wellen von vorne, angesagte Wellenhöhe 0,2 Meter, hier auf See war 1 Meter das Mittelmaß und immer wieder mussten 2-Meter-Wellen ausgesteuert werden. Alle halbe Stunde mussten wir aufkreuzen, wodurch die Strecke natürlich ziemlich lang wurde. Und die Küstenlinie hat ja auch noch ihr eigenes Profil, dem zu folgen war.
Auf dem anderen Bug war es dann auch nicht wirklich ruhiger, es waren eben doch "nur" vier Windstärken, in Böen fünf. Die Zahl der Schaumkronen hielt sich in Grenzen, mal mehr, mal weniger. Was uns so zu schaffen machte, war der Kurs gegen Wind und Welle, bei dieser Dünung. Immer wieder krachte das Schiff tief in Wellentäler ein, das Vorschiff war regelmäßig unter Wasser, solange ich nicht die Wellen aussteuerte. Dann ritt das Boot auf dem Wellenkamm ins Tal und auf der nächsten Welle wieder nach oben, eigentlich ganz nett, auf die Dauer ermüdend,
wenn man fünf Stunden das Ruder halten muss und "keine Busshaltestelle in Sicht ist". 10 bis 15 ° Schräglage war denn auch der Normalzustand. Zum Glück hatten wir das Groß gar nicht hochgezogen, bei Kurs hart am Wind ist "de Widzi" kein schnelles Schiff. Barbara im Logbuch schreibt von einem "permanenten Höllenritt" und z.T. "polnischen Verhältnissen", womit unsere Rückreise von Danzig letztes Jahr gemeint ist.

Um viertel vor drei Uhr kommt Sandvik in Sicht. Wir beschließen, die Tour für heute abzubrechen und Sandvik anzulaufen, zumal wir den Hafen bereits kennen und die Infrastruktur ganz gut ist. Viertel nach drei machen wir in Sandvik fest, in einem "Nest" von Deutschen. So gesehen sind unsere Landsleute auch nicht anders als die Schweden oder Dänen, "man" freut sich eben, wieder in der Heimatsprache reden zu können. Zwei Männer am Steg helfen uns bei Seitenwind beim Anlegen. Schnell ist der Strom gelegt und die Kuchenbude aufgebaut. Genug für heute, morgen soll es dann die restlichen 12 Seemeilen nach Borgholm gehen. Die nächsten Tage werden wir wohl dort verbringen, das Wetter wird ungemütlicher, fast nur West- bis Südwestwind, bis wir den Sund verlassen, braucht noch etliches an Zeit!
14.08.2019

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Donnerstag, den 15. August: Borgholm/Öland

Es geht nur in kleinen Schritten vorwärts, und zu den notwendigen kleinen Dingen gehört auch die Versorgung. Also vollendeten wir heute das, was wir gestern nicht geschafft hatten. In aller Herrgottsfrüh um 8 Uhr 8 sprang die Maschine an, ein Halleluja auf den Motor. Barbara im Logbuch: "Wir sind heute das 1. Mal die Ersten". Tja, aus einer Eule wird eben keine Lärche, wenn man das mal so sagen darf. Bei lausigen 16 °C, wenig Wind aus Südwest bis Süd, Windstärke 2 und wenig Wellenbewegung brachte uns das Boot in 3 Stunden und 17 Minuten nach Borgholm, 16 Seemeilen weiter, einer Stadt mit den notwendigen Versorgungsmöglichkeiten und einem riesigen Hafen, der jede Menge Anlegestellen hat. Jetzt sind wir direkt vor dem pompösen Hotel, genießen dessen kostenloses WLAN und freuen uns über die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die dicke Wolkendecke dringen.
Hier können wir jetzt in aller Ruhe die starken Süd- bis Südwestwinde abwarten, bis endlich der Weg frei wird zu den südlicher gelegenen Häfen Sandhamn oder Torhamn.
15.08.2019

Hier in Borgholm vergehen die Tage wie im Fluge: Hin und wieder muss eingekauft werden im lokalen "Netto", der nicht weit vom Hafen entfernt ist. Dann sagte der Vorderreifen des Bordrades die Tage "Adieu" und am Montag war der Gang zu einem Fahrradhändler fällig: Mantel und Schlauch waren komplett zu ersetzen, dazu ein Adapterventil, und dann alles flugs selbst zusammengebaut und das Rad wieder fahrfähig gemacht. Ich wollte mal wissen, ob ich es noch kann.
Zwischendrin genießen wir immer wieder herrliche Wolkenballungen, die dunkel drohend auf uns zukommen und mit heftigen Windstößen und Regengüssen die Geschütztheit der Kuchenbude uns dankbar erfahren lassen. Auch des Nachts lässt uns der Wind nicht ruhig schlafen: bei Windstärke 5 heult es in den Wanten, die Flaggenleinen klappern, dann noch hier ein Geräusch, dort ein Laut, der einen aus dem Bett treibt, die Schuhe und Mantel anziehen lässt und mich zur Suche aufs Deck treibt. Oben hört sich das ganze Konzert wieder ganz anders an, weil der Schiffsrumpf und die Schallübertragung durch den Mastfuß die Geräusche stark verändern. Wenn die Flaggenleinen gegen die Unterwanten prallen, ist auf Deck nur ein leises Geräusch vernehmbar, unter Deck klingelt es mir in den Ohren.

Dann hatten wir noch Probleme mit der Wasserpumpe in der Spüle, die erst anfing, zu spucken und dann gar keinen Mucks mehr von sich gab. Also, wieder Werkzeuggkiste aufgemacht und ausgebaut. Vorhersehenderweise hatte ich schon aus einem Sektkorken einen Stopfen gebaut und der Tank war nahezu leer, also hielt sich die Überschwemmung in Grenzen. Dann die Pumpe auseinanderbauen: Dank der Aufrisse, die in der Sammlung der Bedienungsanleitungen vorhanden war, und der gleichen Aufrisse, die ich später im Netz fand, vergrößerbar!  war das Auseinandernehmen der Pumpe eigentlich kein wirkliches Problem. Tatsächlich hatte sich die Pump-Menbran verzogen, aber unter dem Deckel, von dem sie gehalten wurde, war der Sitz wieder korrigierbar. Jedenfalls war sie nicht defekt. Schwieriger war dann schon der Zusammenbau, weil hier die Dichtungsrringe an zwei Stellen nicht richtig saßen. Anfangs machte das keine Probleme, aber am nächsten Tag war die zur Vorsorge eingequetschte Küchenrolle klatschnass und das Wasser stand etliche Zentimer hoch im Schapp. Also wieder ausbauen und neu zusammensetzen, diesmal mit korrektem Sitz der Dichtungsringe und zusätzlicher Abdichtung durch Teflon-Band. Das ganze waren nun Reparaturen, die nicht in 5 Minuten zu bewerkstelligen waren, man muss ja erst mal verstehen, wie so eine Pumpe arbeitet.
Jedenfalls war 24 Stunden später noch alles trocken und das ist ja auch schon etwas. Inzwischen gibt es hier den geflügelten Satz "Nichst ist dicht für alle Ewigkeit", der die Sache von ihrer langfristigen und heíteren Seite zeigt.
20.08.2019
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