Törnbericht 2016:
Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden

 

Inhaltsverzeichnis:

Ende April:

Sonntag, den 22. Mai

Donnerstag, den 26.Mai

Dienstag, den 1. Juni

Dienstag, den 7. Juni

Samstag, den 11. Juni: Wendtorf

Mittwoch, den 15. Juni: Damp

Donnerstag, den 16. Juni: Maasholm

Montag, den 20. Juni: Gelting Mole

Donnerstag, den 23. Juni: Sønderborg

Deutsch-Dänische Geschichte in Kurzform

Montag, den 27. Juni: Dyvig-Yachthafen

Donnerstag, der 30. Juni: Aabenraa

Besuch im Schifffahrtsmuseum

Törnberichte

   
   
2019 Törnbericht 2019: Gotland
2018 Törnbericht 2018: Polnische Ostseeküste bis Danzig
2017 Törnbericht Deutsche Ostseeküste bis Flensburg
2016 Als Einhandsegler Richtung Kattegat - Dänemarks Norden
2015 Von Polen bis Heiligenhafen
2014 Einmal Lübeck-Dänische Südsee-Bornholm-Usedom
2013 Bis Rügen und zurück
2012 Vom Ijsselmeer in die Ostsee
  Sommertörn Ostsee
2011 Vom Ijsselmeer ins Watt
2010 Von Hamburg ins Lauwersmeer
   
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Sonntag, den 03. Juli: Aarøsund

Dienstag, den 05. Juli: Haderslev

Freitag, den 08. Juli: Skærbæk

Montag, den 11. Juli: Vejle

Mittwoch, den 13. Juli: Juelsminde

Samstag, der 18. Juli: Hov

Montag, der 18. Juli: Aarhus

Donnerstag, den 21. Juli: Ebeltoft

Sonntag, den 24. Juli: Grenaa

Dienstag, den 26. Juli: Bønnerup

Donnerstag, den 28. Juli: Hals

Freitag, den 29. Juli: Bønnerup

Montag, den 01. August: Grenaa

Dienstag, den 02. August: Ebeltoft

Donnerstag, den 11. August: Mårup

Freitag, den 12. August: Kolby Kås

Sonntag, den 14. August: Kerteminde

Mittwoch, den 17. August: Lundeborg

Freitag, der 19. August: Rudkøbing

Dienstag, den 23. August: Bagenkop

Samstag, den 27. August: Heiligenhafen

Liegeplatzkosten und Nebenpreise

Was noch zu sagen wäre - Das Schlusswort

 

Die Vorbereitungen für die diesjährige Sommerreise 2016 laufen inzwischen auf vollen Touren. Wie immer geht es darum, Listen mit gefühlt tausend Dingen abzuarbeiten, im Hintergrund immer die Überlegung, dass ich ja alleine mit allem klarkommen muss und werde.

Die Rettungswesten sind bereits beim damaligen Händler zur Überprüfung eingereicht worden, ebenso ist das Kartenmodul für das GPS auf dem neuesten Stand. Das heißt: Dezember 2015. Neuer geht wohl nicht?! Auch die Karten eines großen deutschen Segelverlags sind eingekauft, die ersten Etmale bis Sønderborg eingetragen, das wir in 2012 schon mal angelaufen haben. Danach habe ich Åbenrå (deutsch: Apenrade) als nächstes Ziel auf dem Schirm, über den Als-Sund Richtung Westen zu erreichen, am Ende des gleichnamigen Fjords. Dänemarks Ostküste in Jylland ist ja reich an Fjorden. Auch einen "neuen" Reiseführer gibt es, 8. Auflage, aus dem Jahre 2013!

Daneben muss noch das Notebook fit gemacht werden, Programme installiert und Dateien übertragen werden, unter anderem die segel-bar. Einige Teile aus dem Schiff wurden über den Winter nach Hause genommen, weil sie hier gestrichen werden müssen, einiges musste und muss noch gewaschen werden usw. Und das ganz "normale" Leben geht ja auch noch weiter: Arzttermine, fünf Stunden Sport in der Woche, Besuche bei Freunden und Bekannten, und eben auch der schlichte Alltag. Was ist besser: "Sport ist Mord" oder "Sport hat mein Leben verändert"? Am 25. Mai ist Krantermin, dann wird es ernst: zum ersten mal alleine auf Tour!

Abb. 1: Der südliche Teil der Reiseroute
  Eigentlich habe ich mir vorgenommen, mindestens bis nach Hals zu kommen, die Stadt am Eingang des Limfjords. Ursprünglich war der Fjord selbst das Ziel der Reise: bis zur Nordseeküste
durchfahren, dann zurück an der Ostküste von von von von von von von von von Jylland. Als ich jedoch die Fjord-Karte studiert hatte, die einige sehr enge und flache Stellen aufwies, wurden die Erinnerungen an die verschiedenen "Aufläufe" auf Sandbanken in den Boddengewässern 2015 zu stark. Nicht noch mal das! Aber soweit in den Norden, das sind grob geschätzt ca. 450 Seemeilen, und ich muss ja wieder zurück. Jeden Tag segeln werde ich auch nicht können, es wird schon vieles vom Wetter abhängen. Alleine ist doch halt ganz anders als zu zweit. Aber das Motto heißt ja wie das Schiff: "Der Weg ist das Ziel"!

   Abb. 2: Der nördliche Teil der Reiseroute
 

Zum Glück findet man in den "Weiten des Netzes" ja inzwischen Informationen zu allem und jedem Thema: Wie macht man das alleine, Ablegen und Anlegen? Die wohl kritischsten Manöver, vor allem bei Wind, Strömung, unruhigen Verhältnissen in den Häfen. Und die Dänen werden wohl auch nicht überall Schwimmstege mit Seitenfingern- oder armen haben, sondern ganz normale Dalben oder noch schlimmer Mooringsbojen. Also für Spannung ist auf jeden Fall gesorgt. WLAN soll es ja inzwischen überall geben, ich werde mir trotzdem einen Stick kaufen, mit dem ich dann ins Internet kann. So, genug für heute, die Listen rufen!

 

 

Sonntag, den 22. Mai

Inzwischen hat sich der Keller als Lagerraum so ziemlich entleert, dafür ist das Wohnzimmer mit gefühlt tausend Sachen zugestopftt. Aber wir können immerhin noch bis zur Tür laufen! Die gestrichenen Holzteile - Bänke, Cockpittisch, die Klappen für den Eingang, die zwei Teile des neuen Bodengrätings - sind ebenfalls fertig und liegen in den letzten Trockenzügen. Auch mein Zimmer leert sich allmählich. Zunehmend mehr wird mir klar, um wie viel Ausrüstungsgegenstände ich mich jetzt selbst kümmern muss, angefangen von den Hand- und Küchentüchern, den Waschlappen, den einzelnen notwendigen Hilfsmittel für die Küche wie Abdeckfolie, Kaffeefilter usw. usf. Das hatte bisher alles meine liebe Frau gemacht, in "traditioneller" Arbeitsteilung: der Mann ist für das Außen zuständig, die Frau für das Innere. Trotz aller Listen habe ich irgendwie den Überblick verloren, wo was in welcher Tasche ist, aber beim Auspacken, da wird alles sortiert! Und was hier nicht mehr zu finden ist, muss ja irgendwo in einer Tasche sein.

Das Wetter scheint am Dienstag, dem Krantag, mitzumachen, jedenfalls ist nur geringer Wind, kein Regen und es ist nicht besonders kalt. Ende Mai ist ja an der Küste noch kein Hochsommer. Und da ich innen und außen alles einräumen und segelfertig machen muss, ist die Hauptsache, dass es nicht regnet. Das drückt auf die Stimmung.

Die vergangene Woche war neben dem vielen Planen und Packen auch eine Woche der Abschiede, hier zum letzten Mal zum Training, da zum letzten Mal, meistens mit einer Menge Gelächter, einigen Witzen und flapsigen Bemerkungen. Die meisten meiner Bekannten aus den Sportterminen haben erst mal gestaunt, dass ich die Fahrt alleine mache: "Kannst du denn das überhaupt alleine?" Ja, das ist eine gute Frage, kann ich das überhaupt alleine? Der Gedanke, dass es doch eine Menge Einhandsegler gibt, die sogar viel weitere und gefährlichere Fahrten übernehmen, die allein über den Atlantik oder den Pazifik segeln, ins Nordpolarmeer, die das schaffen, hat mir Mut gemacht.  Und schließlich segle ich nicht erst seit einer Woche, mit diesem Schiff jetzt im sechsten Jahr. Und die Jacht hat sich meiner Erfahrung nach bewährt. Die "Klippen", die schwierigen Stellen, das Ab- und Anlegen, darüber habe ich mich schlau gemacht, man findet im Internet ja (fast) alles. Z.B. die Videos von Duncan Wells, die zeigen, wie man das macht. Erste Regel: Immer alles ganz schön langsam! Zweite Regel: Alles gut vorbereiten, von den Gedanken bis zu den Leinen, die da liegen müssen. Dritte Regel: Volle Konzentration! Aber das ist jetzt auch schon wieder einige Wochen her.

Die größte Herausforderung  wird aber nicht das Seglerische sein, sondern der Umgang mit mir selbst. Was fange ich in den nächsten drei bis vier Monaten mit mir an? Ich habe zwar eine Menge Ablenkung dabei, Arbeit genannt, und an Bord muss ja auch immer eine ganze Liste von Aufgaben erledigt werden, Wetter, Tagebuch, die Einträge in diese website, Fotos machen, usw. usf. Aber wie ist das, wenn man diese lange Zeit mit seiner Partnerin "nur" alle zwei bis drei Tage telefonieren kann, und das auch nur für Minuten? Wenn man niemanden so richtig zum Reden hat? Wenn es einem mal so richtig dreckig geht, der Wetter-Depri umgeht? Wenn es keine Symbiose mehr an Bord gibt, sondern das "nackte" Alleinsein? Fällt mir die Decke auf den Kopf? Wir werden sehen, ich bin ja nicht wirklich allein, auch alle, die diese Seite lesen, sind bei mir. Und telefonieren in Küstennähe ist ja auch kein Problem. Zur Not gibt's auch Bahn und Buss, auch in Dänemark.

Jetzt sind es noch etwas über 30 Stunden bis zur Abfahrt, ich muss mich sputen.
 

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Donnerstag, den 26.05.2016

Es ist kaum zu glauben, dass jetzt schon der 3. Tag meiner Reise stattfindet. Aber alles erst mal der Reihe nach.

Dienstag morgen, gegen viertel vor sechs, verlasse ich unser Haus, das Auto mal wieder ziemlich voll gepackt. Die Fahrt nach Heiligenhafen dauert etwas mehr als fünf Stunden, gegen 11 Uhr bin ich auf dem Parkplatz von Boat & Living. Auf der Autobahn nichts Aufregendes, ein kleiner Stau irgendwo, habe ich schon vergessen. Es war einigermaßen voll. In Heiligenhafen-Ortmühle nieselt es leicht, der Himmel ist grau, grau, es ist neblig, diesig, Windstärke ca. 4 Bft.

Bis viertel vor zwei Uhr habe ich jetzt Zeit, den Mast fertig zu machen, d.h. die Salinge (Querstangen vom Mast, die den Wanten Stabilität geben) anzuschrauben, die Antenne und die Windfahne anzubringen und all die Seile und Wanten freizumachen, die nachher beim Aufstellen des Mastes auf dem Mastfuß benötigt werden. Gegen zwölf kommt das Boot auf dem Hubwagen, d.h. der Bock liegt auf dem Hubwagen, das Kranen geht ohne Probleme vor sich. Das eingespielte Team von Boat & Living hat die Sache im Griff. An Bord sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa, eigentlich noch schlimmer: über den Winter sollte ja alles austrocknen können. Also waren alle Schapps (Fächer in den Seitenwänden) geöffnet, die Polster und Abdeckplatten quer gestellt, und der Inhalt ergoss sich über die ebenfalls geöffneten Schapps am Boden. Und das im Vorschiff und in der Kajüte. Aber die Werkzeugkästen waren an ihrem Platz unter der Treppe, die Antenne und Windanzeiger lagen auf dem Tisch, so wie et sein muss.

Am meisten Chaos boten eigentlich die Küchenutensilien, aber das ist ein ganz besonderes Kapitel, Richtung Ganz Dünnes Eis!! Jedenfalls dauerte es dann nach dem Maststellen nicht mehr lange, bis so einigermaßen ein Überblick in der Kajüte hergestellt war. Nach dem Maststellen wurde dann noch der Motor gewartet, Öl- und Kraftstofffilter, und Ölwechsel. Ich muss mich ja auf den Motor 100%-ig verlassen können. Typisch war wieder mal, dass ich nicht mehr wusste, wie die zwei Bordbatterien angeschlossen werden sollten: Plus-Pol links oder rechts? Ich wusste nur, dass es in einem meiner "de Widzi"-Bordbücher stand, aber in welchem? Und natürlich habe ich trotz Suchen nichts gefunden. Dabei stand es im Bordbuch von 2013. Alles sauber und ordentlich notiert, Plus-Pol rechts, also eigentlich "ganz einfach".

An Bord dann wieder aufräumen und einräumen. Nicht zu vergessen der Kampf mit den Überzügen der Schaumstoffmatratzen: die zwei kleineren Hälften gingen ja noch, das große vordere Dreieck machte aber Probleme: vor allem wenn der Reißverschluss keinen Hebel mehr hat und ich mit der Zange ziehen muss. Aber das waren noch die kleineren Probleme. Schwieriger war dann am nächsten Tag die dicken Fallen (Seile, die von der Mastspitze nach unten fallen [keine Ahnung, ob die Erklärung stimmt?!?] durch die engen Öffnungen der Fallenstopper zu kriegen. Kein Schmiermittel und auch kein Pril halfen. Mit einem Trick habe ich mir dann doch geholfen: das Ende mit einer festen, dünnen Schnur (Drachenfliegerschnur) ca. einen Zentimeter fest umwickeln, die Schnur dann an einem flexiblen Schlauch festmachen, den Schlauch durch die Öffnung des Fallenstoppes zu ziehen und jetzt mit der Schnur das dicke Tau durch die Öffnung. Hat mich zwar etwas Haut am Finger gekostet und einige Druckstellen am Armgelenk beim Versuch, mit einem Schraubenzieher zu drücken, aber egal. Mit einer Dose Chilli con carne habe ich mir dann ein erstes warmes Abendessen zubereitet.

Der nächste Tag, Mittwoch, fängt früh an, d.h. so gegen acht Uhr Aufstehen, erstmal Katzenwäsche, Frühstück machen, dann richtig waschen und wieder aufräumen, den Baum anbringen, das Großsegel, die Fallen durch die Fallenstopper führen, die Reffleinen (dieses Jahr kein Problem!), das Vorsegel, die Leine zum Einziehen des Vorsegels und und und. Es geht Schlag auf Schlag, gegen Nachmittag eine Tasse warmen Tee und zwei Stücke Mohnkuchen, dazwischen mal eine Banane. Gegen Nachmittag kommt immer mehr die Sonne durch, dann sieht das Ganze doch schon wieder viel freundlicher aus. Beim Aufklaren der Leinen fällt mir auf, dass unter den Mast die Fall für den Gennaker (großes, bauchiges Segel für schwachen Wind) eingeklemmt wurde, weder das Team von Boat & Living noch ich habe es bemerkt. Also muss jetzt das Achterstag (Drahtseil von der Mastspitze zum Heck) sowie die Wanten an der Backbord- (oder Steuerbord)-Seite gelöst werden. Dabei hatte ich die doch gerade eben mit dem Meterstab genau eingestellt. Hilft alles nicht, das Tau löst sich nicht, also die Wanten locker gemacht, die Wantenspanner bis zum Anschlag gelöst, und das Tau lässt sich freimachen. Jetzt wieder die Backbordwanten neu einstellen (zwei Drahtseile) und das Achterstag.

Gegen Abend bin ich für heute fertig, mir tun die Knochen weh und ich frage mich, wie eingerostet ich wohl wäre, wenn ich keinen Sport treiben würde. Dazwischen immer wieder zum Auto, was holen, was zurückbringen usw. usf. Eine Menge Kleinigkeiten, mehr als nur einen schwimmenden Wohnwagen einzurichten, es ist ja mein Zuhause für wenigstens drei Monate.

Abb_3_de Widzi in Heiligenhafen
Abb. 3: de Widzi in Heiligenhafen
      Donnerstag, das Anfangsprogramm wie gehabt, dann letzte Besprechung mit der Chefin und der Sekretärin von Boat&Living. Gegen viertel vor elf verlasse ich den Hafen, beim Ablegen hilft mir noch ein Segler, und dann bin ich ganz allein auf der Hafenzufahrt zur Marina Heiligenhafen. Zwanzig Minuten später im Hafen, suche den Steg vom letzten Jahr, da war es schön windgeschützt. Finde den Steg 8, fahre in die Gasse zwischen Steg 8 und 7 hinein und suche einen freien Liegeplatz. Nr. 23 hat ein grünes Täfelchen. So, jetzt das erste Anlegen in einer Box, gegen den Wind, klappt auch ganz gut, bin aber zu schnell und aufgeregt, vergesse die Heckleine auf der Luvseite (die Seite, die dem Wind zugeneigt ist), dann verklemmt sich eine Achterleine des Nachbarschiffes unter meinem Anker, schnell wieder flottmachen, und ich ziehe mich an der Reling des neben dran liegenden Schiffes nach vorne.

Erst mal eine Vorleine festgemacht, dann nach hinten schieben. Vorleine ist zu kurz, also wieder ranziehen an den Steg, mehr Leine geben, festmachen, aufs Boot und wieder nach hinten ziehen. Erst die eine, dann die andere Heckleine, jetzt wieder nach vorne, an den Steg ziehen, jetzt ist die Achterleine zu kurz, also wieder nach hinten, mehr losgemacht, wieder nach vorne, an den Steg rangeholt, und endlich kann ich beide Abb_4_Kajüte nach dem ersten Aufräumen
Abb. 4: Kajüte nach dem ersten Aufräumen
 Leinen festmachen, dann die Achterleinen stramm ziehen und ebenfalls festmachen.
Also ein Anlegemanöver, nicht aus dem Bilderbuch, ich muss noch viel lernen, um alleine klarzukommen. Trotz aller Videos von Duncan Wells, trotz allen Vordenkens, es geht eben doch nichts über Wissen aus praktischen Erfahrungen.

Der Rest des Tages: Hafengebühr und WLAN bezahlen, Auto holen, einkaufen, zwischendurch dann wieder eine Tasse Tee und Kuchen, den mit dem Mohn, und Mails empfangen, vorher Virenschutzprogramm aktualisieren, telefonieren mit der Liebsten zuhause. Dann den Bericht schreiben, allmählich zur Ruhe kommen, eingewoben in die Musik von Dream Theater (für die ich ohne jede Skrupel Werbung mache). Danach ein einfaches Abendessen, draußen regnet es inzwischen. Die Sonnenplane gespannt, ja jetzt eigentlich Regenplane. Jetzt ist es schon wieder nach neun Uhr, alles geschafft, alles hingekriegt, aber es ist schon ein komisches Gefühl, so alleine auf dem Boot zu sein. Meine bessere Hälfte fehlt mir einfach, ihr Lachen, ihr freundliches Gesicht, die gute Laune, die sie verbreitet, ihre Berührungen, der Klang ihrer Stimme, einfach alles. Aber ich habe es ja so gewollt, jetzt brauche ich auch nicht zu klagen. Ich bin ja nicht aus der Welt.

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Dienstag, den 1. Juni

Inzwischen ist schon wieder ein Wochenende vergangen, das interessant und aufregend war: Besuch bei meiner Schwester in Berlin und Besuch der Familie meiner Tochter, mit den beiden Enkeln, inzwischen vier Jahre alt, das Mädchen, und ein Jahr, der Junge. Aufregend, die Kleinen, so viel Leben, so viel Energie!!! Ich bemerke mein Alter und werde nachdenklich. Aber das soll jetzt nicht vertieft werden, schließlich geht es hier ja um eine Segelreise.

Heute habe ich eine besondere Premiere geschafft: Ab- und Anlagen ganz alleine, ohne jede Hilfe von außen. Und ohne Zusammenstoß mit anderen Schiffen, bei mittelstarkem Wind immerhin 4 Bft im Hafen.

Und so geht es (ich könnte auch sagen, bis hierher reicht mein Erfahrungshorizont): erst mal das Stromkabel lösen (war der einfachste Teil), dann von der achterlichen Winsch ein langes Tau um die vordere Klampe auf der Luvseite, von dort über den Poller und außen zurück an die Winsch, also eine Spring. Jetzt wird zuerst die Vor(der)-leine auf der Leeseite, der dem Wind abgeneigten Seite, gelöst, dann die Vorleine auf der Luvseite, der dem Wind zugeneigten Seite. Das Schiff wird jetzt von der Spring auf der Luvseite gehalten. Motor an und mit Standgas und Ziehen an den Achterleinen zu den Pollern. Ich ziehe mich zur Luvseite, das Schiff treibt dann auf die Leeseite. Der Wind kommt achterlich von backbord. Die Achterleine leeseitig lösen, die Yacht zur Luvseite ziehen und die zweite Achterleine lösen. Jetzt bin ich zwischen den beiden Pollern und kann mit Rückwärtsgang und langsamen Loslassen der Spring mich aus der Box ziehen. Das war der einfachere Teil.

Zwischendrin, im Kanal zwischen den beiden Stegen, muss ich die Leinen umdrehen, damit die Augen (Schlaufen am Ende der Leine) mit den Ruckdämpfern bei den Pollern festgemacht werden können. Zwischendurch achte ich drauf, vom Wind nicht zu sehr abgetrieben zu werden und langsam geradeaus zu fahren. Nachdem die Leinen klar sind, fahre ich mit Standgas zum Steg 9, meinem neuen Liegeplatz, zur Box 3. Der Wind hat inzwischen wieder etwas aufgefrischt, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Kurz nach der Box drehe ich nach links, damit ich wenigstens etwas gegen den Wind fahre. Er wird mich sowieso nach rechts drücken, also komme ich schräg nach links in die Box rein. Da ich die Kurve einen Bruchteil Sekunde zu spät genommen habe, stoße ich an den rechten Poller, aber das ist egal. Dadurch wird das Schiff langsamer, ich habe Zeit, die luvseitige Achterleine um die Halterung am Poller zu legen. Mit dem Enterhaken ziehe ich mich jetzt nach vorne an der Leine, die die Boxen voneinander abtrennt. Vorne ganz jetzt in aller Ruhe festmachen, mit viel Leine, weil ich ja nochmals zurück muss zum leeseitigen Poller. Auch der bekommt eine Leine, mit der Vorleine ziehe ich mich an den Steg und mache fest. Die leeseitige Vorleine kommt danach. Mein zweites alleiniges Ablege- und Anlegemanöver, diesmal schon besser als das erste. Ich bin zufrieden mit mir, es kann noch besser werden, aber für's erste war das schon ganz gut.

Ansonsten vergehen die Tage mit Einrichten, dem Bett vorne in der Eignerkabine einen neuen Lattenrost bauen, damit die Feuchtigkeit besser aus dem Schaumstoff diffundieren kann, aufräumen, den Funk abhören, viel Gerenne zum Hafenmeister (der wollte sich um einen neuen Platz kümmern, die heutige Hafenmeisterin wusste aber nichts [ohne Kommunikation ist eben alles nicht!!!], zwischen durch mal neue Lebensmittel kaufen usw. Da während der Wochen von Montag bis Freitag in der Hohwachter Bucht Schießübungen der Bundeswehr und -marine stattfinden, kann ich sowieso erst an einem Wochenende weiter. Und so werden noch einige Tage vergehen, bis die Reise tatsächlich losgeht.

 

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Dienstag, den 7. Juni

Endlich sind wir, d.h. jetzt meine liebe Frau und ich, wieder in Heiligenhafen. Montags sind wir über Bremen - kurzer Abstecher bei Barbaras Sohn - nach Heiligenhafen gefahren - eine im großen und ganzen nicht besonders anstrengende Fahrt. Ganz anders als die am Donnerstag die Woche zuvor: weil ich noch Kleidung und meine Gitarre samt Noten zuhause lassen musste, das Auto war voll und sollte letztendlich ja wieder zurück, drei Monate stehen lassen hatte uns schon einmal eine Batterie gekostet und Barbara braucht es ja zuhause, musste ich also Donnerstags zurück. Ab Münster im Dauerregen, und das heißt wegen des zerwirbelten Wassers auf der Fahrbahn im Blindflug. Erstaunlich, was sich vor allem Fahrer PS-starker Limousinen und SUVs zutrauen: mit Null-Sicht bei Tempo 130 km/h oder noch mehr durch den "Nebel" rasen, dabei noch mehr "Nebel" hinter sich lassend. Vor Duisburg kam ich dann endlich in den Stau: 14 km, weil zwei Sattelzüge, ein Kleinlaster und ein PKW ineinander gefahren waren. Der PKW wurde inmitten der Unfall-Fahrzeuge eingeklemmt, schreibt die WAZ vom Samstag.  Zum Glück gab es keinen Toten! Über die A42 auszuweichen, war auch keine gute Lösung, denn die war auch voll. Kurzer Rede langer Sinn: mit ca. einer Stunde Verspätung kam ich nach Hause, im Kopf die Gischt von der Fahrbahn und die Raserei meiner "Mitspieler" im Feierabendverkehr.

Die nächsten Tage waren dann wieder von Aufräumen und Gartenarbeit geprägt: weil die starken Regenfälle am Niederrhein zwei Äste heruntergedrückt hatten, mussten die gekappt und klein geschnitten werden, auch das Efeu am Haus wartete auf die Heckenschere, und am Ende blieb mal wieder ein Sack Efeu und ein großer Ballen Geäst und Laub übrig. Von den anderen Aufräumarbeiten nicht zu reden. Und eigentlich wollten wir Sonntag wieder nach Norden, aber dann brach Barbara eine Krone ab, so sie also am Montag morgen erstmal zum Zahnarzt musste. Lauter kleine Hemmnisse, aber ab halb zehn konnte es losgehen, zuerst - wie gesagt - nach Bremen, dann Heiligenhafen.

Jetzt haben wir den ersten Ausruhtag mit viel Rummikup-Spielen hinter uns, morgen muss wieder eingekauft und die letzten Vorbereitungen für die erste Überfahrt gemacht werden werden, Samstag oder spätestens Sonntag geht es dann alleine nach Wendtorf, egal ob es regnet oder nicht, Wind bläst oder Windstille herrscht. Ab Montag wird wieder geschossen, das würde dann wieder eine Woche im Hafen bedeuten. Barbara wird dann Samstags zurückfahren, dann kann sie beginnen, die Fahrt nach Norden, als Einhandsegler, genügend Zeit und Raum um mich herum, all das zu bearbeiten, was ich mir vorgenommen habe. Aber nicht nur Arbeit, auch die Schönheit der Landschaft und der Küste, der See, soll zur Geltung kommen, dann endlich wird sich die Fotostrecke mit Bildern füllen.

 

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Samstag, den 11. Juni: Wendtorf

Das Wetter kann für die lange Überfahrt nicht besser sein: strahlender Himmel, am Horizont über der Ostsee einige Wolken, kühle 14 °C, und etwas Wind. Die Nacht war kurz, Aufstehen hart, aber es musste sein: heute, der große Tag der Abreise. Schnell waren auch Barbaras letzte Sachen gepackt, der Koffer schon gestern ins Auto gebracht, auf dem Weg zu unserem Abschiedessen im "ANNO 1800". Ein empfehlenswertes Haus, klein, schnuckelig, gemütlich, die Preise der Qualität und Quantität angemessen. Unser letztes gemeinsames Abendessen für längere Zeit, da sollte es schon was Feines sein!

Mittags auf dem Steg im Hafen noch ein Erlebnis der besonderen Art: Leser trifft Blogger. Ich war gerade dabei, die Leinen für das Vorsegel anzuschlagen, sprach mich ein jüngerer Herr an, ja, er sei gerade an "de Widzi" vorgekommen, die Seite im Internet würde er immer verfolgen, was es so Neues gäbe, ob ich jetzt wohl losfahre. Daraufhin ein kurzes Frage- und Antwortspiel, nein, morgen sei die Abfahrt, es gehe nach Wendttorf. Tja, so findet man auf einmal seine Leser in einem Hafen wieder. Wird wahrscheinlich jetzt öfters passieren, wenn die Seite mehr gelesen wird.

Doch zurück zur Abfahrt: Um acht Uhr war dann alles klar, Barbara half mir dann noch beim Leinen losmachen, dann an der Spring langsam zurück, d.h. ich zog an den beiden Achterleinen, diese dann einigermaßen parat legen, die lange Spring - ca. 25 Meter - einholen, Rückwärtsgang, dann langsam aus dem Becken heraus. Barbara am Steg mitlaufend, letztes Winken am Kopf des Steges und ich Richtung Ausgang des Hafenbeckens, an dem die lange Rinne anfängt, die aus Heiligenhafen hinausführt. Es ist windig, für den Kopf sehr kalt, ich habe die Mütze mit dem Sonnenschirm und noch eine Wollmütze obenauf, in meinen Mantel eingehüllt stehe ich am Steuer.

Kurz vor neun Uhr dann die Tonne Heiligenhafen Nord. Dann der Test: Motor auf Standgas, Großsegel hochziehen, es hakte hier, es hakte dort. Die "Lösung", mit dem Gummiseil das Ruder auf Kurs zu halten, funktionierte nicht wirklich, meistens blieb das Segel am Lazy Jack hängen, das sind seitlich und parallel zum Segel gespannte Leinen, die das Segel auffangen, wenn es wieder runter genommen wird. Aber irgendwann ist das Groß endlich oben, jetzt noch das Vorsegel. Das Ergebnis war jedoch enttäuschend: ca. 2,5 bis 2,8 Knoten Fahrt. Selbst bei 3 Knoten hätte ich dann ca. 10 Stunden bis Wendtorf gebraucht, entschieden zu lange. Ungefähr eine Viertelstunde halte ich das aus, so dahin zu schleichen, dann kommen die Tücher wieder runter. Auch das klappt nicht anstandslos: beim Vorsegel ist der Leinenvorlauf in der Trommel zu gering, so dass es sich nicht ganz einholen lässt. Die Sorg- oder Rückholleine für das Großsegel klemmt wieder bei der Lampe fest, da muss eine andere Lösung her. Angeleint muss ich aufs Deck, um das Segel runter zu ziehen. Da aber kein großer Seegang war, vielleicht 1-2, die Wellenhöhe noch nicht einmal ein halber Meter, war das nicht wirklich gefährlich.

Nach mehreren Tonnen und einige Seemeilen später -  auf der linken Seite das Land, nur wenige Einzelheiten sind sichtbar, rechts die große weite Ostsee - gegen vierzehn Uhr wird die Einfahrt in den Hafen Wendtorf sichtbar. Ich orientiere mich an Seglern, die raus oder rein fahren. Vor der Einfahrt kommt mir noch eine Regatta entgegen, aber ich bin schneller als sie. Auch ein Großschiff kreuzt meinen Weg, genügend weit weg, um nicht durchgeschüttelt zu werden von den achterlichen Wellen. Im Hafen ist es dann entschieden windstiller, das Wasser ruhig, ich kann in Ruhe mir einen Platz aussuchen: Steg 1 -5 sind für Gäste, der Rest wohl Liegeplatzbesitzer. An Steg 5 finde ich ein grünes Schild, wohl so in der Mitte des Steges. Die Plätze weiter vorn sind alle vergeben. Langsam drehe ich gegen den Wind, fahre in die Box, "de Widzi" passt gerade noch durch, dann schnell die leeseitige Achterleine und anschließend die luvseitige. Der freundliche Nachbar von der "MANATU" hilft mir mit dem Bootshaken, die Fender sind alle drin, er bekommt die Leinen zugeworfen und macht fest.

Nachdem das Boot vertäut ist, großes Aufräumen: Leinen ordentlich aufschießen, Segel eintüten, den Leinenvorlauf für das Vorsegel neu einstellen, Sonnenplane aufspannen, Tisch im Cockpit anbringen und dann zum Hafenmeister. Es sind hier kurze Wege, unten im Gebäude ist der Bezahlautomat, in mehreren Sprachen, mit interaktiver Tastatur und natürlich Kartenzahlung. Es klappt alles ganz easy, hier braucht man ein Chipkarte für die Toilette und zum Duschen, mit Guthaben und Pfand, was man nicht verbraucht, bekommt man später wieder zurück. Sogar kostenloses WLAN gibt es hier, wenn auch nicht das allerschnellste.

Ja, jetzt bin ich in Wendtorf, einer großen Marina, ein paar kleinere Ferien-hochhäuser nicht all zu weit entfernt, teilweise noch im Bau, viel Hafen, viel Schiff, ansonsten wenig los. Eine kleinen Eisbude gibt es hier, das war es schon. Ein Hafen zum An- und Ablegen, aber kein Ferienort mit Hafen. Aber ich bin ja sowieso auf der Durchreise, also keine Ansprüche. Sechs Stunden hat die Fahrt gedauert, für 33 Seemeilen, also im im Schnitt 5,5 Knoten.

Nach einem kleinen Schläfchen sitze ich hier, tippe und warte darauf, dass später das Gäste-WLAN-Netz etwas freier wird, um den Bericht ins Netz zu stellen, und denke nach, was heute eigentlich passiert ist. Schon gewöhnungsbedürftig, so alleine zu fahren, keiner da, der einem die "Bütterchen" reicht, mit Bonbons versorgt, darauf achtet, dass ich genug trinke, der einen unterhält, am Einschlafen hindert, die Karte studiert, nach Tonnen Ausschau hält, das Logbuch führt und und und. Ich vermisse meine Copilotin, meine Navigatorin, den Maat und nicht zuletzt, wenn auch am wenigsten, meinen Smutje. Tja, erst wenn etwas weg ist, wird einem bewusst, wie  wertvoll es/sie war/ist.  Vielleicht gewöhne ich mich ein bisschen daran.

Der Sonntag fängt erst um 10 Uhr an, zwölf Stunden habe ich ohne Unterbrechung geschlafen. Nach einem genügsamen Frühstück geht es zu den Waschräumen, die recht ordentlich sind, die Toiletten etwas eng, aber alles sehr sauber und gepflegt. Beim anschließenden Verlängern um zwei Nächte - hier muss man bis 12 Uhr bezahlt haben oder den Platz verlassen haben - funktionieren beide Karten am Bezahlautomat nicht. Also mit Bargeld, jetzt habe ich dreizehn 2-€-Stücke in der Geldbörse.

Der weitere Morgen und Tag vergeht mit kleinen Reparaturen, da eine Schapp-Klappe, dort ein Verlängerungskabel für den Betrieb des Cooler während der Fahrt mit Motor. Die Wasserflaschen werden in den hinteren Bodenschapp eingeräumt, da ist noch genug Platz. Und das Schiff hat etwas mehr Gegengewicht zum Cooler auf der linken Schiffsseite. Die automatische Steuerung findet sich auch nach einigem Suchen, für die Pinne habe ich jetzt selbst eine Konstruktion "erfunden", mal sehen, was sie taugt. Und am Nachmittag komme ich endlich - nach Jahren - dazu, meine Schlafanzugjacke zu nähen.

Abends dann die erste einfache selbst gekochte Mahlzeit, immer nur Butterbrote ist langweilig: Nudeln mit Pestosauce, einfach, aber immerhin selbst gekocht. Feinheiten wie Salat kommen beim nächsten Mal. Aber es hat geschmeckt und ich bin satt geworden. Dank der Vorratsbeschaffung meiner lieben Frau, die das ganze Mahl sicher viel frugaler zubereitet hätte. Bin eben nicht so der Koch, "gekocht" habe ich in einem früheren Leben genug.

Dazwischen habe ich viel Zeit nachzudenken, den Wolken zu zu schauen, der Musik von Dream Theater zu lauschen, ein Mittagsschläfchen zu machen, emails abzurufen und dies und das. Und am Bericht zu schreiben.

Morgen werde ich noch hier bleiben , das Wetter ist nicht so prickelnd. Der Himmel mit Wolken bedeckt, heute morgen hat es leicht getröpfelt, sonst war es trocken. Keine Sonne, die Temperaturen so um die 18 °C. Auch die nächsten Tage werden so sein, dazwischen immer wieder Regen, wenn auch nicht so schwerer. Irgendein trockenes Zeitfenster muss ich dann erwischen für die zweieinhalb Stunden bis Damp, dem nächsten Hafen. Dann kommt Maasholm, Gelting Mole und dann endlich Dänemark. Aber von Sommer ist noch weit und breit nichts zu sehen, der gestrigeTag war wohl eine Ausnahme, hoffentlich nicht war das nicht alles.

 

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Mittwoch, den 15. Juni: Damp

Die Überfahrt nach Damp nördlich der Eckernförder Bucht gestaltet sich problemlos. Eingehüllt in Schlechtwetterkleidung - schließlich kann es ja regnen - starte ich viertel vor neun Uhr. Das Ablegen klappt gut mit der Spring auf der Steuerbordseite, der Wind hatte gedreht. Im Hafen ist das Wasser nur leicht gekräuselt, es herrscht ungefähr Windstärke 2 Bft aus Ost.

Gegen halb zehn bin ich schon an der Tonne Kleverberg Ost. Die Ostsee zeigt sich von ihrer ruhigen, gnädigen Seite: Seegang zwischen null und eins, nur die Dünung zeigt den Atem des Meeres. Segeln lohnt sich nicht, die wenigen Schiffe fahren alle mit Motor. Zudem muss ich auch schnell aus dem Verkehrstrennungsgebiet der Kieler Förde, aber es sind keine dicken Pötte sichtbar. Der Himmel ist grau, am Horizont verschwimmt die See mit dem Nebel der diesigen Luft. Die Sicht beträgt höchstens zwei Seemeilen, wie ein Schatten begleitet mich das Land der Kieler Bucht auf der Backbordseite.

Kurz nach zehn Uhr - ich bin zwischen am Stollergrund - wird es immer diesiger. Hätte ich keinen Plotter, die Fahrt würde im Nebel stattfinden. So geleitet mich der Leitstrahl des vorher eingegebenen Kurses auf dem Weg nach Norden. Nach Westen löst sich die Ostsee im Nebel auf, ein Horizont ist nicht mehr erkennbar. Doch nach ungefähr einer halben Stunde wird es heller, die Sonne bricht durch, der Nebel lichtet sich, am Horizont werden erste Einzelheiten sichtbar.

Gegen halb zwölf habe ich eine Begegnung der besonderen Art: Ein Schweinswal taucht vor meinem Bug kurz auf, um Luft zu holen, und schon ist er wieder weg. Ich suche das Wasser ab, ob er nochmals aus den Fluten herauskommt, und er macht mir den Gefallen: noch zweimal kann ich ihn beim Luft holen beobachten, zu schnell für ein Foto, und trotzdem unvergesslich. Einen Schwarm konnte ich nicht beobachten, vielleicht hat er sich auch verirrt.

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Danach taucht schon die Betonburgen-Kulisse von Damp immer deutlicher werdend am Horizont auf, ein guter Orientierungspunkt, wie er überall beschrieben wird. Die Einfahrt wird sichtbar, gut gekennzeichnet durch die zwei Molenköpfe. Ich orientiere mich an den ein- und ausfahrenden Booten. Im Hafen selbst - nach einer  schlauchförmigen Einfahrt - ist es ganz ruhig.

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  Abb. 5: Bettenburg in Damp

 
Ich fahre gleich ins Hauptbecken, ist es doch wesentlich besser gegen Schwell geschützt als der nördlich gelegene Vorhafen. Schon am zweiten Steg finde ich ein grünes Schild, die Dalben stehen aber zu eng, ich komme nicht durch. Etwas weiter am Stegende ist der Abstand breit genug. Langsam fahre ich in der Box ein, Zeit genug, eine Heckleine festzumachen. Da die Box recht klein ist, werde ich die zweite Achterleine nachher machen. Am Steg nimmt ein freundlicher junger Mann vom Boot schräg gegenüber die Vorleine entgegen, die drei Mann von "NiXmitX", die direkt gegenüber auf ihrem Boot sitzen, schauen nicht mal her, ob hier jemand Hilfe gebrauchen könnte.  Kurz vor zwölf Uhr mache ich den Motor aus, drei Stunden Überfahrt für 14 Seemeilen, etwas mehr als berechnet. Eine gemütliche Fahrt, wenn auch zwischendurch im Nebel etwas gespenstisch!  

Das ist Damp, vom Hafen aus gesehen: kein besonders schöner Anblick, aber windgeschützt, und alles Einkaufsnotwendige in wenigen Gehminuten erreichbar. Einfach praktisch, aber auch teuer: 18 € für eine Nacht. Da war Wendtorf mit seinem Baustellen-Ambiente preiswerter. Aber was soll's, das ist eben der Preis, den man zahlen muss. Wie heißt es doch so schön auf dem Schild in der Kajüte: "Segeln ist die

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   Abb. 6: Damp - die 2. Hotelburg mit Ladenzeile

 
teuerste Art, unbequem zu reisen!" Wohl wahr!

Nach einer kurzen Ruhepause geht es zum Einkaufen, frisches Obst, etwas Gemüse, Postkarten mit Briefmarken, eine Sendung an meine liebe Frau mit ihrem vergessenen Fotoaufladegerät - das war es schon. Eine Tasse Kaffee und ein Apfelkuchen ist die Belohnung. Danach sitze ich am Bericht und den Fotos dazu. Morgen geht es weiter nach Maasholm, das wir schon ganz gut kennen.

Gerade prasselt ein Gewitterregen von oben herab, gut, dass ich jetzt nicht auf dem Wasser bin. Zwei mutige Kerle in einem offenen Kajütboot, so groß wie ein Schwertzugvogel, sitzen jetzt hoffentlich in der trockenen Kneipe. Das wird für die beiden eine nasse Nacht!

 

 
Donnerstag, den 16. Juni: Maasholm

Eigentlich wollte ich schon um acht Uhr los gefahren sein, aber ein Blick aus dem Niedergang in den Hafen belehrte mich eines besseren: Nebel rundum, die gegenüberliegenden Hochhäuser nur in den ersten Stockwerken erkennbar. Wie muss es dann erst draußen auf See aussehen? Also noch mal in die Koje, den Wecker auf neun Uhr gestellt und Augen zu.

Drei Stunden später sieht die Welt schon freundlicher aus: die Sonne scheint, stellenweise blauer Himmel, einige Schönwetterwolken. Jetzt aber schnell, sagt meine innere Stimme, die mich immer zur Eile antreibt. Bewusst versuche ich dagegen zu setzten, langsam zu machen, ohne zu trödeln, entschleunigen. So dauert es bis kurz vor halb elf, dann ist alles vertäut, verstaut, aufgeräumt ist. Sogar noch ein Brot einzukaufen war drin.

Draußen zeigt sich die See von ihrer freundlichen Seite, wenig Wind und Seegang. Zum ersten Mal benutze ich den Pinnenpiloten, die automatische Selbststeuerung: Kurs eingestellt und das Gerät hält nach Norden. Nur mit der achterlichen Welle hat es so seine Schwierigkeiten, die Kurslinie ähnelt der Fahrt eines etwas angetrunkenen Seglers. Mal ein bisschen weit nach steuerbord, dann wieder zum Ausgleich nach backbord, jetzt Wiederholung. Aber bei achterlichem Wind und Welle schlingert das Boot so wie so.

Knapp zwei Stunden später bin ich im Hafen von Maasholm, den wir 2012 mehrmals besucht hatten. Vorbei am Hafen von Olpenitz, einer großen Freizeitanlage mit mehr als tausend Liegeplätzen - soweit geplant. Aber man sieht keinen Mastenwald, die Häuser ähneln mehr noch Baustellen, auch wenn einige fertig sind. Ein Segler kommt aus dem Hafen, das war es dann auch schon. Nach Jan Werner sollte die Anlage 2015 fertig sein, man darf gespannt sein, wann sie in Betrieb genommen wird.

Ab Schleimünde geht es immer schön den Tonnen nach, kein Schnippeln und Abkürzen, rechts lauert eine große Untiefe. Im Hafen finde ich am zweiten Steg einen Platz, das Anlegemanöver klappt ohne Probleme, ich brauche keine Hilfe. Aber es ist auch kein Wind im Hafen, in so fern kein Kunststück. Kaum habe ich alle Leinen aufgeräumt, fängt es schon an zu tröpfeln. Ich schaffe es gerade noch, die Regen- und Sonnenplane festzumachen, da donnert es schon von oben herab. Mal wieder Glück gehabt, ich hatte nämlich auf dem Wasser keine Regenkleidung an. Sie lag zwar bereit unter Deck, aber in der Sonne wäre mir das zu warm gewesen.

Da der Hafenmeister geschlossen hat, mache ich nach einem kurzen Snack erstmal ein Päuschen, dann kommt Bezahlen und alles andere. Als auch das erledigt ist, die Preise für eine Übernachtung halten sich bei maßvollen 13 €, schreibe ich meinen Bericht. Ja, heute war nicht viel los, aber wieder ein Stück weiter, neun Seemeilen in knapp zwei Stunden. Jetzt kommt als nächstes Gelting Mole und dann Dänemark.

 

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Am Abend gibt es die schon fast traditionelle "Fish and Chips"-Mahlzeit am Stand im Hafen. Lange muss man nicht warten, dann ist das Essen zubereitet. Schön heiß und fettig, natürlich mit Mayonaisse und Remouladensauce. Am Anfang schmeckt es meistens ganz lecker, das Ende zwinge ich mir fast rein nach dem Motto "Zu schade zum Wegschmeißen." Jedenfalls der Platz vor der Bude ist voll, für Umsatz

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   Abb. 7: Maasholm im Abendlicht  
sorgen auch einige Schüler aus den im Hafen festgemachten Traditionsseglern aus den Niederlanden und Kappeln. Erinnerungen werden wach an die einstigen Fahrten im Ijssel- und Markermeer, zwei- oder dreimal war in solchen Aufgaben unterwegs. Doch das war in einem früheren Leben, es ist lange her!

Vom Freitag gibt es nichts Aufregendes zu berichten, hin und wieder gibt es Schauer, der Wind pendelt zwischen 4 und Bft aus West, meistens scheint die Sonne, es wird wärmer. Ich arbeite an meinem Buch und habe viel Zeit zum Nachdenken und Gitarrespielen.

Samstagsmorgen die erste Überraschung der etwas unangenehmeren Art: Ein ziemlich großer Sicherungsring liegt unschuldig auf dem Vorderdeck, direkt neben dem Mast. Wo kommt der her? Eine Überprüfung der umliegenden Ringe ergibt: es fehlt keiner! Also erst mal einstecken, und das Gehirn arbeiten lassen. Nach dem üblichen Procedere muss ich meinen Liegeplatz um zwei Tage verlängern. Dann ist Treibstoff von der Bunkerstation zu holen, auch frisches Obst und Gemüse gehört mal wieder auf den Speiseplan. Als dies alles erledigt ist, steht ein kleines Päuschen auf dem Plan. Da, in den letzten Zügen meines Mittagsschläfchens kommt die Lösung an die Oberfläche meines Bewusstseins: Der Ring konnte nur von oben kommen, aus der Halterung der Rollfock am Mast. Als nächstes wird sich dann der Bolzen herausarbeiten, die Rollfock hängt am Genuafall und schlackert hin und her, ist also nicht mehr bedienbar. Also, nichts wie ab zum Hafenmeister. Er sichert mir zu, dass ich am Montagmorgen an den Mastenkran kann, zehn bis elf Meter über dem Wasser. Der Mast ist zwölf Meter hoch, über Wasserlinie. Ich bin gespannt, wie das ausgeht. Schlimmstenfalls muss der Mast gelegt werden, aber vielleicht geht es einfacher. Wie sagt doch Murphy: "Was schief gehen kann, geht schief." Und: wenn mehrere Sachen in die Hose gehen, passiert auch das! 

 

 
Montag, den 20. Juni: Gelting Mole

Der Montagmorgen fängt erst mal an wie aus dem Bilderbuch geschnitten: blauer Himmel, selbst im Hafen ziemlich Wind, kaum Wolken, etwas Wärme. Man könnte meinen, wenn es so weiter geht, wird das ein guter Tag. Aber wir werden sehen!

Um neun Uhr bin ich mit dem Hafenmeister am Kranturm verabredet. Den vor dem Steg liegenden Baumstamm hat er freundlicherweise bereits weggeräumt. Als ich aus der Box raus fahre, drückt mich der starke seitliche Wind so gegen die Pfosten, dass ich kaum rauskomme. Das Schiff will nicht mit dem Heck in den Wind gehen, trotz Rückwärtsfahrt. Heftiges, nervöses Rangieren auf der Stelle ist die Folge, ich komme kaum frei. Aber das ist erst der Anfang.

Die Anfahrt auf den Steg, der ebenfalls im Wind liegt, geschieht im Leerlauf, so stark bläst es von hinten. Als ich vor dem Steg die Kurve nach backbord fahre, knallt der Steven auf den Holzsteg. Schlimme Erinnerungen fluten mein Gedächtnis, aber es ist nicht passiert, außer dass der Anker sich mit seinen Zargen ins Holz "eingegraben" hat. Zum Glück ist die am Steven befestigte Bugstange, die die Trittplattform trägt, nicht eingeknickt worden. Endlich bin ich seitlich am Steg, immerhin war ich so schlau, fast alle Fender auf der Steuerbordseite auszubringen. Und die habe ich dann auch mehrfach gebraucht.

Als das Boot fest liegt und der freundliche und verständnisvolle Hafenmeister die Trittleiter zum Kranturm aufgeschlossen hat, steige ich die Leiter hoch, senkrecht, bewaffnet mit Werkzeug, Splintringen und Bolzen, und einer Leine, ist die Mastspitze selbst doch gut fast zwei Meter von der obigen Plattform entfernt. Aber schon auf der Höhe der Aufhängung der Rollfock sehe ich, dass nix fehlt: alle Splintringe und Bolzen sind da, wo sie sein sollen. Es ist nichts kaputt. Das wirft weiterhin die Frage auf, woher der Splintring kam.

Beruhigt klettere ich wieder nach unten und gebe dem Hafenmeister Bescheid, dass der den Turm wieder abschließen kann. Und dann überlege ich, wie ich jetzt gegen den Wind vom Steg wegkomme, also der Wind steht genau seitwärts auf dem Boot. Vor mir habe ich ca. drei Meter Spielraum, dann beginnt dort der Zugang zum Steg. Wie ich es auch anstelle, gegen den Winddruck komme ich nicht an. Ich ziehe mich in die hinter mir liegende Box zurück, und unternehme von dort aus mehrfache Anläufe. Inzwischen habe ich auch schon Zuschauer, die Hafenkino pur erleben, nur bin ich diesmal der Schauspieler und nicht der Zuschauer. Endlich, in einer kleinen Böenpause komme ich knapp um die Kurve, keine dreißig Zentimeter am Steg vorbei. Die Ausfahrt liegt vor mir, ich kann endlich auf die Schlei.

Eine halbe Stunde später bin ich in Schleimünde, der Mündung der Schlei in die Ostsee. Vor mir die gleichnamige Tonne, die ich noch ansteuere, dann geht der Kurs erstmal streng nach Norden. Jetzt kann ich das Vorsegel aufmachen, mit Karacho rauscht es aus, der Winddruck von fünf Bft, in Böen sechs, sorgt für Tempo auf dem Boot. Mit achterlichem Wind schießt die Yacht nur so durch die Wellen, wenn auch ziemlich schaukelig, weil die schnelleren Wellen immer wieder das Schiff unterrollen. Zum Glück scheint die Sonne, es bläst nicht gerade warm um die Ohren, die blaue Kappe fällt immer wieder runter, manchmal löst sich auch das Bändsel, mit dem sie an der Jacke festgebunden ist. Inzwischen habe ich längst festes Segelzeug angezogen, nur die Gummistiefel nicht. Und das war gut so, auf die Dauer wird es richtig kalt.

Nach einer Stunde geht der Kurs weiter nordwestlich, auf den Leuchtturm Kalkgrund zu, der das Ende einer langen Untiefe kennzeichnet, die sich vom Land in die See  nach Norden hinzieht. Das Vorsegel wechselt den Bug, jetzt fährt das Schiff ausgeglichener, stetiger, mit satten sieben Knoten, in Böen acht. Wenn von hinten die Wellen heranrauschen, um unter dem Schiff durchzutauchen, gibt es jedes mal einen kurzen Stopp und dann einen Sprung nach vorne. So geht das fast zwei Stunden, der Wind behält seine Kraft, die Wellen ebenso. Die See hat sich ziemlich aufgebaut, die letzten Tage war immer Westwind und jetzt aus Süden, da braut sich was zusammen.

Bei der Tonne Flensburger Förde geht es in einem Bogen gen Westen, jetzt ist es aus mit der Segelei, der Wind kommt immer mehr von vorne, so dass Am-Wind-Kurs gesegelt werden müsste. Die Wellen knallen jedoch immer vorlicher gegen das Boot, es geht auf und ab, von unten höre ich, wie Zeugs durcheinander fliegt, der Kühlschrank macht sich locker und kippt nach vorne. Zum Glück ist nichts kaputt, nur in der Kajüte wird es nass, es wäre doch besser gewesen, das Seeventil der Spüle zu schließen.

Die nächsten eineinhalb Stunden sind dann kein Zuckerschlecken mehr: der Wind bleibt, nimmt sogar eher noch zu, wird kälter, die Wolken werden immer dichter, der Wellengang nimmt zu. Jetzt fahre ich mit Motor gegen Wind und Welle, diese schräg zu schneiden vermeidet wenigstens das heftige Auf- und Niederknallen des Buges und des Rumpfes. Immer wieder bekomme ich von vorne eine salzige kalte Dusche in Gesicht. Zwischendurch entlastet mich die Selbststeuerungsanlage, so dass ich wenigstens mal ein Bütterchen essen kann. Endlich ist Gelting Mole sichtbar, der Mastenwald vor dunklem Waldesgrunde. Aber wo sind die Tonnen? Rechtzeitig in letzter Sekunde sehe ich noch die rote Tonne, die die Einfahrt kennzeichnet, dann auch das grüne Gegenstück und die restlichen Tonnen der Einfahrt selbst. Aber mit dem Tonnenstrich habe ich so meine Schwierigkeiten, ich übersehe, dass der ganze Weg einen Bogen macht und ehe ich mich versehe, stecke ich im Schlick. Zum Glück weich, kein hartes Stoppen wie auf einer Sandbank. Mit langsamem Rückwärtsgang komme ich wieder frei und in die Fahrbahn.

Endlich bin ich an den Molenköpfen vorbei, und will eigentlich zum Steg fünf fahren, weil dieser am nächsten dem Hafengebäude liegt (wegen der Qualität des WLANs vor allem). Da geht auf einmal der Motor aus. Was ist jetzt? Neustart, er springt ohne Probleme an, aber wenn ich den Gang einlege, wird er sofort abgewürgt. Inzwischen sind schon einige Anlieger auf mich aufmerksam geworden, wie ich da an einem Pfosten festmache, und die Maschine immer wieder ausgeht. Ein aufmerksamer Beobachter der Lage ruft mir zu, dass die Vorleine sich wohl um die Schraube gewickelt habe, jedenfalls führt sie stramm am Rumpf vorbei nach hinten unten und verschwindet im Wasser. Ich gehe nach vorne, an der Leine ist nicht zu ziehen, sie sitzt in der Schraube. Mit Hilfe der freundlichen Anlieger komme ich in eine freie Box, jetzt erstmal festmachen, aufräumen, Pause machen, dann Hafenmeister und alles Andere.

Kurz nach drei Uhr ist der Hafenmeister auch schon in seinem Büro, nach Bezahlung des Liegegeldes geht er mit mir zu zwei jungen Männern, von denen der jüngere ein Taucher ist. "Taucher oder Kran, das erstere kostet 50 Euro, das letztere 90 Euro", so seine Darstellung der Alternativen. Da fällt die Wahl wohl nicht schwer! Der junge Mann, er redet mich ganz selbstverständlich mit "Du" an, fährt dann nach Hause, holt seine Ausrüstung, und nach einer Stunde ist er schon wieder da. Mit voller Montur, Taucherbrille, wasserdichtem Anzug, Sauerstoffflasche, Bleigewicht und einem Messer bewaffnet, taucht er ins Hafenbecken ein, unter den Saildrive und macht die Leine los. "Hat sich schön drum rum gewickelt, mit einigen Knoten drin", so seine Feststellung. Am Antrieb ist wohl nichts kaputt gegangen, auch die Leine blieb erhalten.

So bin ich jetzt eine Erfahrung reicher und fünfzig Euro ärmer, aber es hätte auch viel schlimmer ausgehen können. Wäre mir das drei Stunden vorher in der Geltinger Bucht passiert, ich hätte wohl einen anderen Hafen anlaufen müssen, denn Gelting selbst wäre nur mit endlosem anstrengendem Kreuzen erreichbar gewesen, und dann ab fünf Uhr im Regen! Nicht wirklich lekker!

So, das wär's fürs erste, weitere Erfahrungen kommen morgen. Erstmal eine lange Nacht durchschlafen und das Erlebte verdauen, ich darf gar nicht daran denken, was alles hätte passieren können.
 

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Nach 11 Stunden ununter-brochenen Schlafes beginnt der Tag mit Sonnenschein, einem lauen Lüftchen, einem gemütlichen Frühstück und allem anderen, was zu so einem Morgen gehört. Nach dem Frühstück räume ich erstmal die übrig gebliebenen Leinen auf, vorne gibt es jetzt nur noch die kurzen Vorleinen, die langen kommen nach hinten. Noch mal will ich das nicht erleben: Leinen in der Schraube. Ich hatte mal wieder unverschämtes Glück.

Abb. 8: Yachthafen Gelting  
Abb. 8: Yachthafen Gelting  

Dann mache ich das Fahrrad klar, und radle nach Gelting, da soll es einen großen Discounter geben, den mit den vier Buchstaben auf gelbem Hintergrund. Die Fahrt über einen extra Radweg dauert so zwanzig Minuten, links und rechts Felder, Raps, Weizen, Gerste. Es riecht nach Landwirtschaft, und frischem Heu. Auf der Straße nebenan fahren dicke Traktoren mit noch dickeren Reifen und großen Anhängern mit flottem Tempo, von den alten Landmaschinen ist hier nichts zu sehen. Die gibt es dann im Bauernmuseum.

Am Orteingang sitzt der genannte Discounter, schnell sind die letzten Vorräte für Dänemark eingekauft. Da ich keinen Essensplan habe, entspricht die Auswahl eher dem Üblichen: H-Milch, Tomaten, Bananen, verschiedene Käsesorten, Schwarzwälder Schinken und ein frisches Brot. Voll bepackt radle ich zurück.

Den weitere Nachmittag braucht das ausführliche Studium der Wetterlage, der Kurs nach Sønderburg führt über die ganze Flensburger Bucht, da will ich schon wissen, was gespielt wird. Und wie lange kann ich dort bleiben? Was will ich mir anschauen?

 

Da der Abend so schön ist, das Licht der Sonne noch so hell, einigermaßen warm, windstill, gibt es einen kleinen Ausflug nach Gelting Wackerballig, einem urigen Hafen, der über einen 200 Meter langen Holzsteg mit dem Festland verbunden ist. Im Hafen eine Kneipe/Cafe' und jede Menge freie Plätze. Alles sehr

Abb. 9: Landbrücke zum Yachthafen Gelting Wackerballig  
Abb. 9: Landbrücke zum Yachthafen Gelting Wackerballig  
ruhig, wären da nicht einige Gäste auf der Sonnenterasse, die es sich schmecken lassen. Zurück mit dem Rad auf einem steinigen Feldweg, gegen die untergehende Sonne, die mich immer noch grell blendet, in den Geltinger Hafen, in dem ich der langsam untergehenden Sonne zuschaue.

Am nächsten Morgen sieht das Wetter wieder ganz anders aus: trüber, grauer Himmel mit Regenwolken, aus denen es auch später leicht heruntertröpfelt. Gut, dass ich die Abreise um mindestens noch einen Tag verschoben habe, kein Reisewetter für mich. Der Blick in die Flensburger Bucht zeigt eine diesige See, das gegenüberliegende Ufer nur verschwommen erahnbar. So werde ich den Tag an Bord verbringen, mit Schreiben, natürlich aufräumen und diesem und jenem. Auch wenn später die Regenwolken sich verzogen haben und die Sonne scheint, das soll ein ruhiger Tag werden.

Nachmittags gibt es wieder die kleine Radtour nach Gelting, es fehlt noch dies und das, z.B. meine Wasservorräte aufzufüllen. Ein Fahrradschloss ist leider nirgends aufzutreiben, es gibt nur wenig Geschäfte in Gelting. Nach intensivem Gitarrespielen und -üben entscheide ich mich, am Abend das Hafenrestaurant "Sonne & Meer" aufzusuchen. Zumindest die Speisekarte sah schon ganz gut aus. Ich bestelle Risotto mit Pfifferlingen und Hähnchen "Kikok". Was mir dann allerdings auf einem ziemlich großen Teller in sehr übersichtlicher Weise präsentiert wird, schmeckt zwar einigermaßen, etwas salz- und gewürzlos, die Handvoll Pfifferlingstückchen verstecken sich im Reis, einige kleine Tomatenkügelchen dazu, das Fleisch hätte etwas würziger sein können, aber vor allem: Mein Magen bleibt leer! Als ich dem Kellner auf seine entsprechende Frage antworte, es sei "sehr übersichtlich" gewesen, fragt er nach, ob es hätte mehr sein können. Ja, es hätte deutlich mehr sein können, für den Preis allemal. So gehe ich mit dem Gefühl zum Boot, dass nachher noch auf jeden Fall ein Butterbrot oder sonst was drin sein muss. Mann will ja nicht hungrig zu Bett gehen. Naja, vielleicht ist die Sonne, ein laues Lüftchen und die Wärme eine kleine Entschädigung dafür. Auf jeden Fall, sollte ich nochmals nach Gelting Mole kommen, dann nicht dieses Restaurant. Wahrscheinlich werde ich dann so wie so Gelting-Wackerballig anfahren, das liegt ja gleich um die Ecke.

Und morgen soll es losgehen, nach Sønderborg, dann beginnt der Dänemark-Teil.

 

 
Donnerstag, den 23. Juni: Sønderborg

Die Überfahrt nach Sønderborg war leicht, nichts Aufregendes, kein starker Wind, keine Welle. Kurz vor neun Uhr wird die Maschine gestartet, im etwas windigen Hafen von Gelting macht es aber keine Probleme, aus der Box zu kommen. Der freundliche ältere Herr von nebenan ist behilflich, er führt die Vorleine, so dass ich meine Spring gar nicht richtig benutzen muss. Draußen ist es diesig, die Sicht vielleicht zwei bis drei Seemeilen. Es scheint ein wenig die Sonne, sie hat aber nicht die Kraft, die Wolkendecke zu durchbrechen. Immerhin, es regnet nicht, ist auch nicht zu kalt, so dass ich im Hemd in der Plicht sitze und aus dem Hafen steuere. Diesmal ohne Bodenkontakt, immer streng den Tonnen nach!

Draußen ist der Wind so schwach, dass ich eine gute Stunde mit dem Motor fahre, dann frischt es auf, die Welle wird größer, jetzt Seegang 2, einen halben Meter hohe Wellen. Der Wind kommt günstig von der Steuerbordseite, mir reicht das Vorsegel, ist es zudem ja auch größer als das Groß. Mit vier Knoten im Schnitt gleite ich langsam durch die Fluten, rings um mich kein Segler weit und breit, ich bin allein in der Flensburger Bucht, in die die Geltinger Bucht mündet.

Mit Hilfe der Selbststeuerung genieße ich beschauliches Segeln, begleitet von den Klängen von Metallica. Ihre Musik passt zwar jetzt gerade nicht so zum Wetter, aber das Display des Abspielgeräts ist bei diesem Licht nicht zu lesen, so dass ich nichts anderes auswählen kann. Der Kurs geht immer schön 340 °, schnurgerade aus.

Kurz nach elf Uhr erreiche ich die Marina von Sønderborg, ein Däne und ein Deutscher hilft mir beim Festmachen. Dänische Hafenordnung: es gibt nur eine Dalbe für die Heckleine, oder anders gesagt: zwei Boote in eine Box. Etwas gewöhnungs-bedürftig. Mit einer Spring hinten und auf der Steuerbordseite kann ich verhindern, dass der Anker vorne auf den Steg knallt.

Danach kommt der Bezahlautomat am Hafenkontor, weil er nicht funktioniert, springt der Hafenmeister ein. Ich löhne erstmal für drei Übernachtungen, will ich doch in der Stadt einiges anschauen, Schloss, Museum und anderes in den Reiseführern lohnenswertes. Dann wird man weitersehen.

WLAN funktioniert ganz gut, ich kann meine Post abholen, und das Internet für die Wetterdaten benutzen. Inwiefern das Hochladen von Dateien funktioniert, wird sich noch zeigen, auch, ob ich eine dänische SIM-Karte brauche für meinen Internet-Stick.

Jedenfalls, bis jetzt alles gut; auch der Motor hat die ganze Zeit wacker mitgemacht, anscheinend sind von der Schrauben-Umwicklung keine Schäden zurück geblieben.

Der Nachmittag vergeht in aller Ruhe und Gemütlichkeit, bei Regen zwischendurch, aber auch Sonnenschein. Einige Segler haben so ihre Schwierigkeiten, mit den weiten Abständen zwischen den Dalben zurechtzukommen, bei dem gerade herrschenden Wind aus Ost. Die meisten nehmen nicht als erstes die Luv-seitige Dalbe, sondern die Lee-seitige. Dadurch wird es schwierig, an die Luv-seitige überhaupt ran zu kommen. Manch ein Schiff macht in der Box, was es will, d.h. was der Wind will. Und die beiden deutschen Crews denken dann auch folgerichtig, dass sie beide Dalben belegen könnten. Was ein Irrtum ist, sieht doch eine Box zwei Schiff vor. Aber noch ist der Andrang an Gästen sehr gering, der Fehler fällt also gar nicht weiter auf. Auch beim Ablegen heute morgen - der Wind hat inzwischen gedreht und kommt aus Süden - wird eine große Yacht mit fünf Mann Besatzung so in der Box gedreht, dass sie nur parallel zum Steg herauskommt. Zum Glück ist weder eine Dalbe noch ein Schiff im Weg.

 

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Am Freitag-Nachmittag fahre ich in die Stadt, einige Einkäufe und Photos stehen auf dem Zettel. Der Weg führt durch einen Park, leider ist die direkte Strandpromenade eine einzige Baustelle. Am Stadthafen angekommen, führt mich der Plan, den ich im Hafenbüro bekommen habe, in die Innenstadt mit den Geschäften. Es gibt mehr oder weniger zwei bis drei Straßen, die mit Klamottengeschäften, Telefonläden und Cafe's bzw. Restaurants gut

Abb. 10: Alte Häuserzeile in Sønderborg  
Abb. 10: Alte Häuserzeile in Sønderborg  
bestückt sind. Viele alte Häuser sind nicht zu sehen, in der Schlacht vom April 1864 wurde gut ein Drittel der Stadt damals zerstört, den Rest erledigten die Dänen 1920 selbst, als die Christians X. Bro gebaut wurde.

So komme ich auch schnell zu meiner dänischen SIM-Karte. Die Unterhaltung läuft auf englisch, mal sehen, was mir da angedreht wurde. Der Verkäufer ist immerhin so freundlich, mir alles einzurichten und die Karte zu aktivieren. Das nächste Geschäft ist eine Apotheke, in der ich gleich zu Beginn auf eine neue Art des Einkaufens aufmerksam gemacht werde: Jeder Kunde zieht einen Bon mit einer Nummer, auf mindestens sechs Bildschirmen über den Kassen werden die Kunden dann dahin dirigiert, wo eine Verkäuferin gerade frei ist. Später, in einer Bäckerei, werde ich auf die gleiche Art zu einer Bedienung geleitet. Nur im Fahrradshop - es braucht mal wieder ein neues Schloss - werde ich direkt auf deutsch bedient.

 

Danach fahre ich zum Hafen, am Schloss ist gerade eine Creativ-Kunst-Woche "Wood Sculpture 5. international symposium Sønderberg" am Laufen. An Holzarbeiten werken verschiedene Künstler, z.T. mit Maschinen, die wie Drehbänke aussehen, oder elektrisch betriebenen Schleifmaschinen. In einem Zelt werden aber auch gebrannte Stücke gezeigt. Daneben im Schloss war wohl heute ein Festtag, jedenfalls ist die ganze Stadt voll mit jungen Leuten, die mit einer besonderen Mütze oder Kappe und einer Art Uniform ihre Teilnahme am Fest ausdrücken.

Abb. 11: Wood Sculpture 5. international symposium Sønderberg  
Abb. 11: Wood Sculpture 5. international symposium Sønderberg  

Überhaupt, vor dem Rathaus, der ganze Platz ist eine einzige Gastronomiemeile. Heute ist auch noch "Historischer Markt", eingebettet in die Ereignisse von 1864, als die Preussen die Stadt zu Schutt und Asche schossen. "Am 22. und 23. Juni wird der 'Kampf um Als' als die entscheidende Schlacht des Krieges von 1864 wieder aufgeführt. Es gibt einen Umzug durch die Stadt  Sønderborg, ein Soldatenlager in Kær Vestermark und die Aufführung des Übersetzens (mit Booten) nach Als bei Arnkilsøre mitten in der Nacht", heißt es auf der website der Stadt Sønderborg http://www.visitsonderborg.de/de/sonderborg/vom-danewerk-nach-dybboel .

Zeit genug, um ein kleines Kapitel Geschichte einzuschieben:

Deutsch-Dänische Geschichte in Kurzform

Frühes Mittelalter: deutsche und dänische Herrscher einigen sich auf die Eider als Grenze ihrer Machtbereiche: im Norden bleibt das Herzogtum Schleswig dänisches Lehen, im Süden ist Holstein weiterhin deutsch, ab 1474 ebenfalls Herzogtum. Im 13. Jahrhundert werden durch eheliche Verbindungen zwischen den Herzögen beide Gebiete vereint.

1460 stirbt der letzte Schauenburger kinderlos, die Ritterschaft wählt Christian I. zum Nachfolger. Er muss schwören, dass beide Gebiete auf ewig ungeteilt zusammenbleiben.

Mai 1840: Christian VIII. verordnet, dass Dänisch Amtssprache in allen dänischsprachigen Teilen Schleswigs wird: Beginn eines Sprachenkampfes. Deutsch gilt als Sprache der Oberschicht, die "ungebildeten" Landbewohner vor allem sprechen dänisch.

Aufkommender bürgerlicher Chauvinismus und Nationalismus: Soll die dänische Verfassung auch in den Herzogtümern Schleswig und Holstein gelten und sie damit zu einem Teil Dänemarks machen? Die Deutschgesinnten wollen dagegen eine gemeinsame Verfassung für beide Herzogtümer und den Anschluss an den Deutschen Bund.

22. März 1848: Einverleibung Schleswigs in das Königreich Dänemark durch Frederik VII.

Erster Schleswigscher Krieg (oder Deutsch-Dänischer Krieg) 1848-50: Aufstand der Deutschnationalen; der Krieg endet am 25. Juli in einer der blutigsten Schlachten  Nordeuropas auf der Idstedter Heide, westlich von Schleswig: 10 000 Tote und Verwundete bleiben zurück. Ein sinnloser Sieg für die Dänen: Frederik VII. bleibt Regent in den Herzogtümern, die Monarchie in Dänemark wird konstitutionell.

1863: Christian IX. unterschreibt auf Druck der Regierung ein Gesetz, das die dänische Verfassung auf Schleswig ausdehnt. Preußens Kanzler Bismarck setzt ein 24-Stunden-Ultimatum zur Rücknahme.

18. April 1864: In der Schlacht an den Schanzen von Dybbøl, gegenüber von Sønderborg, erleben die Dänen eine katastrophale Niederlage. Die Preussen besitzen die besseren Waffen, von Krupp entwickelte Hinterladergeschütze und fast die vierfache Überlegenheit. Die Dänen sind mit ihren veralteten Vorderladern und ihren 9000 Mann absolut unterlegen. Dänemark muss Schleswig bis zur Kongeå (Fließgewässer in Jütland, verläuft nördlich von Ribe an der Westküste und teilt das Land bis kurz vor Kolding) an Preussen abtreten, zusammen mit 175 000 dänisch-gesinnten Menschen. Die Dänen verlieren fast ein Drittel ihres Staatsgebietes. In der Folge verlässt ein Drittel aller Dänen das Herzogtum, viele in Richtung Amerika.

(Quellen: Reise-Handbuch Dänemark, Ostfildern, 2014;
Jan Werner:
 Ostseeküste - Travemünde bis Flensburg, Bielefeld 2011 und 2013; die Darstellung hier beschränkt sich auf das Notwendigste und lässt z.B. die Rolle anderer Staaten ganz außen vor.)

Mit Museum war heute leider nichts: den ganzen Tag Regen, Regen, Regen. Mal als Platzregen - im Hintergrund irgendwelche Gewitter - mal als feiner Schnürlregen. Dann wenige Minuten Pause, in denen es nicht trommelt, auf das Kajütdach, auf die Regenplane. Ich mache sogar die Sitze trocken, aber alles umsonst. Nach einigen Minuten setzt er wieder ein, es ist um Katzen kriegen, kein Wetter um nach draußen zu gehen. So bleibt nur lesen, forschen, der deutsch-dänischen Geschichte nachspüren, die zwei Kriege 1848-50/51 und den von 1864 in einen größeren historischen Kontext zu stellen. Es ging ja letztlich um den Übergang von Nationalstaaten zu größeren Gebilden. Und da war ja Deutschland ziemlich im Hintertreffen. Erst die Märzrevolution 1848 brachte den Prozess in Gang, wobei man das eigentlich so nicht sagen kann, weil solche Entwicklungen selten einen konkreten Anfang haben, sondern sich ein Prozess aus dem vorhergehenden entwickelt. 1848 wird eben eher als Markierung genommen, um irgendwo einen Anfang zu setzen. Und dann geht es noch um die Bindungen zwischen Preussen und Österreich, das auch kräftig mitgespielt hat. Diese "Ehe" ist ja dann im Deutschen Krieg zerbrochen. Auch die Engländer und Russen spielen mit, die Franzosen so wie so. Letztendlich ist das ganze ziemlich komplex, unterm Strich kommt heraus, dass Dänemark ein Drittel seines Staatsgebietes verliert, nach dem Verlust von Norwegen und anderen Landesteilen zu anderen Zeiten. Das muss die Dänen sehr getroffen haben. Und deswegen ist es nicht weiter verwunderlich, wenn gerade hier auf diesem historischen Boden der Ereignisse immer wieder gedacht wird.

Morgen will ich nach Dyvig, das ist ein Yachthafen schon ziemlich am Ende der Insel Als. Dort soll in der benachbarten Stadt Nordborg eine ganz tolle Ausstellung sein: Danfoss Universe. Der weltbekannte Thermostatenhersteller, der aber wohl auch noch ein paar andere Dinge produziert, hat dort eine Naturwissenschaften- und Technik-Schau. Wahrscheinlich werden mir bei der Unmenge Schüler, die dort rumlaufen, wieder so manche Gedanken kommen, man wird eben sein früheres Leben nicht dadurch einfach los, in dem man in ein Segelboot steigt. Und die Sonne soll mitspielen, jedenfalls die Fahrt bis dahin.

Inzwischen hat es aufgehört, zu nieseln und zu nässen, zu plätschern und zu schütten, und nach viel warmen Nudeln mit Pesto-Sauce bessert sich meine Laune. Nudeln machen eben doch glücklich!

Auf der Karte "Abb. 1: Der südliche Teil der Reiseroute" ist übrigens der Stand meiner Reise eingezeichnet.

Doch am Sonntag ist nichts mit der Fahrt nach Dyvig, mein Bauchgefühl sagt mir, ich solle besser "zu Hause" bleiben. So schlafe ich erst mal aus, bezahle später den Hafenmeister, checke meine mails und besuche endlich das Museum im Schloss. "Museum Sønderjylland - Schloss Sonderburg - Geschichte und Kultur des Grenz-landes" befasst sich in drei Stockwerken "mit der Geschichte und Kulturgeschichte des Grenzlandes. Die historischen Ausstellungen umfassen u.a. die schleswigschen Herzöge, die schleswigschen Kriege von 1848-51 und 1864, die Zeit unter deutscher Herrschaft, den Ersten Weltkrieg, die Volksabstimmung und die Wiedervereinigung 1920 sowie die Geschichte des Schlosses und der Stadt Sonderburg," so der Flyer aus dem Museum. Große Teile der Ausstellung sind dreisprachig, dänisch, englisch, deutsch. Leider sind ganz entscheidende Teile nicht übersetzt worden. Es werden jedenfalls mehrere Inhalte deutlich: Schleswig (und weniger Holstein und Lauenburg) als Spielball und Zankapfel regionaler Herzog- und Fürstentümer, wobei hier auch hin und wieder größere Mächte "mitspielten". Wer mit wem und wie lange Bündnisse schwor und hielt, sie brach, sich neue Koalitionen bildeten, durch Eheschließung und Erbfolgen das Land gewechselt wurde ist schon sehr beeindruckend. Zum zweiten die wirtschaftliche Bedeutung des Landes zwischen Nord- und Ostsee, v.a. den Handel betreffend. Drittens die Größe des Gebietes selbst: nach 1864 hatte Dänemark ein Drittel seines Staatsgebietes verloren. Und dabei müssen die Beziehungen Dänemarks zu seinen Nachbarn Schweden und Norwegen mit berücksichtigt werden, die Politik Schwedens, ja sogar Russlands. Eine im ganzen komplexe Gemengelage, von der ich jetzt erstmal genug habe. Jedenfalls kann man danach gut verstehen, welches Trauma die Niederlage von 1864 ausgelöst hat und wie es noch heute verarbeitet wird.

Draußen in der Bucht vor der Brücke herrscht großes Gedränge, knapp zwanzig Yachten, zum Teil mit Großsegel, kreuzen davor und warten auf die Öffnung. Kaum ist die Brücke auf, die Südwärtsfahrenden durch, strömt der ganze Pulk nach Norden. Tja, wenn's morgen klappt, bin ich dann auch dabei. Wobei vielleicht an einem Montag nicht so viel los ist. Das Wetter bessert sich, die Sonne scheint jetzt kräftiger, aber immer noch viele Wolken bei knapp 5 Bft Windstärke. In Böen auch mehr, aber das weiß ja jeder. 

 

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Montag, den 27. Juni: Dyvig-Yachthafen

Heute ist ein guter Tag zum Reisen, sagt mir mein Bauchgefühl, als ich um sieben Uhr aufstehe. Die üblichen Routinen laufen ohne Hetze ab. Zwar will ich um neun Uhr den Hafen verlassen, aber an der Christian X.-Brücke muss ich sowieso warten. Aber es kommt anders. Schneller als gedacht bin ich fertig, der junge Mann rechts von mir, mit dem ich mich gestern lange unterhalten habe, hilft beim Ablegen, ebenso der ältere Däne, links von mir. So komme ich glatt und ohne Rempeleien aus der Box, verlasse den Hafen und bin in der Bucht vor Sønderborg, in der schon ein guter Wind weht; Windstärke 4-5, in Böen darfs auch ein Bft mehr sein, dazu etwas Seegang. In wenigen Minuten komme ich zur Brücke und zupp, da geht sie schon auf. Ich muss vielleicht drei, vier Minuten warten.

Mit mir vier andere Segler, die meisten haben wenigstens ein Segel gehisst, einer unter Motor. Wie wir so unter der Brücke durch sind, wird das Wasser ziemlich ruhig, der Wind ist kaum zu spüren. Eine Flussfahrt, aber nicht lange. Ich denke, das kann ja heiter werden, wieder zwei Stunden motoren. Aber nach wenigen Minuten sind die ruhigen Flussmeter vorbei, der Wind nimmt zu, die Genua wird wieder aufgerollt. Ungefähr eine Stunde dauert die Fahrt unter Segel durch den Als Sund, dann kommt der weitere und größere Als Fjord. Der Wind hat hier schon ziemlich seine volle Kraft erreicht, die Hindernisse, die ihn bremsen, nehmen immer mehr ab.

 

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Über eine Stunde segle ich dann nur mit dem Vorsegel teils vor dem Wind, teils am Wind. Bei zweiterem nimmt die Geschwindigkeit richtig zu: sieben Knoten sind allemal drin, vor dem Wind waren es meistens "nur" vier. Mir reicht das, die wenigen, die auch noch das Großsegel oben haben, fahren doch unter ziemlicher Schräglage. Muss ja nicht sein! Es geht vorbei an beschaulichen Ufern, hier ein Stück Wald, dann wieder Felder, manchmal auch mit gelbem Raps. Ein paar Gehöfte links, einige Stege zum Anlegen rechts. Zwischen drin kommt einmal die Fähre von Sottrupskov, aber als ich auf ihrer Höhe bin, ist sie schon am anderen Ufer. Einige Segler und Motorboote kommen mir entgegen, wegen des großen Vorsegels muss ich immer sehr genau schauen, was kommt. Zwischendrin bemerke ich, dass die Fender noch zum Teil außerbords

Abb. 12: Anfahrt auf Dyvig - in der Stegsvig  
Abb. 12: Anfahrt auf Dyvig - in der Stegsvig  
hängen, angeleint und angepickt hole ich sie rein. Es schaukelt jetzt schon ganz schön.Vor dem Ende des Fjords geht es jetzt rechts ab in die Stegsvig-Bucht, die dann in die Dyvig-Bucht übergeht, an dessen Ende zwei Häfen liegen. Aber bevor ich soweit bin, kommt erst die enge Stelle. Fünf Meter breit, drei Meter tief, aber gut betonnt.  
Links, auf der Sandbank, die das Fahrwasser so schmal macht, sitzen die Wasservögel und genießen die Sonne. Sie lassen sich von den vorbei gleitenden Schiffen nicht stören. Da links und rechts vier grüne und rote Spieren in engem Abstand angebracht sind, ist es gar nicht so schwer, Abb. 13: Die schmale Stelle  
Abb. 13: Die schmale Stelle  
hier durchzukommen. Meine Befürchtungen zerstreuen sich im Winde, die Erinnerungen an die Boddengewässer letztes Jahr sind doch noch sehr nah!  

Nach der Untiefe geht es nochmals eine ganze Strecke, bis die zwei Häfen klarer sichtbar werden: der linke Dyvig Bro mit nur zwei Stegen und der rechte Dyvig Bådelaug, fünf Stege, mit allem was man braucht, auch einem kleinen Laden, hier "Brugsen" genannt und einer Tankstelle. Am letzten Steg finde ich so ziemlich am Stegende noch ein grünes Schild, ein dänisches Boot war schneller und mit dem vorderen Platz besser bedient. Diesmal klappt das Anlegen überhaupt nicht, ich erwische nur eine Dalbe, dann ziehe ich mich mit dem Bootshaken nach vorne.

Abb. 14: Im Hintergrund der Hafen  
Abb. 14: Im Hintergrund der Hafen  
Immerhin habe ich gegen den Wind angelegt, das ist mir gelungen. Aber das macht es jetzt auch so schwer, die Yacht nach vorne zu ziehen. Als mir das gelungen ist, springe ich an Land und mache an den Pfosten fest. Danach will ich das Schiff nach achtern ziehen, um auch an der zweiten Dalbe festmachen zu können. Jetzt erweisen sich die Vorleinen als zu kurz. Mit einem Lassowurf bekomme ich trotzdem die Leine über den Pfosten, jetzt kann ich auch vorne richtig festmachen, mit angemessenem Abstand zwischen Steg und Ankerfender (der Fender, der vor dem Anker angebracht ist).

Der Rest geht dann wieder sehr routiniert: Stromkabel legen, zum Hafenmeister, auch hier wieder ein Bezahlautomat, Karte reinstecken, auswählen, was man braucht und dann wird die Bezahlkarte ausgespuckt nebst Quittung und Aufkleber. Mit der Bezahlkarte aktiviert man den Strom. Als ich am Stromkasten dann drei Aufladungen vornehme, also drei Einheiten bezahle, sehe ich, dass mein Kabel gar nicht in diesem Kasten steckt. Was jetzt? Zum Glück ist das Kabel lang  und die Anschlüsse nah genug beieinander, um das Malheur auszugleichen. Jetzt noch die Regen-Sonnenplane, und das war's dann erst mal. Wieder ein Stück nach Norden gekommen, das Logbuch meldet dreizehn Seemeilen in knapp drei Stunden.

 

 

Heute, Mittwoch, den 29. Juni, ist endlich der Tag der Danfoss-Universe gekommen. Mit dem kostenlosen Buss geht es von Dyvig-Hafen über Nordborg zur Ausstellung, die ca. vier Kilometer außerhalb der Stadt aufgebaut ist. Nur eine Schulklasse - Grundschüler - wird vor dem Eingang von den zwei Lehrern eingeschworen, wie sie sich verhalten soll. Das andere Publikum besteht überwiegend aus Familien mit Kindern.

Nach dem Kauf der nicht ganz billigen Eintrittskarte fällt  als erstes

Abb. 15: Isländischer Pavillon der Expo 2000

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Abb. 15: Isländischer Pavillon der Expo 2000  
der isländische Pavillon der Expo 2000 ins Auge. Im von Wasser überströmten Würfel werden die Naturkräfte Islands anschaulich, zusammenhängend und auch im einzelnen dargestellt. Bei der Schilderung der Vulkane und Lavaflüsse durch eine Mitarbeiterin sehe ich die Kleinen gebannt an den Lippen der Erzählerin hängen. Viele Darstellungen werden durch Videos unterstützt, in einem die Geysire schildernden bläst dann auf einmal ein Springbrunnen sein Wasser 12 Meter hoch in ein Rondell, untermalt mit dramatischer Musik. Alles sehr schön gemacht, innen eine total blaue Atmosphäre, beeindruckend.  

Draußen sehe ich dann viele Exponate wie das auf dem Foto: Der Hersteller, der ja vor allem mit Heiztechnik und Hydraulik zu tun hat, setzt das dazu hintergründige Wissen in anschauliche Experimente um. Es geht um Druck und Gegendruck, um die Kraft des Wassers, um Wärme und andere Formen von Energie. In einem der auffälligen Bauwerke "Cumulus", kann ich eine Drohne steuern, was gar nicht so einfach ist. Beim

Abb. 16: Interaktives Wasserspielzeug  
Abb. 16: Interaktives Wasserspielzeug  
Landeanflug verpasse ich die Plattform, sie setzt am Rand auf und stürzt ab. In einem 5-D-Kino wird der Flug durchs All zu einem bewegenden Erlebnis gemacht, die Passage durch die Ringe des Saturn passen gut zu dem Buch, das ich gerade lese.

Im Übrigen ist der ganze Park ein wunderschöner Garten, überall sind Beete mit herrlichen Blumen eingestreut, es ist alles sehr gepflegt und sauber. Auch die Besucher halten sich daran, keiner wirft einfach seinen Müll weg. Dazwischen gibt es immer wieder Stationen, in denen sich Klein und Groß stärken kann.

Mads Clausen, der Danfoss 1933 gründete, war wohl ein echter Tüftler und Bastler, der sich vor allem für die Zusammenhänge zwischen Druck und Wärme interessierte. Seine in Lizenz gefertigten Expansionsventile für Kälteanlagen waren noch nicht der Schlager, der die Firma groß machte. Erst das thermostatische Heizkörperventil, eine Erfindung aus den 50-iger Jahren, brachte im Zuge der Energiekrise den Durchbruch. Die später gegründete "Mads und Bitten Clausen-Stiftung" (Bitten war die Frau von Mads Clausen) errichtete an der Sønderberg-Universität ein Institut, das mit modernster Technik arbeitet. Von den beiden Gründern stammt auch letztlich der Erlebnispark, der Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften und Technik begeistern soll.

 

 
Donnerstag, der 30. Juni: Aabenraa

Der Tag: ein Regentag, die Fahrt: eine Regenfahrt. Muss auch mal sein, noch ein Tag Dyvig wäre dann doch zu langweilig sein. Die Wetterprogramme machen teils Hoffnung, teils verstehe ich sie nicht. Windfinder meldet 1 mm Niederschlag pro Stunde, dazu einen Tropfen. Um acht Uhr, später Null. Zygrib, das andere Wetterprogramm, meint 0,15 mm und später 0,37 mm pro Stunde. Alles ganz genaue Zahlen und doch alles Bullshit. Wenn ich da im Cockpit stehe, das Ruder zwischen den Beinen, das Wasser und die Wolken im Als- und später im Aabenraa-Fjord beobachte, denke ich nur: Wann hört es auf? Und ich mache mir Mut: Es kann nur besser werden!!! Aber es könnte auch noch mehr werden, außer dass ich immer wieder die Brille an einem immer nässer werdenden Küchentuch (saugfest!) reinige, damit ich wenigstens etwas sehe.

Naja, der Start war einigermaßen unproblematisch, kurz vor zehn den Jockel angeworfen und raus aus der Box. Klappte ganz gut, auch ohne Spring. Dann in der Dyvig-Bucht bis zur riskanten engen Durchfahrt. Zum Glück fährt einer vor mir her, ich muss nur sehen, wie er es macht. Und das ist bei vom Regen beeinträchtigter Sicht auch nicht so einfach. Jedenfalls, die Spieren kommen, ich drossele die Geschwindigkeit auf vier Knoten und schiebe mich langsam durch. Danach, erleichtert, kann ich auf fünf Knoten hochschalten, wenigstens einige Minuten lang.

Nach einer halben Stunde Motorfahrt ist Segeln dran. Bei Windstärke vier reicht die Genua, den Stress mit dem Groß tue ich mir nicht an. So kann ich ziemlich eine Stunde segeln, mal schneller, mal langsamer, zwischen fünf und sieben Knoten macht "de Widzi". Aus der Dyvig-Bucht raus, geht es erst einen steileren Kurs, dann an der Schnittlinie zum Aabenraa-Fjord erst 270° und dann später bis auf 240° runter. Jetzt kommt der Wind von vorne, hart-am-Wind mag das Schiff nicht so gerne, selten sind mehr als vier Knoten drin. Vor halb zwölf Uhr, die Zeiten stimmen so ungefähr, wegen des Regens konnte ich ja nicht viel schreiben, wieder die Maschine an. Und um halb eins bin ich im Hafen von Aabenraa, auf deutsch Apenrade, aber das war mal, auch Åbenrå geschrieben, aber meistens mit zwei A's am Anfang und am Ende. Hier gibt es ein schönes Museum, war Aabenraa doch mal die größte Schiffbaustadt Dänemarks gewesen, sogar Fahrten nach China gingen von hier aus.

Kaum habe ich festgemacht, das mit den zwei Leinen klappt immer noch nicht so richtig, aber keiner schaut zu, wie ich mich da an der Seitenleine nach vorne ziehe, den Wind gegen mich, dann die Regenplane aufgezogen, da schüttet es vom Himmel, dass es nur so kracht. Hat der Himmel doch ein bisschen Mitleid mit mir gehabt und mich draußen vor dem großen Regen verschont. Verglichen mit dem Platzregen war das Nass auf dem Wasser nur ein Vorgeschmack. Auf einer Leine unter der Plane versuche ich Hose und Jacke zu trocknen, dann ist erst mal ein Mittagsschläfchen drin, schließlich musste ich ja "mitten in der Nacht" aufstehen. Zwölf Seemeilen in etwas mehr als zweieinhalb Stunden, das reicht für heute. Ach ja, und wegen Murphy's Gesetz: Als ich das Seeventil der Spüle zumachen will, kippt die Dose mit dem Olivenöl um. Jetzt ist der Teppich voll damit. Küchentuch, Küchentuch, ich liebe dich! Aber nach dem Schläfchen ist erst mal Waschen angesagt, auf dem Steg, hier ist alles ziemlich modern und neu, Wasser- und Stromanschlüsse alle paar Meter. Jetzt tropft das Teil erst mal vom Bugkorb sein Wasser ab, vielleicht ist es morgen trocken.

 

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Besuch im Schifffahrtsmuseum

Am Freitag stehe ich früh auf, hat mich doch das Bild von der durchgebogenen Vorstagstange nachts um halb vier Uhr aus dem Schlaf geweckt und mir dann keine Ruhe mehr gelassen. Was doch, wenn der ominöse Springring aus dem Bolzen gesprungen ist und das Vorstag jetzt nur noch an der Vorsegelfall hängt? Wenn das Tau reißt, bin ich am A....., um es deutlich zu sagen. Also früh aufgestanden, hier ist das Hafenmeisterteam nur von 08.00 bis 09.00 Uhr und dann nochmals am frühabend zu sprechen. Wilde Vorstellungen vom Abbau des ganzen laufenden und stehenden Guts, der Wanten und Fallen geistern durch meinen Kopf.

Als ich jedoch dann später das Vorsegelfall losmache und jetzt eigentlich die Vorstagstange nach unten gleiten müsste, tut sich nichts. Mit dem Fernglas sehe ich den Sicherungsring in seinem Bolzen. Also blinder Alarm! Nach zwei Tassen Kaffee und Frühstück versuche ich erst einmal, noch ein paar Stunden zu schlafen. Dann kommt das Schifffahrtsmuseum, weswegen ich ja u.a. nach Aabenraa gesegelt bin. Mit dem Stadtplan aus dem Hafenkontor ausgerüstet marschiere ich ungefähr einen Kilometer, bis das Museum kommt. Es ist beeindruckend, und viele Texte der Schautafeln sind auch in Deutsch.

Im 13. Jahrhundert wurden Aabenraa zum ersten mal urkundlich erwähnt, und am Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Hafen eingeweiht und erweitert. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Hafen dann nochmals um ein trocken gelegtes Sumpfgebiet erweitert und modernisiert. Von 1752 bis 1883 gab es Schiffbau in der Stadt, auf den Werften wurden große Segelschiffe gebaut, die die ganze Welt bereisten. Keine Werft schaffte jedoch den technischen Umstieg auf die Dampfschifffahrt, was den wirtschaftlichen Niedergang der Werften und der Stadt mit sich brachte. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde hier dann die moderne Schifffahrt eingerichtet.
 

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Neben zahlreichen Schiffsmodellen gibt es viele Ölbilder, die sogenannten "Kapitänsbilder". Sie porträtieren die Schiffe bekannter Kapitäne, deren Lebensgeschichte mit dem Schiff verwoben ist. Zuhause wurde dann das Bild aufgehängt. Es gibt auch zahlreiche Bilder von Schiffs-katastrophen, Schiffe im Sturm, Schiffe um Kap Hoorn, untergehende Schiffe, Schiffe im Sonnenlicht, im brausenden Meer, vor dem Hafen, beim Bau usw. Ein ganz eigenes Genre, die Schiffsmalerei.

Abb. 17: Kapitänsbilder  
Abb. 17: Kapitänsbilder  

Während im 17. Jahrhundert sich die Frachtreisen zuerst auf die Ostsee bezogen, wurden ein Jahrhundert später auch vielfach Reisen in Mittelmeer unternommen. Transportiert wurde alles, was sich mit Segelschiffen verfrachten lies, vor allem Holz, Getreide, Leinen, Hanf, Eisen. Die Fahrten ins Mittelmeer waren navigatorisch ziemlich anspruchsvoll und wegen der Piraterie auch ziemlich gefährlich.

Jørgen Bruhn, später einer der einflussreichsten Reeder von Aabenraa, baute dann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schnelle Klipper nach amerikanischem Vorbild. Er war als junger Mann nach Nordamerika gegangen, um dort Schiffbau zu studieren. Die Amerikaner waren zu dieser Zeit in diesem Gebiet die führende Nation.

 
In der Zeit von 1837-46 waren 107 Schiffe, in Apenrade und später in Kalvø gefertigt, im Mittel- und Südamerika-Handel unterwegs. 

Spätere einflussreiche Reeder wie Michael Jebsen erkannten die Zeichen der Zeit mit der aufkommenden Dampfschifffahrt. Er konnte sich in Aabenraa aber nicht durchsetzen, seine Schiffe wurden deswegen in Kiel oder Hamburg gebaut. Mit dem Festhalten an der Segelschifftechnologie verlor Aabenraa den Anschluss und damit die wirtschaftliche Bedeutung. Die Geschichte erinnert an die Entwicklung der Marstaaler Reedereien.

In den dreißig Jahren von den 1850 bis 1880 waren Apenrader Schiffe auch am Chinahandel beteiligt. Die führenden Kapitäne dieser Schiffe wurden so wohlhabend, dass sie sich in einem eigenen Viertel standesgemäße Häuser anschaffen konnten. Noch heute heißt dieses Viertel in der Stadt "Chinatown".

Abb. 18: Souvenir aus dem fernen Osten  
Abb. 18: Souvenir aus dem fernen Osten  

 In einer großen Schautafel wird der Radius der Apenrader Segelschiffe und ihrer Reedereien dargestellt. Ein besonderes Kapitel in einem eigenen Raum widmet die Ausstellung den Frauen der Kapitäne und der Seeleute. Angefangen mit der Redensart "Frauen bringen an Bord Unglück" und ihrer Rolle als Gallionsfiguren bis zu verklärenden Darstellung der zu Hause am Herd wartenden Heimchen werden Aspekte der Wirklichkeit dargestellt, die ich so bisher selten gesehen habe, vielleicht im Museum in Marstal.

 
Nicht wenige dieser Frauen haben sich nämlich nicht mit dieser Rolle begnügt, sondern sind die gefährlichen und strapaziösen Reisen mitgefahren, haben z.T. sogar an Bord Kinder geboren. Dies wird auch im Roman von Carsten Jensen "Wir Ertrunkenen" beschrieben. Natürlich gab es auch Frauen, die zu Hause blieben, aber auch welche, die Tagebücher schrieben oder sonst wie  
Abb. 19: Um die ganze Welt!  
ihre Reisen verarbeiteten.Dabei waren diese Reisen nicht für wenige Monate angelegt, sondern zogen sich teilweise über mehrere Jahre hin.

Mit einem Buch von Peter A. J. Bendixen "Schwarzer Kaffe und Rum - Die Apenrader Kapitäne der Familie Bendixen" und einem Heft "Und sie segelten doch" von Dr. E. C. Winter und O. Brixen Søndergaard, einer Dokumentation zur Geschichte der letzten Frachtsegler auf der Ostsee, verabschiede ich mich aus dem Museum, kaufe noch etwas ein und marschiere zurück zur Marina. Wieder ein erlebnisreicher Tag!

 

 
Sonntag, den 03. Juli: Aarøsund

Auch diese Fahrt ist keine von denen, die man so leicht abhakt. Es war alles drin: starker Wind, noch stärkere Böen, Regen, Starkregen, Gewitter! Hätte ich in den SEEWETTERBERICHT FUER NORD- UND OSTSEE HERAUSGEGEBEN VOM SEEWETTERDIENST HAMBURG geschaut, ich wäre vielleicht nicht gefahren. Dort hieß es: BELTE UND SUND : SUEDWEST BIS WEST 5, SCHAUER- UND GEWITTERBOEEN, SEE 1 METER. Habe ich aber nicht, hätte, hätte, Fahrradkette! Der Windfinder zeigte mir noch gestern Abend Windstärke 3 Bft, später 4, in Böen 5. Von Gewitter stand da nichts. Wie dem auch sei, nachdem ich früh aus der Box herauskomme, ist um neun Uhr die See nach der Hafenausfahrt von Aabenraa erstmal relativ ruhig. Den Himmel beherrschen viele Wolken, die Sonne kämpft um ihren Durchbruch. Dazwischen sind sie aber auch schon zu sehen, die grauen, unten dunkelgrauen Regenwolken, die Tiefflieger, schnell eilen sie vom Westwind angetrieben nach Schweden.

Je weiter ich nach Osten segle, bei diesem Kurs und Wind geradezu ein Muss, desto heftiger wird alles, aber auch alles. Der Wind nimmt zu, die See nimmt zu, jede Böe haut noch stärker rein als die vorhergehende, und dann immer wieder Regen, erst kleine Schauer, dann mehr. Ja mehr, noch mehr, hätte ich dem Wind entgegen schreien sollen. Aber zwischendurch tröstet mich die Sonne, es ist gerade mal so zwischen 17 und 18 °C. Auf der Höhe von Værnes Hoved, am nördlichen Ende des Als Fjords, kennen Wind und Welle keine Grenze mehr, die Weite des Kleinen Belts lässt sie ungehindert dahinbrausen. Der Kurs wird nun immer nördlicher, in einem weiten Bogen umfahre ich die Insel Barsø, durch die dänischen Schießgebiete, in denen die Kanonen im Juli zum Schweigen verurteilt sind. Weil der Wind etwas dreht, muss ich das Vorsegel auf die andere Seite bringen. Jetzt ist es kein Vor-dem-Wind-segeln mehr, sondern mit raumem Wind, also von der Seite. Die Schlagseite nimmt zu, von unten kommen beunruhigende Geräusche, hoffentlich fällt der Kühlschrank nicht um. Ich beschließe, das Vorsegel zu reffen, damit etwas Druck raus genommen wird. Also mit der rechten Hand an der Rückholleine ziehen, mit der linken die Genuaschot loslassen, auffieren, zwischen den Beinen das Ruder. Immer wieder hauen mich die Wellen, jetzt über ein Meter hoch, aus dem Gleichgewicht. Ich gehe kurz in den Wind - wie sagte mir damals mein Segellehrer: "Schnell abfallen, langsam anluven!" (oder war das doch andersrum?) - und hole die Rückholleine mit der Kurbel zurück. Jetzt kann ich wieder auf Kurs gehen, also abfallen, und gleich wird die Fahrt etwas ruhiger.

Inzwischen sind die grauen, drohenden Regenwolken dicht über mir, vor mir, hinter mir, ich bin umzingelt. Und schon grummelt es aus den Wolken. Gewitter, denke ich, das war aber nicht abgemacht. Der Windfinder hat davon nichts gesagt. Soviel zu Wetterberichten. Aber es ist ja nicht der Wetterbericht, der Mensch ist es, der entscheidet. Hätte, hätte, Fahrradkette, siehe oben! Am nahen Horizont kann ich schon keine Küste mehr erkennen, vor ein paar Minuten waren doch noch sogar einzelne Häuser zu sehen. Und dann kommt es knüppeldick von oben. Wie gut, dass ich von Anfang an schweres Wetterzeugs an hatte, mit Gummistiefeln. Während ich da im Regen sitze, am Steuer, oder stehend Ausschau halte - ich wundere mich immer wieder, warum so wenig andere Schiffe zu sehen sind - blitzt es vor mir, zwar in doch ziemlich weiter Entfernung, aber deutlich zu sehen. Ich bin so überrascht, dass ich nicht die Sekunden bis zum Donnern zähle. Aber es dauert nicht lange, da kommt er, und ich denke: O Je, Herr lass es vorüber gehen! Wenn jetzt der Blitz einschlägt! Ein gerne verdrängtes Thema. Nach ein paar Minuten ist die Gewitterfront abgezogen, der Regen hört auf und zum Trost scheint die Sonne. War doch alles nicht so schlimm, will der Wettergott mir sagen?!

Ungefähr eine Seemeile vor Aarøsund und der gegenüberliegenden Insel Aarø, beides nicht zu verwechseln mit der Insel Ærø, geht der Kurs nördlich weiter. Inzwischen macht sich die Enge der Durchfahrt zwischen Insel und Festland und die abnehmende Wassertiefe bemerkbar: die Wellenhöhe nimmt ab, das Wasser wird ruhiger. Der wahre Grund ist aber der von Norden nach Süden laufende Strom, der ungefähr eine Geschwindigkeit von zwei Knoten hat, manchmal auch mehr. Das Schiff macht jetzt keine vier Knoten mehr, vorher waren es in der Regel sechs, in Böen einer mehr. Also Strom von Norden nach Süden, Welle von Süden nach Norden. Das ergibt manchmal beunruhigend hohe Brecher, aber im ganzen genommen nimmt die Wellenhöhe ab. Mir wird das jetzt zu langsam, aber selbst mit der Maschine, mit der ich bei der gewohnten Umdrehung locker fünf Knoten mache, werde ich nicht schneller als vier oder weniger Knoten. Wie dem auch sei, nach etwas mehr als vier Stunden habe ich den Hafen erreicht, die nicht unproblematische Hafeneinfahrt - siehe Strom - passiert und suche mir einen Platz aus. An einer ruhigen Box steht das Schild auf grün, wenn auch die hingeworfenen Vorleinen eher vermuten lassen, der Besitzer wäre gerade mal um die Ecke. Der Boxnachbar und ein anderer Däne helfen mir, wieder habe ich Schwierigkeiten mit der zweiten Achterleine. Aber sie sind sehr hilfsbereit, die Dänen, soweit ich das bisher feststellen konnte. Es gibt sicher auch andere!

Jetzt nur noch die Leinen klarmachen, den Strom legen, den Havenkontor mit dem Bezahlautomat aufsuchen, die Regenplane, ein bisschen was essen und dann schlafen!

Und, wie sich nach der Fahrt herausstellt, war nicht perfekt aufgeräumt: die Kaffeekanne, noch halb voll, stand in einem Korb, ist natürlich umgefallen und ausgelaufen. Jetzt habe ich nicht nur einen großen Ölfleck, sondern auch einen mit Kaffee. Nun hängt der Teppich über dem Großbaum, es regnet, und alles wird ausgewaschen. So regelt sich das Problem von selbst! (Hat es übrigens nicht, auch nach dem Regen der Nacht war der Fleck noch da!)

 

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Heute, Montag den 4. Juli, will ich einen Ausflug mit dem Fahrrad machen.
Ganz in der Nähe, so das Info-Blättchen des Hafens, soll es den größten Grabhügel Südjütlands geben, aus der frühen Bronzezeit. Also nehme ich mein Rad, fahre auf einem Weg neben der Straße nach Haderslev, dann rechts ab nach Hajstrup, und dann nochmals nach einem Hinweisschild nach Tamdrup Høj.

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Und nach ungefähr fünf Kilometern, zuletzt an einsamen Höfen vorbei, die Landschaft ist insgesamt etwas zersiedelt, erreiche ich den Hügel, die letzten Meter auf einem Feldweg  bergan schreitend, weil radfahren nicht mehr geht. Er ist zwischen acht und neun Metern hoch und ungefähr vierzig Meter breit, achtundvierzig Meter über dem Meeresspiegel. Zwischen Feldern intensiver Landwirtschaft eingebettet  Abb. 20: Auf dem Grabhügel  
Abb. 20: Auf dem Grabhügel  
bekommt man zwar einen Zugang zum Hügel, wenn man direkt vor ihm steht, aus der Ferne kann ich ihn jedoch nur auf die Linse bannen, indem ich einige Meter weitergehe und zwischen den breiten Hecken, die die Felder abtrennen, eine Lücke finde. Welch ein Blick in den Sund! Bis zu den Inseln Årø, Bågø und Brandsø und darüber Abb. 21: Blick vom Grabhügel in den Sund  
Abb. 21: Blick vom Grabhügel in den Sund  
hinaus über den ganzen Sund kann ich blicken. Leider habe ich mal wieder kein Fernglas dabei, aber die Mühe der zehn Kilometer Radfahrens hat sich gelohnt. Und was muss es die Menschen aus der Bronzezeit gekostet haben, diese Grabstelle aufzuschütten. Solche eine Ehre haben sie sicher nur einem großen Fürst erwiesen.

Das deutsche Militär hat dann während der Besatzungszeit im II. Weltkrieg daraus einen Beobachtungsposten gemacht, genauso wie die preussische Regierung, als dieser Teil von Dänemark von 1864 bis 1920 zu Schleswig gehörte. Während des I. Weltkriegs haben die Deutschen sogar mit Netzen und Ketten den Sund gesperrt, um das Durchfahren feindlicher Schiffe zu verhindern.

Zurück nach Aarøsund komme ich dann an den zwei kleinen Leuchttürmen vorbei, die den Ortseingang markieren. Das Bild ist bei den Törnfotos 2016. Dabei ist der Leuchtturm im Hafen doch gar nicht so beeindruckend. Aber irgendeine Geschichte steckt dahinter.

 

 
Dienstag, den 05. Juli: Haderslev

Die zehn Seemeilen den Haderslev-Fjord hinauf bis zur Stadt hätten eine schöne Fahrt werden können, aber so war es wieder eine Regenfahrt. Obwohl ich eigentlich früh genug losgefahren bin, der Regen sollte erst am Nachmittag kommen. Naja, war nicht. Aus der Hafenausfahrt von Aarøsund raus, geht es gleich scharf nach links, Richtung Norden. Und dann kommen schon die ersten Tonnen, die die Einfahrt in den Fjord zeigen und der eigentliche Tonnenstrich. Das Wasser in der Fahrrinne ist bis zu fünf Meter tief, manchmal auch weniger, und breit genug, dass auch zwei Boote aneinander vorbei können. Zwischendrin überholt mich ein Däne, der mir zu brüllt, ich solle mehr nach links, dabei war da genug Platz. Er selber kannte sich wohl aus, an den Tonnenstrich hat er sich nicht so genau gehalten.

Und dann geht es in den  Fjord hinauf, an kleinen Wäldern entlang, das Wasser von Schilf grün eingekränzt. Dazwischen immer wieder ein paar Wasservögel, einmal eine ganze Herde Schwäne. Die Bebauung ist sehr dünn, da mal eine Scheune, dann wieder ein Bauernhof. Manchmal kleine Stege am Ufer, an denen kleine Boote vertäut sind. Und hin und wieder tauchen auch prächtige Villen auf mit Blick auf den Fjord und eigenem Anleger.

Wie ich so eine halbe Stunde fahre, fängt es an zu tröpfeln und dann wird es mehr. Es wird immer mehr, die stille Hoffnung, dass es aufhöre, stirbt nach einiger Zeit. Es kommt konstant von oben, ich habe von Anfang an Regenkleidung mit Stiefeln angezogen, inzwischen lasse ich mich auf nichts anderes mehr ein.

Nach knapp zwei Stunden taucht die Stadt auf, zuerst die zersiedelten Ränder der Außenbezirke, dann die höher gebauten Häuser aus dem Stadtkern, die am Handelshafen stehen. Gegenüber sind zwei Steganlagen des Segelklubs, die ich ansteuere. Schon bald finde ich ein grünes Schild und fahre sehr sehr langsam in die Box rein. Es gelingt mir, beide Achterleinen zu legen, aber nach vorne "verhungere" ich, d.h. ich stoppe auf, anstatt die zwei Meter bis zum Steg noch zu schaffen. Ein junger Mann, der Flagge nach Deutscher, steht schon da wie bestellt und nimmt mir meine Leinen ab. Geschafft, angekommen, dann die übliche Routine, Stromkabel legen, Regenplane aufspannen, zum Bezahlautomaten gehen. Hier wie auch in anderen Häfen Dänemarks muss man innerhalb einer Stunde nach Anlegen bezahlt haben. Lächerlich, wer will das kontrollieren? Durch die Einführung der Bezahlautomaten ist den Häfen viel Persönliches genommen worden, so ein Hafenmeister ist doch auch meistens eine prägende Gestalt, über den man noch nach Jahren Anekdoten erzählen kann, wie z.B. Ulli aus Thiesow.

Inzwischen gibt es hin und wieder ein paar Regenpausen, ich beschließe erst mal, meine nassen Klamotten in der Kajüte zu trocknen, wozu habe ich denn eine Heizung? Und dann wird man sehen, was der Tag noch bringt.

 

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Freitag, den 08. Juli: Skærbæk

Die Fahrt nach Skærbæk war jetzt nicht gerade die spannendste, aber eine doch im ganzen sehr geruhsame Reise. Immerhin siebenundzwanzig Seemeilen, wovon alleine der Haderslev-Fjord zehn beanspruchte. Wieder vorbei an Schilfwäldern, Baumgruppen, kleinen Wäldchen und Feldern, eher eine Flussfahrt. Und auch Wind und Welle machen heute keinen Ärger, es weht aus West mit 2 Bft im Fjord und nachher 2-3 im Sund. Zwischendurch, nach der letzten Fjord-Tonne, dachte ich, ist es Zeit, wenigstens das Vorsegel auszupacken. Aber mehr als schlappe zwei Knoten sind nicht drin. Also wieder die Maschine angemacht, vielleicht zwanzig Minuten. Da frischt es wieder auf, das Wasser kräuselt sich, die Wellenbewegung nimmt zu. Die Dünung ist im Sund nur ganz fein spürbar, und heute hat man auch vom Strom nicht viel gemerkt. Aber mehr als eine halbe Stunde hält das Lüftchen nicht, wenn mal eine leichte Böe kommt, macht de Widzi gerade drei Knoten. Das ist mir dann doch auf die Dauer zu wenig, ich will ja nicht heute abend ankommen. Also wieder den Jockel angeworfen, und schnurstracks geradeaus, das heißt eigentlich eher im Bogen, wollen doch diverse Flachs (Untiefen) und Inseln umfahren werden.

Begleitet von vielen Fliegen und einer Hummel, letztere nur auf Kurzbesuch, die anderen wollen sich breit machen, kennen aber meine Fähigkeiten des Fliegen-Killens nicht, kommt nach der Insel Brandsø die Halbinsel Fønsskov und die Insel Fenø, die hier mitten im Strom diesen zweiteilt. Ich fahre links, weil mein Ziel ja im Nordwesten liegt.

Und da taucht es auch schon auf, das gewaltige Kraftwerk neben dem Dorf, mit seiner Kraftwerkshalle, den Nebengebäuden und Schrägaufzügen. Auch ein Öltank ist zu sehen. Wäre interessant, da jetzt genauer hin zu schauen, auf die Klimaschutzpolitik. Aber ich gestehe, im Moment ist mir das ziemlich schnurz egal. Was mir allmählich mehr zu schaffen macht, das ist die immer wärmer werdende Schutzkleidung infolge der recht kräftig strahlenden Sonne, hatte ich doch nach dem Wetterbericht mit Regen gerechnet. Es ist das erste Mal in Dänemark, dass ich mit Hemd ohne Pullover im Cockpit sitze. Aber es kommt immer anders als man denkt, oder doch nicht. Jedenfalls, Regen war keiner, die Sonne scheint, aber der Himmel wird immer voller mit Wolken, und diese immer grauer, noch ein bisschen grauer, aber es regnete nicht. Auch die Wetterstation hatte Regen angesagt. Kurz vor der Hafeneinfahrt ziehe ich wenigstens die Regenhose aus, auch wenn es in den Gummistiefeln schön warm war. Und es wird dunkler und dunkler, ich denke, das schaffe ich noch. Die Hafeneinfahrt stimmt auch nicht so genau, wie in den entsprechenden Handbüchern beschrieben, ich habe sie dennoch gefunden. Und ich bin nach ganz hinten gefahren, dem Land zu, und Anlegen gegen den Wind. Auch diesmal klappte das Anlegen der beiden Heckleinen, sie waren nur zu kurz. Und ein freundlicher Däne hat mir geholfen, wie ich da so im Stress stand, die Leinen hatten sich irgendwo verhakt, bis ich die klar hatte, aber er war geduldig und hat die Vorleine gehalten. Seit dem Vorfall mit der Leine in der Schraube habe ich eine ziemliche Angst, dass sowas nochmal passieren könnte. Vielleicht bin ich jetzt übervorsichtig. Und irgendwie musste ich die Heckleinen noch verlängern, das ist auch kein Zustand. Aber es ging alles glatt, und kaum hatte ich die Regenplane gespannt, kamen auch schon die ersten Tropfen und dann Vollguss von oben. Schwein gehabt, kann ich nur sagen.

Mal sehen, was dieses Dorf mit Hafen mit sich bringt. Immerhin wird er im Hafenguide 2010 nicht erwähnt und auch der Hafenguide von Sejlerens 2016 beschreibt ihn nicht. Wieso, muss man dafür bezahlen, um in diesen Führer zu kommen?

Erste Überraschung an Land: Es gibt keinen Bezahlautomat, man legt das Geld passend nach Schiffslänge in einen Briefumschlag und den in den Postkasten vor dem Büro. Zwischen 17 und 18 Uhr kommt der Hafenmeister persönlich vorbei. In anderen Häfen Dänemark muss man dafür Strafgebühren bezahlen, wenn der Hafenmeister persönlich kommen muss, um das Geld abzuholen. Jetzt kommt die Frage nach den Bargeldreserven, eine Bank gibt es in diesem Ort wohl nicht.

Der nächste Tag, endlich mal Ausschlafen, aber um neun Uhr ist das auch vorbei, bringt nicht viel Aufregendes. Eine Radfahrt durchs Dorf, hier ist es ziemlich hügelig, um beim Daglig Brugsen ein bisschen einzukaufen, dann eine kleine Fototour durch den Hafen und ein Stück weit zum Kraftwerk, ein paar kleine Reparaturen, das war es schon. Kurz nach fünf Uhr kommt der Hafenmeister in seiner neongelben Jacke persönlich, um die 120 Kronen Liegegeld für eine Nacht zu kassieren und ich bekomme endlich den Zugangscode zum Internet. Die Verbindung lässt zu wünschen übrig, aber immerhin, es gibt sie.

Morgen geht es weiter nach Fredericia oder gleich nach Vejle, das hängt vom Wetter ab.

Ja, das sollte dann aber  nicht sein. Der Sonntagmorgen schaut um sieben Uhr schon so grau und regnerisch aus, dass ich beschließe, erst mal richtig auszuschlafen. Es macht einfach keinen Spass, im Regen bei 17 °C zu fahren und ich bin ja nicht auf einem Frachtensegler, der da einfach durch muss. Wenn mein Bauchgefühl mir sagt, lass es heute lieber bleiben, dann ist da was dran. Also wird das ein Tag für Aufräumen, Gitarre spielen, lesen, mein Buch korrigieren, und dies und das und jenes. Abends habe ich dann viel erledigt, ich weiß nur nicht was alles.

Der SEEWETTERBERICHT FUER NORD- UND OSTSEE HERAUSGEGEBEN VOM SEEWETTERDIENST HAMBURG
10.07.2016, 06 UTC: BELTE UND SUND :
SUED BIS SUEDWEST 3 BIS 4, VORUEBERGEHEND STRICHWEISE 5,
SPAETER TEILS SCHWERE GEWITTERBOEEN, SEE 1 METER gibt mir recht: schwere Gewitterböen brauche ich nicht. So bearbeite ich Fotos für die Fotostrecke zeichne meinen zurückgelegten Kurs auf den Karten, aktualisiere dies und jenes. Und zupp, schon wieder ist es zwei Uhr. Zeit für eine Pause.

 

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Montag, den 11. Juli: Vejle

Heute ist der Tag reif, um zu segeln, wenigstens ein großes Stück von Skærbæk nach Vejle, am Ende des gleichnamigen Fjords gelegen. Am Morgen scheint die Sonne, der Wind bläst nicht zu stark, zumindest nicht für das Ablegen, und viele Wolken belegen den Himmel, aber einige sind auch weiß und nicht nur dunkelgrau. Also ein Tag, fast wie aus dem Bilderbuch, jedenfalls der Anfang.

Gleich nach dem Ablegen - das Manöver klappt immer besser, mit Hilfe der Spring geht alles glatt - komme ich in den Kolding-Fjord, und dann geht es im Bogen erst backbords ca. 45 °, dann später wieder steuerbords 120 °. Dank der eingetragenen Wegepunkte brauche ich nur meiner Linie auf dem Bildschirm folgen.

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Nach dem Knick erscheint die Eisenbahnbrücke, laut Karte 33 Meter hoch. Oben donnern immer wieder Züge drüber, auch als ich direkt unter der Brücke bin. Außerdem wird repariert, irgendwelche Stoßhämmer machen einen betäubenden Lärm. Nach der Brücken-Unterquerung sehe ich den Schweinswal an der Backbordseite. Er taucht nur kurz auf zum Luftholen, und schon ist er wieder weg. Vielleicht zwei- oder dreimal kommt er an die  Abb. 22: Eisenbahnbrücke über den Sund  
Abb. 22: Eisenbahnbrücke über den Sund  
Oberfläche und zufälligerweise liegt die Kamera griffbereit im Cockpit. Scheu sind diese kleinen Wale, die wohl so um einen Meter lang werden. Normalerweise treten sie in Gruppen auf, vielleicht ist der vom Weg abgekommen oder hat seine Gruppe verloren.  
Auch die Rückenflosse sieht man nur Bruchteile von Sekunden, dann taucht er entweder nochmals auf oder schwimmt unter Wasser weiter - und das kann dann dauern, bis man ihn wieder sieht. Dieses Glück war mir leider nicht beschieden.

Nach einer Biegung Richtung backbords ca. 30° , an Middelfart vorbei, kommen links die Industrie-anlagen von Fredericia und die vorgelagerten Stadtteile Erritsø und Hammerup in Sichtweite. Große Kräne, große Schiffe und viele Silos

Abb. 23: Schweinswal zwischen den beiden Brücken  
Abb. 23: Schweinswal zwischen den beiden Brücken  
sowie  Tankanlagen sind zu sehen. Den Hafen von Erritsø spare ich mir, ich will heute Strecke machen. Und dann kommt auch schon die Autobahnbrücke, bevor es ca. 350 ° nach Norden geht. Die Autobahnbrücke ist noch höher, 44 Meter. Sie verbindet Fynen mit Jütland.  

Nachdem ich die Industrie- und Hafenanlagen Fredericias hinter mir gelassen habe, fahre ich ca. 45 ° nach Nordosten bis zum Leuchtturm Trelde Næs, der die Spitze der gleichnamigen Landzunge markiert. Das nach Osten reichende Flach ist mit einer gelb-schwarzen Tonne markiert, die man möglichst links lassen sollte. Noch kann ich mit der Genua segeln, bisher hatte ich meistens achterlichen Wind

Abb. 24: Die Autobahnbrücke  
Abb. 24: Die Autobahnbrücke  
oder von der Seite. Aber jetzt kommt er mehr und mehr von vorne, mein Kurs ist ca. 330 ° nach Nordwest, der Anstellwinkel wird immer steiler. "de Widzi" mag diesen Kurs gar nicht, sie wird immer langsamer. Während vorhin meistens fünf oder mehr Knoten drin waren, vor allem bei den Böen von 5-6 Bft, macht sie jetzt auf langsam und bringt gerade mal zwischen drei und vier Knoten. Das Großsegel rauszuholen war mir zu stressig, beide Segel zu bedienen bei Wenden ist dann für's erste mir zu viel. Was das Einhandsegeln betrifft, bin ich ja noch Anfänger! Auf der Höhe von Markholt Hage wird der Kurs noch flacher, ich bin jetzt ziemlich genau im Wind. Also Genua rein und Motor an. Den Rest der Strecke vorbei an Brejning macht der Motor, gegen Wind und Welle. Beides kostet mich ungefähr einen bis zwei Knoten. Der Wind frischt nämlich immer mehr auf, und ich hoffte, je näher ich Vejle komme, desto mehr würde beides nachlassen. Dem ist nicht so! Bis zur Autobahnbrücke von Vejle, die man vom Hafen gut sieht - Foto kommt noch - bläst es steif von vorne. Und da dürfen natürlich auch ein paar Regentropfen nicht fehlen, um das Bild vom Segeltag mit allem drin zu vervollständigen.

Im Hafen, sprich Marina Vejle Lystbådehavn, wird es mit dem Wind auch nicht weniger. Hier gibt es keine Dalben, sondern Ausleger zu den Schwimmstegen, manche begehbar, andere bilden nur einen schmalen Eisenträger, am Ende mit einem Ring zum achterlichen Festmachen. Die erste grüne Box an der vordersten Brücke - ein freund-licher Däne hilft mir beim Anlegen - ist so schmal, dass ich zwischen Nachbarholzboot und Ausleger eingequetscht werde. Nicht mal die Fender haben Platz! Also wieder losmachen und an einer anderen Brücke was suchen. Diesmal einen Platz für mich alleine. Anscheinend ist bei den Breiten der Boxen etwas das Augenmaß verloren gegangen.

Danach Bezahlautomat, der Hafen ist ausgesprochen teuer, er wurde aber auch ganz neu angelegt, keine der Beschreibungen der Anlage selbst stimmt wirklich. Und das WLAN ist das schnellste, das ich in Dänemark bisher erlebt habe. 

In sechseinhalb Stunden habe ich 29 Seemeilen geschafft, davon war über drei Stunden Segelzeit.

Da mal wieder einige Lebensmittel auszugehen drohen und ich immer noch kein Wörterbuch habe, außerdem gerne in einem Telefonladen den Kontostand meiner

 
SIM-Karte erfahren möchte, mache ich mich heute, am Dienstag, mit dem Fahrrad ins Stadtzentrum auf. Schon auf dem Weg aus dem Hafen fallen immer wieder diese wellenförmig geschwungenen Häuser auf, von denen zwei fertig und bewohnt, drei weitere noch eine Baustelle bilden. Wie überhaupt das ganze Hafengebiet eine Großbaustelle ist. Laut Sejlerens hat hier die Firma Kirk, eine Kapital-anlagegesellschaft  mit Sitz in der Schweiz, viel Geld in Abb. 25: Wellenhäuser im Hafen von Vejle  
Abb. 25: Wellenhäuser im Hafen von Vejle  
die Hand genommen, andere Baustellen sind auf den Törnfotos 2016 zu sehen. Ein bisschen erinnert mich das an Investitionen wie in Warnemünde. Vejle ist nun am Ende eines Fjords nicht gerade die Stadt, die vor Attraktionen aus den Nähten platzt. Immerhin, in der Fußgängerzone mit den üblichen Geschäften sieht man auch Innenhöfe wie diesen da, mit Cafe's und Einkaufsmöglichkeiten. Abb. 26: Innenhof in Vejle  
Abb. 26: Innenhof in Vejle  
Und was ich bisher noch nie gesehen habe, was ich aber nicht fotografieren konnte: Ein großer Kindersandspielplatz mit Brunnen am Ende der Fußgängerzone. Die vielen Kleinen und ihre Eltern sind voll beschäftigt. Zudem scheint mal zur Abwechslung die Sonne, obwohl der übliche Regenguss nicht fehlen darf. Er kommt dann am späten Nachmittag.

Andere angepriesene Lustbarkeiten und Schauobjekte wie das Økolariet, ein "neuartiges Wissens- und Erlebniszentrum zum Mitmachen" oder das Vejle Kunstmuseum habe ich mir heute nicht angeschaut.

Ach ja, vielleicht ist noch erwähnenswert, dass das viele Geld, das hier von Kirk Kapital investiert wird, ursprünglich mal aus dem Topf des Legoland-Schöpfers herkommt. Godtfred Kirk Christiansen hat mit den Patent- und Lizenzgebühren so viel Geld verdient - in guten Zeiten sollen das jährlich 75 Millionen Franken gewesen sein - dass später das Imperium in Kirkbi und Kirk Kapital aufgeteilt wurde. Die weiteren Einzelheiten kann man dem link zum Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz  http://www.bilanz.ch/people/kjeld-kirk-kristiansen-schweizer-schatztruhe entnehmen. Der Enkel des Firmengründers, Kjeld Kirk Kristiansen, soll mit einem Vermögen von 3,3 Mrd. Dollar laut Wirtschaftsmagazin Forbes zu den Superreichen der Welt gehören. Und: Legoland ist ja auch nicht weit von hier weg.

 

 
Mittwoch, den 13. Juli: Juelsminde

Die 23 Seemeilen nach Juelsminde dauern vor allem deswegen so lange - fünfdreiviertel Stunden - weil der Wind meistens nur in Stärke 3 Bft bläst und ich nur das Vorsegel benutze. Aber zuerst mal muss ich aus dem langen Schlauch des Vejle-Fords - hier die betonnte Fahrrinne - herauskommen. Das Ablegen in Vejle vom Stegausleger war kein Thema. Danach kann ich lange segeln, wenn auch meistens nur mit drei Knoten. Wenn mal eine Böe kommt, etwas schneller. Als ich aus dem Fjord raus bin im Fahrwasser des Kleinen Belts, schläft der Wind ganz ein. Also zwischendurch wieder motoren. Dann wieder segeln, ein ganzes Stück, fast eine dreiviertel Stunde bei 3 und mehr Bft. Bei der Untiefentonne Bjørns Knude Rev geht es dann direkt nach Norden, bis die Untiefentonne vor Juelsminde in Sicht kommt. Soweit sie querab liegt, geht der Weg wieder nach Westen.

Eigentlich war es ein Tag aus dem Bilderbuch, morgens um sieben Uhr keine einzige Wolke am Himmel. Das gab es in diesem "Sommer" noch kein einziges Mal. Doch schon nach zwanzig Minuten auf der Ausfahrtstrecke von Vejle wird mir so kalt, dass ich schnell meine Schlechtwetterkleidung inklusive Gummistiefel anziehe. Die Sonne scheint, die ersten Wolken kommen, der Wind ist aber kalt. Gefühlte 15 °C hinter der Sprayhood.

Wie schon die letzten Seemeilen zuvor, fängt der Tiefenmesser an zu spinnen. Die Anzeige blinkt wie wild, fällt dann total aus und ist Sekunden später wieder da. Was soll ich davon halten? Spinnt die Elektronik oder ist am Geber war dran? Ich kann doch nicht tauchen und das Boot extra deswegen aus dem Wasser zu holen bringt's auch nicht. Zwischendurch zeigt er ja mal was an. Brenzlig wird es nur, wenn ich wirklich in flachen Gewässern bin und er dann ausfällt. Dann Gute Nacht!

Während die Wolken sich vermehren, die Sonne aber tapfer um ihr Dasein kämpft, der Wind zu- und wieder abnimmt, segle ich so vor mich hin, höre die Musik von Dream Theater, schaue die Landschaft an, die sich abwechselnden Ufer, mal bebaut, mal landwirtschaftlich genutzt und denke, schade, dass meine liebe Frau nicht da ist, der hätte das auch gefallen, so gemütlich mit drei Knoten dahin zu gleiten, das Wasser leise plätschern zu hören, den Wellen nachzuschauen, wenn sie von achtern kommen und die Weite der See, des Kleinen Belts zu genießen. Links Land, rechts Land, vor mir nur Wasser, entfernt dann am Horizont die eine oder andere Insel, die jetzt auch seltener werden.

Zwanzig Minuten vor zwei Uhr bin ich vor der Hafeneinfahrt nach Juelsminde, es sieht leer aus, auch in dem neuen Becken, aber aus der Nähe ist alles doch ganz anders. Im Fischereihafen ist alles belegt, also weiche ich aus in den neuen Osthafen. Auch hier sind viele Boxen voll, vor allem aber sehr schmal. Beim dritten Anlauf finde ich am Stegende ein grünes Schild, hier kann ich rein. Jetzt noch schnell alles aufklarieren, dann den Bezahlautomaten besuchen, Strom legen und kaufen und Bericht schreiben. Dann ist erst mal genug für heute!

Der Nachmittag bietet dann das, was ich bestimmt nirgends an der Ostsee gesucht habe: ein Hafenfest. Direkt am Hafen, hinter dem Kontor, in Strandnähe, ist ein abgesperrtes Gelände eingerichtet worden mit nur einem Zugang. Dort stehen sie, die üblichen, lauten und geldverbratenden Schaugeschäfte. Allerdings, das muss man den Leuten, die diesen Zirkus organisiert haben, bescheinigen: Alles doch in bescheidenem Ausmaß. Das einzige wirklich vorzeigbare Gerät ist so eine Art Krake, an deren hin und her schwingenden Arm ein rotierendes Gestell mit vier Sitzgruppen angebracht ist, jede Sitzgruppe wieder mit vier Sitzen. Selten ist das ganze Gerät ausgebucht, die meiste Zeit sitzen nur vier bis acht vor allem Jugendliche, hier wieder vor allem Mädchen drin. Die Halbwüchsigen schreien denn auch mit voller Lust ihre Angst hinaus, wenn sie da nach oben geschleudert und dabei auch noch gedreht werden. Mir kommt schon vom Zuschauen das Essen hoch! Dann gibt es noch einen Auto-Scooter, eine Bimmelbahn für die ganz Kleinen und so einen Rotor, der die 12-köpfige Sitzgruppe senkrecht im Kreis rumschleudert. Auch nichts für empfindliche Mägen! Ach ja, ein Gruselkabinett habe ich auch gesehen.

Angenehm fällt auf, dass auf den angrenzenden zwei Fußballfeldern immerhin Mannschaftsspiele ausgetragen werden. Und überall die Menschen, die mit ihren Handys alles fotographieren, wie wenn sie kein Gedächtnis mehr hätten. Oder ist das zum anschließenden Kommunizieren wichtig? Und es gibt keine Schnappsleichen, jedenfalls habe ich keine gesehen. Auch sind auf dem Fußgängerboulevard keine Fressbuden aufgebaut, der Däne sitzt lieber gemütlich mit Familie an einem der zahlreich aufgestellten Tisch- und Bankgruppen und isst dort sein selbst Mitgebrachtes. Zur Not hat er auch einen Grill dabei. Wie es überhaupt überall Grillplätze gibt. Der Boden des Kirmesplatzes, das war ja mal eine Wiese, ist mit Holzschnitzeln bedeckt, so dass man bei Regen nicht in den Pützen watet. Und Regen gibts ja ständig, nur heute nicht. Eine wirklich umweltfreundliche Maßnahme!

Gerade mal zwei Lokale haben auf der Fußgängerzone geöffnet, und die sind nicht mal voll belegt. Und so flanieren die vielen Besucher - auf 200 Einwohner kommen in Juelsminde 2000 Gäste in den Sommermonaten - hin und her, schlotzen ihr Eis, telefonieren, schießen Selfies und so dieses und jenes. Nach einer halben Stunde habe ich genug von dem Rummel, ich beschließe, so schnell wie möglich wieder zu fahren.

Die Nacht wird mir dann mit der Musik einer Band versüßt, deren musikalisches Repertoire mich nicht gerade aus dem Bett reißt, so dass ich dahin müsste. Die Jungs geben sich große Mühe, auf den Plakaten entsprechend wild auszusehen, wahrscheinlich sind sie im Privatleben brave Familienväter und Steuerzahler.  Und ziemlich pünktlich um 24 Uhr ist Schluss mit der Party, die Musik wird leiser und klingt aus, auch die dort Arbeitenden brauchen mal Ruhe.

Ich arbeite an meinen Reiseroutenkarten und es gelingt mir nicht, trotz stundenlangem Hin und Her, sie ins Internet zu laden. Immer bricht die Verbindung zusammen. Das WLAN-Netz ist doch sehr bescheiden, kein Vergleich mit Vejle. Selbst mails abzurufen macht schon Probleme, die Wartezeiten sind extrem lang. Ja, ich bin verwöhnt, komme ich doch aus einem Hafen mit schnellen Megabits, und hier ist Schleichen und Warten angesagt. Auch am nächsten Tag versuche ich es stundenlang, die zwei Karten downzuloaden, wie man heute sagt, aber es soll nicht sein. So wird die ganze Geschichte auch erst demnächst im Netz stehen. Vielleicht ist der Hafen von Hov, den ich morgen oder ja nach Wetter übermorgen ansteuere, besser ausgerüstet.

 

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Samstag, der 18. Juli: Hov

Es hat mir nun gereicht mit Juelsminde. Nachts keine Ruhe wegen des Hafenfestes, Musik bis zwei Uhr morgens, das extrem langsame WLAN-Netz, also muss heute gestartet werden nach Hov, wieder einige Seemeilen nordwärts. Um genau zu sein, 19 Seemeilen in dreieinhalb Stunden. Aber es wird keine Zuckerschlecken, das machen mir die grauen Wolken schon klar, als um kurz vor neun der Motor gestartet wird. Ablegen mit der Spring, auch diesmal klappt alles wunderbar. Aber schon draußen, an der Untiefentonne zur Hafeneinfahrt, geht es zur Sache. Windstärke 4-5, in Böen auch schon mal 6, da kriegt das Boot richtig Schub. Und so wird auch schon zehn Minuten später die Genua aufgerollt, sie alleine zieht die Yacht mit meistens sechs Knoten nach vorne.

Und dann kommt nach einiger Zeit wie nicht anders zu erwarten - aber ich hatte mich darauf eingestellt - der erste Regen, zuerst nieselfein, dann immer kräftiger. Allerdings nicht so hart, dass man gar nichts mehr sehen konnte. Wiewohl der Horizont im Regendunst verschwindet und ich auf einmal mutterseelenallein auf der Ostsee bin. Wenige Segler sind unterwegs, die meisten haben nur das Groß oben oder motoren. Und das bleibt dann auch so die nächsten zwei Stunden, Wind aus West bis Südwest, Stärke vier-fünf, in Böen sechs, Wellenhöhe eineinhalb Meter, Regen, dunstig-diesige Sicht.

Die nächsten zweieinhalb Stunden macht das Wetter so weiter, ich segle meistens mit achterlichem Wind, die reinste Schiffschaukelfahrt. Wenn ich nicht genau auf Kurs bin, dann haut es das Vorsegel auf die andere Seite, das tut ihm gar nicht gut. Die meiste Zeit geht es nach Nordost, über verschiedene Untiefen hinweg. Zum Glück macht das Echolot keine Spirenzien und funktioniert anstandslos. Einmal meldet es knapp zwei Meter, da habe ich schon ein bisschen Muffensausen bekommen. War aber gleich anschließend wieder tiefer. Auflaufen bei diesem Wetter, muss nicht sein!

Beim Wechsel auf den anderen Bug, jetzt muss ich ziemlich nach Norden in die Einfahrt von Hov, bleibt die Genuaschot am Enterhaken hängen. Aus die Maus, nach vorne zu klettern bei eineinhalb Meter Wellenhöhe muss nicht sein. Also rein mit dem guten Stück, und den Jockel angeworfen. In der schmalen Schneise zum Hafen hätte ich das sowieso getan. Bei den Einfahrtstonnen taucht dann plötzlich eine schwarz-gelbe auf, allerdings ohne Richtungsangabe der Untiefe. Der Törnführer hilft mir weiter, in der GPS-Karte ist nämlich die Einfahrtschneise auch nicht so genau ausgezeichnet. Auch die Hafendarstellung mit den Stegen lässt zu wünschen übrig, warum wurde das nicht aktualisiert?

Um halb eins kann ich den Motor ausmachen, leider ist zum Anlegen gegen den Wind keine Box frei, muss ich also mit dem Wind anlegen. Klappt auch ganz gut, ich fahre nicht gegen den Steg. Jetzt noch schnell die üblichen Routinen, Strom legen, Bezahlautomat, Regenplane, Bericht schreiben. Zur Belohnung scheint die Sonne, der Himmel hellt auf, es ist mal wieder was Blaues zu sehen. Alles in allem bin ich froh, es hinter mir zu haben, wenn es regnet bei 14 °C, die Nässe allmählich in die Kleidung reinkriecht, alle paar Minuten die Brille zugetropft ist, das Boot wie ein Korken auf dem Wasser tanzt, jede kleinste Unachtsamkeit das Vorsegel rumschlagen lässt, das alles macht keinen großen Spaß. Ja, warum mache ich das? Vielleicht in der Hoffnung, dass noch der SOMMER kommt, mit Temperaturen über 25 °C, warmen Winden, sanften Wellen usw. Und wenn dem nicht so ist, was dann?

 

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Montag, der 18. Juli: Aarhus

Der heutige Segeltag war das, was man als easy-going-segeln verzeichnen würde: Schnurgerader Kurs nach Norden, Wind aus Westen mit Stärke drei bis vier, in Böen ein Bft mehr, Seegang 1-2, Wellenhöhe unter einem halben Meter. Morgens um sieben Uhr war die "Welt noch in Ordnung": Sonnenschein, blauer Himmel, wenige Wolken. Aber es macht sich zu, der Himmel wird grau und grauer und ich warte auf Ulrich, meinen Segelkameraden, der sich gestern telefonisch für die heutige Fahrt nach Aarhus angekündigt hat. Und endlich, nachdem längst alles fertig ist und bereit zu Abfahrt, klingelt das Handy, er kommt eine halbe Stunde später, mit seiner Lebensgefährtin, die dann mit dem Auto nach Aarhus fährt, und das Notwendige für einen schönen Grillnachmittag besorgt.

Als dann die Leinen losgeworfen werden, und es klappt immer besser mit dem Ablegen, dauert es keine drei Stunden mit unseren beiden Segeln, bis wir in Aarhusens Südhafen Marselisborg angekommen sind. Wie gesagt, immer nach Norden, wenige Untiefen, hier und da ein paar Segler unterwegs, auch mal eine Fähre, die zum Containerhafen unterwegs ist, und das Wetter zwar nicht von der schönsten Seite, aber auch nicht grauselig kalt. Kurz vor dem Hafen dann die ersten Tropfen, aber das war's dann auch schon. O.K., es hätte die Sonne scheinen können, 18 °C sind auch nicht gerade zum Verwöhnen da, aber was soll's. Ich muss es nehmen, wie es kommt.

Das Grillen danach war jedenfalls sehr schön, dass ich nicht selber kochen musste, dass ich mal wieder Fleisch zwischen die Zähne bekam, mit Kartoffel- und ein bisschen grünem Salat, zum Trinken gibt es sowieso nur Wasser. Ulrich hat bedauert, dass kein Seglerbier an Bord ist, aber hier ist überhaupt nichts Alkoholisches an Bord. Und die Gespräche, weil ich hier in Dänemark ja nicht gerade im Zentrum des Kommunikationsorkans sitze. Mit den dänischen Menschen komme ich schwer in Kontakt, die Älteren sprechen auch ein bisschen Deutsch, tysk heißt das hier, die Jüngeren, da geht nur Englisch, und mein Englisch das lässt doch sehr zu wünschen übrig. Habe übrigens neulich ein Wörterbuch gekauft, in einem Antiquariat in Vejle, aber richtig einsetzen konnte ich es noch nicht. Vielleicht eher was für den Fall aller Fälle!

Als die beiden gefahren sind, sie müssen noch nach Fünen auf einen Campingplatz, hat mir das richtig leid getan, so kurz der Besuch und schon wieder weg. Aber bis zu ihrem Wohnwagen sind es auch mehr als zwei Stunden. Und mir blieb dann der Abwasch, aber das war nichts im Vergleich zu dem Vergnügen das ich hatte, endlich mal wieder sprechen zu können.

Das WLAN ist hier leider sehr schwach, obwohl ich genau gegenüber dem Signalmasten liege. Und deswegen kann es vielleicht dauern, bis der Bericht wieder im Netz steht. Morgen steht dann die Stadt an, mit dem Fahrrad zwei Kilometer, und die nächsten Tage soll es richtig warm werden, 23 und mehr grad Celsius. Ich bin gespannt, ob ich mal eine Nacht ohne Heizung schlafen werde.

Aus dem Stadtbesuch wird heute, am Dienstag, leider nichts. Erst mal ist nach einem Segeltag, und auch wenn er nur kurz war, Ausschlafen angesagt. Herrlich, dieses Gefühl, morgens nicht früh aus der warmen Koje zu müssen, wieder nur grauer Himmel vor dem Cockpit. Und ebenfalls herrlich, nicht zum Bezahlautomat zu müssen. In den meisten Häfen ist es ja wie im Hotel: Auschecken bis 12 Uhr (im Hotel meistens früher). Und dann ein gemütliches Frühstück, sich Zeit lassen, trödeln können, nicht immer die notwendige Disziplin aufbringen zu müssen. Und nach dem Frühstück sind erstmal ein paar Reparaturen angesagt: Die beiden vorderen Wünschen müssen dringend gereinigt und gefettet werden. Also alles Werkzeug bereit machen, Reinigungsbenzin, Lappen, Handschuhe und was man sonst noch braucht. Dann die Sicherungsringe vorsichtig aufhebeln, die Winschen hochheben und das Getriebe darunter säubern. Danach wird eingefettet und der Winschenkopf kommt wieder drauf, dann Sicherungsring einsetzen und fertig. Jetzt laufen sie wieder wie "geschmiert".

Danach beschließe ich, die Dusche mal wieder zu benutzen. Und dann passiert, was nicht passieren sollte: das erste Mal reicht das Guthaben auf der Karte, aber als ich dann mich zum zweiten Mal eingeseift habe, ist die Karte leer. Die restlichen 3 Kronen reichen nicht mehr für weitere drei Minuten. Eingeseift stehe ich da und überlege, was zu tun. Nackt zum Boot, Geld holen, Bezahlkarte auffüllen und weiterduschen? Ich denke, das ist das, was ich nicht tun sollte. Also wasche ich an einem normalen Waschbecken den ganzen Schaum und die Seife ab, nachher muss eben der Boden trocken gefegt werden werden, mit so einem üblichen Abzieher. Hat auch alles geklappt, gut war, dass ich ganz allein im Waschraum war. Peinlich, peinlich, wenn das morgens passiert wäre. Aber um den frühen Nachmittag sind die Duschen meistens leer.

Jetzt sitze ich fast in der Sonne, die nächsten Tage soll es ja richtig warm werden, 24 - 25 °C. Ist das der Sommer, der nun kommt? Leider wird dann der Wind auch einschlafen, beides kann ich hier wohl nicht haben. Hauptsache, es wird mal ein bisschen wärmer.

Und tatsächlich, der Wetterbericht hält Wort: Ab morgens strahlender Sonnenschein, schnell ist das Thermometer auf 26 °C geklettert. Die wenigen weißen Wolken am blauen Bilderbuchhimmel wie festgetackert, es geht kein Wind. Nach einigen Reinigungsarbeiten - es war mal wieder Wasser im Schiff, in der Bilge, ich weiß nicht wo es herkommt - fahre ich mit dem Rad in die Stadt. Die eineinhalb Kilometer sind auf den breiten Radwegen schnell geschafft und schon bin ich in der Fußgängerzone, wo sich Geschäft an Geschäft aneinanderreiht. Auch kein Unterschied zu Deutschland, aber irgendwie doch anders. Zum einen sind hier sehr viel junge Leute unterwegs, Aarhus ist ja auch eine Studentenstadt. Und bei dem heutigen Sonnenschein ist Shopping einfach angesagt. Und so flanieren sie denn, die Massen, vor allem viele junge Mädchen mit den Einkaufstüten der bekannten Modefirmen. Und zum anderen, weil es wirklich sehr viele Cafe's und Restaurants gibt, mit ihren Tischen draußen am Rande des Menschenstroms, aber auch viele Bänke und schattige oder sonnige Sitzgelegenheiten.

Und wie ich so durch die Fußgängerzone mein Rad schiebe, fahren ist wohl verboten, finde ich die Vor Frue Kirke, leider verschlossen. Dafür ist an einem Ende der sehr weitläufigen Einkaufszone, die sich über mehrere Parallelstraßen erstreckt, der St. Clemens Dom offen. Als ich eintrete, übt jemand gerade auf der gewaltigen Orgel. Die Kirche mit ihrem 93 Meter langen Schiff ist die längste Kirche Dänemarks, mit ihrem Bau wurde zwischen 1200 und 1250 angefangen, ursprünglich als romanische Basilika. Nach einem Brand wurde die Kirche um 1400 zu einer gotischen Kathedrale umgebaut (nach Jan Werner, Törnführer Dänemark, 8. Auflage, Bielefeld 2013).

Weiter geht es, mit geschobenem Rad. Dazwischen finde ich mal einen Discounter, bei dem ich meine Lebensmittelvorräte ergänzen kann. Ein junger Mann in einem Telia-Handyshop kann mir mein Telefonproblem auch nicht erklären, anscheinend ist es der Firma egal, ob der Kunde sein Guthabenkonto kontrollieren kann oder nicht. Ist der gekaufte Betrag aufgebraucht, muss er eben an einer Tankstelle oder etwas ähnlichem eine neue kaufen.

Des Schiebens müde geworden, fahre ich auf eine Straße, in der nur Radfahrer verkehren und komme in den Bereich des Aarhus Kunstmuseums ARoS, vor der die Skulptur eines fliegenden Wals aus Metall ausgestellt ist. Vor dem daneben gebauten Musikhuset ist ein kleines Becken, vielleicht 10 mal 20 Meter und nur wenige Zentimeter tief in den Boden eingelassen. Um diesen "Teich" sitzt die Jugend, die Füße im Wasser, und macht was: Alle schauen sie auf ihre Smartphones, wohl wahrscheinlich in das momentan hype Spiel Pokemon Go vertieft. Es ist schon irgendwie absurd: die Menschen schauen nicht in die Umgebung, zu ihren anderen Mitmenschen, Gespräche finden nicht statt, im Gruppenmodus wird einem Computerspiel hinterhergejagt. Der Schlussfolgerungen enthalte ich mich hier, die Moralkeule bleibt im Rucksack.

Nach einigen Stunden Aarhus reicht es mir, jetzt aufs Boot, Fotos aufbereiten und Bericht schreiben. Morgen geht es, so Gott will, nach Ebeltoft, an den Süden der Halbinsel Djursland. Dann nach Grenaa oder Grenå. Und mal sehen, wie das Wetter mitspielt.

 

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Donnerstag, den 21. Juli: Ebeltoft

Der heutige Fahrenstag war jetzt nicht der Hammer, aber auch nicht schlecht. Heute morgen beim ersten Blick aus der Kajüte: Alles bedeckt, wenig Wind, aber kein Regen. Und auch nicht kalt, so um die 23 ° C herum, nach Gefühl. Teilweise scheint auch die Sonne. Kurz vor neun geht es auf die Reise, nach Ebeltoft an der Südseite der Halbinsel Djursland. Der Kurs: nach Südost. Und wie der Teufel es will: Wind von gegenan, also aus Südost. Den ganzen Tag. Deswegen wird erstmal motort, bis zum Leuchtfeuer Sletterhage im Süden der kleineren Halbinsel Helgenæs. Ab diesem Punkt ein kurzes Stück nach Osten, genau 90°, um dann an der westlichen Untiefentonne Skadegrund nach Nord-Nordost zu steuern. Aber da war der Wind schon wesentlich schwächer, ich habe es versucht, aber mit unter zwei Knoten komme ich abends an. Das halte ich nicht aus, also die Genua wieder eingezogen und den Motor angeworfen. Inzwischen ist es so warm geworden, dass ich mich langsam aus meiner Regenkleidung herausschäle. Ohne Pullover an Deck, das hat es schon lange nicht mehr gegeben. 26 °C zeigt das Thermometer unter der Sprayhood an, also schon richtig warm

Nach etwas mehr als fünfeinhalb Stunden bin ich in Ebeltoft, einer Kleinstadt, von der noch zu berichten sein wird. Die ganze Strecke laut GPS: 23 Seemeilen. Eigentlich schon ein ganzes Stück, aber nach Grenaa wäre es mir heute zu weit gewesen. Ja, wie sich das Wetter von einem Tag auf den anderen ändern kann, gestern noch knalliger Sonnenschein vom blauen Bilderbuchhimmel, heute schon wieder viel Grau, aber kein Regen. Das ist mir das wichtigste, von unten Wasser und dann noch von oben, das ist irgendwie deprimierend.

Nach dem Klarschiffmachen erst mal das Übliche: Strom, Plane, Hafengeld, aufräumen. Der Hafen ist nicht teuer, für dänische Verhältnisse, 130 DKK für eine Nacht und das Internet ist prima. Inzwischen schaue ich schon beim Reinfahren, wo der Hafenkontor liegt, weil da auch meistens die WiFi-Sendeanlagen sind. Und das Anlegen, alleine, ohne Hilfe, hat super geklappt, beide Achterleinen angelegt, kein Zusammenstoß mit einem Nachbarschiff.

Ach ja, unterwegs hatte ich so meine Angstmomente: die lange Vorleine machte sich auf den Weg Richtung Wasser, zwar ordentlich aufgeschossen und am Bugkorb festgemacht, aber irgendwann nicht mehr richtig zu sehen und zu kontrollieren. Unterwegs, bei mehr als einem halben Meter Seegang, das waren wohl die Reste der vergangenen Tage, wollte ich nicht nach vorne. Also immer wieder schauen, schauen, schauen. Aber sie bleibt bis zum Schluss an ihrem Platz, als ich in den Hafen einfahre, kann ich sie gefahrlos klarmachen. Summa summarum: nichts aufregendes, alles gut gegangen, wieder ein Stück weitergekommen.

Heute, Freitag, ist ein Super-Wetter. Sonne, blauer Himmel, etwas Wind. Zwischendurch, um die Mittagszeit, ist es richtig heiß. Gerade richtig, um in die "Stadt" zu fahren, einiges anzuschauen, vielleicht ein bisschen einkaufen, wer weiß was kommt. Dank des Rades bin ich ja sehr mobil, alles zu laufen hätte mich abgeschreckt.

Also erst mal zum alten Fischerhafen, dessen Wasserblau mit dem Himmelsblau wetteifert: wer ist die schönste Farbe? Viel los ist hier nicht, eine kleine Gaststätte, die Leute sitzen draußen, speisen und trinken Weißwein. Rechts vom Hafen, wie auch von der Marina, Ferienhäuser, in dem hier üblichen Rostrot angestrichen, im Fischereihafen sind sie schwarz. Der Ort hat sich dank des Tourismus' ordentlich gemacht, das kann man sofort erkennen.

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Und dann der "Magnet", der Star der Szene: die Fregatte JYLLAND, Dänemarks letztes stolzes Kriegsschiff, das aber angeblich nie zum Einsatz gekommen sein soll. Jetzt zum Museum umgebaut, Eintritt 125 DKK, das war mir dann doch zu teuer. Von außen sieht es ja auch schön aus, ich kann mir vorstellen, wie die Matrosen die Wanten hochgeklettert sind, um die Rahsegel loszumachen. Sicher ein Schiff, das noch einige Erkundungen wert ist.

Dann geht es den "Berg" hoch in die Innenstadt. Radfahren geht schon aus straßentechnischen Gründen nicht: es gibt fast nur Kopfsteinpflaster, außer auf den außerhalb des Stadtkern liegenden Radwegen.

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Abb. 27: Fregatte JYLLAND  

Da liegen sie dann, die wenigen malerischen Gässchen, vollgestopft mit alten Häusern links und rechts, in denen moderne Geschäfte mit traditionellem Handwerk um die Kunden buhlen. Dazwischen dann mal eine Döner- oder HotDog-Bude, ein

 
Eislädchen, aber auch der Eingang in uralte Behausungen, geduckt, verwinkelt und verdunkelt, oft im Schatten alter Bäume. Da wird dann altes Handwerk ausgestellt, Flachs- und Wolleherstellung, oder wie aus dem Horn der Tiere Schmuck gedrechselt wird. Immerhin, muss man auch sagen, nicht ganz so aufdringlich kommerziell, auch schön hergemacht. Nach Ebeltoft kommen eben im Sommer Tausende, die Stadt ist ein kleines Museum, nicht so groß wie Marstal oder Ærøskøbing, und die Menschen hier leben davon. Auch die Stockrosen dürfen nicht fehlen, Abb. 28: Typisches altes Haus in Ebeltoft  
Abb. 28: Typisches altes Haus in Ebeltoft  
das dänische Kleinstadtbild aus der "alten Zeit" ist eben schon ein ganz bestimmtes, eben putzig. Eigentlich fehlen nur noch entsprechend verkleidete Menschen hier, aber solche Bilder gibt es an bestimmten Tagen bestimmt auch.

Ich fahre zurück zum Hafen, auf dem Weg dahin sehe ich zwei Tankstellen, was mich veranlasst, wieder mal Treibstoff zu bunkern. Zwar gibt es hier auch Diesel, aber erstens nur morgens von 8 bis 10 Uhr und zweitens wird dem Hafendiesel nachgesagt, dass er nicht so sauber ist wie der an Tankstellen, weil er oft lange in den Tanks gelagert und nur wenig nachgefragt wird. Also meine drei Reservetanks in zwei Fahrten in den Radkorb, zur Tankstelle, bezahlen und das war's dann. Jetzt sind alle Vorräte wieder aufgefüllt, die nächsten Tage soll es ja recht windstill werden, dann ist wieder motoren angesagt.

Im Hafen angekommen, sitzen die dänischen Menschen an den überall angebrachten Tischen und Bänken und essen. Mahlzeiten in der Öffentlichkeit, über sich den blauen Himmel, ein laues Lüftchen spürbar, das macht den Menschen hier offensichtlich Spaß. Man kann sie nur darum beneiden, um diese Gelassenheit.

 

 
Sonntag, den 24. Juli: Grenaa

Heute ist nichts mit Wind: Schon morgens um acht Uhr Windstärke null bis eins, ein leichtes Säuseln aus Südosten. Dann wird das eben ein Motortag, oder die Hoffnung lebt auf, dass draußen auf dem Kattegat mehr los ist. Zuerst geht der Kurs nach der Ausfahrt von Ebeltoft ziemlich stracks nach Süden, 180 °, bis dann nach Osten Richtung Insel Hjelm abgebogen wird. Ein kurzes Stück, bis zur Untiefentonne Klokkegrund, an der Tonne dann nach Backbord, Kurs ca. 10 ° nach Norden, immer an der Küste entlang.

In der Ebeltoft Vig, zu deutsch Bucht, im Ostdeutschen heißt das dann Wiek, ist das Wasser leicht gerunzelt, wie Öl in der Pfanne kurz vor dem Sieden. Der Autopilot macht heute die Arbeit, ich will das Wasser studieren, die Ufer, den Blick auf die Küsten, zum offenen Meer, dem Kattegat hin. Immerhin bin ich ja jetzt aus dem Schatten der schützenden Inseln und Halbinseln heraus, immerhin erwartet mich jetzt das rauhe Kattegat, von dem ein Segler in Gelting Mole, die Stirn in Falten werfend, den Mund etwas verzogen, sagte: "Kattegat, na' dann erstmal viel Spaß." Als ich ihm dann erzählte, bis nach Skagen zu wollen, sprach er von Grenaa, dem Hafen, in dem ich jetzt liege: "Grenaa, wenn da die Welle vor der Hafeneinfahrt liegt... Da kommt man nicht durch." Was er meinte, ist die Barre, die sich bei Windstärke sechs und mehr und Ostwind vor der Hafeneinfahrt bildet. Ich habe aber heute Windstärke 1, Böen - weit gefehlt, es säuselt leicht, das Kattegat ist friedlich.

Und dann kenne ich ja das Kattegat aus den Segelschiffromanen meiner Kindheit, durchs Skagerak und Kattegat mussten die Drei- und Viermaster, wenn sie von der Nordsee in die Ostsee wollten, zum Handel mit den baltischen Ländern oder den Skandinaviern. Oder eben andersrum. Und das Skagerrak, das hat so etwas wie ein kleines Kap Hoorn an sich, die See ist rau, hier treffen die Strömungen und der Wind aus Ost- und Nordsee zusammen, das knallt, der Seemann muss gucken, dass er nicht untergeht. Und nicht zuletzt die Schlachten der deutschen Kriegsflotten im Skagerrak, ach waren das noch Zeiten, wo man als Bub die aufregenden Bücher verschlang, Essen und Hausaufgaben vergessend, sich an Bord der Schiffe träumte und mit den Kameraden Schlachten schlug. Aber heute ist alles anders, das Meer ist fríedlich, es will nichts von mir, ich nur, bis nach Grenaa zu kommen.

Mir gegenüber, ich sitze auf der Steuerbordseite, lasse steuern, das Land, mal mit einem kleinen Steilufer, dann wieder Strände, langsam ansteigend, dazuwischen Wälder oder kleine Baumgruppen, Felder mit gelb-goldigem Getreide, alles ist friedlich hier. Ich sitze im Hemd auf dem Süllbord, der hohen Kante, angeleint, auch wenn die Reling doppelt abgesichert ist, und schaue und schaue in die Natur. Viele Boote sind heute unterwegs, einige versuchen es mit den Segeln, andere lassen es gleich bleiben. Die Musik kommt aus meinem kleinen Apparat und versucht, den Motor zu übertönen, es bleibt aber beim Versuch.

Um halb elf frischt es etwas auf, ich rolle die Genua aus, überlege hin und her, ob ich das Groß aufmachen soll, nichts ist vorbereitet und es lockt mich doch. Also nach vorne gehen, den Reißverschluss öffnen, die Großfall anschlagen, alle Leinen klarmachen, dann ab in den Wind, der Pinnenpilot hat jetzt mal Pause, rasch das Großsegel hoch, wie das flutscht an der neu geschmierten Winsch! Jetzt ist es oben, noch ein bisschen stramm gezogen, dann abfallen und siehe da, es wird so etwas um die drei Knoten, mehr ist heute nicht drin. Die Strömung schiebt auch noch etwas mit.

Das genieße ich so eine Stunde, dann wird es mir doch zu langweilig. Leicht gesagt, der Weg ist das Ziel, das Ziel ist eben auch immer das Ziel, vielleicht das zweite, manchmal auch sicher das vorrangige. Um vier Uhr in Grenaa anzukommen, dann ist sicher alles voll.

Also wird später, nach einer Stunde Segeln, alles wieder eingepackt, und weiter geht es mit dieselsparenden 2000 Umdrehungen/Min. Und schon in Sichtweite von Grenaa, da ändert das friedliche Kattegat auf einmal sein Gesicht: Der Strom kippt um, er kostet mich jetzt mindestens einen Knoten Geschwindigkeit, und selbst bei Windstärke eins bilden sich Wellen, einen halben Meter hoch, mit Schaumköpfen, wie wenn es Windstärke drei oder vier wäre. Alles geschuldet den Untiefen, hier dem Havknude Flak, einer Untiefe von immer noch mindestens vier Metern Wasserstand. Danach, nach dem Flak, beruhigt sich die See wieder, jetzt muss ich nur noch die beiden Flachgebiete Polderrev und Naveren überwinden, das letztere mit einer Tiefe von 1,3 Metern, ideal zum Auflaufen. Nur so als Scherz: "Deutscher Segler läuft auf gut ausgezeichnete Untiefe auf, die einzig wirklich gefährliche vor Grenaa! Was hat ihn angezogen?" Das sind die Albtraumreste des letzten Jahres, die ostdeutschen Boddengewässer lassen grüssen.

Um kurz nach zwei Uhr ist alles überstanden, ich lege an, zwei Heckleinen, zack, zack, eine nach der anderen. nur die Vorleinen, die waren noch nicht lose. Eine nette Deutsche ist so geduldig zu warten und hilft mir, aber auch kein wirklicher Stress in diesem Moment. Für die 28 Seemeilen habe ich knapp sechs Stunden gebraucht, ohne Segeln wäre es etwas schneller gewesen. Ein heißer, wirklich heißer Sonnentag. Jetzt schnell den Strom legen, vor einem Schweden belege ich die letzte Steckdose, aber er hat in seiner 12-Meter-Yacht auch bestimmt ein langes Kabel, bezahlen, dann die Sonnenplane und erstmal was essen. Und dann schreiben.

Der Versuch, die Dateien ins Internet zu stellen oder eine mail zu beantworten, misslingt mehrfach. Grenaa hat nur ein ganz schwaches Netz, langsam, immer wieder zusammenbrechend und abstürzend. Da bin ich doch von Dänemark was anderes gewohnt, aber nicht jeder Hafen hat eben den Standard von Vejle. Vielleicht geht es nachts besser, wer weiß!
 

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Am nächsten Tag, Montag, ist der Besuch des Kattegat-Centers angesagt. Eine große Meeres-Ausstellung mit zahlreichen Aquarien, vor allem tropische Fische darin schwimmend. Die Attraktion: Haifütterung um 14 Uhr, ich komme gerade noch rechtzeitig. Da steht dann einer der Fütterer im Overall im Wasser, den beiden Haien vor sich kleine Häppchen anbietend. Er hält sie mit einer Greifzange direkt vor deren Mail, und der Hai packt zu, wie

Abb. 29: Haifütterung im Kattegat-Center

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Abb. 29: Haifütterung im Kattegat-Center  
vom elektrischen Schlag getroffen. Es geht ein Schütteln durch ihn durch, das Wasser wird von der Schwanzflosse aufgepeitscht, man möchte jetzt nicht die Hand zwischen den vielen, sägezahnartigen Messern haben, die so zahlreich in seinem Maul untergebracht sind. Immer wieder streichelt der Wärter die beiden Fische, um sie zu beruhigen, die wohl - auch wenn schon jahrelang erlebt - die Situation nicht als normal empfinden. Schließlich frisst der Hai, Abb. 30: Da schnappt er zu!  
Abb. 30: Da schnappt er zu!  
in dem er aus seinem Opfer Stücke lebendigen Fleisches heraus reißt, nicht mal so nebenbei! Es ist ein Akt des Kampfes, des Überlebens, der Stärkere setzt sich durch. Da steckt Gewalt und Kraftentfaltung dahinter, mir flösst es Respekt ein und ich denke, zum Glück bin ich nicht in der Karibik oder an der Küste Floridas, wo die Haie herkommen. Beide Fütterer sprechen in Dänisch, nachher auch einige Worte in Englisch. Ich verstehe kein Wort, aber in einem anschließenden Video wird einiges in deutscher Sprache erklärt.

So sind leider auch zahlreiche Texte auf Schautafeln nur in Englisch/Dänisch, aber irgendwie kann ich mir auch so verdeutlichen, was sie sagen wollen. Viele Ausstellungsstücke sind Computeranimationen, z.B. wie stark man pumpen muss, um einen Wind bestimmter Stärke hervorzurufen. So sind denn auch die zahlreichen wuseligen Kinder gut beschäftigt. Und überall, auf jeder Etage und in vielen Ecken, locken die Burgers und die Pizzas, so ein Museum muss Umsatz machen, wer kommt schon außer in den Ferien nach Grenaa.

Auf jeden Fall ein lohnender Besuch, wenn auch nicht ganz billig. 160 DKK kostet es für einen Erwachsenen, das sind mehr als 21 Euro. In einem Shop kurz vor dem Ausgang kann man noch zahlreiche Geschenke und Nippes erstehen, auch das so üblich in Museen dieser Art. Insgesamt ist das Kattegat-Center nicht so groß wie das Ozeaneum in Stralsund, aber mit der Haifütterung bietet es einen Pluspunkt, den nicht jedes Museum dieser Art vorzuzeigen hat. Interessant auch die Objekte aus dem Kattegat selbst, hier vor allem eine Bodenreliefkarte, die mir verdeutlicht, warum und wie es sich mit den Strömungen verhält. Schließlich ist das Kattegat keine zwischen Dänemark und Schweden eingelassene Badewanne, sondern von zahlreichen Erhebungen und Vertiefungen, richtig gehenden Schluchten und Tälern, Bergen und Hügeln gekennzeichnet. Und das macht deutlich, warum die Strömungen auf der schwedischen Seite oder zwischen Fünen bzw. Als und dem Festland so stark sein können.

Den anschließenden Weg in die Innenstadt erledige ich mit dem Rad, hier hat Grenaa nicht viel zu bieten als andere Kleinstädte in der Region auch. Ein historisches Zentrum sucht man vergebens, aber deswegen bin ich ja auch nicht hierhergekommen.

 

 
Dienstag, den 26. Juli: Bønnerup

Wieder ein Stück weiter nach Norden. Die Fahrt nach Bønnerup war mal wieder eine hübsche Mischung aus Segeln und motoren, wobei dann doch das zweite überwog. Um halb neun springt schon der Motor an, bei leichtem Westwind im Hafen von Grenaa war es mit der Spring ein leichtes, aus der Box zu kommen. Eine Viertelstunde später und mit genügend Abstand zur Hafeneinfahrt folgt die Genua. Das Großsegel ist mir heute zu mühsam, es wird so wie so nur ein kurzes Stück schnurstracks nach Norden gehen, wo ich segeln kann. Immerhin, das Meer überlegt noch, ob es heute friedlich oder etwas gewaltig sein will und meistens entscheidet es sich für ersteres.

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Vorbei geht es dann an der Steilküste, die sich in drei Abschnitte aufteilt: Nach dem Leuchtturm von Fornæs an der Landspitze von Kragenæs kommt zuerst Sangstrup Klint, das längste Stück, dann Karlby Klint, etwas kürzer und zuletzt Gjerrild Klint, Wenn die Sonne drauf scheint, strahlen die Klippen hell zurück, was bei dem gegenwärtigen Wetter nur manchmal der Fall ist. Es sind doch viele Wolken am Himmel, aber es ist kein Regen angesagt. In der Gjerrild Bucht läuft dann der Kurs auf der Höhe des Dorfes nach

Abb. 31: Steilküste von Sangstrup Klint  
Abb. 31: Steilküste von Sangstrup Klint  
Abb. 32: Steilküste von Gjerrild Klint  
Abb. 32: Steilküste von Gjerrild Klint  
Nordwesten, um beim Gjerrild Flak (Flach) so ziemlich ganz nach Westen abzudrehen.

Und da stehen sie auch schon, die sieben Windräder, die an der Hafeneinfahrt von Bønnerup aufgestellt sind. Eine bessere Landmarke kann man sich kaum denken. Jetzt muss nur noch ein Punkt nördlich der Hafeneinfahrt angesteuert werden, so dass diese im Süden liegt. Empfiehlt jedenfalls der Törnführer, und er muss es ja wissen.

Im etwas verwirrenden Hafen, mich orientierend an der Hafenplänen, finde ich im Yachthafen ganz vorne am zweiten Steg einen ruhigen Platz. Um mich herum kein bewohntes Schiff, gegenüber einige Dänen. Und Schweden, die jetzt schon - auf dem Weg nach Norden - zahlreicher werden. Wann immer dann später, so am Frühabend, der Hafen voll ist, sieht man das Geglucke: Dänen sitzen bei Dänen, die Schweden liegen ebenfalls gerne bei ihren Landsleuten und die Deutschen sind auch nicht anders.

Jetzt kurz bezahlen, aufräumen, essen und schreiben. Und eins muss man gleich zu Beginn feststellen: der Hafen, so unscheinbar er auch aussieht, bietet seinen Gästen das bisher schnellste Internet. Allerdings auch nicht umsonst: Bei der Anmeldung muss man seinen Namen angeben (da kann man natürlich auch schwindeln), seine email-Adresse (es gibt auch fiktive Adressen), das Programm  liest die MAC-Adresse der Netzwerkkarte (so was wie der Personalausweis: Jede Netzwerkkarte hat ihre eigene Adresse, sie ist einmalig!, Jetzt ist mit Schwindeln Schluss) und spätestens bei der Angabe einer Transaktions-Nummer, die auf der Quittung des Bezahlvorgangs mit der ec-Karte steht, kann genau kontrolliert werden, was jeder einzelne Benutzer so macht. Deutsche Datenschützer würden sich die Haare raufen, in Dänemark hat bisher wohl keiner gemeckert, es hat doch jeder "nichts zu verbergen." Oder doch???

Wie auch immer, wenn ich an Grenaa denke, an die vielen Verbindungsabbrüche, an die Stunden, die es gedauert hat, Bilder und Bericht ins Netz zu stellen, dann soll mir das Recht sein. 54 MBit/S, das hat selbst Vejle nicht geboten. Und meinen Bericht, den können die Dänen ruhig lesen. Steht doch auch meistens nur Positives drin, was ja auch der Erfahrung entspricht. Wir haben auch schon andere Erfahrungen mit Dänen gemacht, aber bisher war alles bestens.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: die 17 Seemeilen waren in etwas mehr als vier Stunden geschafft, und Anlegen war auch kein Thema mehr. Es klappt immer besser, mit den beiden Heckleinen, den sechs oder sieben Fendern, nur die Bugleinen, da habe ich noch nicht so den Trick raus, wie das schneller gehen könnte.

 

 
Donnerstag, den 28. Juli: Hals

Lang war die Fahrt nach Hals, an der Mündung des Limfjords gelegen: Über sieben Stunden für die 36 Seemeilen, davon leider wieder ein Großteil mit Motor. Aber erstmals der Reihe nach: Die Abfahrt von nnerup war unspektakulär, das Ablegen war trotz Seitenwind kein Thema. Danach ging es erst mal ein Stück nach Osten, von den Flachs vor der Küste weg, dann nach Nordwesten. Dieser Kurs ist nicht zu segeln, weht doch der Wind so ziemlich gegen an. Erst als der Kurs ziemlich genau nach Norden geht, um das gefährliche Flach Tangen zu umschiffen, ist das Vorsegel und das Groß gefragt. Also die ersten eineinhalb Stunden mit Motor, dann mit den Segeln zwei Stunden, und jetzt kommt die Flaute: Der Wind flacht ab, mehr als Stärke zwei ist nicht drin, also wieder motoren, immer nach Norden. Die Selbststeuerung muss ran, den größten Teil der Zeit hat sie gearbeitet. Auf See nichts Spektakuläres, links das Land, recht weit weg, rechts die See, anfangs unruhig, geradezu ruppig, dann sich beruhigend, zuletzt wie ein Ölfilm in der Bratpfanne. Anfangs der Wind recht kalt, später wird es richtig gehend heiß.

Kurz vor drei bin ich an der Einfahrt nach Hals und erlebe dann im Hafen, was ich trotz frühester Aufstehzeit befürchtet habe: Nach drei Uhr ist der Hafen voll. Vielleicht ein bis zwei Boxen frei, die dann aber rot. Und jetzt sitze ich hier im Päckchen als Zweiter, vor mir eine Grenada 311 von Dänen, etwas größer als de Widzi, hinter mir eine Dufour 44, ein richtiger Plastikbomber mit Dänen, dann noch ein richtiges Dickschiff, mit Schweden. Dänen und Schweden verstehen sich richtig gut, sprachlich ist da wohl nicht der große Unterschied. Aber die Leute sind - bis jetzt -  alle nett, sprechen Englisch zu einem Deutschen, der selbst das manchmal nicht so richtig versteht, was teils wohl auch den über sieben Stunden Fahrt in Sonne und manchmal richtig heiß an Deck geschuldet ist. Aber ich denke, länger als bis morgen früh wird das sowieso nicht auszuhalten sein, weil keiner das lange will. Segeln besteht doch zu einem Teil auch daraus, dass man im Hafen seine Ruhe hat, und wenn ich an mein oft mehrfaches Aufstehen die Nacht denke, dann weiß ich jetzt schon, wer keine Ruhe haben wird.

Morgens geht's weiter, entweder an einen anderen Liegeplatz, der hier ist auch sehr unruhig, oder nach nach Ålborg, auch wenn das nochmals sechszehn Seemeilen sind. Und von hier oder eben auch Ålborg will ich mit dem Buss nach Skagen, und dort bis zur Spitze, wo sich Kattegat und Skagerak treffen. Mal sehen, ob das so klappt.  

So, der Bericht wird richtig kurz, aber es ist ja auch nicht viel passiert. Wer weiß, wie viele hier noch anlegen werden, das wird bestimmt eine unruhige Nacht. Recht gesprächig sind sie auch, die Skandinavier. Wenn die sich mal am Steg fest geredet haben, hören sie nicht so bald wieder auf.

Ach ja, das WiFi scheint auch ganz gut zu sein.

 

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Freitag, den 29. Juli: Bønnerup

So schnell bin ich noch nie von einem Hafenort "geflohen": Hals war mir einfach zu laut, zu voll und zu ungemütlich. Eingekreist zwischen Dänen und Schweden, die sich untereinander und mit seines-/ihresgleichen bestens verstanden, bis spät abends am Kai auf den bereit gestellten Bänken saßen, auf dem Tisch das daneben Gegrillte, mit Wein aus dem Karton. Und mit denen sich keine Kontakte ergaben, sei es, weil ich mich nicht traute, sei es, weil die Dänen und Schweden unter sich sein wollten. Sie hätten auch nur Englisch mit mir radebrechen können, aber was? Woher ich komme, was in Deutschland so abgeht? Kein Interesse! Die einzigen Gespräche waren bei der Leinen- und Kabelübergabe von Reling zu Reling am Kai. Vielleicht war ich denen auch zu popelig, mit meiner kleinen Yacht und die mit ihren 44 Fuß großen Kisten, das sind alles Schiffe über 13 Meter, mit allem Schnick-Schnack, was so ein schwimmendes Wohnmobil heute bietet. Und natürlich waren sie wesentlich jünger als meine alte Ente, die auch schon siebenunddreißig Jahre auf dem Kiel hat.

Zwar hatten die Besitzer der zwei Schiffe, die nach mir am Steg festgemacht waren, versprochen, morgens früh loszumachen und abzufahren, aber aus dem wurde nichts. Gemütlichkeit war angesagt, um ungefähr kurz nach neun sind sie dann erst abgefahren. Madame musste noch Brötchen besorgen!

Und dann wohin: Heute war Südwind dran, Windstärke 1-2 Bft, also motoren. Aber wohin? Noch einen Hafen weiter nördlich hatte ich keine Lust mehr, ich muss ja auch alles wieder zurückfahren. Außerdem sind die Häfen alle ziemlich klein, zum Teil sehr flach, ich hätte also mindestens nochmals zwanzig Seemeilen fahren müssen. Windrichtungsmäßig gesehen wäre das zwar in Ordnung gewesen, aber mit der Windstärke hätte es auch nicht so richtig gepasst.

Dann die sechszehn Seemeilen bis Ålborg: von den Städten habe ich mittlerweile auch genug. Mit dem Bus dahin: mindestens eine Stunde, und wie komme ich dann nach Skagen und wieder zurück? Zumal es von Skagen aus bis zur Landspitze, wo "Klein-Kap-Hoorn" liegt, auch nochmals zwei Kilometer sind. War mir zu mühsam, ich hatte keinen Drive mehr. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn das Wetter mitgemacht hätte, der Hafen nicht so voll mit Seegras gewesen wäre, ich einen Platz in der Box gehabt und hätte ausschlafen können. Aber irgendwie sollte es wohl nicht sein, und so bleibt Skagen weiterhin im Bereich meiner Träume, aber nicht der dringlichsten.

So blieb nur der Weg zurück, nach Bønnerup, wo ich jetzt sitze, nach sieben Stunden Überfahrt, laut GPS "nur" vierunddreißig Seemeilen statt auf dem Hinweg sechsunddreißig. Zwischendurch etwas Regen, der hatte ja die letzten Tage ganz gefehlt, der Himmel grau in grau, das Meer grau in grau, zwischendrin mal ein paar hellere Flecken, dann wieder dunklere, oben wie unten. Und ich mir mein Mantra vorsingend, es ist bestimmt noch ein Platz frei.

Als ich um vier Uhr an der Hafeneinfahrt bin, sehe ich: Alles voll! Ich fahre bis zum vorletzten Steg, da ist eine freie Box, aber rot. Eine Dänin oder Schwedin steigt von ihrem Boot, um mir zu signalisieren, dass ich da reinkönne. Jedenfalls habe ich sie so verstanden. Ich fahre erst zurück, dann denke ich, komm, was soll's, fahr da rein, sie geht wieder auf dem Steg zu der Box, ich also wieder vorwärts und mit ihrer Hilfe schaffe ich es rein. Die Vorleinen waren natürlich nicht klar gemacht, sie meinte dann nur etwas süffisant, wenn ich Allein-Segler bin, müsste ich doch das beherrschen. Tja, sagen wir mal so: Ich bin beginnender Einhandsegler, und muss noch eine Menge lernen. Aber vielleicht dachte sie auch, ich mache das schon seit Jahren, so alt und strubbelig, wie ich aussah.

Jetzt sitze ich unter Deck, der große Regen kam, gerade als ich vom Bezahlautomaten zurück bin und die Regenplane anbringen wollte, nass geworden bin ich schon, aber wenigstens ist jetzt alles unter Dach und Fach. Hoffentlich kommt der Liegeplatzbesitzer nicht, ansonsten muss ich eben umziehen. Und draußen schüttet es vom Himmel, es regnet so stark wie schon seit langem nicht mehr, wie wenn der Himmel sagen wollte: Siehste, hast du doch Glück gehabt, dass wir dich damit nicht auf der See überrascht haben. Wie wahr!

Die Nacht verläuft  ziemlich unruhig, bin ich doch in Sorge, dass der rechtmäßige Liegeplatzbesitzer noch kommt, um seine Box in Beschlag zu nehmen. Nachts um ein Uhr höre ich auf einmal Motorengeräusche, das muss er sein, jetzt muss ich in der Dunkelheit und bei Regen raus und den Platz freigeben. Und dann wohin? Inzwischen werden wohl alle Liegeplätze belegt sein. Aber es ist nur blinder Alarm: Das Schiff - ein etwas gespenstischer Eindruck, der Skipper im Regen am Steuer - dreht wieder ab, und bis morgens um sieben habe ich meine Ruhe, als der Hafenmeister an meinen Relingskorb klopft. Ich schieße aus der Koje raus, schnell den Mantel übergeworfen, aber alles in Ordnung. Er hat wohl meinen Aufkleber an der inzwischen zweieinhalb Meter langen Leine nicht gesehen, an der inzwischen alle gesammelten Hafenquittungen aufgeklebt sind.

Am Vormittag klärt sich alles auf um den Platz: Die rechtmäßigen Besitzer haben ein paar Boxen weiter seewärts angelegt, an einem freien, grünen Platz. Wir tauschen die Boxen, jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Nach dem Einkaufen komme ich endlich zu meinem Mittagsschläfchen, das habe ich mir nach dieser Nacht auch verdient. Morgen werde ich wohl noch hier bleiben, erst mal das Weter checken, dann gehts nach Grenaa, Ebeltoft, und dann nach Samsø. Der direkte Weg ist mir zu lang, sieben Stunden fahren sind doch ganz schön anstrengend.

 

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Montag, den 01. August: Grenaa

Nach Grenaa ist es nur ein "kurzes" Stück, sechszehn Seemeilen, und das in vier Stunden. Kurz nach halb neun heißt es "Leinen los", auch diesmal wieder mit einer Spring auf der Backbordseite, weil Westwind das Schiff sonst ans Nachbarboot gedrückt hätte. So ging alles glatt, und nach einer Viertelstunde ist bereits die Genua ausgerollt. Die Wetterangaben, DWD, Windfinder und Zygrib von heute morgen: Fehlalarm. Der Windmesser zeigt auf See ein Bft, wie heute morgen auch der Windfinder in seiner lokalen Angabe. Also erstmal eine Stunde motoren, bis ich weiter draußen bin, mindestens zwei Seemeilen vom Land weg. Wegen der Stellnetze, die bis drei Seemeilen ins Meer reichen können.

Viertel vor zehn dann der 2. Versuch mit der Genua, diesmal reicht es für ungefähr fünf Knoten. Eigentlich sollten ja heute mindestens vier Bft vorherrschen, der DWD hatte sogar eine Starkwind- und Sturmwarnung für das Kattegat ausgegeben. Aber das galt wohl mehr für draußen, nicht in Küstennähe. Fast eineinhalb Stunden kann ich segeln, der Pinnenpilot macht die Arbeit, ich greife hin und wieder korrigierend ein und konzentriere mich auf den Anblick der Weite der See und der Küste, die ich ja nun schon kenne. Die verschiedenen, auf der Hinfahrt beschriebenen Steilhänge ziehen an mir vorüber, jetzt im Sonnenschein hell beleuchtet. Es gibt zwar Wolken, zunehmend werden sie auch grauer und fliegen dann tiefer, aber darüber liegt eine Schicht von weißen Cirrus-Schleiern.

Viertel nach elf ist Schluss mit Lustig: der Wind flaut ab, jetzt nur noch 2 Bft, ich rolle das Segel ein und muss nun zunehmend gegen Wind und Welle fahren. Zum Glück ist während der ganzen Fahrt die See doch recht zahm, an einigen Stellen, an denen sich die Wassertiefe ändert, gibt es mal höhere Wellen, ansonsten bleibt die Wellenhöhe meist unter einem halben Meter. Hin und wieder sehe und spüre ich die Dünung, aber auch das hält sich in Grenzen.

Im Hafen von Grenaa: Viele freie Boxen, ich kann mir aussuchen, wohin ich will. Und da frischt es wieder auf, ich laufe in die Box, aber der Wind treibt mich quer, so dass ich erst beim zweiten Anlauf mit Hilfe festmachen kann. Und mit der Achterleine hat es diesmal nicht geklappt, die zweite muss ich nachher anlegen, indem ich mich wieder zurückziehe. Der Seitenwind ist recht stark, beruhigend, dass der junge Mann, der mir hilft, erzählt, ihnen wäre das vorher auch passiert. Dabei bekommt dann der Flaggenstock einen Knacks weg, also kann ich schon mal den nächsten besorgen.

Vier Stunden für die sechszehn Seemeilen, also eine ruhige, gemütliche Vormittagsfahrt. Wahrscheinlich morgen geht es schon weiter nach Ebeltoft, weil der direkte Weg nach Samsø zu lange ist. Und dann kommen Tage mit Starkwind und aus Süden, da heißt es entweder im Hafen bleiben oder dagegen an kacheln. Nicht so mein Ding, aber ich habe ja noch einige Wochen Zeit, bis ich wieder in Heiligenhafen sein muss. Und, das soll hier auch noch erwähnt werden, dazwischen immer wieder einige Regenschauer, und kaum ist die Plane aufgezogen, geht es auch schon wieder los mit dem Nass von oben. Eins habe ich hier bezüglich des Wetters gelernt: Ich kann mich auf nichts verlassen! Blauer Himmel bedeutet nicht, dass es nicht gleich regnen könnte, auch wenn nur einige graue Wolken im Anflug sind. Und richtig warm wird es erst gegen Nachmittag, wenn im Hafen die Brise ausbleibt. Ansonsten so gefühlte 14-15 °C, auch nicht gerade lecker. Da war mal wieder Ganzkörper-Regenkleidung angesagt.

 

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Dienstag, den 02. August: Ebeltoft

Die Überfahrt nach Ebeltoft ist eigentlich gar nicht so übel gelaufen: Sonne, Westwind mit drei bis vier Bft, später auf Südwest drehend, kein Regen, keine heftige See. Schon beim Aufstehen hat sich der Tag als gutes Datum für eine Überfahrt vorgestellt, blauer Himmel beim Aufstehen, ein bisschen Wärme, kein heftiger Wind im Hafen.

Nach der Ausfahrt aus Grenaa werden eine Viertelstunde später beide Segel gesetzt, und das kann auch eineinhalb Stunden so bleiben. Aber wie angekündigt dreht der Wind nach Südwest, genau die Richtung, die meinen Kurs abbildet. Ich bleibe so hoch am Wind wie es geht, aber de Widzi wird dabei langsamer. Also muss der Motor ran, und die Selbststeuerung.

Ab der Insel Hjelm geht der Kurs 270° nach Westen, dann nach ca. 2 Seemeilen erst nordöstlich, dann nördlich. Jetzt könnte ich zwar nochmals segeln, aber der Wind lässt in der Bucht von Ebeltoft doch merklich nach. Dann lieber mit fünf Knoten und Motor als jetzt noch drei Stunden vor sich hin schleichen.

Im Hafen, beim Einfahren in die Box, bleibe ich mit dem Rettungsring an einem Pfosten hängen. Bin zu nah dran, als ich einbiegen will. Also zweiter Anlauf, das klappt, aber nachher bleibt das verbogene Gestell am Pfosten der Box hängen. Das Festmachen war heute nicht so besonders, aber irgendwann bin ich doch drin, kann alles klarmachen, zum Bezahlautomaten gehen, und aufräumen. Die Halterung des Rettungsrings lässt sich einfach wieder gerade biegen, den Flaggenstock hatte ich klugerweise schon vorher entfernt. Zwei Segler haben mir geholfen, Anlegen mit Seitenwind ist eben nicht so einfach, zumal wenn man auch noch die falsche Vorleine bereit gelegt hat. Aber was soll's, jedenfalls der Trick mit der Mitnahme der Vorleine nach hinten klappt ganz gut. Ich werde das auch mit der zweiten langen Leine machen, bisher ist vorne eine lange und eine kurze angeschlagen. Der Schock mit der Leine in der Schraube sitzt noch gut.

Jetzt ist erst mal mindestens ein Tag Pause angesagt, die Frage ist ja, was mit dem Wetter und den angekündigten Starkwindtagen wird.

Heute ist Montag, der 8. August. Seit einer Woche sitze ich nun in Ebeltoft, gefangen vom Wind, in meiner sicheren kleinen Nussschale von Boot. Draußen heult der Wind in den Masten und Wanten, im Hafen gibt es Wellen, die die Boote hin und her schaukeln, und draußen in der Bucht vor Ebeltoft schlagen die Wogen weiße Schaumkronen. Es herrscht Windstärke fünf, in Böen sechs bis sieben. Keiner möchte raus, und keiner kommt von draußen rein. Vielleicht sind ein paar ganz Wagemutige draußen, auf dem Kattegat, wo zweieinhalb Meter hohe Wellen dem Segler sagen, was Sache ist. Mit einem richtig dicken Schiff sicherlich ein kleineres Problem, aber mit meiner de Widzi? Das muss ich mir ja nicht antun.

Und auch die nächsten Tage wird es nicht richtig "lekker", zur Zeit ist der Wind entweder aus der falschen Richtung und dann meistens noch zu stark, um weiterzukommen. Auch wenn es nur 22 Seemeilen bis Mårup auf der Insel Samsø sind. So bleibt hier nur eins: Die Zeit gut zu verbringen, etwas aus einer Mischung von notwendiger Arbeit und Sich-es-gut-gehen-lassen zu wählen, die wenigen Sonnenstrahlen, die hin und wieder scheinen, zu genießen und froh zu sein, dass ich nicht unterwegs sein muss, wie wenn ich z.B. ein Charterschiff hätte. Hier in Ebeltoft habe ich alles, was ich brauche an Versorgung, ich kann mal schnell mit dem Rad in die Stadt fahren, um noch einige Lebensmittel zu kaufen, und das Internet ist hier auch sehr gut. Grund genug, hier zu bleiben, auch wenn dann der Druck für die restlichen Tage der Tour etwas größer wird. Dann gibt es keine oder nur noch kleinere Pausen, dann muss gefahren werden, weil ich im ersten Drittel des Septembers wieder in Heiligenhafen sein will.

Also, das Beste daraus machen, was immer das im einzelnen auch sein mag.  Im Moment scheint ja gerade die Sonne, auch wenn der Himmel sich grau werdend zuzieht, die Wetterstation meldet Regen an, der Luftdruck ist im freien Fall. Aber allein schon die Meldungen aus drei Quellen immer wieder mit einander zu vergleichen, kostet schon viel Zeit. Und was bleibt dann? Die Hoffnung, dass es doch anders werde, endlich der Starkwind abnehme, die Sturmwarnungen eingestellt würden, statt Regengüsse Sonnenschein das Herz erwärme, der Sommer irgendwie doch wieder zurück käme. Aber so ist es nicht, und während ich dies schreibe, lassen die Böen das Schiff erzittern, greift der Wind die wenigen Flächen, die Mast, Baum und Vorsegel im bieten, mit aller Wucht an, wie wenn er sagen wollte: "Trau' dich ja nicht, bleib schön da, wo du jetzt bist." Und ich füge mich dem, wohl wissend, wie klein ich bin gegen die Gewalt und Kraft der Natur. Und so gilt es, weiter zu warten, warten, warten. Aber auch die Gewissheit steht: Das Wetter wird sich ändern, mir eine Chance geben, die ich nutzen muss. Nur wann? Geduld ist angesagt, und das kann ich ja ganz gut. Und so wird es auch für meine Leser wieder etwas dauern, bis im Reisenbericht 2016 was Neues steht.

Und, ach ja, auch wenn es nicht "modern" oder "cool" ist, in ein "Gästebuch" zu schreiben, aber einige Rückmeldungen würden mich doch sehr erfreuen.  So wie am Anfang in Heiligenhafen, als ich einen Leser meines Berichts traf, der mir erzählte, dass er meine Website lese. Das stärkt die Motivation, das macht Freude, das gibt Perspektive. Also ihr lesenden Leute, auch wenn es wenige sind, schreibt was!

 

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Donnerstag, den 11. August: Mårup

Endlich, endlich, ist sie gelungen: die Abfahrt aus Ebeltoft und damit die Erreichung des nächsten Zieles, Mårup auf Samsø. Ich hatte schon gedacht, von diesem Ort komme ich nicht mehr weg! Aber heute morgen ist der Wind von Stärke und Richtung doch so, dass der Absprung gewagt werden kann.

Vier Bft herrschen im Hafen, in den Böen ein Bft mehr. Und das hat Folgen: Das Ablegemanöver verlief nicht nach Plan, ich hätte auf eine Pause warten sollen, so hat Ungeduld mein Handeln bestimmt. Zwar komme ich einigermaßen glimpflich aus der Box heraus, der Anker schrammt eine Dalbe, aber das Schiff dreht sich nicht so, wie ich will. Das ist eben der Punkt: was will der Wind, was will ich? Nicht immer kompatibel!

Als ich dann in der Ebeltoft-Bucht bin, Kurs West, denke ich, ich müsste schon die Genua aufziehen. Dabei kam der Wind aus West, also volle Pulle von vorne. Bis ich gemerkt habe, welchem Irrtum ich aufgesessen war, dreht das Schiff mal nach links, mal nach rechts. Es macht, was es will. Anscheinend sind ihm die zehn Tage in Ebeltoft auch nicht so gut bekommen. Ich muss ja erst zur grünen Tonne, dem nördlichsten Punkt in der Bucht, bevor ich auf Kurs Süd gehen kann. Aber das bekomme ich dann auch noch hin. Also erst mal motoren, bis ich an der besagten Tonne bin, dann Kurs 190° Süd.

Ab da läuft alles glatt, nur: Das Kattegat sagt, wo es lang geht! Mit zuerst ziemlich steilen Wellen, dann später meistens ein Meter hoch, seitwärts ankommend, unter dem Schiff durch, wird das Ganze eine klassische Schiffschaukelfahrt. Hoch, runter, hoch,  runter, selten, dass mal  kleinere Wellen kommen. Der Pinnenpilot muss kräftig arbeiten, zwischendurch schalte ich ihn dann mal aus, um etwas zu tun zu haben. Ich sitze an Deck, ganz eingehüllt in meine Regenkleidung, sogar Handschuhe habe ich an. Bei der Kälte bekomme ich schnell Krämpfe in den Fingern. Ziemlich viele Segler sind unterwegs, Schiffe überholen oder queren mich, man weiß ja nie, wohin deren Kurs führt. Bei vier Windstärken und in Böen fünf bekommt die kleine de Widzi richtig Fahrt, meistens um die fünf bis sechs Knoten. Das Großsegel hatte ich gleich eingepackt gelassen, bei der Windstärke reicht mir das Vorsegel.

Nachdem ich die Halbinsel Helgenæs steuerbords quer ab liegen habe, kommen Wind und Welle ungebremst aus der Aarhus-Bucht ins südliche Kattegat. Jetzt sind die Wellen länger und noch mal ein Stückchen höher. Erst gegen Mittag lässt der Wind nach, da ich nun ziemlich 180 ° fahren muss und der Wind mehr aus Südwesten kommt, mache ich den Motor an und hole die Genua ein.

 

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Bald wird das Bild von Samsø klarer, die Insel, die bisher nur verschwommen vor mir lag, zeigt nun die Konturen ihrer Nord-, später Westküste. Steilhänge wechseln sich ab mit sanften Hügeln, ganz im Norden ist auch ein Strand erkennbar. Selbst die Abhänge, die Klippen, sind meistens bewachsen, hin und wieder sieht man ein einsames Haus oder Gehöft. Noch ist es ein ganzes Stück bis zum Hafen von Mårup, der selbst

Abb. 33: Steilküste von Samsø  
Abb. 33: Steilküste von Samsø  
nur aus der Hafenanlage mit vier Stegen und ein paar Häusern besteht. Das Dorf Mårup By liegt einen Kilometer landeinwärts.

Um vierzehn Uhr mache ich den Motor aus, bei seitwärtigem Wind verläuft auch das Anlegemanöver nicht nach Wunsch. An den beiden Heckdalben festgemacht läuft das Schiff trotzdem auf die Stegmauer zu. Das hat der Bugstange nun einen kleinen rundlichen Bogen verpasst. Ein Däne, die mit einem Zweiten mit dem Verholen und Festmachen  ihres Schiffes beschäftigt ist, kümmert sich kein bisschen darum, was links und rechts von ihm passiert. Ihm wäre es ein leichtes gewesen, mal einen Meter neben an zu gehen und den Bugkorb vom Steg abzuhalten. Aber ich hätte auch mal schreien sollen. Vielleicht auch zu viel verlangt. Im Hafen sind mehr Deutsche als Dänen, die meisten benutzen ihn so wie ich nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Norden oder Süden.

Morgen soll's dann weitergehen nach Kolby Kås, das liegt auch auf Samsø, aber neuneinhalb Seemeilen südlicher. Bei Windstärke drei und Südwestwind, also Wind und Welle auf Gegenkurs. Wird bestimmt heiter werden. Dann führt der Kurs nach Kerteminde, einer großen Marina an der Nordostküste von Fünen. Ab da bin ich dann im geschützten (?) Gewässer zwischen Fünen und Sjælland, dem Großen Belt.

Am Nachmittag dann viel Gerenne wegen des Stroms. Plötzlich ist er weg! Ich rufe den Hafenmeister an, hab ja eine dänische Prepaid-Karte. Er redet was von einem weißen Pin in den Stromkästen. Die sind alle drin. Als er dann um sechs Uhr kommt, liegt es an den Sicherungen im Hauptstromkasten. Da kommt keiner ran. Was ist, wenn heute nacht wieder der Strom ausfällt? Dann wird das eine kalte Nacht werden, so wie die letzte mit 12 °. Und was ist  mit dem Heißwasser für den Kaffee? Als solche Gedanken bewegen mich, als Segler ist man irgendwie immer von Unsicherheiten begleitet. Wenigstens das Internet scheint zu klappen, bis jetzt!

 

 
Freitag, den 12. August: Kolby Kås

Mehr als zwei Stunden hat sie gedauert, die Fahrt nach Kolby Kås, oder Kolby Kaas geschrieben. Irgendwann werden sich die Dänen daran gewöhnen, ihre Sonderzeichen durch die Normalbuchstaben des Alphabets zu ersetzen. Aber das ist hier nicht das Thema.

Das Meer war gnädig, heute morgen: Mit Windstärke drei problemlos aus dem schon an sich ziemlich leeren Hafen Mårup, und auf dem Wasser ist auch entsprechend wenig los. Kein Wetter zum Segeln, jedenfalls für die, die nach Süden wollen oder müssen. So geht es gegen Wind und Welle, statt der normalen 5,5 Knoten muss ich einen dem Strom gönnen, der gegen mich arbeitet.

Nach zweieinhalb Stunden bin ich da, was für ein Hafen. Ich bin der einzige Gastlieger, die wenigen festgemachten Boote sind von den Einheimischen. Nur das Anlegen gelingt nicht problemlos: die der Schiffslänge angepassten Boxen sind alle zu eng, in den größeren Boxen bekomme ich nur eine Heckleine festgemacht, und kurz vor dem Steg "verhungere" ich, wie man das nennt: die Heckleine ist zu kurz, ich komme nicht an den Steg. Also verlängern, zweiter Anlauf, das klappt. Aber jetzt ist das Boot schon abgetrieben, aus der Backbord-Leine wird auf einmal eine auf Steuerbordseite. Also an einem näher dem Steg stehenden Dalben festgemacht, dann war dieses Problem gelöst.

Mal sehen, was noch für Überraschungen kommen. Ich bin jedenfalls ganz allein im Hafen, vielleicht kommen später noch einige Gastlieger. Obwohl: Heute war kein Tag zum Wegeln, wer nach Norden will, übernachtet dann doch eher in Ballen auf der I Ostseite der Inse,. Oder bleibt gleich zuhause. Vielleicht ist am Wochenende dann mehr los. Allmählich gewinne ich den Eindruck, die Saison neigt sich dem Ende zu, das Wetter war und ist insgesamt kein Seglerwetter, Ausnahmen eingeschlossen. Also auch kein Segelsommer.

Ansonsten ist der Hafen anlagetechnisch etwas veraltet, das Ambiente beschränkt sich auf einen gut sichtbaren Fabriksilo. Und von den Fähren, die hier anlanden, habe ich noch nichts mitbekommen. Bei Starkwind aus Süd- oder Nordwest - darüber streiten sich die Autoren der Anmerkung - soll Kolby Kaas je recht ungemütlich werden. Ach ja, bevor ich es vergesse: ein bisschen Regen muss auch sein, kaum dass ich die Plane aufgeschlagen habe. Jetzt sitze ich im Trockenen, schreibe bei besinnlicher Musik von Metallica und freue mich darüber, voraussichtlich morgen ausschlafen zu können. Dafür hat es ja gestern nicht geregnet!

Später kommt noch ein schweizerischer Zweimaster, ein deutsches und ein dänisches Schiff. Der Däne macht mich darauf aufmerksam, dass die Stromanschlüsse in der Lichtsäule stecken, direkt in der Mitte des Steges, sechs Steckdosen. Vor lauter Betriebsblindheit oder aus sonst einem Grund ist mir das gar nicht aufgefallen. Aber das Anlegemanöver der anderen Deutschen braucht auch zwei bis drei Anläufe, bis es klappt. Alleine zu fahren braucht schon viel Erfahrung und Umwicht, die mir bislang, immer nur zu zweit gesegelt, noch abgehen. Noch!

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Kolby Kås ist definitiv der Hafen, in dem nichts, aber auch gar nichts los ist. Keine Bude, kein Kiosk, selbst der Hafenmeister ist nicht da. Heute mittag, am Samstag, mache ich mich auf, um mit dem Rad einzukaufen. Aber im Ort, d.h. in der Ansammlung weniger Häuser, keine Möglichkeit,

Abb. 34: Kolby Kås Hafen

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Abb. 34: Kolby Kås Hafen

um wenigstens ein paar Bananen zu erstehen. Dann radle ich in den Ort, zwei Kilometer weiter landeinwärts. Dazwischen liegt in der Pampas ein Campingplatz, von dem ich annehme, dass er einen kleinen Laden hat. Nichts, nada, die Rezeption ist geschlossen, bis auf zwei Kinder keine Menschenseele zu sehen. Also weiter in den Ort. Auch hier dasselbe: Keine Lebenden zu sehen, von einem Geschäft weit und breit nichts.

So bleiben nur wieder mal die Vorräte, die anzulegen ich ja von meiner lieben Frau gelernt habe, und für neues Obst und Gemüse muss ich warten, bis ich denn nach Kerteminde komme. So weit es das Wetter zulässt, was noch ein bisschen in den Sternen steht. Ansonsten ist es hier durchwachsen, mal scheint die Sonne, mal gewinnen die Wolken in den unterschiedlichsten Grautönen das Rennen. Zum Glück ist es nicht allzu kalt, das Thermometer unter der bisweilen beschienenen Sprayhood gibt 21,5 °C an. Und hin und wieder kommen auch einige Regengüsse, aber das scheint ja in diesem "Sommer" die Regel zu sein. Also warten, bis morgen die Lage anders aussieht.

 

 
Sonntag, den 14. August: Kerteminde

Bevor ich von dieser Fahrt erzähle, erstmal noch einige Worte zu Kolby Kås: In einem Hafen, in dem der Segler 140 Dänische Kronen für eine Nacht bezahlen darf, in dem es noch nicht einmal einen Bezahlautomaten gibt, so dass man mit seiner Barschaft - wehe, Segler hat kein Kleingeld -  auf den persönlich erscheinenden Hafenmeister warten muss, in einem solchen Hafen gibt es kein warmes Wasser in den Waschräumen. Kein Wunder, dass Kolby Kås nur als Notlösung angelaufen wird. Ein Minimum an Komfort darf man für diesen Preis doch erwarten, alles andere an Versorgung, was immer man auch darunter versteht, ist ja auch nicht da!

Und dann der Schwell: Heute Nacht bei Windstärke 7: Es tanzen die Schiffe an ihren Leinen. Die Wellen, die ungebremst in den Fährhafen reinlaufen, breiten sich anschließend in den Yachthafen aus. Da tanzt dann der Bär, will sagen, die Boote. Das Wasser wird von einer regelrechten Dünung bewegt, dazu kommen die Wellen, die der Wind auslöst. So war das heute Nacht das Gegenteil von Ruhe, nämlich Un-Ruhe. Die Luv-Heckleine wurde länger und länger, so dass heute morgen der Backbords liegende Dalben nicht mehr seitlich hinten lag, sondern direkt vor dem Heck.

Aber das Ablegen bei Seitenwind mit Stärke vier Bft hat wenigstens geklappt. Besser als in Ebeltoft. Und kaum aus der Hafeneinfahrt raus, erwartet mich das rauhe Kattegat, jedenfalls das südliche und rauh für meinen Geschmack. Andere mögen das ja als harmlos beurteilen, aber zwei Meter hohe Wellen sind nicht gerade ein Genuss für dieses leichte Boot. Seitwärts die von vorne kommenden Wogen schneidend, fahre ich erst mal ein Stück raus, um Land zu gewinnen. Da kommt es her, das Sprichwort: "Schau zu, dass du Land bekommst."

Und dann geht es Kurs 170 ° in Richtung des Windparks, eine gute Peilmarke, aber auf dem GPS sehe ich das meiste sowieso. Es geht auf und ab, der westliche Wind mit Stärke fünf, manchmal sechs, reicht mir, um mit der Genua alleine zu segeln. Jetzt auch noch das Großsegel setzen war zuviel Stress. Zumal die Schräglage schon mit dem Vorsegel gereicht hat.

Nach dem Paludans Flak, westlich des Windparks, verläuft der Kurs schnurgerade 150° nach Südosten. Praktisch ins offene, südliche Kattegat, noch vor dem Seegebiet Belte und Sund. Die Wellen halten die zwei Meter von vornhin, manchmal arbeitet der Pinnenpilot, manchmal ich, wenn es zu heftig wird und sein Schlingerkurs mir auf die Nerven geht.

Nach ungefähr 13 Seemeilen oder zweieinhalb Stunden später erreiche ich Fyns Hoved, oder Horseklint, die Nordspitze von Fünen. Damit bin ich im Großen Belt und was Wunder: die Wellenhöhe nimmt ab, jetzt sind ungefähr ein halber Meter oder weniger sogar die Regel. Parallel zur Küste des Naturschutzgebietes Hindsholm zieht sich die Route entlang, es ist entspanntes Segeln, so wie "man" sich das vorstellt. Die Wellen nicht so hoch, sie kommen meistens von der Seite, dann immer mehr achterlich, das Schiff wird geschoben, die grobe Schaukelei hat aufgehört, ich kann schauen und staunen und darauf zählen, wann endlich die ersten Regentropfen fallen. Zuerst hauchdünn, sog. "Präzipitat", dann etwas dicker, aber alles heute in Grenzen, so dass ich sagen kann: Heute war ein guter Tag zum Segeln, kein Regen!

Vorbei an der Insel Romsø, vor deren Untiefen eine schwarzgelbe Tonne warnt, und dann in die Kerteminde-Bucht: jetzt muss am Wind gesegelt werden, de Widzi macht ihre vier bis fünf Knoten hart am Wind. Die Wellen, die jetzt von vorne seitlich kommen, sind so flach, dass sie kein wirkliches Hindernis mehr darstellen.

Nach etwas mehr als fünfeinhalb Stunden bin ich im Hafen, das Anlegen war mal  wieder mehr oder weniger katastrophal, aber man kann eben nicht alles haben. Dafür habe ich heute die längste bisherige Segelzeit gehabt, das Motoren hat sich unter einer halben Stunde bewegt. Und dafür, dass ich nur ein Segel hatte, war ich ganz schön schnell. Also ein guter Tag!

Nach dem Anlegen die üblichen Prozeduren: Plane, (gleich danach melden sich einige Regentropfen), Strom, Hafenkontor, aufräumen, schreiben. Für heute war's das dann.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Hier soll ja die 3. Nacht frei sein, wenn man für 2 Nächte bezahlt. Steht so jedenfalls beim Hafenkontor und auch in "sejlerens". Aber: nur wenn man beim Hafenmeister persönlich bezahlt. Andererseits wird man aufgefordert, spätestens eine Stunde nach dem Festmachen zu bezahlen. Mal sehen, was ich machen lässt.

 

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Der Montag fängt erstmal mit langem Ausschlafen an: Nichts ist schöner, als sich darauf freuen zu können, nach einem Segeltag nicht "früh" aufstehen zu müssen. Schließlich habe ich das mehr als siebenunddreißig Jahre gehabt. Und nach dem gemütlichen Frühstück wird erstmal Treibstoff geholt, an der Tankstelle bei Super-Brugsen. Ich stelle mal wieder fest: Das Wichtigste in Dänemark ist eine Kreditkarte! Mit der wird auch getankt. Hier ist schon viel mehr aus dem täglichen Leben automatisiert.

Danach Einkaufen bei Super-Brugsen, und immer wieder muss ich staunen über die Wartekärtchen, die man ziehen muss, bis man dran ist. Hier gibt es die sogenannte "Distanz-Linie" auch in einfachen Geschäften. Mit dem Rad alles kein Problem, in dieser Hinsicht ist Kerteminde ein Super-Hafen.

Am frühen Abend ein kleiner Radausflug, und wen treffe ich da: Die dänischen Segler, ein Ehepaar, aus Kolby Kås. Sie haben es sich mit einem Karton Wein und Steak mit Salat am Grillplatz bequem gemacht und laden mich zu einem Glas Wein ein. Aus einem Glas werden zwei, dann drei, mir dreht sich der Kopf, ich bin das nicht gewöhnt. Hier an Bord gibts und gab es immer nur Wasser, härteres war nicht drin. Wir unterhalten uns angeregt über tausend Themen, vom Segeln, über Kolby Kås, das dänische Ausbildungssystem, den Mangel an Fachkräften, die Arbeitslosigkeit, die hier viel niedriger ist, über die Marine, die Heimwehr (was es in Deutschland nicht gibt) und und und. Flugs sind etliche Stunden vergangen, den Weg zurück muss ich mein Rad schieben, fahren war nicht mehr drin. Es tat mal wieder gut, mit jemandem zu reden. Solche Kontakte kommen ja meistens nur spärlich zustande, und die Dänen sprechen gut Deutsch, so dass ich nicht in Englisch radebrechen muss. Und dann die Vorfreude, heute wieder ausschlafen zu können.

Nach diesem Tag denke ich, das größte Problem beim Einhandsegeln ist das Fehlen eines Gesprächspartners oder -partnerin, mit der man reflektierend all die Dinge besprechen kann, die so einem durch den Kopf gehen, auch wenn das Meiste nur Alltagskram oder momentan wichtig ist, von segeltechnischen Problemen bis hin zu Entscheidungen, was wann unternommen wird. Alles mit sich selbst auszumachen ist doch eine ziemliche Belastung.

Am Dienstag, natürlich mit langem Ausschlafen, ist eine kleine Fototour nach Kerteminde angesagt. Ein Eis zwischen durch ist auch mal drin. Die Kirche und die Fachwerkhäuser, alles klein, überschaubar, sauber, nicht so putzig wie z.B. Ærøskøbing, aber trotzdem nett, auch die Geschäftsstraßen nicht so rappelvoll und überlaufen wie schon gehabt. Eine nette Stadt mit einem netten Hafen, und bisher der einzige, der drei Übernachtungen für zweimal Bezahlen anbietet. Das gab es bisher nur in wenigen Städten und meistens musste man dann fünf oder sechs Nächte dableiben. Für Chartersegler ein Unding!

 

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Mittwoch, den 17. August: Lundeborg

Heute morgen, in Kerteminde, strahlend blauer Himmel. Der Tag aus dem Sommer-Segel-Katalog. Wenig Wind, so dass das Ablegen auch ohne Spring bestens klappt. Und draußen in der Bucht: ein wenig See, Wellengang unter einem halben Meter, ein herrliches Licht über den ganzen Horizont, so strahlend blau, dass es fast weh tut. Eine entspannte Fahrt sollte das werden. Das ist sie denn auch, denn mit Wind ist trotz anderslautender Wettervoraussage nichts drin. Gerade mal zwei bis drei Knoten macht die Yacht, mit beiden Segeln. Und das bedeutet, spät nachmittags da zu sein. Und Lundeborg ist nicht der Hafen mit der großen Anzahl von Liegeplätzen. Das neue Becken, das seit einigen Jahren besteht, hat die Zahl um einhundert erhöht, aber das ist nichts im Vergleich zu Kerteminde. Also den Jockel an, die Selbststeuerung eingestellt und ich kann mich ganz entspannt dem Sonnenbad hingeben. Natürlich eingecremt!
 

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Mit Kurs auf die Brücke zwischen Fyn und Sjælland denke ich, dass die Vesterenden-Durchfahrt (West-Ende) die Richtige sein muss. Das gewaltige Bauwerk spannt sich zwischen den Städten Nyborg auf Fünen und Korsør auf der anderen Seite. Dazwischen liegt die natürliche Insel Sprøgø, nach der die Brücke einen richtigen Bogen in die Höhe macht. Gedacht für die Schiffe der

Abb. 35: Brückenbogen über die Insel Sprøgø  
Abb. 35: Brückenbogen über die Insel Sprøgø  
Berufsschifffahrt, deren Aufbauten ja schon mal mehr als dreißig Meter hoch sind.  Oder die Ladungen der Containerschiffe!  

Für die wesentlich niedrigeren Segelschiffe reicht auch die Durchfahrt unter einem der westlichen Brückenbögen. Nur: wo man fahren soll, ist auf der Karte eingezeichnet, denn die Bögen sind nicht alle gleich hoch. Das hatte ich wohl trotz Kartenstudium "vergessen". Als ich dann kurz vor dem siebten Bogen, von Land aus 

Abb. 36: Verster-Renden, das West-Ende  
Abb. 36: Verster-Renden, das West-Ende  
gerechnet, ankomme, so zwei bis drei Meter, sehe ich, dass mein Mast länger ist als die Durchfahrtshöhe. Ich kann gerade noch das Ruder herumreißen, zum Glück bin ich nicht mit Vollgas gefahren. Und dann geht es erst mal einige Hundert Meter parallel zur Brücke, bis mir ein rot-grünes Tonnenpaar anzeigt, wo ich fahren muss. Der siebte Bogen ist mit elf Metern Durchfahrtshöhe ausgezeichnet, mit zwölf Meter Masthöhe hätte es diesen glatt abgerissen, eventuell auch noch die Wanten und was weiß ich nicht Alles. Wieder mal Glück gehabt, mehr Glück als Verstand.

Nach diesem Schrecken und nach der turbulenten Durchfahrt - vor und unter den Brücken gibt es meistens diesen Düsen-Effekt - wird es dann ruhiger auf dem Fahrwasser. Gegen vierzehn Uhr erreiche ich dann Lundeberg, bekomme noch den letzten Platz am Rondell, einer kreisförmigen Steganlage, mache alles klar und suche den Hafenmeister. Aber der kommt abends persönlich vorbei, so dass ich erst mal ganz entspannt schreiben kann. Und das Internet scheint hier ganz gut zu funktionieren, was auch in Dänemark nicht selbstverständlich ist.  

 

 
Freitag, der 19. August: Rudkøbing

Heute ist der Wind mal wieder anders als voraugesagt: Statt bis mittags Nordwind beherrscht von Anfang an der Südwind die Richtung. Zum Glück mit abnehmender Windstärke, so dass eigentlich bei fast Windstille schon um kurz nach neun Uhr die Leinen losgeworfen werden. Alles ganz easy, keine Probleme.

Dann führt der Kurs zuerst 180° nach Süden und später, nach dem Leuchtturm Elsehoved zehn Grad mehr. Es ist eine beschauliche Motorfahrt, die Wolken sind bewundernswert in ihren vielen verschiedenen Formen und Weiß- bis Grauwerten, backbords erstreckt sich die Insel Langeland, steuerbord der Rest von Fynen, der dann in die Insel Thurø übergeht. Die See ist flach wie ein Brett, ein ganz bisschen Dünung, mal zwischendurch ein leichtes Gekräusel, wenn eine Böe daher kommt. Eine wenige Hartnäckige haben beide Segel aufgezogen, sie schleichen auf dem Wasser und kommen kaum vorwärts. 

Südlich von Thurø Rev komme ich an der Stelle vorbei, an der ich am 28. Juni 2014 ins Wasser gefallen bin, einem gebrochenen oder jedenfalls verschwundenen Splintring zu verdanken, ausgestattet mit einer Rettungsweste, deren Gaspatronen nicht richtig eingerastet war, wodurch ich dann ungefähr eine Viertelstunde um mein Leben kämpfen durfte, bis meine liebe Frau mich gerettet hat. Erinnerungen werden wach, unangenehme Erinnerungen, der Blick geht schon automatisch zum grünen Schild der Patrone: Alles in Ordnung! Aber auch das geht vorbei, ich muss mich konzentrieren, denn bald wird es eng und schmal.

Die Einfahrt nach Rudkøbing verläuft in einer engen Rinne von vielleicht 50 Metern, aber sehr gut betonnt. Das Fahrwasser ist an den meisten Stellen ungefähr fünf Meter tief, manchmal auch weniger. Erst in der Einfahrt zum nördlich gelegenen

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Yachthafen geht der Tiefenmesser runter, der ist übrigens auch hin und wieder mal ausgefallen. Und dann ist da natürlich noch die Brücke zwischen Fünen und Langeland, aber diesmal ist die Einfahrt klar und die Höhe mit sechsundzwanzig Metern groß genug, um durchzukommen. Was auf der Fahrt nach Lundeborg nicht alles hätte passieren können, hätte, hätte, Fahrradkette denke ich. Abb. 37: Langeland-Brücke  
Abb. 37: Langeland-Brücke  
Nach drei Stunden mache ich im Hafen fest, ein Däne nimmt mir die Leinen ab, ansonsten klappt es mit der Belegung der beiden Heckdalben ausgezeichnet. Drei Stunden Sonnenscheinfahrt, es wird richtig heiß, das Thermometer zeigt inzwischen 25 °C an. Das hat es bisher nicht gegeben, kommt der Sommer jetzt, am Ende meiner Tour?

 

 
Dienstag, den 23. August: Bagenkop

Heute ist ein guter Tag für die Überfahrt nach Bagenkop, die vorletzte Etappe. Der Wind kommt aus West, Stärke zwischen drei und vier, der Himmel ist grau, aber die Sonne kämpft sich allmählich durch. Und es regnet nicht!

Vor meiner üblichen Aufstehzeit für solch eine kurze Strecke - gerademal 18 Seemeilen - wirft es mich aus der Koje. Die üblichen Routinen sind schnell erledigt, Viertel nach neun wird die Maschine angeworfen, und dann gilt es lange erst mal verschiedene Tonnenstriche abzufahren.

Zuerst kommt die Rinne der Einfahrt nach Rudkøbing selbst, Richtung Insel Ærø, die östlich der Insel Strynø endet. Vorbei an der besagten Insel führt der Kurs Richtung der größeren Insel Ærø auf Marstal zu. Schön, wieder mal bekannten Namen und Orten zu begegnen, auch wenn jetzt nicht die Zeit für einen Besuch da ist. Erinnerungen werden wach, soll ich nicht einen Kurzbesuch wagen? Östlich von Ærø liegt die kleine unbewohnte Insel Langholm mit dem Høffen-Grund, der weiträumig umfahren werden muss. So beginnt der zweite Tonnenstrich vor Ærø in der mit Spieren ausgezeichneten Rinne, also immer schön in der Mitte fahren, rechts ist grün und links ist rot. Vorbei an einer Untiefentonne muss ich dann Richtung Süd zum Marstaler Hafen hin. Vor der Hafeneinfahrt kommt dann der dritte Abschnitt, wieder südöstlich, vorbei am Heste-Grund in das Sondre Løb.

 Als ich dann endlich in der Marstal-Bucht bin, kann ich die Genua ausrollen. Das Groß hatte ich leider nicht vorbereitet und ich will kein Risiko eingehen. Der Seenotrettungshubschrauber, der auf der Hinfahrt nach Marstal die See vor der Insel Halmø absuchte, ist mir Mahnung genug. Mindestens eine Stunde schwebt er da über dem Wasser, die Oberfläche zu Gischt und Nebel aufpeitschend, aber ich konnte nicht sehen, ob jemand gerettet wurde. So dümple ich mit zwischen drei und vier Knoten dahin, bis es mir mit der unruhigen Schaukelei reicht, der Wind kommt inzwischen von achtern, die Wellen auch, das Schiff rollt ordentlich hin und her. Nix mehr mit Selbststeuerung, der Käpt'n muss übernehmen.

Viertel nach eins bin ich in Bagenkop, ein vertrauter Hafen, gleich in der Nähe des WLAN-Senders festgemacht. Ein älterer Deutscher hilft mir geduldig, als ich nach den Heckpfosten "verhungere". Aber irgendwie komme ich nach vorne, der Rest ist Routine. Jetzt ist erstmal Warten auf den richtigen Wind angesagt, die nächsten Tage soll es immer von Süden blasen, für die Fahrt nach Heiligenhafen ist das nicht die richtige Richtung.

 

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Heute, am Mittwoch den 24. August, ist wieder so herrliches Wette wie gestern ab mittags. Die Sonne, die Sonne, sie scheint und mit dem Meer zusammen gibt das ein wunderbares Licht. Spät aufgestanden, genieße ich den Tag mit einigen kleinen Reparaturen, Einkaufen beim Brugsen, der nur ein paar Meter vom Hafen weg ist und einer kleinen Rat- und Fototour. Die Bilder gibt's auf der Fotostrecke zu sehen.

Bagenkop ist - obwohl ich/wir jetzt erst zweimal da waren/sind, ein wunderschöner Hafen. Und heute kann ich bis nach Ærø sehen, jedenfalls glaube ich, dass es so ist. Einige Tage werde ich noch hier bleiben, erst am Samstag kommt der Wind aus nördlicher Richtung, dann kommt die letzte Fahrt, sieht man mal von der wirklich letzten Fahrt von Heiligenhafen nach Ortmühle ab, wo das Boot bei Boat & Living gekrant wird. Aber bis dahin sind es noch einige Tage.

 

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Samstag, den 27. August: Heiligenhafen

Der Tag der Abfahrt muss heute sein, auch wenn kein nennenswerter Wind die Segel füllen sollte: Windstärke drei morgens um acht Uhr, dann abnehmend auf eins. Also wieder mal mit Motor. Aber der einzige Tag in der Woche, in der Nord- bis Nordostwind herrschte, die nächsten Tage ist wieder vor allem Südwind - für meinen Kurs nach Südosten nicht das Richtige - und teilweise Windstärke sechs angesagt. Erst nächsten Freitag kommt er wieder aus der richtigen Richtung. Also, wozu noch in Bagenkop bleiben, auch wenn es einer der schönsten Häfen von Langeland ist.

Vor der Zeit aufgestanden gestaltet sich auch die Abfahrt früh und ohne Probleme. Nach genügendem Abstand zum Land werden die Segel gehisst, aber es ist frustrierend: Selbst mit beiden Tüchern bleibt es bei der bescheidenen Geschwindigkeit von nicht einmal zwei Knoten. Dann bin ich abends um sechs da und bekomme keinen Platz mehr. Und wie sich herausstellt: In Heiligenhafen sind die grünen Plätze rar, ich muss mindestens vier Stege abfahren, um eine freie Box zu ergattern. Auch wenn ich in der Einfahrt zig Seglern begegne, die raus fahren: Die haben alle ihre festen Liegeplätze.

Und so bin ich um zwei Uhr da, kann festmachen, eben die üblichen Routinen bis auf den Hafenmeister, bei dem man noch persönlich bezahlen muss, kein Automat wie in Dänemark. Heiligenhafen ist auch noch vergleichsweise preiswert, nur das WLAN muss man selbst bezahlen.

Sechs Stunden für 31 Seemeilen. Aber unterwegs ist es schön, mal wieder die unendliche Weite der See, das Blau des Wassers in den verschiedensten Tönen, die Wellen, wie sie mal von achtern, dann wieder mehr von der Seite kommen, und die Oberfläche immer unterschiedlich gestaltet, kleine und größere Berge, mal gekräuselt, mal wieder mehr glatt gezogen. Viele Segler sind unterwegs, die meisten fahren nur mit geringer Geschwindigkeit, außer denen, die am Wind segeln. Wahrscheinlich auch in den meisten Fällen eine kurze Samstagstour, mal raus auf die See.  Die meiste Zeit arbeitet der Pinnenpilot, ich habe Muse, zu schauen, zu staunen, mich über die Natur zu freuen, dem Meer mit Respekt zu begegnen, die Sonne zu genießen, die ich so lange vermisst habe.

Jetzt kann ich Bilanz ziehen, mein Schlusswort formulieren, aber das dauert noch. Auch diese sechs Stunden auf der See wollen verdaut, müssen verarbeitet werden und ich muss noch für das Abendbrot einkaufen. Der banale Alltag, er hat mich wieder eingeholt, oder anders gesagt: Hat er mich überhaupt losgelassen? Segeln hat eben viele Seiten. Gerade kommt so ein mächtiges Motorschiff an, ich denke, ein Panzer kommt an meine Seite. Na, dann habe ich wenigstens Windschatten, wenn es aus Osten kachelt.

 

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Liegeplatzkosten und Nebenpreise

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Hafen Liegeplatzkosten incl. Strom+Wasser Strom extra Wasser Extra WLAN 5. od. 6. Nacht frei   
Heiligenhafen 11,50.-€ nein 2.-€ nein für 7 Tage z.B. 15.-€ ???
Wendtorf 12,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Damp 18,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN 7. Nacht frei
Maasholm 13,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Hafen Liegeplatzkosten incl. Strom+Wasser Strom extra Wasser Extra WLAN 5. od. 6. Nacht frei   
Heiligenhafen 11,50.-€ nein 2.-€ nein für 7 Tage z.B. 15.-€ ???
Wendtorf 12,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Damp 18,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN 7. Nacht frei
Maasholm 13,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Gelting Mole 15,00.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Sønderborg ca.21,21.-€ * ja nein nein Gäste-WLAN 5. Nacht
Dyvig-Yachthafen ca.16,80.-€ * nein ja nein Gäste-WLAN ???
Aabenraa ca.18,18.-€ * nein ja nein Gäste-WLAN ???
Aarøsund ca.19,76.-€ * ja nein nein Gäste-WLAN ???
Haderslev ca.14,79.-€ * ja nein nein Gäste-WLAN ???
Skærbæk ca.14,82.-€ * ja nein nein Gäste-WLAN ???
Vejle ca. 20,20.-€ * ja nein nein Gäste-WLAN ???
Juelsminde ca. 20,20.-€ * nein ja nein Gäste-WLAN ???
Hov ca. 20,20.-€ * nein ja nein Gäste-WLAN ???
Marselisborg ca. 18,86.-€ * nein ja nein Gäste-WLAN 4. Nacht frei bei 3 N.
Ebeltoft ca.17,49.-€ nein ja nein Gäste-WLAN ???
Grenaa ca. 22,19.-€ nein ja nein Gäste-WLAN 4. Nacht frei bei 3 N.
Bønnerup ca. 18,86.-€ ja nein ja Gäste-WLAN 4. Nacht frei bei 3 N
Hals ca. 17,48.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Mårup ca. 20,17.-€ ja nein nein Gäste-WLAN 6. Nacht frei bei 5 N.
Kolby Kås ca. 18,83.-€ ja (?) nein nein (?) Gäste-WLAN bestimmt nicht!
Kerteminde ca. 18,83.-€ nein ja nein (?) Gäste-WLAN 3. Nacht frei bei 2 N.
Lundeberg ca. 16,14.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???
Rudkøbing ca. 21,52.-€ ja nein nein Gäste-WLAN 4. Nacht frei bei 3 N.
Bagenkop ca. 21,52.-€ ja nein nein Gäste-WLAN ???

* je nach Wechselkurs, dazu kommen noch Wechselkursgebühren dazu, wenn man mit Karte bezahlt.

Was noch zu sagen wäre - Das Schlusswort

Es ist Sonntag, der 4. September. Arbeitsreiche Tage liegen hinter mir: Putzen, putzen, umräumen, ausräumen, das Winterlager vorbereiten, das Schiff trocken machen (in den Backbord-Schapps unten war mal wieder Wasser, woher kommt das?) und so weiter und so fort. Heute habe ich den ganzen Tag das Deck geschrubbt, um den Algenbewuchs wegzubekommen. Ist mir auch weitgehend gelungen, die Chemie macht's eben möglich.

Das Schlusswort, die Bilanz nach allem. Zuerst mal einige Zahlen:

● Zurückgelegt habe ich 586 Seemeilen, das sind 1.085 Kilometer auf dem Wasser.

● An 28 Tagen bin ich gefahren, an Hafentagen waren es 77, also 105 Tage war ich unterwegs, seit dem 11. Juni 2016. Die Zeit davor nicht mitgerechnet, dann kommen noch ca. 2 Wochen dazu. In der Zeit habe ich in 24 Häfen Schutz gesucht, Heiligenhafen mit eingerechnet. Dabei muss ich sagen: Hafen ist nicht gleich Hafen. Es gibt sehr persönliche Häfen, dann wieder gewisserweise seelenlose Marinas, in denen sich eben viele Schiffe angesammelt haben. Auch die dänischen Städte, Kleinstädte, Orte, Dörfer waren doch recht unterschiedlich. Es gibt Häfen, in denen das Leben pulsiert, aber auch "tote" Orte. Was gemeint ist, kann man dem Bericht entnehmen. Was ganz praktisch war: Überall der gleiche Bezahlautomat, und WLAN funktionierte bis auf Juelsminde gut bis sehr gut.

● In den ganzen Wochen war ich 166 Stunden auf dem Wasser, davon bin ich ca. ein Drittel gesegelt, den Rest mit dem Motor gefahren. Meistens war in diesen Fällen der Wind gegen mich oder zu schwach.

● Mein Ziel, den Ort Hals, habe ich erreicht, da hat mich irgendwie der Mut verlassen. Ab einem bestimmten Punkt wurde der Gedanke, dass ich ja wieder alles zurückfahren muss, immer drängender. Ich konnte ihn nicht zurückweisen.

● Der Plan, von Hals aus nach Skagen mit dem Bus zu fahren, war nicht realisierbar. Auch aus dem oben genannten Grund. Der Wunsch, zurück zu fahren wurde immer mächtiger. Der Gedanke, allein da ganz weit oben zu sein, ebenfalls.

● Ein gewisses Gefühl von Verlorenheit stellte sich ein, je weiter ich nach Norden kam. Auch wenn ich mir nie richtig einsam vorkam, dachte ich dann doch in solchen Momenten an meine liebe Frau, an meine Kinder und Enkelkinder, an meine Geschwister, Freunde und Bekannten, die Leser dieser website, auch wenn das nicht all zu viele waren. Ansonsten habe ich ja auch viel Zeit mit Gitarre spielen und lesen verbracht, bis ich auf dieses einmalige Geschenk von Barbara gekommen bin: “Werde verrückt”, das Buch, das mir eigentlich gar nicht so lag, und das ich anfangs mehr deswegen gelesen habe, weil die anderen mehr als 20 Bücher ausgelesen waren.

● Ich habe alle paar Tage mit meiner lieben Frau, aber auch mit meinen Kindern und Geschwistern sowie Freunden telefoniert. Mit einer dänischen Prepaid-Karte erheblich preiswerter als deutsche Roaming-Gebühren zu bezahlen. Die Telefonate haben mir sehr gut getan.

● An Unfällen ist auf dieser Reise nichts wesentliches passiert, außer dass ich mir am Anfang mit den scharfen Messern alle paar Tage irgendwo in die Finger geschnitten hatte. Ich bin nicht über Bord gegangen und habe so weit mir bewusst war jedes Risiko vermieden. Deswegen bin auch oft nur mit dem Vorsegel gesegelt oder mit dem Motor gefahren, es war mir dann egal, was andere über mich denken, soweit sie überhaupt über mich denken, was sicher nur meine Vorstellung ist. Die wirklich einzig gefährliche Situation war vor dieser Brücke zwischen Fünen und Sjelland, als ich fast den Mast abgesägt hatte, weil ich die Karte nicht bewusst gelesen hatte.

● Das Meer, das Kattegat, war überwiegend gnädig zu mir. Es zeigte sich oft von seiner harmlosen Seite. Trotzdem: ein Revier, das noch ein Schlag härter ist als die Ostsee z.B. in der Lübecker Bucht. Was anfangs sehr belastend war, der ständige Regen und die Kälte. Richtig schön wurde es eigentlich erst im August. Die Fahrten zwischen den Inseln und übers Meer, dieser Ausblick, diese Weite, haben mich für vieles entschädigt. Wenn das schlechte Wetter vorbei ist, denke ich so wie so nicht mehr dran.

● Was mir anfangs die meisten Sorgen bereitete, die segeltechnischen Fragen, An- und Ablegen, wurde mit der Übung zum kleinsten Problem. Letztendlich kann man sagen: Irgendwie kommt man immer in die Box und irgendwie auch immer raus. Oft haben mir die Dänen geholfen, aber auch genauso oft habe ich es alleine geschafft, ohne größere Beschädigungen, auch bei seitlichem Wind Stärke vier Bft, was nicht einfach ist.

● Vielleicht das größte Problem - das Alleinsein - wird wirklich zum Problem, wenn man sich in die eigenen - vor allem negativen - Gedanken hineinsteigert, sich die Gefahren übergroß ausmalt, ständig nur sich mit sich selbst beschäftigt. Das eigene Gehirn kann einen ganz schön in den Abgrund fahren. Ich habe mich immer beschäftigt, wenn es zu viel wurde, mich zu Pausen gezwungen, Abwechslung in den Alltag an Bord gebracht, mal lesen, mal arbeiten, dann wieder kochen, was wieder Abwaschen zur Folge hat, habe ausführlich am Intro von "Nothing Else Matters" und Led Zeppelins "Babe, I'm Gonna Leave You" gearbeitet, viel Musik gehört und zuletzt mich mit Veit Lindaus Buch "Werde verrückt" auseinandergesetzt.  Und mit einem Gedanken aus diesem Buch will ich das Fazit beenden:

"Deine Gedanken werden deine Wirklichkeit". Und das ist bei dieser Reise und durch diese Reise wahr geworden.

 
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update: 25.03.2019                                                                                                                        zum Inhaltsverzeichnis                            zurück zur Hauptseite